Sämtliche Werke 13

Part 14

Chapter 142,976 wordsPublic domain

2. Dieser vom Schicksal bestimmte Kampf spitzt sich im gegenwärtigen Augenblick schon zu, und die Notwendigkeit, die letzte Schlacht zu schlagen, naht mit furchtbarer Schnelligkeit. Frankreich ward ausersehen und bestimmt für den ungeheuren Kampf – und der Kampf wird stattfinden. Der Kampf ist unvermeidlich, darüber besteht kein Zweifel. Allerdings gibt es noch eine kleine, kleinste Möglichkeit, daß er aufgeschoben wird – doch das dann gewiß nur auf die allerskürzeste Zeit. In jedem Fall ist er _unvermeidlich_ und _nahe_.

3. Sowie der Kampf beginnt, wird er sich sofort in einen alleuropäischen verwandeln. Die Orientfrage und der Orientkampf werden durch die Macht des Schicksals mit dem alleuropäischen Kampf zusammenfließen. Eine der wichtigsten Episoden dieses Kampfes wird die definitive Entscheidung Österreichs sein: zu welcher Partei soll es sich halten? Doch der allerwesentlichste Teil dieses letzten Kampfes wird einerseits darin bestehen, daß durch ihn die tausendjährige römisch-katholische Frage gelöst wird, und daß das östliche Christentum durch den Willen der Vorsehung seinen Platz einnehmen kann. Auf diese Weise erweitert sich unsere russische Orientfrage zu einer universalen Frage mit ungewöhnlicher vorbestimmter Bedeutung, wenn sich diese Bestimmung auch vor blinden Augen vollzogen hat, die sie nicht anerkennen, und die fähig sind, bis zur letzten Stunde das Sichtbare nicht zu sehen, und den Sinn des Vorherbestimmten nicht zu begreifen. Endlich –

4. – Möge man das für die phantastischste meiner Annahmen halten, ich bin im voraus damit einverstanden –: Ich bin überzeugt, daß der Kampf zugunsten des Ostens enden wird, zugunsten des östlichen Bundes, daß Rußland nichts zu fürchten hat, wenn der orientalische Krieg mit dem alleuropäischen zusammenfließt, und daß es sogar besser ist, wenn die Sache derart entschieden wird. Es ist furchtbar, daß so viel wertvolles Menschenblut fließen muß! Doch kann die Überzeugung, daß dieses vergossene Blut Europa vor zehnfach größerem Blutvergießen bewahrt, wenn sich die Sache hinausschieben und nochmals hinziehen würde, immerhin zum Trost gereichen, um so mehr, als dieser große Kampf zweifellos schnell enden wird. Dafür aber wird auf einmal so vieles endgültig entschieden – die römisch-katholische Frage samt dem Schicksal Frankreichs, die deutschen, die orientalischen und die mohammedanischen Fragen – so viel Angelegenheiten werden in Ordnung gebracht, Probleme, die im alten Gang der Dinge ganz unlösbar waren. Und dermaßen wird sich Europas Angesicht verändern, so viel neues Zukünftiges wird in den Beziehungen der Menschen einsetzen, daß es vielleicht unnütz ist, zu trauern und vor diesem letzten Kampf des alten Europas am Vorabend seiner sicheren und großen Erneuerung zurückzuschrecken.

Zum Schluß füge ich noch eine Erwägung hinzu: wenn man es als Regel annimmt, daß man über alle Weltereignisse (sogar über die, welche schon auf den oberflächlichsten Blick von allergrößter Wichtigkeit zu sein scheinen) unbedingt nach dem Prinzip: „heute so wie gestern, und morgen so wie heute,“ urteilen muß, so wird es dann wohl augenscheinlich werden, daß diese Regel entschieden der Geschichte der Nationen und der Menschheit widerspricht. Währenddessen wird gerade dieses Prinzip von der sogenannten realen, nüchternen „gesunden Vernunft“ vorgeschrieben, so daß fast ein jeder, der sich erdreistet, anzunehmen, eine Sache könnte am nächsten Tage vor aller Augen vielleicht anders erscheinen, als am Tage vorher, verlacht und ausgepfiffen wird. Sogar jetzt, da doch schon die Tatsachen sprechen, glauben noch sehr viele, daß die klerikale Bewegung die kleinlichste Sache sei, daß Gambetta eine Rede halten, und alles wieder so wie gestern seinen alten Gang nehmen werde, daß unser Krieg mit der Türkei sehr, sehr leicht vor dem Winter beendet sein könne, und dann wieder das Börsenspiel beginnen, der Rubel erheblich steigen wird, wir wieder ins Ausland reisen werden usw. Die Undenkbarkeit der Fortdauer der alten Verhältnisse war in Europa vor der ersten Französischen Revolution für die führenden Geister eine auf der Hand liegende Wahrheit. Währenddessen aber – wer konnte am Vorabend der Einberufung der Etats Généraux die Form voraussehen, die die Situation beinahe schon am zweiten Tage annahm? Und als die Situation sich verändert hatte, wer hätte dann das Erscheinen Napoleons I. prophezeien können, der doch im Grunde wie ein vorherbestimmter Vollender der ersten historischen Phase derselben Tat, die 1879 begonnen worden war, eingriff? Ja, selbst zur Zeit Napoleons I. schien es in Europa vielleicht jedem einzelnen, daß sein Erscheinen ein vollkommener Zufall war, der nicht im geringsten mit diesem selben Weltgesetz verbunden sein konnte, nach dem sich zu verändern der Alten Welt seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts vorherbestimmt war.

