Sämtliche Werke 1-2

Part 26

Chapter 263,645 wordsPublic domain

Awdotja Romanowna mußte bei seinem Anblicke laut auflachen.

»In bezug auf Rodja könntet ihr beide euch irren,« -- sagte Pulcheria Alexandrowna etwas pikiert. -- »Ich rede nicht von dem jetzigen, Dunetschka. Das, was Peter Petrowitsch in diesem Briefe schreibt ... und was wir mit dir voraussetzten, -- kann unwahr sein, aber Sie können sich nicht vorstellen, Dmitri Prokofjitsch, wie phantastisch er ist und -- wie soll ich es sagen -- launisch er ist. Ich konnte mich nie auf seinen Charakter verlassen, selbst als er erst fünfzehn Jahre alt war. Ich bin überzeugt, daß er auch jetzt plötzlich irgend etwas tun kann, woran keiner je dachte ... Wir brauchen nicht weit zu gehen, -- ist es Ihnen bekannt, wie er vor anderthalb Jahren mich überraschte, erschütterte, ja fast bis zum Tode erschreckte, als er diese, wie heißt sie doch, -- die Tochter von dieser Sarnitzin heiraten wollte?«

»Wissen Sie etwas Näheres über diese Geschichte?« -- fragte ihn Awdotja Romanowna.

»Glauben Sie,« -- fuhr Pulcheria Alexandrowna voll Eifer fort, -- »ihn hätten damals meine Tränen, meine Bitten, meine Krankheit, mein Tod vielleicht aus Gram, unsere große Armut, zurückgehalten? Er würde über alle Hindernisse in größter Ruhe hinweggeschritten sein. Aber ist es möglich, ist es möglich, daß er uns nicht liebt?«

»Er hat mir nie selbst etwas über diese Geschichte gesagt,« -- antwortete Rasumichin vorsichtig, -- »aber ich habe einiges von Frau Sarnitzin selbst gehört, die in ihrer Art auch nicht von den Mitteilsamen ist, und was ich gehört habe, ist vielleicht ein wenig seltsam.«

»Und was, was haben Sie gehört?« -- frugen gleichzeitig beide Frauen.

»Es ist nichts gar so Besonderes. Ich erfuhr nur, daß diese Heirat, die schon eine vollständig abgemachte Sache war und bloß wegen des Todes der Braut nicht zustande kam, Frau Sarnitzin selbst sehr mißfiel ... Außerdem erzählt man, daß die Braut nicht hübsch war, das heißt, man sagt, sie sei sogar häßlich gewesen ... und sehr kränklich ... und eigentümlich ... sie hatte aber, wie es scheint, auch ihre Vorzüge. Es mußten unbedingt irgendwelche Vorzüge dagewesen sein, sonst konnte man so was nicht verstehen ... Mitgift hatte sie gar keine, und auf Mitgift hätte er auch nicht gerechnet ... Es ist überhaupt schwer in solch einer Sache zu urteilen.«

»Ich bin überzeugt, daß sie ein würdiges junges Mädchen war,« bemerkte Awdotja Romanowna kurz.

»Gott wird es mir verzeihen, ich habe mich aber doch über ihren Tod gefreut, obwohl ich es nicht weiß, wer von ihnen den andern zugrunde gerichtet hätte, -- er sie oder sie ihn,« schloß Pulcheria Alexandrowna.

Dann begann sie vorsichtig mit Unterbrechungen, wobei sie ständig Dunja anblickte, was jener offenbar unangenehm war, wieder über den gestrigen Auftritt zwischen Rodja und Luschin zu fragen. Dieser Vorfall beunruhigte sie, wie man merken konnte, am meisten, bis zu Angst und Zittern. Rasumichin erzählte von neuem alles bis ins einzelne und fügte diesmal noch seine Ansicht hinzu, -- er beschuldigte Raskolnikoff, daß er Peter Petrowitsch vorsätzlich gekränkt habe und entschuldigte ihn sehr wenig durch seine Krankheit.

»Er hat es sich noch vor der Erkrankung ausgedacht,« -- fügte er hinzu.

»Das denke ich auch« -- sagte Pulcheria Alexandrowna niedergeschlagen.

