Part 39
»Nein, er kam nicht in meinem Auftrage! Aber ich wußte, daß er zu Ihnen gehen und warum er zu Ihnen gehen würde,« -- antwortete Raskolnikoff scharf.
»Sie wußten es?«
»Ich wußte es. Nun, was ist denn dabei?«
»Ja, Väterchen, Rodion Romanowitsch, ich weiß noch ganz andere Dinge von Ihnen; ich weiß alles! Ich weiß auch, wie Sie, als es dunkelte, in der Nacht _eine Wohnung zu mieten_ gingen, an der Glocke klingelten, und nach dem Blut fragten, und die Arbeiter und die Hausknechte verwirrt machten. Ich verstehe auch Ihre damalige Seelenstimmung ... aber Sie werden sich in dieser Weise um den Verstand bringen, bei Gott! Werden zugrundegehen! Eine starke, edle Entrüstung kocht in Ihnen gegen die empfangenen Kränkungen, zuerst vom Schicksal, dann von den Polizeibeamten, darum stürzen Sie auch hierhin und dorthin, um sozusagen schneller alle zum Sprechen zu bringen, und um allem mit einem Male ein Ende zu machen, denn dieser Unsinn und dieser ganze Verdacht ist Ihnen zum Überdruß. Ist es nicht so? Habe ich die Stimmung erraten? ... Und in dieser Weise werden Sie nicht allein zugrunde gehen, sondern ziehen auch unseren Rasumichin hinein, er ist doch dafür ein _zu guter_ Mensch, Sie wissen es ja selbst. Bei Ihnen ist es eine Krankheit, bei ihm Tugend ... die Krankheit könnte auch ihn anstecken ... Ich will Ihnen, Väterchen, wenn Sie sich beruhigt haben, etwas erzählen ... aber setzen Sie sich doch um Christi willen, Väterchen! Bitte, ruhen Sie sich aus, Sie sehen blaß aus, ja, setzen Sie sich doch!« Raskolnikoff setzte sich hin, das Zittern ging vorüber, und sein ganzer Körper begann zu glühen. Mit tiefem Erstaunen und aufmerksam hörte er dem erschrockenen und freundschaftlich um ihn bemühten Porphyri Petrowitsch zu. Aber er glaubte keinem einzigen seiner Worte, obwohl er eine seltsame Neigung empfand zu glauben. Die unerwarteten Worte Porphyri Petrowitsch' über die Wohnung hatten ihn äußerst bestürzt. -- »Wie, er weiß also von der Wohnung?« -- dachte er plötzlich, -- »und erzählt es mir selbst!«
»Ja, in unserer Gerichtspraxis gab es einmal einen fast ähnlichen Fall, auch einen psychopathischen, krankhaften Fall,« -- fuhr Porphyri Petrowitsch schnell fort, -- »da hat auch einer einen Mord sich zugedichtet und wie, -- eine ganze Halluzination führte er an, brachte Tatsachen, erzählte einzelne Umstände, verwirrte alle und machte jeden konfus, und aus welchem Grunde? Er selbst war völlig ohne Absicht und Wissen mit die Ursache an dem Morde, und als er erfuhr, daß er den Mördern Veranlassung zu ihrer Tat gegeben hatte, wurde er schwermütig und tiefsinnig, hatte Erscheinungen, verlor ganz den Verstand und bildete sich ein, daß er selbst der Mörder sei! Aber der Senat klärte schließlich die Sache auf, und der Unglückliche wurde freigesprochen und in Pflege gegeben. Dank dem Senate! Ach, ja, ja! Ja, wie soll es mit Ihnen enden, Väterchen? In dieser Weise kann man leicht an Nervenfieber erkranken, wenn man solche Anwandlungen hat, seine Nerven zu reizen, nachts die Klingel zu ziehen und nach Blut zu fragen! Ich habe diese ganze Psychologie in der Praxis studiert. In dieser Weise packt es einen Menschen zuweilen, aus dem Fenster oder von einem Turme zu springen, und es ist eine verführerische Empfindung. Ebenso ist es auch mit dem Klingelziehen ... Es ist eine Krankheit, Rodion Romanowitsch, Sie sind krank! Sie vernachlässigen Ihre Krankheit zu sehr. Sie sollten zu einem erfahrenen Arzt hingehen, der Dicke kann Ihnen doch nicht viel nützen! ... Sie haben Fieberwahn! Sie tun alles nur im Fieberwahne! ...«
Auf einen Augenblick drehte sich alles vor Raskolnikoffs Augen.
