Part 23
»Ach, Väterchen! Das sind nur Worte und weiter nichts! Verzeihung! Sehen Sie, wenn er nicht überfahren wäre, wäre er heute betrunken nach Hause gekommen, -- er hat nur ein Hemd, ganz schmutzig und zerrissen, -- er hätte sich schlafen gelegt, ich aber hätte bis zum frühen Morgen im Wasser geplantscht, seine Lumpen und die Kinderwäsche gewaschen, hätte es vor dem Fenster getrocknet, und wenn der Morgen gekommen wäre, hätte ich mich hingesetzt und die Sachen ausgebessert, -- sehen Sie, das wäre meine Nachtruhe gewesen! ... Also, was ist da vom Verzeihen zu reden! Ich habe auch so verziehen!«
Ein hohler, schrecklicher Husten unterbrach sie. Sie hustete, spie in ein Taschentuch, hielt die eine Hand vor Schmerz an die Brust und zeigte mit der anderen dem Priester das Taschentuch. Das Taschentuch war voll Blut ...
Der Priester senkte den Kopf und schwieg.
Marmeladoff lag in den letzten Zügen; er wandte von Katerina Iwanowna, die sich wieder über ihn gebeugt hatte, seine Augen nicht ab. Er wollte ihr immer etwas sagen, er begann auch, bewegte voll Anstrengung die Zunge und sprach die Worte unklar aus, aber Katerina Iwanowna, die verstanden hatte, daß er sie um Verzeihung bitten möchte, rief ihm sofort in befehlendem Tone zu:
»Schweig ... schweig! Ist nicht nötig! ... Ich weiß, was du sagen willst! ...«
Und der Sterbende verstummte, aber in diesem Augenblicke fiel sein irrender Blick auf die Türe, und er erblickte Ssonja.
Vorher hatte er sie nicht bemerkt, -- sie stand im Schatten in der Ecke.
»Wer ist das? Wer ist das?« sagte er plötzlich mit heiserer, erstickender Stimme, ganz aufgeregt und zeigte voll Schrecken mit den Augen auf die Türe, wo seine Tochter stand, und versuchte sich zu erheben.
»Bleib liegen!« rief Katerina Iwanowna. Ihm war es mit unnatürlicher Anstrengung gelungen, sich auf seine Hand zu stützen. Er sah wild und unbeweglich eine Weile die Tochter an, als ob er sie nicht erkenne. Er hatte sie auch noch nie in diesem Aufzuge gesehen. Plötzlich erkannte er sie, die gedemütigte, völlig niedergeschlagene, geputzte und sich schämende, die demütig wartete, bis an sie die Reihe kam, vom sterbenden Vater Abschied zu nehmen. Ein grenzenloses Leid zeigte sich auf seinem Gesichte.
»Ssonja! Tochter! Verzeih!« rief er und wollte nach ihr die Hand ausstrecken, aber er verlor das Gleichgewicht und stürzte vom Sofa mit dem Gesichte zu Boden. Man lief hin, um ihn aufzuheben und legte ihn auf das Sofa hin, aber er war schon im Sterben. Ssonja schrie schwach auf, lief hin, umarmte ihn und blieb bewegungslos stehen. Er starb in ihren Armen.
»Er hat's erreicht!« rief Katerina Iwanowna, als sie ihren Mann tot sah. »Aber was soll ich jetzt tun! Womit soll ich ihn beerdigen? Und womit soll ich diese hier füttern?«
Raskolnikoff trat zu Katerina Iwanowna.
»Katerina Iwanowna,« begann er. »Ihr verstorbener Gatte erzählte mir in der vorigen Woche sein ganzes Leben und alle seine Verhältnisse ... Seien Sie versichert, daß er von Ihnen mit Wärme und Achtung sprach. Seit diesem Abend, als ich erfuhr, wie er an Ihnen hing und wie er Sie, Katerina Iwanowna, besonders hochschätzte und liebte, trotz seiner unglücklichen Schwäche, seit diesem Abend waren wir Freunde ... Erlauben Sie mir jetzt also ... Ihnen behilflich zu sein ... meinem verstorbenen Freunde die letzte Ehre erweisen zu können. Sehen Sie, hier habe ich ... zwanzig Rubel, glaube ich ... und wenn dies Ihnen eine Hilfe sein kann, so ... ich ... will mit einem Worte wiederkommen, ... ich komme unbedingt ... ich komme unbedingt ... ich komme vielleicht schon morgen zu Ihnen ... Leben Sie wohl!«
Und er ging schnell aus dem Zimmer und drängte sich durch die Menge, da aber stieß er plötzlich mit Nikodim Fomitsch, dem Polizeikommissar, zusammen, der von dem Unglück gehört hatte und persönlich Anordnungen treffen wollte. Seit dem Auftritt im Polizeibureau hatten sie einander nicht gesehen, aber Nikodim Fomitsch erkannte ihn sofort.
