Sämtliche Werke 13

Part 6

Chapter 63,418 wordsPublic domain

In Deutschland wird die Nachricht von den gescheiterten Hoffnungen der französischen Legitimisten[6] fast von der ganzen Presse, sogar einschließlich der offiziösen preußischen Organe, mit unverhohlener Freude aufgenommen. Die nächstliegendste Erklärung dieser Freude wäre wohl in der Befürchtung zu suchen, daß die Thronbesteigung des Grafen von Chambord den Versuch einer Wiederherstellung der Papstmacht von seiten Frankreichs nach sich gezogen haben würde. Nun, und auf diesem Wege wäre ein Zusammenstoß mit Deutschland unvermeidlich gewesen. Erklärt man sich aber so die deutsche Zufriedenheit – um wieviel auffallender ist es dann, daß in Deutschland selbst die ernsten Blätter an die Dauerhaftigkeit dieser Restauration haben glauben können. Die Deutschen vertrauen, scheint es, etwas zu sehr auf den Erfolg von „Blut und Eisen“. Ich glaube, daß in der gegenwärtigen französischen Krise – „der Gärung aller Geister und Wünsche“ – ein Staatsstreich in diesem Lande beinahe unmöglich ist: sie haben dort keinen einzigen, der ihn ausführen könnte! Das heißt, Liebhaber würden sich dazu schon finden, und (was am interessantesten ist) vielleicht gleichfalls eine außerordentlich große Anzahl Leute, die aufrichtig ihre eigene Vergewaltigung wünschen, und zwar: um der endgültigen Herstellung der Ruhe und Ordnung willen, sogar eine möglichst baldige Vergewaltigung herbeiwünschen. In diesem Lande aber genügt zu einer erfolgreichen Gewaltherrschaft nicht Kraft allein und selbst nicht einmal die Zustimmung der zu Vergewaltigenden. Dort bedarf die Gewalt unbedingt der Autorität: wenn es auch eine verhaßte und wenn es auch keine wahre Autorität ist, so muß es doch eine Herrscherautorität sein, eine, der man die Kraft der Macht wirklich zutrauen kann. Der Graf von Chambord nun hat nichts von solch einer Autorität, und selbst von seinen Anhängern werden wohl kaum alle glauben, daß er solch eine Kraft ist. Darum aber – ich wiederhole bereits früher von mir Gesagtes – wäre er zweifellos und sogar sehr bald wieder vertrieben worden. Doch selbst solch eine Wendung der Sache wäre für Frankreich vielleicht vorteilhafter gewesen als der jetzige chaotische Zustand – wenn auch nur insofern vorteilhafter, als es dann eine Partei weniger gegeben hätte und die Herrschaft der gemäßigten Republikaner somit wieder möglich gewesen wäre.

Nun aber will ein Teil der konservativen Presse Deutschlands der von der liberalen deutschen Presse angegebenen Begründung ihrer Freude über den Mißerfolg des Prätendenten nicht recht glauben; das heißt, will nicht glauben, daß die Furcht, Frankreich hätte den gefährlichen Weg der ultramontanen Politik einschlagen können, die Ursache dieser gegenwärtigen Freude wäre. Die „Kreuzzeitung“, zum Beispiel, erklärt unumwunden, daß die Liberalen der ganzen Welt sich solidarisch fühlten; daß im Radikalismus die Nationalitäten verschwänden, und darum sich auch die deutschen Radikalen für die französischen Radikalen freuten, wenn sie, wie hier, ihren Erfolg sähen. Es ist das vielleicht so unrichtig nicht. Merkwürdig nur, daß diese Bemerkung – die gewissermaßen wie ein Vorwurf und eine Befürchtung klingt – in einem Reiche gemacht wird, wo gerade in diesem Augenblick die nationalen Ideen so mächtigen Erfolg haben, wo nach dem kürzlichen Triumph über Frankreich das Gefühl der nationalen Selbstzufriedenheit sich bis zur Abgeschmacktheit gesteigert hat, wo sogar die Wissenschaft chauvinistische Züge aufweist. Sollte es wirklich wahr sein, daß der kosmopolitische Radikalismus auch in Deutschland schon Wurzel gefaßt hat? Daß auch dort schon die französische Lehre – der Kommunismus – an die Tür klopft? Wenn es fast seit dem Anfang des Jahrhunderts bei den europäischen „Geistern“ gang und gäbe ist, Rußland für einen „furchteinflößenden Koloß auf tönernen Füßen“ zu halten – während in Wirklichkeit, wenn es bei uns etwas besonders Gutes und Ganzes gibt, es gerade die Grundlage, das Volk ist, auf dem Rußland von jeher gestanden hat und auch hinfort stehen wird – so, sollte es dann, frage ich, vielleicht wirklich möglich sein, daß solch eine Annahme, wenn auch nur teilweise, auch von dem neuen germanischen Koloß zutreffend sein könnte?

