Part 41
Andrei Ssemenowitsch fand ihn heute ungewöhnlich gereizt und unaufmerksam, trotzdem er ihm sein Lieblingsthema über die Errichtung einer neuen eigenartigen »Kommune« auseinandergesetzt hatte. Die kurzen Erwiderungen und Bemerkungen, die Peter Petrowitsch inmitten seiner Berechnungen machte, zeugten von einer sehr deutlichen und beabsichtigt spöttischen Unhöflichkeit. Aber der »humane« Andrei Ssemenowitsch schrieb die Stimmung von Peter Petrowitsch dem gestrigen Bruche mit Dunetschka zu und brannte vor Verlangen, schneller dieses Thema zu berühren, -- er hätte etwas Fortschrittliches und Propagandistisches für ihn, was seinen ehrenwerten Freund trösten und »sicher« seiner weiteren Entwicklung von Nutzen sein müßte.
»Was ist das für ein Gedächtnismahl, das diese ... die Witwe da arrangiert?« -- fragte plötzlich Peter Petrowitsch, Andrei Ssemenowitsch bei der interessantesten Stelle unterbrechend.
»Als ob Sie das nicht selbst wüßten; ich habe doch gestern mit Ihnen über dieses Thema gesprochen und Ihnen meine Gedanken über all diese Gebräuche entwickelt ... Sie hat Sie ja auch eingeladen, ich habe es gehört, als Sie gestern selbst mit ihr sprachen ...«
»Ich hätte keineswegs erwartet, daß diese bettelarme, dumme Person all das Geld zu einem Gedächtnismahl verplempern wird, das sie von diesem andern Dummkopf ... Raskolnikoff erhalten hat. Ich war erstaunt, als ich beim Durchgehen sah, -- was für Vorbereitungen gemacht sind ... Wein ist aufgestellt! ... Es sind allerhand Menschen geladen, -- weiß der Teufel, was das bedeuten soll!« -- fuhr Peter Petrowitsch fort, der absichtlich dieses Gespräch anfing. -- »Was? Sie sagen, man hatte auch mich geladen?« -- fügte er plötzlich hinzu und erhob den Kopf. -- »Wann war denn das? Ich erinnere mich gar nicht. Ich will übrigens nicht hingehen. Was soll ich dort? Ich habe mit ihr gestern bloß im Vorbeigehen über die Möglichkeit gesprochen, daß sie, als die arme Witwe eines Beamten, seinen Jahresgehalt als eine einmalige Unterstützung erhalten könnte. Sollte sie mich deswegen vielleicht eingeladen haben? He--he!«
»Ich habe auch nicht die Absicht hinzugehen,« -- sagte Lebesjätnikoff.
»Das fehlte noch, wo Sie sie eigenhändig verprügelt haben. Das ist doch begreiflich, Sie müßten sich schämen, he--he--he!«
»Wer hat verprügelt und wen?« -- fragte Lebesjätnikoff aufgebracht und errötete.
»Sie, Sie haben doch Katerina Iwanowna vor einem Monat verprügelt! Ich habe es gestern gehört ... Da haben wir die Prinzipien! ... Also die Frauenfrage hinkt auch. He--he!«
Und Peter Petrowitsch setzte wie getröstet seine Berechnungen fort.
»Das ist alles Unsinn und Verleumdung!« -- brauste Lebesjätnikoff auf, der ungern an diese Geschichte erinnert wurde, -- »das war gar nicht der Fall! Es war ganz anders ... Sie haben es nicht richtig gehört; alles ist Klatscherei! Ich habe mich damals nur verteidigt. Sie stürzte sich zuerst auf mich ... Sie hat mir fast meinen Backenbart ausgerissen ... ich hoffe denn doch, daß jedem Menschen erlaubt ist, seine Person zu verteidigen. Außerdem gestatte ich niemand, mir Gewalt anzutun ... Aus Prinzip. Denn das ist schon Despotismus. Was sollte ich denn tun, -- etwa alles ruhig mir gefallen lassen? Ich habe sie bloß zurückgestoßen ...«
»He--he--he!« kicherte Luschin boshaft weiter.
