Sämtliche Werke 13

Part 11

Chapter 113,458 wordsPublic domain

All das begreift man in Deutschland nur zu gut. Wenigstens halten alle offiziösen Organe der Presse, die vom Fürsten Bismarck beeinflußt werden, den Krieg für unvermeidlich. Wer von den Gegnern sich zuerst auf den anderen stürzen wird, und wann gerade, – das kann man natürlich nicht voraussagen, doch kann der Krieg sehr, sehr leicht ausbrechen. Selbstverständlich „kann“ das Gewitter auch vorüberziehen, nämlich wenn Mac-Mahon plötzlich Angst befällt vor dem, was er auf sich genommen, und er, wie einstmals Ajax, in Zweifeln befangen, auf halbem Wege stehenbleibt. Dieser Zufall ist allerdings möglich, doch kann man wohl kaum irgendwie auf ihn oder mit ihm rechnen. Vorläufig verfolgt Fürst Bismarck mit fieberhafter Aufmerksamkeit alles, was in Frankreich vor sich geht, und beobachtet und wartet. Für ihn besteht das Verhängnisvolle gerade darin, daß die Sache nicht in dem Augenblick angefangen hat, in dem er es erwartete. Jetzt jedoch sind ihm die Hände gebunden. Am unangenehmsten aber ist, daß sich plötzlich die Wunden aufgedeckt haben, die bis jetzt so sorgsam geheimgehalten wurden. Über die größte von ihnen habe ich schon einmal gesprochen – das ist die Befürchtung, Rußland könnte erraten, wie mächtig es ist, und welch eine Bedeutung sein entscheidendes Wort jetzt, gerade in diesem Augenblick haben kann, und – die Hauptsache – „_daß die Abhängigkeit vom Bündnis mit Rußland allem Anschein nach die Schicksalsbestimmung Deutschlands ist, besonders seit dem Deutsch-Französischen Kriege_“. Dieses deutsche Geheimnis könnte jetzt plötzlich ans Licht kommen – und das wäre für die Deutschen zum mindesten peinlich. Wie aufrichtig gewogen uns auch die Politik Deutschlands in den letzten Jahren gewesen ist: dieses Geheimnis ist von allen Deutschen streng bewahrt worden, niemals auch nur angedeutet worden – auch nicht in der Presse. Bis jetzt hatten die Deutschen immer eine ruhige und stolze Haltung, die natürlicherweise der Macht, die niemandes Hilfe braucht, eigen ist; nun aber muß die schwache Stelle leider herauskommen. Denn wenn das klerikale Frankreich sich zum verhängnisvollen Kampf entschließt, so ist es damit nicht getan, daß man seinen Angriff, falls es zuerst angreifen sollte, zurückschlägt, sondern man muß es für immer entkräften, es einfach erdrücken und die Gelegenheit ausnutzen – das ist die Aufgabe! Da aber Frankreich zudem reichlich eine Million Soldaten hat, so muß es den Sieg, um des Endes der Sache gewiß zu sein, unbedingt _sicher_ stellen; denn anders lohnt es sich überhaupt nicht, anzufangen. Und die einzige Sicherstellung wäre, sich des entscheidenden Wortes Rußlands zu vergewissern. Kurz, am unangenehmsten ist, daß all das so plötzlich und unvorbereitet herauskommt. Alle früheren Berechnungen sind umgeworfen, und jetzt sind es schon die Ereignisse, die die Berechnungen lenken – nicht umgekehrt, wie früher. Heute oder morgen kann Frankreich im Innern mit sich zur Ruhe kommen. Es hat sich in eine Abenteuerpolitik gestürzt, und daher kann man sich wohl fragen, wo diese Abenteuer aufhören werden, wo ihnen eine Grenze gezogen sein wird? Das ist sehr unangenehm: noch vor so kurzer Zeit zeigten die Deutschen ein so unabhängiges Auftreten, besonders im letzten Jahre. Erinnern wir uns, daß in diesem Jahre auch Rußland sich bemühte, in Europa zu erkennen, wer ihm freund war, und die Deutschen kannten unsere Sorgen und machten ihre feierlich-festlichste Miene, die wohl den Umständen am angemessensten war. Es ist ja verständlich, wenn Deutschland sich über jede slawische Bewegung immer ein wenig beunruhigt; doch kann man wohl sagen, daß die Kriegserklärung Rußlands vor zwei Monaten für Deutschland vielleicht sogar nicht einmal so ganz unangenehm war: „Nein, jetzt werden sie es schon bestimmt nicht erraten,“ dachte man in Deutschland vor zwei Monaten, „daß wir es sind, die ihrer bedürfen, jetzt werden die Russen, an der Donau, dem ‚deutschen Strom‘, stehend, vollkommen überzeugt sein, daß, umgekehrt, mir sie allein uns furchtbar nötig haben und es am Ende des Krieges ohne unser gewichtiges Wort unmöglich abgehen wird. Und es ist gut, daß die Russen so denken, das kann uns später sehr zustatten kommen.“ Fraglos hat es viele kluge Deutsche gegeben, die vor zwei Monaten so von uns gedacht haben; ihre ganze Presse dachte und schrieb so und – nun plötzlich hat diese klerikale Stimmung durch alles einen Strich gezogen und alles umgestürzt! „Oh, jetzt werden sie es erraten, jetzt werden sie alles erraten! Und außerdem ist es unbedingt nötig, daß Rußland so schnell wie möglich diesen Krieg beendet und wieder frei wird! Doch wäre es äußerst gefährlich, hierbei eine Beeinflussung zu versuchen. Vielleicht wird es vor England und Österreich Angst bekommen – was aber nicht anzunehmen ist. Uns aber England und Österreich zur Beeinflussung Rußlands anzuschließen, daran ist nicht zu denken: die werden später sowieso nicht helfen, und Rußland würden wir nur verärgern. Sonderbare Lage! Oder sollte man Rußland womöglich helfen, damit es den Krieg schneller los wird? Nun ... das könnte man auch ohne Waffen tun, einfach mit politischem Druck, auf Österreich zum Beispiel ...“ So ungefähr überlegen jetzt dieselben Politiker, und es kann sehr, sehr leicht geschehen, daß all das in Wirklichkeit eintrifft.

