Part 25
Fast nach einer Stunde vernahm man Schritte auf dem Korridor, und bald darauf wieder ein Klopfen an der Türe. Beide Frauen warteten, diesmal vollkommen dem Versprechen Rasumichins vertrauend, -- und er hatte auch tatsächlich Sossimoff mitgeschleppt. Sossimoff hatte sich sofort bereit erklärt, das Fest zu verlassen und Raskolnikoff zu besuchen, aber zu den Damen ging er unwillig und mißtrauisch, da er dem betrunkenen Rasumichin nicht geglaubt hatte. Seine Eigenliebe war aber sofort beruhigt und er fühlte sich sogar geschmeichelt, -- er sah, daß man wirklich auf ihn, wie auf einen Propheten, gewartet hatte. Er blieb genau zehn Minuten und hatte es verstanden, Pulcheria Alexandrowna vollkommen zu beruhigen. Er sprach voll ungewöhnlicher Teilnahme, aber zurückhaltend und sehr ernst, ganz wie ein siebenundzwanzigjähriger Arzt bei einer wichtigen Konsultation, mit keinem Worte schweifte er vom Gegenstande ab und zeigte nicht den geringsten Wunsch, mit den Damen in ein persönlicheres und privates Verhältnis zu kommen. Als er beim Eintritt gesehen hatte, wie blendend schön Awdotja Romanowna war, vermied er, sie zu beachten und wandte sich während des ganzen Besuches ausschließlich an Pulcheria Alexandrowna. Dies alles gewährte ihm eine außerordentliche innere Genugtuung. Über den Kranken äußerte er, daß er ihn gegenwärtig in durchaus befriedigendem Zustande gefunden habe. Seinen Beobachtungen nach, habe die Krankheit des Patienten, außer der schlechten materiellen Lage in den letzten Monaten, noch einige seelische Ursachen, »sie ist sozusagen das Resultat vieler komplizierter, moralischer und materieller Einflüsse, Aufregungen, Sorgen, gewisser Ideen ... und dergleichen«. Als er zufällig bemerkte, daß Awdotja Romanowna besonders aufmerksam zuzuhören begann, ging er auf dieses Thema näher ein. Auf die aufgeregte und schüchterne Frage Pulcheria Alexandrownas, wegen seines »gewissen Verdachts von geistiger Störung,« antwortete er mit ruhigem und offenem Lächeln, daß man seine Worte übertrieben habe, daß man bei dem Kranken wohl eine fixe Idee, etwas, das auf Monomanie deute, konstatieren könne, -- er, Sossimoff, verfolge jetzt besonders diesen äußerst interessanten Zweig der Medizin, -- aber man dürfe auch nicht vergessen, daß der Kranke bis heute in fieberhaften Phantasien befangen war, und ... und, selbstverständlich werde die Ankunft der Verwandten auf ihn kräftigend, zerstreuend und heilbringend wirken, »wenn nur neue, besondere Erschütterungen vermieden würden,« fügte er bedeutungsvoll hinzu. Dann erhob er sich, verabschiedete sich einfach und freundlich, begleitet von Segnungen, heißer Dankbarkeit und Bitten; das Händchen Awdotja Romanownas streckte sich sogar, ohne daß er es suchte, zum Abschied ihm entgegen, und er ging fort, außerordentlich zufrieden mit seinem Besuche und noch mehr mit sich selbst.
»Morgen wollen wir weiter sehen; legen Sie sich jetzt unbedingt nieder!« sagte Rasumichin, indem er mit Sossimoff fortging. »Morgen bin ich möglichst früh mit einem Rapport bei Ihnen.«
»Welch ein reizendes kleines Mädchen diese Awdotja Romanowna ist!« bemerkte Sossimoff und schnalzte mit der Zunge, als sie beide auf die Straße hinaustraten.
»Reizend? Du hast reizend gesagt!« brüllte Rasumichin, stürzte sich plötzlich auf Sossimoff und packte ihn an der Kehle. »Wenn du es noch einmal wagst ... Verstehst du? Verstehst du?« schrie er, schüttelte ihn am Kragen und drückte ihn an die Wand. »Hast du gehört?«
»Laß mich los, betrunkener Teufel!« wehrte sich Sossimoff, blickte ihn dann, nachdem Rasumichin ihn losgelassen hatte, aufmerksam an und schüttelte sich plötzlich vor Lachen.