Ja, auch jetzt klopft jemand an die Tür, irgendwer, ein neuer Mensch, mit einem neuen Wort. Er will die Tür öffnen und eintreten ... Wer aber ist Er – das ist die Frage: ist es ein ganz neuer Mensch, oder einer, der wieder uns allen, uns alten Menschen, gleicht!?

Zweiter Teil.

Russisches

Vom russischen Volk

Davon, daß wir gute Menschen sind.

Die Ähnlichkeit der russischen Gesellschaft mit dem Marschall Mac-Mahon[17]

Ja, in der Tat: sind wir nicht alle gute Menschen, – nun, versteht sich, ausgenommen die schlechten? Ich füge sogar noch hinzu: es gibt bei uns überhaupt keine schlechten Menschen, sondern nur untaugliche. An die wirklich Schlechten reichen wir gar nicht hinan! Denken Sie nach, lachen Sie nicht über mich: aus Mangel an schlechten Menschen waren wir seinerzeit sehr bereit, verschiedene wirklich schlechte Menschen hochzuschätzen, wie es gewisse Typen unserer Literatur beweisen, die größtenteils der ausländischen entlehnt worden sind. Oh, nicht genug damit, daß wir sie schätzten, nein, sklavisch versuchten wir, sie im wirklichen Leben zu kopieren. Beinahe waren wir schon nicht mehr wir selbst, nicht mehr Russen! Erinnern Sie sich nur dieser vielen Petschorins, die es bei uns gab, die angeregt durch die Lektüre von Lermontoffs „Helden unserer Zeit“ in Wirklichkeit Schlechtigkeiten vollführten. Der Ahnherr all dieser schlechten Menschlein in unserer Literatur ist wohl der Typ Silvio, den unser herrlicher Puschkin dem Engländer Byron entlehnt hatte.

