Part 24
»Dunja,« fuhr Raskolnikoff mit Mühe fort, »ich wünsche diese Heirat nicht, und darum mußt du morgen noch Luschin absagen, damit er völlig verschwinde.«
»Mein Gott!« rief Pulcheria Alexandrowna aus.
»Bruder, überlege, was du sprichst!« begann Awdotja Romanowna erregt, aber hielt sofort an sich. »Du bist vielleicht jetzt nicht imstande, du bist müde,« fügte sie sanft hinzu.
»Gar im Fieber? Nein ... Du heiratest Luschin um meinetwillen. Ich aber nehme das Opfer nicht an. Und darum schreibe morgen den Brief ... mit der Absage ... Gib ihn mir morgen früh zu lesen, und Schluß damit!«
»Ich kann es nicht tun!« rief das gekränkte Mädchen aus. »Mit welchem Recht ...«
»Dunetschka, du bist zu hitzig, hör auf, morgen ... Siehst du denn nicht ...« suchte die erschrockene Mutter zu beruhigen. »Ach, gehen wir besser fort!«
»Er redet im Fieber!« rief der berauschte Rasumichin. »Sonst würde er das nicht sagen! Morgen ist dieser ganze Unsinn verschwunden ... Heute hat er ihn wohl hinausgejagt. Das ist wahr. Nun, und jener wurde böse ... Er hat hier schöne Reden gehalten, seine Kenntnisse ausgekramt und ging dann mit eingezogenem Schwanz weg ...«
»Also, es ist wahr?« rief Pulcheria Alexandrowna aus.
»Bis auf morgen, Bruder!« sagte Dunja mitleidsvoll. »Gehen wir, Mama ... Leb wohl, Rodja!«
»Hörst du, Schwester,« rief er ihnen mit letzten Kräften nach, »ich phantasiere nicht; diese Heirat ist eine Schuftigkeit. Mag ich ein Schuft sein, du aber darfst nicht ... einer von beiden ... und wenn ich auch ein Schuft bin, aber so eine Schwester will ich nicht als Schwester anerkennen. Entweder ich oder Luschin! Geht ...«
»Du bist verrückt geworden! Despot!« brüllte Rasumichin, aber Raskolnikoff antwortete nicht mehr, vielleicht hatte er auch nicht mehr die Kraft, zu antworten.
Er hatte sich auf das Sofa gelegt und sich in völliger Ermattung der Wand zugekehrt. Awdotja Romanowna blickte Rasumichin voll Interesse an; ihre schwarzen Augen funkelten, -- Rasumichin zuckte unter diesem Blicke zusammen. Pulcheria Alexandrowna stand, wie vom Donner gerührt, da.
»Ich kann nicht weggehen!« flüsterte sie fast verzweifelt Rasumichin zu, »ich bleibe hier, irgendwo ... begleiten Sie Dunja.«
»Und Sie werden die ganze Sache verderben!« flüsterte Rasumichin außer sich. »Gehen wir wenigstens auf die Treppe hinaus. Nastasja, leuchte uns! Ich schwöre Ihnen,« fuhr er im Flüstertone fort, als sie schon auf der Treppe waren, »daß er vorhin beinahe mich und den Arzt verprügelt hätte! Verstehen Sie! Selbst den Arzt! Und der gab nach, um ihn nicht zu reizen und ging fort, ich aber blieb unten, um auf ihn aufzupassen, er hatte sich aber inzwischen angekleidet und entschlüpfte mir. Er wird uns auch jetzt entschlüpfen, wenn Sie ihn reizen werden, und es ist Nacht, und er kann sich etwas antun ...«