Rasumichin stand mit gesenkten Armen und in düster ernstem Nachdenken vor ihm.
»Selbstverständlich bin ich ein Esel,« sagte er finster, wie eine Gewitterwolke, »aber auch du ... bist einer.«
»Nein, Bruder, nein, ich bin keiner. Ich träume nicht von Dummheiten.«
Sie gingen schweigend weiter und erst, als sie sich der Wohnung Raskolnikoffs näherten, unterbrach Rasumichin mit sorgenvollem Gesichte das Schweigen.
»Höre,« sagte er zu Sossimoff, »du bist ein prächtiger Bursche, aber du bist, außer all deinen üblen Eigenschaften, noch ein Stromer, das weiß ich, und außerdem einer von den ärgsten. Du bist ein nervöser, schwacher Lappen, hast verrückte Anwandlungen, hast Fett angesetzt und kannst dir nichts versagen, -- und das nenne ich schon gemein, denn es führt zum Gemeinen. Du hast dich so verwöhnt, daß ich -- offen gesagt, -- nicht im geringsten verstehe, wie du dabei ein guter und sogar aufopfernder Arzt sein kannst. Du -- ein Arzt -- schläfst auf einem Pfühle und stehst für einen Kranken in der Nacht auf! Nach drei Jahren wirst du nicht mehr wegen eines Kranken aufstehen ... Nun, zum Teufel damit, das ist es nicht, sondern folgendes, -- du schläfst heute Nacht in der Wohnung der Wirtin, -- ich habe sie mit Mühe dazu überredet, -- und ich in der Küche, -- da habt ihr Gelegenheit, einander näher kennenzulernen! Nicht etwa, wie du meinst, um ...! Davon ist keine Rede!«
»Ich meine auch gar nichts.«
»Hier findest du, Bruder, Schamhaftigkeit, Schweigsamkeit, Schüchternheit, eine gräßliche Keuschheit und dabei -- Seufzer, und sie schmilzt wie Wachs! Befreie mich von ihr, im Namen aller Teufel in der Welt! Sie ist sehr ansprechend! ... Ich vergelte es dir, tausendfach vergelte ich es dir!«
Sossimoff lachte noch stärker als vorher.
»Sieh mal, wie du aus dem Häuschen bist! Was soll ich denn mit ihr?«
»Ich versichere dich, du brauchst dich wenig mit ihr abzugeben, rede bloß irgendeinen Unsinn, sprich, was du willst, setze dich aber neben sie und rede frisch drauf los. Du bist ja auch Arzt, fange an, sie zu behandeln. Ich schwöre dir, du wirst es nicht bereuen. Sie hat ein Klavier; du weißt, ich klimpere ein bißchen; ich habe bei ihr ein kleines Lied, ein echtes russisches Lied liegen, >Ich vergieße bittre Tränen ...< Sie liebt echte Volkslieder, -- nun, mit einem Liede fing es auch an; und du spielst doch Klavier, wie ein Virtuos, wie ein Meister, wie Rubinstein ... Ich versichere, du wirst es nicht bereuen! ...«
»Hast du ihr denn etwas versprochen? Hast du ihr etwas Schriftliches gegeben? Hast du ihr versprochen, sie zu heiraten ...«
»Nein, nichts, rein gar nichts! Und sie ist gar nicht so; Tschebaroff wollte ihr einen Antrag ...«
»Nun, so laß sie doch laufen!«
»Man kann sie nicht so ohne weiteres laufen lassen!«
»Warum denn nicht?«
»Man kann es nicht tun, und basta! Es ist da etwas, was mich festhält.«
»Warum hast du sie denn verleitet?«
»Ich habe sie gar nicht verleitet, ich habe mich selbst vielleicht aus Dummheit verleiten lassen, ihr aber wird es gleichgültig sein, ob du oder ich, nur, daß jemand neben ihr sitzt und seufzt. Es ist Bruder ... Ich kann es dir nicht erklären, es ist ... nun, du kannst doch gut Mathematik, und beschäftigst dich noch jetzt damit, soviel ich weiß ... fang an mit ihr die Integralrechnung durchzunehmen, bei Gott, ich scherze nicht, ich spreche im Ernst, ihr wird es vollkommen gleich sein, -- sie wird dich ansehen und seufzen, und so wird es ein Jahr dauern. Ich habe ihr unter anderem sehr lange, zwei Tage nacheinander, von dem Herrenhaus in Preußen erzählt, -- denn was soll man mit ihr reden? -- sie seufzte bloß und schwitzte! Nur über Liebe sprich nicht, -- sie wird furchtbar verlegen, -- aber zeige doch, daß du nicht weggehen kannst, -- das genügt. Es ist sehr komfortabel dort; man ist ganz wie zu Hause, -- kann lesen, sitzen, liegen oder schreiben ... Man kann sogar einen Kuß geben, mit Vorsicht jedoch ...«