Sie war aber sehr überrascht, daß Rasumichin heute sich so vorsichtig und mit Achtung über Peter Petrowitsch äußerte. Auch Awdotja Romanowna war erstaunt.

»Ist das Ihre Meinung über Peter Petrowitsch?« -- konnte sich Pulcheria Alexandrowna nicht enthalten zu fragen.

»Über den künftigen Mann Ihrer Tochter kann ich auch keine andere Meinung haben,« -- antwortete Rasumichin fest und eifrig. -- »Und ich sage es nicht aus fader Höflichkeit, sondern weil ... weil ... nun, sagen wir, aus dem Grunde allein, weil Awdotja Romanowna selbst freiwillig diesen Menschen mit ihrer Wahl beehrte. Wenn ich ihn aber gestern so geschimpft habe, so war es, weil ich gestern schmählich betrunken und außerdem ... ohne Verstand war, ja, ohne Verstand, ich hatte den Verstand verloren, vollkommen ... und heute schäme ich mich dessen! ...« Er errötete und verstummte. Auch Awdotja wurde rot, aber unterbrach nicht das Schweigen. Sie hatte kein einziges Wort seit dem Augenblicke gesagt, als man über Luschin zu sprechen begann. Und Pulcheria Alexandrowna war ohne ihre Unterstützung offenbar unschlüssig. Schließlich sagte sie, stockend und ununterbrochen die Tochter anblickend, daß ein Umstand sie jetzt außerordentlich beunruhige.

»Sehen Sie, Dmitri Prokofjitsch,« -- begann sie. »Ich will gegenüber Dmitri Prokofjitsch vollkommen offen sein, Dunetschka.«

»Selbstverständlich, Mama,« -- bemerkte Awdotja Romanowna nachdrücklich.

»Sehen Sie, die Sache ist die,« -- beeilte sie sich nun, ihren Kummer mitzuteilen, als hätte man ihr durch die Erlaubnis eine schwere Bürde abgenommen. -- »Heute, in aller Frühe, erhielten wir von Peter Petrowitsch einen Brief, als Antwort auf unsere gestrige Mitteilung von unserer Ankunft. Sehen Sie, er sollte uns gestern auf dem Bahnhofe selbst, wie er auch versprochen hatte, empfangen.

Anstatt dessen war ein Diener zu unserem Empfang auf den Bahnhof gesandt worden, mit der Adresse von diesen möblierten Zimmern und um uns den Weg zu zeigen. Peter Petrowitsch aber ließ uns mitteilen, daß er heute morgen hier bei uns erscheinen werde. Anstatt dessen kam heute früh dieser Brief von ihm ... Es ist das beste, Sie lesen ihn selbst; in ihm ist ein Punkt, der mich sehr beunruhigt ... Sie werden selbst sofort sehen, welchen Punkt ich meine, und ... sagen Sie mir Ihre aufrichtige Meinung, Dmitri Prokofjitsch! Sie kennen besser als alle den Charakter Rodjas und können uns am besten raten. Ich sage Ihnen im voraus, daß Dunetschka schon alles vom ersten Schritt an beschlossen hat, ich aber, ich weiß noch nicht, wie ich handeln soll und ... und wartete die ganze Zeit auf Sie.«

Rasumichin entfaltete den Brief, der mit dem gestrigen Datum versehen war, und las folgendes:

»Sehr verehrte Pulcheria Alexandrowna!

Ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß ich infolge plötzlich eingetretener Hindernisse Sie auf dem Bahnsteige nicht empfangen konnte, ich sandte darum einen gewandten Menschen. Ebenso werde ich auch morgen früh nicht die Ehre einer Zusammenkunft mit Ihnen haben können, infolge unaufschiebbarer Angelegenheiten im Senat, und um Ihre verwandtschaftliche Zusammenkunft mit Ihrem Sohne und Awdotja Romanownas mit ihrem Bruder nicht zu stören. Ich will mir aber die Ehre nehmen, Sie spätestens morgen, Punkt acht Uhr abends, aufzusuchen, um Ihnen meine Aufwartung in Ihrer Wohnung zu machen, wobei ich mir erlaube, eine inständige und -- ich füge hinzu -- dringende Bitte auszusprechen, daß bei unserer gemeinsamen Zusammenkunft Rodion Romanowitsch nicht anwesend sein soll, da er mich bei meinem gestrigen Besuche während seiner Krankheit beispiellos und schwer gekränkt hat, und weil ich außerdem mit Ihnen persönlich eine notwendige und ausführliche Erklärung über einen Punkt haben möchte, über den ich Ihre eigene Deutung zu erfahren wünsche. Ich habe die Ehre, im voraus mitzuteilen, daß, falls ich, entgegen meiner Bitte, Rodion Romanowitsch antreffen sollte, ich gezwungen sein würde, mich zu entfernen, woran Sie allein sich die Schuld zuzuschreiben hätten.