»Ach, was sagen Sie?«
»Und Awdotja Romanowna kann auch nicht ohne Sie allein in diesen möblierten Zimmern bleiben! Denken Sie nach, wo Sie abgestiegen sind! Dieser Schuft Peter Petrowitsch konnte Ihnen doch eine bessere Wohnung ... Übrigens, wissen Sie, ich bin ein wenig betrunken und habe darum ... ihn geschimpft; beachten Sie es nicht ...«
»Ich gehe zu seiner Wirtin,« bestand Pulcheria Alexandrowna auf ihrer Absicht, »ich will sie bitten, mir und Dunja einen Platz für diese Nacht zu geben. Ich kann ihn nicht so verlassen, ich kann nicht!«
Während sie darüber sprachen, standen sie auf dem Treppenabsatz vor der Türe zu der Wohnung der Wirtin. Nastasja leuchtete ihnen von der letzten Stufe herab. Rasumichin war ungewöhnlich erregt. Vor einer halben Stunde noch, als er Raskolnikoff nach Hause begleitete, war er wohl übermäßig geschwätzig und wußte es auch, er war aber völlig munter und ganz frisch, ungeachtet des fürchterlichen Quantums Wein, das er an diesem Abend getrunken hatte. Jetzt aber geriet er in Ekstase und der ganze Wein schien mit einem Male mit verstärkter Macht ihm zu Kopf gestiegen zu sein. Er stand vor den beiden Damen, hatte sie beide an den Händen gefaßt, redete auf sie ein und machte ihnen mit erstaunlicher Offenheit Vorstellungen und wahrscheinlich, um sie besser zu überzeugen, preßte er bei jedem Worte, wie mit Klammern, ihre Hände, daß ihnen die Tränen kamen und schien Awdotja Romanowna mit den Augen zu verschlingen, ohne sich dabei groß zu genieren. Vor Schmerz suchten sie ihre Hände aus seiner großen und knochigen Hand zu befreien, aber er merkte den Grund nicht und zog beide noch stärker zu sich. Wenn sie ihm in diesem Augenblicke befohlen hätten, ihnen zuliebe sich von der Treppe kopfüber hinabzustürzen, er hätte es getan, ohne sich zu besinnen und zu zögern. Pulcheria Alexandrowna, ganz aufgeregt im Gedanken an ihren Rodja, fühlte wohl, daß der junge Mann sehr exzentrisch sei und zu schmerzhaft ihre Hand drücke, aber da er doch für sie ein Stück Vorsehung war, so wollte sie alle diese exzentrischen Einzelheiten nicht bemerken. Trotz ihrer Aufregung wegen des Bruders und obwohl sie nicht ängstlicher Natur war, bemerkte Awdotja Romanowna doch voll Staunen und fast mit Schrecken die in wildem Feuer funkelnden Augen des Freundes ihres Bruders, und bloß das grenzenlose Vertrauen, das ihr die Erzählung Nastasjas über diesen sonderbaren Menschen eingeflößt hatte, hielt sie ab, wegzulaufen und die Mutter von ihm wegzubringen. Sie begriff aber auch, daß sie von ihm jetzt nicht loskommen könne. Nach etwa zehn Minuten aber hatte sie sich schon gefaßt, -- Rasumichins Art war es, sich schnell restlos zu zeigen, in welcher Stimmung er auch war, so daß alle sehr bald wußten, mit wem sie es zu tun hatten.
