Part 8
„Ja, aber was geht das uns an? Das ist ja alles dort in Europa und nicht bei uns in Rußland!“ Nun, bei uns wird Europa dann anklopfen und uns anflehen, es zu retten, wenn die letzte Stunde seiner jetzigen Ordnung der Dinge schlägt. Und es wird unsere Hilfe verlangen, als ob es ein Recht darauf hätte: es wird uns sagen, daß auch wir Europa seien, daß auch bei uns diese „Ordnung der Dinge“ sein müsse, da wir es doch nicht umsonst zweihundert Jahre lang imitiert und uns gebrüstet hätten, Europäer zu sein, und daß wir, wenn wir Europa retteten, im Grunde nur uns selbst retten würden. Freilich wären wir vielleicht nicht sehr geneigt, diese Angelegenheit nur zugunsten der einen Hälfte zu entscheiden, denn diese Aufgabe wird auch über unsere Kraft gehen: und haben wir uns nicht schon längst entwöhnt, darüber nachzudenken, worin unser Unterschied von Europa als Nation und worin unsere wirkliche Rolle in Europa besteht? Wir verstehen nicht nur nichts von diesen Dingen, sondern wollen überhaupt solche Fragen nicht zulassen; und sie auch nur anzuhören, halten wir für rückständig. Wenn aber wirklich Europa bei uns anklopft und uns auffordert, hinzugehen und seine Ordnung zu retten, so werden wir vielleicht zum erstenmal und plötzlich begreifen, bis zu welchem Grade wir die ganze Zeit über Europa nicht ähnlich gewesen sind, ungeachtet unseres zweihundertjährigen Wunsches und unserer Träume, Europa gleich zu sein, wie sie sich manchmal bis zu den leidenschaftlichsten Ausbrüchen versteigen konnten. Übrigens, vielleicht werden wir das auch dann nicht einmal begreifen; denn es wird vielleicht auch dann schon zu spät sein. Wenn dem so ist, so werden wir freilich auch nicht verstehen, was Europa von uns haben will, und worin wir ihm in der Tat helfen könnten. Und würden wir dann nicht den Feind Europas und seiner Ordnung ebenso beruhigen wollen wie Fürst Bismarck –: mit Eisen und Blut? Nun, im Falle es dazu kommen würde, könnten wir uns allerdings als vollständige Europäer beglückwünschen.
Aber all das steht uns erst noch bevor und ist reine Phantasie – denn jetzt ist ja alles in Europa so klar, so klar, so klar!
Drei Ideen
Ich habe unlängst folgenden Satz geschrieben: „Alle unsere russischen Spaltungen und Sonderbestrebungen sind fast immer auf Grund von Zweifeln und Bedenken entstanden, und zwar auf Grund von solchen, zu denen eigentlich gar keine Veranlassung vorlag.“ Und heute[9] kann ich wiederholen, daß in der Tat alle unsere Streitigkeiten und Zerwürfnisse einzig aus dem Irrtum des Verstandes, nicht aber aus dem Irrtum des Herzens entstehen. In dieser Definition liegt das ganze Wesen unserer Uneinigkeiten und Zwiespälte – doch ist dieses Wesen an sich deshalb noch nicht so unerfreulich. Irrtümer und Zweifel des Verstandes verschwinden schneller und spurloser als die Irrtümer und Zweifel des Herzens; aufgehoben aber werden sie nicht so sehr von gelehrten Diskussionen und Disputen, als von der unabweisbaren Logik der Ereignisse des lebendigen Lebens, die nichts weniger als selten den richtigen Ausweg in sich tragen und auf den geraden Weg weisen, wenn auch nicht plötzlich, nicht im ersten Augenblick, so doch jedenfalls in sehr kurzer Frist, zuweilen sogar, ohne die nächste Generation abzuwarten. Anders ist es mit den Irrtümern des Herzens. Der Irrtum des Herzens wiegt schwerer: er bedeutet, daß der Geist, oft schon der Geist der ganzen Nation, an irgend etwas erkrankt, von irgend etwas angesteckt ist, und nicht selten führt diese Erkrankung, diese Ansteckung solch einen Grad von Blindheit mit sich, daß die ganze Nation nicht mehr geheilt werden kann – wieviel Rettungsversuche dem zunächst auch widersprechen und auf den richtigen Weg weisen mögen. Im Gegenteil, diese Blindheit entstellt die Tatsachen, wie es ihr gefällt, verändert sie nach den Wahnbildern des kranken Geistes, und es kommt sogar vor, daß eher die ganze Nation dem Untergange entgegengeht, im vollen Bewußtsein dessen, was sie tut, d. h. sogar nachdem sie ihre Blindheit eingesehen, als daß sie einwilligt, sich heilen zu lassen – denn nun _will_ sie bereits nicht mehr geheilt werden. Möge man nicht im voraus über mich lachen, daß ich umgekehrt die Irrungen des Verstandes für leicht und schnell wieder gutzumachen halte. Und am lächerlichsten wäre es wohl für einerlei wen, für jeden, nicht nur für mich allein, in diesem Falle die Rolle des Ausgleichers zu spielen, der fest überzeugt ist, mit Worten durchdringen und die Tagesüberzeugungen in der Gesellschaft umkehren zu können. Alles das sehe ich vollkommen ein; doch nichtsdestoweniger darf man sich nicht seiner Überzeugungen schämen, und wer ein Wort zu sagen hat, der sage es.