»Ah, Sie sind hier?« fragte er.
»Er ist gestorben,« antwortete Raskolnikoff. »Ein Arzt war dagewesen, auch ein Priester war da, alles ist in Ordnung. Regen Sie die arme Frau nicht auf, sie hat ohnedem die Schwindsucht. Flößen Sie ihr Mut ein, so gut Sie können ... Sie sind ja ein guter Mensch, ich weiß es ...« fügte er mit einem schiefen Lächeln hinzu und blickte ihm in die Augen.
»Wie Sie sich mit Blut befleckt haben,« bemerkte Nikodim Fomitsch, als er beim Lichte der Laterne einige frische Flecken auf der Weste Raskolnikoffs erblickte.
»Ja, ich habe mich bespritzt ... ich bin mit Blut bedeckt!« sagte Raskolnikoff mit einem eigentümlichen Ausdruck, lächelte, nickte ihm zu und ging die Treppe hinab. Er stieg langsam hinab, ohne sich zu beeilen, tief ergriffen, voll von einem einzigen, neuen, unermeßlichen Gefühl, das als volle und mächtige Lebenswelle über ihn gekommen war. Ein Gefühl, das dem eines zu Tode Verurteilten gleichen mochte, dem man unerwartet die Begnadigung mitgeteilt hatte. Auf der Treppe überholte ihn der Priester, der nach Hause ging; Raskolnikoff ließ ihn schweigend an sich vorübergehen und wechselte mit ihm einen stummen Gruß. Als er aber die letzten Stufen hinabschritt, hörte er eilige Schritte hinter sich. Jemand wollte ihn einholen. Es war Poljenka, sie lief ihm nach und rief: »Hören Sie, hören Sie doch!«
Sie kam die letzte Treppe herab und blieb eine Stufe über ihm stehen. Ein schwaches Licht drang vom Hofe herein. Raskolnikoff schaute in das magere, aber liebe Gesichtchen des kleinen Mädchens, das ihm zulächelte und ihn fröhlich, nach Kinderart, ansah. Sie war mit einem Auftrage gekommen, der ihr selbst sehr zu gefallen schien.
»Sagen Sie mir, wie heißen Sie denn? ... und noch ... wo wohnen Sie denn?« fragte sie ihn hastig mit erstickendem Stimmchen.
Er legte beide Hände auf ihre Schultern und blickte sie glücklich an. Es war ihm wohltuend, sie anzusehen, -- er wußte selbst nicht warum.
»Wer hat dich zu mir geschickt?«
»Schwesterchen Ssonja hat mich geschickt,« antwortete das kleine Mädchen und lächelte noch freundlicher.
»Ich wußte, daß Schwesterchen Ssonja dich geschickt hat.«
»Mama hat mich auch geschickt. Als Schwesterchen Ssonja mich schickte, kam Mama auch und sagte: Ja, lauf schnell, Poljenka!«
»Liebst du Schwesterchen Ssonja?«
»Ich liebe sie mehr als alle anderen!« sagte Poljenka mit besonderer Festigkeit, und ihr Gesicht wurde plötzlich ernst.
»Wirst du mich auch lieben können?«
Anstatt einer Antwort näherte sich ihm das Gesichtchen des Kindes, und die kleinen Lippen streckten sich ihm zum Kuß entgegen. Ihre Ärmchen, streichhölzchendünn, umschlangen ihn kräftig, ihr Kopf senkte sich auf seine Schulter, und das kleine Mädchen fing leise an zu weinen und preßte sich immer fester und fester mit dem Gesicht an ihn.