»Bei der Wirtin ist es unmöglich, und ein greulicher Unsinn ist es!« fiel er Pulcheria Alexandrowna in die Rede. »Mögen Sie auch die Mutter sein, wenn Sie aber hier bleiben, versetzen Sie ihn in Raserei und dann weiß der Teufel, was folgen wird! Hören Sie, ich will es so machen, -- jetzt bleibt bei ihm Nastasja sitzen, ich aber begleite Sie beide zu Ihrer Wohnung, denn Sie können nicht allein auf der Straße gehen. Bei uns in Petersburg ist es in dieser Hinsicht ... Nun, lassen wir das ... Ich laufe dann sofort hierher zurück und bringe Ihnen nach einer Viertelstunde, mein heiliges Ehrenwort darauf, Rapport, -- wie es mit ihm steht, ob er schläft oder nicht und dergleichen. Dann, hören Sie weiter! Dann laufe ich von Ihnen auf einen Sprung zu mir, -- ich habe Gäste, alle sind betrunken, -- nehme Sossimoff -- das ist der Arzt, der ihn behandelt, er sitzt jetzt bei mir, ist nicht betrunken, er ist nie betrunken. Ich schleppe ihn zu Rodja und bin wieder sofort bei Ihnen, also im Laufe von einer Stunde haben Sie zwei Rapporte über ihn, -- und vom Arzte, verstehen Sie, vom Arzte selbst, das ist mehr wert als von mir! Sollte es schlimmer sein, ich schwöre Ihnen, so bringe ich Sie selbst hierher, steht aber alles gut, so gehen Sie schlafen. Ich aber werde diese Nacht hier schlafen, im Flure, er wird nichts hören, und Sossimoff werde ich sagen, er soll bei der Wirtin schlafen, damit er da ist, wenn man ihn braucht. Nun, was ist für ihn jetzt besser, -- Sie oder der Arzt? Der Arzt ist doch nützlicher, nützlicher. Nun, gehen Sie also nach Hause! Zu der Wirtin ist es unmöglich; mir ist es möglich, Ihnen aber nicht, -- sie wird Sie nicht hereinlassen, weil ... weil sie eine Närrin ist. Sie wird auf Awdotja Romanowna meinetwegen eifersüchtig sein, wenn Sie es wissen wollen, und auch auf Sie selbst ... Auf Awdotja Romanowna aber unbedingt. Sie ist ein vollkommen, vollkommen unberechenbarer Charakter! Übrigens, ich bin auch ein Narr ... Ich pfeife darauf! Gehen wir! Glauben Sie mir? Nun, glauben Sie mir oder nicht? ...«
»Gehen wir, Mama,« sagte Awdotja Romanowna, »er wird bestimmt so tun, wie er versprochen hat. Er hat schon einmal den Bruder zum Leben erweckt, und wenn der Arzt wirklich damit einverstanden ist, hier zu schlafen, dann ist es am besten so.«
»Sehen Sie ... Sie ... Sie verstehen mich, weil Sie ein Engel sind!« rief Rasumichin entzückt aus. »Gehen wir! Nastasja! Schnell herauf und setze dich mit dem Lichte zu ihm; ich komme in einer Viertelstunde ...«
Obwohl Pulcheria Alexandrowna nicht ganz überzeugt war, widersetzte sie sich nicht mehr. Rasumichin bot ihnen beiden seinen Arm und zog sie die Treppe hinab. Es beunruhigte sie übrigens eins -- »obwohl er flink und gut ist, kann er aber auch erfüllen, was er verspricht? Er ist doch in solchem Zustande! ...«
»Sie haben Angst, weil Sie glauben, daß ich nicht ganz klar im Kopfe bin!« unterbrach Rasumichin ihren Gedankengang, als ob er ihn erraten hätte, während er mit Riesenschritten weiterging, ohne zu bemerken, daß die beiden Damen ihm kaum folgen konnten. »Unsinn! das heißt ... ich bin wie ein Stück Holz betrunken, aber das hat nichts zu sagen; denn ich bin nicht vom Wein betrunken. Als ich Sie erblickte, da stieg mir das Blut zu Kopfe ... Aber pfeifen Sie auf mich! Achten Sie nicht darauf, -- ich lüge; ich bin Ihrer unwürdig! ... Wenn ich Sie nach Hause gebracht habe, gieße ich mir schleunigst hier aus diesem Kanal zwei Eimer Wasser über den Kopf, damit ich wieder zur Besinnung komme ... Wenn Sie nur wüßten, wie ich Sie beide liebe! ... Lachen Sie nicht und seien Sie mir nicht böse! ... Seien Sie auf alle böse, aber auf mich sollen Sie nicht böse sein! Ich bin sein Freund, also bin ich auch Ihr Freund. Ich will es so ... Ich habe es geahnt, ... im vorigen Jahre gab es so einen Augenblick ... Übrigens, ich habe gar nichts geahnt, denn Sie sind wie vom Himmel gefallen. Ich werde vielleicht auch die ganze Nacht nicht schlafen ... Dieser Sossimoff fürchtete vorhin, daß er den Verstand verlieren könnte ... Darum muß man ihn nicht reizen ...«
»Was sagen Sie?« rief die Mutter aus.