»Ist es möglich,« -- schwirrte es in seinem Kopfe, -- »ist es möglich, daß er auch jetzt lügt? Es ist undenkbar, unmöglich!« -- er stieß diesen Gedanken von sich, da er fühlte, in welchen Grad von Zorn und Raserei ihn derselbe bringen müßte, und daß er vor Wut den Verstand verlieren könne.
»Das war nicht im Fieberwahn, das war im wachen Zustande!« -- rief er aus und spannte alle Kräfte seines Verstandes an, um das Spiel Porphyri Petrowitsch' zu durchschauen. -- »Im wachen Zustande, bei vollem Verstande! Hören Sie?«
»Ja, ich verstehe und höre es! Sie sagten auch gestern, daß es nicht im Fieberwahne war, Sie betonten sogar, daß es nicht im Fieberwahne war! Ich begreife alles, was Sie sagen! Ach! ... Hören Sie doch, Rodion Romanowitsch, mein lieber Mensch, ziehen Sie doch diesen Umstand in Erwägung. Wenn Sie tatsächlich in dieser verfluchten Sache schuldig oder irgendwie darin verwickelt wären, würden Sie dann -- ich bitte Sie -- selbst betonen, daß Sie dies alles nicht im Fieberwahne, sondern im Gegenteil bei vollem Verstande getan haben? Und es ganz besonders betonen, mit einer besonderen Hartnäckigkeit es betonen, -- wäre es denn möglich, wäre es denkbar, ich bitte Sie? Meiner Meinung nach würden Sie das Gegenteil behaupten. Wenn Sie kein reines Gewissen hätten, so müßten Sie unbedingt betonen, -- daß Sie es unbedingt im Fieberwahne getan haben! Ist es nicht so? Meine Annahme ist doch richtig?«
Etwas Heimtückisches klang in dieser Frage. Raskolnikoff wich vor Porphyri Petrowitsch zurück, der sich zu ihm gebeugt hatte, und betrachtete ihn schweigend, starr und voller Zweifel.
»Oder nehmen wir den Fall mit Rasumichin, das heißt, ob er gestern aus freien Stücken kam zu sprechen, oder ob Sie ihn dazu gebracht haben? Ja, Sie müßten unbedingt gesagt haben, daß er aus eigenem Antriebe gekommen war, und verheimlichen, daß er es in Ihrem Auftrage getan hat! Sie aber verheimlichen es nicht! Sie betonen gerade, daß er in Ihrem Auftrage hier gewesen war!«
Raskolnikoff hatte es niemals betont. Ein Schauer durchzog seinen Rücken.
»Sie lügen wieder,« -- sagte er langsam und schwach, und seine Lippen verzogen sich zu einem schmerzlichen Lächeln, -- »Sie wollen mir wieder zeigen, daß Sie mein ganzes Spiel kennen und alle meine Antworten im voraus wissen,« -- sagte er und fühlte selbst nicht, daß er seine Worte nicht mehr genügend erwog, -- »Sie wollen mir Furcht einjagen ... oder Sie lachen einfach über mich ...«
Er fuhr fort, ihn starr anzusehen, als er dies sagte, und wieder leuchtete eine grenzenlose Wut in seinen Augen auf.
»Sie lügen alles!« -- rief er aus. -- »Sie wissen selbst ausgezeichnet, daß der beste Ausweg für einen Verbrecher ist, nach Möglichkeit nichts zu verheimlichen, was man nicht verheimlichen kann. Ich glaube Ihnen nicht!«
»Wie spitzfindig Sie sind!« -- kicherte Porphyri Petrowitsch, -- »man wird mit Ihnen, Väterchen, nicht fertig; eine Art Monomanie steckt tief in Ihnen. Also, Sie glauben mir nicht? Ich sage Ihnen aber, daß Sie mir schon glauben, daß Sie mir schon zu einem Viertel glauben, und ich will mein Möglichstes tun, daß Sie mir noch ganz und gar glauben werden, denn ich habe Sie wirklich gern und wünsche Ihnen aufrichtig alles Gute.«
Raskolnikoffs Lippen bebten.