»Sie sticheln mich nur, weil Sie selbst geärgert wurden und nun böse darüber sind ... Das ist doch Unsinn und hat gar nichts, rein gar nichts mit der Frauenfrage zu tun! Sie haben das nicht richtig aufgefaßt; ich denke sogar, wenn man annimmt, daß die Frau in allem dem Manne gleich sei, selbst in der physischen Kraft, wie man schon behauptet, so muß hier erst recht Gleichheit herrschen. Gewiß, ich habe es mir nachher überlegt, daß es so eine Frage überhaupt nicht geben soll, weil Prügeleien sowieso nicht stattfinden sollen. In der künftigen Gesellschaft wird dies undenkbar sein ... es wäre doch sonderbar, eine Gleichberechtigung zum Prügeln anzustreben. So dumm bin ich nicht ... obwohl Prügeleien übrigens auch vorkommen können ... ich will sagen, nachher nicht vorkommen werden, jetzt aber noch vorkommen ... pfui! zum Teufel! Mit Ihnen wird man ganz konfus! Ich gehe nicht zu diesem Essen, nicht weil diese Unannehmlichkeit passiert ist, ich gehe vielmehr aus Prinzip nicht hin, um nicht bei einem so schändlichen Brauch wie einer Gedächtnisfeier mitzutun; ja, das ist der Grund! Man könnte eigentlich hingehen, um sich darüber lustig zu machen ... Nur schade, daß keine Priester da sein werden. Sonst würde ich unbedingt hingehen.«
»Mit anderen Worten: Gastliches Salz und Brot essen und gleich darauf es ebenso beschimpfen wie die, die Sie eingeladen haben. So ist es doch gemeint?«
»Durchaus nicht beschimpfen, nur protestieren. Ich gehe mit bester Absicht hin. Ich kann indirekt die Entwicklung und die Propaganda fördern. Jeder Mensch ist verpflichtet, andere zu fördern und auf sie zu wirken, je kräftiger er es tut, desto besser ist es vielleicht. Ich kann eine Idee bringen, einen Samen ausstreuen ... Aus diesem Samen wird eine Tat entstehen. Womit hätte ich da gekränkt? Anfangs fühlen sie sich vielleicht gekränkt, nachher aber werden sie selbst einsehen, daß es ihnen nur von Nutzen war. Bei uns beschuldigte man eine Zeitlang Terebjewa, -- dieselbe, die jetzt in der Kommune ist, -- weil sie, als sie sich von ihrer Familie lossagte und ... sich einem hingab, ihrer Mutter und ihrem Vater geschrieben hatte, sie wolle nicht mehr in Vorurteilen leben und gehe eine illegale Ehe ein; man fand es rücksichtslos, so mit den Eltern umzugehen, und meinte, sie hätte es ihnen schonender und milder beibringen sollen. Meiner Ansicht nach ist dies alles Unsinn, man soll gar nicht so mild sein, im Gegenteil, ganz im Gegenteil, man soll erst recht scharf protestieren. Nehmen wir zum Beispiel die Warentz; sie hat sieben Jahre mit ihrem Manne zusammengelebt, hat ihn und ihre zwei Kinder verlassen und ihrem Manne in einem Briefe die Wahrheit gesagt. -- >Ich habe eingesehen, daß ich mit Ihnen nicht glücklich sein kann. Ich werde Ihnen nie vergeben, daß Sie mich betrogen haben, indem Sie mir verheimlichten, daß noch eine andere gesellschaftliche Einrichtung, nämlich die Kommune existiert. Ich habe es vor kurzem durch einen großmütigen Mann erfahren, dem ich mich auch hingegeben habe, und mit ihm zusammen begründe ich eine Kommune. Ich sage Ihnen dies offen, weil ich es für ehrlos halte, Sie zu betrügen. Tun Sie, was Sie für gut halten. Hoffen Sie nicht, mich zurückzuerobern, es ist zu spät. Ich wünsche Ihnen alles Glück.< So muß man schreiben!«
»Nicht wahr, diese Terebjewa ist doch die, von der Sie erzählten, daß sie in der dritten illegalen Ehe lebe?«