Wenn wir diese schlechten Menschen so achteten, so geschah es nur deshalb, weil diese Menschen eines andauernden Hasses fähig waren, im Gegensatz zu uns Russen, die wir nun einmal nicht richtig hassen können und uns darum damals nicht wenig selbst verachteten. Der russische Mensch ist in der Tat nicht imstande, ernstlich und lange zu hassen, weder Menschen noch Laster, weder Unwissenheit noch Despotismus, noch tiefsten Obskurantismus. Bei uns ist man sofort bereit, sich zu versöhnen, gleich bei der ersten Gelegenheit sogar. Oder ist das nicht wahr? In der Tat, warum sollte einer den anderen hassen? Wegen schlechter Handlungen etwa? Nun, lassen wir dieses Thema lieber, es ist zu zweischneidig. Und der Haß der Überzeugung? An _den_ Haß glaube ich schon gar nicht bei uns. Früher einmal, gewiß, gab es bei uns Slawophile und Westler, und die haßten sich sehr – aber dann, als es mit der Aufhebung der Leibeigenschaft auch mit der Reform Peters des Großen zu Ende ging, und ein allgemeines „_sauve qui peut_“ eintrat, da waren Slawophile und Westler einig in demselben Gedanken, daß man jetzt alles vom Volke selbst erwarten müsse, daß es auferstehen werde, und daß nur das Volk allein uns in allem das letzte Wort sagen könne. Darüber hätten sich die Slawophilen und Westler ja nun versöhnen können, aber das ging auch wieder nicht an, denn die Slawophilen glauben an das Volk, weil sie das Eigene und Eigenartige seiner Anlagen anerkennen. Die Westler dagegen lassen sich nur unter der Bedingung herbei, an das Volk zu glauben, daß man ihm alles Eigene und Eigenartige nimmt. Und siehe da, der Kampf dauert fort. Doch an diesen Haß: Kampf gegen Kampf und Haß gegen Haß, an den glaube ich, wie gesagt, _nicht_. Warum können sich die Streitenden nicht auch zu gleicher Zeit liebhaben? Das geschieht bei uns nur zu oft in den Fällen, in denen sich gute, allzu gute Menschen streiten. Und warum sollten wir nicht gute Menschen sein? Auch streiten wir uns doch hauptsächlich nur, weil jetzt eine Zeit angebrochen ist, die von uns nicht mehr Theorien und Kritik, sondern Taten und praktische Entschlüsse verlangt. Plötzlich hatte man bei uns das Bedürfnis nach grundlegenden Worten über Pädagogik, Eisenbahnen, Semstwo, Hygiene und hundert andere Themata. Und alles wollte man _sofort_ wissen, möglichst schnell, um nicht die Arbeit aufzuhalten. Da wir aber alle, nach hundertjähriger Entwöhnung von jeglicher Arbeit, sogar von der kleinsten, uns als dazu unfähig erwiesen, so war es nur natürlich, daß wir uns gegenseitig in die Haare gerieten – und zwar stritt im allgemeinen derjenige am meisten, der sich zu ihr am allerunfähigsten erwies. Was ist dabei Schlechtes, frage ich Sie? Das ist doch bloß rührend und weiter nichts. Sehen Sie die Kinder an: die streiten sich nur dann, wenn sie noch nicht gelernt haben, ihre Gedanken auszudrücken: genau so machen wir es. Und es ist auch gar nichts Unerfreuliches dabei, im Gegenteil, es zeugt ja nur von unserer Frische und Unberührtheit und Jugend. In unserer Literatur beispielsweise beschimpft man sich aus Mangel an Gedanken buchstäblich mit allen Schimpfwörtern auf einmal: ein äußerst naives Verfahren, das man sonst nur bei den Urvölkern findet. Doch auch darin liegt beinahe etwas Rührendes, diese Unerfahrenheit, dieses kindliche Unvermögen sogar – sich tüchtig auszuschimpfen. Ich scherze durchaus nicht, und ich spotte über niemanden. Es ist aber bei uns allerorten ein ehrliches Wünschen und Erwarten des Guten. Das ist gewiß wahr. Der Wunsch nach allgemeiner Arbeit und allgemeinem Wohlergehen steht über jeglichem Egoismus. Die naivsten Wünsche werden wach, und alles ist voller Glauben bei uns. Es gibt bei uns keinen Kastengeist, oder höchstens nur in ganz kleinen und seltenen Erscheinungen, die kaum bemerkt werden. Das ist sehr wichtig! Doch genug davon. Weshalb sollte also noch von einem wirklichen Haß die Rede sein? Die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit unserer Gesellschaft unterliegt nicht nur keinem Zweifel, sondern fällt