Part 22
»Also soll ich hingehen oder nicht?« dachte Raskolnikoff, indem er mitten auf der Straße an einer Kreuzung stehen blieb und sich umsah, als erwarte er von jemand das entscheidende Wort. Aber von keiner Seite kam es; alles war still und tot, wie die Steine, über die er ging, für ihn war alles tot, für ihn allein ... Da, zweihundert Schritt vor ihm, unterschied er am Ende der Straße in der Dunkelheit eine Menschenmenge, hörte Stimmen, Geschrei ... Mitten im Gewühl stand eine Equipage ... Ein Licht schimmerte in der Straße. »Was ist da geschehen?« Raskolnikoff wandte sich nach rechts und ging auf die Menge zu. Er schien sich an alles anzuklammern, und lächelte kalt, als er es inne ward, denn er war schon fest entschlossen, auf das Polizeibureau zu gehen und glaubte sicher, daß alles sogleich ein Ende haben würde.
VII.
Mitten in der Straße stand eine elegante herrschaftliche Equipage mit zwei feurigen grauen Pferden. In der Equipage saß niemand, der Kutscher war vom Bock gestiegen und stand daneben; die Pferde hielt man am Zügel. Ringsherum drängten sich die Menschen, ganz vorne standen Polizisten. Einer von ihnen hielt eine kleine brennende Laterne in der Hand, mit der er, sich bückend, etwas auf der Straße dicht bei den Rädern der Equipage beleuchtete. Alle redeten, schrien und stießen Ah!-Rufe aus; der Kutscher schien bestürzt zu sein und rief mehrmals:
»Welch ein Unglück! Herrgott, welch ein Unglück!«
Raskolnikoff drängte sich nach Möglichkeit nach vorne und erblickte endlich die Ursache dieses Zusammenlaufs und der Neugierde. Auf dem Boden lag ein von den Pferden getretener Mann, ohne Besinnung, anscheinend schlecht gekleidet, ganz mit Blut bedeckt. Das Blut floß ihm vom Gesicht und Kopf; sein Gesicht war vollkommen zerschlagen, zerrissen und verstümmelt. Man sah, daß er schwer verwundet war.
»Liebe Leute!« klagte der Kutscher. »Habe ich Schuld daran? Ja, wenn ich die Pferde gejagt oder ihm nicht zugerufen hätte, ich fuhr aber langsam, gleichmäßig. Alle haben es gesehen und können es bezeugen ... Ich sah ihn, wie er über die Straße ging, hin und her wankte, beinahe hinfiel, -- ich rief ihm einmal zu, noch einmal und zum drittenmal, hielt die Pferde zurück, aber er fiel direkt unter ihre Hufe! Hat er es absichtlich getan oder war er zu stark angetrunken ... Die Pferde sind jung und ängstlich, -- sie zogen an und wurden wild, als er aufschrie ... und das Unglück war geschehen.«
»Es ist so, wie er sagt!« rief ein Augenzeuge.
»Er hat ihm zugerufen, das ist wahr, dreimal hat er gerufen,« sagte eine andere Stimme.
»Genau dreimal hat er gerufen, wir haben es alle gehört,« rief ein dritter.
Der Kutscher war übrigens nicht allzu sehr niedergeschlagen und erschrocken. Man konnte sehen, daß die Equipage einem reichen und angesehenen Herrn gehöre, der irgendwo abgeholt werden sollte; die Polizisten gaben sich deshalb nicht Mühe, diesen letzten Umstand zu berücksichtigen. Den Überfahrenen wollte man auf das Polizeibureau und ins Krankenhaus schaffen. Niemand kannte ja seinen Namen.
Unterdessen hatte sich Raskolnikoff nach vorn gedrängt und beugte sich über ihn. Plötzlich beleuchtete die Laterne hell das Gesicht des Unglücklichen, -- er erkannte ihn.
»Ich kenne ihn, kenne ihn!« rief er aus und drängte sich ganz nach vorne. »Es ist ein verabschiedeter Beamter, Titularrat Marmeladoff! Er wohnt hier, nebenan, im Hause Kosel ... Holt schnell einen Arzt! Ich will bezahlen, hier ist Geld!«
Er zog aus der Tasche sein Geld hervor und zeigte es einem Schutzmann. Er war in merkwürdiger Aufregung.
Die Polizeibeamten waren sehr zufrieden, daß sie erfahren hatten, wer der Überfahrene sei. Raskolnikoff nannte auch seinen Namen, gab seine Wohnung an und bat inständig, als gelte es seinem leiblichen Vater, den besinnungslosen Marmeladoff schnell in dessen Wohnung zu schaffen.
