Part 5
Oh, umsonst werden die aufgeklärten Legitimisten diese Idee ableugnen! Umsonst wird der Graf versichern, so wie er bis jetzt versichert hat, daß er des Papstes wegen keinen Krieg beginnen wird, daß er mit seiner Regierung nicht zugleich das _Gouvernement der Patres_ bringen will. Nun – diesen Weg einzuschlagen, werden sie nicht verfehlen können! Auf den wird man sie gar bald gezogen haben! Manche Beobachter erraten denn auch schon, daß diese ganze legitimistische Bewegung, die so plötzlich und mit solch einer Anspannung aller Kräfte in Frankreich ausgebrochen ist, vielleicht nichts anderes ist als eine klerikale Machenschaft, und daß die Losung dazu in Rom gegeben und das Ziel des Ganzen – die Wiederherstellung der Papstmacht ist. Die Klerikalen haben sich natürlich weder Chambord noch die Legitimisten ausgedacht, dafür aber haben sie sich – ihrer bemächtigt. Viele Anzeichen sprechen dafür, daß es sich so verhält. Die römische Bewegung hat im letzten halben Jahre ganz Europa durchzogen. Zwei Prätendenten im äußersten Westen, der Graf von Chambord und Don Carlos; die römisch-katholische Agitation in Deutschland, die die Katholiken des Reiches mit gerechtem Unwillen gegen das neue Kirchengesetz erfüllte; die Versuche, in Frankreich, Deutschland und der Schweiz dem Volke mit einer neuen Erfindung – der Veranstaltung von Volksgottesdiensten – näherzutreten; einige bis jetzt unerhörte demokratische Ausfälle und Aufrufe der katholischen höheren Geistlichkeit in Deutschland: all das bringt auf den Gedanken von einer großen, überall gleichzeitig eingeleiteten Agitation des Klerus zugunsten des unfehlbaren, doch besitzlosen Papstes. Diese ganze klerikale Bewegung ist dadurch bedeutungsvoll, daß sie vielleicht der _letzte_ Versuch des römischen Katholizismus sein wird, noch einmal, zum _letzten_ Male, die Könige und Großen dieser Welt um Hilfe anzugehen. Seine Hoffnungen werden aber nicht in Erfüllung gehen, und Rom wird zum ersten Male in 1500 Jahren sich sagen, daß nun die Zeit gekommen ist, da es mit den Großen dieser Welt brechen und die Hoffnung auf die Könige fallen lassen muß! Man glaube mir – Rom wird es von da ab _verstehen_, sich ans _Volk_ zu wenden, an dieses selbe Volk, das die römische Kirche bis dahin immer nur hochmütig von sich gestoßen und dem sie sogar das Evangelium Christi vorenthalten hat, indem sie verbot, es zu übersetzen. Der Papst wird es verstehen, barfuß zum Volk zu kommen mit seiner Armee von zwanzigtausend Jesuitenkämpfern, diesen alterfahrenen Seelenjägern. Werden Karl Marx und Bakunin diesem Heer standhalten können? Wohl kaum! Der Katholizismus versteht es zu gut, wenn es nötig ist, nachzugeben und alles zu versöhnen. Was kostet es ihn, das dunkle und arme Volk zu überzeugen, daß der Kommunismus dieses selbe Christentum sei, und daß Christus überhaupt nur von ihm gesprochen habe! Es gibt ja selbst jetzt schon kluge und geistreiche Sozialisten, die überzeugt sind, daß dieses wie jenes – ein und dasselbe sei, und die im Ernst den Antichrist für Christus nehmen.
