Part 23
Und welch ein ernstes Thema! Denn was heißt jetzt: unsere Zeit? Alle, die mit Verstand begabt sind, sagen, daß unsere Zeit im wahrsten Sinne des Wortes eine diplomatische Zeit sei, eine Zeit der Entscheidung aller Völkerschicksale einzig durch die Diplomatie. Man behauptet zum Beispiel, daß irgendwo bei uns Krieg geführt werde; doch höre und lese ich überall, daß, wenn auch dort irgendwo so etwas wie Krieg vor sich geht, dieser Krieg doch bestimmt nicht als wirklicher Krieg aufgefaßt werden darf ... Jedenfalls ist man übereingekommen, erstens, daß dieser Krieg auch nicht einer einzigen von den gesunden Verrichtungen der Nation hinderlich sein könnte, die, nach den neuesten Ansichten alles dessen, was „Allwissenheit“ genannt wird, vornehmlich – was sage ich! – _ausschließlich_ in der Diplomatie ruhen; und zweitens, daß diese militärischen Spaziergänge, Manöver usw., die übrigens immer unentbehrlich sind, im wahrhaften Sinne der Dinge nicht mehr als bloß eine der Phasen der höheren Diplomatie ausmachen, und weiter nichts. Man muß es glauben. Ich für meinen Teil bin nun sehr gern dazu bereit, denn das ist doch tatsächlich beruhigend. Aber siehe, einstweilen ist da etwas, was nicht uninteressant und dabei noch ungemein auffallend ist: Bei uns entbrannte zum Beispiel die Orientfrage: und sofort flammte sie auch in ganz Europa auf, ja dort sogar noch früher als bei uns – und das ist nur zu verständlich. Alle, und selbst die Nicht-Diplomaten, – natürlich die Nicht-Diplomaten ganz besonders –, alle wissen „schon längst“, daß die Orientfrage sozusagen eine der Weltfragen ist, eines der wichtigsten Kapitel unter den großen und nächstliegenden Entscheidungen der Menschenschicksale, ja, daß sie die neue Phase derselben bedeutet. Wie man weiß, geht diese Angelegenheit nicht nur Osteuropa an, nicht nur die Slawen, Russen und Türken, oder vor allen anderen irgendwelche Bulgaren, sondern auch den ganzen Westen Europas, und zwar keineswegs nur wegen der Meere und Meerengen, der beherrschenden Ein- und Ausgangspunkte, sondern aus viel tieferen, viel fundamentaleren, elementareren, gegenwärtigeren, wesentlicheren, grundsätzlicheren Gründen ... Darum ist es begreiflich, daß Europa sich aufregt und die Diplomatie so viel zu tun hat. Aber was hat denn die Diplomatie dabei zu tun? Was hat sie denn – besonders jetzt – in der Orientfrage zu tun? Sache der Diplomatie ist doch jetzt (anderenfalls würde sie überhaupt nicht Diplomatie sein), die Orientfrage zu konfiszieren und allen, die es wissen wollen oder nicht wollen, dies bleibt sich gleich, so schnell wie möglich zu versichern, daß es eine „Orientfrage“ überhaupt nicht gibt; daß alles dieses „nur so“ geschehe, nur Manöver sei mit Ausflügen zur Übung, und wenn es nur irgend möglich ist, noch zu versichern, daß die Orientfrage nicht nur _jetzt nicht_ vorhanden, sondern _überhaupt nie_ in der Welt dagewesen sei, daß man vor hundert Jahren „nur so“ Dunst verbreitet habe aus bestimmten, natürlich gleichfalls diplomatischen Gründen. Aufrichtig gestanden, dem könnte man ja beinahe Glauben schenken, wenn sich nicht gerade hier ein Rätsel auftun würde, jedoch schon kein diplomatisches (das ist ja der Jammer!), denn die Diplomaten würden sich niemals dazu herablassen, sich mit solchen Rätseln zu befassen. Oh, verachtend würden sie diesem Rätsel den Rücken kehren, denn sie halten es für eine Illusion, die höherer Gehirne unwürdig ist. Dieses Rätsel ließe sich folgendermaßen formulieren: „Warum geschieht es immer, und besonders in der letzten Zeit, d. h. seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, und je weiter, desto anschaulicher und greifbarer, daß sich, kaum daß in der Welt irgend etwas Allgemeines, Universales berührt wird, neben der einen irgendwo erhobenen Weltfrage ihr parallel sofort auch _alle anderen_ Weltfragen erheben?