»Er wohnt hier, drei Häuser weit,« sagte er, »im Hause Kosel, eines reichen Deutschen ... Er ging wahrscheinlich betrunken nach Hause. -- Ich kenne ihn ... Er ist ein Trinker ... Er hat Familie, Frau und Kinder und noch eine Tochter. Ihn ins Krankenhaus zu schleppen, dauert zu lange, hier im Hause aber ist sicher ein Arzt. Ich bezahle, bezahle alles! ... Er wird doch Pflege bei den Seinigen finden, man wird ihm sofort helfen, auf dem Wege zum Krankenhause aber kann er sterben ...« Er hatte sogar Zeit gefunden, etwas dem Schutzmanne unbemerkt in die Hand zu drücken; übrigens war die Sachlage gesetzlich klar und jedenfalls war Hilfe hier näher. Man hob den Verunglückten auf und trug ihn; es fanden sich bereitwillige Hände. Das Haus Kosel war nur dreißig Schritte entfernt. Raskolnikoff ging hinterher, stützte vorsichtig den Kopf des Verletzten und wies den Weg. »Hierher, hierher! Die Treppe hinauf muß man ihn mit dem Kopfe voran tragen; dreht euch um ... so ist's gut! Ich will's bezahlen, ich will's euch danken!« murmelte er.
Katerina Iwanowna spazierte, wie immer, wenn sie einen freien Augenblick hatte, in ihrem kleinen Zimmer auf und ab, vom Fenster bis zum Ofen und zurück, wobei sie die Hände über der kranken Brust gekreuzt hatte und mit sich selbst redete. In der letzten Zeit hatte sie angefangen, öfter und mehr mit dem älteren Mädchen, der zehnjährigen Poljenka, zu sprechen, die vieles noch nicht begriff, dafür aber sehr gut verstanden hatte, daß die Mutter sie brauchte, und die darum ihr stets mit ihren großen, klugen Augen folgte und sich mit aller Kraft den Anschein gab, als verstehe sie alles. Jetzt zog Poljenka gerade ihren kleinen Bruder aus, der sich den ganzen Tag nicht wohl gefühlt hatte, um ihn schlafen zu legen. Der Knabe wartete darauf, daß man ihm das Hemdchen wechselte, das in der Nacht noch gewaschen werden mußte, und saß auf einem Stuhl schweigend, mit ernstem Gesichte, kerzengerade und unbeweglich, mit nach vorn gestreckten Füßen. Er horchte auf das, was die Mutter mit der Schwester sprach, mit offenem Munde, seine kleinen Augen schauten starr, er rührte sich nicht, alles so, wie gewöhnlich brave Kinder dasitzen müssen, wenn sie ausgekleidet werden, um schlafen zu gehen. Das jüngste Mädchen, in Lumpen gehüllt, stand bei dem Bettschirm und wartete, bis sie an die Reihe kam. Die Türe nach der Treppe zu war offen, wegen der Tabakswolken, die aus den anderen Zimmern hereindrangen und die die arme Schwindsüchtige alle Augenblicke zwangen, lange und qualvoll zu husten. Katerina Iwanowna schien in diesen acht Tagen noch magerer geworden zu sein, und die roten Flecken auf ihren Wangen brannten noch greller als früher.
»Du kannst nicht glauben, du kannst es dir nicht vorstellen, Poljenka,« sagte sie, indem sie auf und ab ging, »wie lustig und prachtvoll wir im Hause meines Papas lebten, und wie dieser Trinker mich zugrunde gerichtet hat und euch alle zugrunde richten wird! Mein Papa war Oberst im Zivildienst und beinahe schon Gouverneur; er war ganz nahe daran, so daß alle zu ihm kamen und sagten: >Wir sehen Sie, Iwan Michailytsch, schon als unseren Gouverneur an.< Als ich ... khe! ... als ich ... khe ... khe--khe ... oh, verfluchtes Leben!« rief sie aus, als sie ausgehustet hatte, und griff nach der Brust. »Als ich ... ach, auf dem letzten Balle ... bei dem Adelsmarschall ... mich die Fürstin Bessemeljanja erblickte, -- die mir späterhin den Segen gab, als ich deinen Papa heiratete, Polja, -- frug sie mich sofort: >Sind Sie nicht das liebe Mädchen, das mit dem Shawl beim Schlußexamen getanzt hatte?< ... (Das Loch muß man zunähen, nimm eine Nadel und stopfe es sofort, sonst ... khe ... khe ... zerreißt es ... khe--khe--khe ... mor--gen noch mehr! rief sie fast erstickend aus.) ... Damals war aus Petersburg soeben der Kammerjunker Fürst Tschegolski angekommen ... er tanzte mit mir Mazurka und wollte am anderen Tage kommen, mir einen Antrag zu machen, aber ich dankte ihm in der schmeichelhaftesten Weise und sagte, daß mein Herz längst einem anderen gehöre. Dieser andere war dein Vater, Polja. Mein Papa war furchtbar böse ... Ist das Wasser fertig? Nun, gib das Hemd ... wo sind die Strümpfe? ... Lida,« wandte sie sich an die jüngste Tochter, »schlaf diese Nacht einmal ohne Hemd ... und lege die Strümpfe nebenan hin ... Ich will gleich mitwaschen ... Warum kommt der Lump nicht, der Trinker! Er trägt sein Hemd schon lange, es ist wie ein schmutziger Lappen, hat es auch zerrissen ... Ich würde es jetzt waschen, um mich nicht zwei Nächte nacheinander zu quälen! Herr Gott! Khe--khe--khe--khe! Schon wieder! Was ist das?« rief sie aus, als sie die Menge auf der Treppe erblickte, und ein paar Männer, die etwas in ihr Zimmer hineintrugen. »Was ist das? Was bringen sie da? Oh, Gott!«
»Wo soll man ihn hinlegen?« fragte ein Schutzmann und sah sich um, nachdem man den blutbedeckten und besinnungslosen Marmeladoff in das Zimmer hineingebracht hatte.