Um es kurz zu machen – ich wollte nur meine Überzeugung äußern, meinen Glauben, daß Rußland nicht nur so stark und mächtig wie immer ist, sondern jetzt, gerade jetzt, die stärkste aller europäischen Mächte ist, und daß noch niemals sein entscheidendes Wort in Europa so geschätzt werden konnte wie im gegenwärtigen Augenblick. Mag Rußland jetzt auch mit den Türken beschäftigt sein, so kann doch schon seine Entscheidung für diesen oder jenen die Wage der europäischen Politik je nach seinem Wunsch und Willen in starkes Schwanken bringen. Sogar England selbst sieht jetzt, wie es, in Anbetracht der _Möglichkeit_ äußerst umständlicher neuer Ereignisse in Westeuropa, sogar in den Augen der Russen zwei Drittel seines Prestige verliert, und wie doch endlich auch die mißtrauischsten Russen begreifen, daß es ihm, England, nicht einfällt, es auf einen Krieg ankommen zu lassen, wenn Rußland fest entschlossen ist, seine Sache fortzuführen, und daß England weit mehr auf eine Teilung des Erbes nach dem Tore des „kranken Mannes“ spekuliert, als daß es sich entschlösse, _für_ denselben, in dieser ohnehin schon ungemütlichen Zeit, noch einen offenen Krieg zu beginnen. In der Tat, sollte es geschehen, daß etwas Unerwartetes, Unheilvolles in Westeuropa ausbräche, so wird doch England sich nie und nimmer in eine so heikle Sache gar zu sehr einmischen, die dem gewohnten Charakter seiner Interessen so überaus unähnlich sieht, und wird, versteht sich, bloß eine aufmerksam beobachtende Stellung einnehmen und nach seiner alten Gewohnheit den günstigen Augenblick abwarten, in dem sich irgendwo irgendeine Teilung der Beute ausschnüffeln läßt, um sich dann geschwind mit seinen Forderungen einzufinden. Jetzt jedoch, das heißt, vor der Klärung der Verhältnisse im Westen, wäre es keine Berechnung für England, gegen Rußland irgend etwas Ernstes zu unternehmen. Anderseits: was kann Österreich machen, wenn es _allein_ bleibt? Ist es doch unwahrscheinlich, daß die klerikale Verwicklung der Sache in Westeuropa nicht auch auf Österreich hinüberwirken wird. Und so harrt denn natürlich auch Österreich, ganz wie alle anderen, der ferneren Dinge und der Entscheidungen der Fragen, so daß auch ihm jetzt, ganz wie allen anderen, die Hände teilweise gebunden sind. Ja, allen sind jetzt die Hände irgendwie gebunden, nur Rußland hat die seinen noch frei. Nun, und da hat denn auch schon etwas _Unvorhergesehenes_ zu unseren Gunsten eingesetzt. Wie soll man auch nicht mit dem _Unvorhergesehenen_ rechnen, wenn es sich um die Geschicksentscheidung der Menschheit handelt?