»Ja, ich wünsche Ihnen Gutes, sage ich Ihnen noch einmal,« -- fuhr er fort, und faßte Raskolnikoff leicht und freundschaftlich am Arm, ein wenig über dem Ellbogen, -- »ich will es Ihnen auch noch einmal sagen, -- achten Sie auf Ihre Krankheit. Außerdem sind auch Ihre allernächsten Verwandten jetzt angekommen; denken Sie auch an die. Sie sollen sie pflegen und hüten, und Sie erschrecken sie bloß ...«
»Was geht das Sie an? Woher wissen Sie es? Warum interessieren Sie sich in dieser Weise für mich? Also, Sie beobachten mich und wollen es mir zeigen?«
»Väterchen! Ich habe es doch von Ihnen, von Ihnen selbst erfahren! Sie merken nicht mal, daß Sie in Ihrer Erregung mir selbst alles und anderen auch erzählen. Auch von Dmitri Prokofjitsch Rasumichin habe ich gestern viele interessante Details erfahren. Nein, Sie haben mich unterbrochen, ich sage aber, daß Sie durch Ihren Argwohn, trotz Ihres ganzen Scharfsinnes, den gesunden Blick für die Dinge verlieren. Nun, nehmen wir, zum Beispiel, wieder das Klingelziehen, -- solch eine Krankheit, diese Tatsache, -- es ist doch eine ganze Tatsache, -- liefere ich Ihnen ohne weiteres aus, ich, der Untersuchungsrichter! Und Sie sehen darin gar nichts? Nun, sagen Sie, wenn ich nur einen kleinen Verdacht auf Sie hätte, würde ich so handeln können? Ich müßte im Gegenteil Ihren Argwohn zuerst einschläfern und nicht mal zeigen, daß ich diese Tatsache schon kenne, ich müßte Sie in entgegengesetzter Richtung ablenken, um Sie plötzlich, wie mit einem Schlage auf den Kopf, mit der Frage zu betäuben, -- >was suchten Sie -- würde ich fragen, -- um zehn Uhr abends, oder es kann auch elf Uhr gewesen sein, in der Wohnung der Ermordeten? Warum haben Sie an der Klingel gezogen? Und warum fragten Sie nach dem Blute? Warum machten Sie die Hausknechte konfus und forderten sie auf, auf das Polizeibureau, zum Revieraufseher, mitzugehen?< Sehen Sie, in dieser Weise müßte ich handeln, wenn ich den winzigsten Verdacht gegen Sie hätte. Ich müßte Sie in aller Form verhören, eine Haussuchung bei Ihnen vornehmen und Sie möglicherweise auch arretieren ... Also kann ich doch keinen Verdacht gegen Sie hegen, wenn ich anders gehandelt habe! Sie haben aber den gesunden Blick verloren und sehen gar nichts, wiederhole ich!«
Raskolnikoff zuckte zusammen, so daß Porphyri Petrowitsch es zu deutlich bemerkte.
»Sie lügen alles!« -- rief er aus, -- »ich kenne Ihre Absichten nicht, aber Sie lügen ... Vorhin haben Sie nicht in diesem Sinne gesprochen und ich kann mich nicht irren ... Sie lügen!«
»Ich lüge?« -- unterbrach ihn Porphyri Petrowitsch, sich scheinbar ereifernd, behielt jedoch das lustigste und spöttischste Aussehen bei, als kümmerte es ihn wenig, welch eine Meinung Herr Raskolnikoff über ihn habe. -- »Ich lüge? ... Und wie habe ich vorhin Ihnen gegenüber gehandelt, ich, der Untersuchungsrichter? Ich habe Ihnen selbst alle Mittel zur Verteidigung genannt und ausgeliefert, habe selbst Ihnen die ganze Psychologie erklärt, habe Krankheit, Fieberwahn, Kränkungen, Melancholie und Polizeibeamte und dergleichen mehr erwähnt! Ah! He--he--he! Obwohl -- nebenbei gesagt, -- alle diese psychologischen Mittel zur Verteidigung, Ausflüchte und Ausreden äußerst unstichhaltig sind und zwei Seiten haben. >Ich war krank, hatte Fieberträume, war im Wahne, erinnere mich nicht<, -- alle diese Ausreden sind ja richtig, aber es fragt sich, Väterchen, warum in der Krankheit und im Fieberwahne immer solche Vorstellungen auftauchen und nicht andere? Es können einem doch auch andere Vorstellungen erscheinen? Ist es nicht so? He--he--he!«
Raskolnikoff blickte ihn stolz und voll Verachtung an.
