Sämtliche Werke 1-2

Part 40

Chapter 403,533 wordsPublic domain

»Warum denn nicht; diesen armen Nikolai haben Sie wahrscheinlich auch ordentlich psychologisch in Ihrer Weise gequält und gemartert, bis er gestanden hat; haben ihm wahrscheinlich Tag und Nacht vorinspiriert, -- >du bist der Mörder, du bist der Mörder ...<, und jetzt, wo er es eingestanden hat, werden Sie ihn wieder anders vorkriegen. Jetzt heißt es: >Du lügst, du bist nicht der Mörder! Du kannst es nicht sein! Du glaubst nicht an deine eigenen Worte!< Nun, ist Ihr Amt nicht komisch?«

»He--he--he! Sie haben es also gehört, daß ich zu Nikolai gesagt habe, er glaube nicht an seine eigenen Worte?«

»Warum sollte ich es nicht gehört haben?«

»He--he! Sie sind scharfsinnig, sehr scharfsinnig! Sie bemerken alles! Sie haben einen ausgezeichneten lebhaften Verstand! Und erwischen immer die komischeste Seite ... he--he! Sagt man nicht, von den Schriftstellern hatte Gogol am ausgeprägtesten diese Eigenschaft.«

»Ja, Gogol.«

»Ja, Gogol ... Auf angenehmes Wiedersehen!«

»Auf angenehmes Wiedersehen!«

Raskolnikoff ging direkt nach Hause. Er war zuletzt so verwirrt und konfus geworden, daß er, als er nach Hause kam, sich auf das Sofa warf und erst eine Viertelstunde ausruhen mußte, ehe er versuchen konnte, seine Gedanken einigermaßen zu sammeln. Den Fall mit Nikolai wollte er gar nicht einmal erörtern, er fühlte eine mächtige Erregung in sich, und fühlte, daß in dem Geständnis Nikolais etwas Unerklärliches und Seltsames war; er war jetzt noch nicht imstande, dies alles zu fassen. Das Geständnis Nikolais war eine unbestreitbare Tatsache. Die Folgen dieser Tatsache wurden ihm sofort klar, -- die Lüge mußte sich offenbaren und dann nahm man _ihn_ wieder vor. Aber bis dahin war er wenigstens frei, er muß nun unbedingt irgend etwas für sich tun, denn die Gefahr war unvermeidlich.

Jedoch, in welcher Weise? Die Lage begann sich zu klären. Während er sich im allgemeinen des ganzen Auftrittes bei Porphyri Petrowitsch entsann, durchlief es ihn eiskalt. Gewiß kannte er noch nicht alle Absichten Porphyri Petrowitschs, konnte alle seine Berechnungen vorhin nicht enträtseln. Doch ein Teil des Spieles war offenbar; selbstverständlich konnte niemand besser als er selbst verstehen, wie schrecklich für ihn dieser »Schachzug« im Spiele Porphyri Petrowitschs sei. Noch ein wenig, und er hätte sich vollkommen verraten. Indem Porphyri Petrowitsch die Empfindlichkeit seines Charakters erkannt hatte und vom ersten Augenblick richtig eingeschätzt und durchschaut hatte, handelte er sehr entschlossen, und fast mit sicherem Erfolge. Es war nicht zu bestreiten, daß Raskolnikoff sich schon stark kompromittiert hatte, doch bis zu _Tatsachen_ war es noch nicht gekommen; dies alles war nur relativ. Faßte er jedoch jetzt auch alles richtig auf? Irrte er sich nicht? Zu welchem Resultate wollte heute Porphyri Petrowitsch kommen? Hatte er heute wirklich etwas vorbereitet? Und was war es? Wartete er wirklich auf etwas oder nicht? Wie würden sie sich heute getrennt haben, wenn der unerwartete Vorfall mit Nikolai nicht eingetreten wäre?