»Richtig betrachtet, erst in der zweiten! Aber mag sie auch in der vierten oder fünfzehnten Ehe leben, was ist dabei! Und wenn ich jemals bedauerte, daß mein Vater und meine Mutter gestorben sind, so ist es sicher jetzt der Fall. Ich habe schon ein paarmal gedacht, wie ich sie mit meinem Protest aufrütteln würde, wenn sie noch am Leben wären! Ich hätte absichtlich alles so eingerichtet ... Ich hätte es ihnen gezeigt! Ich hätte sie staunen gemacht! Es ist wirklich schade, daß ich niemanden habe!«
»Um ihn erstaunen zu machen? He--he! Nun, gut!« -- unterbrach ihn Peter Petrowitsch, -- »sagen Sie mir lieber, Sie kennen doch die Tochter des Verstorbenen, ein zartes, unbedeutendes Ding! Ist es wahr, was man von ihr erzählt, hm?«
»Und was wäre dabei? Meiner Meinung, das heißt meiner persönlichen Überzeugung nach ist es die normale Lage der Frau. Warum denn nicht? Das heißt _distinguons_{[9]}. In der gegenwärtigen Gesellschaft gilt das nicht als normal, weil es eine gezwungene Lage ist, in der künftigen Gesellschaft ist sie vollkommen normal, weil sie freiwillig sein wird. Ja, auch jetzt hatte sie das Recht dazu, -- sie litt Not und das war ihr Fond, sozusagen ihr Kapital, über das sie vollkommenes Recht hat zu verfügen. Selbstverständlich werden in der künftigen Gesellschaft keine Fonds mehr nötig sein, ihre Rolle wird in anderer Hinsicht bestimmt, harmonisch und vernünftig bedingt sein. Was Ssofja Ssemenowna persönlich anbetrifft, so betrachte ich ihre Handlungen als einen energischen und personifizierten Protest gegen die gesellschaftliche Einrichtung und achte sie deswegen um so höher, ja ich freue mich ihrer Handlungsweise!«
»Man hat mir aber doch erzählt, daß gerade Sie sie gezwungen haben, von hier auszuziehen!«
Lebesjätnikoff wurde wütend.
»Das ist wieder eine Klatscherei!« -- schrie er. -- »Die Sache verhält sich ganz und gar nicht so! Das ist absolut nicht so gewesen! Katerina Iwanowna hat damals alles geschwindelt, weil sie nichts davon verstanden hat! Ich habe mich gar nicht an Ssofja Ssemenowna herangemacht! Ich habe sie bloß gefördert, vollkommen ohne Hintergedanken, und versuchte in ihr den Protest zu erwecken ... Mir war es bloß um den Protest zu tun, und außerdem konnte Ssofja Ssemenowna sowieso nicht mehr hier bleiben!«
»Luden Sie sie in die Kommune ein?«
»Sie machen sich immer lustig über mich, doch ohne Erfolg, erlaube ich mir zu bemerken. Sie verstehen gar nichts davon. Solche Rollen gibt es in einer Kommune nicht. Darum wird gerade eine Kommune gegründet, damit solche nicht mehr existieren sollen. In einer Kommune wird ihr Stand sein jetziges Wesen völlig verändern, und was hier dumm ist, wird dort vernünftig sein, was jetzt bei den gegenwärtigen Verhältnissen unnatürlich ist, wird dort vollkommen natürlich sein. Alles hängt davon ab, in welcher Umgebung und in welcher Gesellschaft ein Mensch lebt. Der Mensch selbst ist nichts. Mit Ssofja Ssemenowna stehe ich noch jetzt auf gutem Fuße, was Ihnen als Beweis dienen kann, daß sie mich nie als ihren Feind und Beleidiger angesehen hat. Ja! Ich schlage ihr jetzt vor, in eine Kommune einzutreten, aber auf einer ganz anderen Basis! Was erscheint Ihnen wieder lächerlich? Wir wollen eine eigene Kommune, eine besondere Kommune auf viel breiteren Grundlagen begründen, als alle früheren. Wir sind in unseren Überzeugungen weiter gegangen. Wir negieren mehr! Wenn Dobroljuboff[10] aus dem Grabe steigen würde, möchte ich mit ihm diskutieren! Und Belinski[11] würde ich übel zurichten! Vorläufig aber fahre ich fort, Ssofja Ssemenowna zu fördern! Sie ist eine herrliche, herrliche Natur!«