»Was soll ich aber mit ihr?«
»Ach, ich kann dir es nicht erklären. Siehst du, -- ihr paßt ausgezeichnet zueinander! Ich habe schon früher an dich gedacht ... Du wirst schon damit enden! Ist es denn dir nicht einerlei, -- ob früher oder später? Hier ist, Bruder, so etwas wie ein Pfühl, -- ach! und auch nicht das allein! Hier lockt es einen und zieht, hier ist das Ende der Welt, hier wirft man den Anker, hat einen stillen Zufluchtsort, sozusagen das Zentrum der Erde, die Essenz von Pfannkuchen, Abendsamowars, stillen Seufzern und warmen gestrickten Jacken und geheizten Ofenbänken -- nun, es ist, als ob du gestorben wärest und gleichzeitig am Leben bist, von beidem die Vorteile auf einen Schlag! Nun, Bruder, zum Teufel, ich habe zu viel geschwätzt, es ist Zeit, schlafen zu gehen! Höre, -- ich wache in der Nacht zuweilen auf, und da will ich nach ihm sehen. Es ist aber nichts, Unsinn, alles ist gut. Beunruhige dich nicht besonders, wenn du aber willst, sieh auch mal nach. Wenn du aber etwas merken solltest, Fieber zum Beispiel oder Phantasieren oder etwas anderes, weck mich sofort auf. Übrigens, es wird nichts passieren ...«
II.
Am andern Morgen gegen acht Uhr wachte Rasumichin ernst und sorgenvoll auf. Eine Menge von neuen und unvorhergesehenen Fragen tauchte in ihm auf. Er hätte sich's früher nicht träumen lassen, daß er jemals so aufwachen würde. Er erinnerte sich bis aufs geringste alles gestern Vorgefallenen und begriff, daß ihm etwas nicht Alltägliches widerfahren sei; daß er in sich einen ihm bis jetzt völlig neuen Eindruck, der keinem früheren ähnelte, aufgenommen habe. Gleichzeitig war er sich vollkommen klar, daß der Traum, der in seinem Kopfe entflammt war, im höchsten Grade unerfüllbar sei, -- so unerfüllbar, daß er sich seiner schämte, und er sich schleunigst anderen, alltäglichen Sorgen und Plagen, die ihm der »verfluchte gestrige Tag« gebracht hatte, zuwandte.
Die unangenehmste Erinnerung war für ihn, wie »niedrig und gemein« er sich gestern benommen hatte, nicht allein, weil er betrunken war, sondern weil er vor dem jungen Mädchen aus dummer übereilter Eifersucht, ihre Lage ausnutzend, ihren Bräutigam geschimpft hatte, ohne daß er ihr gegenseitiges Verhältnis und die Verpflichtungen, geschweige denn den Mann selbst ordentlich kannte. Und welches Recht hatte er, so schnell und übereilt über ihn zu urteilen? Und wer hatte ihn zum Richter berufen? Und kann denn solch ein Wesen, wie Awdotja Romanowna, sich einem unwürdigen Menschen des Geldes wegen hingeben? Also, muß er doch auch Tugenden haben. Die möblierten Zimmer? Woher sollte er denn in der Tat erfahren, was für möblierte Zimmer er genommen hatte? Er läßt doch eine Wohnung instand setzen ... pfui, welche Erniedrigung! War das etwa eine Entschuldigung, daß er betrunken war? Eine dumme Ausrede, die ihn noch mehr bloßstellte. Im Weine liegt die Wahrheit, und da hat sich auch die ganze Wahrheit, »das heißt, der ganze Schmutz seines neidischen, rohen Herzen«, gezeigt! Ist denn solch eine Idee ihm, Rasumichin, überhaupt erlaubt? Wer ist er im Vergleiche mit solch einem jungen Mädchen, -- er, der betrunkene Skandalmacher und gestrige Prahlhans? »Ist denn so eine zynische und lächerliche Zusammenstellung überhaupt möglich?« Rasumichin wurde bei diesem Gedanken rot, dazu erinnerte er sich noch, wie absichtlich, deutlich, daß er ihnen gestern auf der Treppe erzählt hatte, die Wirtin werde um seinetwillen auf Awdotja Romanowna eifersüchtig sein ... nein, es war unerträglich. Wütend schlug er mit der Faust auf den Küchenherd, verletzte sich die Hand und schlug einen Ziegelstein heraus.