Porphyri Petrowitsch hatte fast sein ganzes Spiel aufgedeckt; es war selbstverständlich von ihm riskiert, aber er hatte es doch getan, und -- hatte alles aufgedeckt, wie es Raskolnikoff schien, -- wenn Porphyri Petrowitsch wirklich mehr gehabt hätte, würde er es auch aufgedeckt haben. Was war nur diese »Überraschung«? War es etwa Fopperei? Hatte sie eine Bedeutung oder nicht? Konnte sich darunter etwas, das einer Tatsache, einem positiven Beweis glich, verbergen? Vielleicht der Mann von gestern? Wo ist er hinverschwunden? Wo war er heute? Wenn Porphyri Petrowitsch etwas Positives hatte, so hing es sicher mit dem Manne von gestern zusammen ... Er saß auf dem Sofa, hatte den Kopf tief sinken lassen, stützte sich auf die Knie und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen. Ein nervöses Zittern durchlief immer noch seinen ganzen Körper. Schließlich stand er auf, nahm seine Mütze in die Hand, dachte eine Weile nach und ging zur Türe.

Ein Gefühl, daß er wenigstens heute sich in Sicherheit fühlen könne, rief fast Freude in seinem Herzen wach, -- er wollte jetzt schnell zu Katerina Iwanowna gehen. Zur Beerdigung kam er selbstverständlich zu spät, zum Essen langte es noch und er würde dort Ssonja sehen.

Er blieb stehen, sann nach und ein schmerzliches Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen.

»Heute! Heute!« -- wiederholte er vor sich, -- »ja, heute noch! Es muß so sein ...«

Er wollte gerade die Türe öffnen, als sie auch schon von außen geöffnet wurde. Er erzitterte und sprang zurück. Sie öffnete sich langsam und leise, und die Gestalt -- des Mannes von gestern kam zum Vorschein.

Der Mann blieb auf der Schwelle stehen, sah Raskolnikoff schweigend an und machte einen Schritt in das Zimmer. Er war genau wie gestern gekleidet, er hatte die gleiche gebückte Gestalt, nur in seinem Gesicht und im Blick war eine große Veränderung vorgegangen, -- er sah traurig drein, und nachdem er eine Weile dagestanden hatte, seufzte er tief. Es fehlte bloß, daß er die Wange auf eine Hand stützte und den Kopf zur Seite beugte, um völlig einem Weibe zu ähneln.

»Was wünschen Sie?« -- fragte Raskolnikoff.

Der Mann schwieg und verneigte sich auf einmal tief, so tief, daß er mit einem Finger der rechten Hand den Boden berührte.

»Was ist mit Ihnen?« -- rief Raskolnikoff aus.

»Verzeihen Sie,« -- sagte leise der Mann.

»Was soll ich verzeihen?«

»Meine bösen Gedanken.«

Sie blickten einander an.

»Es quälte mich. Als Sie damals kamen, vielleicht berauscht, und die Hausknechte aufforderten, mit auf die Polizei zu gehen und nach dem Blut fragten, quälte es mich, daß man die Sache so ohne weiteres ließ und Sie für einen Betrunkenen ansah. Und es quälte mich so stark, daß ich den Schlaf verlor. Und da ich mich Ihrer Adresse erinnerte, bin ich gestern hierher gekommen und habe den Hausknecht gefragt ...«

»Wer ist hergekommen?« -- unterbrach ihn Raskolnikoff und da erinnerte er sich wieder.

»Ich, das heißt, ich habe Sie gekränkt.«

»Also, Sie sind aus jenem Hause?«

»Ja, ich stand damals mit den anderen am Tore, erinnern Sie sich nicht? Ich habe dort seit langem eine Werkstatt. Ich bin Kürschner, Kleinbürger, arbeite zu Hause ... Am meisten aber quälte es mich ...«

Und Raskolnikoff erinnerte sich auf einmal klar der ganzen Szene von vorgestern am Tore; er entsann sich, daß außer den Hausknechten dort noch einige Menschen, darunter auch Frauen, gestanden hatten. Er erinnerte sich einer Stimme, die vorschlug, ihn auf die Polizei zu bringen. Auf das Gesicht des Sprechenden konnte er sich nicht entsinnen und erkannte ihn auch jetzt nicht, aber er wußte noch, daß er ihm damals geantwortet und sich nach ihm umgewandt habe ...