Heinrich V. wird schon allein deswegen den Krieg für den Papst nicht vermeiden können, weil die nächsten Jahre vielleicht die einzige Zeit sind, da ein Krieg für den Papst noch populär sein kann und das Volk sich zu ihm noch sympathisch verhalten wird. Wäre Heinrich V. fähig, in einem Kriege mit Deutschland die Milliarden und die Erniedrigung zu rächen und ihm Elsaß und Lothringen wieder abzunehmen, so würde er sich dadurch zweifellos den Thron auf Lebenszeit sichern. Wollte er aber, wenn er König geworden, Deutschland ohne weiteres den Krieg erklären – so würde ihm doch kein einziger folgen, ja man würde ihn den Krieg einfach nicht erklären lassen: das wäre den Franzosen denn doch zu unheimlich und ein viel zu großes Wagnis! Der Papst jedoch, der von Deutschland Verfolgte, würde in kurzer Zeit Sympathie für die Idee zu gewinnen verstehen. Wer aber ist jetzt sonst der Gegner des „Unfehlbaren“, wenn nicht Deutschland? Die Wiederherstellung der Macht des Papstes hält Deutschland für die schwerste Zukunftsdrohung und wird deshalb mit allem Nachdruck für Italien einstehen. Allmählich geht es dann von den Unterhandlungen zur Spannung über, und von der Spannung zur Tat und – das Papstproblem wird, im Falle der Thronbesteigung des Grafen von Chambord, seine Lösung in dem großen und _unfreiwilligen_ Kriege zwischen Frankreich und Deutschland ganz von selbst finden. Unmittelbar für das Elsaß gehen die Franzosen nicht in den Krieg; aber so nach und nach, ohne es eigentlich zu wollen, werden sie sich, wenn sie einmal für den Papst eintreten, gutmütig, wie sie nun einmal sind, hineinziehen lassen, und es ist möglich, daß der Krieg dann sogar populär wird. Nein, solch eine Gelegenheit wird der Graf von Chambord nicht unbenutzt vorübergehen lassen können.
Nun, nehmen wir selbst an, daß er als Sieger aus dem Kampf hervorgeht, daß Frankreich sich wieder mit Ruhm bedeckt, die Provinzen zurückerobert, und daß dann der Papst womöglich nach Paris zur Grundsteinlegung irgendeines Domes fährt, worum man ihn schon kürzlich gebeten hat. Was dann aber weiter geschieht? Nicht das ist wichtig, daß Heinrich V. nach seiner Heldentat vielleicht glücklich seinen Thron bis zu seinem Lebensende behält. Wichtig ist vielmehr einzig die Frage, ob sich mit dem Grafen von Chambord die rechtmäßige Monarchie als solche in Frankreich unangefochten für die nächsten Jahrhunderte festsetzen kann, und was sie dem Lande geben wird? Welch ein Glück? Ob sie es beruhigen wird? und den bösen Geist, der so nahe an der Tür steht, auf ewig vertreiben kann?
Was will es besagen, daß der Papst nach Paris kommt und der römische Katholizismus wieder mit neuem, noch nie geschautem Glanze die Herrschaft ergreift! Kann denn etwa der Papst, der triumphierende und „unfehlbare“ und nicht der „barfüßige“, den bösen Geist verjagen? Können das etwa seine Jesuiten, die so geschäftigen „Geistlichen“ mit ihrem _status in statu_, diese geriebenen, schamlosen, abgefeimten? Nein, der böse Geist ist stärker und _reiner_ als sie! Nicht mit diesem Heer kann der Graf von Chambord sein _neues Wort_ sagen. Wenn aber nicht mit diesem, – mit welchem dann? Unwillkürlich glaubt man ja jetzt, daß der Graf tatsächlich ein höheres Wesen sei, so ein gebotener König mit dem reinsten Herzen. Und sicherlich wird er in der Verzückung seiner Seele begreifen, daß sein ganzes neues Wort – gerade dieser Kampf für Christus mit dem furchtbaren emporsteigenden Antichrist ist, daß man Frankreich retten muß, indem man seine Klugen, seine Denker zu Gott bekehrt und in die Herzen der Millionen „Ungetaufter“ das Heil Christi gießt und sie zum erstenmal mit seiner Lichtgestalt bekannt macht. Wodurch könnte denn sonst der neue „allerchristlichste“ König sein Frankreich retten? Er sagt doch selbst, daß er es retten will, und er glaubt doch an den Erfolg. Er weiß doch, daß die erste der Schlachten zwischen der zukünftigen neuen Gesellschaft und der alten Ordnung der Dinge auf Frankreichs Boden stattzufinden hat. Er weiß aber auch, daß gerade davor die ganze