»Gewiß,« -- murmelte er nach einer Weile vor sich hin, im Gefühle seiner Erniedrigung, -- »gewiß, alle diese Scheußlichkeiten lassen sich nie mehr beschönigen und verwischen ... also, soll man auch daran nicht denken, sondern man muß schweigend seine Pflichten erfüllen ... nicht um Verzeihung bitten, überhaupt nichts sagen, und ... und selbstverständlich ist jetzt alles verloren!«
Trotzdem besah er beim Ankleiden seinen Anzug sorgfältiger als sonst. Einen anderen Anzug besaß er nicht, und wenn er auch einen anderen gehabt hätte, hätte er ihn vielleicht nicht angezogen, -- »gerade nicht angezogen«. Auf keinen Fall aber durfte man ein Zyniker und Schmutzfink bleiben, -- er hatte kein Recht, die Gefühle anderer zu beleidigen, um so mehr, als sie, die anderen, ihn brauchten und ihn selbst zu sich riefen. Also bürstete er aufs peinlichste seine Kleider aus. Seine Wäsche war stets erträglich, darauf hielt er etwas.
Er wusch sich an diesem Morgen mit großer Sorgfalt, -- bei Nastasja fand er Seife, -- er wusch sein Haar, den Hals und besonders die Hände. Als aber die Frage an ihn herantrat, ob er seine Borsten rasieren sollte oder nicht, -- Praskovja Pawlowna hatte noch von ihrem verstorbenen Manne, Herrn Sarnitzin, ausgezeichnete Rasiermesser, -- da wurde sie unbarmherzig abgelehnt, -- »so soll es bleiben! Wenn sie meinen, daß ich mich rasiert habe, um ... und sie würden es meinen! Nein, ich tue es nicht, um keinen Preis in der Welt!«
»Und ... und die Hauptsache ist, daß er so grob, schmutzig ist und Manieren wie aus der Kneipe hat, und ... und er weiß auch wohl, daß er nun wenigstens ein bißchen ein anständiger Mensch ist ... nun, was ist denn da stolz zu sein, daß er ein anständiger Mensch ist? Jeder muß ein anständiger Mensch sein und mehr ... er aber hat -- das weiß er -- manches auf dem Kerbholz ... nichts Unehrenhaftes zwar, aber doch allerlei! ... Und was für Gedanken hatte er gehabt? Hm ... und kann man denn dies alles auf eine Stufe mit Awdotja Romanowna stellen? Nun, aber zum Teufel damit! Mag es so bleiben! Ich will absichtlich so schmutzig, schmierig, wie aus der Kneipe sein, und pfeife auf alles andere! Ich will es noch mehr zeigen! ...«
Bei diesen Selbstgesprächen traf ihn Sossimoff an, der in der Wohnstube von Praskovja Pawlowna geschlafen hatte. Er wollte nach Hause gehen und sich vorher noch einmal den Kranken ansehen. Rasumichin teilte ihm mit, daß derselbe wie ein Murmeltier schlafe. Sossimoff ordnete an, ihn nicht zu wecken, bis er selbst aufwache. Er versprach, in der elften Stunde wiederzukommen.