Es will mir scheinen, daß jetzt eine Zeit gekommen ist, in der sich _alle_ möglichst offen aussprechen müssen, ohne sich der naiven Nacktheit manches Gedankens zu schämen. Tatsächlich erwarten uns, d. h. ganz Rußland, vielleicht ungewöhnliche und große Ereignisse. „Es können plötzlich gewaltige Fakta dasein und unsere intelligenten Kräfte überraschen, und dann, – wird es dann nicht zu spät sein?“ habe ich damals gefragt. Ich dachte dabei nicht nur an die politischen Ereignisse der nächsten Zukunft, wenn sie auch heute derart sind, daß sie die Aufmerksamkeit selbst der kläglichsten, selbst der verjudetsten, d. h. der sich sonst um nichts, als nur um sich selbst kümmernden Geister in Anspruch nehmen. In der Tat, wer kann es wissen, was der Welt im nächsten Vierteljahrhundert bevorsteht, oder vielleicht schon in diesem Jahre? Europa ist unruhig. Aber ist es nicht vielleicht nur eine jähe vorübergehende Unruhe? Keineswegs: man fühlt, es ist die Zeit für etwas Tausendjähriges, für etwas Ewiges gekommen, für das, was sich auf der Erde seit dem Anfang ihrer Zivilisation vorbereitet hat.
Drei Ideen erheben sich vor der Welt und formulieren sich, scheint es, endgültig.
Von einer Seite – am Rande Europas – die Idee des Katholizismus, die, schon längst verurteilt, nun in großen Qualen und Zweifeln nicht weiß, was ihrer harrt: Sein oder Nichtsein, Leben oder schon – Sterben? Ich spreche nicht nur von der katholischen Religion, sondern von der ganzen _katholischen Idee_, und dem Los derjenigen Nationen, welche unter dem Joch dieser Idee seit einem Jahrtausend gelebt haben und ganz von ihr durchdrungen sind. In diesem Sinne ist Frankreich die vollkommenste Verkörperung der katholischen Idee im Verlaufe von Jahrhunderten gewesen, ist das Haupt dieser Idee, die es schon von den Römern und in durchaus römischem Geiste übernommen hat. Dieses Frankreich, das jetzt sogar jegliche Religion, man kann wohl sagen, verloren hat – Jesuiten und Atheisten sind dort ein und dasselbe –, das schon mehrmals seine Kirchen geschlossen und einmal sogar Gott selber der Ballotage einer Versammlung unterworfen hat, dieses selbe Frankreich, das aus den Ideen von 1789 seinen eigenen französischen Sozialismus entwickelt hat, d. h. die Pazifizierung und Organisation der menschlichen Gesellschaft ohne Christus und außerhalb Christi, ganz so wie sie der Katholizismus _in_ Christus organisieren gewollt, doch nicht gekonnt hat: dieses selbe Frankreich ist und fährt fort, wie in seinen Revolutionären des Konvents, so auch in seinen Atheisten, seinen Sozialisten und seinen modernen Kommunisten – immer noch im höchsten Grade eine katholische Nation zu sein, bis ins Kleinste durchdrungen vom katholischen Geist und Buchstaben. Durch den Mund seiner bekannten Atheisten verkündet es „_Liberté, Egalité, Fraternité – ou la mort_,“ also auf ein Haar so, wie es der Papst selbst ausrufen lassen würde, wenn er genötigt wäre, _liberté, égalité, fraternité_ zu proklamieren – ganz in seinem Stil, ganz in seinem Geist, in dem echtesten Geist und Stil der Päpste des Mittelalters. Selbst der heutige Sozialismus – scheinbar ein heftiger, verhängnisvoller Protest aller Nationen gegen die katholische Idee, aller Menschen, die sie gequält und erstickt hat, und die um jeden Preis leben wollen, aber leben ohne Katholizismus und ohne seine Götter, – selbst dieser Protest, der offiziell am Ende des vorigen Jahrhunderts begonnen hat, in Wirklichkeit aber viel früher, – ist in Frankreich nichts anderes als die treueste und geradeste Fortsetzung der katholischen Idee, ihre endgültige Vollendung, ihre verhängnisvolle Folge, von Jahrhunderten ausgearbeitet! Denn der französische Sozialismus ist nichts anderes als die _gewaltsame_ Vereinigung der Menschen – eine Idee, die noch aus dem alten Rom stammt und sich unversehrt im Katholizismus erhalten hat. Auf diese Weise hat sich die Idee der Befreiung des Menschengeschlechtes vom Katholizismus gerade hier in die allerengsten katholischen Formen gehüllt, in Formen, die dem Herzen des katholischen Geistes, seinem Despotismus und wohl auch seiner Moral entlehnt sind.