“ So hat zum Beispiel Europa jetzt an der einen, der Orientfrage, noch nicht genug, und es erhebt sich unerwartet-unverhofft plötzlich in Frankreich gleichfalls eine Weltfrage – die katholische. Und diese katholische Frage erhebt sich nicht etwa nur deshalb, weil der Papst bald sterben wird und Frankreich dann als Repräsentant des Katholizismus dafür sorgen muß, daß nicht das Geringste verschwindet oder sich verändert in der durch Jahrhunderte aufgebauten Organisation des Katholizismus, sondern auch noch deswegen, weil der Katholizismus in Frankreich augenscheinlich zur Fahne erwählt worden ist, unter der sich alle alten Einrichtungen der ganzen neunzehn Jahrhunderte versammeln sollen, – zur Verbündung gegen etwas Neues, Kommendes, schon Gegenwärtiges und Verhängnisvolles, gegen die drohende Welterneuerung, gegen den sozialen wie moralischen fundamentalen Umsturz im ganzen westeuropäischen Leben, oder wenigstens, wenn diese Erneuerung auch nicht in Erfüllung geht, so doch gegen die furchtbare Erschütterung und ungeheuere Revolution, die da unheimlich droht, alle Reiche der Bourgeosie in der ganzen Welt, überall, wo sie sich organisiert haben und aufgebläht sind, nach der französischen Schablone von 1789 zu verdrängen und sich auf ihren Platz zu setzen. Übrigens, ich sehe mich gezwungen, hier ein notwendiges _Notabene_ einzufügen: ich fühle schon voraus, daß es vielen Klugen und besonders den Liberalen lächerlich erscheinen wird, daß ich noch im neunzehnten Jahrhundert Frankreich ein „katholisches“ Reich nenne, und gar den Repräsentanten des Katholizismus! Darum sage ich zur Rechtfertigung meiner Meinung, vorläufig ohne sie weiter zu begründen, daß Frankreich gerade solch ein Land ist, welches selbst dann, wenn in ihm kein einziger Mensch übrigbliebe, der nicht nur nicht mehr an den Papst, sondern nicht einmal mehr an Gott glaubte, trotzdem fortfahren würde, ein katholisches Land _par excellence_ zu sein, gewissermaßen der Repräsentant des ganzen katholischen Organismus – und das wird noch sehr lange so bleiben, ja bis in die Unendlichkeit hinein, vielleicht bis zu der Zeit, da Frankreich überhaupt aufhören wird, Frankreich zu sein, und sich in irgend etwas anderes verwandelt. Doch das ist noch nicht alles: sogar der Sozialismus hat in Frankreich nach der katholischen Schablone, mit katholischer Organisation und ganz in seinem Geist eingesetzt: in solchem Maße ist dieses Land katholisch! Den Beweis dafür werde ich vorläufig noch schuldig bleiben. Nur auf eines will ich kurz hinweisen: was veranlaßte den Marschall Mac-Mahon so plötzlich mir nichts, dir nichts gerade die katholische Frage aufzuwerfen? Dieser tapfere General – der, nebenbei bemerkt, fast überall geschlagen worden ist und in der Diplomatie sich ausschließlich durch das kurze Sätzchen: „_j’y suis et j’y reste_“ ausgezeichnet hat – dieser General scheint nicht gerade solch ein Tatmensch zu sein, daß er fähig gewesen wäre, _mit vollem Bewußtsein_ irgend etwas Derartiges zu vollführen. Aber siehe da, er hat es doch fertiggebracht, die kapitalste der alteuropäischen Fragen zu