»Wenn er nur zu Hause bleiben wird,« -- fügte er hinzu. --
»Pfui, Teufel! Man hat noch nicht einmal Macht über seinen Kranken und soll ihn behandeln! Weißt du es, geht _er_ zu denen, oder kommen _die_ hierher?«
»Ich glaube, die kommen her,« -- antwortete Rasumichin, als er den Zweck der Frage verstanden hatte, -- »und sie werden sicher über ihre Familienangelegenheiten sprechen. Ich gehe fort. Du als Arzt hast selbstverständlich mehr Rechte als ich.«
»Ich bin doch kein Beichtvater; ich will kommen und sofort weggehen. Ich habe noch mehr zu tun.«
»Mich beunruhigt eins,« -- unterbrach ihn Rasumichin mit verdüstertem Gesichte, -- »ich habe gestern in der Trunkenheit ihm auf dem Wege hierher allerhand Dummheiten erzählt, -- allerhand ... unter anderem auch, daß du fürchtest, daß er anscheinend ... zum Irrsinn neige ...«
»Du hast auch gestern den Damen davon geschwatzt.«
»Ich weiß, daß es dumm war. Meinetwegen kannst du mich verhauen! Sag' mir aber, hattest du wirklich daran geglaubt?«
»Ich sage doch, es ist Scherz gewesen; was soll ich geglaubt haben? Du hast ihn mir selbst als einen Monomanen geschildert, als du mich zu ihm brachtest ... Nun, und gestern haben wir noch mehr geschürt, das heißt, eigentlich du, mit deiner Erzählung ... von dem Anstreicher; ein schönes Gespräch, wenn vielleicht gerade damit seine Verwirrung zusammenhängt! Wenn ich alles genau gewußt hätte, was damals im Polizeibureau vorgefallen war und daß ihn dort irgendeine Kanaille mit diesem Verdacht ... gekränkt hatte, ich hätte gestern ein solches Gespräch nicht zugelassen. Diese Monomanen machen doch aus einem Tropfen einen Ozean und sehen die unsinnigsten Dinge deutlich im wachen Zustande ... Wie ich mich erinnere, ist mir gestern aus der Erzählung von Sametoff schon die Sache zur Hälfte klar geworden. Das ist noch gar nichts. Ich kenne einen Fall, wo ein Hypochonder, ein vierzigjähriger Mann, nicht imstande war, den täglichen Spott eines achtjährigen Knaben bei Tische zu ertragen und ihn deshalb ermordete! Und hier, er zerlumpt, ein frecher Polizeikommissar, beginnende Krankheit, und -- so ein Verdacht! Einem ausgesprochenen Hypochonder gegenüber! Mit einer wahnsinnigen, besonders ausgeprägten Eigenliebe! Vielleicht sitzt gerade hier der Ausgangspunkt der Krankheit! Nun, aber zum Teufel! ... Apropos, dieser Sametoff ist wirklich ein lieber Junge, aber hm ... es war doch überflüssig, daß er gestern dies alles erzählte. Ein furchtbarer Schwätzer!«
»Wem hat er denn alles erzählt? Mir und dir!«
»Und Porphyri.«
»Nun, was tut denn das?«
»Hm, sag' mal, hast du irgendeinen Einfluß auf die Mutter und Schwester? Man müßte heute ihm gegenüber vorsichtiger sein ...«
»Sie werden sich schon einigen!« -- antwortete Rasumichin unwillig.