Von der anderen Seite erhebt sich der alte Protestantismus, der nun bereits neunzehn Jahrhunderte lang gegen Rom und die römische Idee protestiert, gegen die alte heidnische, wie gegen die erneute katholische Idee, gegen Roms Weltgedanken, den Menschen auf der ganzen Erde zu beherrschen, moralisch wie materiell, gegen Roms ganze Kultur – der bereits seit den Tagen Armins und des Teutoburger Waldes protestiert, protestiert und immer wieder protestiert. Das ist der Germane, der blind glaubt, daß nur in ihm die Erneuerung der Menschheit liegt und nicht in jener katholischen Kultur. In seiner ganzen geschichtlichen Entwicklung hat er ja von seiner Einheit nur geträumt, hat er nach ihr gelechzt nur, um sie verwirklichen zu können, seine stolze protestantische Idee! Sie aber hat sich schon im Luthertum selbst stark ausgeprägt und in gewisser Weise auch bereits abgeschlossen. Und jetzt nach dem Sturze Frankreichs, der ersten, wichtigsten und „allerchristlichsten“ katholischen Nation – jetzt ist der Germane überzeugt von seinem Triumph und gleichfalls davon, daß niemand an seiner Stelle der Führer der Menschheit werden wird und ihr die Wiedergeburt bringen kann. Daran glaubt er fest, er glaubt, daß es etwas Höheres als germanischen Geist und Wort in der Welt nicht gebe, und daß Deutschland allein fähig sei, der Welt dieses Höchste zu geben. Es kommt ihm lächerlich vor, selbst nur anzunehmen, daß auch anderswo in der Welt irgendeine besondere Idee – meinetwegen nur im Keime – leben solle, eine Idee, die das zur Führung der Welt bestimmte Deutschland nicht gleichfalls haben könnte. Währenddessen wäre es jedoch alles andere als überflüssig, zu bemerken, daß Deutschland in all diesen neunzehn Jahrhunderten seines Daseins nichts anderes getan hat, als eben nur protestiert, und daß es selber sein eigenes _neues Wort_ überhaupt noch nicht gesagt, sondern die ganze Zeit über nur der Verneinung seines Feindes gelebt hat, so daß in Zukunft vielleicht etwas überaus Seltsames geschehen kann: daß nämlich, wenn Deutschland dereinst alles zerstört haben wird, wogegen es neunzehn Jahrhunderte lang protestiert, es plötzlich geistig selbst wird sterben müssen, unmittelbar nach seinem Feinde, einfach, weil es dann keinen Grund mehr haben wird, zu leben; _denn es wird ja nichts mehr geben, wogegen es protestieren kann_! Doch möge das bloß eine Schimäre von mir sein – dafür ist Luthers Protestantismus um so mehr ein Faktum: der aber ist eben ein kritisierender und damit bloß _verneinender_ Glaube, der dann, wenn der Katholizismus von der Erde verschwindet, nach ihm bestimmt auch verschwinden wird, da er, wenn er gegen nichts mehr zu protestieren hat, sich eben in reinen Atheismus verwandeln und damit sich selbst aufheben wird. Doch auch das ist vorläufig bloß eine Schimäre von mir.