erheben, und zwar gerade in der Form, in welcher sie sich einmal unbedingt erheben mußte. Doch das Wichtigste: warum überhaupt und warum gerade in dem Augenblick diese Frage erheben, da sich am anderen Ende der Welt eine andere Weltfrage erhoben hat? Warum reiht sich Frage an Frage, warum ruft die eine die andere hervor, während doch, wie man meinen sollte, keinerlei Beziehung zwischen ihnen besteht? Ja, und nicht nur diese beiden Fragen haben sich zu gleicher Zeit erhoben: mit der Orientfrage erhoben sich auch noch _andere_, und es werden sich _noch_ andere erheben, wenn sich die erstere nur richtig entwickelt. Kurz, in unserem Jahrhundert haben alle wichtigen Fragen Europas und der Menschheit sich immer zu gleicher Zeit erhoben. Diese Gleichzeitigkeit ist es nun, die mich frappiert. In dieser Gesetzmäßigkeit, mit der alle Fragen unbedingt zusammen erscheinen, liegt für mich das Rätsel! Doch weshalb sage ich das alles? – Nun, weil die Diplomatie gerade auf solche Fragen mit Verachtung herabblickt. Sie erkennt solche Zusammentreffen nicht nur nicht an, sie will nicht einmal an sie _denken_. Hirngespinste nennt sie sie, Unsinn und Dummheiten: „Nein, davon ist nichts passiert; nur der Marschall Mac-Mahon, oder richtiger, seine Frau Gemahlin, hat da irgend etwas einfach gewollt, und infolgedessen ist dann alles so gekommen, wie es gekommen ist.“ Und darum bin ich – ungeachtet dessen, daß ich selbst es ausgesprochen habe, als ich diesen Aufsatz begann: daß unsere Zeit eine diplomatische _par excellence_ und alles übrige nur Phantasterei sei – bin ich selbst als erster gezwungen, daran nicht zu glauben. Nein, hier gibt es ein Rätsel! Nein, hier entscheidet nicht die Diplomatie allein, sondern noch irgend etwas anderes. Und ich muß gestehen, dieses Ereignis verwirrt mich nicht wenig: ich war so gern bereit, an die Diplomatie zu glauben ... aber diese neuen Fragen – die sind ja nur neue Scherereien und sonst nichts ...
Niemals ist Rußland so mächtig gewesen wie jetzt, – eine
nicht-diplomatische Auffassung
In der Tat, da habe ich nun eine Frage gestellt und bin ihr vorläufig ohne Begründungen nachgegangen. Doch schon lange vor dieser Frage – ich meine die Erscheinung, daß alle Weltprobleme sich gleichzeitig einstellen, kaum daß sich eines von ihnen erhebt – hat sich mir schon eine andere unvergleichlich einfachere und natürlichere Frage gestellt, der jedoch, eben weil sie so einfach und natürlich ist, die „Klugen des Landes“ noch so gut wie überhaupt keine Aufmerksamkeit zu schenken pflegen. Mag auch die Diplomatie zu allen Zeiten und in allen Ländern die Schiedsrichterin aller wichtigen und fundamentalen Fragen der Menschheit gewesen sein und es auch in Zukunft bleiben, – aber hängt denn nun wirklich, frage ich, die endgültige Lösung der Menschheitsfragen nur von ihr ab? Kommt nicht vielmehr in jeder Frage eine Phase, ein Moment, da es mit den bekannten diplomatischen Mittelchen, den Flickchen, nicht mehr geht? Und wenn auch alle Weltfragen vom diplomatischen Standpunkt aus, das heißt soviel wie von dem der gesunden Vernunft, ihre Erklärung einzig darin finden, daß diese oder jene Macht einfach ihre Grenzen erweitern wollte, oder daß irgendein tapferer General persönlich irgend etwas wollte, oder daß einer bestimmten vornehmen Dame etwas nicht gefallen hat usw. (Möge das alles unwiderruflich wahr sein, hier muß ich schon nachgeben, denn gegen Allwissenheit bin ich machtlos) ... Aber trotzdem: kommt nicht doch