Frankreich und die Kultur

Ein Pariser Telegramm berichtete unlängst aller Welt, daß ein gewisser Sir Henry Richard, eine ziemlich unbekannte Persönlichkeit, auf dem ihm zu Ehren gegebenen Diner in einer Rede über seinen Plan einer internationalen Vermittlerschaft unter anderem auch gesagt habe: „Keine einzige Idee kann sich verwirklichen ohne die Protektion Frankreichs, dem an Einfluß kein anderes Land gleichkommt, dessen Sprache und Literatur universal sind!“ ... Worte, die in Paris gierig aufgefangen und von den „erniedrigten“ Franzosen sofort allen sichtbar und hörbar gemacht worden sind. So hat man sie denn auch schon in Deutschland vernommen, doch haben sie dort, wie in Europa überhaupt, nur eine gewisse fragende Stirnfalte und mißbilligendes Kopfschütteln hervorgerufen. Nun, wir glauben natürlich an jedes Wort Sir Richards. Nichtsdestoweniger aber, – ist es nicht auffallend, daß man jetzt sogar in Paris solche Worte für ungewöhnlich hält? Wie lange ist es denn her, daß ähnliche Worte in Frankreich niemand bemerkt hätte, da sie wie schuldiger Tribut, wie etwas von der Art eines _sine qua non_, das zu erwähnen überhaupt nicht der Mühe wert ist, aufgefaßt worden wären?