Die slawische Idee wird von dem Germanen ganz ebenso verachtet wie die katholische, nur mit dem Unterschied, daß er die letztere immer als starken und mächtigen Feind geschätzt hat, die slawische Idee dagegen nicht nur für nichts wert hält, sondern sie sogar überhaupt nicht anerkennt, überhaupt kaum kennt. Erst seit ganz kurzer Zeit fängt er an, mißtrauisch zu den Slawen hinüberzusehen. Wenn es ihm auch jetzt noch lächerlich erscheint, anzunehmen, daß auch die Slawen irgendein Ziel oder eine Idee haben könnten, irgendeine Hoffnung, gleichfalls „der Welt etwas zu sagen“, so hat sich einstweilen nach dem Sturze Frankreichs sein mißtrauischer Verdacht doch verstärkt, und die Ereignisse des vorigen Jahres[10] haben ihm dieses Mißtrauen natürlich nicht nehmen können. Augenblicklich ist Deutschland sogar beinahe besorgt. In jedem Fall, sagt es sich, und vor allen etwaigen Orientgedanken, muß es erst seine Arbeit im Westen beenden! Wer aber kann da leugnen, daß Frankreich in diesen fünf Jahren nach seinem Zusammenbruch den Deutschen gerade dadurch beunruhigt, daß dieser es 1870/71 _nicht_ total zertrümmert, zerstampft, vernichtet hat. 1875 erreichte diese Unruhe in Berlin einen sehr hohen Grad, und Deutschland würde sich bestimmt von neuem auf seinen uralten Feind gestürzt haben, um ihn, solange es noch Zeit ist, endgültig zu erwürgen, wenn nicht einige äußerst wichtige Umstände es daran gehindert hätten. Jetzt aber, in diesem Jahre, schreckt Frankreich, das seine Position mit jedem Tage verstärkt hat, Deutschland noch weit mehr als vor zwei Jahren. Deutschland weiß, daß sein Feind nicht ohne Kampf sterben wird, daß er vielmehr, wenn er sich ganz erholt hat, womöglich selbst zum Kampf rufen wird, so daß es nach drei, nach fünf Jahren für Deutschland schon zu spät sein kann. Und nun, in Anbetracht dessen, daß der slawische Osten Europas so ganz von einer eigenen, plötzlich entstandenen Idee durchdrungen ist und jetzt genug bei sich zu Hause zu tun hat, kann es sehr, sehr leicht geschehen, daß Deutschland, sobald es seinen Rücken gesichert sieht, sich zum letztenmal auf seinen westlichen Feind stürzt und sich von diesem quälenden Alb befreit. Und das können wir schon in allernächster Zukunft erleben. Im allgemeinen jedoch kann man sagen, daß, sobald die Dinge im Osten ein wenig heikel oder gespannt sind, Deutschland in einer fast noch unvorteilhafteren Lage ist. Beinahe muß es dann noch mehr Befürchtungen und Sorgen haben, ganz abgesehen von seinem über die Maßen stolzen Ton – das könnten wir doch wenigstens etwas mehr beachten.
Währenddessen aber ist im Osten tatsächlich die dritte Weltidee großartig aufgegangen, sie, die slawische Idee, die Idee von morgen – vielleicht die dritte aufsteigende Möglichkeit einer Entscheidung über das Schicksal der Menschheit und Europas. Es ist schon heute allen klar, daß mit der Lösung des Orientproblems in die Menschheit ein neues Element dringen wird, eine neue Macht, die bis jetzt passiv dagelegen hat, und bei der es ganz ausgeschlossen ist, daß sie auf das Schicksal der Welt _nicht_ stark und entscheidend wirken wird. Was aber ist das für eine Idee, was wird die Vereinigung aller Slawen mit sich bringen?
All das ist heute noch viel zu unbestimmt; doch daß wirklich etwas Neues gesagt werden muß – daran zweifelt jetzt wohl niemand mehr. Und alle diese drei mächtigen Weltideen drängen fast zur selben Zeit zu ihrer Entscheidung. Das sind keine Launen mehr, kein Krieg um irgendeine Thronfolge oder wegen der Zänkereien irgendwelcher hochgestellten Damen, wie im vorigen Jahrhundert. Hier ist etwas Allgemeines und Endgültiges, und wenn auch durchaus nicht alle Menschenschicksale Entscheidendes, so doch zweifellos etwas, das den Anfang vom Ende der ganzen früheren Geschichte Europas mit sich bringt, – den Anfang der Entscheidung über unsere ganze Zukunft, die in Gottes Hand steht, und die der Mensch nicht vorauswissen, wohl aber ahnen kann.