einmal ein gewisser Augenblick – gerade bei diesen allerrealsten Ursachen und ihren Erklärungen –, ein Punkt im Verlaufe der Sache, eine Phase, da mit einem Male irgendwelche ganz sonderbare, sagen wir, unbegreifliche und rätselhafte Mächte plötzlich alles erobern, die ganze Gesamtheit ergreifen und blind, unaufhaltsam nach sich ziehen, als ob es einen Berg hinabginge, und ... ja und warum dann nicht auch in den Abgrund mit ihnen stürzen? Eigentlich will ich ja nur wissen: verläßt sich nun die Diplomatie immer so auf ihre Mittel, daß sie ähnliche Mächte (oder Momente oder Phasen) überhaupt nicht fürchtet, oder glaubt sie, daß sie einfach nicht vorhanden seien? Leider scheint es, daß sie noch immer letzteres tut, und ebendeshalb frage ich: Wie soll ich ihr da nun Glauben schenken und mich ihr anvertrauen? Und wie kann ich sie dann für die endgültige Schiedsrichterin der Schicksale einer noch so unvernünftigen, kindischen Menschheit ansehen!?
Kaidanoff hat in seiner „Neuen Geschichte“ zu Anfang des Abschnittes, der die Französische Revolution und Napoleon I. behandelt, folgenden Satz geschrieben: „Eine tiefe Stille herrschte in ganz Europa, als Friedrich der Große auf ewig seine Augen schloß; aber noch nie war eine ähnliche Stille einem so großen Sturme vorhergegangen.“ Diese Einleitung habe ich für mein ganzes Leben behalten. In der Tat, wer konnte damals, als Friedrich der Große starb, auch nur entfernt ahnen, was mit den Menschen und mit Europa in den folgendem dreißig Jahren geschehen sollte? Ich rede nicht von irgendwelchen gebildeten Leuten, oder selbst Schriftstellern, Journalisten, Professoren. Alle wurden sie bekanntlich irre: Schiller, zum Beispiel, schrieb damals einen Dithyrambus auf die Eröffnung der Nationalversammlung; der in Europa herumreisende junge Karamsin[31] sah mit bebendem Herzen auf das gleiche Ereignis; in Petersburg aber, bei uns in Rußland, glänzte noch immer die Marmorbüste Voltaires. Nein, ich wende mich mit meiner Frage unmittelbar an die höchste Allwissenheit, unmittelbar an die Entscheider der Menschenschicksale – an die Herren _Diplomaten_: haben sie damals auch nur etwas von dem vorausgesehen, was dann in den folgenden dreißig Jahren geschehen ist?
Könnte ich nun diese Frage den Diplomaten persönlich stellen und sollten sie geruhen, mich anzuhören, so würden sie mir bestimmt mit hochmütigem Lächeln antworten: „Zufälle lassen sich nicht voraussehen, und unsere ganze Weisheit besteht bloß darin, daß man sich auf alle Zufälle vorbereitet.“
Das ist die typische Antwort ... wenn ich sie mir auch selbst ausgedacht habe, da ich doch keinen Diplomaten mit solchen Fragen belästigen darf, – wie sollte ich denn! Doch mein ganzes Entsetzen liegt in meiner Überzeugung, daß man mir gerade so und nicht anders geantwortet hätte, und darum habe ich auch die Antwort eine „typische“ genannt. Denn was waren diese Ereignisse des letzten Dezenniums des vorigen Jahrhunderts in den Augen der Diplomaten anderes als – „_Zufälle_“? Waren es und sind es noch heute! Und Napoleon erst gar – ach, der! – der ist schon ein Erz-Zufall! Wäre Napoleon nicht gekommen, wäre er dort unten in Korsika in seinem dritten Lebensjahre an den Masern gestorben, so würde selbstverständlich auch der ganze dritte Stand der Menschheit, die Bourgeosie, nicht heraufgekommen sein, um das ganze Antlitz Europas zu verändern – was sich bis heute noch fortsetzt –, sondern wäre da in Paris ruhig bei sich zu Hause geblieben!
