Sämtliche Werke 13

Part 12

Chapter 123,408 wordsPublic domain

Über die Legionen, als die neue Kraft, die da emporsteigt, um Frankreich noch einmal zu einem ersten Platz in Europa zu verhelfen, habe ich schon früher geschrieben, lange vor dem Manifest des Maréchal-Président – und siehe, es ist alles so in Erfüllung gegangen, wie ich es damals erwartet hatte. In diesem Manifest, das alle Welt nicht wenig Wunder genommen hat, tut der Marschall unumwunden kund, – wenn er auch verspricht, der „Gesetzmäßigkeit“ zu folgen, den Frieden aufrechtzuerhalten, usw. – daß er, wenn das Land sich mit seiner Meinung nicht einverstanden erklären und ihm in den bevorstehenden Wahlen wieder die ganze frühere republikanische Mehrheit schicken sollte, gezwungen sein werde, sich dann seinerseits mit der Meinung des Landes _nicht_ einverstanden zu erklären und sich dem Willen desselben _nicht_ zu fügen. Solch ein erstaunliches Manifest des Marschalls muß seine besonderen Gründe haben! In solch einer Sprache und in solchem Tone hätte er nicht mit dem Lande sprechen können – Frankreich ist doch nicht irgendein Dorf –, wenn er nicht seiner Macht und des Erfolges sicher gewesen wäre! So dürfte es wohl klar sein, daß er seine Hoffnungen auf die Armee setzt. Und wirklich, als der Marschall im Sommer durch Frankreich reiste, wurde er zwar in vielen, ich glaube, schon in allzu vielen Städten und Provinzen recht zweideutig empfangen, das Heer jedoch und die Flotte bekundeten überall volle Anhänglichkeit und begrüßten den Marschall mit begeisterten Hurras. Fraglos darf man an den guten und, sagen wir, unschuldigen Gefühlen des Marschalls nicht zweifeln. Hat er auch etwas mehr als ungewöhnlich gehandelt, indem er im voraus zu verstehen gab, daß er dem rechtmäßigen Willen des Landes nicht gehorchen werde, wenn dieses nicht ihm gehorcht, so hat er das natürlich nur getan, weil er auf seine Weise dem Lande Wohlergehen bringen will und überzeugt ist, daß er dazu auch fähig sei. So braucht man denn wegen der moralischen Eigenschaften des Marschalls weiter keine Bedenken zu tragen, wohl aber vielleicht in Betreff irgendwelcher anderen ... Er scheint einer jener Charaktere zu sein, die immer unter irgend jemandes Vormundschaft stehen müssen: von dieser Seite betrachtet, bietet sein Charakter einzelne bemerkenswerte Sonderheiten. Zum Beispiel fragt es sich, – für wen arbeitet er jetzt? Für wen bemüht er sich so sehr, und für wen wagt er so viel? Zweifellos ist er unter der strengsten Vormundschaft, doch bin ich überzeugt – allerdings ist das nur meine persönliche Meinung: nur er allein ist in ganz Europa bis jetzt noch überzeugt, daß er unter niemandes Einfluß steht und daß er nur von sich aus handelt. Die geschickten Leute, die sich seiner bemächtigt haben, werden ihn wahrscheinlich, solange sie es für gut befinden, in diesem Glauben bestärken – und ihn inzwischen dorthin lenken, wohin sie ihn haben wollen. Das ist natürlich nur möglich, weil sie die Eigenschaften und die Eigenliebe solcher Charaktere vorzüglich kennen. Doch solche geschickten Leute kann man nur in einer einzigen Partei finden, allerdings, der größten und stärksten: in der klerikalen. Alle anderen politischen Parteien Frankreichs zeichnen sich nicht durch Gewandtheit aus. In der Tat nun, unter wessen Vormundschaft steht eigentlich der Marschall? Es ist jetzt wohl schon allgemein bekannt, daß die Legitimisten in Bewegung sind, daß eine ganze Reihe von Kandidaten vorhanden ist, ja – es heißt sogar, daß der Marschall sie protegiere –, daß sie von ihrem Siege bei den Wahlen im voraus überzeugt sind, und ferner, daß sie sich auf das Heer verlassen können, und daß im übrigen der kaiserliche Prinz schon auf das Festland zurückgekehrt sein soll, ja, man sagte sogar, er werde sich nach Paris begeben. Soll man nun wirklich glauben, daß der Marschall Mac-Mahon, dieser so selbstbewußte Präsident der „Republik“, so viel Arbeit und Gefahren auf sich nimmt, einzig um den kaiserlichen Prinzen auf den Thron zu setzen? Ich glaube – wiederum nur meine ganz persönliche Ansicht –, ich glaube, daß das nicht der Fall ist. Ich nehme natürlich den anderen Fall aus, daß es irgendwelche ganz besondere Kombinationen gibt, wie zum Beispiel, daß der Prinz sich mit der Tochter des Marschalls verlobt habe, wie es vor einem Monat verlautete: dann ist es natürlich etwas anderes. Gibt es aber keine solchen besonderen Kombinationen oder geheimen Abmachungen, so scheint mir, daß der Marschall eher geneigt wäre, das Land zu _seinem_ Vorteil zu beglücken, als zum Vorteil eines anderen, und wenn er die bonapartistischen Kandidaten protegiert, so tut er das wohl nur, weil er sie für die