Also, das war die Lösung des ganzes Schreckens von gestern. Am furchtbarsten war ihm der Gedanke, daß er dadurch fast zugrunde gegangen wäre, eines solch _nichtigen_ Verhängnisses wegen sich fast zugrunde gerichtet hätte. Also, außer des Besuches in der Wohnung und des Gespräches über das Blut konnte dieser Mensch gar nichts erzählen. So hatte auch Porphyri Petrowitsch gar nichts, keine Tatsachen, nichts Positives, nichts außer diesem _Fieberwahn_, und außer der _Psychologie_, die ihre _zwei Seiten_ hat. Wenn keine Tatsachen mehr auftauchen -- und sie dürfen nicht mehr auftauchen, dürfen, dürfen nicht, -- was ... was kann man ihm anhaben? Wodurch kann man ihn denn endgültig überführen, selbst wenn sie ihn auch arretieren würden? So hat Porphyri Petrowitsch erst jetzt, soeben erst von der Wohnung erfahren, und vorher nichts davon gewußt.

»Haben Sie es heute Porphyri Petrowitsch gesagt ... daß ich dort gewesen war?« -- rief er aus, von einer neuen Idee überrascht.

»Was für einem Porphyri Petrowitsch?«

»Dem Untersuchungsrichter.«

»Ja, ich habe es gesagt. Die Hausknechte gingen damals nicht hin, und da ging ich denn.«

»Heute?«

»Ich war einen Augenblick früher da, als Sie kamen. Ich habe alles mit angehört, alles, und wie er Sie peinigte.«

»Wo? Was? Wann?«

»Ich saß die ganze Zeit bei ihm hinter der Wand.«

»Wie? Also Sie waren die Überraschung? Ja, wie konnte es denn zugehen? Erlauben Sie!«

»Als ich sah,« -- begann der Kleinbürger, -- »daß die Hausknechte trotz meiner Worte nicht hingehen wollten, weil es, wie sie sagten, schon spät sei und er vielleicht böse würde, daß sie in so später Stunde noch daherkämen, quälte es mich, ich verlor den Schlaf und begann mich zu erkundigen. Und nachdem ich mich gestern erkundigt hatte, ging ich heute hin. Als ich zum erstenmal kam, war er noch nicht da, als ich nach einer Stunde wieder kam, empfing er mich nicht, und als ich zum drittenmal da war, -- ließ man mich zu ihm. Ich erzählte ihm alles, wie es war, er lief im Zimmer herum und schlug sich mit der Faust vor die Brust. >Was macht ihr mit mir,< -- sagte er, -- >ihr Räuber? Hätte ich das gewußt, ich würde ihn mit einer Eskorte geholt haben!< Dann lief er aus dem Zimmer, rief jemand und begann in einer Ecke mit ihm zu sprechen, dann kam er wieder zu mir, frug mich aus, schimpfte mich und machte auch sich Vorwürfe. Ich teilte ihm alles mit, sagte auch, daß Sie gestern nicht gewagt hätten, mir auf meine Worte zu antworten, und daß Sie mich nicht erkannt hätten. Da begann er wieder herumzulaufen, sich vor die Brust zu schlagen und zu ärgern. Als man aber Sie anmeldete, sagte er, -- >nun, krieche hinter die Wand, sitze dort, rühr dich nicht, was du auch hören solltest<, und brachte mir selbst einen Stuhl dorthin und schloß mich ein; >vielleicht werde ich dich noch ausfragen<, sagte er. Als man aber Nikolai hineingeführt hatte, ließ er mich hinaus, nachdem Sie gegangen waren. >Ich werde noch einmal nach dir schicken,< sagte er >und werde dich fragen ...<«

»Und hat er Nikolai in deiner Gegenwart verhört?«

»Als er Sie hinausgeleitet und mich hinausgelassen hatte, begann er Nikolai zu verhören.«

Der Kleinbürger hielt inne und verneigte sich plötzlich noch einmal tief und berührte wieder mit einem Finger den Boden.

