Part 13
Sie haben es bewunderungswürdig gewandt begonnen: schon allein, daß sie eine Zeit gewählt, in der alles zu ihrem Vorteil wie vorherbestimmt zusammentraf. Beginnen mußten sie unbedingt damit, daß sie die Republikaner, die den Papst um keinen Preis unterstützen, und die sich niemals zu einem neuen Krieg gegen Deutschland entschließen würden, nach Hause schickten. So haben sie es denn auch getan. Darauf hieß es, den Marschall Mac-Mahon zwingen, einen unverbesserlichen Fehler zu begehen – unbedingt einen unverbesserlichen –, um ihn auf einen Weg zu treiben, auf dem es kein Zurück mehr gibt. Das ist gleichfalls glücklich geschehen: er hat die Republikaner verjagt und verkündet, daß sie nicht mehr zurückkehren würden. So ist jetzt schon ein guter Grundstein gelegt, und die Klerikalen sind vorläufig zufrieden: sie wissen, daß, im Falle das französische Volk wieder die republikanische Mehrheit schicken sollte, der Marschall die Abgeordneten zurückschicken wird. Gambetta hat allerdings erklärt, Mac-Mahon müsse sich entweder der Entscheidung des Landes fügen oder seinen Posten verlassen. Dasselbe erklären nach ihm auch alle Republikaner; doch vergessen sie bloß, daß die Devise des Marschalls „_J’y suis et j’y reste_“ ist, und er sich von seinem Sessel nicht erheben wird. Seine Hoffnung setzt der Marschall natürlich auf die Ergebenheit der Armee. Dieser Ergebenheit der Armee – dem Marschall oder sonst wem – wollen sich nun auch die Klerikalen bedienen. Wäre nur erst die staatliche Umwälzung für sie vollzogen, dann könnten sie ja schon steuern, wohin sie wollen! Am wahrscheinlichsten ist, daß es so auch geschehen wird: sie werden den Usurpator einfach umringen und dann nach Gutdünken lenken. Doch selbst, wenn sie nicht mehr da wären, würde die Sache jetzt schon ohne sie ganz von selbst gehen: die gute Saat ist von ihnen in den richtigen Boden gesät, – wenn nur die staatliche Umwälzung sich vollziehen würde! Sie wissen, welch einen kolossalen Eindruck auf den Fürsten Bismarck _jede staatliche Veränderung in Frankreich_ macht. Schon 1875 wollte er Frankreich den Krieg erklären, da er fürchtete, der Feind könne, wenn es mit seiner Erholung und Erstarkung immer so weiter bergauf ginge, gar bald gefährlich werden. Die Republikaner freilich, die er begünstigte, hätten es um nichts in der Welt gewagt, mit ihm einen Krieg zu beginnen, und so war er denn bis jetzt zum Teil beruhigt, da er sie an der Spitze des feindlichen Reiches wußte, sogar trotz der von Jahr zu Jahr größeren Erstarkung desselben. Dafür aber regt ihn jede neue Regierungsveränderung in Frankreich natürlich ungemein auf. Und in welch einem Augenblick: da Deutschlands natürlicher Verbündeter durch den Krieg gegen die Türkei in Anspruch genommen ist, da Österreich – der alte Gegner Deutschlands –, in dem so viel Deutschland feindliche katholische Elemente stecken, plötzlich seinen Wert so hoch schätzt, und da England schon seit dem Ausbruch des Türkenkrieges mit einer so gereizten Ungeduld sich in Europa einen Bundesgenossen sucht! Wie nun, wird man in Berlin denken, wenn Frankreich mit seiner zukünftigen Regierung an der Spitze, die von den Klerikalen beherrscht und gelenkt wird, – wie nun, wenn Frankreich plötzlich errät, daß für den Vergeltungskrieg, wenn er überhaupt einmal geführt werden soll, eine bessere Gelegenheit, als die gegenwärtige, sich niemals mehr wird finden lassen, und ebensowenig jemals wieder so bedeutende Verbündete, wie jetzt? Und wie nun, wenn gerade zu der Zeit der Papst stirbt? Wie, wenn die Klerikalen die neue französische Regierung zwingen, Bismarck zu melden, daß seine Ansichten über die Wahl des neuen Papstes mit den Ansichten Frankreichs nicht übereinstimmen, – was bestimmt geschehen wird, wenn die Republikaner sich stürzen lassen – –? Wie, wenn auch die neue französische Regierung zu gleicher Zeit errät, daß sie, wenn es ihr gelänge – in Anbetracht der Möglichkeit, in Europa mächtige Verbündete zu finden – wenigstens eine der 1871 verlorenen Provinzen zurückzuerobern, dadurch ihre Macht und ihren Einfluß im Lande mindestens auf zwanzig Jahre befestigen könnte? Nun, wie soll man sich da nicht aufregen?