Gott und seine Gesetze regieren die Welt, und wenn über Europa sich wirklich etwas Neues mit Schicksalsmacht entladen soll, so ist es wohl nötig, daß es früher oder später geschieht. Gebe Gott, daß ich mich täusche. Gebe Gott, daß die heraufziehende Wolke sich verzieht und all meine Vorahnungen sich nur als meine eigenen „hitzigen“ Phantasien erweisen – als Phantasien eines Menschen, der von der Politik nichts versteht. Die ganze Frage ist ja nur –: Haben die offiziösen Organe der deutschen Presse, die den Krieg prophezeien und ihn erwarten, recht oder unrecht? Anderseits versichern die Minister Mac-Mahons den Franzosen und der ganzen Welt aus allen Kräften – übrigens ohne jegliche beschuldigende Anspielungen –, daß „Frankreich den Krieg nicht beginnen wird“. Nun, da wird man doch wohl zugeben müssen, daß all dieses zum mindesten verdächtig ist, und daß die Lösung der Zweifel, schon nach dem Gang der Sache selbst zu urteilen, in äußerst kurzer Zeit eintreffen kann. Wie aber, wenn jetzt so viel von der „Meinung der Armee“ abhängt? Schlimm, wenn es soweit kommt: dann ist es zu Ende mit Frankreich. Übrigens kann das ja nur mit Frankreich allein geschehen und sonst mit niemandem in der ganzen Welt. Doch gebe Gott, daß es auch mit ihm nicht geschehe: Das würde ein schlimmer Anfang sein und ein noch schlimmeres Beispiel.

Die Lage Frankreichs

Unselige Pechvögel

(Französische Republikaner)

Es ist schwer, sich etwas Unglückseligeres vorzustellen, als es die französischen Republikaner und die Französische Republik sind.[13] Nun ist es bald schon hundert Jahre her, daß diese Einrichtung auf die Welt gekommen. Und seit der Zeit ist es immer wieder geschehen – jetzt zum drittenmal –, daß, wenn gewandte Usurpatoren die Republik sozusagen konfiszierten, sich niemand erhob, sie ernstlich zu verteidigen, außer vielleicht irgendeinem kleinen Häufchen Machtloser. Eine allgemeine, starke Unterstützung der Republik von seiten des ganzen Volkes hat es noch nie gegeben. Und selbst in den Zeiten, da sie ein Recht hatte, zu existieren, hat sie selten jemand für eine _nicht_ vorübergehende, für die definitive politische Institution Frankreichs genommen. Nichtsdestoweniger gibt es wohl kaum Leute, die von der Sympathie des ganzen Landes für die Republikaner überzeugter wären als die französischen Republikaner selbst.