»Verzeihen Sie mir die Beschuldigung und meine Bosheit.«

»Gott vergebe dir,« -- antwortete Raskolnikoff, und kaum hatte er es gesagt, verneigte sich der Kleinbürger wieder vor ihm, aber diesmal nicht bis zum Boden, drehte sich um und verließ das Zimmer.

»Alles hat zwei Seiten, jetzt hat alles zwei Seiten,« -- wiederholte Raskolnikoff und ging mutiger als je aus dem Zimmer.

»Ha, jetzt wollen wir noch kämpfen!« -- sagte er mit einem bösen Lächeln, als er die Treppe hinabstieg. Das böse Lächeln war für ihn selbst bestimmt; er erinnerte sich seines »Kleinmutes« mit Verachtung und Beschämung.

Fünfter Teil

I.

Der Morgen, der auf die für Peter Petrowitsch Luschin verhängnisvolle Erklärung mit Dunetschka und Pulcheria Alexandrowna folgte, verfehlte seine ernüchternde Wirkung auch auf Luschin nicht. Er mußte zu seinem größten Leidwesen allmählich das Ereignis als eine vollzogene und unwiderrufliche Tatsache ansehen, das ihm noch gestern als Phantom, als Unmöglichkeit erschienen war. Die schwarze Schlange der verletzten Eigenliebe hatte die ganze Nacht an seinem Herzen genagt. Nachdem er das Bett verlassen hatte, besah er sich sofort im Spiegel. Er fürchtete, daß die Galle ihm übergelaufen sei. Aber es war alles vorläufig in bester Ordnung, und als Peter Petrowitsch sein edles, weißes und in der letzten Zeit voller gewordenes Antlitz erblickte, tröstete er sich für einen Augenblick in der festen Überzeugung, irgendwo anders eine Braut, und vielleicht eine noch bessere, zu finden. Er wies den Gedanken alsbald von sich und spie energisch aus, wodurch er ein stilles, aber sarkastisches Lächeln bei seinem jungen Freunde und Stubengenossen Andrei Ssemenowitsch Lebesjätnikoff hervorrief. Peter Petrowitsch bemerkte dieses Lächeln und beschloß sofort, es seinem jungen Freunde heimzuzahlen. Es hatte sich in letzter Zeit noch mehr angesammelt. Seine Wut vergrößerte sich, als es ihm noch bewußt wurde, daß es ganz unnötig gewesen war, Andrei Ssemenowitsch sein gestriges Erlebnis mitzuteilen. Das war der zweite Fehler, den er gestern im Eifer, in überflüssiger Aufregung, in Gereiztheit gemacht hatte ... Zudem folgte nun diesen ganzen Morgen, wie absichtlich, eine Unannehmlichkeit der anderen. Sogar im Senate hatte er einen Mißerfolg in der Sache, die er vertrat. Ganz besonders aber hatte ihn der Hauswirt gereizt, von dem er in Anbetracht seiner baldigen Heirat eine Wohnung gemietet hatte und die er auf eigene Rechnung reparieren ließ. Dieser Wirt, irgendein reichgewordener deutscher Handwerker, weigerte sich, den soeben abgeschlossenen Vertrag rückgängig zu machen und verlangte die volle Bezahlung der im Vertrage genannten Entschädigungssumme, obgleich ihm Peter Petrowitsch eine nahezu völlig renovierte Wohnung zurückgab. Ebenso wollte man auch in dem Möbelgeschäfte keinen einzigen Rubel von der Anzahlungssumme für die gekauften, aber noch nicht in die Wohnung geschafften Möbel zurückgeben. »Ich kann mich doch nicht der Möbel wegen verheiraten!« -- knirschte Peter Petrowitsch mit den Zähnen, und gleichzeitig durchfuhr ihn noch einmal eine verzweifelte Hoffnung. -- »Ja, ist denn wirklich alles unwiderruflich verloren und abgetan? Kann man es denn nicht noch einmal versuchen?« Der Gedanke an Dunetschka traf verführerisch sein Herz. Es war ihm ein Augenblick voller Qual, und hätte jetzt gleich der bloße Wunsch Raskolnikoff töten können, Peter Petrowitsch hätte unverzüglich diesen Wunsch geäußert.