»Hat das der Arzt gesagt?« fragte erschrocken Awdotja Romanowna.
»Er hat gesagt, aber nicht das, sondern ganz was anderes. Er hat ihm auch eine Arznei gegeben, ein Pulver, ich habe es gesehen, und da kamen Sie ... Ach! ... Es wäre besser, Sie wären morgen gekommen! Insofern ist es gut, daß wir weggingen. Nach einer Stunde wird Ihnen Sossimoff selbst über alles Rapport erstatten. Sehen Sie, der ist nicht betrunken! Auch ich wäre nicht betrunken ... Warum aber habe ich so viel getrunken? Wie sie mich in eine Diskussion hineingebracht haben, die Verfluchten! Ich habe mir selbst das Versprechen gegeben, nicht zu streiten! ... Nun redeten sie aber so einen Blödsinn zusammen! Ich habe mich beinahe mit ihnen geprügelt! Ich habe nun meinen Onkel als Präsidium hinterlassen ... Können Sie es glauben, -- sie verlangen völlige Unpersönlichkeit des einzelnen und finden darin den Sinn des Lebens! Bloß nicht für sich selbst sein, möglichst wenig eigenartig sein! Und das halten sie für den allergrößten Fortschritt. Und wenn sie wenigstens auf eigene Art lügen würden, so aber ...«
»Hören Sie,« unterbrach ihn schüchtern Pulcheria Alexandrowna, aber das brachte ihn noch mehr in Eifer.
»Ja, was meinen Sie?« rief Rasumichin und erhob seine Stimme noch mehr. »Meinen Sie, ich rede so, weil sie lügen? Unsinn! Ich liebe es, wenn man lügt. Das Lügen ist das einzige menschliche Privilegium vor allen Organismen. Wenn du lügst, -- kommst du zur Wahrheit! Ich bin darum auch Mensch, weil ich lüge. Keine einzige Wahrheit ist erreicht, ohne daß man vorher vierzigmal, vielleicht auch hundertundvierzigmal gelogen hat, und das ist in seiner Art höchst ehrenvoll. Wir aber verstehen nicht einmal, auf eigene Art zu lügen! Lüge mir vor, aber lüge in deiner Weise, und ich gebe dir dann einen Kuß. In seiner eigenen Weise zu lügen ist besser noch als Wahrheit nur aus fremder Quelle; im ersten Falle bist du ein Mensch, im letzteren bist du bloß ein Papagei. Die Wahrheit wird nicht fortlaufen, das Leben aber kann man dabei mit Brettern zunageln; wir haben Beispiele dafür. Nun, was sind wir jetzt? Wir alle, alle ohne Ausnahme, sitzen in bezug auf Wissenschaft, Entwicklung, Denken, Erfindungen, Ideale, Wünsche, Liberalismus, Vernunft, Erfahrung und alles, alles, alles und alles noch in der ganz untersten Klasse des Gymnasiums! Uns hat es genügt, mit fremder Weisheit auszukommen, -- wir haben Geschmack daran gefunden! Ist es nicht so? Habe ich recht?«
»Oh, mein Gott, ich weiß es nicht,« sagte die arme Pulcheria Alexandrowna.
»Es ist so, so ... obwohl ich mit Ihnen nicht in allem einverstanden bin,« fügte Awdotja Romanowna ernst hinzu, aber gleich darauf schrie sie auf, weil er ihr diesmal zu stark die Hand gedrückt hatte.