Ich schreibe es in der Voraussetzung, daß Rodion Romanowitsch, der bei meinem Besuche so schwer krank zu sein schien, nach zwei Stunden plötzlich genas, ausgehen und also zu Ihnen kommen kann. Ich habe mich davon mit meinen eigenen Augen überzeugt, als er gestern in der Wohnung eines von Pferden überfahrenen Trunkenboldes, der an den Verletzungen gestorben ist, dessen Tochter, einem Mädchen von verrufenem Lebenswandel, etwa fünfundzwanzig Rubel aushändigte, unter dem Vorwande, die Kosten der Beerdigung zu tragen, was mich sehr überraschte, weil ich wußte, mit welcher Mühe Sie diese Summe erhielten. Hierbei übermittele ich meine besondere Achtung der geehrten Awdotja Romanowna und bitte Sie, meine achtungsvolle Ergebenheit entgegenzunehmen.

Ihr untertänigster Diener P. Luschin.«

»Was soll ich jetzt tun, Dmitri Prokofjitsch?« -- sagte Pulcheria Alexandrowna fast weinend. -- »Wie kann ich Rodja zumuten, nicht zu kommen? Er verlangte gestern so eindringlich die Absage an Peter Petrowitsch, und nun verlangt man, ihn selber abzuweisen. Ja, er wird absichtlich kommen, wenn er es erfährt und ... was geschieht dann?«

»Handeln Sie so, wie Awdotja Romanowna beschlossen hat,« -- antwortete ruhig und sofort Rasumichin.

»Ach, mein Gott! Sie sagt ... sie sagt -- Gott weiß was, und erklärt mir nicht den Zweck! Sie sagt, es würde am besten sein, das heißt, nicht am besten sein, sondern es sei aus einem Grunde unbedingt nötig, daß auch Rodja heute um acht Uhr abends bestellt werde, und daß sie unbedingt hier einander träfen ... Und ich wollte ihm nicht einmal den Brief zeigen, und es irgendwie durch Ihre Vermittelung einrichten, daß er nicht herkäme ... denn er ist so gereizt ... Ja, und ich verstehe gar nicht, was für ein Trunkenbold dort gestorben ist und was das für eine Tochter ist, und in welcher Weise konnte er dieser Tochter das letzte Geld abgeben ... das ...«

»Das Ihnen so teuer zu stehen kam, Mama,« -- fügte Awdotja Romanowna hinzu.

»Er war gestern außer sich,« -- sagte Rasumichin nachdenklich. -- »Wenn Sie erst wüßten, was er gestern in einer Restauration angerichtet hat, es war ja klug ... hm! Von einem Verstorbenen und von einem Mädchen sprach er tatsächlich gestern etwas zu mir, als wir nach Hause gingen, aber ich habe kein Wort verstanden ... übrigens, war ich gestern auch ...«

»Mama, am besten gehen wir zu ihm hin und dort, versichere ich Sie, werden wir sofort sehen, was zu tun ist. Und außerdem ist es Zeit, -- Herrgott! Es ist über zehn Uhr!« -- rief sie aus, nachdem sie einen Blick auf ihre prachtvolle goldene Uhr mit Emaille warf, die an einer sehr feinen venetianischen Kette um ihren Hals hing, und mit der übrigen Kleidung gar nicht harmonierte.

»Ein Geschenk des Bräutigams,« -- dachte Rasumichin.