»Papa tut mir so leid!« sagte sie nach einer Weile, hob ihr verweintes Gesichtchen in die Höhe und wischte sich mit den Händen die Tränen ab. »Wir haben immer Unglück,« fügte sie unerwartet hinzu und mit jenem besonders wichtigen Ausdruck, den Kinder annehmen, wenn sie wie Erwachsene sprechen wollen.
»Papa hat dich auch geliebt?«
»Er hat Lidotschka mehr als uns alle geliebt,« fuhr sie mit dem gleichen Ernste fort, »er liebte sie, weil sie klein und krank ist, und er brachte ihr immer etwas mit, uns aber lehrte er das Lesen, und mich Grammatik und Religion,« fügte sie mit Stolz hinzu, »Mama sagte nichts dazu, aber wir wußten doch, daß sie das gern hatte, und Papa wußte es auch. Mama will mich Französisch lehren, es ist Zeit, daß ich eine Erziehung erhalte.«
»Kannst du auch beten?«
»Oh, gewiß können wir es. Schon lange, ich bete, seitdem ich groß bin, allein für mich, Kolja und Lidotschka beten laut mit Mama; zuerst sagen sie das Gebet an die Gottesmutter und dann noch ein Gebet, >lieber Gott, verzeihe und segne Schwesterchen Ssonja,< und dann >lieber Gott, verzeihe und segne unsern andern Papa,< denn unser älterer Papa ist schon gestorben, dieser war unser zweiter Papa, doch wir beten auch für ihn.«
»Poletschka, ich heiße Rodion; bete auch für mich einmal, -- >für den Gottesknecht Rodion< -- und mehr nicht.«
»Ich werde mein ganzes künftiges Leben für Sie beten,« sagte eifrig das kleine Mädchen, lachte wieder heiter und umarmte ihn von neuem. Raskolnikoff nannte ihr seinen Namen, gab ihr seine Adresse und versprach, morgen unbedingt zu ihr zu kommen. Das kleine Mädchen ging völlig entzückt von ihm. Es war die elfte Stunde, als er auf die Straße hinaustrat. Nach fünf Minuten stand er auf der Brücke, genau an derselben Stelle, wo vorhin die Frau sich ins Wasser gestürzt hatte.
»Genug!« sagte er entschlossen und feierlich, »fort mit den Traumgebilden, fort mit den eingebildeten Schrecken, fort mit den Gespenstern! ... Es gibt noch ein Leben! Habe ich eben nicht gelebt? Mein Leben ist noch nicht mit der alten Witwe gestorben! Möge ihr das Himmelreich beschieden sein und, -- und genug, Mütterchen, es ist Zeit für dich zu ruhen! Das Reich der Vernunft und des Lichtes ist jetzt gekommen! ... und ... und des Willens ... und der Kraft ... und nun wollen wir sehen! Wir wollen unsere Kräfte messen« fügte er herausfordernd hinzu, als wende er sich an eine dunkle Macht und fordere sie zum Kampfe auf. »Und ich war schon bereit, mich auf den ellenlangen Raum einzurichten!«
»... Sehr schwach fühle ich mich in diesem Augenblicke, aber ... es scheint, die Krankheit ist vorüber. Ich wußte, daß sie vergehen wird, als ich vor kurzem wegging. Wie ist mir denn -- ist nicht das Haus Potschinkoff kaum zwei Schritte von hier. Jetzt gehe ich zu Rasumichin, wenn es auch nicht nur zwei Schritte wären ... mag er die Wette gewinnen! ... mag er auch sein Vergnügen haben, -- tut nichts, mag er es haben! Kraft, Kraft ist nötig, -- ohne Kraft kann man nichts überwinden, und die Kraft muß wieder durch Kraft erworben werden, aber davon haben sie keine Ahnung,« fügte er stolz und selbstbewußt hinzu, und konnte kaum seine Füße noch heben. Der Stolz und das Selbstvertrauen wuchsen mit jeder Minute in ihm; im nächsten Augenblicke war er schon ein anderer Mensch als in dem vorhergehenden. Was war mit ihm Besonderes vorgegangen, das ihn so verwandelt hatte? Er wußte es selbst nicht; ihm war es wie einem Menschen, der nach einem Strohhalm greift, um sich zu retten; und es war ihm, als ob es noch Leben gab für ihn, als ob sein Leben mit der Alten nicht gestorben sei. Vielleicht war er zu eilig mit der Schlußfolgerung, aber daran dachte er nicht.