»Mit einem Worte,« -- sagte er laut und eindringlich, indem er aufstand und dabei Porphyri Petrowitsch ein wenig zur Seite stieß -- »mit einem Worte, ich will endgültig wissen, ob Sie mich frei von jedem Verdacht finden oder _nicht_? Sagen Sie es, Porphyri Petrowitsch, sagen Sie es mir positiv, endgültig, und schnell, sofort!«
»Das ist eine Geschichte! Ist das eine Plage mit Ihnen,« -- rief Porphyri Petrowitsch mit vollkommen lustiger, schlauer und gar nicht bewegter Miene, -- »ja, wozu wollen Sie es wissen, wozu wollen Sie so vieles wissen, wenn man noch nicht einmal begonnen hat, Sie in irgendeiner Weise zu belästigen? Sie sind wie ein Kind, dem man Feuer in die Hand geben soll! Warum beuunruhigen Sie sich in dieser Weise? Warum drängen Sie sich uns auf, aus welchen Gründen? Ah? He--he--he!«
»Ich wiederhole Ihnen,« -- rief Raskolnikoff in blinder Wut, -- »daß ich es länger nicht ertragen kann ...«
»Was denn? Die Ungewißheit?« -- unterbrach ihn Porphyri Petrowitsch.
»Höhnen Sie nicht! Ich will es nicht haben! Ich sage Ihnen, ich will es nicht! ... Ich kann und will es nicht! ... Hören Sie! Hören Sie!« -- rief er und schlug wieder mit der Faust auf den Tisch.
»Stiller, leiser! Man könnte es hören! Ich warne Sie in allem Ernst, -- schonen Sie sich. Ich scherze nicht!« -- sagte Porphyri Petrowitsch im Flüstertone, aber diesmal lag in seinem Gesichte nicht mehr der frühere weibisch gutmütige und erschrockene Ausdruck; im Gegenteil, er _befahl_ es streng, mit zusammengezogenen Augenbrauen und ließ alle Geheimnistuerei und Zweideutigkeit fallen. Das dauerte jedoch nur einen kurzen Augenblick. Der bestürzte Raskolnikoff geriet in die höchste Wut, und doch, merkwürdig, -- wie hypnotisiert gehorchte er wieder dem Befehle, leiser zu sprechen.
»Ich lasse mich nicht quälen!« -- flüsterte er, wie vorhin, indem er sofort voll Schmerz und Haß einsah, daß er dem Befehle gehorchen mußte, und geriet bei diesem Gedanken in immer größere Wut, -- »arretieren Sie mich, lassen Sie bei mir Haussuchung halten, aber handeln Sie nach gesetzlicher Form und spielen Sie nicht mit mir! Wagen Sie es nicht ...«
»So regen Sie sich doch nicht wieder wegen der gesetzlichen Form auf,« -- unterbrach ihn Porphyri Petrowitsch mit dem früheren schlauen Lächeln und betrachtete scheinbar Raskolnikoff mit Vergnügen, -- »Väterchen, ich habe Sie doch in aller Gemütlichkeit, in aller Freundschaft eingeladen!«
»Ich will nicht Ihre Freundschaft, ich pfeife darauf! Hören Sie? Und jetzt nehme ich meine Mütze und gehe fort. Nun, was willst du jetzt sagen, wenn du mich arretieren willst?«
Er nahm seine Mütze und ging zu der Türe.
»Wollen Sie nicht noch die Überraschung sehen, die ich für Sie habe?« kicherte Porphyri Petrowitsch, faßte ihn wieder am Arme und hielt ihn an der Türe zurück. Er wurde sichtlich wieder lustiger und lebhafter, was Raskolnikoff ganz außer sich brachte.
»Was für eine Überraschung? Was ist es?« -- fragte er, stehen bleibend und Porphyri Petrowitsch erschreckt anblickend.