»So? Sie sagen, es sei so? Ach, dann sind Sie ... Sie ...« rief er voll Entzücken aus. »Sie sind die Quelle der Güte, Reinheit, der Vernunft und ... der Vollkommenheit! Geben Sie mir Ihre Hand, geben Sie ... geben auch Sie Ihre Hand, ich will Ihnen beiden die Hände küssen, hier, sofort, auf den Knien!«
Und er warf sich mitten auf dem Trottoir, das zum Glück leer war, auf die Knie hin.
»Hören Sie auf, ich bitte Sie, was machen Sie?« rief die äußerst betroffene Pulcheria Alexandrowna.
»Stehen Sie doch auf, stehen Sie doch auf!« lachte Dunja, aber mit einer gewissen Unruhe.
»In keinem Falle, Sie müssen erst Ihre Hände gegeben haben! So ist es gut, nun genug, ich bin aufgestanden und nun wollen wir weitergehen! Ich bin ein unglückseliger Tolpatsch, ich bin Ihrer unwürdig und bin betrunken und schäme mich ... Ich bin nicht wert, Sie zu lieben, aber die Knie vor Ihnen zu beugen ist die Pflicht eines jeden, wenn er nicht ein vollkommenes Tier ist! Und ich habe vor Ihnen die Knie gebeugt ... Da sind auch Ihre möblierten Zimmer, und schon ihretwegen allein war Rodion im Rechte, als er vorhin Ihren Peter Petrowitsch hinauswarf! Wie durfte er es wagen, Sie in solchen Zimmern unterzubringen? Das ist ein Skandal! Wissen Sie, wer hier absteigt? Sie sind doch seine Braut! Sie sind seine Braut, nicht wahr? Und nun sage ich Ihnen, daß Ihr Bräutigam nach diesem ein Schuft ist!«
»Hören Sie, Herr Rasumichin, Sie haben vergessen ...« begann Pulcheria Alexandrowna.
»Ja, ja, Sie haben recht, ich habe mich vergessen, ich schäme mich!« rief Rasumichin erschrocken. »Aber ... aber ... aber ... Sie können mir nicht böse sein, daß ich so rede! Denn ich sage es aufrichtig und nicht weil ... hm! das wäre gemein; mit einem Worte, nicht weil ich Sie ... hm! ... nun, also, es ist nicht nötig, ich will nicht sagen, warum, ich darf es nicht! ... Wir hatten alle vorhin gleich begriffen, als er hereinkam, daß dieser Mensch nicht zu uns paßt. Nicht weil er mit gebrannten Locken vom Friseur kam, nicht weil er sich beeilte, seinen Verstand zu zeigen, sondern weil er ein Aushorcher und Spekulierer ist, weil er ein Jude und Gauner ist, und das sieht man. Sie denken, er ist klug? Nein, er ist ein Dummkopf! Nun, paßt er denn zu Ihnen? Oh, mein Gott! Sehen Sie, meine Damen,« er blieb plötzlich auf der Treppe stehen, »wenn sie alle bei mir auch betrunken sind, dafür aber sind sie alle ehrlich, und obgleich wir auch lügen, denn ich lüge auch, aber wir werden uns schließlich bis zur Wahrheit durchlügen, weil wir auf einem anständigen Wege gehen, Peter Petrowitsch jedoch ... geht nicht auf einem anständigen Wege. Ich habe wohl soeben sie alle tüchtig geschimpft, aber ich achte sie alle; sogar Sametoff, wenn ich ihn auch nicht achte, so liebe ich ihn doch, denn er ist noch wie ein junger Hund! Selbst dieses Vieh von Sossimoff, weil er auch ehrlich ist und seine Sache versteht ... Aber genug, alles ist gesagt und wird verziehen. Ist es verziehen? Ist es wirklich? Nun, gehen wir. Ich kenne diesen Korridor, bin hier ein paarmal gewesen; sehen Sie hier, in Nummer drei, war einmal ein Skandal ... Nun, wo wohnen Sie? Welche Nummer? Acht? Nun, schließen Sie sich für die Nacht ein, lassen Sie niemand herein. Nach einer Viertelstunde kehre ich mit einer Nachricht zurück und dann noch einmal nach einer halben Stunde mit Sossimoff, Sie werden sehen! Leben Sie wohl, ich springe!«
»Mein Gott, Dunetschka, was wird geschehen?« sagte Pulcheria Alexandrowna und wandte sich voll Unruhe und Angst an die Tochter.