»Den Gottesknecht Rodion soll sie im Gebet nennen,« durchfuhr es ihn, »und das ist ... für alle Fälle!« fügte er hinzu, und mußte selber über den Einfall lachen.
Er befand sich in ausgezeichneter Stimmung.
Rasumichin fand er mit Leichtigkeit; im Hause Potschinkoff kannte man schon den neuen Mieter, und der Hausknecht zeigte ihm sogleich den Weg. Auf der halben Treppe konnte man den Lärm und die lebhaften Stimmen einer großen Gesellschaft vernehmen. Die Türe zur Treppe war sperrangelweit auf; man hörte, wie geschrien und gestritten wurde. Rasumichins Zimmer war ziemlich groß, und es waren etwa fünfzehn Menschen bei ihm. Raskolnikoff blieb im Flure stehen. Hier, hinter einer Rollwand, waren zwei Mädchen der Wirtsleute mit zwei großen Samowars beschäftigt, hier standen Flaschen, Teller und Schüsseln mit Pasteten und Imbiß, die aus der Küche der Wirtsleute hierher geschafft worden waren. Raskolnikoff ließ Rasumichin herausholen. Der kam freudig überrascht herausgelaufen. Man merkte beim ersten Blick, daß er ungewöhnlich viel getrunken hatte, und obwohl Rasumichin sich nie betrunken hatte, konnte man es ihm dieses Mal doch anmerken.
»Höre,« beeilte sich Raskolnikoff zu sagen, »ich bin nur hergekommen, um dir zu sagen, daß du die Wette gewonnen hast, und daß tatsächlich niemand wissen kann, was alles mit ihm geschieht. Hineingehen kann ich nicht, -- ich fühle mich zu schwach, so daß ich fürchten muß, hinzufallen. Und darum sage ich dir gleich >Guten Abend< und >Lebewohl<! Komm du morgen zu mir ...«
»Weißt du was, ich begleite dich nach Hause! Wenn du schon selbst sagst, daß du dich schwach fühlst, da ...«
»Und deine Gäste? Wer ist dieser mit dem lockigen Haar, der soeben herausguckte?«
»Der? Weiß der Teufel, wer er ist! Wahrscheinlich ein Bekannter meines Onkels, vielleicht ist er auch ohne Aufforderung hergekommen ... Ich lasse den Onkel bei den Gästen; er ist ein prächtiger Mensch. Schade, daß du ihn jetzt nicht kennenlernst. Im übrigen, hol sie alle der Teufel! Jetzt haben sie keine Zeit, an mich zu denken, und ich muß frische Luft schöpfen; du bist mir sehr gelegen gekommen. Noch zwei Minuten und ich hätte mich mit ihnen geprügelt, bei Gott! Sie lügen so das dümmste Zeug zusammen ... Du kannst dir nicht vorstellen, wie groß der Mensch im Lügen ist! Na, warum sollst du es dir nicht vorstellen können? Wir lügen doch selbst? Ja, mögen sie auch jetzt lügen, dafür werden sie später nicht mehr lügen ... Warte einen Augenblick, ich sage es noch Sossimoff ...«
Sossimoff eilte hastig auf Raskolnikoff zu; man merkte in ihm eine besondere Neugierde, jedoch sein Gesicht hellte sich sofort auf.
»Gleich ins Bett,« sagte er, nachdem er nach Möglichkeit den Kranken untersucht hatte, »und zur Nacht nehmen Sie noch ein Pülverchen. Wollen Sie es nicht? Ich habe schon vorher für Sie ... ein Pülverchen bereitet.«
»Meinetwegen nehme ich auch zwei Pulver,« antwortete Raskolnikoff.
Und das Pulver wurde sofort eingenommen.