französische Gesellschaft zittert, alle Reichen und mit Erdengütern Beschenkten, daß sie gerade deswegen so nach einer starken Regierung verlangen und suchen, wo die Kraft ist, die sie nicht finden können; daß sie einzig zur Abwehr dieses neuen emporsteigenden Feindes auch Napoleon III. auf den Thron haben steigen lassen; und daß sie, wenn sie sich jetzt für den Grafen von Chambord entscheiden, es nur in der Hoffnung tun, daß er vielleicht irgendeine neue Kraft mit sich bringen wird, die sie beschützen kann? Ist dem aber so, wo soll er dann die Menschen zu diesem furchtbaren Kampf hernehmen? Ist er auch selbst schon so weit und so reif, um ihn zu verstehen? Trotz seines guten Herzens – bestimmt nicht. Wie soll er obendrein vor solch einer schrecklichen Armut der Mittel, mit denen er handeln könnte, nicht zurückschrecken? Schrickt er aber nicht zurück, – wie soll man ihn dann in solch einem Falle nicht entweder für einen beschränkten, unwissenden Menschen halten oder aber für einen, der nicht weit vom Irrsinn entfernt ist? Wo bleibt nun die Antwort auf meine Frage? Zu guter Letzt also, wodurch, mit welchen Kräften kann denn der Legitimismus Frankreich retten und heilen? Da wäre doch selbst ein Prophet Gottes zu wenig, nicht nur ein Graf von Chambord! Und sogar der Prophet würde gesteinigt werden! Der neue Geist kommt, die neue Gesellschaft wird zweifellos triumphieren – als das _einzige_, das eine neue, positive Idee bringt, als der _einzige_, ganz Europa vorherbestimmte Ausweg, als das _einzige_ Heil. Darüber kann kein Zweifel bestehen. Die Welt wird erst nach ihrer Heimsuchung durch den bösen Geist gerettet werden. Der böse Geist aber ist nah. Unsere Kinder vielleicht werden ihn schauen ...
Im übrigen habe ich nur sagen wollen, daß der Legitimismus für Frankreich nicht nur jetzt unmöglich, sondern überhaupt nicht nötig ist: niemals nötig war, noch in der Zukunft sein wird; denn er hat die geringsten Mittel, es zu _retten_.
Aber in Frankreich heißt es jetzt nun einmal: entweder Monarchie oder Republik, eine andere Regierungsform ist unmöglich. Mir jedoch will es scheinen, daß man auch der Republik in Frankreich müde und überdrüssig ist. Diese meine Worte zu rechtfertigen, damit man sie nicht etwa für ein Wortspiel oder eine absichtliche Leichtfertigkeit halte, werde ich in anderem Zusammenhange einmal versuchen.
Parteimenschen
Vor einem Monat hat in Versailles, im Trianon, der Prozeß des Marschalls Bazaine begonnen. Der Marschall ist des Verrates angeklagt. – Aber: des Verrats an wem? Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf diese Frage. Sie ist in Anbetracht der gegenwärtigen französischen Lage nicht uninteressant.
Zur Zeit der Regierung Napoleons III. zählte der Marschall Bazaine zu den fähigsten Generälen der kaiserlichen Armee. Als man vor jetzt anderthalb Jahren zuerst davon sprach, daß er vor ein Kriegsgericht gestellt werden würde, rief ein Marschall, einer seiner Kameraden, aus: „Wie? Einer der ehrlichsten Soldaten! Schade! _Il était pourtant le moins incapable de nous tous!_“ Dieser „am wenigsten unfähige“ Marschall hatte also das Kommando über die größere Hälfte der Armee in diesem unheimlichen Kriege mit Preußen erhalten. Einen Generalfeldmarschall hatten die Franzosen nicht; der Kaiser selbst nannte sich nicht einmal so, sondern begnügte sich damit, in den Gang der Ereignisse oftmals störend einzugreifen – doch das war schließlich noch nicht das schlimmste! Alle diese alten Generäle wie Canrobert, Niel, Bourbaki, Frossard, Ladmirault usw., die als Bazaines Zeugen vor Gericht geladen sind, äußern sich über ihn mit großer Hochachtung. Für ihre Aussagen interessiert sich das Auditorium am meisten. Hauptsächlich zeugen sie von der außergewöhnlichen Tapferkeit Bazaines – zum Beispiel in der Schlacht bei St. Privat, wo er persönlich, ungeachtet seiner Stellung als Schlachtführer, sich in erster Reihe unter die Kämpfenden gemischt hatte – „obgleich er die Bedeutung dieser Schlacht nicht begriff,“ fügte einer von den Marschällen hinzu. Ob er