»Beruhigen Sie sich, Mama,« antwortete Dunja, indem sie ihren Hut und die Mantille abnahm. »Uns hat Gott selbst diesen Mann gesandt, obgleich er direkt von einer Kneiperei kommt. Man kann sich auf ihn verlassen, ich versichere Sie. Was hat er alles schon für den Bruder getan ...«
»Ach Dunetschka, Gott weiß, ob er kommen wird? Wie konnte ich mich dazu entschließen, Rodja allein zu lassen! ... Und ich habe es mir nicht, durchaus nicht vorgestellt, ihn so zu finden! Wie ernst er war, als wäre er um uns nicht froh ...«
Tränen zeigten sich in ihren Augen.
»Nein, das ist nicht wahr, Mama. Sie konnten ihn nicht gut sehen, weil Sie fortwährend weinten. Er ist von einer schweren Krankheit sehr mitgenommen, -- das ist der ganze Grund.«
»Ach, diese Krankheit! Was soll noch werden, was soll daraus werden! Und wie er mit dir sprach, Dunja!« sagte die Mutter und blickte schüchtern der Tochter in die Augen, um ihre Gedanken zu erraten, und teilweise schon dadurch getröstet, weil Dunja ihren Bruder in Schutz nahm, somit ihm verziehen habe. »Ich bin überzeugt, daß er morgen seinen Sinn ändern wird,« fügte sie hinzu, sie weiter auszuforschen.
»Und ich dagegen bin überzeugt, daß er auch morgen dasselbe sagen wird ...« schnitt Awdotja Romanowna ab, und man sprach nicht mehr darüber, denn es berührte einen Punkt, über den jetzt zu sprechen Pulcheria Alexandrowna sich zu sehr fürchtete.
Dunja trat an die Mutter heran und küßte sie. Diese umarmte sie schweigend und innig. Dann setzte sie sich in unruhiger Erwartung Rasumichins hin, begann scheu die Tochter zu beobachten, die mit gekreuzten Armen und selbst voll Erwartung in Gedanken versunken im Zimmer auf und ab ging. Das Auf- und Abgehen in Gedanken war die Angewohnheit von Awdotja Romanowna, und die Mutter hütete sich immer, ihr Nachdenken zu stören.
Rasumichin war selbstverständlich lächerlich mit seiner plötzlichen, in der Trunkenheit entflammten Leidenschaft zu Awdotja Romanowna. Aber wenn man Awdotja Romanowna gesehen hatte, besonders jetzt, wo sie mit gekreuzten Armen, traurig und nachdenklich auf und ab ging, würden vielleicht viele ihn entschuldigt haben, ganz abgesehen von seinem exzentrischen Zustande. Awdotja Romanowna war sehr schön, -- hochgewachsen, wundervoll schlank, kräftig und selbstbewußt, -- das äußerte sich in jeder ihrer Bewegungen, tat aber der Weichheit und Grazie derselben in keiner Weise Eintrag. Ihr Gesicht ähnelte dem des Bruders, man konnte sie mit Recht eine Schönheit nennen. Ihr Haar war dunkelblond, ein wenig heller als das des Bruders; die Augen waren fast schwarz, ihr Blick stolz und doch wieder zuweilen von ungewöhnlicher Güte. Sie war bleich, aber nicht krankhaft; ihr Gesicht hatte vielmehr die Frische der Gesundheit. Ihr Mund war etwas klein, die Unterlippe, frisch und rot, stand kaum merklich hervor; ebenso das Kinn, das war aber auch die einzige Unregelmäßigkeit in diesem schönen Gesichte und verlieh ihm dafür eine besondere Eigentümlichkeit und vielleicht auch etwas wie Hochmut. Der Ausdruck ihres Gesichtes war in der Regel mehr ernst und sinnend als fröhlich; wie stand aber dafür ein Lächeln diesem Gesichte, wie kleidete sie ein lustiges, junges und sorgloses Lachen! Es war begreiflich, daß der hitzige, offene, schlichte, ehrliche, reckenhafte und betrunkene Rasumichin, der noch nie etwas Ähnliches gesehen hatte, beim ersten Blick den Kopf verlor. Außerdem zeigte ihm der Zufall gleich zuerst Dunja, wie absichtlich, in dem schönen Momente der Liebe zum Bruder und der Freude des Wiedersehens. Er sah dann, wie ihre Unterlippe vor Entrüstung gegenüber den ungestümen und undankbar grausamen Wünschen des Bruders zuckte, -- und er konnte nicht mehr widerstehen.