verläßlichsten hält, später aber sie so, wie es _ihm_ gefällt, zu lenken gedenkt. Gott mag wissen, was für Gedanken in diesem Hirn entstanden sind. Nicht umsonst hat doch ein Bischof beim Empfange des Marschalls in seiner Begrüßungsrede erwähnt, daß er, Mac-Mahon, weiblicherseits von Karl dem Großen abstamme. Mit einem Wort, ein paar Jahre Präsidentschaft haben vielleicht genügt, um in seine Seele einige erregende und phantastische Gedanken zu pflanzen. Zudem ist er Soldat! Übrigens sind alle diese Erwägungen nur abstrakte Versuche, diesen wirtschaften Charakter zu erklären. Die Wahrheit beschränkt sich vorläufig auf die Tatsache, daß der Marschall in den Händen der Klerikalen ist, und daß diese ihn lenken, nicht aber er sie, wie er es wohl glaubt. Das Schicksal Frankreichs hängt im gegenwärtigen Augenblick entschieden nur von ihnen ab, ausschließlich von ihnen. Zweifellos geht die furchtbare unterirdische Intrige immer noch weiter, und obgleich ganz Europa schon von Anfang an weiß, daß die Klerikalen in der gegenwärtigen westeuropäischen Bewegung eine große Rolle spielen, so ist es diesen, glaube ich, denn doch gelungen, den _Umfang_ und die _Macht_ dieser ihrer Rolle zu verheimlichen, sich hinter anderen zu verstecken, hinter dem Marschall, zum Beispiel, hinter den Bonapartisten, und das wird so fortdauern, bis sie das gewünschte Ziel erreicht haben. Im Grunde ist es ihnen ganz gleich, wer da siegt, der Marschall oder der Prinz. Persönliche Sympathien haben sie nicht und sollen sie auch nicht haben. Sie haben bloß eine Aufgabe: daß Frankreich so schnell wie möglich sein Schwert zieht und sich auf Deutschland stürzt. Nun, und zu diesem Zweck haben sie denn auch die Republikaner, die unfähig waren, für den Papst einzustehen, einfach beseitigt. Jetzt aber warten sie noch ab: wer wird schließlich für ihre Absichten vorteilhafter sein? Sollte der kaiserliche Prinz ihnen wirklich mehr Aussichten für den Krieg bieten, so werden sie sich an ihn machen und ihn nach Paris bringen, natürlich ohne dann noch an Mac-Mahon zu denken. Doch vorläufig scheinen sie sich noch an den Marschall zu halten. Bei der Gelegenheit – vor kurzem noch hieß es, der Marschall habe in einem Gespräch gesagt, selbstverständlich so, daß alle es hören konnten: „Man sagt von mir, ich hätte die Absicht, die republikanischen Einrichtungen zu annullieren, und vergißt dabei natürlich, daß ich, als ich die Präsidentschaft der Republik übernahm, mein Wort gegeben habe, sie zu erhalten.“ Diese Worte bestätigen durchaus die Annahme von der moralischen Unschuld des Marschalls, trotz aller Anschuldigungen der Republikaner. Als ehrlichem Menschen und Offizier ist ihm sein Ehrenwort heilig und er wird es selbstverständlich nicht brechen. Wenn er aber die Republik erhält und zu gleicher Zeit die Republikaner verjagt, so heißt das wohl, daß er die Republik ohne Republikaner fortzuführen gedenkt. Man sollte meinen, dieses wäre tatsächlich sein politisches Programm, und man habe ihn überzeugt, daß es wirklich durchführbar sei. Dieses Programm mit der These: „_J’y suis et j’y reste_“ – „hab’ mich mal hier hingesetzt und gehe nicht mehr fort“ – bildet augenscheinlich das A und O all seiner politischen Überzeugungen und wird es noch rund bis zum Jahre 1880 bilden, wann die Frist für seine Präsidentschaft und folglich auch die für sein Ehrenwort abläuft. Dann jedoch beginnt schon der Traum ... Das dankbare Land wird, wenn es sieht, daß er die Präsidentschaft niederlegen will, ihm für die Rettung vor den Demagogen eine neue Würde anbieten, nun, meinetwegen die Karls des Großen, und dann wird wieder alles wie geölt gehen ... Selbstverständlich werden die ihn lenkenden Schlauköpfe, im Falle er wirklich sein Ehrenwort halten und die republikanischen Einrichtungen bestehen lassen wollte, ihn sofort gegen Bonaparte eintauschen, wenn diese Republik ohne Republikaner ihren weiteren Plänen unvorteilhaft sein sollte. In Anbetracht dessen haben sie ihn denn auch, wie es scheint, veranlaßt, die bonapartischen Kandidaturen zu unterstützen – natürlich mit der Versicherung, es sei für ihn selbst vorteilhaft. Jedenfalls bleibt er unter so unbarmherziger Vormundschaft, daß er auf keine Weise aus ihr heraus kann. Ja, irgendwelche großen, noch nie dagewesenen Ereignisse erwarten die Welt, man ahnt, daß die Armee in Tätigkeit treten wird, ahnt die mächtige Bewegung des Katholizismus. Die Gesundheit des Papstes, schreibt man, sei „befriedigend“. Doch wehe, wenn der Tod des Papstes mit den französischen Wahlen zusammenfällt, oder wenn der Papst auch nur bald nach ihnen stirbt. Dann kann sich die Orientfrage mit einem Schlage in eine europäische verwandeln ...