sie nun begriff oder nicht begriff: jedenfalls kam es in dieser Schlacht dazu, daß aus Mangel an Patronen die Soldaten aus ihren modernen Chassepots nur alle zwei Minuten eine Kugel abschießen konnten und der Hauptteil der Armee in den Kampf eintrat, ohne seit vierundzwanzig Stunden etwas gegessen zu haben. Aber nicht darin bestand das Unglück, obgleich, wie bekannt, die schlechte und ordnungslose Versorgung der französischen Armee mit Lebensmitteln und Gewehren ganz Europa in Erstaunen setzte. Der Kaiser versäumte, zur rechten Zeit mit seinem ihm nach schweren Schicksalsschlägen noch verbliebenen Heer nach Paris zurückzukehren, was für ihn die einzige Rettung gewesen wäre, die beste Ausflucht aus seinem damaligen Unglück. Aber mit ihm geschah das, was ich vorhin schon erwähnte, als ich von den charakteristischen und verhängnisvollen Zügen seiner Regierung sprach, daß er um der Befestigung und Verwurzelung seiner Dynastie willen gezwungen war, während der ganzen Zeit seiner Herrschaft ununterbrochen eine Menge Dinge zu unternehmen, die immer zum Unglück Frankreichs und nie zu seinem Glück ausfielen. Auf diese Weise war dieser mächtige Herrscher, im Grunde genommen, sogar auf seinem Throne – kein Franzose, sondern nichts als der Mensch seiner Partei, ihr Hauptführer sozusagen. Den Rückzug nach Paris, wenn auch mit einer geschlagenem so doch immerhin noch mit einer Armee – diese Armee hat Frankreich in der letzten Schlacht sehr große Dienste geleistet –, wagte er nicht: er fürchtete die Unzufriedenheit des Landes, den Verlust der Anhänglichkeit des Volkes, fürchtete Aufstand, Revolution, kurz, er fürchtete Paris und zog es daher vor, sich in Sedan zu ergeben und sein Schicksal und das seiner Dynastie der Großmut seines Feindes anheimzustellen. Zweifellos ist auch jetzt noch nicht alles, was zwischen ihm und dem preußischen König bei ihrer Zusammenkunft verhandelt worden, der Geschichte bekannt. Viele Geheimnisse werden wohl erst lange nachher aufgedeckt werden; aber es ist unmöglich, _nicht_ zu dem Schluß zu kommen, daß Napoleon mit seiner Übergabe und der seiner Armee darauf gerechnet hatte, daß er seinen Thron behalten werde. Damit, daß er seine Armee übergab, damit gedachte er wohl die Kräfte seines Feindes zu schwächen – ich meine die Kräfte der Revolutionäre ... denn an Frankreich dachte dabei der Parteimensch in ihm nicht.
Ebenso dachte auch der Marschall Bazaine nicht an Frankreich. Eingeschlossen in Metz mit einer sehr bedeutenden Armee, ignorierte er vollständig die Regierung der Nationalversammlung, die sich nach der Gefangennahme des Kaisers in Paris gebildet hatte. Er zog es vor, sich gleichfalls zu ergeben, und nahm damit Frankreich seine letzte Armee, die, selbst wenn sie in Metz eingeschlossen war, dem Vaterlande doch noch äußerst nützlich hätte sein können – wenn auch, wie gesagt, nur dadurch, daß sie einen bedeutenden Teil der feindlichen Kräfte festlegte. Es ist ganz unmöglich, sich vorzustellen, daß der Marschall, als er sich in dieser Weise schnell und ohne rechten Grund ergab, nicht irgendwelche geheimen Bedingungen mit dem Feinde abgeschlossen, wenigstens nicht irgendwelche Versprechungen von ihm gefordert hatte ... die dann später nicht erfüllt wurden. Aber, wenn dem auch nicht so gewesen wäre, so ist es doch klar, daß der Marschall, ähnlich dem Kaiser, es vorzog, seine Armee den Preußen zu überlassen, anstatt sie für die Republik aufzusparen.
Der Marschall – wenn er auch jetzt vor dem Gerichte lügt und augenscheinlich die Absicht hat, bei diesem Verfahren zu bleiben – verheimlicht doch zum Teil seine damaligen Eindrücke und Empfindungen nicht. Er sagt geradeheraus, daß es in den Metzer Tagen eine gesetzliche Regierung nicht mehr gab, und daß er das damalige Chaos von Regierung in Paris als eine wirkliche Regierung nicht anerkennen konnte – das ist ungefähr der Sinn seiner Worte vor Gericht. „Wenn es für Sie damals keine Regierung gab – _la France existait_!“ rief darauf der Herzog d’Aumale, der Vorsitzende des Kriegsgerichtes, aus.