Und dann gibt es hierbei noch einen kleinen Umstand: der Deutsche ist hochmütig und stolz, der Deutsche wird Ungehorsam nicht ertragen. Bis jetzt war Frankreich gehorsam unter voller Vormundschaft Deutschlands, gab Rechenschaft auf seine Anfragen fast über jede Bewegung, die es tat, mußte Entschuldigungen machen und Erklärungen schicken für jede dem Heere neu hinzugefügte Division, für jede neue Batterie. Und plötzlich erkühnt sich dieses selbe Frankreich, das Haupt zu erheben! So können die Klerikalen eigentlich darauf rechnen, daß Fürst Bismarck womöglich selber als erster den Krieg beginnen wird. Er hat es ja schon einmal tun wollen, – 1875. Den Krieg jetzt nicht beginnen, heißt Frankreich auf ewig aus den Händen lassen. Allerdings war 1875 die Situation nicht wie heute, doch wenn Österreich zu Deutschland hält, so ... Mit einem Wort, bei der kürzlichen Zusammenkunft der deutschen und österreichischen „Premiers“ ist wahrscheinlich nicht nur über die Balkanfrage gesprochen worden. Und wenn es jetzt irgendwo ein Reich gibt, das in der vorteilhaftesten außenpolitischen Lage ist, so ist das zweifellos Österreich!
Österreichs gegenwärtige Gedanken
„Wieso?“ wird man fragen.[16] „In Österreich sind jetzt Unruhen; halb Österreich will nicht, was seine Regierung will; in Ungarn kommt es zu Manifestationen; Ungarn brennt vor Begierde, mit den Türken gegen die Russen zu kämpfen; man hat sogar eine Verschwörung entdeckt, tatsächlich: eine englisch-magyarisch-polnische! Anderseits sieht die österreichische Regierung auch auf die slawischen Elemente, die ihr Land bewohnen, mit einem gewissen Mißtrauen, obgleich diese bis jetzt noch zur Regierung halten. Wie kann man also sagen, daß Österreich zurzeit in der vorteilhaftesten politischen Lage sei, in der sich ein europäisches Reich nur befinden kann?“
Ja, das ist wahr. Wahr, daß die katholische Tätigkeit sich fraglos auch auf Österreich erstreckt. Die Klerikalen sind weitsichtige Leute: wie sollten sie die augenblickliche Bedeutung dieses Landes nicht zu schätzen wissen, wie sollten sie die Gelegenheit vorübergehen lassen! Und schon, versteht sich, haben sie die Gelegenheit benutzt, um in diesem katholischen „allerchristlichsten“ Lande alle möglichen Unruhen unter den bis zur Unkenntlichkeit verschiedensten Vorwänden, Formen und Ausartungen zustande zu bringen. Nun noch eines: wer weiß, vielleicht ist man in Österreich, obgleich man sich natürlich den Anschein gibt, als ärgere man sich sehr über diese Unruhen, in Wirklichkeit gar nicht so ungehalten über sie. Ja, vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall: man „bewahrt“ diese Unruhen _für alle Fälle_ auf, in Anbetracht dessen, daß sie sich in nächster Zukunft vielleicht verwerten lassen ... Am augenscheinlichsten ist übrigens, daß Österreich, wenn es sich auch, was die laufenden Angelegenheiten betrifft, in der glücklichsten politischen Lage fühlt, sich für eine _weitsichtige_ und sehr bestimmte Politik doch noch nicht entschlossen hat, sondern erst überlegt und abwartet: was wird ihm die _Vernunft_ zu tun raten? Sollte es sich aber doch zu irgend etwas Bestimmtem entschlossen haben, so wäre das wohl höchstens in betreff der nächstliegenden politischen Fragen der Fall – und selbst das nur bedingt. Überhaupt ist es in der glücklichsten Gemütsverfassung: es entschließt sich, ohne sich zu beeilen, es wartet ruhig, da es weiß, daß es alle auf sich warten macht, und alle es brauchen, es lauert auf seine Beute, die es selber auswählen wird, und leckt sich schon wonnig die Lippen beim Gedanken an die nun bald ihm zufallenden, unentwischbaren Bissen.