Die Frage, die sich nun jedem denkenden Menschen unwillkürlich stellt, ist: Können solche Ereignisse in ihrem Laufe stehen bleiben? Können sich Ideen von solcher Größe kleinlichen, jüdischen, drittklassigen Erwägungen unterordnen? Läßt sich ihre Entscheidung hinausschieben, und wäre das überhaupt wünschenswert? Zweifellos muß die Weisheit die Nationen beschützen und verteidigen und der Nächstenliebe und der Menschheit dienen, doch gewisse Ideen haben ihre gewaltige, alles fortreißende Macht. Die abgebrochene und fallende Spitze eines Felsens hältst du mit der Hand nicht auf! Wir Russen haben dabei zweierlei für uns, zwei Kräfte, die da allen anderen in der Welt zusammengenommen gleichkommen, das sind: die Ganzheit, die geistige Unteilbarkeit der Millionen unseres Volkes und dessen unlösbare Verbindung mit dem Zarentum. Es ist das natürlich etwas ganz Unbestreitbares, doch unsere „Klugen“ verstehen nicht nur nicht die russische Volksidee, sie _wollen_ sie noch nicht einmal verstehen.
Die deutsche Weltfrage
Deutschland, die protestierende Macht
Sprechen wir jetzt[11] einmal von Deutschland, über seine jetzige Aufgabe, diese ganze verhängnisvolle und auch alle anderen Völker angehende deutsche Weltfrage.
Was ist das nun für eine Aufgabe? Und warum hat sich diese Aufgabe denn erst jetzt für Deutschland in eine so schwierige Frage verwandelt, warum nicht schon früher, warum nicht schon längst, sondern erst vor einem Jahr, was sag’ ich, erst vor zwei Monaten?
Diese Aufgabe Deutschlands, seine einzige, hat es auch früher schon gegeben, hat es gegeben, solange es überhaupt ein Deutschland gibt. Das ist sein _Protestantentum_: nicht allein jene Formel des Protestantismus, die sich zu Luthers Zeiten entwickelte, sondern sein _ewiges_ Protestantentum, sein ewiger _Protest_, wie er einsetzte einst mit Armin gegen die römische Welt, gegen alles, was Rom und römische Aufgabe war, und später gegen alles, was vom alten Rom aufs neue Rom und auf all die Völker überging, die Roms Idee, seine Formel und sein Wesen übernahmen, der Protest gegen die Erben Roms und gegen alles, was dieses Erbe ausmacht. Ich bin überzeugt, daß viele Leser über das, was ich soeben geschrieben, mit den Achseln zucken und lachen werden: „Wie kann man nur im neunzehnten Jahrhundert, im Jahrhundert der freien Ideen und der Wissenschaft, noch über Katholizismus und Protestantismus reden und streiten, ganz so, als ob wir noch im Mittelalter wären! Es gibt ja allerdings noch religiöse Leute und sogar Fanatiker, aber die haben sich doch nur noch wie archäologische Raritäten erhalten, die verdammt und verlacht und von allen verurteilt in weltfernen Winkeln sitzen, ein armseliges, klägliches Häuschen rückständiger Leutchen. Wie kann man sie bei einer so großen Frage, wie es die der Weltpolitik ist, überhaupt nur erwähnen?“
Ich aber meine nicht den „Protestantismus“, noch denke ich dabei an die zeitweiligen Formeln der altrömischen Idee, noch an den ewig gegen sie gerichteten germanischen Protest. Ich nehme nur die Grundidee, die schon vor zweitausend Jahren geboren wurde und seit der Zeit nicht gestorben ist, obgleich sie sich fortlaufend in verschiedenen Formeln verkörpert hat. Und heute ist es die Erbin Roms, die ganze westeuropäische Welt, die sich in den Geburtswehen einer neuen Umgestaltung dieser übererbten alten Idee windet und quält. Das ist für denjenigen, der zu schauen versteht, schon dermaßen augenscheinlich, daß es für ihn weiter keiner Erklärungen bedarf.