Diese hochbegabte Nation, diese Erbin der Alten Welt, die 15 Jahrhunderte an der Spitze der romanischen Völker Europas gestanden und in den letzten Jahrhunderten fraglos erstrangigen Einfluß auf alle Nationen Europas gehabt hat, verlor vor nun bald hundert Jahren jene lebendige Kraft, die sie so lange bewegt und genährt hatte. Diese lebendige Kraft bestand in der Repräsentation des europäischen Katholizismus durch Frankreich – fast seit der allerersten Zeit des Christentums. Als darauf Frankreich am Ende des 18. Jahrhunderts mit der katholischen Idee vollkommen und bewußt brach, verkündete es sich laut über die ganze Welt hin als Erneuerin der Menschheit durch _neue_ Grundsätze, deren Hauptträgerin und Beschützerin es allein sei. „Komm alle zu mir!“ rief es in pythischer Trunkenheit. Diese neuen und selbständigen Grundsätze der zukünftigen menschlichen Gesellschaft waren den Europäern bereits als die Grundsätze der von ihnen ausgearbeiteten Zivilisation bekannt –: die Wissenschaft und der Staat waren bereits einzig auf den Gesetzen der Vernunft begründet. Frankreich hat bloß die Selbständigkeit dieser Grundsätze revolutionär verkündet – ich meine ihre vollste Unabhängigkeit von der Religion. Dieses geschah zum erstenmal im Leben der Menschheit, und darin hat, behaupte ich, das eigentliche Wesen der Französischen Revolution bestanden. Über dieses ungemein wichtige Thema habe ich in diesen flüchtigen Zeilen nicht etwa deswegen einiges gesagt, um die vor hundert Jahren von Frankreich an der Spitze Europas verkündeten revolutionären Grundsätze zu untersuchen und sie ihrem Wesen nach zu beurteilen. Ich wollte nur bemerken, daß Frankreich, das für sich und die Menschheit so viel auf seine Schultern genommen – abgesehen davon, daß es diese Last, selbst wenn es gewollt, überhaupt nicht hätte ablehnen können –, von dieser Last doch noch niemals so zu Boden gedrückt gewesen ist wie in dem letzten, jetzt allmählich auslaufenden Jahrhundert seiner Geschichte: sie hat sich als viel zu groß erwiesen für die Kräfte des geistreichen Volkes. Die Führerin der Menschheit war nach ihrem letzten Unglück gezwungen, durch ihre besten Vertreter einzugestehen, daß sie die Grundlage des lebendigen Lebens fast ganz verloren hat, daß ihr Lebensquell versiegt und vertrocknet ist. Im gegenwärtigen Augenblick bietet das französische Volk ein sonderbares Schauspiel dar – was es auch selbst vollkommen begreift. Dieses Sonderbare besteht darin, daß der intelligente und politisch herrschende Teil dieser Nation sich wissentlich und wehmütig so gut wie von allen ihren einst so begeistert verkündeten Ideen entfernt hat und nun ohne Glauben, doch mit jener Angst um das eigene Sein, die Despotismus und Vergewaltigung nach sich zieht, wie eine Polizei über den anderen Teil der Nation wacht. Dieser andere Teil aber glaubt an seine Zukunft, glaubt, daß sie kommen wird mit der Verwirklichung der neuen Grundsätze in einer künftigen Gesellschaft, und, da er arm ist an Gütern des Lebens, da er lange gelitten hat, so ist er bereit, sich wie ein hungriges Tier auf seine glücklicheren Brüder zu stürzen und sie zu zerfleischen. Nachdem die Franzosen Baboeuf guillotiniert hatten, den ersten, der schon vor 80 Jahren den begeisterten Revolutionären gesagt, daß ihre ganze Revolution nicht die Erneuerung der Gesellschaft nach neuen Grundsätzen wäre, sondern nur der Sieg der einen mächtigen Gesellschaftsklasse über die anderen: nachdem sie diesen ersten lästigen Kritiker der Revolution beseitigt hatten, mußten die Führer der ganzen republikanischen und demokratischen Bewegung im neuen Jahrhundert allmählich einsehen, daß das ganze Leben Frankreichs sich mehr und mehr in eine erlogene Vorspiegelung verwandelte, in irgendein phantastisches Gebilde, und daß es jede Bedeutung eines lebendigen und notwendigen Lebens einbüßte. Alle diese Perioden seiner letzten Entwicklungsgeschichte – das Erste Kaiserreich, die Restauration, die Herrschaft der Bourgeoisie unter den Orleans, das Zweite Kaiserreich usf. – könnte man jetzt eher für Luftspiegelungen halten als für gewesene Wirklichkeit; jede dieser Erscheinungen hätte gewissermaßen gerade so gut auch nicht sein können, und die große Nation wäre vortrefflich auch ohne sie ausgekommem. Diese ganze vorübergehende Phantasmagorie hat der Seele der Nation, die sich immer nach lebendigem Leben gesehnt hat, nichts Wesentliches gegeben. Und darauf kam nun die Katastrophe dieses furchtbaren Krieges – mit dessen Ausgang in Frankreich alle diese Vorspiegelungen fast mit einem Schlage verschwanden und sich aller Augen öffneten. Diese Katastrophe sagte gleichsam jedem Franzosen: „Sieh, wie arm und blind, wie niedrig und nackt und nichtig du in deiner ganzen, phantasmagorischen Existenz warst – und das nun schon ein ganzes Jahrhundert lang!“