»Ach, es ist Zeit ... es ist Zeit, Dunetschka, es ist Zeit!« -- regte sich Pulcheria Alexandrowna auf. »Er wird denken, daß wir ihm noch von gestern her böse sind, weil wir solange nicht kommen. Ach, mein Gott!«

Indem sie es sagte, warf sie eilig ihre Mantille um und setzte den Hut auf; auch Dunetschka zog sich an. Ihre Handschuhe waren nicht bloß abgetragen, sondern sogar zerrissen, wie Rasumichin bemerkte, indessen verlieh diese augenscheinliche Armut der Kleidung den Damen eine Art Würde, was immer bei denen der Fall ist, die ein ärmliches Kleid zu tragen verstehen. Rasumichin blickte voll Ehrfurcht Dunetschka an und war stolz, daß er sie begleiten durfte. »Die Königin,« -- dachte er im stillen, -- »die ihre Strümpfe in Gefängnissen stopfte, sah sicher in jenem Augenblicke wie eine echte Königin aus und königlicher als zur Zeit der prachtvollsten Feste und Empfänge.«

»Mein Gott!« -- rief Pulcheria Alexandrowna aus, -- »habe ich je gedacht, daß ich ein Wiedersehen mit meinem Sohne, mit meinem lieben, lieben Rodja fürchten werde, wie ich es jetzt tue! ... Ich fürchte mich, Dmitri Prokofjitsch!« -- fügte sie hinzu und blickte ihn schüchtern an.

»Fürchten Sie sich nicht, Mama,« sagte Dunja und küßte sie, -- »glauben Sie besser an ihn. Ich glaube.«

»Ach, mein Gott! Ich glaube auch, habe aber die ganze Nacht nicht geschlafen!« -- rief die arme Frau aus.

Sie traten auf die Straße hinaus.

»Weißt du, Dunetschka, als ich gegen Morgen erst ein wenig einschlief, träumte ich plötzlich von der verstorbenen Marfa Petrowna ... sie war ganz in weiß ... sie kam auf mich zu, nahm mich an der Hand, schüttelte den Kopf über mich, und so streng, so streng, als ob sie mich verdamme ... Ist das auch ein gutes Zeichen? Ach, mein Gott, Dmitri Prokofjitsch, Sie wissen es noch nicht, -- Marfa Petrowna ist gestorben!«

»Nein, ich weiß es nicht. Was für eine Marfa Petrowna?«

»Nachher, Mama,« -- mischte sich Dunja ein, -- »er weiß ja noch nicht, wer Marfa Petrowna war.«

»Ach, Sie wissen es nicht? Und ich dachte, Sie kennen schon alles. Entschuldigen Sie mich, Dmitri Prokofjitsch, ich verliere in diesen Tagen völlig den Verstand. Ich sehe Sie wirklich wie unsere Vorsehung an, und darum war ich auch so überzeugt, daß Sie alles schon kennen. Ich betrachte Sie wie einen Verwandten ... Seien Sie mir nicht böse, daß ich so spreche. Ach, mein Gott, was ist mit Ihrer rechten Hand? Haben Sie sie verletzt?«

»Ja, ich habe sie verletzt,« -- murmelte glückselig Rasumichin.

»Ich spreche zuweilen so offenherzig, daß Dunja mich korrigiert ... Aber, mein Gott, in was für einer Kammer er lebt! Ist er wohl schon aufgewacht? Und diese Frau, seine Wirtin, rechnet dies für ein Zimmer? Hören Sie, Sie sagen, er liebt nicht, sein Herz zu zeigen, so daß ich vielleicht ihm auch überdrüssig werden kann ... mit meinen Schwächen? ... Können Sie mir nicht sagen, Dmitri Prokofjitsch, wie ich ihm gegenüber sein soll? Wissen Sie, ich gehe ganz wie verloren umher.«

»Fragen Sie ihn nicht zu sehr aus, wenn Sie merken, daß er das Gesicht verzieht; besonders über seine Gesundheit fragen Sie ihn nicht zu viel, er liebt es nicht.«

»Ach, Dmitri Prokofjitsch, wie schwer ist es, Mutter zu sein.«

»Hier ist die Treppe ... Was für eine schreckliche Treppe ...«

»Mama, Sie sind so bleich, beruhigen Sie sich, meine Liebe,« -- sagte Dunja und schmiegte sich an sie, -- »er muß glücklich sein, Sie zu sehen, und Sie quälen sich so,« -- fügte sie mit funkelnden Augen hinzu.

