Part 24
Die „Neue Zeit“ schrieb darauf am folgenden Tage, übrigens nur ganz flüchtig, daß die „Moskauer Nachrichten“ wohl ein wenig zu weit gegriffen hätten, und daß der „Regierungsanzeiger“ vielleicht einfach irgendein bedeutungsloses Geschwätz gemeint haben werde. Möglich, daß es sich so verhält und die Warnung des „Regierungsanzeigers“ in der Tat nur durch ein „Geschwätz“ hervorgerufen worden ist. Nichtsdestoweniger hat die Annahme der „Moskauer Nachrichten“ fraglos ihren Grund. Nur weiß ich nicht, was das für Anglo-Magyaren sein sollen? Bei uns – meine ich vielmehr –, besonders in unseren Grenzgebieten, aber auch im Innern, ließen sich vielleicht nicht wenige „römische Klerikale“ finden, die in verschiedenen Röcken stecken. Heute wissen und schreiben bereits alle von der klerikalen Allerweltsverschwörung, und sogar unsere liberalsten Blätter geben zu, daß dieser Bund seine Bedeutung hat. Wäre es nun, meine ich, nicht sonderbar, wenn die vatikanische Verschwörung unsere römischen Klerikalen außer acht lassen und sie nicht zu ihren Zwecken gebrauchen würde? Unruhen im Rücken der russischen Armee kämen dem Vatikan gerade recht, besonders im gegenwärtigen Augenblick. Doch ich will noch einen Auszug aus der „Neuen Zeit“ anführen. Sie zitiert u. a. die Meinung der „Stimme“ über verschiedene Artikel, die in der „Morning Post“ und anderen ausländischen Zeitungen erschienen sind.
„Die ‚Morning Post‘ vom 22. Oktober bringt einen interessanten Artikel, in dem das turkophile Blatt von Unterhandlungen spricht, die zwischen Rußland und Deutschland in betreff der Abtretung des West-Weichselgebietes an Deutschland stattgefunden haben sollen. Selbstverständlich handelt es sich hier in den Augen der ‚Morning Post‘ um das Ergebnis einer Abmachung, derzufolge Deutschland sich verpflichtet, Rußland ‚bei den Eroberungen am Balkan zu helfen‘. Das Londoner Blatt fährt darauf fort, auf das bestimmteste zu behaupten, daß die Polen des Weichselgebiets an einen Aufstand jetzt überhaupt nicht dächten, ‚da sie nicht in noch bitterere Sklaverei fallen‘, d. h. nicht an Preußen fallen wollten, und daß, wenn im ‚russischen Polen‘ irgendwelche Unordnungen vorkommen sollten, diese einfach ‚die Folgen der russisch-preußischen Intrigen‘ sein würden ... Es ist auffallend, daß ein paar Tage vorher der ‚Dziennik Polski‘ über dasselbe Thema gesprochen, wenn auch in etwas anderem Tone, indem er mitteilte, die russische Regierung habe, als sie die Truppen aus dem Weichselgebiet zurückzog, daselbst unter den Bauern Blätter verteilt, in denen sie die Bauern aufforderte, von sich aus eine Art Dorfwacht zu bilden zur Beaufsichtigung der Pane und zur Unterdrückung etwaiger Versuche eines Aufstandes. Die ‚Stimme‘, die diese beiden Auszüge bringt, fragt verwundert, wozu der ‚Dziennik Polski‘ und die ‚Morning Post‘ plötzlich die unsinnige Fabel von dem russischen Aufruf an die Weichselbauern und den russisch-preußischen _agents provocateurs_ erfunden haben – zu welch einem Zweck?