»Die Überraschung sitzt hier hinter der Türe, he--he--he!« -- er zeigte mit dem Finger auf die verschlossene Tür in der Scheidewand, die in seine Amtswohnung führte. -- »Ich habe sie dort eingeschlossen, damit sie nicht fortläuft.«
»Was sagen Sie? Wo? Was? ...« -- Raskolnikoff trat an die Türe und wollte sie öffnen, jedoch sie war verschlossen.
»Sie ist verschlossen, den Schlüssel habe ich!«
Und er zog aus seiner Tasche einen Schlüssel hervor und zeigte ihn ihm.
»Du lügst!« -- schrie Raskolnikoff, ohne sich noch einen weiteren Zwang aufzuerlegen,-- »du lügst, verfluchter Hanswurst!« Er stürzte sich auf Porphyri Petrowitsch, der sich zwar zur Türe zurückgezogen hatte, aber keineswegs aus Furcht.
»Ich merke alle deine Absichten, alle! -- Du lügst und neckst mich, damit ich mich verraten soll.«
»Ja, mehr kann man sich doch nicht verraten, als Sie es tun, Väterchen Rodion Romanowitsch. -- Sie haben ja einen Anfall von Tobsucht. Schreien Sie nicht so, ich rufe sonst nach Hilfe.«
»Du lügst, nichts wird geschehen! Rufe deine Leute! Du weißt, daß ich krank bin und willst mich wütend machen, damit ich mich verraten soll, das ist deine Absicht! Nein, zeige mir Tatsachen! Ich habe alles begriffen! Ich weiß, du hast keine Tatsachen, du hast bloß elende, nichtige Vermutungen von Sametoff! ... Du kanntest meinen Charakter, wolltest mich in rasende Wut bringen, und dann mich plötzlich mit Priestern und Delegierten überrumpeln ... Du wartest auf sie? Ah! Was wartest du? Wo? komm doch mit ihnen!«
»Was für Delegierte sollte ich haben, Väterchen? Was dem Menschen nicht alles einfällt! In dieser Weise kann man doch gar nicht nach der gesetzlichen Form handeln, wie Sie meinen, Sie kennen diesen gesetzlichen Weg überhaupt nicht, mein Lieber ... Die gesetzliche Form läuft nicht davon, Sie werden es noch selbst sehen ... --« murmelte Porphyri Petrowitsch und lauschte an der Türe.
In diesem Augenblicke hörte man wirklich im anderen Zimmer in der Nähe der Türe einen Lärm.
»Ah, sie kommen!« -- rief Raskolnikoff aus, -- »du hast nach ihnen geschickt! ... Die hast du erwartet! Hast auf sie gerechnet ... Nun, komme mit ihnen allen, mit den Delegierten, Zeugen ... komme mit was du willst! Ich bin bereit! Bin bereit!«
Aber in diesem Momente trat ein merkwürdiges Ereignis ein, für den gewöhnlichen Gang der Dinge so unerwartet, daß weder Raskolnikoff noch Porphyri Petrowitsch einen solchen Ausgang erwartet hatte.
VI.
Raskolnikoffs Erinnerung an diesen Moment war in späterer Zeit folgende:
Das Geräusch hinter der Türe verstärkte sich und die Türe wurde ein wenig geöffnet.
»Was soll das?« -- rief Porphyri Petrowitsch ärgerlich. »Ich habe doch gesagt ...«
Einen kurzen Augenblick erfolgte keine Antwort, jedoch man merkte, daß hinter der Türe einige Leute standen, die jemanden zurückzuhalten schienen.
»Was ist denn los?« -- wiederholte Porphyri Petrowitsch beunruhigt.
»Man hat den Arrestanten Nikolai gebracht,« -- ertönte eine Stimme.
»Es ist nicht nötig! Fort mit ihm! Soll warten! ... Weshalb hat man ihn hierher gebracht? Was ist das für eine Unordnung!« -- rief Porphyri Petrowitsch, zur Türe stürzend.
»Ja, er ...,« -- begann dieselbe Stimme und brach plötzlich ab.
Nicht länger als zwei Sekunden währte ein regelrechter Kampf, als jemand mit aller Kraft zurückgestoßen wurde, und darauf ein sehr bleicher Mann direkt in das Arbeitszimmer von Porphyri Petrowitsch eintrat.