»Warten Sie, ich sehe zuerst nach, ob er aufgewacht ist.«

Die Damen folgten langsam Rasumichin, der vorher die Treppe hinaufgegangen war, und als sie im vierten Stock an der Türe der Wirtin vorbei gingen, bemerkten sie, daß die Türe zu deren Wohnung ganz unbedeutend geöffnet war, und daß zwei schwarze Augen sie beide schnell in der Dunkelheit betrachteten. Als ihre Blicke sich kreuzten, wurde die Türe plötzlich zugeschlagen und mit solch einem Knall, daß Pulcheria Alexandrowna vor Schreck beinahe aufgeschrien hätte.

III.

»Er ist gesund, gesund!« -- rief den Eintretenden Sossimoff fröhlich zu.

Er war schon vor zehn Minuten gekommen und saß in seiner gestrigen Ecke auf dem Sofa. Raskolnikoff saß in der andern Ecke ihm gegenüber, vollkommen angekleidet und frisch gewaschen und gekämmt, was schon lange nicht mehr vorgekommen war. Das Zimmer war mit einem Male voll, aber Nastasja fand doch Zeit, den Besuchern zu folgen, um zuzuhören.

In der Tat, Raskolnikoff war fast gesund, besonders im Vergleiche mit gestern, er war bloß sehr blaß, zerstreut und düster. Dem Äußeren nach glich er einem Verwundeten oder einem, der einen starken physischen Schmerz duldet, -- seine Augenbrauen waren zusammengezogen, die Lippen aufeinander gepreßt und der Blick fieberhaft. Er sprach wenig und widerwillig, wie mit großer Anstrengung oder als erfülle er eine Pflicht, und eine Unruhe zeigte sich zuweilen in seinen Bewegungen.

Es fehlte bloß die Binde um den Arm oder ein Verband um den Finger, um die völlige Ähnlichkeit mit einem Verletzten vollzumachen.

Aber dieses bleiche und düstere Gesicht erhellte sich auf einen Augenblick, als Mutter und Schwester eintraten, aber sein Gesicht nahm rasch statt der früheren düsteren Zerstreutheit den Ausdruck innerer Pein an, und Sossimoff, der seinen Patienten mit dem ganzen Eifer des Anfängers beobachtete und studierte, bemerkte voll Verwunderung, statt Freude über die Ankunft der Verwandten, die mühsam versteckte Entschlossenheit, eine mehrstündige Folterqual zu ertragen, die man nicht umgehen kann. Er sah später, wie fast jedes Wort der nachträglichen Unterhaltung irgendeine Wunde seines Patienten zu berühren und aufzuwühlen schien, gleichzeitig aber war er wieder erstaunt, wie dieser heute verstand, sich zu bemeistern und seine Gefühle zu verbergen, -- der gestrige Monomane, der wegen des geringsten Wortes fast in Raserei geriet.

»Ja, ich sehe jetzt selbst, daß ich fast gesund bin,« sagte Raskolnikoff, und küßte die Mutter und die Schwester freundlich, worüber Pulcheria Alexandrowna in Entzücken geriet, »und ich spreche nicht mehr wie _gestern_,« fügte er hinzu, sich an Rasumichin wendend, und drückte ihm freundschaftlich die Hand.

»Ich habe mich heute nicht wenig über ihn gewundert,« begann Sossimoff, der über die Eingetretenen sehr erfreut war, weil er in den zehn Minuten den Faden des Gespräches mit seinem Kranken schon verloren hatte. »Nach drei oder vier Tagen, wenn es so weiter geht, wird alles beim alten sein, das heißt, wie es vor einem oder zwei Monaten ... vielleicht auch vor drei Monaten war. Es hat sich doch seit langem vorbereitet und entwickelt ... ah? Wollen Sie jetzt eingestehen, daß Sie selbst vielleicht mit daran schuld waren?« fügte er mit einem vorsichtigen Lächeln hinzu, als fürchte er, ihn schon dadurch zu reizen.

»Es ist sehr möglich,« antwortete Raskolnikoff kalt.