geradezu auf. Beobachten Sie doch nur, und Sie werden bemerken, daß der Glaube an die Idee, an das Ideal allem persönlichen, materiellen Wohlergehen vorangeht. Oh, natürlich, den schlechten Menschen gelingt es auch bei uns, ihre Geschäftchen abzuwickeln, Geschäftchen gerade im eigennützigsten Sinne, und in unserer Zeit, scheint es, mehr denn je. Doch dafür beherrschen diese nichtsnutzigen Menschen niemals die Meinung, gehen nie der Gesellschaft irgendwie voran, sondern sind selbst dann, wenn sie auf der sogenannten Höhe des Lebens stehen, überhäuft mit allen Ehren – selbst dann sind sie noch genötigt, sich dem Tone der Idealisten, der Jungen und Abstrakten, diesen in ihren Augen nur lächerlichen Menschen, irgendwie anzupassen. In diesem Sinne gleicht unsere Gesellschaft durchaus unserem einfachen Volke, darin liegt der Hauptpunkt seiner Einheit mit dem Volke, das auch seinen Glauben und seine Ideale höher schätzt als alles Materielle und Vergängliche. Der Idealismus ist ihm lieb, hier wie dort: ist der Idealismus _verloren_, so kann man ihn mit keinem Gelde zurückkaufen. Wenn unser Volk auch von seinen Lastern geknechtet wird, jetzt vielleicht mehr denn je, und wenn es auch noch in einer richtigen Anarchie lebt, so hat doch selbst der letzte Schurke bei uns noch niemals gesagt: „So wie ich es mache, ist es richtig.“ Im Gegenteil, immer weiß er und seufzt selbst darüber, daß er schlecht ist, und daß es ein Gutes in der Welt gibt, das besser ist als er und alles, was er tut. Der Glaube an die Ideale ist in unserem Volke unerschütterlich. Verbessert seine Lage, verringert die Lasterhaftigkeit, und das Volk wird sich aufrichten! Die Ideale aber stehen dann noch unerschütterlicher und heiliger da als je vorher. Unsere Jugend sucht große Taten und bringt ihren Ideen alles zum Opfer. Unser zeitgenössischer russischer Jüngling, von dem so viel in verschiedenem Sinne gesprochen wird, vergöttert oft das allersimpelste Paradox und weiht ihm sein Leben und sein Schicksal, nur, weil er das Paradox für eine Wahrheit hält. Es fehlt ihm nur noch an Aufklärung, aber das Licht wird sich schon verbreiten, und andere Anschauungen werden dann ganz von selbst auftauchen, und die Paradoxe werden verschwinden. Die Reinheit seines Herzens jedoch bleibt und damit auch der Durst in ihm nach Taten und Opfer: das aber ist das Gute. Nichtsdestoweniger gibt es eine Frage, die bei uns bis jetzt noch nicht beantwortet ist. Alle nämlich, die wir das Wohl aller und die Besserung der allgemeinen Lage in unserem Lande und unserem Volke wünschen – worin sehen wir nun die Mittel zu diesem Wohl und zu dieser Besserung? Man muß leider gestehen, daß bei uns in dieser Hinsicht noch wenig geschehen ist, und daß unsere Gesellschaft in diesem Sinne – dem Marschall Mac-Mahon sehr ähnlich sieht. Auf einer seiner Reisen durch Frankreich erklärte der ehrenwerte Marschall unlängst in einer feierlichen Rede, als Antwort auf eine Ansprache irgendeines Maires – die Franzosen sind ja solche Liebhaber von feierlichen Reden und Ansprachen –, daß nach seiner Meinung die ganze Politik in dem einen Worte enthalten sei: „Die Liebe zum Vaterlande“. Ein sehr sinniger Ausspruch, meine ich, in einem Augenblicke, da ganz Frankreich gespannt darauf wartet, was er sagen wird. Eine wichtige Behauptung, unbestreitbar lobenswert, aber – sonderbar unbestimmt. Der Maire hätte seiner Exzellenz antworten können, daß man mit derselben Liebe auch das Vaterland zugrunde richten könnte. Aber der Maire erwiderte nichts, vielleicht aus Angst, die Antwort zu erhalten: „_J’y suis et j’y reste_“, eine Phrase, über die der ehrenwerte Marschall nun einmal nicht hinauskommt. Nun, und gerade so steht es mit unserer Gesellschaft: wir alle verstehen uns in der Liebe zum Vaterlande oder zur „allgemeinen Sache“ – Worte tun’s nicht! Worin bestehen aber die Mittel, und nicht nur die Mittel, sondern worin besteht die allgemeine Sache selbst? Darüber herrscht bei uns, meines Erachtens, gerade solch eine Unklarheit, wie bei dem Marschall Mac-Mahon.