Übrigens, während der zwei ersten Versuche, in Frankreich die Republik zu begründen, im vorigen Jahrhundert sowie 1848, konnten die damaligen Republikaner noch einige Gründe haben, besonders zu Anfang ihrer Versuche, auf die Sympathie des Landes zu rechnen. Die jetzigen Republikaner jedoch, – diese selben, denen es bestimmt ist, in allerkürzester Zeit samt ihrer Republik von irgend jemandem kurz und bündig aufgehoben zu werden – die, sollte man meinen, hätten schon wirklich keinen Grund mehr, sich Hoffnungen auf eine sichere Zukunft zu machen, selbst wenn ihnen das Land auch einige Zuneigung entgegenbrächte, eine Zuneigung, die, _nota bene_, in Frankreich nicht allzu zuverlässig ist; denn das Volk sympathisiert jetzt ja nur negativ mit ihnen, etwa nach dem Sprichwort: bei Fischmangel ist auch der Krebs ein Fisch – mit anderen Worten: im Notfalle nimmt man mit allem fürlieb. Währenddessen aber sind sie noch am Vorabend ihres sicheren Sturzes von ihrem Siege fest überzeugt. Und doch: was waren das für unglückliche Leute, was war das für eine Republik, diese dritte, die der selige Thiers wohl anerkannte, doch eben nur wie den Krebs bei Fischmangel! Wir brauchen uns ja nur der Geburt dieser dritten Republik zu erinnern: fast zwanzig Jahre lang erwarteten diese Republikaner den „ruhmvollen“ Augenblick, da der Usurpator gestürzt sein und „das Land sie zurückrufen“ werde. Und was geschah? Als diese Pechvögel nach Sedan glücklich die Herrschaft an sich gerissen hatten, waren sie gezwungen, diesen furchtbaren Krieg auf ihre Schultern zu nehmen, diesen Krieg, den sie niemals gewollt hätten, und den ihnen der Usurpator hinterließ, als er Frankreich verließ, um in das schöne Schloß Wilhelmshöhe einzuziehen und dort seine Zigarren weiterzurauchen. Und wenn dieser geriebene Usurpator, als er dann durch die Alleen des deutschen Schloßparks spazierte, sich auch über sie geärgert haben mag, die seine Macht an sich gerissen hatten, so wird er zuweilen doch bestimmt auch boshaft gelächelt haben, bei dem Gedanken, wie gut er sich an ihnen gerächt, indem er seine Schuld auf ihr schwaches Haupt gewälzt hatte. Denn, wie dem auch sein möge – später beschuldigte Frankreich doch eher sie als ihn alles dessen, worüber es sich zu beklagen hatte: daß sie den hoffnungslosen Krieg überhaupt weitergeführt und nicht verstanden hatten, sofort Frieden zu schließen, daß sie zwei große Provinzen, fünf Milliarden fortgegeben, das Land zugrunde gerichtet, sich schlecht geschlagen und ihre Anordnungen aufs Geratewohl getroffen. Letzteres wirft man noch heute dem damaligen Diktator Gambetta vor, der jedoch an nichts schuld ist, im Gegenteil, alles getan hat, was unter jenen Verhältnissen möglich war. Kurz, die Anklage gegen die Republikaner, daß sie ungeschickt gewesen seien und das Land ins Verderben gestürzt hätten, hielt sich und hält sich auch jetzt noch unangefochten aufrecht. Was tut’s, wenn alle wissen, daß Napoleon die erste Ursache des Unglücks war, es heißt trotzdem: „Warum haben sie denn die Sache nicht besser gemacht, wenn sie sie einmal übernahmen? Und wenn’s nur das wäre – aber sie haben sie ja noch so verschlimmert, wie man sie sich schlimmer gar nicht vorstellen kann.“ – Ein schöner Vorwurf! Doch das ist noch nicht alles: zusammen mit dieser Anschuldigung heftete sich ihnen auch noch etwas Verächtliches und Lächerliches an, bei dem Gedanken, in welch eine Klemme sie gleich zu Anfang ihrer Herrschaft geraten waren. Und doch – was hätten sie anderes tun können? Den Krieg nicht weiterzuführen, gleich nach Sedan Frieden zu schließen, war unmöglich: Die Deutschen würden auch dann Land und Geld gefordert haben, und was wäre da aus den Republikanern geworden, wenn sie auf diese Bedingungen eingegangen wären? Man würde sie einfach Feiglinge oder „Traitres“ genannt haben, wenn sie, „noch im Besitze einer Armee“, sich nicht verteidigt, sondern schmählich ergeben hätten. Das wäre eine schöne Empfehlung für ihre neue Republik gewesen! Da ihnen aber die Republik und deren Errichtung in Frankreich viel mehr am Herzen lag als die Rettung des Landes, so waren sie eben gezwungen, den Krieg weiterzuführen, trotz der Ahnung, daß nach dem Kriege sie eine noch weit größere Schande erwartete! Also stand vor ihnen Schande, und stand hinter ihnen Schande – eine Lage, die nicht nur unglücklich, nicht nur tragisch, sondern in gewisser Beziehung sogar komisch war; denn wahrlich nicht in _der_ Gestalt hatten sie sich den Antritt ihrer Herrschaft nach dem Sturz des „Tyrannen“ erträumt!