Wird nun die große Nation an der Aufgabe, die sie vor einem Jahrhundert auf sich genommen hat, und die sie doch zu einem Abschluß wird bringen müssen, mitsamt ihrem Genie zugrunde gehen, oder wird sie sich dieses Genie doch noch erhalten? Das ist die Frage! Wird ihr Genie solche Prüfung überstehen können? Oder wird vielleicht alles einstürzen und irgendeine neue, geniale Nation von Gott auserwählt werden, die westliche Menschheit zu führen? Das sind vom Standpunkt der vernünftigen und geschäftigen Leute aus selbstverständlich nur müßige Fragen, doch nichtsdestoweniger gab es und gibt es in ganz Europa viele Herzen und Gedanken, die angstvoll vor ihnen standen und noch stehen. In dieser verhängnisvollen Frage nach Leben oder Tod Frankreichs, nach Auferstehung oder Erlöschen seines großen, der Menschheit sympathischen Genies, liegt vielleicht die Entscheidung über Leben und Tod der europäischen Menschheit, – was auch immer die jungen Besieger Frankreichs, die Deutschen dazu sagen mögen. Wird denn Europa Frankreich überhaupt vermissen können? Ein Europa ohne Frankreich ist für viele sogar jetzt noch undenkbar, und nicht etwa nur für müßige Menschen, die unseres tätigen Jahrhunderts unwürdig sind. Einstweilen aber, nachdem ich die Frage gestellt habe, die natürlich ohne Antwort bleiben muß, sage ich noch bei der Gelegenheit, – meinetwegen in der Eigenschaft eines Reporters der Gegenwart, – daß es einige Anzeichen und Erscheinungen gibt, die von dem heißen Wunsch der geistvollen Nation zeugen, aus allen Kräften zu leben, und daß aus diesem Wunsch für Europa sogar in kürzester Zeit sehr viele Sorgen erwachsen können.

Vor einer Woche hat sich in Frankreich ein äußerst exzentrischer Zwischenfall zugetragen, der gar manchen Europäer belustigt haben dürfte. Als der Kriegsminister, General Dubarail, sein Budget der Versammlung unterbreitete, fiel man sofort von allen Seiten mit bitteren, heftigen Vorwürfen wegen der „Ärmlichkeit“ und „Nichtigkeit“ desselben über ihn her –: weil er so wenig Geld für den Ausbau des Heeres verlangte! Darauf soll man sogar die Regierung beschimpft und schließlich ganz ungewöhnliche Veränderungen vorgeschlagen haben. Erst nach einiger Zeit, sagt man, sei es dem General gelungen, die Versammlung zu beruhigen, und zwar nur durch die Erklärung, daß das Budget des nächsten Jahres sehr groß sein werde, daß allein die Veränderung des Armeematerials nicht weniger als 1380000000 Franken fordern würde. Diese Summe soll dann eine einigermaßen ernüchternde Wirkung auf die Gemüter ausgeübt haben.

Ich habe gesagt, daß diese große Nation _leben will_, – um jeden Preis! Doch, – ist es andererseits nicht wieder im höchsten Grade phantastisch, dieses „Leben der Vergeltung“, für das sie sich jetzt so einmütig entschließt, obgleich sie erst kürzlich fünf Milliarden an Deutschland gezahlt hat, indem sie sich einwandlos zu neuen Milliardenausgaben bereit erklärt – wenn nur dem verhaßten Feinde für die militärische wie moralische Erniedrigung heimgezahlt wird!? Also ist doch in dem moralisch so zerspaltenen Lande, das schon seit so langer Zeit wehmütig und skeptisch auf das Leben sieht, wo das allgemeine Gefühl bloß das allerbeschränkteste Gefühl der Selbsterhaltung und das „_chacun pour soi_“ die erste Regel ist, – also hat sich in diesem Lande doch plötzlich und unerwartet etwas gefunden, das sogar die feindlichsten Elemente vereinigen kann. Nein, der Quell des _unmittelbaren_ Lebens versiegt in den Völkern doch nicht so leicht.