»Nun, und Sie benutzen auch die herrliche Natur, ah? He--he!«
»Nein, nein! Oh, nein! Im Gegenteil!«
»Nun, nun im Gegenteil! He--he--he! Was Sie nicht sagen!«
»Glauben Sie mir doch! Warum soll ich es vor Ihnen verheimlichen, ich bitte Sie? Im Gegenteil, mir erscheint es selbst merkwürdig, -- sie ist mir gegenüber besonders ängstlich, keusch und schamhaft!«
»Und Sie fördern sie selbstverständlich ... he--he! Beweisen ihr, daß diese ganze Schamhaftigkeit Unsinn ist? ...«
»Gott bewahre, durchaus nicht! Oh, wie gemein, wie dumm -- verzeihen Sie es mir -- Sie das Wort >Förderung< verstehen! Nichts, rein gar nichts verstehen Sie! Oh, mein Gott, wie Sie noch ... unreif sind! Wir erstreben Freiheit für die Frau, und Sie haben bloß das eine im Sinn ... Ich lasse die Frage über Keuschheit und weibliche Schamhaftigkeit vollkommen beiseite, als Dinge, die an und für sich nutzlos und voller Vorurteile sind, aber ich verstehe sie vollkommen und lasse ihre Keuschheit mir gegenüber gelten, weil darin -- ihr Wille, ihr ganzes Recht besteht. Wenn sie selbst zu mir sagen würde: -- >Ich will dich haben<, -- könnte ich mich eines großen Erfolges rühmen, weil das Mädchen mir sehr gefällt. Gegenwärtig behandelt sie gewiß niemand höflicher und zuvorkommender und mit größerer Achtung ihrer Würde, als ich ... Ich warte und hoffe -- und weiter nichts!«
»Schenken Sie ihr besser etwas. Ich wette, daß Sie daran noch nicht gedacht haben.«
»Sie verstehen nichts, gar nichts; ich habe es Ihnen schon oft gesagt! Gewiß, ihre Lage ist derart, aber hier ist noch eine andere Frage! Eine ganz andere Frage! Sie verachten sie einfach. Wenn Sie eine Tatsache sehen, die Sie irrtümlicherweise für verachtungswürdig halten, verweigern Sie einem menschlichen Wesen eine humane Betrachtung. Sie wissen noch gar nicht, was sie für eine Natur ist! Mir tut es nur sehr leid, daß sie in der letzten Zeit fast gänzlich aufgehört hat zu lesen und keine Bücher von mir mehr nimmt. Früher hat sie sich öfters Bücher geholt. Es ist auch schade, daß sie trotz ihrer Energie und Entschlossenheit, zu protestieren, -- die sie schon einmal bewiesen hat, immer noch wenig Selbständigkeit, sozusagen Unabhängigkeit, wenig Verneinung besitzt, um sich endgültig von einigen Vorurteilen und ... Dummheiten loszureißen. Und ungeachtet dessen, daß sie manche Fragen ausgezeichnet begreift. Sie hat z. B. glänzend die Frage über das Handküssen verstanden, das heißt, daß der Mann das Gesetz der Gleichheit mit der Frau überschreitet, wenn er ihr die Hand küßt. Über diese Frage wurde bei uns debattiert und ich habe es ihr sofort mitgeteilt. Auch für Assoziationen der Arbeiter in Frankreich zeigt sie Interesse. Jetzt erörterte ich mit ihr die Frage des ungehinderten Zutritts in alle Wohnungen der künftigen Gesellschaft.«
»Was ist das?«
»In letzter Zeit wurde über die Frage debattiert, ob ein Mitglied der Kommune das Recht habe, zu jeder Zeit in das Zimmer eines anderen Mitgliedes, sei es ein Mann oder eine Frau, eintreten darf ..., und es wurde beschlossen, daß er das Recht dazu habe ...«
»Wenn aber der oder die in diesem Augenblicke mit einem natürlichen Bedürfnisse beschäftigt ist, he--he!«
Andrei Ssemenowitsch wurde böse.