Während der Zusammenkunft der Kanzler beider deutschen Reiche, die kürzlich stattfand, ist vielleicht sehr viel „Bedingungsweise-Mögliches“ berührt worden. Wenigstens hat die österreichische Regierung schon in ihrem Lande kundgetan – doch so, daß alle Länder es hören mußten –, daß am Balkan nichts geschehen noch entschieden wird, was den Interessen Österreichs entgegen ist: ein ungemein schwerwiegender Gedanke. So ist Österreich schon überzeugt, ohne noch die Hand an irgend etwas gelegt zu haben, daß es bedeutenden Anteil an den russischen Erfolgen, falls es zu solchen kommen sollte, haben wird, und vielleicht noch bedeutenderen Anteil, falls es zu ihnen _nicht_ kommen sollte. Und das bloß mit der „Augenblickspolitik“! Was wird es da erst mit der ferneren Politik geben? – Schon jetzt brauchen alle dieses Österreich so notwendig, horchen auf seine Meinung, suchen seine Neutralität, machen ihm Versprechungen und womöglich Geschenke, und alles das dafür, daß es bloß stillsitzt und den Mund hält! Wie kann nun diese Macht, die sich jetzt so hoch schätzt, nicht auch auf die Aussichten ihrer ferneren Politik rechnen, die, davon bin ich überzeugt, noch allen unbekannt ist, trotz der freundschaftlichen Zusammenkunft der Kanzler!? Und überzeugt bin ich gleichfalls, daß diese Politik bis zur allerletzten, allerverhängnisvollsten Stunde allen unbekannt bleiben wird – was durchaus den alten Traditionen der österreichischen Politik entsprechen würde. Und habsüchtig, heißhungrig sitzt es jetzt da und lauert auf Frankreich und erwartet dessen Schicksal, erwartet neue interessante Fakta und tut’s – vor allem, vor allem nicht zu vergessen – in der selbstzufriedensten Gemütsverfassung. Doch nicht lange wird es so bleiben können: vielleicht wird es sich schon sehr bald zu einer viel weiter reichenden Politik entschließen müssen – und das dann endgültig: eine Aufregung, die in seiner Lage sogar angenehm sein mag, doch die nichtsdestoweniger stark sein wird. Österreich begreift doch, und vielleicht sogar sehr feinfühlig, daß mit jeder so leicht und so bald möglichen Veränderung in Frankreich, daß mit jeder neuen Regierung daselbst – nur nicht wieder der republikanischen – die Gefahr eines Zusammenstoßes Frankreichs mit Deutschland _entschieden unvermeidlich_ ist: und das sogar in dem Falle, wenn die neuen Regenten Frankreichs für ihre Person den Krieg überhaupt nicht wollten und sich womöglich aus allen Kräften bemühen würden, den alten Zustand zu erhalten. Oh, Österreich ist vielleicht fähig, besser als alle anderen zu verstehen, daß es im Leben der Nationen solche Momente gibt, in denen schon nicht mehr Wille und Berechnung sie zu gewissen Taten treiben, sondern das Schicksal selber.