»Es ist sehr gut, daß du ihn begleitest,« sagte Sossimoff zu Rasumichin, »wie es morgen sein wird, werden wir sehen, heute ist es nicht übel mit ihm, -- eine bedeutende Verbesserung seit kurzem. Man lernt sein ganzes Leben ...«
»Weißt du, was Sossimoff mir soeben zuflüsterte, als wir fortgingen,« platzte Rasumichin heraus, als sie auf die Straße traten. »Ich will dir, Bruder, nicht alles so direkt sagen, denn sie sind Dummköpfe. Sossimoff bat mich, den ganzen Weg mit dir zu schwatzen und dich selbst zum Schwatzen zu veranlassen, um ihm dann alles nachher zu erzählen, denn er hat eine Idee ... nämlich daß du ... verrückt seist, oder nahe daran bist. Stell' dir das vor! Erstens bist du dreimal klüger als er, zweitens, wenn du nicht verrückt bist, pfeifst du darauf, daß er so dummes Zeug im Kopfe hat, und drittens, dieses Stück Fleisch, trotz seiner Spezialität für Chirurgie, ist jetzt auf Geisteskrankheiten versessen, und in bezug auf dich hat ihn dein heutiges Gespräch mit Sametoff endgültig darauf gebracht.«
»Hat dir Sametoff alles erzählt?«
»Ja, alles, und es ist sehr gut, daß er es erzählt hat. Jetzt habe ich alles, auch was drum und dran hängt, begriffen, und Sametoff hat auch begriffen ... Nun ja, mit einem Worte, Rodja ... die Sache ist die ... Ich bin jetzt ein bißchen betrunken ... Aber das tut nichts ... die Sache ist die, daß dieser Gedanke ... verstehst du? ... in der Tat ihnen hin und wieder kam ... verstehst du? Das heißt, niemand wagte es laut auszusprechen, denn es ist das dümmste Zeug, und besonders, nachdem man diesen Anstreicher verhaftet hatte, zerfiel alles in nichts und verschwand auf immer. Aber warum sind sie solche Dummköpfe? Ich hatte damals Sametoff ein wenig verprügelt, -- das soll unter uns bleiben, Bruder; bitte, laß dir auch nicht das geringste merken, daß du es weißt, ich habe bemerkt, daß er empfindlich ist, es geschah bei Louisa, -- heute, heute wurde alles klar. Hauptsächlich dieser Ilja Petrowitsch! Er benutzte damals deine Ohnmacht im Polizeibureau, später schämte er sich selber dessen, ich weiß es ...«
Raskolnikoff hörte aufmerksam zu. Rasumichin plapperte in seiner Trunkenheit alles aus.
»Ich fiel damals darum in Ohnmacht, weil so schlechte Luft war und weil die Ölfarbe so widerlich roch,« sagte Raskolnikoff.
»Du willst noch erklären! Nicht die Ölfarbe war es allein, die Krankheit bereitete sich schon einen ganzen Monat vor, -- Sossimoff ist doch Zeuge! Aber wie niedergeschlagen jetzt dieser Junge -- Sametoff -- ist, du kannst dir es nicht vorstellen! -- >Ich bin den kleinen Finger dieses Menschen nicht mal wert<, sagt er. Das heißt _deinen_ kleinen Finger. Er hat zuweilen schöne Gefühle, Bruder. Aber die Lehre, die heutige Lehre im Kristallpalast -- das ist der Hauptcoup! Du hast ihn zuerst erschreckt und fast zum Wahnsinn gebracht! Du hast ihn fast gezwungen, wieder an diesen ganzen scheußlichen Unsinn zu glauben und dann plötzlich zeigtest du ihm die Zunge, -- als würdest du sagen, -- na, da hast du es jetzt, glaubst du nun? Es war köstlich! Er ist jetzt zermalmt, zerknirscht! Du bist ein Meister, bei Gott, so muß man mit ihnen umspringen! Schade, daß ich nicht dabei war! Er erwartete dich jetzt sehnlichst bei mir. Porphyri will dich auch kennenlernen ...«
»Ah ... auch der ... Und warum halten sie mich für verrückt?«
»Das heißt nicht für verrückt. Ich habe, scheint mir, da zuviel gesagt ... Siehst du, es setzte ihn in Erstaunen, daß dich diese Sache interessiert; wo er alle Umstände kennt ... und er sah, wie es dich gereizt hatte und wie es mit deiner Krankheit zusammenfiel ... Ich bin ein wenig betrunken, Bruder, aber weiß der Teufel, er hat so seine eigene Idee ... Ich sage dir, -- er ist jetzt auf Geisteskrankheiten versessen. Pfeif' ihm darauf ...«
Beide schwiegen eine Weile.