»Sie reden immer über dasselbe, über die verfluchten >Bedürfnisse<!« -- rief er voll Haß aus, -- »pfui, wie ärgere ich mich, wie bin ich wütend, daß ich damals, als ich Ihnen das System erklärte, so vorzeitig diese verfluchten Bedürfnisse erwähnte! Zum Teufel! Das ist immer der Stein des Anstoßes für Ihresgleichen, am schlimmsten ist es, daß sie es zur Zielscheibe ihrer Witzeleien machen, ehe sie erfahren, wie die Sache ist! Als wären sie im Rechte! Als könnten Sie sich etwas darauf einbilden! Pfui! Ich habe immer behauptet, daß man diese ganze Frage Neulingen erst am Schlusse darstellen kann, wenn sie schon von dem System überzeugt sind, wenn sie schon entwickelt und auf dem richtigen Wege sich befinden. Ja, und sagen Sie mir bitte, was finden Sie Häßliches und Verachtungswürdiges, z. B. an einer Mistgrube? Ich bin der erste, der bereit ist, alle beliebigen Mistgruben zu reinigen! Da ist noch nicht mal etwas Selbstaufopferndes dabei. Es ist einfach eine Arbeit, eine edle, für die Gesellschaft nützliche Tätigkeit, die jeder andern wert ist, nur bedeutend höher steht, als zum Beispiel die Tätigkeit irgendeines Rafael oder Puschkin, weil sie nützlicher ist.«
»Und edler vor allem, edler ist, -- he--he!«
»Was heißt edel? Ich verstehe solche Ausdrücke bei der Feststellung von menschlicher Tätigkeit nicht. >Edel<, >großmütig< -- Unsinn, Dummheiten, alte Worte voller Vorurteile, die ich verneine! Alles, was der Menschheit _von Nutzen_ ist, ist auch edel. Ich verstehe nur das eine Wort, -- _nützlich_! Kichern Sie, soviel Sie wollen, es ist doch so!«
Peter Petrowitsch lachte laut. Er hatte seine Berechnungen abgeschlossen und das Geld eingesteckt. Ein Teil davon blieb noch auf dem Tische liegen. Die Frage »über Mistgruben« hatte schon ein paarmal, trotz ihrer ganzen Flachheit, zur Folge gehabt, daß es zwischen Peter Petrowitsch und seinem jungen Freunde zu Mißverständnissen und Uneinigkeiten gekommen war. Die ganze Dummheit war, daß Andrei Ssemenowitsch sich tatsächlich ärgerte. Luschin fand nur eine Zerstreuung darin, heute jedoch wollte er Lebesjätnikoff ärgern.
»Sie sind wegen Ihres gestrigen Mißerfolges wütend und suchen Streit,« -- platzte endlich Lebesjätnikoff heraus, der trotz seiner »Unabhängigkeit« und aller seiner »Proteste« nicht wagte, Peter Petrowitsch entgegenzutreten und noch immer aus früheren Jahren her gewohnt war, Respekt zu beobachten.
»Sagen Sie mir lieber,« -- unterbrach ihn Peter Petrowitsch hochmütig und ärgerlich, -- »können Sie ... oder besser gesagt, sind Sie tatsächlich so gut mit der erwähnten jungen Person bekannt, daß Sie sie sofort, auf einen Augenblick, in dieses Zimmer bitten können? Ich glaube, sie sind schon alle vom Friedhofe zurückgekehrt ... Ich höre Schritte ... Ich möchte diese Person einen Augenblick sehen.«
»Wozu denn?« fragte verwundert Lebesjätnikoff.