Irgendein Ziel müssen diese unerwarteten Ausfälle doch verfolgen. Die genannten Zeitungen müssen wahrscheinlich Nachrichten erhalten haben, die sie einen Ausbruch von Unruhen im Weichselgebiet befürchten lassen, und so bemühen sie sich denn, den Sinn, die Ursache der Bewegung, deren Folgen sie augenscheinlich fürchten, im voraus zu entstellen. Dieses Verfahren ist nicht neu. Bekanntlich ist es auch 1863 von den Polen und deren westlichen Freunden angewandt worden. Diese Erinnerung allein zwingt schon, sich einzugestehen, daß die beiden Artikel nicht bedeutungslos sind und eine gewisse geheime Verbindung mit den früheren Artikeln der Magyarenpresse haben müssen: über die Neigung der Polen zu den Türken und ihren geheimen Wunsch, Rußlands Lage durch revolutionäre Agitation in unserem Westen zu verschlimmern. Auffallend ist dabei, daß diese beiden Artikel mit der Nachricht von der Kandidatur des Kardinals Ledochowski für den Papststuhl zusammentreffen. Wir gehören nicht, sagt ‚Die Stimme‘, zu jenen, die so gern eine übertriebene Bedeutung allen phantastischen Kombinationen zuschreiben, an die sich die Feinde Rußlands klammern, in der Hoffnung, einen für uns günstigen Ausgang des jetzigen Krieges zu verhindern. In diesem Fall aber scheint uns die Sache doch zu ernst zu sein, als daß man eine so bedeutsame Tatsache, wie das unerwartete und scheinbar durch nichts veranlaßte Erscheinen der Artikel des ‚Dziennik Polski‘ und der ‚Morning Post‘ zweifellos ist, übersehen könnte.“
Also gibt es vielleicht auch bei uns etwas, das einem Zweig der klerikalen Verschwörung ähnlich sieht. Man bedenke nur das Unsinnige der Nachricht von der Kandidatur Ledochowskis, der natürlich Pole ist – denn nur der leichtsinnige Kopf eines polnischen Agitators kann ernstlich glauben, daß das Konklave, das sich aus so feinen Köpfen zusammensetzt, fähig sein könnte, sich dermaßen zu verirren, d. h. Ledochowski zu wählen, der sich als Papst doch nur mit der Wiederherstellung seines Polens beschäftigen würde, nicht aber mit der römischen universalen Herrschaft der Päpste! Aber abgesehen davon sind die Zweige der klerikalen Verschwörung in Rußland doch nur zu ersichtlich. Die „Neue Zeit“ fügt noch hinzu:
„Die zurzeit so hartnäckige Polemik des ‚Journal de St.-Petersbourg‘ mit den italienischen klerikalen Zeitungen wegen der vermeintlichen Unterdrückung des Katholizismus in Polen zeigt gewissermaßen, daß doch Anzeichen irgendeiner Agitation in unseren westlichen Grenzgebieten vorhanden sein müssen.“
Nun, ich glaube, daß es durchaus nicht nur „Anzeichen“ sind! Das scheint vielmehr jene Partei zu sein, von der die „Moskauer Nachrichten“ sagen, daß sie im Einverständnis mit den Feinden Rußlands handelt ... und der „jede Offenbarung unseres Volksgeistes, sowie _jede Handlung unserer Regierung in diesem Geiste verhaßt ist_, und die der russische Patriotismus auf eine Stufe mit dem Nihilismus und der Revolution stellt, – die Partei, die mit der denkbar schändlichsten Korrespondenz die uns feindliche ausländische Presse nährt ...“
Ja, gerade die europäische Korrespondenz aus Rußland kann leicht, sehr leicht ihr Werk sein. Dieses Frohlocken über Rußlands Mißerfolge und dieses leichtsinnige Freudengeheul darüber, daß Rußland sich plötzlich, wie sie sagen, als „schwach erweist: ohne Geld, mit schlechtem Heer, mit unzufriedenem und schon murrendem Volke, mit einer Gesellschaft, die der Nihilismus zersetzt,“ – all diese Kleinigkeiten tragen nur zu deutlich die Merkmale ihrer bekannten Herkunft. Wie wäre es möglich, daß sich nicht auch russische Federn fänden, die bereit wären, _all’unisono_ mit den Klerikalen zu schreiben! Aber diese Korrespondenz kann, glaube ich, trotzdem nicht von Russen geschrieben worden sein: das wäre denn doch schon zu niederträchtig, zu abscheulich. Trotzdem lenken die Klerikalen, und vielleicht sogar ohne besondere Mühe, die russischen Federn nach ihrem Willen. Vielleicht