Dieser Mensch sah sehr eigentümlich aus. Er blickte vor sich hin, ohne von seiner Umgebung etwas zu merken. In seinen Augen funkelte eine Entschlossenheit, Totenblässe bedeckte sein Gesicht, als hätte man ihn zum Schafott gebracht. Seine blutleeren Lippen zuckten.
Er war gekleidet wie ein Mann aus dem Volke, war noch sehr jung, von mittlerem Wuchse, hager, mit rund beschnittenen Haaren und feinen, herben Gesichtszügen. Der von ihm unerwartet Zurückgestoßene, ein Gefängniswärter, stürzte als erster ihm ins Zimmer nach und packte ihn an den Schultern. Nikolai zog seinen Arm zurück und riß sich abermals von ihm los.
In der Türe drängten sich die Neugierigen. Manche von ihnen wollten eintreten. Alles das geschah in einem Augenblick.
»Fort, es ist zu früh! Warte, bis ich dich rufen lasse! ... Warum hat man ihn schon jetzt hergebracht?« murmelte ärgerlich Porphyri Petrowitsch, ganz außer sich.
Da warf sich Nikolai auf die Knie nieder.
»Was ist mir dir?« -- rief Porphyri Petrowitsch erstaunt.
»Ich bin schuldig! Ich bin der Sünder! Ich bin der Mörder!« -- sagte plötzlich Nikolai, stockend, aber mit ziemlich lauter Stimme.
Ein Schweigen, als wären alle erstarrt, trat ein; der eskortierende Soldat wich zurück und trat nicht mehr an Nikolai heran, er ging mechanisch zur Türe und blieb dort unbeweglich stehen.
»Was sagst du?« -- rief Porphyri Petrowitsch, aus seiner Erstarrung erwachend.
»Ich ... bin der Mörder ...,« -- wiederholte Nikolai nach kurzem Schweigen.
»Wie ... du ... wie ... Wen hast du ermordet?«
Porphyri Petrowitsch war sichtbar betreten.
Nach einer kurzen Pause antwortete Nikolai wieder.
»Aljona Iwanowna und ihre Schwester Lisaweta Iwanowna habe ich ... mit dem Beile ... erschlagen. Eine Verblendung kam über mich ... --« fügte er plötzlich hinzu und verstummte von neuem, immer noch auf den Knien liegend.
Porphyri Petrowitsch stand nachdenklich da; als er wieder zu sich kam, winkte er mit den Händen den ungebetenen Zeugen, fortzugehen. Sie verschwanden sogleich und die Türe wurde zugemacht. Dann blickte er Raskolnikoff an, der in einer Ecke stand und Nikolai verstört ansah, er ging auf ihn zu, blieb jedoch auf halbem Wege wieder stehen, betrachtete ihn nochmals, wandte dann seinen Blick Nikolai zu, und so besah er beide abwechselnd, bis er sich plötzlich auf Nikolai stürzte, von einem Gedanken gepackt.
»Was kommst du mir mit deiner Verblendung daher?« -- rief er ihm wütend zu. -- »Ich habe doch noch gar nicht gefragt, ob eine Verblendung über dich gekommen ist oder nicht ... sage mir, hast du gemordet?«
»Ich bin der Mörder ... ich mache das Bekenntnis ...« -- sagte Nikolai.
»Ach was! Und womit hast du gemordet?«
»Mit einem Beile. Ich hatte es mir vorher besorgt.«
»Nur langsam, nicht so schnell! Du allein?«
Nikolai verstand die Frage nicht.
»Hast du allein gemordet?«
»Allein. Dmitri ist unschuldig und ganz unbeteiligt.«
»Eile nicht so mit Dmitri! ...«
»Wie bist du denn damals die Treppe hinuntergelaufen? Die Hausknechte haben doch euch beide zusammen gesehen?«
»Ich bin absichtlich ... damals ... mit Dmitri hinuntergelaufen,« -- antwortete Nikolai schnell als hätte er sich vorher vorbereitet.
»Ja, da haben wir's wieder!« rief Porphyri Petrowitsch wütend aus, -- »er glaubt selbst nicht, was er sagt!« -- murmelte er scheinbar vor sich hin und bemerkte im selben Augenblick Raskolnikoff wieder.