Es scheint mir nämlich, daß auch unser Jahrhundert im alten Europa mit irgend etwas Kolossalem enden wird, das heißt, vielleicht nicht gerade mit etwas, das buchstäblich dem gleicht, womit das achtzehnte Jahrhundert endete, aber immerhin mit etwas ebenso Kolossalem, Elementarem und Furchtbarem und gleichfalls mit einer totalen Veränderung des Antlitzes dieser Welt – wenigstens im Westen des alten Europa. Und nun, wenn unsere Allwissenden versichern werden, daß man _Zufälle_ doch nicht voraussehen könne usw., ja, wenn ihnen in betreff dieses Finales noch überhaupt nichts in den Kopf gekommen ist, so ...
Mit einem Wort: Flickchen, Flickchen, Flickchen drauf!
Nun, seien wir vernünftig, warten wir ab. Flickchen sind doch, je nachdem wie man’s nimmt, auch eine notwendige und nützliche Sache und obendrein noch eine vernünftige und praktische, um so mehr, als man mit Flickchen z. B. den Feind hinter das Licht führen kann. Also: bei uns gibt’s jetzt Krieg, und sollte es geschehen, daß Österreich sich feindlich zu uns stellt, so kann man ihm mit einem „Flickchen“ gerade prachtvoll die Augen verbinden, was es übrigens mit Vergnügen geschehen lassen wird – denn was ist Österreich? Selbst ist es schon dem Tode nahe, will auseinanderfallen, ist genau so ein „kranker Mann“ wie die Türkei, ja, ist vielleicht noch schlimmer krank als diese. Es ist ein Musterbeispiel von innerlich sich feindlichen Vereinigungen, allen möglichen Dualismen, allen möglichen Völkern, Ideen, allen möglichen Uneinigkeiten und entgegengesetzten Bestrebungen; da gibt es Ungarn, Slawen, Deutsche und das Reich der Juden ... Jetzt aber, wo die Diplomatie ihm dermaßen den Hof macht, kann es ja wahrhaftig von sich denken, daß es – eine Macht sei, die tatsächlich viel zu bedeuten habe und bei der Schicksalsentscheidung der Völker noch eine große Rolle spielen könne. Eine solche Selbsttäuschung, die mittels besagter Hofmacherei und Flickchen hervorgerufen wird, ist jedoch für die Entscheidung der Schicksale der slawischen Völker sehr vorteilhaft, denn sie kann den Feind eine Zeitlang einschläfern; im Augenblick der Entscheidung aber, wenn die Binde von seinen Augen fällt und er plötzlich sieht, daß ihn niemand fürchtet, daß er nichts weniger als eine Macht ist, – kann er dann nur noch verwirrt stehen bleiben und zusehen, wie er seinen Mut verliert. Eine andere Sache ist es mit England: das ist etwas Ernsteres, – zumal es augenblicklich um seine fundamentalsten Unternehmungen furchtbar besorgt ist. England kann man mit Flickchen und Hofmacherei nicht einschläfern. Was man ihm da auch erzählen wollte, es würde doch nie und nimmer glauben, daß die riesige, heute die mächtigste Nation der Welt, die ihr Schwert gezogen und die Fahne der großen Idee erhoben und schon die Donau überschritten hat, in der Tat beabsichtige, die Aufgaben, die sie sich gestellt, sich selbst zum Nachteil und nur England zum Vorteil zu lösen; denn jede Verbesserung der Lage der slawischen Völker ist für England _in jedem Falle_ ein offenbarer Nachteil, und mit Flickchen macht man ihm da kein X mehr für ein U vor: England würde einfach keinem einzigen Worte