Diese Komik wurde noch durch den Umstand verstärkt, daß sie trotz allem mit dem leichtesten Herzen die Herrschaft ergriffen, trotz allem ... das heißt, Verzeihung, ich will keineswegs behaupten, sie hätten nicht um Frankreich getrauert – oh, unter ihnen gibt es, was Gefühle anbelangt, vortreffliche Leute und sogar wirkliche Diener des Vaterlandes, versteht sich, im Falle es Republik heißt. Vielleicht gibt es sogar solche, einen oder zwei, die selbst die Republik an die zweite Stelle setzen würden, wenn nur Frankreich glücklich wäre – obgleich es kaum wahrscheinlich ist, daß es solche gibt, höchstens, wie gesagt, einen oder zwei, jedenfalls bestimmt nicht mehr. Die Sache war nun aber die: die Republikaner bildeten sich nämlich sofort ein – kaum daß der Friede mit Deutschland geschlossen war und sie sich angeschickt hatten, das Land in Ruhe zu verwalten –, sie hätten schon die Liebe Frankreichs errungen, und zwar gleich auf ewig, für alle kommenden Zeiten. Das war es, was so komisch wirkte! Entschieden hat jeder französische Republikaner die verhängnisvolle, verderbliche Überzeugung, es genüge das Wort „Republik“, es genüge schon, das Land eine Republik zu nennen, und sofort werde es für immer glücklich sein. Jedes Mißlingen der Republik schreiben sie unentwegt stets einem äußeren störenden Umstand zu, wie zum Beispiel dem, daß es auch Usurpatoren in der Welt gibt und überhaupt böse Menschen; und kein einziges Mal denken sie an die ungemeine Schwäche jener Wurzeln, die die Republik im Boden Frankreichs geschlagen, und die in ganzen hundert Jahren nicht haben erstarken und tiefer eindringen können. Überdies ist es den Republikanern in diesen sechs Jahren noch nie eingefallen, daß ihre komische Lage, wie Napoleon III. sie ihnen hinterlassen hat, auch jetzt noch besteht und daß, wenn das alte Unglück vergangen ist, ein neues Unglück, ein dem alten ähnliches, sich nähert, und zwar eines, das sie bestimmt in die _aller_komischste Lage bringen wird, in eine so ungemein komische Lage, daß sie sich vielleicht schon in allernächster Zukunft nicht mehr werden halten können. Diese Komik besteht darin, daß dieses kommende Unglück, erstens ganz so wie das vergangene, in ihrer Erfüllung der hohen Pflicht liegt, dem Vaterlande _wissentlich_ zum Verderben dienen zu müssen; zweitens, daß dieses Unglück wieder ganz so wie das erste vollkommen unabwendbar ist; drittens, daß es sie in eine ebensolche Klemme zu bringen droht, wie die, in der sie 1871 staken; und viertens, daß es, zur Vollendung des Verdrusses, ihnen ganz so wie das erste Mal von diesem selben Napoleon III., den sie so hassen und dessen Andenken sie so verfluchen, vermacht worden ist. In der Tat: wer ist jetzt der eifrigste Anhänger der Französischen Republik? Zweifellos Fürst Bismarck. So lange, wie in Frankreich die Republik besteht, ist jeder Revanchekrieg unmöglich. Man stelle sich nur vor: die Republikaner entschlössen sich, den Deutschen den Krieg zu erklären!! Nun, Fürst Bismarck begreift die Lage. Und währenddessen ist es doch sonnenklar, daß der große Organismus Frankreichs – vierzig Millionen – nicht ewig schmachvoll unter der Vormundschaft Deutschlands bleiben kann. Die Wunden werden zuheilen, die Erschütterung wird allmählich in Vergessenheit geraten, es werden sich neue Kräfte ansammeln, Mittel, Heere ... Und _kann_ denn überhaupt eine Nation, die so lange politisch die erste Rolle gespielt hat, nach ihrem alten Ansehen in Europa _nicht_ verlangen? Der Augenblick, in dem das geschehen wird, ist vielleicht nicht mehr gar so fern: die Fülle innerer Kraft muß unbedingt darnach streben, die Vormundschaft Bismarcks abzuschütteln und ihre frühere _Unabhängigkeit_ wiederzugewinnen; denn augenblicklich kann man Frankreich unmöglich unabhängig nennen. In besagtem Falle aber würde eben ganz Frankreich sofort beim ersten Schritt mit dem Kopf an seine Republik stoßen. Wie kann man sich also, wiederhole ich, nur vorstellen, daß die jetzigen Republikaner überhaupt wollen könnten, dem Fürsten Bismarck in irgendeiner Angelegenheit „grob zu kommen“, und sogar in solch einer Weise, daß sie einen Krieg mit ihm riskierten!? Erstens, welch ein Franzose wird denn mit ihnen gehn, sogar in dem Falle, wenn Frankreich den Krieg wollte? Und zweitens wird sich doch jeder Franzose die unabweisbare, furchtbare Frage stellen: Was aber dann, wenn die Deutschen uns wieder schlagen? Dann ist ja für die Republik in Frankreich das letzte Ende gekommen: dann wird Frankreich ausschließlich den Republikanern die Schuld an der Niederlage zuschreiben und sie dann aber endgültig verjagen, wobei es natürlich ganz vergessen wird, daß es selbst nach der „Vergeltung“ und der alten dominierenden Stellung verlangt hatte ... Sollten aber anderseits die Republikaner festen Fuß fassen, auf die neuen Stimmen und Schreiereien nicht hören, den Krieg nicht erklären – so hieße das gegen den Wunsch des Landes gehen, das sie dann wiederum absetzen und sich dem ersten besten gewandten Führer anvertrauen würde. Mit einem Worte: – vorne Sedan und hinten Sedan! Inzwischen haben die Republikaner aber bestimmt noch nicht einmal angefangen an all das zu denken, obgleich der neue Ausbruch des Volkes vielleicht nicht mehr lange auf sich warten lassen wird. Und gleichfalls haben sie auch daran noch nicht gedacht, daß sie im Grunde nichts anderes sind, als die Protégés des Fürsten Bismarck, daß Frankreich aber diese Situation mit jedem Jahr mehr und mehr begreifen muß, und zwar im genauen Verhältnis zur Wiedererstehung und Erstarkung seiner Kräfte, und daß es folglich sie, die Republikaner, immer mehr verachten wird, anfänglich im geheimen und noch nicht bewußt, allmählich jedoch immer bewußter und schließlich offen und laut ...