Und damit war der Punkt, von dem die Richter ausgehen werden, gefunden. Diese Worte des Herzogs machten auf das Publikum, auf ganz Frankreich, einen großen Eindruck. Dem schuldigen Marschall wurde damit klar zu verstehen gegeben, daß ihn jetzt nicht eine Partei richte, keine Republik, keine unrechtmäßige Regierung, die er, wenn er will, auch jetzt nicht anzuerkennen braucht – sondern Frankreich, das er um einer rechtmäßigen Regierung willen verkauft, das Vaterland, das er verraten aus Parteiinteresse.
Man kann einen Verräter seines Vaterlandes niemals entschuldigen. Sind aber hier auch die im Recht, die über den Verräter zu Gerichte sitzen? Das ist es, worauf ich hinweisen will. Sind nicht im Gegenteil Bazaines Richter ein Teil jenes Grundübels, das den Organismus dieser großen Nation zerstört und erschöpft hat; verkörpern nicht auch sie ein Unglück, das wie eine schwarze Wolke ständig über ihr liegt? Und verstehen sie dieses Unglück jetzt; sind sie fähig, es zu begreifen? Ist der Marschall aber nicht ähnlich dem altjüdischen Opferlamm, auf das die Sünden des ganzen Volkes gelegt wurden?
In der Tat, was konnte er damals von Metz aus erwarten? Angenommen, der Parteimensch in ihm habe dem Bürger in ihm einmal Platz gegeben beim Anblick des ganzen großen nationalen Unglücks; angenommen, er habe aufrichtig gewünscht, dem Vaterlande zu dienen: was konnte er aber in dem damaligen Paris erblicken? Es ist wahr, die triumphierende Revolution des 4. September nannte sich nicht Republik, sondern „Regierung der Nationalverteidigung“. Diejenigen aber, die an der Spitze dieser Volksregierung standen, konnten Bazaine, General und Parteimensch, wie er war, einem tätigen und energischen Menschen zugleich, nur Widerwillen einflößen. Dieser talentlose Maniak, der General Trochu, alle diese Garnier-Pagès, Jules Favre, sind, wenn auch als Menschen aller Hochachtung wert, doch schließlich erbärmliche, talentlose Mumien, Phrasenhelden der ersten Tage einer Pariser Revolution und – leider – immer noch nicht den Parisern langweilig genug geworden. Wie mußte das dem Marschall und seinem scharfen beobachtenden Menschenkennerblick in Metz erscheinen!? Aber – mögen sie auch talentlos gewesen sein! Mag auch jegliche Aufgabe, der sie nicht gewachsen waren, von ihnen verpfuscht worden sein, solange sie die Macht hatten! Sie waren doch wenigstens treue Bürger, Leute mit reinem Herzen, wahre Söhne des Vaterlandes! War dem nicht so? Aber nein, das waren ja wiederum auch nur Republikaner! _La république avant tout, la république avant la France_ – das war und ist auch jetzt noch ihre Devise! Und darum hätte der Marschall, wenn er, um gleichfalls „Bürger zu werden“, sich von der Partei des Kaisers losgesagt hätte – und wär’s auch nur zeitweilig und scheinbar gewesen, zur „Rettung des Vaterlandes“ – sich doch nicht den Rettern des Vaterlandes, sondern wieder nur Leuten einer anderen Partei anschließen müssen. Aber diese Partei haßte er, und ihr zu helfen: dazu konnte er sich nicht entschließen! Einige Zeit nachher kam aus dieser lächerlichen Gruppe ein Mann, der im Luftballon Paris verließ, um in den noch freien Teil Frankreichs zu gelangen: Gambetta. Er erklärte sich selbstherrlich zum Kriegsminister, und die ganze Nation, die sich nach irgendeiner Regierung sehnte, ernannte ihn sofort zu ihrem Diktator. Er aber verlor darüber nicht den Kopf, sondern wurde in Wahrheit ihr Diktator. Dieser Mensch zeigte eine große Energie, er regierte Frankreich und stampfte ein neues Heer aus dem Boden. Einige beschuldigen ihn jetzt unter anderem, daß er unnütz Geld verschwendet hätte und mit diesem Geld fünfmal mehr für das Heer hätte tun können. Gambetta könnte freilich seinen Anschuldigern mit Recht erwidern, daß sie, wenn sie auch fünfmal mehr Geld gehabt hätten als er, doch nicht einen einzigen Soldaten hätten aufstellen können. Und siehe da, dieser kluge und energische Mensch, der wirklich viel für Frankreich getan hat, und mit dem zu arbeiten Bazaine sich nicht hätte zu schämen brauchen – besteht doch auch auf der Devise: „_la république avant la France!_“ Jetzt sagt er das freilich nicht mehr laut, schlau und geduldig wartet er, bis an ihn die Reihe kommt, und wenn es nötig ist, so unterstützt er mit Eifer sogar Thiers, der ihn schon vor drei Jahren ersetzt hat. Aber auch dessen Devise ist: „_la république avant tout_“, und auch er ist vor allem und zuerst der Mensch seiner Partei! Diese seine Eigenschaft ist den Republikanern offenbar die liebste.
