Part 10
In Frankreich bildete sich in den letzten Jahren die parlamentarische Mehrheit aus Republikanern: und sie führten ihre Sachen ziemlich gut, ehrlich, ruhig, ohne Aufregungen durch. Sie verbesserten die Armee, bewilligten für sie ohne ein Wort des Streites riesige Summen, dachten aber nicht einmal an den Krieg, und alle begriffen, in Frankreich wie in Europa, daß, wenn es irgendwo eine friedliebende Partei gab, es zweifellos diese republikanische in Frankreich war. Ihre Führer zeichneten sich durch Mäßigung und eine an ihnen ganz ungewohnte Vernunft aus. Einstweilen aber sind das in Wirklichkeit lauter abstrakte Leute und Idealisten, Sänger eines schon längst verklungenen Liedes und furchtbar kraftlose Menschen: liberale, ergraute, doch sich jünger machende Greise, die sich einbilden, immer noch jung zu sein. Sie sind bei den Ideen der ersten französischen Revolution stehen geblieben, d. h. beim Triumph des dritten Standes, und sind im vollen Sinne des Wortes die Verkörperung des Begriffes „Bourgeoisie“. Das ist ganz dieselbe Julimonarchie, aber nur mit dem Unterschied, daß sie Republik heißt und es keinen König in ihr gibt – versteht sich, letzteren im Sinne von „Tyrann“. Alles, was sie Neues gebracht haben – das ist das Anno 48 eingeführte allgemeine Stimmrecht, das von der königlichen Juliregierung so gefürchtet wurde, und aus dem nicht nur nichts Gefährliches entstanden ist, sondern umgekehrt, sogar sehr viel für die Bourgeoisie Nützliches. Sehr zustatten kam diese Idee auch der Regierung Napoleons III. Doch die alten Herren waren im höchsten Grade zufrieden mit ihr, und es beruhigt und lullt sie ein wie kleine Kinder, daß sie „Republikaner“ sind. Das Wort „Republik“ hat bei ihnen etwas Komisch-Ideales. Man sollte meinen, daß diese unschuldige Partei Frankreich und die Franzosen vollkommen zufriedenstellen könnte, das heißt, die städtische Bourgeoisie und die Grundbesitzer. Doch siehe, in Wirklichkeit ist es umgekehrt. In der Tat, warum erschien die Republik in Frankreich immer als eine unzuverlässige Regierungsform? Und wenn die Republikaner nicht immer gehaßt worden sind, so werden sie doch immer von der großen Mehrzahl der Bourgeoisie wegen ihrer Kraftlosigkeit verachtet, oder wenn auch nicht gleich verachtet, so doch immerhin nicht wirklich geachtet. Auch das Volk hat ihnen fast nie getraut. Jedesmal, wenn in Frankreich die Republik die Regierung antrat, verlor geradezu alles im Lande seine Festigkeit und sein Selbstvertrauen. Bis jetzt ist die Republik immer nur ein Übergangszustand gewesen – zwischen revolutionären Versuchen allerschrecklichster Art und irgendeinem, zuweilen allerdummdreistesten Usurpator. Und da sie fast immer ein solches Ende genommen, hat sich auch die Gesellschaft gewöhnt, sie danach zu beurteilen. Dieses Mal war es nicht anders: kaum daß die Republik begann, fingen alle an, sich gleichsam in einem Interregnum zu fühlen – und wie vernünftig die Republikaner auch regieren mögen, die Bourgeoisie bleibt doch im stillen überzeugt, daß früher oder später der rote Bund aufflammen oder wieder irgendeine Monarchie beginnen wird. Das Ergebnis ist, daß der Bourgeoisie nun die monarchische Regierung viel lieber geworden ist als die republikanische, sogar ungeachtet dessen, daß die Monarchie, wie zum Beispiel die Napoleons III., gewissermaßen Versuche einer Vereinbarung mit den Sozialisten gemacht hat, während doch in der ganzen Welt niemand und nichts den Sozialisten feindlicher sein kann als die echten Republikaner: für die ist ja nur das Wort „Republik“ nötig, die Sozialisten aber suchen nicht Worte, sondern Taten. Nach den Prinzipien der Sozialisten ist’s ihnen einerlei – bilden sie eine Republik oder eine Monarchie, bleiben sie Franzosen oder werden sie womöglich Deutsche, und, offen gestanden, selbst wenn sich die Sache irgendwie so wenden sollte, daß ihnen der Papst zustatten käme, so würden sie selbst den Papst wählen. Sie suchen vor allen anderen Dingen zuerst _ihre Sache_ durchzuführen, das heißt, den Sieg des vierten Standes sowie Gleichheit in der Verteilung der Rechte bei der Nutznießung der Lebensgüter, unter welch einer Fahne jedoch – das ist ihnen einerlei, meinetwegen unter der allerdespotischsten.