überreden sie sie weder, noch lassen sie sich sonstwie auf mittelbare oder unmittelbare Unterhandlungen mit ihnen ein; denn diese gewandten liberalen Federn gehören _zuweilen_ den ehrlichsten Leuten an, die, wenn sie das nackte Angebot eines Klerikalen hörten, ihn vielleicht ohne weiteres die Treppe hinunterbefördern würden. Dafür aber weiß der Klerikale, wenigstens der, der sich bei uns ein wenig umgesehen hat, daß er zu solchen Leuten überhaupt nicht zu gehen braucht, daß die gewandte russische Feder ihm ganz umsonst alles schreiben wird, einzig, weil sie denkt – o ihr meine Lieben! –, es sei ehrlich und es sei liberal! Die gewandte Feder, zum Beispiel, empört sich über die Klerikalen, die in Frankreich Mac-Mahon umgarnen, und schreibt drohende Artikel gegen sie. Währenddessen aber bringt sie es fertig, den russischen Römisch-Klerikalen bei uns nicht nur nicht zu bemerken, sondern sie stimmt womöglich noch mit ihm in allem vollkommen überein. Wahrhaftig, solche Russen gibt es! Und diese schlauen Römisch-Klerikalen wundern sich gewiß nicht wenig über sie. „Was das ihnen doch für ein Vergnügen macht, sich immer zwischen die Stühle zu setzen,“ denken sie wohl kopfschüttelnd bei sich. „Und wie uneigennützig dabei! Ja, ja, man muß in allem bis zum Schluß liberal sein. Da schreiben sie nun, daß Rußland nicht einmal das _Recht_ habe, die Slawen zu befreien! Herrgott! das wäre ja mit Hunderttausend noch zu wenig bezahlt! Und immer, immer wieder zwischen die Stühle; allaugenblicklich, allaugenblicklich! Daß es ihnen nicht endlich weh tut! ...“
* * * * *
Zu Anfang des Sommers versuchten diese klerikalen Agitatoren sogar durch die russischen Zeitungen eine Demonstration bei uns zu veranstalten. Die Wölfe warfen sich in Schafspelze und begannen in einem Tone zu sprechen, als ob sie Abgesandte der sämtlichen polnischen „Emigranten“ im Auslande wären. Zuerst schlugen sie eine Aussöhnung vor: nehmt auch uns auf, hieß es, wir sehen, daß die künftige Vereinigung aller Slawen keinem Zweifel mehr unterliegt – und so wollen wir nicht zurückstehen. Sie sprachen ungemein zärtlich und hoben ihre Gründe hervor:
„Wir haben,“ sagten sie, „Ingenieure, Chemiker, Techniker, Handwerker usw. Viele von ihnen sind emigriert. Laßt sie zu euch!“ „Habt ihr etwa,“ fragt der Litauer, der in den „St. Petersburger Nachrichten“ einen Artikel geschrieben hat, „keine Arbeit für jenen Kreis, der zuerst Tengoborski für Rußland, Wolowski für Frankreich hervorgebracht hat? und in den Künsten, die die Sitten und den Charakter veredeln, den weltberühmten Bildhauer Brotzki und den Maler Mateiko? Solltet ihr solche Leute wirklich nicht nötig haben? Und was ließe sich noch alles von der Schar der Literaten, Publizisten, Fabrikanten und aller Art Gewerbetreibender sagen! Könntet ihr die etwa auch nicht brauchen?“ („Neue Zeit.“ Aus dem Artikel Kostomaroffs.)
Herr Kostomaroff hat darauf in der „Neuen Zeit“ als Russe geantwortet. In klaren und treffenden Auseinandersetzungen weist er nach, daß dieser ganze polnische Versöhnungsversuch für uns nur eine Falle ist, einzig zu dem Zweck erdacht, uns nichts als Verräter zuzuführen, und daß der Pole des Alten Polens Rußland und den Russen nun einmal instinktiv und leidenschaftlich haßt. Kostomaroff gibt dabei durchaus zu, daß es auch treffliche Polen gibt, Polen, die sogar mit einem Russen in Freundschaft leben, ihm in der Not helfen, ja, ihn sogar retten können. Das ist natürlich wahr. Doch sollte, wenn auch nach zwanzigjähriger Freundschaft, dieser selbe Russe diesem selben trefflichen Polen plötzlich in russischem Geiste seine politischen Überzeugungen in betreff Alt-Polens darlegen, so würde dieser Pole sofort, im selben Augenblick der offene oder geheime Feind seines russischen Freundes werden, – und zwar fürs ganze Leben, bis übers Grab hinaus, würde unversöhnlich und maßlos in seiner Feindschaft sein! Letzteres hat Kostomaroff vergessen hinzuzufügen.