glauben. Ja, und mit welchen Argumenten könnte man es denn überzeugen? Etwa mit: „ich werde nur ein bißchen _anfangen_, doch nicht beenden“? Aber in der Politik ist ja der Anfang einer Sache so gut wie alles, denn der Anfang führt ganz naturgemäß früher oder später doch zu einem Ende. Was will es besagen, daß der Abschluß sich nicht gerade „heute“ vollzieht, – dann wird er eben „morgen“ stattfinden. Wie gesagt, die Engländer würden uns doch kein Wort glauben, und darum – sollten auch wir England keinen Glauben schenken, oder höchstens so wenig wie irgend möglich ... selbstverständlich brauchen wir ihm das nicht gleich zu sagen. Auch wäre es nicht schlecht für uns, wenn wir unsererseits dahinterkämen, daß England momentan in der kritischsten Lage ist, in der es sich je befunden hat. Diese seine kritische Lage kann man mit dem einzigen Wort „Isolierung“ bezeichnen, denn vielleicht ist England noch niemals so furchtbar vereinsamt gewesen wie jetzt. Oh, wie froh wäre es, könnte es irgendwo in Europa einen Freund finden – wie herzlich gern würde es dann eine _entente cordiale_ schließen! Zu seinem Unglück aber hat es in Europa wohl noch nie eine für neue _ententes cordiales_ ungünstigere Zeit gegeben als die gegenwärtige; denn gerade jetzt hat sich in Europa alles gleichzeitig erhoben, alle Weltfragen zugleich, und mit ihnen auch alle Weltwidersprüche, so daß jedes Volk und jedes Reich furchtbar viel bei sich zu Hause zu tun hat. Und da das englische Interesse nicht universal ist, sondern sich schon längst von allem und von allen isoliert hat und nur noch England allein angeht, so wird dieses Land eben, wenigstens eine Zeitlang, vollkommen vereinsamt bleiben. Versteht sich, es könnte sich ja sogar mit solchen Mächten vereinigen, die bei gleichen Vorteilen andere Ziele verfolgen – „ich verschaffe dir dieses, du mir aber dafür jenes!“ Doch bei dem besonderen Charakter der gegenwärtigen Sorgen Europas ist es für England schwer, einen derartigen Verbündeten zu finden, wenigstens in diesem Augenblick, und es wird lange warten müssen, bis sich in der weiteren Entwicklung ein Moment einstellt, in dem man auch ihm erlauben wird, sich mit seiner Freundschaft wieder irgend jemandem aufzudrängen. Außerdem braucht England vor allen Dingen ein für sich vorteilhaftes Bündnis, d. h. eines, bei welchem es alles nimmt, selber aber nach Möglichkeit _nichts_ wiederzugeben hat. Nun ist aber gerade ein so vorteilhaftes Bündnis jetzt am schwersten zu schließen, und so muß denn England zunächst in seiner Einsamkeit verbleiben. Ach, wenn wir Russen uns doch dieser Vereinsamung geschickt bedienen könnten! Doch da höre ich noch einen anderen Seufzer: „Ach, wenn wir doch weniger skeptisch wären und daran glauben könnten, daß es wirklich Weltfragen gibt und sie nicht nur Hirngespinste sind!“ Das Unglück ist ja, daß bei uns in Rußland ein sehr großer Teil unserer Intelligenz Europa immer irgendwie _nicht richtig_ sieht und einschätzt, nicht so, wie es jetzt ist, sondern stets irgendwie veraltet. Man versteht nicht, _in die Zukunft_ zu sehen, das ist es, und man urteilt nur nach dem Vergangenen, nach längst Vergangenem!