Deutschland und Rom

Das päpstliche _Non possumus_ ist meiner Meinung nach so ernst zu nehmen, daß man in ihm überhaupt die Existenzfrage der Religion in Europa sehen kann. Lassen wir die protestantischen Glaubensbekenntnisse dabei ganz aus dem Spiel; denn wenn der römische Katholizismus fallen würde – wie sollten sich dann noch Glaubensbekenntnisse erhalten, deren Wesen der Protest gegen den Katholizismus ausmacht? Wenn nichts mehr vorhanden ist, wogegen es zu protestieren gilt, wozu dann noch ein Protest? Andererseits kann aber die römische Kirche in ihrer gegenwärtigen Form nicht weiterbestehen. Sie hat ja selbst erklärt, daß ihr Reich von _dieser_ Welt sei, und daß ihr Christus sich „ohne Erdenreich auf der Erde nicht erhalten kann“. Die römische Kirche hat die Idee der römischen Weltherrschaft über die Wahrheit und über Gott gesetzt; zu demselben Zweck hat sie auch die Unfehlbarkeit ihres Oberhauptes als Dogma aufgestellt und hat das gerade in dem Augenblick getan, da die weltliche Macht schon an die Pforten Roms klopfte, um einzutreten: ein beachtenswertes Zusammentreffen, das vielleicht von dem „letzten Ende“ zeugt. Bis zur Stunde des Sturzes Napoleons III. konnte die römische Kirche noch auf den Schutz der Könige – und besonders der Könige Frankreichs, mit deren Hilfe sie sich so viele Jahrhunderte gehalten – rechnen. Kaum aber wurde sie von Frankreich verlassen – da fiel auch ihre weltliche Macht. Nun aber wird die katholische Kirche diese ihre weltliche Welt für keinen Preis, niemals und niemandem, abtreten und würde eher damit einverstanden sein, daß das Christentum vollkommen unterginge, als daß die weltliche Herrschaft der Kirche aufhörte. Ich weiß: gar manche klugen Leute werden meine Behauptung mit einem Lächeln aufnehmen, doch soll mich das nicht abhalten, sie mit allem Nachdruck zu verteidigen. Und so sage ich denn nochmals: Es gibt in Europa augenblicklich keine einzige Frage, die zu beantworten schwieriger wäre, als die katholische, und gleichfalls keine einzige politische, keine „soziale“ Schwierigkeit, mit der sich diese römisch-katholische Frage nicht vereinigte. Mit einem Wort: Das Schwerste, was Europa in Zukunft bevorsteht, ist die Lösung dieses Problems, wenn auch neunundneunzig Prozent aller Europäer augenblicklich vielleicht nicht einmal an dasselbe denken.

Ich habe bereits im Laufe des vorigen Jahres meine Gedanken über diese Frage mitgeteilt: – nach gewissen Anzeichen zu urteilen, kann man wirklich glauben, daß die katholische Kirche zur Wiederherstellung ihrer Macht bereit ist, sich mit dem niedrigen Volk zu verbinden und hinfort den Königen den Rücken zu kehren. – Allerdings haben die Könige sie zuerst verlassen. Doch ohne mich über diesen Punkt weitläufig zu verbreiten, will ich einstweilen nur sagen, daß von den europäischen politischen Begebenheiten des vorigen Jahres der Briefwechsel des Papstes mit dem Deutschen Kaiser zweifellos eine der wichtigsten war. In seiner Zuschrift erklärte ja der Papst, daß er der von Gott selbst eingesetzte Vater und Beschützer aller Christen sei, – gleichviel welch einem Bekenntnis sie angehören, und gleichviel, ob sie ihn für ihr Haupt anerkennen oder nicht, – wenn sie nur getauft sind.