Dieser ganze „Aussöhnungsversuch“ im Sommer, der sogar russische Anhänger und in Kostomaroff einen so mächtigen Opponenten gefunden hat – ist zweifellos auf klerikale Umtriebe zurückzuführen: er war einfach eine Abzweigung der europäischen klerikalen Verschwörung. Oh, diese Polen Alt-Polens versichern natürlich, daß sie keineswegs klerikal, noch papistisch, noch römisch seien, und daß wir dieses schon längst von ihnen wissen müßten. Man stelle sich jedoch nur einmal vor, daß Alt-Polen, daß all diese polnischen Emigranten, sich _nicht_ an den Papst halten sollten! Wie lächerlich die bloße Vorstellung schon ist! Die Polen sollten nicht zum Vatikan halten, sie, die so genau seine Macht zu schätzen verstehen und immer verstanden haben!? Der Vatikan ist doch Alt-Polen niemals untreu geworden, sondern hat im Gegenteil immer alle seine Pläne, mochten sie noch so phantastisch sein, aus allen Kräften unterstützt, auch wenn die anderen Reiche längst nichts mehr von ihnen wissen wollten! Dieser sommerliche Versöhnungsvorschlag ward gerade in der Zeit gemacht, als die ganze polnische Emigration gegen Rußland arbeitete, als die polnischen Legionen gegründet wurden, als die emigrierten Aristokraten in Konstantinopel mit großen Geldsummen – versteht sich, nicht ihren eigenen – erschienen. Dieser ganze Versöhnungsvorschlag war nichts als eine einzige Hinterlist, wie Kostomaroff sehr richtig bemerkt. Übrigens: sie bieten uns ihre Gelehrten, Techniker, Künstler an und sagen: „Nehmt sie auf, habt ihr sie denn etwa nicht nötig?“ Diese Polen halten uns wohl für ein wildes Volk und scheinen nicht zu ahnen, daß wir alles, was sie uns da anbieten, vielleicht selber besser haben. Doch nichts für ungut, und vor allen Dingen: warum kommen sie denn nicht? Wir haben mehrere talentvolle Polen gehabt, und Rußland hat sie geachtet und verehrt und sie nicht im geringsten vor den Russen zurückgesetzt. So kommt doch! Wozu soll man sich da noch besonders verabreden? Versöhnt euch und ergebt euch, doch wißt, daß Alt-Polen niemals mehr aufleben wird. Es gibt ein neues Polen, ein vom Zaren befreites, ein auferstehendes, eines, das fraglos dasselbe Schicksal erwarten kann, das einmal allen slawischen Völkern gemeinsam beschieden sein wird, wenn das Slawentum sich befreit und in Europa aufersteht. Doch ein Alt-Polen wird es niemals mehr geben, kann es neben Rußland nie mehr geben. Sein Ideal war, in der slawischen Welt an die Stelle Rußlands zu treten. Sonderbar, daß der polnische Journalist nur von den Gelehrten und Künstlern spricht. Aber die Führer der Emigranten, die Aristokraten? Man stelle sich doch bloß das Bild vor: Rußland würde den schmeichlerischen Worten Gehör geben und sich zur Versöhnung bereit erklären, und da kämen diese dann und fragten hochmütig: „Wie lauten eure Bedingungen?“ Denn wenn man uns vorschlägt, die Emigranten nach Rußland kommen zu lassen, die nun aber zunächst nicht kommen, so heißt das doch offenbar, daß sie _Bedingungen erwarten_. Und nun stelle man sich vor, daß Rußland sie plötzlich als ein Etwas anerkennt und sich auf derartige Unterhandlungen einläßt! Und da würden sie denn nach Rußland zurückkehren, und die Magnaten würden sofort auftrotzen und bedeutende Posten und Auszeichnungen verlangen; und darauf würde sich das Geschrei erheben, daß wir sie betrogen hätten, und schließlich würde es zu einem neuen polnischen Aufstande kommen ... Und in diese Falle sollte Rußland hineingehen! Solch eine Dummheit sollte es begehen!
Die Polen haben natürlich selber nicht geglaubt, daß sie mit diesem ungeschickten Vorschlag Rußland fangen könnten; doch rechneten sie wohl auf die russischen Parteigänger, die ja immer noch so gutmütig und reinen Herzens sind. Daß hinter allem aber die Machenschaft des Klerus steckt, daß das Ganze ein klerikaler Schritt nach Rußland ist – darüber kann kein Zweifel mehr bestehen. Es fragt sich nur: wozu dieser Schritt? – Nun, haben die Klerikalen es etwa nicht nötig, die Lage zu sondieren, die Gedanken zu verwirren, ihre eigentlichen Unternehmungen und Absichten zu verbergen, russische Parteigänger zu werben, Russisch-Polen aufzuwiegeln usw.? Als ob diese Klerikalen nicht überall ihre Berechnungen hätten!