»Ich sage es nur aus dem Grunde,« fuhr Sossimoff fort, »weil Ihre völlige Genesung jetzt hauptsächlich von Ihnen allein abhängt. Jetzt, wo man mit Ihnen reden kann, möchte ich Ihnen vorhalten, daß es notwendig ist, die ursprünglichen, sozusagen die Grundursachen zu beseitigen, die Ihren Krankheitszustand hervorgerufen haben, dann werden Sie auch genesen, sonst kann es wieder schlimmer werden. Diese ursprünglichen Ursachen kenne ich nicht, aber Ihnen müssen Sie bekannt sein. Sie sind ein kluger Mensch und haben sich selbst sicher beobachtet. Mir scheint, der Anfang Ihrer Krankheit fällt teilweise mit Ihrem Austritt aus der Universität zusammen. Sie dürfen nicht ohne Beschäftigung sein, und darum können Arbeit und ein fest vorgenommenes Ziel, wie mich dünkt, Ihnen von sehr großem Werte sein.«

»Ja, ja, Sie haben vollkommen recht ... ich will sofort die Universität besuchen, und dann wird alles ... wie geschmiert gehen ...«

Sossimoff, der seine klugen Ratschläge teilweise wegen der Wirkung auf die Damen erteilt hatte, war natürlich verblüfft, als er seine Rede beendete und auf dem Gesicht seines Zuhörers einen entschieden spöttischen Ausdruck bemerkte. Das währte übrigens nur einen Augenblick. Pulcheria Alexandrowna begann sofort, Sossimoff zu danken, besonders für seinen Nachtbesuch im Hotel.

»Wie, er ist in der Nacht bei euch gewesen?« fragte Raskolnikoff anscheinend beunruhigt. »Also habt ihr auch nach der Reise nicht geschlafen?«

»Ach, Rodja, das war doch vor zwei Uhr. Wir haben uns auch zu Hause nicht früher als um zwei Uhr schlafen gelegt.«

»Ich weiß nicht, wie ich ihm danken soll,« fuhr Raskolnikoff finster fort und den Blick senkend, »abgesehen von der Geldfrage -- entschuldigen Sie, daß ich es erwähnte« (er wandte sich an Sossimoff), »ich weiß gar nicht, wodurch ich so eine besondere Aufmerksamkeit Ihrerseits verdient habe? Ich verstehe es einfach nicht ... und ... es lastet auf mir sogar, weil es mir unverständlich ist, -- ich sage es Ihnen ganz offen --.«

»Werden Sie nur nicht gereizt,« lachte Sossimoff gezwungen. »Stellen Sie sich vor, daß Sie mein erster Patient sind, nun, und unsereiner, der soeben zu praktizieren anfängt, liebt seine ersten Patienten wie eigene Kinder, und manche sogar verlieben sich in sie. Und ich bin an Patienten nicht reich.«

»Ich will gar nicht reden von dem dort,« fügte Raskolnikoff hinzu und wies auf Rasumichin, »auch er hat außer Kränkungen und Sorgen nichts von mir erfahren.«

»Was er faselt! Bist du etwa heute in einer gerührten Stimmung?« rief Rasumichin.

Wenn er etwas scharfsinniger gewesen wäre, hätte er gesehen, daß hier nichts von einer gerührten Stimmung da war, eher das Gegenteil. Awdotja Romanowna aber hatte es gemerkt. Sie beobachtete durchdringend und voll Unruhe den Bruder.

»Von Ihnen, Mama, wage ich nicht zu sprechen,« fuhr er fort, als sage er etwas vorher auswendig Gelerntes auf. »Heute erst konnte ich einigermaßen einsehen, wie Sie sich gestern hier in Erwartung meiner Rückkehr gequält haben müssen.«

Dann reichte er plötzlich stumm und mit einem Lächeln der Schwester die Hand. In diesem Lächeln schimmerte ein wahres, unverfälschtes Gefühl. Dunja erfaßte sofort, erfreut und dankbar, die ausgestreckte Hand und drückte sie innig. Zum erstenmal wandte er sich an sie nach dem gestrigen Zerwürfnis. Das Gesicht der Mutter leuchtete vor Entzücken und Glück beim Anblick dieser endgültigen und wortlosen Aussöhnung zwischen Bruder und Schwester.