Von der Liebe zum Volke.

Der unumgänglich notwendige Vertrag der Gesellschaft mit dem Volke

Vor kurzem schrieb ich, daß unser Volk noch roh und unwissend sei und dem Laster ergeben: „ein Barbar, der das Licht erwartet,“ wie ich mich ausdrückte! Bald darauf habe ich in der „Hilfe“ einen Artikel Konstantin Akssakoffs, unseres unvergeßlichen und allen Russen teuren Verstorbenen, gelesen, nach welchem unser russisches Volk schon lange aufgeklärt und gebildet sein soll. Ist nun dieser augenscheinliche Gegensatz meiner Meinung und derjenigen Konstantin Akssakoffs ein Widerspruch? Nicht im geringsten: ich teile seine Ansicht vollständig und fühle ihre Wahrheit schon lange. Trotzdem aber bleibt doch der Widerspruch? Gewiß – darin besteht gerade mein Geheimnis: während nach der Meinung anderer diese beiden Behauptungen unvereinbar scheinen, behaupte ich das Gegenteil. In dem russischen Menschen, in dem Volke muß man eben die Schönheit dieser Barbarei zu sehen verstehen. Der ganzen russischen Geschichte nach war unser Volk so dem Laster ergeben und dermaßen verdorben, verirrt und ständig gequält und gepeinigt, daß es wunderbar ist, wie es überhaupt noch sein menschliches Aussehen hat bewahren können, und nicht nur das allein, sondern auch noch seine volkliche Schönheit. Die aber hat es sich wirklich bewahrt! Wer ein aufrichtiger Freund des Volkes ist, wem das Herz nur einmal für die Leiden des Volkes geschlagen hat, der versteht es und wird auch den Schmutz entschuldigen, in den unser Volk gesunken ist, und die Perlen trotzdem zu finden wissen. Ich wiederhole es: Richtet nicht das russische Volk nach seinen Fehlern und Lastern, sondern beurteilt es nach seinen großen und heiligen Idealen, nach denen es in seinem Schmutze lechzt. Und es gibt in unserem Volke nicht nur Schurken und Verbrecher, sondern auch Heilige, die uns voranleuchten und unser Dunkel erhellen! Und ich glaube tief und fest, daß es bei uns keinen Schurken gibt, der nicht wüßte, daß er schlecht und gemein ist. Bei den anderen Völkern ist es anders: wenn dort jemand eine Gemeinheit vollführt, so stellt er sie zum Prinzip auf, bejaht sie, behauptet, daß in ihr die Ordnung und das Licht der Zivilisation läge – und der Unglückliche kommt schließlich so weit, daß er daran blind und sogar ehrlich glaubt. Nein, beurteilen Sie unser Volk nicht danach, wie es ist, sondern danach, wie es sein möchte. Seine Ideale sind stark und heilig, und sie retteten das Volk in all diesen Jahrhunderten vor dem Elend und dem völligen Untergang. Sie wuchsen mit seiner Seele zusammen und gaben ihr bis in alle Ewigkeit Einfachheit, Gutmütigkeit und Aufrichtigkeit und einen weiten, offenen Verstand – und alles das in einer anziehenden, zusammenklingenden, einer schönen Vereinigung. Und wenn trotzdem so viel Schmutz in dem russischen Menschen ist, so leidet er darunter selbst am meisten: er glaubt und hofft, daß das nur zeitlich und eine teuflische Versuchung sei, daß die Dunkelheit, die ihn umgibt, einmal aufhören und das ewige Licht dann auch auf ihn herniederscheinen werde. Ich will noch nicht einmal von seinen historischen Idealgestalten reden, von Feodossij Petscherski[18] oder Tichon Sadonski.[19] Übrigens: wie viele von uns kennen denn überhaupt einen Tichon Sadonski? Warum liest man nie etwas von ihm? Glauben Sie mir, Sie würden zu Ihrem Erstaunen wunderbare Sachen erfahren. Und abgesehen von diesen Volksheiligen: wie steht es mit unserer Literatur? Alles, was in ihr wahrhaft schön ist, das ist aus dem Volke genommen. Der Typ Belkin von Puschkin zum Beispiel! Bei uns ist alles von Puschkin. Seine Umkehr zum Volke, schon in der frühesten Zeit seiner Tätigkeit, ist so beispiellos und Erstaunen erregend und bedeutete einen für die damalige Zeit so unerwarteten und neuen Schritt, daß sie sich, wenn nicht durch ein Wunder, dann eben nur durch seine geniale Größe erklären läßt, die wir nur, füge ich hinzu, bis jetzt noch nicht die Kraft hatten, richtig zu werten. Erinnern Sie sich der „Oblomoffs“ von Gontscharoff, der „Väter und Söhne“ von Turgenjeff. In denen ist freilich nicht vom Volke die Rede, aber alles, was in den Typen Turgenjeffs und Gontscharoffs Ewiges und Schönes ist, das liegt dort, wo sie sich mit dem Volke kreuzen. Nur die Berührung mit dem Volke gibt ihnen diese ungewöhnliche Kraft. Diese Typen haben seine Gutmütigkeit, Reinheit und Bescheidenheit, die Weite seines Verstandes und seiner Güte, im Gegensatz zu allem Unnatürlichen und Falschem angenommen. Wundern Sie sich bitte nicht, daß ich plötzlich von unserer Literatur spreche; aber ihr gebührt das Verdienst, daß sie in ihren besten Vertretern und früher als unsere ganze Intelligenz, bemerken Sie das wohl, sich vor der Wahrheit des Volkes gebeugt und die Ideale des Volkes als die wahrhaft schönen anerkannt hat. Es ist wahr, daß unsere Dichter zum Teil dazu genötigt waren und es wohl mehr aus künstlerischem Instinkt, als aus gutem vaterländischem Willen taten. Doch genug von der Literatur – sprach ich von ihr doch nur im großen Zusammenhange mit dem Volke und mit der allgemeinen Frage der russischen Volklichkeit!