Auffallend ist, daß Fürst Bismarck den Sozialismus nicht weniger als das Papsttum haßt, und daß die deutsche Regierung, besonders in der allerletzten Zeit, scheinbar schon etwas zu sehr die sozialistische Propaganda zu fürchten anfängt. Zweifellos geschieht das nur, weil der Sozialismus die nationale Grundlage aufhebt, überhaupt die Wurzel der Nationalität untergräbt: das Prinzip der Nationalität aber ist die Grundlage der ganzen deutschen Einheit, die Hauptidee alles dessen, was in Deutschland in den letzten Jahren vollführt worden ist. Es kann jedoch sehr leicht möglich sein, daß Fürst Bismarck noch tiefer sieht und sich folgendes sagt: Der Sozialismus ist für ganz Westeuropa eine zukünftige Macht oder doch Kraft, und wenn das Papsttum irgendeinmal von den Mächten dieser Welt verlassen und verworfen sein wird, so kann es sehr, sehr leicht geschehen, daß es sich in die Arme des Sozialismus wirft und mit ihm zu einem Ganzen verschmilzt. Der Papst kommt mit bloßen Füßen zu allen Armen und sagt, daß alles, was sie lehren, schon längst in der Bibel geschrieben stehe, daß bisher bloß die Zeit für sie noch nicht gekommen wäre, dieses zu wissen, jetzt aber sei sie endlich angebrochen, und nun sei er, der Papst selber, bereit, ihnen Christus zu opfern, und statt an Ihn, gleichfalls an den menschlichen Ameisenhaufen zu glauben. Der römische Katholizismus – das liegt auf der Hand – bedarf nicht Christi, sondern der Weltherrschaft: „Also ihr braucht eine Vereinigung gegen den Feind? Vereinigt euch unter meiner Macht; denn ich allein bin von allen Mächten und Machthabern der Welt _universal_, – laßt uns zusammengehen!“ Dieses Zukunftsbild stellt sich wahrscheinlich Fürst Bismarck vor; denn von allen Diplomaten hat er allein einen so scharfen Blick gehabt, um die Lebenszähigkeit der römischen Idee und diese ganze Energie zu erkennen, mit der sie bereit ist, sich zu verteidigen, ohne jetzt noch die Mittel zu wählen. Leben will sie höllisch gern, sie zu töten aber ist schwer, denn sie ist eine Schlange! – Der einzige, der das erkennt, ist Bismarck – der größte Feind des Papsttums und der römischen Idee!
Doch siehe, die sich immer jünger machenden alten Herrchen, die französischen Republikaner, sind nicht fähig, dies zu verstehen. Den Klerus hassen sie schon aus bloßem Liberalismus, den Papst halten sie für machtlos und verächtlich und die römische Idee für vollständig überlebt. Sie verfallen nicht mal darauf, sich mit der furchtbaren klerikalen Partei zu versöhnen, wenn auch nur politisch, um sich etwas mehr Festigkeit zu verleihen. Wenigstens könnten sie es doch vorläufig unterlassen, die Klerikalen zu reizen, sie mit einem so anmaßenden Selbstvertrauen zu foppen, ja, sie könnten ihnen sogar einige Unterstützung bei der so nah bevorstehenden Wahl des neuen Papstes versprechen. Sie aber tun gerade das Gegenteil – entweder aus der idealen Ehrlichkeit ihrer Überzeugungen, oder einfach aus Leichtsinn. In der letzten Zeit haben sie noch zum Überfluß angefangen ganz besonders den Klerus zu verfolgen, und zwar genau in dem Augenblick, da dem Papsttum nur noch Frankreich als einzige Stütze verblieb. Denn wer könnte wohl im Notfalle für die „Freiheit“ der Papstwahl und für die Freiheit des gewählten Papstes das Schwert ziehen? Und dieses Schwert muß zudem noch stark und mächtig sein. Es blieb keine andere Wahl als Frankreich und seine große Armee. Und nun Frankreich an der Spitze der Feinde! Freilich, Marschall Mac-Mahon ist gehorsam, doch ist er selber in der Klemme und kann sich nicht mal selbst befreien: Die Mehrheit der Kammer ist republikanisch und liberal, und keine einzige der anderen Parteien vermag sie zu stürzen. Kurz, die republikanische Mehrheit zu verdrängen ist unmöglich ... Und nun plötzlich befreit dieser Klerus – dieser verachtete, machtlose Klerus! – den Marschall Mac-Mahon und beweist der ganzen Welt eine Macht, wie sie niemand von ihm mehr erwartet hätte. Die Pfaffen geben den Parteien zu verstehen, daß sie sich nur unter der Fahne des Klerus vereinigen können, und die Parteien, frappiert durch die Augenscheinlichkeit dieser Wahrheit, sind sofort mit ihnen einverstanden. In der Tat: für die Legitimisten wie für die Bonapartisten ist der größte und nächste Feind – diese selbe republikanische Mehrheit. Wenn jede dieser Parteien einzeln für sich arbeiten wollte, so würde sie nichts erreichen, zusammen aber, vereint, können sie eine Macht bilden, die am Ende fähig wäre, alle zu besiegen und selbst die Republikaner zu verjagen. Dann aber, wenn sie die Republik erdrosselt haben, wird jede Partei sich um sich allein kümmern können und, versteht sich, jede von ihnen wird dann um so größere Aussichten auf Erfolg haben, je mehr sie dem Klerus Gefallen erweist. Alles das hat der Klerus mathematisch berechnet und – – die Vereinigung ist zustande gekommen: schon hat die klerikale Mehrheit des Senats den Marschall Mac-Mahon ermächtigt, die Republikaner anzugreifen.