Als die italienische Regierung dem Papst die Summe von drei Millionen Franken jährlich aussetzte und sie ihm anbot, da glaubte und hoffte sie natürlich doch, daß er dieses, übrigens sehr annehmbare Budget akzeptieren werde. Hätte der Papst das getan, so würde er sich mit dem _Statuts quo_ einverstanden erklärt haben und – _es wäre zu Ende gewesen mit dem römischen Katholizismus_! An seiner Stelle aber hätte dann etwas ganz anderes, noch Unbekanntes begonnen. Doch der Papst nahm sie nicht an. Jetzt hoffen einige, der ihm folgende Papst werde es tun. Aber der 84jährige Greis weiß nur zu gut, daß auch sein Nachfolger, wer er auch sei, gleichfalls kein einziges Budget annehmen kann und allen und jedem, wie er es getan, erklären wird: „_Non possumus._“

Abgesehen davon, daß der Deutsche Kaiser dem Papst gemessen und von oben herab geantwortet[7] hat, sieht man in Deutschland auf die gegenwärtige Lage der römischen Kirche denn doch etwas ernster, als die italienische Regierung es tut. Anderenfalls: womit könnte man sich sonst jene sonderbare Verfolgung des römischen – ultramontanen – Katholizismus in Deutschland erklären? Man könnte wirklich glauben, daß das kolossale neue Reich, in dem es so viel andere Schwierigkeiten und neue Fragen gibt, die römische Frage für die bedeutungsvollste von allen hält. Nun und –: das scheint auch in der Tat der Fall zu sein! Es ist natürlich kaum möglich, sich vorzustellen, daß solch ein mächtiges Reich und an seiner Spitze so mächtige Herrscher und Lenker plötzlich irgendwelche „lächerlichen“ ultramontanen Ansprüche eines „kraftlosen, armseligen Mönches“ fürchten könnten, und das noch in welchem Jahrhundert? – im _neunzehnten_, im Jahrhundert der Maschinen, der Philosophie und unserer Aufklärung! Zudem wäre es ein äußerst grober Fehler, in dem allgemeinen Indifferentismus durch die Verfolgung der Kirche den religiösen Fanatismus zu erwecken, was doch für solche Staatsmänner, wie Graf Bismarck einer ist, keinen Augenblick unklar bleiben dürfte. Wenn nun Graf Bismarck gegen die Kirche vorgeht – wie u. a. durch das Gesetz über die bürgerliche Ehe –, dann geht er scheinbar Hand in Hand mit den Feinden der Kirche, – nicht nur mit den Feinden der katholischen Kirche, sondern jeder christlichen Kirche überhaupt, – Hand in Hand mit den Atheisten und Sozialisten!!! Auf diese Weise werden zwei sich entgegengesetzte Fanatismen angefacht: der Fanatismus des Glaubens und der der Verneinung. Ist das aber geschickt von einem so großen Staatsmann, wie Graf Bismarck? Und folgt daraus nicht wiederum, daß die römische Frage von so weitsichtigen Staatsleuten für eine der wichtigsten zukünftigen Schicksalsfragen des Deutschen Reiches gehalten wird? Sonst würde man doch nicht zu ihrer Bewältigung so wichtige Interessen opfern! – Wie aber, wenn Graf Bismarck – oder, besser gesagt – wenn Deutschland seinen zukünftigen und dann wohl endgültigen Kampf mit Frankreich am ehesten für möglich hält – auf Grund der römischen Frage? Bedenken wir bloß eines: mag der letzte deutsch-französische Krieg auch als noch so „zufällig“ erscheinen, jetzt, nach seiner Beendung, können doch weder Deutschland noch Frankreich auf ihren stattgefundenen furchtbaren Kampf wie auf etwas Zufällig-Politisches, sozusagen bloß Napoleonisches sehen. Deutschland, das so viele Jahrhunderte hindurch alles gehabt: Reichtum, Zivilisation, Wissenschaft, und das nur eines, das Ersehnteste, nicht hatte – die politische Einheit –, mußte doch endlich begreifen, was es übrigens schon seit Jahrhunderten tat, daß es seine politische Einheit nicht erreichen konnte, solange an der Spitze Europas noch Frankreich stand; nun aber weiß es, daß es sich mit einer zweitrangigen Rolle, wie irgendein Italien, in Europa nicht begnügen kann, und daß doch wiederum zwei führende Mächte in Europa zu gleicher Zeit nicht möglich sind; daß es sich hier schließlich um die Frage des Geistes handelt, des Lebens und der Ideale; daß die Ideale der westlich-katholischen und der germanischen Kultur verschieden und unvereinbar sind – so daß denn der Deutsch-Französische Krieg schließlich nichts anderes gewesen ist, als der Zusammenstoß zweier europäischer Kulturen, der katholischen und der protestantischen, oder der französischen und der germanischen, der unvereinbaren und entgegengesetztem die sich schon seit Jahrhunderten zu diesem Kampf vorbereitet hatten. Andererseits muß Frankreich, der tausendjährige Repräsentant des westlichen Katholizismus, selbst jetzt noch, einsehen, daß es dieser Führer der katholischen Welt, sogar bei deren heutigem Zerfall, nur dann bleiben kann, wenn es dem Katholizismus und seiner Idee tatsächlich treu bleibt.