Die katholische Verschwörung

Den Gedanken einer katholischen Verschwörung[14] habe ich schon früher einmal[15] recht ausführlich behandelt, doch scheint der Hauptpunkt meiner Ausführungen, – daß der Kern der gegenwärtigen wie der bevorstehenden Ereignisse ganz Europas _in der katholischen Verschwörung_ und der baldigen, zweifellos mächtigen Bewegung des Katholizismus, die mit dem Tode des alten und der Wahl des neuen Papstes zusammenfallen wird, liegt, – dieser Hauptpunkt scheint übersehen worden zu sein. Heute bin ich noch fester von meiner Ansicht überzeugt, als vor zwei Monaten. Seit der Zeit ist so vieles geschehen, was mich in meiner Lösung des Rätsels bestärkt hat, daß ich an ihrer Richtigkeit nicht mehr zweifle. Seit der Zeit haben auch die Zeitungen, die unsrigen wie die ausländischen, angefangen über dasselbe Thema zu schreiben, – wenn auch, wie es scheint, immer noch nicht so recht entschlossen, die letzte Folgerung zu ziehen.

Ich will hier eine Stelle aus dem vorzüglichen Leitartikel der „Moskauer Nachrichten“ anführen, die unter anderem auch die Meinungen der Korrespondenten englischer Blätter zitiert:

Die Korrespondenten der englischen Blätter ergehen sich in recht aufrichtigen Erklärungen. Der Schlüssel der europäischen Politik ist nach ihrer Meinung in den Händen Deutschlands. Deutschland aber wäre aus sehr begreiflichen Gründen aufgelegt, gerade jetzt sich noch fester als zuvor Rußland anzuschließen. – Erstens hat man in Berlin bemerkt, daß die Mißerfolge der russischen Strategie Österreich belebt und sogar ermuntert haben, also dasjenige Land, welches, wie man annimmt, immer noch einigen Unwillen gegen Preußen nährt. Zweitens, daß die Hauptfeinde Deutschlands, Frankreich und der Katholizismus, ihre ganze Sympathie der Türkei entgegenbringen. Zu Anfang der Balkanwirren allerdings, da liebäugelte Frankreich noch mit Rußland, doch wenn es damals vielleicht noch einiges Wohlwollen für uns dort gab, so hat sich dasselbe jetzt nicht nur vermindert, es hat sich sogar mit dem ganzen Herzen den Türken zugewandt. Und was den kriegerischen Katholizismus anbetrifft, so hat er nicht erst jetzt, sondern von Anfang an, wie allen bekannt, leidenschaftlich die „rechtgläubige“ Türkei gegen das schismatische Rußland unter seinen Schutz genommen. Die Gesinnungslosigkeit des eifernden Klerus ist sogar so weit gegangen, daß sich ein Vertreter dieser Partei mit unmißverständlicher Zärtlichkeit über den Koran geäußert, so daß selbst die ultramontane „Germania“ es für nötig befunden hat, ähnliche Ausfälle durch die Bemerkung abzuschwächen, daß, wenn man sich auch der Siege der Türken über die verhaßten Russen freuen müsse, es doch nicht ganz angebracht sei, gleich Sympathie für den Islam zu bekunden. Da nun das _mot d’ordre_ des Katholizismus auffallend mit der Veränderung der öffentlichen Meinung Frankreichs zugunsten der Türken zusammenfällt, und da die Interessen des gleichfalls katholischen Österreichs den Interessen Rußlands zuwiderlaufen, so fürchtet man natürlich in Berlin die Möglichkeit solch einer katholischen und antideutschen Liga, in die vielleicht später die ultramontanen Interessen sowie die separatistischen Süddeutschlands und „sogar England“ hineingezogen werden könnten. So schreiben nämlich die englischen Korrespondenten, doch kann hierüber wohl kein Zweifel bestehen, daß es England ist, das die Hauptrolle in diesen Intrigen spielt. Also bleiben wir wieder allein mit der Türkei.

Das ist ja alles ganz wunderschön, doch ist es einstweilen noch immer nicht das erklärende und letzte Wort, das zu sagen sich offenbar niemand getraut. Doch spricht man in diesem Leitartikel wenigstens auch von dem _kriegerischen Katholizismus_ und der Bedeutung, die er in den Augen Bismarcks hat, und von dem gegenwärtigen Einfluß des ersteren auf Frankreich; und endlich sogar von der Liga: daß man in Berlin _natürlich die Möglichkeit solch einer katholischen und antideutschen Liga fürchte, in die vielleicht später die Ultramontanen und die separatistischen Elemente Süddeutschlands und „sogar England“ hineingezogen werden könnten_. Nun, von einer katholischen Liga, von einem katholischen Komplott sprach ich ja gerade vor zwei Monaten, doch sagte ich damals auch mein letztes abschließendes Wort darüber: nämlich, daß gerade in der Verschwörung die ganze Sache bestände, daß von ihr jetzt alles in Europa abhänge, und daß sogar der ganze Balkankrieg sich in kürzester Zeit in einen alleuropäischen verwandeln könne – und dieses einzig nur infolge dieser mächtigen Verschwörung des sterbenden Katholizismus. Währenddessen wollen die englischen Korrespondenten und die „Moskauer Nachrichten“ diesen Gedanken gewissermaßen noch nicht zugeben, und letztere behaupten statt seiner sogar, daß „zweifellos England es ist, das die Hauptrolle in diesen Intrigen spielt“, und daß „_wir mit der Türkei wieder allein bleiben werden_“. – Wirklich? Steht es uns nicht vielleicht schon in allernächster Zukunft bevor, daß wir uns plötzlich nicht der Türkei, sondern ganz Europa allein gegenüber befinden?

In der Tat, was ist denn das für ein „kriegerischer Katholizismus“, den zu bemerken und in den gegenwärtigen Ereignissen zuzugestehen, sich alle bequemen? Woher kommt dieser kriegerische Mut, der sogar „bis zur Leidenschaft“ wird, mit dem der Katholizismus die „rechtgläubige“ Türkei gegen das schismatische Rußland in seinen „Schutz“ nimmt? Sollte das wirklich nur deshalb geschehen, „weil Rußland das abtrünnige Land ist“? Der Katholizismus hat heutzutage so viel Scherereien und ernste Sorgen, daß ihm an all diese alten Kirchenstreitigkeiten nicht mal zu denken Zeit übrigbleibt. Doch vor allem eine Frage: Woher kommt denn diese „katholische Liga“, die man in Berlin so fürchtet? Übrigens, eben davon habe ich ja schon früher gesprochen, und meine Folgerung war damals, daß diese Liga, die jetzt auch schon von anderen zugegeben wird, eine feste, streng organisierte katholische _Verschwörung_ ist, mit der Absicht, die römische Weltherrschaft wiederherzustellen, ferner, daß sie sich schon heute über ganz Europa verbreitet hat, und daß infolgedessen der Schlüssel der gegenwärtigen Intrigen weder hier noch dort und nicht nur in England allein, sondern gerade in dieser universalen katholischen Verschwörung liegt!