Doch die Republikaner erkennen ihre Komik nicht an – bewahre: das sind pathetische Leute. Im Gegenteil, gerade jetzt haben sie neuen Mut geschöpft, jetzt, nachdem Mac-Mahon, der Präsident der „Republik“, sie nach Haus geschickt und die Kammer bis zu den nächsten Oktoberwahlen vertagt hat. Jetzt sind _sie_ die „Verfolgten“ und fühlen sich deshalb ungeheuer in ihrer Aureole. Sie erwarten, daß ganz Frankreich plötzlich die Marseillaise anstimmen und der Ruf „_on assassine nos frères_!“ von Mund zu Mund gehen werde; wie einst zur Zeit der Revolution. Jedenfalls vertrauen sie auf den „Sieg der Gesetzmäßigkeit“ und erwarten, daß das Land im Unwillen über den Maréchal Mac-Mahon, über dieses kaum an seine Schale pickende Usurpatorenküchlein, wieder die ganze republikanische Mehrheit in die Kammer wählen wird – und womöglich noch neue republikanische Kandidaten dazu – und daß dann die neue versammelte Kammer dem Maréchal ein strenges Veto sagen und dieser, erschreckt durch die „Gesetzmäßigkeit“, sich von dannen machen wird. Von der Macht dieser „Gesetzmäßigkeit“ sind sie felsenfest überzeugt, – und nicht vielleicht aus Mangel an Intelligenz, sondern einfach, weil sie, diese guten Leute, zu sehr Leute ihrer Partei sind und etwas zu lange in ihrer Ecke gesessen haben. Sie haben zu lange um ihre geliebte Republik gelitten, darum glauben sie so fest an die republikanische „Vergeltung“. Sonderbarerweise glauben auch bei uns in Rußland viele unserer Zeitungen an ihren bisherigen Triumph und den unfehlbaren Sieg ihrer „Gesetzmäßigkeit“. Wodurch aber ist diese „Gesetzmäßigkeit“ gesichert, wenn Mac-Mahon nicht geruht, sich ihr zu unterwerfen, wovon er übrigens dem Lande schon in seinem bewunderungswürdigen Manifeste Mitteilung gemacht hat? – Durch den Unwillen, den Zorn des Landes? Aber der Marschall wird doch sofort in diesem selben Lande unzählige Anhänger finden, wie das ja in ähnlichen Fällen in Frankreich immer gewesen ist. Was soll man dann machen? Barrikaden bauen? Doch bei dem heutigen Gewehr, der heutigen Artillerie sind die alten Barrikaden unmöglich! Ja, und Frankreich wird sie ja gar nicht bauen wollen, selbst wenn es wirklich die Republik wollte. Ermüdet und überdrüssig der hundertjährigen politischen Unordnung wird es auf die allerprosaischste Weise sich überlegen, auf welcher Seite die Kraft ist, und sich dann der Kraft unterwerfen. Die Kraft aber liegt jetzt in der Armee, und das ahnt das Land. Folglich kann die ganze Frage nur sein: Für wen steht die Armee?

Ein merkwürdiger Charakter

(Mac-Mahon. Französische Reaktionäre)