»Und warum ist er so gegen den Luschin? Ein Mensch mit Geld, ihr, wie es scheint, nicht unangenehm ... und sie haben doch keinen blanken Heller!«
»Was forschest du mich aus?« -- rief Rasumichin gereizt. -- »Woher soll ich wissen, ob sie einen Heller haben oder nicht? Frage sie doch selbst, vielleicht sagen sie es dir ...«
»Na, wie dumm du zuweilen bist! Der gestrige Rausch sitzt noch in dir ... Auf Wiedersehen! Danke in meinem Namen deiner Praskovja Pawlowna für das Nachtlager. Sie hat sich eingeschlossen, auf meinen >Guten Morgen< hat sie durch die Tür geantwortet, war aber um sieben Uhr aufgestanden, man brachte ihr aus der Küche durch den Korridor den Samowar ... Ich hatte nicht die Ehre, sie zu sehen ...«
Punkt neun Uhr erschien Rasumichin in Bakalejeffs »Möbliertem Zimmer«. Beide Damen erwarteten ihn schon lange mit nervöser Ungeduld. Sie waren schon vor sieben Uhr aufgestanden. Er trat finster wie die Nacht ein, machte eine linkische Verbeugung, worüber er sofort ärgerlich wurde -- selbstverständlich auf sich selbst. Er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht, -- Pulcheria Alexandrowna stürzte buchstäblich zu ihm hin, erfaßte ihn an beiden Händen und küßte sie beinahe. Er warf einen schüchternen Blick auf Awdotja Romanowna, aber auch auf diesem stolzen Gesichte lag in diesem Augenblicke solch ein Ausdruck von Dankbarkeit und freundlicher Gesinnung, solch eine vollkommene und unerwartete Achtung -- (an Stelle von spöttischen Blicken und unwillkürlicher schlecht verborgener Verachtung) -- daß es ihm tatsächlich angenehmer gewesen wäre, wenn man ihn mit Scheltworten begrüßt hätte, es war zu beschämend. Zum Glück gab es ein Thema zur Unterhaltung, und er benutzte es sofort.
Als Pulcheria Alexandrowna vernahm, daß er zwar noch nicht aufgewacht, aber »daß alles ausgezeichnet gehe,« erklärte sie, das wäre sehr gut, weil sie noch vorher mit ihm, Rasumichin, über sehr, sehr vieles zu sprechen habe. Er wurde gefragt, ob er schon Tee getrunken habe und dann eingeladen, mit ihnen den Tee zu trinken, -- sie hatten in Erwartung Rasumichins noch nicht gefrühstückt. Awdotja Romanowna klingelte, auf ihr Zeichen erschien ein schmutziger, zerlumpter Kerl, und bei ihm wurde der Tee bestellt, der auch endlich gereicht wurde, aber so schmutzig und so unanständig, daß die Damen sich schämten. Rasumichin begann energisch über diese möblierten Zimmer zu schimpfen, erinnerte sich aber Luschins, verstummte, wurde verlegen und war sehr froh, als Pulcheria Alexandrowna ihn mit ihren Fragen nicht mehr losließ.
Er beantwortete sie alle, sprach drei Viertelstunden lang, wurde beständig unterbrochen und von neuem befragt, und teilte alles Hauptsächliche und Notwendige, das er aus dem letzten Jahre kannte, mit, und schloß mit einer genauen Erzählung von der Krankheit Rodion Romanowitschs. Er ließ aus, was verschwiegen werden mußte, unter anderem den Auftritt in dem Polizeibureau mit allen seinen Folgen. Man lauschte gierig seiner Erzählung; als er aber glaubte, daß er zu Ende sei und seine Zuhörerinnen befriedigt habe, zeigte es sich, daß er für sie kaum begonnen zu haben schien.
»Sagen Sie, sagen Sie mir, wie meinen Sie ... ach, entschuldigen Sie, ich kenne ja noch nicht einmal Ihren und Ihres Vaters Namen!« -- sagte Pulcheria Alexandrowna eilig.
»Dmitri Prokofjitsch.«
»Also, Dmitri Prokofjitsch, ich möchte sehr gern erfahren ... wie er überhaupt ... wie er jetzt die Dinge betrachtet, das heißt, verstehen Sie mich ... wie soll ich es Ihnen erklären, das heißt, besser gesagt, -- was liebt er und was liebt er nicht? Ist er immer so gereizt? Was hat er für Wünsche und Träume, wenn man so sagen kann? Was hat auf ihn jetzt einen besonderen Einfluß? Mit einem Worte, ich möchte ...«
»Ach, Mama, wie kann man denn das alles auf einmal beantworten!« -- bemerkte Dunja.