»Mein Fehler war auch der, daß ich ihnen kein Geld gab,« -- dachte er, als er traurig in die Stube von Lebesjätnikoff zurückkehrte, -- »und warum bin ich, zum Kuckuck, so ein Jude geworden? Hier war es nicht angebracht! Ich dachte sie in Not zu halten und sie so weit zu bringen, daß sie mich als ihre Vorsehung betrachten müßten, und es kam so anders ... Pfui! ... Nein, ich hätte ihnen während dieser Zeit, sagen wir, anderthalbtausend zur Aussteuer geben müssen, allerhand Geschenke, Nähkästchen, Necessaires, Stoffe und anderen Schund, und die Sache war gut, war sicher! Man hätte mir nicht so leicht absagen können! Sie gehören zu den Leuten, die es unbedingt für ihre Pflicht gehalten hätten, im Falle einer Aufhebung der Verlobung die Geschenke und das Geld zurückzugeben; und das würde ihnen schwer gefallen sein und hätte ihnen leid getan! Auch das Gewissen würde sie geplagt haben; wie kann man, hätten sie sich gesagt, plötzlich einen Menschen verjagen, der bis jetzt so freigebig und zartfühlend war? ... Ich habe einen schweren Fehler begangen!« Peter Petrowitsch knirschte mit den Zähnen und nannte sich einen Dummkopf, -- selbstverständlich nur bei sich. Als er zu dieser Folgerung gekommen war, kehrte er noch wütender und gereizter nach Hause zurück, als er fortgegangen war. Die Vorbereitungen für das Essen in Katerina Iwanownas Zimmer zum Angedenken an den Verstorbenen nahmen teilweise seine Neugier in Anspruch. Er hatte schon gestern einiges über dieses Essen gehört; es schwebte ihm selbst vor, als hätte man auch ihn eingeladen; allein bei seinen eigenen Sorgen hatte er all dem keine Beachtung geschenkt. Er beeilte sich, sich bei Frau Lippewechsel näher zu erkundigen, die während der Anwesenheit Katerina Iwanownas auf dem Friedhofe für das Arrangement sorgte, und erfuhr, daß das Gedächtnismahl feierlich sein würde. Fast alle Mitbewohner, sogar auch solche, die der Verstorbene nicht gekannt hatte, waren eingeladen; Andrei Ssemenowitsch Lebesjätnikoff war auch, ungeachtet seines kürzlichen Streites mit Katerina Iwanowna, eingeladen. Auch er selbst, Peter Petrowitsch, sei geladen und würde mit großer Ungeduld erwartet, weil er der vornehmste Gast von allen sei. Amalie Iwanowna war ebenfalls, trotz aller vorgefallenen Unannehmlichkeiten, mit großer Ehre eingeladen, und mühte sich jetzt selbst ab, um alle häuslichen Anordnungen zu treffen; sie fühlte sich sehr wichtig dabei, sie war festlich geputzt, wennschon in Trauer, sie hatte ein ganz neues seidenes Kleid an und war nicht wenig stolz darauf. Alle diese Tatsachen und Mitteilungen brachten Peter Petrowitsch auf einen Gedanken; etwas nachdenklich ging er in sein, das heißt in Andrei Ssemenowitsch Lebesjätnikoffs Zimmer. Unter anderem hatte er erfahren, daß unter den Eingeladenen auch Raskolnikoff sei.