»Dafür liebe ich ihn!« flüsterte, sich energisch auf dem Stuhle wendend, Rasumichin, der sich leicht begeisterte. »Er hat solche Regungen! ...«

»Und wie alles sich bei ihm gut macht,« dachte die Mutter, »was für edle Regungen er hat, und wie schlicht und zart er das gestrige Mißverständnis mit der Schwester beseitigt hat -- nur dadurch, daß er ihr die Hand im richtigen Augenblicke reichte und sie lieb anblickte ... Und was für schöne Augen er hat und wie schön das ganze Gesicht ist ... Er ist sogar schöner als Dunetschka ... Aber, mein Gott, was für einen Anzug hat er an, wie schrecklich ist er gekleidet! Der Markthelfer Wassja im Laden Atanassi Iwanowitsch ist besser gekleidet! ... Und ich möchte mich ihm an den Hals werfen und ihn umarmen, und ... weinen -- aber ich fürchte mich, ich fürchte ... wie er es auffassen könnte, oh Gott! Er spricht wohl freundlich, aber ich fürchte mich! Nun, warum fürchte ich mich? ...«

»Ach, Rodja, du wirst nicht glauben,« beeilte sie sich plötzlich, seine Bemerkung zu beantworten, »wie wir gestern, ich und Dunetschka ... unglücklich waren! Jetzt, wo alles vorüber und beendet ist, und wir alle wieder glücklich sind, -- kann man es sagen. Stell dir vor, wir laufen hierher, um dich zu umarmen, fast direkt von der Eisenbahn, und diese Frau, -- ah, da ist sie auch! Guten Tag, Nastasja! ... Sie sagt uns plötzlich, daß du im starken Fieber liegst und daß du soeben ohne Wissen des Arztes im Fieber weggelaufen seist, und daß man dich suchen gegangen sei. Du glaubst nicht, wie das uns traf! Ich stellte mir sofort vor, wie der Leutnant Potantschikoff, unser Bekannter, ein Freund deines Vaters, -- du kannst dich seiner nicht erinnern, Rodja -- tragisch endete, er hatte auch starkes Fieber und war in derselben Weise weggelaufen und in einen Brunnen im Hofe hineingefallen, am anderen Tage erst konnte man ihn herausziehen. Und wir haben es uns selbstverständlich noch schwärzer ausgemalt. Wir wollten hinausstürzen und Peter Petrowitsch suchen, um mit seiner Hilfe wenigstens ... denn wir waren allein, vollkommen allein,« sagte sie mit kläglicher Stimme und verstummte plötzlich, als sie sich erinnerte, daß es noch ziemlich gefährlich sei, über Peter Petrowitsch zu sprechen, ungeachtet dessen, »daß alle schon wieder vollkommen glücklich sind.«

»Ja, ja ... das alles ist sicher ärgerlich ...« murmelte Raskolnikoff, aber mit solch einem zerstreuten und fast unaufmerksamen Ausdrucke, daß Dunetschka ihn voll Erstaunen ansah.

»Was wollte ich doch sagen,« fuhr er fort und versuchte sich zu besinnen, »ja, -- bitte, Mama, und du, Dunetschka, denkt nicht, daß ich nicht als erster heute zu euch kommen wollte und etwa auf euren Besuch wartete.«

»Ja, was fällt dir ein, Rodja!« rief Pulcheria Alexandrowna, die jetzt auch erstaunte, aus.

»Weshalb spricht er so konventionell?« dachte Dunetschka. »Er söhnt sich aus und bittet um Verzeihung, als erfülle er eine Pflicht oder sage das Gelernte auf!«

»Ich bin soeben aufgewacht und wollte zu euch gehen, aber mich hielten meine Kleider auf; ich hatte vergessen, ihr ... Nastasja zu sagen ... dieses Blut auszuwaschen ... Jetzt, soeben erst habe ich mich angezogen.« --

»Blut! Was für Blut?« sagte Pulcheria Alexandrowna erschrocken.

»Es ist nichts ... regen Sie sich nicht auf. Das Blut kommt daher, weil ich, als ich gestern besinnungslos herumirrte, auf einen überfahrenen Menschen stieß ... auf einen Beamten ...«

»Besinnungslos? Aber du erinnerst dich an alles,« unterbrach ihn Rasumichin.