Der kriegerische Katholizismus stellt sich eifrig und „leidenschaftlich“ gegen uns auf die Seite der Türken. Selbst in England, selbst in Ungarn gibt es augenblicklich keine so eifernden Hasser Rußlands, wie diese kriegerischen Klerikalen. Nicht irgendein Prälat, sondern der Papst selber hat in den Versammlungen im Vatikan freudig von den „türkischen Siegen“ gesprochen und Rußland eine „furchtbare Zukunft“ prophezeit. Dieser sterbende Greis, der sich noch dazu das „Haupt der Christenheit“ nennt, hat sich nicht geschämt, öffentlich zu gestehen, daß er jedesmal freudig erregt von den Niederlagen der Russen höre. Ein so furchtbarer Haß wird sofort begreiflich, wenn man zugesteht, daß der römische Katholizismus jetzt tatsächlich „Krieg führt“, daß er in Wirklichkeit und mit dem Schwert in Europa gegen seine verhängnisvollen Feinde im Felde steht. Doch wer ist denn in Europa augenblicklich der größte Feind des römischen Katholizismus, das heißt, der Weltmonarchie des Papstes? Fraglos Fürst Bismarck. Rom selber wurde dem Papst ausgerechnet in der Stunde der Größe und Herrlichkeit Deutschlands und Bismarcks genommen, in der Stunde, da Deutschland den ersten Verteidiger des Papsttums, Frankreich, vernichtete, wodurch es bekanntlich dem italienischen König die ersehnte Freiheit zum Handeln gab – der dann auch unverzüglich Rom einnahm. Seit der Zeit hat Rom nur eine einzige Sorge gehabt, und zwar: einen Feind und Gegner Deutschlands und des Fürsten Bismarck zu finden. Fürst Bismarck wiederum begreift seinerseits schon längst und besser, als man es sich denkt, daß der römische päpstliche Katholizismus – abgesehen von seiner ewigen Feindschaft gegen das protestantische Deutschland, das seinerseits wiederum so viele Jahrhunderte lang gegen Rom und die römische Idee in allen ihren Gestalten und gegen alle Verbündeten und Beschützer und Anhänger Roms protestiert hat –, daß der Katholizismus namentlich _jetzt_, also in der für das geeinte Deutschland gefährlichsten Zeit, das allerschädlichste aller diese Vereinigung erschwerenden Elemente ist, mit anderen Worten, daß Rom die Vollendung dieses Gebäudes verhindern will, das zu errichten das mühevolle Lebenswerk Otto von Bismarcks gewesen ist. Außer dieser „Möglichkeit“ einer katholischen, antideutschen Liga fürchtet man jetzt in Berlin noch, was man eigentlich schon lange vorhergesehen hat: daß der Katholizismus, sei es früher oder später, jedenfalls aber einmal, die Ursache der nächsten Erhebung Frankreichs sein wird, um Rache an Deutschland zu nehmen, von dem es erniedrigt und besiegt worden ist – und daß die Veranlassung dazu der römische Katholizismus früher und sicherer als alle anderen Feinde geben wird, und daß folglich er die größte Gefahr für das geeinte Deutschland bleibt. Diese Berliner Befürchtung hat sich aus der ganz natürlichen Kombination ergeben, daß erstens das Papsttum in der Welt keinen anderen Verteidiger hat, als immer noch dasselbe Frankreich, das sich einzig auf sein Schwert verlassen kann, _wenn es ihm nur gelingt, dieses Schwert wieder fest mit der Hand zu fassen_, und zweitens, daß der römische Katholizismus noch längst kein toter Feind ist, daß er schon tausendjährig ist, daß er mit wahrer Leidenschaft leben will und seine Lebensfähigkeit geradezu großartig ist, daß er Kräfte hat in Überfülle, und daß eine so mächtige Idee, wie die weltliche Papstmacht, nicht in einer Minute sterben kann. Ja, in Berlin hat man nicht nur den Feind erkannt, sondern auch seine Macht. In Berlin verachtet man seine Feinde nicht vor dem Kampf.