Er war so stark mit Nikolai beschäftigt, daß er für eine kurze Zeit die Anwesenheit Raskolnikoffs offenbar vergessen hatte. Er wurde verlegen ...
»Rodion Romanowitsch, Väterchen! Entschuldigen Sie mich, es geht nicht an ... bitte ... Sie haben hier nichts zu tun ... ich bin auch selbst ... Sie sehen, welch eine Überraschung! ... Bitte! ...«
Er nahm ihn bei der Hand und zeigte auf die Türe.
»Das haben Sie nicht erwartet?« -- sagte Raskolnikoff, der die Sache selbst noch nicht begriff, jedoch seine Fassung wiedergefunden hatte.
»Auch Sie, Väterchen, haben es nicht erwartet. Wie Ihre Hand zittert! He--he--he!«
»Auch Sie zittern, Porphyri Petrowitsch.«
»Ja, ich zittere auch; hätte das nie für möglich gehalten! ...«
Sie standen beide schon an der Türe. Porphyri Petrowitsch wartete mit Ungeduld auf Raskolnikoffs Hinausgehen.
»Und Ihre Überraschung, wollen Sie sie mir nicht zeigen?« -- sagte Raskolnikoff höhnisch.
»Sie fangen schon wieder so an, während Ihnen die Zähne noch ordentlich klappern, he--he! Sie sind ein eigener Mensch! Nun, auf Wiedersehen.«
»Es wäre besser, _Lebewohl_ zu sagen!«
»So Gott will, so Gott will!« -- murmelte Porphyri Petrowitsch mit einem schiefen Lächeln.
Als Raskolnikoff durch die Kanzlei ging, bemerkte er, daß viele ihn aufmerksam anblickten. Im Vorzimmer sah er unter der Menge die beiden Hausknechte aus _jenem_ Hause, die er damals in der Nacht mit zum Polizeiaufseher gehen hieß. Sie standen und warteten. Kaum hatte er die Treppe erreicht, als er die Stimme Porphyri Petrowitschs hinter sich vernahm. Er kehrte sich um und bemerkte, daß dieser ihm ganz außer Atem nachkam.
»Nur ein Wort noch, Rodion Romanowitsch, über die Sache ... nun, wie Gott will! aber dennoch muß ich Sie über einiges der Form wegen fragen ... so sehen wir uns noch, nicht wahr?«
Und Porphyri Petrowitsch blieb lächelnd vor ihm stehen.
»Nicht wahr?« -- fügte er noch einmal hinzu.
Man hatte den Eindruck, daß er noch etwas sagen wollte, aber es erfolgte nichts.
»Ich bitte Sie, Porphyri Petrowitsch, mich zu entschuldigen wegen des vorhin Vorgefallenen ... ich habe mich hinreißen lassen,« -- begann Raskolnikoff, vollkommen gefaßt und dem unwiderstehlichen Wunsche nachgebend, sich wichtig zu tun.
»Hat nichts zu sagen, hat nichts auf sich,« -- fiel Porphyri Petrowitsch fast freudig ein. -- »Auch ich selbst ... ich habe einen gehässigen Charakter, ich gebe es zu, ich gebe es zu! Wir werden uns ja wiedersehen. Wenn Gott will, werden wir uns sehr bald wiedersehen! ...«
»Und dann einander endgültig kennenlernen?« -- fiel Raskolnikoff ein.
»Und dann einander endgültig kennenlernen,« -- pflichtete ihm Porphyri Petrowitsch bei, kniff die Augen zusammen und sah ihn durchdringend an. -- »Jetzt eilen Sie zum Namenstage?«
»Zur Beerdigung.«
»Ja, richtig, zur Beerdigung! Schonen Sie Ihre Gesundheit vor allem, Ihre Gesundheit ...«
»Ich weiß wirklich nicht, was ich Ihnen meinerseits wünschen soll!« -- fiel Raskolnikoff ein, der schon die Treppe hinabstieg und sich wieder zu Porphyri Petrowitsch umwandte, -- »ich möchte Ihnen >guten Erfolg< wünschen, aber Ihr Amt ist zu eigenartig!«
»Wieso denn, eigenartig?« -- Porphyri Petrowitsch spitzte die Ohren, obwohl er sich schon umgekehrt hatte, um fortzugehen.