»Ich möchte sie sehen. Heute oder morgen verlasse ich diese Wohnung und möchte ihr noch etwas mitteilen ... Ich bitte Sie übrigens, während der Unterredung hier zu bleiben. Es ist besser. Sonst könnten Sie, Gott weiß noch was, denken.«
»Ich denke mir gar nichts dabei ... Ich habe nur gefragt, und wenn Sie etwas vorhaben, so gibt's nichts Leichteres, als sie hierher zu bitten. Ich will sofort hingehen. Und ich will Sie, seien Sie überzeugt, nicht stören.«
Und wirklich, nach etwa fünf Minuten kehrte Lebesjätnikoff mit Ssonjetschka zurück. Sie trat äußerst verwundert und schüchtern ein. In solchen Fällen war sie stets schüchtern und fürchtete neue Gesichter und neue Bekanntschaften, schon als Kind fürchtete sie sich davor und wieviel mehr noch jetzt ... Peter Petrowitsch begrüßte sie »freundlich und höflich,« und mit einem Anflug von Vertraulichkeit, die bei solch einem ehrenwerten und soliden Menschen, wie er, einem jungen und in gewissem Sinne _interessanten_ Wesen gegenüber, seiner Meinung nach, gut angebracht war. Er beeilte sich, sie »zu ermutigen,« und bot ihr einen Platz ihm gegenüber am Tische an. Ssonja setzte sich hin, sah sich um, -- sah Lebesjätnikoff an, das auf dem Tisch liegende Geld, blickte wieder zu Peter Petrowitsch und wandte die Augen nicht mehr von ihm ab. Lebesjätnikoff ging zur Türe, Peter Petrowitsch aber stand auf, gab Ssonja ein Zeichen, sitzen zu bleiben und hielt Lebesjätnikoff zurück.
»Ist Raskolnikoff dort? Ist er gekommen?« fragte er ihn im Flüstertone.
»Raskolnikoff? Er ist da. Warum? Ja, er ist da ... Er ist soeben gekommen, ich habe ihn gesehen ... Was ist mit ihm?«
»Nun, dann bitte ich Sie inständig, hier bei uns zu bleiben und mich nicht allein mit diesem ... Fräulein zu lassen. Es ist eine ganz unbedeutende Sache, aber man kann, weiß Gott, was daraus schließen. Ich will nicht, daß es Raskolnikoff _dort_ erzählt ... Verstehen Sie, was ich meine?«
»Ich verstehe, ich verstehe!« -- begriff plötzlich Lebesjätnikoff. -- »Ja, Sie haben recht ... Nach meiner persönlichen Überzeugung gehen Sie in Ihren Befürchtungen zu weit, aber ... Sie haben dennoch recht. Bitte, ich bleibe. Ich will mich hier ans Fenster stellen und will Sie nicht stören ... Meiner Ansicht nach haben Sie recht ...«
Peter Petrowitsch kehrte zum Sofa zurück, setzte sich Ssonja gegenüber, blickte sie aufmerksam an und gab sich ein außergewöhnlich solides und sogar ein wenig strenges Aussehen, als möchte er dadurch sagen, -- »du sollst dir nichts dabei denken, Verehrteste.« Ssonja wurde ganz verlegen.
»Zuerst bitte ich Sie, Ssofja Ssemenowna, mich bei Ihrer verehrten Frau Mutter zu entschuldigen ... Es ist doch richtig? Katerina Iwanowna nimmt die Stelle einer Mutter bei Ihnen ein?« -- begann er sehr würdevoll und ziemlich freundlich.
Man merkte, daß er die freundschaftlichsten Absichten hatte.
»Ja, sie vertritt mir die Mutter,« -- antwortete Ssonja hastig und ängstlich.
»Nun, also entschuldigen Sie mich bei ihr, daß ich durch unvorhergesehene Umstände gezwungen bin, abzusagen und zu dem Essen nicht erscheinen kann, trotz der angenehmen Einladung Ihrer Frau Mutter.«
»Ich will es sagen; ihr sofort sagen,« -- und Ssonjetschka sprang hastig vom Stuhle auf.