Wenn nun aber der Katholizismus mit solchem Drange leben will und leben muß, und wenn das Schwert, das ihn verteidigen könnte, sich nur in Frankreichs Hand befindet, so ist es wohl klar, daß Rom Frankreich nicht aus den Fingern lassen wird, besonders wenn es den günstigen Augenblick abwartet. Dieser günstige Augenblick kam nun im Frühling – das war der Russisch-Türkische Krieg, die Aufrollung der Balkanfrage. In der Tat: wer ist der Hauptverbündete Deutschlands? Selbstverständlich Rußland. Und das hat Rom vorzüglich eingesehen. Da haben wir nun den Grund, warum sich der Papst über die russischen „Mißerfolge“ freut: durch sie ist der größte Bundesgenosse des furchtbarsten Feindes der päpstlichen Macht von seinem uralten und natürlichsten Verbündeten durch den Krieg abgelenkt worden, und folglich ist Deutschland jetzt allein, – das heißt aber so viel, daß jetzt der Augenblick gekommen ist, den der Katholizismus so lange ersehnt hat. Wann sonst, wenn nicht jetzt, sollte es wohl am besten sein, den alten Haß zu schüren und Frankreich in den Rachekrieg zu treiben?

Zudem nähern sich für den Katholizismus noch andere gefährliche Krisen, so daß es jetzt wirklich für ihn heißt: keinen Augenblick verlieren. So naht unaufhaltsam der Tod Pius’ IX. und damit die Wahl des neuen Papstes. In Rom aber weiß man nur zu gut, daß Fürst Bismarck seine ganze Genialität und seine ganze Kraft anwenden wird, um den letzten, furchtbarsten Schlag gegen die päpstliche Macht auszuführen: daß er aus allen Kräften die Wahl des neuen Papstes zu beeinflussen versuchen wird, und zwar, um ihn aus einem weltlichen Herrscher und Machthaber in nichts weiter als einen gewöhnlichen Patriarchen zu verwandeln, und das wenn möglich noch mit seiner eigenen Zustimmung – um darauf, nachdem der Katholizismus sich dann in zwei feindliche Lager gespalten hat, ihn zerbröckeln und all seine Absichten, Ansprüche und Hoffnungen auf ewig vernichten zu können. Wie soll sich da der Katholizismus nicht beeilen, alle Maßregeln, die gegen Bismarck zu ergreifen sind, so schnell wie möglich zu treffen! Und siehe, da kommt gerade zur rechten Zeit die Orientfrage dazwischen! Oh, jetzt wird man für Frankreich schon Verbündete, die es so lange vergeblich gesucht, mit Leichtigkeit finden können! Jetzt wird sich sogar eine ganze Koalition zusammentreiben lassen! Und wenn auch Europa von Blutströmen überschwemmt wird, – was hat das zu sagen! Dafür wird der Papst triumphieren, – das aber ist für die römischen Verkünder Christi alles!

Nun, und da haben sie sich denn an die Arbeit gemacht. Als erstes, versteht sich, mußte man erreichen, daß Frankreich für sie einsteht. Wie das machen? Sie haben es verstanden! Jetzt wird es schon von allen Staatsmännern und der ganzen Presse zugegeben, daß die Maiumwälzung in Frankreich von den Klerikalen veranlaßt worden ist; nur, wiederhole ich, scheinen sie alle dieser Tatsache noch nicht die volle Bedeutung zugestehen zu wollen, die sie zweifellos in sich schließt. Man könnte glauben, Europa hätte sich vor vier Monaten endgültig überzeugt, daß die Klerikalen und der Klerus den Staatsstreich in Frankreich bloß deshalb gemacht, um letzterem daselbst mehr Freiheit, gewisse Nutznießungen und größere Rechte zu verschaffen, während es doch unmöglich ist, auch nur anzunehmen, daß dieser Umsturz nicht mit den allerradikalsten Zielen vorgenommen worden sei, um – in Anbetracht der baldigen Unruhen in der römischen Kirche bei Gelegenheit der Papstwahl – den möglichst sofortigen Ausbruch des nun nicht länger aufschiebbaren Krieges zwischen Frankreich und Deutschland zu bewirken! Ja! gerade den Krieg wollen sie! Womit die Sache auch enden mag: sie werden ihren Willen doch durchsetzen, werden es doch zu dem Kriege bringen, durch den, falls Frankreich siegen sollte, dann auch der Papst vielleicht wieder zu seiner weltlichen Macht kommen kann.