Währenddessen aber existieren die Weltfragen tatsächlich, – und wie soll man denn nicht an sie glauben, und noch dazu wir? Zwei von ihnen haben sich schon erhoben und werden nicht mehr von menschlicher Allwissenheit gelenkt, sondern von ihrer elementaren Macht, ihrer organischen Notwendigkeit, und können nicht ohne Lösung bleiben, trotz aller Berechnungen der Diplomatie. Aber es gibt auch noch eine dritte Frage, gleichfalls eine universale, eine, die sich gerade jetzt zu erheben beginnt. Diese Frage kann man im speziellen „die deutsche“ nennen, aber in Wirklichkeit und im ganzen ist sie mehr als jede andere eine europäische; denn sie ist mit dem Schicksal ganz Europas und dem aller übrigen Weltfragen so eng wie nur möglich verbunden ... Und doch sollte man meinen, so dem Äußeren nach zu urteilen, daß es nichts Ruhigeres und Ungestörteres geben könne, als das gegenwärtige Deutschland: im Bewußtsein seiner Macht blickt es um sich, beobachtet und wartet ab. Alle brauchen es mehr oder weniger, und mehr oder weniger hängen alle von ihm ab. Und doch ... ist das Ganze eine Täuschung! Das ist es ja eben, daß jetzt alle in Europa mit ihrer eigenen Sache beschäftigt sind: bei jedem hat sich jetzt eine eigene allerwichtigste Frage eingestellt, eine Frage von einer Wichtigkeit, wie die Existenz selber, wie Sein oder Nichtsein. Und siehe, genau so eine Frage hat sich nun auch in Deutschland eingefunden, und gerade in dem Augenblick, da sich auch die anderen Weltfragen erhoben haben – und dieser Zustand Europas, füge ich vorausgreifend hinzu, ist für Rußland augenblicklich von unschätzbarem Vorteil! Denn noch niemals ist Rußland für Europa etwas so Unentbehrliches und in seinen Augen so mächtig gewesen und zu gleicher Zeit so entfernt von den wichtigsten und furchtbarsten Fragen, die sich im alten Europa erheben, aber _nur_ das alte Europa und nicht Rußland angehen. Und noch nie wäre ein Bündnis mit Rußland in Europa so hoch eingeschätzt worden wie jetzt, und noch nie hätte Rußland sich mit größerer Freude dazu Glück wünschen können, daß es nicht das alte Europa ist, sondern das neue, daß es selbst, in sich, eine besondere, mächtige Welt darstellt, für die gerade jetzt der Augenblick gekommen ist, in eine neue und höhere Phase der Macht einzutreten und von den verhängnisvollen Fragen, an die das alte, hinfällige Europa gefesselt ist, unabhängiger denn je zu werden.
Die römisch-klerikale Verschwörung in Rußland
Es ist nicht lange her,[32] daß ich in den „Moskauer Nachrichten“ folgende Stelle im Leitartikel fand:
„Vor drei Tagen lenkten wir in einem Leitartikel die Aufmerksamkeit unserer Leser auf eine gewisse Partei, die innerhalb Rußlands im Einverständnis mit unseren Feinden ihre häßliche Tätigkeit betreibt und sogar bereit ist, den Türken zu helfen. Es ist eine Partei russischer Anglo-Magyaren, denen jede Offenbarung unseres Volksgeistes, sowie jede Handlung unserer Regierung in diesem Geiste verhaßt ist, und die der russische Patriotismus auf eine Stufe mit dem Nihilismus und der Revolution stellt, – eine Partei, die mit der denkbar schändlichsten Korrespondenz die uns feindliche ausländische Presse nährt. Kaum war der Artikel in Druck gegeben worden, als ein Telegramm unseres Petersburger Korrespondenten uns von der im ‚Regierungsanzeiger‘ veröffentlichten Aufdeckung neuer Taten dieser Partei benachrichtigte. Zur selben Zeit, da unsere Armee zwischen Plewna und Orchanie glänzende Siege errang, verbreitete man in Petersburg Gerüchte von Niederlagen, die diesen selben siegreichen Truppen beigebracht sein sollten. Das Ziel dieser Intrige ist natürlich, dem Volk auf diese Weise den Mut zu rauben, und zwar fährt man auch jetzt noch fort, sich so eifrig darum zu bemühen, daß die Regierung für nötig befunden hat, das Publikum vor ähnlichen Gerüchten ein für allemal zu warnen.“