Ich werde mir jetzt erlauben, aus der Phantasie heraus ein Bild von dem zu entwerfen, was – nach meiner Annahme – Österreich in der gegenwärtigen unbestimmten Stunde über diese seine _fernere_ Politik, für die es sich natürlich noch nicht entschieden hat, eigentlich denkt. Einstweilen hört es jemanden schon an die Tür klopfen, es sieht, jemand will unbedingt eintreten, sogar die Klinke ist schon einmal niedergedrückt worden, doch die Tür hat sich noch nicht geöffnet ... und wer eintreten wird – das weiß niemand. In Frankreich liegt das Rätsel, dort muß es auch zuerst gelöst werden ... Vorläufig sitzt Österreich und _denkt_. Ja, wie soll es da auch nicht nachdenklich werden! Wenn nun Deutschland und Frankreich zum Entscheidungskampf die Schwerter ziehen und sich aufeinander stürzen – für wen soll dann Österreich einstehen, auf wessen Seite Österreich sich halten? Das ist die fernere Frage und vielleicht – wird es sie schon sehr bald beantworten müssen!
Wie soll es da nicht seinen Wert, seine Bedeutung zu schätzen wissen: zu wem es sich hält, der wird siegen! Was die Kanzler der beiden deutschen Reiche unter sich gesprochen, das kann niemand wissen, doch Andeutungen wird es zwischen ihnen bestimmt gegeben haben. Wie hätte es auch anders sein sollen! Vielleicht ist einiges auch deutlicher gesagt oder _vorgeschlagen_ worden – wer kann es wissen? Kurz, Geschenke und Belohnungen sind ihm in Mengen versprochen, und die sind so gut wie sicher; so kann es vollkommen überzeugt sein, daß es, wenn es Deutschland im Falle eines Krieges gegen Frankreich nicht verrät, dafür ... _viel_ bekommen wird. Und zwar für eine lumpige _Neutralität_, bloß dafür, daß es etwa ein halbes Jahr lang stillsitzt, in Erwartung der Belohnung für sein artiges Betragen. – Das ist doch wirklich nicht übel! Denn zu einer aktiven Tätigkeit gegen Frankreich würde es, glaube ich, kein einziger Kanzler bringen können: solch einen Fehler wird Österreich nie und nimmer begehen! Nein, Österreich wird sich nicht verleiten lassen, mitzuhelfen, wenn Deutschland Frankreich den Todesstoß gibt, o nein! Vielleicht aber wird es umgekehrt in der letzten verhängnisvollen Sekunde durch diplomatische Verwendung Frankreich vor allzu Bösem beschützen und sich auf diese Weise auch von dort noch eine Belohnung verdienen. Es kann doch nicht _ganz ohne Frankreich_ bleiben, besonders nicht in der freundschaftlichen Umarmung solch eines Riesen, zu dem nach einem zweiten Sieg über Frankreich das junge Deutschland heranwachsen muß! Womöglich wird dieser Riese es dann plötzlich so umarmen und so an sich pressen, daß er es, aus Versehen natürlich, wie eine Fliege zerdrückt. Und zu der Zeit wird dann vielleicht noch ein anderer Gigant erwachsen, im Osten, rechts vom lieben Österreich, und sich endlich von seiner Lagerstätte, auf der er jahrhundertelang geschlafen hat, erheben ...