Das schwarze Heer.
Die Meinung der Legionen als neues Element der Zivilisation
Nachdem der Klerus plötzlich solch eine unerwartete Macht und Gewandtheit bewiesen hat, wird er fraglos noch weiter gehen. Dieses schwarze Heer wird einfach in der entscheidenden Stunde Deutschland den Krieg erklären – und das ist es, was Fürst Bismarck alsbald durchschaut hat! Das Wichtigste haben sie ja schon erreicht: Mac-Mahon hat eingewilligt, Frankreich in die Abenteuerpolitik zu stürzen. Nun, und die Klerikalen sind nicht derart, um vor dem Weiteren zurückzuschrecken. Die haben kein Mitleid mit Frankreich. Wie alles in der Welt, brauchen sie auch Frankreich nur so lange, wie sie aus ihm Nutzen ziehen können. Dieses Land, das ihre einzige Hoffnung ist und ihnen so viele Jahrhunderte lang treu gedient hat, könnten sie eigentlich wohl verschonen! Aber ihre Stunde im Jahrtausend hebt schon an zum Schlage, und wenn ihnen da gerade Frankreich in die Hände fällt: warum sollen sie dann nicht aus ihm Kräfte herausquetschen, soviel sie eben nur können, und wenn sie damit auch hundertmal seine Existenz, sein Leben aufs Spiel setzen? Sie müssen alles nehmen, was es noch hergeben kann, und vor allen Dingen dürfen sie keinen Augenblick versäumen: wollten sie nur ein wenig später beginnen, so wäre es für sie schon zu spät. Darum heißt es gerade jetzt versuchen, Bismarck zu schlagen; denn wenn jemand bei der Wahl des Papstes stören wird, so ist es natürlich nur er. Und hinzu kommt jetzt noch, daß Bismarck gerade in diesem Augenblick ganz allein ist, ohne einen einzigen Verbündeten: Rußland – seine ganze Hoffnung – ist durch den Krieg in Anspruch genommen. Und schließlich, wenn es gelingt, Bismarck, wenn auch nur zeitweilig, zu besänftigen, so heißt es für sie doch, so schnell wie nur möglich, das Zukünftige anbahnen: den günstigen Augenblick benutzen und ein für allemal aus Frankreich einen dauerhaften Bundesgenossen machen, einen, der zu allem bereit ist und gehorsam bleibt, und der einwilligt, zu diesem Zweck daselbst eine radikale, diesmal aber _ernstliche_, auf ewig geltende Umwälzung zustande zu bringen. Zweifellos ist damit viel gewagt, doch schwanken können wohl andere, nicht aber die Jesuiten. Die Sache liegt nämlich so, daß sie gegenwärtig überhaupt keine andere Wahl haben, als riskieren und riskieren und nochmals riskieren ... Sich mit der klerikalen Umwälzung in Frankreich begnügen, – ohne Krieg mit Deutschland und ohne _ernstliche_ Revolution in Frankreich, ist ihnen einfach unmöglich: derart ist jetzt ihre Lage. Sie wollen alles haben – oder nichts –, und da würde wenig nehmen, sich mit irgendeinem „Einfluß auf die Regierung“ zufrieden geben, ihnen nicht den geringsten Nutzen bringen. Ihre Bedürfnisse aber sind jetzt riesengroß! Und so bleibt ihnen nichts anderes übrig, als _va banque_ zu spielen. Wenn ihnen aber, nehmen wir an, der Coup in Frankreich nicht gelingt, wenn, sagen wir, die Deutschen nochmals siegen und Frankreich den letzten Todesstoß geben, so kommt es für sie doch auf eins heraus: sie, also der Klerus, werden es deswegen nicht schlechter haben als jetzt, ich meine, als wenn sie jetzt artig die Hände in den Schoß legten und keine Umwälzung beabsichtigten: sie würden beim Alten bleiben, bei dem, wo sie vor den „Abenteuern“ waren, das heißt soviel wie in der allerschlimmsten Lage, die nur einen Trost hat, nämlich den, daß sie nicht mehr schlimmer werden kann. Eine andere Sache ist es mit Frankreich: wird es nochmals besiegt, so ist es unrettbar verloren. Doch nicht den Jesuiten steht es an, davor zurückzuschrecken: sie wissen, daß sie, wenn Frankreich _siegt_, _alles_ bekommen und sich dann endgültig einnisten können. Dazu aber haben sie ihre besonderen Mittel, in Frankreich noch unerhörte Mittel!