»Höre, Rasumichin,« begann Raskolnikoff, »ich will dir offen gestehen; ich war soeben bei einem Sterbenden, Beamter ist er gewesen ... dort habe ich mein ganzes Geld hergegeben ... außerdem hat mich soeben ein Wesen geküßt, das auch, wenn ich wirklich jemand ermordet hätte, ebenso ... mit einem Worte, ich habe dort noch ein anderes Wesen gesehen ... mit einer feuerroten Feder ... übrigens, aber ich phantasiere ... ich bin sehr schwach, stütze mich ... gleich sind wir bei der Treppe ...«
»Was ist mit dir? Was ist mit dir?« fragte Rasumichin ängstlich.
»Mir schwindelt ein wenig der Kopf, aber das ist es nicht, mir ist so traurig, so traurig ... wie jener Frau ... es ist wahr! Sieh, was ist das? Sieh! Sieh!«
»Was denn?«
»Siehst du denn nicht? Siehst du nicht, in meinem Zimmer ist Licht! Durch die Ritze ...«
Sie standen schon auf dem letzten Treppenabsatz, neben der Türe zu der Wirtin Wohnung; man konnte wirklich von unten aus sehen, daß Raskolnikoffs Kammer erleuchtet war.
»Sonderbar! Es ist vielleicht Nastasja,« bemerkte Rasumichin.
»Sie ist niemals um diese Zeit bei mir, und außerdem schläft sie schon längst, doch ... mir ist es einerlei. Lebe wohl!«
»Was ist dir? Ich begleite dich doch, wir gehen beide hinein!«
»Ich weiß, daß wir zusammen hineingehen werden, aber ich will hier deine Hand drücken und hier von dir Abschied nehmen. Da, gib mir die Hand, lebwohl!«
»Was ist dir, Rodja?«
»Nichts ... komm, wir gehen ... du wirst Zeuge sein ...«
Sie begannen die Treppe hinaufzusteigen, und Rasumichin durchzuckte der Gedanke, daß Sossimoff doch vielleicht recht habe. »Ach! Ich habe ihn mit meinem Geschwätz verwirrt!« murmelte er vor sich hin. Als sie an die Türe kamen, hörten sie Stimmen im Zimmer.
»Was ist da los?« rief Rasumichin aus.
Raskolnikoff ergriff zuerst die Türklinke und öffnete die Türe weit und blieb wie versteinert auf der Schwelle stehen.
Seine Mutter und Schwester saßen auf dem Sofa und warteten auf ihn schon seit anderthalb Stunden. Sie hatte er am allerwenigsten erwartet und noch weniger an sie gedacht, trotzdem ihm heute noch einmal die Mitteilung geworden war, daß sie abgereist, unterwegs wären und jeden Augenblick ankommen könnten. Sie hatten die anderthalb Stunden, einander unterbrechend, Nastasja ausgefragt, die auch jetzt noch vor ihnen stand und ihnen schon alles erzählt hatte, und waren vor Schreck fast gelähmt, als sie hörten, daß er »heute weggelaufen sei,« krank, wie er war, und sicher nicht bei vollem Bewußtsein, wie man aus der Erzählung entnehmen konnte! »Mein Gott, was wird mit ihm geschehen sein!« Sie weinten beide, und beide hatten in diesen anderthalb Stunden Folterqualen erlitten.
Ein freudiger, entzückter Schrei begrüßte Raskolnikoffs Erscheinen. Beide stürzten auf ihn zu. Er aber stand wie leblos da; eine unerträgliche Empfindung hatte ihn wie ein Blitz getroffen. Seine Hände erhoben sich nicht, um sie zu umarmen, -- sie konnten sich nicht erheben. Die Mutter und Schwester erdrückten ihn in ihrer Umarmung, küßten ihn, lachten und weinten ... Er tat einen Schritt, schwankte und stürzte ohnmächtig zu Boden.
Aufregung, erschreckte Ausrufe, Gestöhn ... Rasumichin, der auf der Schwelle stand, flog ins Zimmer herein, packte den Kranken mit seinen kräftigen Armen, und jener lag im Nu auf dem Sofa.