„Gutes Betragen ist eine gute Sache,“ denkt Österreich jetzt wahrscheinlich bei sich, „aber ...“ Es wäre nicht gut möglich, daß ihm nicht auch noch ein anderer Gedanke käme, übrigens ein äußerst phantastischer, – nämlich:
„Die Umwälzung in Frankreich kann sogar schon in diesem Herbst beginnen und vielleicht schnell, sehr schnell beendet sein. Stürzt die Republik, oder bleibt sie bloß in einer nominellen, in irgendeiner absurden Form bestehen, so wird man es vielleicht bis zum Winter mit Deutschland schon zu Meinungsverschiedenheiten gebracht haben können. Jedenfalls werden dafür die Klerikalen sorgen, um so mehr, als der Papst bis dahin bestimmt gestorben sein wird und dann die Neuwahl sofort den gewünschten Vorwand zu Mißverständnissen und Spannungen abgeben kann. Stirbt der Papst jedoch nicht, so vermindern sich die Gelegenheiten, Spannungen zu verursachen, deshalb noch nicht im geringsten. Ist also Deutschland nur fest entschlossen, so kann im Frühling der Krieg ausbrechen. Am anderen Ende Europas ist augenscheinlich die Winterkampagne gegen die Türkei unvermeidlich, so daß Deutschlands Verbündeter im Frühjahr immer noch gebunden sein wird. Ergo, entbrennt der Revanchekrieg, so findet Frankreich sofort zwei Bundesgenossen: England und die Türkei.
Deutschland wird folglich allein sein ... mit Italien, d. h. so gut wie allein. Oh, natürlich, Deutschland ist mutig und mächtig. Aber auch Frankreich hat Zeit gehabt, sich zu erholen: Frankreich hat eine Armee von einer Million, und England ist immerhin doch auch eine gewisse Hilfe: man wird die deutschen Häfen vor seiner Flotte beschützen müssen, und das fordert Mannschaften, Artillerie, Gewehre, Vorräte. Das wird Deutschland in irgend etwas doch ein wenig schwächen. Wie gesagt, Aussichten, mit Erfolg diesen Krieg zu führen, hat Frankreich auch ohne mich genügend, sagt sich Österreich, – wenigstens zweimal mehr als 1870, da es jetzt sicherlich nicht seine Fehler von damals wiederholen wird. Und dann, einerlei ob Frankreich besiegt wird, oder nicht, ich bekomme das Meine im Osten sowieso, denn: Nichts wird im Osten vor sich gehen, was den Interessen Österreichs zuwider ist! Das ist ja schon festgesetzt und unterschrieben. Aber wie, wenn ich ... im letzten ... entscheidenden Augenblick, ... nachdem ich vernünftigerweise die ganze Freiheit der Entscheidung zurückbehalten, ... plötzlich einfach für Frankreich eintrete und noch dazu die Klinge ziehe!?“
In der Tat, was dann?
Dann befindet sich Österreich sofort zwischen drei Feinden: Italien, Deutschland und Rußland. Rußland jedoch wird durch seinen Krieg so in Anspruch genommen sein, daß es eine Offensive kaum würde ergreifen können. Italien ist jedenfalls nicht allzusehr zu fürchten. Bleibt – Deutschland. Muß Deutschland dann auch gegen Österreich ein Heer schicken, so wird dieses doch nicht allzu groß sein, denn es braucht ja alle seine Kräfte gegen Frankreich. In der Tat: wollte sich Österreich zu einer Verbindung mit Frankreich entschließen, so würde Frankreich vielleicht sogar Deutschland zuerst angreifen, selbst wenn Deutschland den Krieg nicht einmal wollte. Frankreich, Österreich, England und die Türkei gegen Deutschland und Italien – das ist ja eine furchtbare Koalition! Erfolg wäre sehr, sehr leicht möglich. Nach einem Erfolg aber kann Österreich all das wiedergewinnen, was es bei Sadowa verloren hat, und vielleicht noch unendlich viel mehr als