Alle anderen Revolutionäre, selbst die wildesten „rotesten“, verbinden sich doch, wenn sie den Umsturz vollbracht, mit irgend etwas Allgemeinem, vorher Gegebenem und sogar Gesetzmäßigem. Die revolutionären Jesuiten jedoch können nicht gesetzmäßig, sondern nur _ungewöhnlich_ handeln. Dieses schwarze Heer steht außerhalb der Menschheit, außerhalb des Bürgertums, außerhalb der Zivilisation und geht ganz von sich allein aus. Das ist ein _status in statu_, das ist die Armee des Papstes, die braucht nur den Triumph _einzig ihrer_ Idee, – das übrige mag untergehen, was ihr im Wege liegt, mag verderben, was nicht mit ihnen übereinstimmt, mag sterben – Kultur, Gesellschaft, Wissenschaft! Sicherlich wollen sie Frankreich zu einer neuen und jedenfalls endgültigen Form umarbeiten, wenn bloß die Gelegenheit ihnen günstig ist; und wollen aus dem Lande allen Kehricht hinausfegen, und zwar mit einem Ofenbesen, wie ihn bis jetzt noch niemand gesehen hat, auf daß nicht einmal ein Geruch von irgendeinem Widerstande im Lande bleibe; und wollen dann dem Französischen Staat eine neue Verfassung geben, die ewig unter der strengsten Vormundschaft der Jesuiten bleiben muß.
All das kann auf den ersten Blick lächerlich absurd erscheinen. In der französischen Presse – und auch in der unsrigen – sind alle wohlgesinnten Leute fest davon überzeugt, daß die klerikale Partei sich bei den nächsten Wahlen unbedingt das Bein brechen werde. Die französischen Republikaner sind in ihrer geistigen Unschuld gleichfalls vollkommen überzeugt, daß „die ganze _activité dévorante_ der von neuem ausgesandten Präfekten und Maires so gut wie nichts erreichen wird und nur die früheren Republikaner gewählt werden, die dann wiederum die frühere Mehrheit ausmachen und alsbald den Absichten Mac-Mahons ein Veto entgegensetzen werden; darauf wird dann der ganze Klerus verjagt und mit ihm vielleicht auch Mac-Mahon“. Doch diese Überzeugung ist leider nicht sehr begründet, und sicher machen sich die Klerikalen in der Beziehung die geringsten Sorgen. Die Sache ist nämlich eigentlich die, daß die naiven, harmlosen Greise, wie es scheint, immer noch nicht, trotz der vielen Erfahrungen, im ganzen Umfang begreifen können, mit was für Leuten sie es zu tun haben. Denn so wie die Wahlen für die Klerikalen nur ein wenig unvorteilhaft ausfallen, werden sie auch die neue Kammer auflösen, ungeachtet aller konstitutionellen Rechte derselben. Man wird vielleicht einwenden, dieses sei ungesetzmäßig, illegitim und darum unmöglich? Das ist allerdings wahr, doch wann kümmert sich dieses schwarze Heer um das Gesetz und die Rechte? Sie werden bestimmt – wir haben ja schon Tatsachen, die davon zeugen – ihrem gehorsamen Marschall den tollkühnen Gedanken eingehen, ein Mittel zu gebrauchen, das in Frankreich noch nie angewandt worden ist, und zwar: den _militärischen Despotismus_. Man wird natürlich sofort sagen, daß das ein altes Mittel sei, daß es schon mehrmals angewandt worden wäre, zum Beispiel von den Napoleonen! Und doch wage ich zu behaupten, daß es _in seiner ganzen Gewaltsamkeit tatsächlich_ noch kein einziges Mal in Frankreich gebraucht worden ist. Hat sich der Marschall Mac-Mahon der Armee versichert, so kann er die ganze zukünftige Versammlung der Landesvertreter, _wenn sie gegen ihn ist_, einfach mit dem Bajonett auseinanderjagen und darauf dem Volke erklären, daß _die Armee es so gewollt habe_. Wie ein römischer