Andrei Ssemenowitsch blieb diesen ganzen Morgen aus einem bestimmten Grunde zu Hause. Zwischen diesem Herrn und Peter Petrowitsch herrschten eigentümliche, teilweise auch natürliche Beziehungen, -- Peter Petrowitsch verachtete und haßte ihn von dem Tage an, als er sich bei ihm einquartierte, über alle Maßen, gleichzeitig ihn ein wenig fürchtend. Er war bei ihm nach seiner Ankunft in Petersburg nicht bloß aus übertriebener Sparsamkeit abgestiegen; obwohl dies wohl der Hauptgrund war, gab es noch eine andere Ursache. Schon in der Provinz hatte er von Andrei Ssemenowitsch, seinem früheren Zögling, gehört, als einem der ersten jungen Progressisten, der sogar eine bedeutende Rolle in gewissen interessanten und vielbesprochenen Kreisen spiele. Das überraschte Peter Petrowitsch. Diese mächtigen, alles wissenden, alles verachtenden und alle entlarvenden Kreise jagten schon lange Peter Petrowitsch einen besonderen, wenn auch ganz unbestimmten Schrecken ein. Er selbst konnte sich, zumal er in der Provinz lebte, in keiner Weise einen annähernd genauen Begriff davon machen. Er hatte, wie viele andere, gehört, daß es besonders in Petersburg Progressisten, Nihilisten, Enthüller und dergleichen mehr gebe, aber er übertrieb gleich vielen, und verdrehte den Sinn und die Bedeutung dieser Benennungen bis ins Absurde. Am meisten fürchtete er, schon seit einigen Jahren, _Enthüllungen_, und dies war die hauptsächliche Ursache seiner beständigen übertriebenen Unruhe, besonders wenn er daran dachte, seine Tätigkeit nach Petersburg zu verlegen. In dieser Hinsicht war er, wie man sagt, _verschreckt_, wie zuweilen kleine Kinder verschreckt sind. Vor einigen Jahren in der Provinz, als er eben seine Laufbahn begonnen hatte, erlebte er zwei Fälle schlimmer Enthüllungen für zwei ziemlich bedeutende Persönlichkeiten der Gouvernementsbehörde, zu denen er sich bis dahin gehalten und die ihn protegierten. Der eine Fall endete für den Kompromittierten mit besonderem Eklat, der zweite wäre fast noch schlimmer abgelaufen. Aus diesem Grunde hatte Peter Petrowitsch beschlossen, sich sofort nach der Ankunft in Petersburg zu erkundigen, wie die Sache eigentlich sei, und falls nötig, vorzubeugen und sich bei »unserer jungen Generation« einzuschmeicheln. Dabei rechnete er auf Andrei Ssemenowitsch, und er hatte schon gelernt, wie beim Besuche Raskolnikoffs, bestimmte Phrasen aus fremder Quelle wiederzugeben ...

Gewiß, es gelang ihm bald, Andrei Ssemenowitsch als einen außerordentlich flachen, einfältigen und unbedeutenden Menschen zu erkennen. Dies hatte aber keineswegs den Glauben Peter Petrowitschs erschüttert oder ihn sicherer gemacht. Selbst wenn er sich überzeugt hätte, daß alle Progressisten eben solche Dummköpfe wären, auch dann würde sich seine Unruhe nicht gelegt haben. Alle Lehren, Gedanken, Systeme, mit denen Andrei Ssemenowitsch sich sofort auf ihn gestürzt hatte, interessierten ihn ganz und gar nicht. Er hatte sein eigenes Ziel. Er wollte bloß schnell, unverzüglich erfahren, was _hier_ vorginge und wie? Hatten _diese Leute_ einen Einfluß oder nicht? Würden sie ihn kompromittieren, wenn er dies oder jenes unternähme, oder nicht? Und wenn sie einen kompromittierten, fragt es sich, was würden sie dabei im Auge haben? Worauf richteten sich jetzt eigentlich die Enthüllungen? Und weiter, -- konnte man sich nicht ihnen in irgendeiner Weise anschließen und sie irreführen, wenn sie tatsächlich Einfluß haben sollten? Sollte man es tun oder nicht? Könnte man nicht, zum Beispiel, durch ihre Vermittlung seine Karriere fördern? Mit einem Worte, es standen hunderte von Fragen vor ihm.