Russische Finanzen[33]
„Und die Finanzen? Wie steht es mit einem Artikel über die Finanzen?“ – fragt man mich. Ja, bin ich denn ein Finanzmann? Wie sollte ich es wagen, über die Finanzen zu schreiben. Wenn auch ich es bin, der hier das Thema aufwirft, so wage ich das doch nur, weil ich im voraus überzeugt bin, daß ich von den Finanzen alsbald auf etwas ganz anderes übergehen werde. Das gibt mir dann andererseits freilich den Mut zu einer solchen Überschrift; denn ich weiß es ja selbst, daß ich gar nicht fähig bin, über unsere Finanzen zu schreiben, da ich auf unsere Finanzen nicht vom europäischen Standpunkt aus sehe und auch überhaupt nicht daran glaube, daß man diesen europäischen Standpunkt bei uns einnehmen kann, aus dem einfachen Grunde, weil wir nun einmal nicht „Europa“ sind und im Vergleich zu „Europa“ fast wie auf dem Monde leben.
In Europa z. B. veränderten sich die Beziehungen der niederen Stände zu den höheren, feudalen, im Laufe von Jahrhunderten, und zuletzt durch die Revolution: alles vollzog sich mit einem Wort „historisch und kulturell“. Bei uns dagegen wurde die Leibeigenschaft mit allen ihren Folgen in einem einzigen Augenblick abgeschafft, und das geschah Gott sei Dank ohne jegliche Revolution. Aber warum mußte das gleichwohl eine so ungeheuere finanzielle Erschütterung verursachen? Wahr ist ja allerdings, daß das, was plötzlich fällt, immer gefährlich fällt. Versteht sich, nicht ich bedauere es, daß die Leibeigenschaft plötzlich fiel, im Gegenteil, groß und gut war es, daß diese ganze schwere geschichtliche Sünde durch das machtvolle Wort des Zar-Befreiers von uns genommen wurde. Nichtsdestoweniger war das Naturgesetz nicht zu umgehen, und die Erschütterung war groß. Nun gut: sie mußte ja groß sein, aber warum war sie denn so ungeheuer? Jede politische Umwälzung hat ihre historischen Gesetze, und ohne Zweifel wird es auch heute schon Menschen geben, die bereits klar erkennen, warum die Folgen dieser Umwälzung so groß waren. Leider kann ich dieses Thema nicht weiter entwickeln, denn es ist zu gewaltig und umfangreich; erst ein Historiker des nächsten Jahrhunderts wird ihm gewachsen sein. Ich will nur auf einzelne Wirkungen, die von ihr ausgingen und die auffallen und beunruhigen, hinweisen. Sehen wir uns die Sache näher an. Die Leibeigenschaft wurde aufgehoben, denn sie behinderte alles, sogar die Entwicklung der Landwirtschaft. Jetzt, so schien es, mußte der Bauer seine Lage verbessern können! Doch nichts von alledem geschah: in der Landwirtschaft kam der Bauer gerade auf das Minimum von dem, was ihm sein Land geben konnte. Unser jetziges Unglück besteht hauptsächlich darin, daß es uns unbekannt ist, ob sich in Zukunft solch eine Kraft finden und worin sie bestehen wird, durch die der Bauer über das Minimum hinauskommen und seine Erde zum Maximum des Ertrages zwingen kann. Die Klugen im Lande werden behaupten, daß diese Frage längst beantwortet sei, ich aber bin fest überzeugt, daß sie noch längst nicht beantwortet sein kann, daß sie viel weiter reicht, viel tiefer greift und unvergleichlich inhaltsvoller ist, als man von ihr voraussetzt. Die ganze frühere herrschaftliche Landwirtschaft sank bis zur Kläglichkeit; doch gleichzeitig begann eine Neuordnung des Besitzstandes, es schien ein neues intelligentes Einheits- und Gesamtvolk zu entstehen. Nun, Schöneres, Besseres hätte man sich nicht wünschen können, als eine derartige Erneuerung, denn eine intelligente Führung hat das Volk nötig und es sucht nach ihr. Aber bedauerlicherweise ist auch das bei uns erst nur ein Ideal, ist wie ein schöner Vogel, der unter den Wolken herumfliegt. Die Wirklichkeit ist von diesem Ideal weit entfernt! Ja, will denn der grundherrschaftliche Stand, der frühere Gutsbesitzer, überhaupt mit dem Volke zu einer klugen, einer intelligenten Gesamtnation zusammenwachsen? Das ist die Frage, die allerwichtigste, die allerbedeutendste, die es zurzeit bei uns überhaupt gibt, und von der vielleicht unsere ganze Zukunft abhängt!