»Hat nichts zu sagen! Tut nichts!« rief er Mutter und Schwester zu, »das ist eine Ohnmacht, das ist nichts! Soeben hat noch der Arzt gesagt, daß es ihm bedeutend besser gehe, daß er vollkommen gesund sei! Wasser her! Sehen Sie, er kommt schon zu sich, er ist bei Bewußtsein!«
Er ergriff die Hand Dunetschkas so stark, daß er sie beinahe verrenkte, und zog sie näher, damit sie sich überzeuge, daß »er schon bei Bewußtsein sei«. Mutter und Schwester blickten Rasumichin wie die Vorsehung, mit Rührung und Dankbarkeit an; sie hatten schon von Nastasja gehört, was dieser »eifrige junge Mann,« wie ihn am selben Abend Pulcheria Alexandrowna Raskolnikowa selbst in einem intimen Gespräche mit Dunetschka genannt hatte, für ihren Rodja gewesen war.
Dritter Teil
I.
Raskolnikoff erhob sich und setzte sich auf das Sofa. Er winkte mit der Hand schwach Rasumichin ab, damit er dem Strome seiner eifrigen Trostspendung an Mutter und Schwester ein Ende mache, nahm beider Hände und blickte etwa zwei Minuten schweigend bald die eine, bald die andere an. Die Mutter erschrak vor seinem Blick. In diesem Blicke lag ein bis zur Qual gesteigertes Gefühl, aber gleichzeitig etwas Starres, fast Irrsinniges. Pulcheria Alexandrowna begann zu weinen.
Awdotja Romanowna war bleich, ihre Hand zitterte in der des Bruders.
»Geht nach Hause ... mit ihm,« sagte er mit stockender Stimme und wies auf Rasumichin, »bis morgen; morgen wird alles ... Seid ihr schon lange angekommen?«
»Heute abend, Rodja,« antwortete Pulcheria Alexandrowna, »der Zug hat sich schrecklich verspätet. Rodja, ich will aber jetzt um keinen Preis der Welt von dir gehen! Ich schlafe hier neben dir ...«
»Quält mich nicht!« sagte er und machte eine gereizte Bewegung mit der Hand.
»Ich bleibe bei ihm!« rief Rasumichin. »Ich will ihn keinen einzigen Augenblick verlassen, und hol der Teufel alle meine Gäste, mögen sie außer sich sein! Mein Onkel mag dort repräsentieren.«
»Wie, wie soll ich Ihnen danken!« begann Pulcheria Alexandrowna und drückte von neuem Rasumichin die Hand, aber Raskolnikoff unterbrach sie.
»Ich kann nicht, kann nicht,« wiederholte er gereizt, »quält mich nicht! Genug, geht weg ... Ich kann nicht! ...«
»Gehen wir, Mama, gehen wir wenigstens auf einen Augenblick aus dem Zimmer heraus,« flüsterte die erschrockene Dunja, »wir martern ihn, man sieht's doch.«
»Soll ich denn gar nicht bei ihm sein, nach drei Jahren langer Trennung!« weinte Pulcheria Alexandrowna.
»Wartet!« hielt Raskolnikoff sie zurück, »ihr unterbrecht mich immer, und meine Gedanken verwischen sich ... Habt ihr Luschin gesehen?«
»Nein, Rodja, aber er weiß schon, daß wir angekommen sind. Wir haben gehört, Rodja, daß Peter Petrowitsch so gut war und dich heute besucht hat,« fügte ein wenig schüchtern Pulcheria Alexandrowna hinzu.
»Ja ... er war so gut ... Dunja, ich habe vorher Luschin gesagt, daß ich ihn die Treppe hinunterwerfen werde und habe ihn zum Teufel gejagt ...«
»Rodja, was ist dir! Du hast sicher ... du willst doch nicht sagen,« begann Pulcheria Alexandrowna erschreckt, hielt aber vor einem Blick Dunjas inne.
Awdotja Romanowna sah den Bruder aufmerksam an und wartete auf das, was er weiter sagen würde. Beide waren schon von dem Streite durch Nastasja benachrichtigt, so weit sie es selber begriffen hatte und mitteilen konnte, und hatten unter der Ungewißheit und Erwartung gelitten.