Das alte Rom war die erste Macht, die die Idee einer universalen Vereinigung der Menschen hervorbrachte, und die erste, die da _glaubte_ und fest überzeugt war, sie praktisch in Gestalt einer Weltmonarchie verwirklichen zu können. Diese Formel jedoch fiel vor dem Christentum, – die Formel, aber nicht die Idee. Denn diese Idee ist die Idee der europäischen Menschheit, aus ihr bildete sich deren Kultur, für sie allein lebt sie überhaupt. Es fiel bloß die Idee der universalen _römischen_ Monarchie, und sie wurde durch das neue Ideal einer wiederum universalen _neuen_ Vereinigung in Christo ersetzt. Dieses neue Ideal zerspaltete sich in das östliche, das Ideal der vollkommen geistigen Vereinigung der Menschen, und das westeuropäische, römisch-katholische des Papstes, das dem östlichen durchaus entgegengesetzt ist. Diese westliche, römisch-katholische Verkörperung der Idee vollzog sich auf ihre Art, ohne den christlichen, geistigen Ursprung der Idee ganz zu verlieren, und indem sie diese Idee mit dem altrömischen Erbe verband. Das römische Papsttum verkündete, daß das Christentum und seine Idee ohne die universale Beherrschung der Länder und Völker, – nicht geistig, sondern staatlich, mit anderen Worten: daß es ohne die irdische Verwirklichung einer neuen universalen römischen Monarchie, deren Haupt nicht der römische Imperator, sondern der Papst sein würde – nicht verwirklichbar wäre. Und da begann dann wieder der Versuch einer universalen Monarchie – ganz und gar im Geiste der altrömischen Welt, aber doch schon in einer anderen Form. Auf diese Weise ist das östliche Ideal: zuerst die geistige Vereinigung der Menschheit in Christo anstreben und dann erst, kraft dieser geistigen Vereinigung aller in Christo, die zweifellos sich aus ihr ergebende rechte staatliche wie soziale Vereinigung verwirklichen. Nach der römischen Auffassung ist das Ideal dagegen das umgekehrte: zuerst sich eine dauerhafte staatliche Vereinigung in der Form einer universalen Monarchie zu sichern und dann, nachher, meinetwegen auch eine geistige Vereinigung zustande zu bringen unter der Obrigkeit des Papstes, des Herrn dieser Welt.
Seit der Zeit hat dieser Versuch in der römischen Welt immer Fortschritte gemacht und sich ununterbrochen verändert. Mit der Entwicklung dieses selben Versuchs ist dann der wesentlichste Teil der christlichen Grundsätze gänzlich eingebüßt worden. Als aber die Erben der altrömischen Welt schließlich das Christentum geistig verwarfen, da verwarfen sie mit ihm auch das Papsttum. Das geschah in der Französischen Revolution, die im Grunde nichts anderes war wie die letzte Gestaltveränderung oder Umverkörperung dieser selben altrömischen Formel der universalen Vereinigung. Doch die neue Formel erwies sich als ungenügend, die neue Idee verwirklichte sich nicht. Es gab sogar einen Augenblick, da alle Nationen, die die altrömische Bestimmung übernommen hatten, fast verzweifelten. Oh, versteht sich, der Teil der menschlichen Gesellschaft, der 1789 für sich die politische Suprematie gewonnen hatte, – die Bourgeoisie – triumphierte natürlich und erklärte, daß weiter zu gehen nun nicht mehr nötig sei. Dafür aber schlugen sich alle die Geister, die nach den unvergänglichen Gesetzen der Natur zur ewigen Beunruhigung der Welt bestimmt sind, zum Suchen neuer Formeln des Ideals und des neuen Wortes, wie sie beide unentbehrlich sind, – sie alle schlugen sich zu den Erniedrigten und Umgangenen, zu denen, die von der neuen Formel der allmenschlichen Vereinigung, die von der Französischen Revolution 1789 proklamiert worden war, _nichts_ erhalten hatten. Diese Geister verkündeten nun _ihr_ neues Wort, gerade die Notwendigkeit der Allvereinigung der Menschheit, und zwar nicht mehr in der Absicht, Gleichheit der Lebensrechte für etwa einen vierten Teil der ganzen Menschheit zu verschaffen und die übrigen bloß als Rohmaterial und auszunutzendes Mittel zum Glück dieses Viertels bestehen zu lassen, sondern im Gegenteil: um die Allvereinigung der Menschen auf den Grundsätzen der _allgemeinen_ Gleichheit zustande zu bringen, mit der Teilnahme aller und jedes einzelnen an der Nutznießung der Güter dieser Welt, welcher Art sie auch sein mögen. Zur Verwirklichung dieser Lösung aber beschlossen sie, sich _jedes_ Mittels zu bedienen, d. h. also durchaus nicht nur mit den Mitteln der christlichen Kultur vorzugehen, sondern vor nichts mehr zurückzuschrecken.