Währenddessen aber wissen wir noch längst nicht, auf welchem Wege wir sie beantworten können. Will nicht, im Gegenteil, der besitzende Stand sich über das Volk erheben, und sucht er es nicht wieder mit Macht zu beherrschen, zwar nicht mehr wie zur Zeit der Leibeigenschaft, versteht sich, aber immerhin: will er nicht, statt eine Vereinigung mit dem Volk zu erstreben, aus seiner Bildung eine neue und scheidende Macht aufrichten und es mit einer Aristokratie der Intelligenz bevormunden? Oder will er das Volk aufrichtig als seinen Bruder im Blute wie im Geiste anerkennen, das achten, was unser Volk achtet, einwilligen zu lieben, was unser Volk mehr liebt als sich selbst? Denn sonst wird er sich nie mit ihm vereinigen können! Was das Volk achtet und liebt, das hält es fest und gibt es nicht hin, auch für keine Intelligenz, selbst dann nicht, wenn es auch noch so sehr nach dieser verlangt. Alles das ist bei uns noch ganz unentschieden, ist eine Frage, die Zeit, Geschichte, Kultur und Generationen verlangt, uns aber steht es wieder bevor, sie in einem einzigen Augenblicke zu entscheiden. Das ist ja eben der Unterschied zwischen uns und Europa, daß bei uns die Dinge nicht auf „historischem und kulturellem“ Wege sich entwickeln können, sondern schnell und ganz plötzlich sich entwickeln müssen, oft geradezu – wie in diesem Falle – auf völlig unvorhergesehenen staatlichen Befehl und Willen. Sie werden mir zugeben, daß Europa eine solche Geschichte nicht kennt. Wie kann man da von uns „Europa“ verlangen, und gar Finanzen nach „europäischem System“? Ich, zum Beispiel, glaube wie an ein ökonomisches Axiom, daß in einem Staate nicht die Eisenbahnaktionäre, nicht die Industriellen, nicht die Millionäre, nicht die Banken und nicht die Juden das Land beherrschen, sondern allen voran und ganz allein die Landwirte: denn wer das Land bearbeitet, der zieht alles andere mit sich. Der Landmann ist die Quintessenz, der Kern, das Mark des Reiches. Wie ist es aber bei uns, ist es hier nicht gerade umgekehrt? Beherrschen uns nicht gerade die ökonomischen Kräfte, der Eisenbahnaktionär und der Jude? Europa baute seine Eisenbahnen ein halbes Jahrhundert lang – und das bei seinem Reichtum! Bei uns dagegen wurden die letzten fünfzehn- bis sechzehntausend Werst Eisenbahn in zehn Jahren gebaut – und das bei unserer Armut und in einer ökonomisch so zerrütteten Zeit: gleich nach der Aufhebung der Leibeigenschaft! Alles Kapital wurde dorthin gezogen, gerade als das Land es am meisten brauchte. Die Eisenbahn wurde gleichsam auf die zerrüttete Landwirtschaft gebaut. Und ist denn die Frage des privaten Landbesitzes bei uns überhaupt schon beantwortet? Wird der Einzelbesitz sich neben dem Bauernland halten können und seine bestimmte Arbeitskraft finden, aber eine gesunde und feste, und nicht auf das Proletariat und die Schenke angewiesen sein? Was kann da Gutes herauskommen, solange nicht eine vernünftige Lösung dieses Problems gefunden ist? Wir haben gesunde Entschlüsse nötig, früher werden wir nicht zur Ruhe kommen. Und nur die Ruhe ist die Quelle jeder großen Kraft. Wie kann man bei uns jetzt europäische Budgets und geordnete Finanzen verlangen, wo es doch noch ein Rätsel ist, wie wir überhaupt all dem haben standhalten können, was auf uns einstürmte? – Nur mit der großen, verbindenden Volkskraft haben wir standzuhalten vermocht!