das. Außerdem können ihm seine Vorteile im Osten und all das ihm schon Versprochene gleichfalls nicht verloren gehen. Und die Hauptsache: es wird im katholischen Deutschland zweifellos großen Einfluß gewinnen. Wird dagegen Deutschland besiegt, oder nicht mal besiegt, sagen wir: kehrt Deutschland aus dem Kriege nicht ganz glücklich zurück – so ist die Einheit des Deutschen Reiches plötzlich stark erschüttert. Im katholischen Süden erhebt sich dann der Separatismus – um den sich die Klerikalen aus allen Kräften bemühen werden und dessen sich selbstverständlich auch Österreich bedienen wird: erhebt sich vielleicht sogar in solch einem Maße, daß zwei geeinte Deutsche Reiche entstehen, ein katholisches und ein protestantisches. Und darauf könnte Österreich, nachdem es sich um so viel Deutsche verstärkt hat, es ja auch auf seinen „Dualismus“ ankommen lassen: Ungarn in das alte ehrerbietige Verhältnis zu sich zurückbringen und, wenn das geschehen, versteht sich, auch über seine Slawen verfügen, und zwar jetzt endgültig und unwandelbar. Mit einem Wort, der Vorteile könnte es unzählige geben. Sogar in dem Fall, wenn Deutschland Sieger bliebe, wäre Österreich nicht so schlimm daran, denn so _entscheidend_ wie 1871 könnte Deutschland eine so mächtige Koalition schließlich doch nicht besiegen: es würde auch als Sieger seine Wunden haben. So ließe sich denn ohne besonders furchtbare Folgen der Friede schließen. „Also, für wen soll ich mich entscheiden? Wie ist es besser, mit wem ist es vorteilhafter?“
In Anbetracht der gegenwärtigen europäischen Verhältnisse, meine ich, sind solche Gewissensfragen in Österreich ganz zweifellos vorhanden ...
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Als ich das vorhergehende Kapitel schrieb, gab es noch nicht jene Tatsachen und Meldungen, die jetzt so plötzlich die ganze europäische Presse erfüllen, so daß alles, was ich damals noch mehr mutmaßlich sagte, jetzt schon beinahe pünktlich eingetroffen ist. Mein Artikel wird erst im nächsten Monat, am 7. Oktober, erscheinen, heute haben wir erst den 29. September, und meine sogenannten „Prophezeiungen“, zu denen ich mich nicht ohne Risiko hatte verleiten lassen, werden teilweise schon als veraltete Tatsachen bekannt sein. Darum erlaube ich mir, meine Leser an meine Ausführungen im Mai zu erinnern. Fast alles, was ich damals über die nächste Zukunft Europas geschrieben, hat sich entweder schon bestätigt oder beginnt gerade, sich zu bestätigen. Und doch hörte ich damals strenge Urteile über diesen Artikel, allerdings von Privatleuten, die ihn eine „phantastische Übertreibung“ und ein „verschrobenes Hirngespinst“ nannten. Über die Macht und die Bedeutung der klerikalen Verschwörung wurde einfach gelacht und eine „Verschwörung“ überhaupt nicht anerkannt. Übrigens hatte ich vor zwei Wochen Gelegenheit, die Meinung einer „kompetenten“ Persönlichkeit zu hören, die dahin lautete, daß der Tod und die Neuwahl des Papstes an sich vollkommen bedeutungslos seien und in Europa unbemerkt vorübergehen würden. Jedoch ist schon jetzt bekannt, welch eine Bedeutung Fürst Bismarck ihnen beilegt, und was in Berlin mit Crispi gesprochen worden ist. Ich habe in meinem Maiartikel gesagt, Fürst Bismarck hätte sofort nach dem Deutsch-Französischen Kriege begriffen, daß der furchtbarste Feind des neugeeinten Deutschlands kein anderer ist als der römische Katholizismus, der zu allererst den Vorwand abgeben