Ich will nur sagen, daß die Wiedererstehung des Katholizismus im Sinne der _Grundidee der Nation_ in Frankreich vielleicht durchaus nicht so unmöglich ist, wie es viele glauben. Alles, was in Frankreich im letzten Jahrhundert, dem Jahrhundert der ununterbrochenen Schwankungen, vor sich gegangen ist, könnte in mancher Beziehung zur Bekräftigung solch einer Annahme dienen. In diesem letzten Jahrhundert haben alle die so verschiedenen Regierungen Frankreichs – die Könige, die Republiken, Napoleon III. – alle haben sie den Papst mit dem Schwert in der Hand unterstützt oder sind bereit gewesen, ihn zu unterstützen, wenigstens sind sie alle _für_ Rom und seine weltliche Macht gewesen. Graf Bismarck aber muß doch vorausfühlen, wenn auch nur zum Teil, daß Frankreich sich niemals mit einem zweitrangigen Platz in Europa und einer solchen militärischen Niederlage zufrieden geben wird, daß dieses in seiner Art für Frankreich vielmehr gleichfalls ein _Non possumus_ ist. Und warum soll er nicht auch voraussehen, daß dieses Frankreich, das noch nicht endgültig vernichtete, wohl aber so kürzlich noch vollkommen zu Boden geschlagene, das so plötzlich die ganze Welt durch seinen Reichtum und – vor allen Dingen – Kredit in Erstaunen gesetzt hat – was dem Grafen Bismarck so unerwartet kam –, daß dieses Frankreich den Kampf noch längst nicht aufgegeben hat, daß der Streit um die Vorherrschaft somit unvermeidlich noch einmal ausbrechen und es dann aber wirklich um Leben oder Tod der beiden Nationen gehen wird!? Wie sollte er es nicht begreifen, daß dieser Kampf eigentlich überhaupt erst anfängt, – geschweige denn, daß er beendet sei –? Und, da dieser Kampf schließlich der entscheidende und abschließende Kampf zweier so verschiedener europäischer Zivilisationen sein wird –, warum soll er da nicht annehmen, daß auch der entscheidende Zusammenstoß gerade dort stattfinden wird, wo das Wesen der beiden Zivilisationen liegt: auf dem Boden der Kultur, dort, wo Katholizismus und Protestantismus einander feindlich begegnen?