Andrei Ssemenowitsch war ein kraftloser und skrophulöser Mann von kleinem Wuchse, der bei irgend jemand bedienstet war; er war auffallend blond und hatte einen Kotelettenbart, auf den er sehr stolz war. Seine Augen waren fast immer entzündet. Er hatte ein ziemlich weiches Herz, in seinen Reden lag etwas sehr Selbstbewußtes, ja zuweilen etwas außerordentlich Herausforderndes -- was im Vergleiche zu seiner kleinen Gestalt fast stets lächerlich wirkte. Amalie Iwanowna rechnete auch ihn zu ihren angesehensten Mietern, da er nicht trank und sein Zimmer pünktlich bezahlte. Alles in allem war Andrei Ssemenowitsch wirklich etwas dumm. Er hatte sich den Progressisten und »unserer jungen Generation« leidenschaftlich zugesellt. Es war einer aus der bunt zusammengesetzten Legion flacher Menschen, verfehlter Existenzen und Halbgebildeten, die nichts ordentliches gelernt hatten, die sich an die modernste gangbarste Idee heranmachen, um sie sofort zu verflachen und um alles in einem Nu zu verzerren, auch wenn sie selbst in der aufrichtigsten Weise ihr dienen.

Übrigens konnte Lebesjätnikoff, ungeachtet seiner Gutmütigkeit, seinen Stubengenossen und früheren Vormund Peter Petrowitsch nicht leiden. Es kam das wie von ungefähr und beruhte auf Gegenseitigkeit. Trotz seiner Beschränktheit begann Andrei Ssemenowitsch allmählich zu merken, daß ihn Peter Petrowitsch beschwindelte und im geheimen verachtete, und daß er nicht der »Rechte« war. Er versuchte, ihm Fouriers System und Darwins Theorie darzulegen, aber Peter Petrowitsch begann, besonders in der letzten Zeit, sarkastisch zuzuhören und sogar zu schelten. Peter Petrowitsch fühlte instinktiv heraus, daß Lebesjätnikoff nicht bloß ein flacher und ziemlich beschränkter Mensch, sondern auch ein Prahlhans sei, und daß er keine bedeutenden Verbindungen in seinem eigenen Kreise hatte, sondern sich nur mit fremden Federn schmückte; mehr noch, -- daß er nicht mal seine eigene Sache, _die Propaganda_, ordentlich verstand, weil er zu konfus redete, und ein solcher konnte doch kein Ankläger sein! Nebenbei wollen wir noch bemerken, daß Peter Petrowitsch in diesen anderthalb Wochen, besonders aber im Anfange, sehr gern die merkwürdigsten Absichten von Andrei Ssemenowitsch sich beilegen ließ, das heißt, er wies sie nicht zurück und erwiderte auch nichts, z. B., wenn Andrei Ssemenowitsch ihm die Bereitwilligkeit zuschrieb, die künftige und baldige Gründung einer neuen »_Kommune_« irgendwo in der nächsten Nähe zu fördern, oder z. B. Dunetschka nicht hinderlich zu sein, wenn es ihr im ersten Monate nach der Hochzeit einfallen sollte, sich einen Geliebten anzuschaffen, oder auch seine künftigen Kinder nicht taufen zu lassen und dergleichen mehr. Peter Petrowitsch widersprach nicht, seiner Gewohnheit nach, wenn ihm diese Eigenschaften zugeschrieben wurden, und ließ es zu, daß man ihn dafür lobte, -- so angenehm war ihm jedes Lob.

Peter Petrowitsch, der an diesem Morgen einige fünfprozentige Staatspapiere gewechselt hatte, saß am Tische und zählte das Papiergeld und die Kupons nach. Andrei Ssemenowitsch, der fast nie Geld hatte, ging im Zimmer auf und ab und gab sich den Anschein, als betrachte er diesen Haufen Geld gleichgültig und geringschätzig. Peter Petrowitsch konnte um nichts in der Welt glauben, daß Andrei Ssemenowitsch so viel Geld gleichgültig war, und jener wiederum dachte voll Bitterkeit, daß Peter Petrowitsch wirklich fähig sei, in dieser Weise von ihm zu denken, und sich möglicherweise freue, ihn, seinen jungen Freund, mit den aufgebauten Päckchen von Papiergeld zu reizen und zu verhöhnen, indem er ihn an seine Unbedeutendheit und den zwischen ihnen bestehenden Abstand erinnerte.