Er hatte übrigens die Wahrheit gesagt, als er vorhin in seiner Trunkenheit auf der Treppe damit herausplatzte, daß die exzentrische Wirtin Raskolnikoffs, Praskovja Pawlowna, nicht bloß wegen Awdotja Romanowna, sondern vielleicht auch wegen Pulcheria Alexandrowna auf ihn eifersüchtig sein würde. Trotzdem Pulcheria Alexandrowna schon dreiundvierzig Jahre alt war, wies ihr Gesicht immer noch Zeichen der früheren Schönheit auf und außerdem erschien sie bedeutend jünger als sie war, was so oft der Fall ist bei Frauen, die die Klarheit des Geistes, die Frische der Eindrücke und das ehrliche, reine Feuer des Herzens bis zum Alter sich bewahrten. Wir wollen in Parenthese hinzufügen, daß dies zu bewahren das einzige Mittel ist, auch seine Schönheit bis ins Alter zu behalten. Ihr Haar zwar begann grau und dünn zu werden, kleine strahlenartige Runzeln hatten sich schon lange um die Augen gelegt, die Wangen waren eingefallen und vor Kummer und Sorgen hager geworden, und dennoch war dieses Gesicht schön. Es war Dunetschkas Abbild, nur zwanzig Jahre älter und ohne den besonderen Ausdruck der Unterlippe, die bei ihr nicht hervorstand. Pulcheria Alexandrowna war empfindsam, aber nicht bis zur Süßlichkeit, sie war schüchtern und nachgiebig, aber nur bis zu einer gewissen Grenze, -- sie konnte in vielem nachgeben, konnte mit vielem sich abfinden, selbst wenn es ihrer Überzeugung widersprach, aber zur Verleugnung der Ehrlichkeit und ihrer tiefsten Überzeugungen konnten sie keine Umstände bringen.
Genau nach zwanzig Minuten, seit Rasumichin weggegangen war, wurde zweimal nicht laut, aber hastig an die Türe geklopft; er war zurückgekehrt.
»Ich komme nicht herein, habe keine Zeit!« sagte er hastig, als die Türe geöffnet wurde. »Er schläft einen Herkulesschlaf, ausgezeichnet, ruhig und geb's Gott, daß er zehn Stunden fortschläft. Nastasja sitzt bei ihm; ich habe ihr befohlen, nicht wegzugehen, bis ich zurückgekommen bin. Jetzt schleppe ich Sossimoff her, er wird Ihnen Rapport erstatten, und dann legen Sie sich schlafen; ich sehe, Sie sind abgespannt bis zum äußersten ...« Und er lief den Korridor hinab.
»Welch ein flinker und ... ergebener junger Mann!« rief die Pulcheria Alexandrowna außerordentlich erfreut aus.
»Er scheint ein prächtiger Mensch zu sein!« antwortete Awdotja Romanowna mit einem gewissen Eifer und begann von neuem im Zimmer hin und her zu wandern.