»Das ist _noch_ nicht alles,« -- hielt sie Peter Petrowitsch zurück und lächelte über ihre Einfalt und Unkenntnis von Anstand, -- »Sie kennen mich wenig, liebe Ssofja Ssemenowna, wenn Sie meinen, daß ich wegen dieser unbedeutenden, mich allein angehenden Ursache jemanden wie Sie persönlich bemüht und gebeten hätte, zu mir zu kommen. Ich habe noch ein anderes Anliegen.«
Ssonja setzte sich wieder hastig hin. Die bunten Banknoten, die auf dem Tische lagen, flimmerten wieder vor ihren Augen, sie wandte schnell ihr Gesicht von ihnen ab und erhob die Augen zu Peter Petrowitsch; es kam ihr auf einmal höchst unanständig vor, besonders weil _sie_ es war, fremdes Geld anzublicken. Sie heftete ihren Blick auf den goldenen Kneifer in der linken Hand Peter Petrowitschs, und auf den großen, massiven, wertvollen Ring mit einem gelben Stein an seinem Mittelfinger, -- aber schnell wandte sie die Augen auch davon ab, und da sie nicht wußte, wohin sie sehen sollte, blickte sie wieder Peter Petrowitsch unverwandt ins Gesicht. Nachdem er noch würdevoller, als vorhin, eine Weile geschwiegen hatte, fuhr er fort:
»Es traf sich, daß ich gestern im Vorübergehen einige Worte mit der unglücklichen Katerina Iwanowna wechselte. Ein paar Worte genügten, um zu erfahren, daß sie sich in einem -- unnatürlichen Zustande befindet, -- wenn man sich so ausdrücken kann ...«
»Ja ... in einem unnatürlichen,« -- pflichtete Ssonja hastig ihm bei.
»Oder einfacher und verständlicher gesagt, -- in einem kranken Zustande.«
»Ja, einfacher und verständ... ja, sie ist krank.«
»Nicht wahr, das stimmt. Aus dem Gefühle der Humanität, und ... und sozusagen, des Mitleides möchte ich meinerseits, ihr unvermeidliches und unglückliches Schicksal voraussehend, irgendwie ihr nützlich sein. Es scheint mir, daß die ganze arme Familie jetzt auf Ihnen allein lastet.«
»Erlauben Sie mir zu fragen,« -- stand Ssonja plötzlich auf, -- »was haben Sie ihr gestern von der Möglichkeit einer Pension gesagt? Sie sagte mir, daß Sie es übernommen hätten, ihr eine Pension zu bewirken. Ist das wahr?«
»Keineswegs, und sogar in gewisser Beziehung ein Unsinn. Ich habe nur von einer einmaligen Unterstützung, als der Witwe eines im Dienste gestorbenen Beamten, erwähnt, -- wenn Protektion da sei, -- aber wie mir scheint, hat Ihr verstorbener Vater nicht nur die gesetzliche Frist nicht ausgedient, sondern hatte in der letzten Zeit gar nicht im staatlichen Dienste gestanden. Mit einem Worte, es konnte Hoffnung, wenn auch eine ziemlich zweifelhafte, da sein, denn im Grunde genommen, gibt es in diesem Falle keine Rechte auf eine Unterstützung, sondern im Gegenteil ... So, sie dachte schon an eine Pension, he--he--he! Eine flinke Dame!«
»Ja, an eine Pension ... Sie ist leichtgläubig und gut, und aus Güte glaubt sie alles und ... und ... sie hat so einen Verstand ... Ja ... entschuldigen Sie,« -- sagte Ssonja und stand wieder auf, um fortzugehen.
»Erlauben Sie, Sie haben mich nicht zu Ende gehört.«
»Ja, ich habe nicht zu Ende gehört,« -- murmelte Ssonja.
»Also, setzen Sie sich.«
Ssonja wurde furchtbar verlegen und setzte sich, zum dritten Male.
»Nachdem ich ihre Lage mit den unglücklichen kleinen Kindern sehe, möchte ich, -- wie ich schon gesagt habe -- irgendwie nach meinen Kräften nützlich sein, das heißt, was man nach Kräften nennt, nicht mehr. Man könnte zum Beispiel eine Sammlung veranstalten oder sozusagen eine Verlosung ... oder etwas dieser Art, -- wie es auch stets in ähnlichen Fällen von den Nächststehenden oder auch Fremden, überhaupt von Menschen, die helfen möchten, arrangiert wird. Darüber hatte ich die Absicht, mit Ihnen zu reden. Man könnte es tun.«
»Ja, es wäre gut ... Gott wird Sie dafür ...« stammelte Ssonja und blickte Peter Petrowitsch unverwandt an.