Und so ist alles in Frankreich Partei und sind alle Franzosen Menschen einer Partei. Es ist wahr, in Frankreich tauchten zur Zeit des schwarzen Jahres auch einige beruhigende Erscheinungen auf. Die Bretagner, gebotene Legitimisten, erschienen mit ihren Führern, um für ihr Vaterland zu kämpfen, und sie kämpften tapfer! Mit ihrem Muttergottesbild auf der Fahne schlossen sie sich zeitweise der Regierung der Republikaner und Atheisten an. Auch die Orleansschen Herzöge kämpften in gleicher Reihe mit ihren Feinden in der neugebildeten französischen Armee. Kämpften sie aber fürs Vaterland? Das ist heute mehr als zweifelhaft. Wenn man zurzeit ihre Rolle in Frankreich beobachtet, ihre Verschwörung gegen Frankreich zugunsten eines „legitimen Königs“ – so ist es wohl erlaubt, daraus zu schließen, daß sie vor drei Jahren nur deshalb mitgekämpft haben, weil sie darin endlich eine Chance für ihre Partei, die schon so lange auf eine solche gewartet hatte, erblickten. Und sie haben sich nicht in der Möglichkeit einer derartigen Chance getäuscht: sie strömten in großer Anzahl bei den ersten Wahlen zur Nationalversammlung herbei und brachten es auch richtig zu einer Mehrheit.
Überall Parteien! Freilich: wenn man alle diese Parteien zusammenlegt, so ist die Gesamtzahl ihrer Anhänger – ausgenommen die Partei der Kommunisten – sehr gering, im Vergleich zu der Anzahl aller Franzosen, denn die übrigen Franzosen sind indifferent. Sie erwarten alle, geradeso wie damals vor dem Erscheinen Gambettas im verhängnisvollen Jahr – einen Diktator, damit er sie väterlich in seine Gewalt nehme und ihnen ihr Leben und Gut behüte. Ihre Devise ist das bekannte Sprichwort: „_Chacun pour soi et Dieu pour tous_“. Aber auch bei dieser Devise gehört der Mensch seiner eigenen Partei an und – was kann für solch einen Menschen das Wort Vaterland bedeuten?
Das ist das Grundübel Frankreichs: der Verlust einer allen gemeinsamen Idee der Einigung! Man sagt von den Legitimisten, daß sie diese Idee mit Gewalt wiedererwecken wollten. Aber sogar die besten ihrer Partei denken nicht an die Idee, sondern nur an den Triumph ihrer Partei. Die Allerbegeistertsten von ihnen denken noch nicht einmal an den Legitimismus. Der Triumph des Grafen Chambord ist für sie – der zukünftige Triumph des Papstes und des Katholizismus. Das ist dann schon wieder eine Partei in der Partei.
Und so richten jetzt die Menschen der Partei den Marschall Bazaine dafür, daß er – der Anhänger seiner Partei blieb! Ist er nicht wirklich dem altjüdischen Opferlamm ähnlich, mit dem ich ihn verglich? ... Es kommt in Frankreich noch so weit, daß jeder Verrat des Vaterlandes nicht mit ruhigem Gewissen gerichtet werden kann – aus Mangel an Richtern; denn alle sind sie Menschen bloß der Partei und nicht des Vaterlandes. – Wenn die Franzosen Bazaine verurteilen, werden sie dann wissen, was sie tun?
Frankreich und Deutschland