werde zum großen „Vergeltungskrieg“ und gesamteuropäischen Weltkrieg. Dieses fand man unsinnig, ungereimt, usw., usw. Und das alles, weil ich es zu einer Zeit geschrieben, da noch niemand, weder bei uns noch in der europäischen Presse, sich wegen dieser Frage zu beunruhigen gedachte, – trotz des Orientkrieges, der schon ausgebrochen war und alle Welt besorgt machte. Alle glaubten damals, er würde auch dort fern im Orient enden, und auch jetzt noch glaubt vielleicht niemand ernstlich an die Gewißheit eines europäischen Krieges in nächster Zukunft. Im Gegenteil, man lenkte noch kürzlich ernstlich die Aufmerksamkeit auf die Meinung jener Engländer, die es ja wissen mußten, daß Rußland und die Türkei sehr wohl noch vor dem Winter Frieden schließen könnten. So ist es denn vielleicht überflüssig, daß ich mein Kapitel für überlebt halte: obgleich die ersten Fakta sich schon gemeldet haben, obgleich über ganz Europa etwas Unheilvolles heraufzieht, und der Ausbruch vielleicht eines Weltkrieges nicht mehr fern ist, bin ich doch überzeugt, daß viele auch jetzt noch meine Erklärungen dieser Fakta abermals für erdichtet, lächerlich, phantastisch und übertrieben halten werden, denn alle halten sie ja das Vorsichgehende für unvergleichlich bedeutungsloser, als es in Wirklichkeit ist. Da nähern sich zum Beispiel die Wahlen in Frankreich, und vielleicht schickt das Land wieder die frühere republikanische Mehrheit in die Kammer, was sehr leicht geschehen kann, und dann – davon bin ich so gut wie überzeugt – wird man sofort versichern, daß alles glücklich beendet sei, daß der Himmel sich aufgeklärt und Mac-Mahon sich gefügt habe, daß die _machtlosen_ Klerikalen schmählich abgezogen seien, und in Europa wieder Friede und „Gesetzlichkeit“ oder „Rechtmäßigkeit“ herrsche. Alle meine „Erfindungen“ werden sich dann wieder als „Produkte müßiger Einbildungskraft“ erwiesen haben. Wieder wird man sagen, daß ich Dingen, die womöglich schon geschehen sind, eine ungenaue Bedeutung zugeschrieben, und vor allem eine, die ihnen sonst nirgendwo zugeschrieben wird. Doch warten wir lieber die Ereignisse ab, bevor wir urteilen, welche Deutung die richtige ist. Zur Übersicht aber werde ich versuchen, zum Schluß noch einmal die Richtung und besondere Art dieses vor allen sich öffnenden Weges zu zeigen – den zu betreten allen, ob sie wollen oder nicht, bestimmt zu sein scheint. Ich tue es zur besseren Übersicht, damit man später vergleichen und prüfen kann. Es ist zudem nur eine einfache Zusammenfassung dieses selben Kapitels.
1. Der Weg beginnt in Rom und führt aus dem Vatikan, wo der sterbende Greis, das Haupt der ihn umringenden Jesuiten, diesen Weg schon längst bezeichnet hat. Als die Orientfrage aufgeworfen wurde, begriffen die Jesuiten gar bald, daß die günstigste Zeit angebrochen sei. Auf dem vorgezeichneten Wege machten sie sich in Frankreich an ihr Werk und brachten es in solch eine Lage, daß sein baldiger Krieg mit Deutschland nun so gut wie sicher ist, selbst dann, wenn es ihn überhaupt nicht will. All das ist vom Fürsten Bismarck schon lange, lange vorhergesehen worden. Wenigstens scheint nur er allein, und vielleicht schon vor mehreren Jahren, seinen größten Feind entdeckt und durchschaut zu haben und damit auch die große Bedeutung jenes letzten Kampfes ums Dasein, den der _päpstliche Katholizismus_, vor seinem Untergange, in allernächster Zukunft mit der Welt aufnehmen wird.