»Ach, mein Gott, ich habe doch nicht, gar nicht erwartet, ihn so zu finden, Dmitri Prokofjitsch.«
»Das ist sehr natürlich,« -- antwortete Rasumichin. -- »Ich habe keine Mutter mehr, aber mein Onkel kommt jedes Jahr hergereist und erkennt mich jedesmal beinahe nicht mehr, selbst dem äußeren nach nicht, und ist doch auch ein kluger Mann. Nun, und in den drei Jahren Ihrer Trennung ist viel Wasser den Berg hinuntergeflossen. Ja, und was soll ich Ihnen sagen? Anderthalb Jahre kenne ich Rodion, -- er ist verschlossen, düster, selbstbewußt und stolz; in der letzten Zeit -- vielleicht aber auch schon früher -- argwöhnisch und hypochondrisch. Dabei großmütig und gut. Er liebt nicht seine Gefühle zu zeigen, und würde lieber hart erscheinen, als sein Herz zu offenbaren. Zuweilen erscheint er übrigens gar nicht hypochondrisch, sondern einfach kalt und gefühllos bis zur Unmenschlichkeit, als ob in ihm zwei entgegengesetzte Charaktere abwechselten. Er ist zuweilen schrecklich einsilbig! Er hat nie Zeit, immer stören ihn die anderen, dabei liegt er still und tut nichts. Er ist nicht spöttisch, nicht als ob es ihm an Witz mangelte, sondern weil er keine Zeit für solche Nichtigkeiten übrig hat. Er hört nicht bis zu Ende, wenn man ihm erzählt. Er interessiert sich nie für Dinge, für die sich alle im gegebenen Augenblicke interessieren. Er schätzt sich hoch ein und ich glaube, nicht ohne ein gewisses Recht dazu. Nun, was noch ... Mir dünkt, Ihre Ankunft wird auf ihn einen sehr heilsamen Einfluß ausüben.«
»Ach, möge es Gott geben!« -- rief Pulcheria Alexandrowna aus, die durch die Ansicht Rasumichins über ihren Rodja niedergedrückt war.
Rasumichin aber blickte endlich Awdotja Romanowna mit etwas mehr Mut an. Er hatte sie während des Gespräches öfters angesehen, aber nur flüchtig, auf einen kurzen Augenblick, und wandte immer gleich seine Augen ab. Awdotja Romanowna setzte sich bald an den Tisch und hörte aufmerksam zu, bald stand sie wieder auf, begann nach ihrer Gewohnheit mit gekreuzten Armen und zusammengepreßten Lippen im Zimmer auf und ab zu gehen und stellte zuweilen Fragen, ohne ihre Wanderung zu unterbrechen, und in Gedanken versunken. Auch sie hatte die Gewohnheit, nicht bis zu Ende zuzuhören. Sie war mit einem dunklen Kleide aus leichtem Stoff bekleidet, um den Hals war ein weißes durchsichtiges Tüchlein geschlungen. Aus vielen Anzeichen hatte Rasumichin bald die dürftigsten Verhältnisse der beiden Frauen ersehen. Wenn Awdotja Romanowna wie eine Königin gekleidet gewesen wäre, hätte er sich wohl vor ihr gar nicht gefürchtet; jetzt aber hatte sich vielleicht gerade aus dem Grunde, weil sie so ärmlich gekleidet war, und weil er die ganze ärmliche Umgebung bemerkt hatte, in seinem Herzen eine gewisse Scheu eingenistet, und er ängstigte sich für jedes seiner Worte und für jede Bewegung, was für einen Menschen, der ohnedem sich nicht traute, sicher unbequem war.
»Sie haben viel Interessantes über den Charakter meines Bruders erzählt und ... haben es unparteiisch gesagt. Das ist gut; ich dachte, Sie beten ihn an,« -- bemerkte Awdotja Romanowna mit einem Lächeln. -- »Es scheint auch besser, wenn um ihn eine Frau ist,« -- fügte sie nachdenklich hinzu.
»Das habe ich nicht gemeint, aber Sie haben vielleicht auch darin recht, nur ...«
»Was?«
»Er liebt doch niemand; vielleicht wird er auch nie lieben,« -- schnitt Rasumichin ab.
»Das heißt, er ist unfähig, jemand zu lieben?«
»Wissen Sie, Awdotja Romanowna, daß Sie Ihrem Bruder auffallend ähnlich sehen, in allem!« -- platzte er plötzlich heraus, sich selber überraschend, als er sich aber erinnerte, was er ihr soeben über den Bruder gesagt hatte, wurde er rot wie ein Krebs und stark verlegen.