Imperator der Verfallszeit kann er daraufhin ruhig kundtun, daß er sich hinfort „_nur noch nach der Meinung der Armee richten werde_“. Dann kommt der allgemeine Belagerungszustand und der militärische Despotismus, – und Sie werden sehen, meine Herrschaften, das wird furchtbar vielen in Frankreich sogar ungemein gefallen! Glauben Sie mir, wenn es not tut, werden auch die Abgeordneten kommen und mit der _Stimmenmehrheit ganz Frankreich_ den Krieg gestatten und die nötigen Gelder dazu hergeben. In seiner kürzlichen Rede an das Heer hat sich der Marschall wenigstens in diesem Sinne ausgedrückt, und seine Worte haben großen Anklang gefunden. Wir können also nicht mehr zweifeln, daß das Heer mehr auf seiner Seite ist. Hinzu kommt noch, daß er jetzt schon zu weit gegangen ist, um noch stehenbleiben zu können, andernfalls würde er seinen Posten nicht mehr behalten, während doch seine ganze Politik und seine ganze Person sich in dem einen Wort „_J’y suis et j’y reste_“ ausdrückt. Über diese Phrase hinaus ist er bekanntlich noch nicht gegangen, doch wird er selbstverständlich alles für den Triumph derselben tun, wird, wenn’s drauf ankommt, selbst die Existenz Frankreichs aufs Spiel setzen. Die Fähigkeit und Bereitwilligkeit zu solch einem Wagnis hat er ja schon einmal im Deutsch-Französischen Krieg bewiesen, als er sich unter dem Einfluß der Bonapartisten entschloß, aus Treue zur Dynastie Napoleons, Frankreich bewußt seiner Armee zu berauben. Die Klerikalen haben ihm bestimmt sein „_J’y suis et j’y reste_“ sicher gestellt. Zweifellos haben sie es schon verstanden, Mac-Mahon geschickt darauf _hinzuweisen_, daß man im Notfalle – sind erst einmal die Parteien, die Bonapartisten und Legitimisten, unter der Fahne vereinigt – daß man im Notfalle, wie gesagt, auch ohne Chambord und ohne Bonaparte auskommen könne und man sie durchaus nicht zu rufen brauche, ja, dieses sogar in keinem Fall, sondern daß einfach der Marschall Mac-Mahon Diktator und unabsetzbarer Regent – doch dann nicht nur auf sieben Jahre – werden könne. Auf diese Weise würde sich also die These „_J’y suis et j’y reste_“ ohne Wunder verwirklichen – wenn man nur erst das Einverständnis der Armee hätte! Die Zustimmung Frankreichs kommt später ganz von selbst hinzu, denn eine feste Diktatorenhand an der Spitze der Macht wird vielen, sehr vielen gefallen. Solcher schmeichelhaften _Hinweise_ wird es, wie gesagt, fraglos schon gegeben haben. Vielleicht wird man Bedenken tragen, ob ein Mann wie Mac-Mahon so etwas unternehmen und auch ausführen kann? Nun, erstens hat er schon die eine Hälfte ausgeführt, und zwar diejenige Hälfte, die, was Entschlossenheit anbetrifft, keineswegs leichter ist als die andere. Und zweitens, – gerade solche Leute, die an und für sich nicht im geringsten unternehmend sind, können, wenn sie plötzlich unter irgend jemandes höheren, energischen Einfluß kommen, eine ganz unerwartete, verhängnisvolle Entschlossenheit bekunden – nicht etwa weil sie Genies sind, sondern viel eher aus dem entgegengesetzten Grunde. Hier handelt es sich nicht um Erwägung, sondern einfach um das In-Bewegung-Setzen, darum daß man den Anstoß gibt; und hat man solche Menschen erst einmal ordentlich vorwärtsgestoßen, so ziehen sie eben die Karre so lange schnurgerade weiter, bis sie entweder mit dem Kopf die Wand einrennen oder aber sich selbst die Hörner abstoßen.
Ein ziemlich unangenehmes Geheimnis
(Ausblicke)