»Auf das Sofa! Legen Sie ihn auf das Sofa, mit dem Kopfe hierher!« zeigte Raskolnikoff.
»Er ist überfahren worden, auf der Straße! Er war betrunken!« rief jemand von der Treppe aus.
Katerina Iwanowna stand bleich und atmete schwer. Die Kinder waren erschrocken. Die kleine Lida schrie auf, stürzte zu Poljenka hin, umfaßte sie und erzitterte am ganzen Körper.
Nachdem Marmeladoff gebettet war, eilte Raskolnikoff zu Katerina Iwanowna hin.
»Beruhigen Sie sich, um Gotteswillen, erschrecken Sie nicht!« sagte er hastig. »Er ging über die Straße, eine Equipage hat ihn überfahren, beruhigen Sie sich, er wird zu sich kommen, ich habe angeordnet, daß man ihn hierher bringe ... ich war schon bei Ihnen, erinnern Sie sich ... Er wird zu sich kommen, ich will bezahlen!«
»So weit hat er's gebracht!« schrie Katerina Iwanowna verzweifelt auf und stürzte zu ihrem Manne.
Raskolnikoff merkte bald, daß diese Frau keine von denen war, die sofort in Ohnmacht fallen. Im Nu ward unter den Kopf des Unglücklichen ein Kissen geschoben, an das niemand gedacht hatte; Katerina Iwanowna begann ihn zu entkleiden, besah ihn, war die ganze Zeit um ihn und verlor nicht die Fassung; sie hatte ihr eigenes Leid vergessen, biß die zitternden Lippen zusammen und unterdrückte den Schrei, der sich ihrer Brust entringen wollte.
Raskolnikoff hatte indessen jemand veranlaßt, einen Arzt zu holen. Wie es sich zeigte, wohnte im Nebenhause ein Arzt.
»Ich habe nach einem Arzt geschickt,« sagte er zu Katerina Iwanowna, »beunruhigen Sie sich nicht, ich will bezahlen. Haben Sie Wasser? ... Geben Sie mir auch eine Serviette oder ein Handtuch, irgend etwas, schnell; man kann noch nicht sehen, wie stark er verletzt ist ... Er ist nur verletzt und nicht tot, seien Sie überzeugt. -- Wir wollen sehen, was der Arzt sagt!«
Katerina Iwanowna rannte zum Fenster; dort stand in der Ecke auf einem durchgesessenen Stuhl eine große tönerne Schüssel mit Wasser, zum Waschen der Kinderwäsche und der Wäsche des Mannes. Diese nächtliche Wäsche vollzog Katerina Iwanowna selbst, wenigstens zweimal in der Woche, zuweilen auch öfters, denn sie waren so heruntergekommen, daß sie fast gar keine Wäsche zum Wechseln besaßen und daß jedes Mitglied der Familie nur hatte, was es auf dem Leibe trug; Katerina Iwanowna aber konnte Unreinlichkeit nicht vertragen und lieber quälte sie sich in der Nacht und über ihre Kraft, um bis zum Morgen die nasse Wäsche trocknen und ihnen reine Wäsche geben zu können, als Schmutz im Hause zu dulden. Sie ergriff die Schüssel, um sie Raskolnikoff hinzubringen, wäre aber fast damit hingefallen. Raskolnikoff hatte schon ein Handtuch gefunden, angefeuchtet und begann das mit Blut bedeckte Gesicht Marmeladoffs abzuwaschen. Katerina Iwanowna stand neben ihm, atmete schwer und hielt die Hände auf die Brust gepreßt. Sie brauchte selbst Hilfe. Raskolnikoff fing an, zu begreifen, daß er vielleicht töricht daran getan hatte, den Überfahrenen hierher schaffen zu lassen. Der Schutzmann stand noch unschlüssig da.
»Polja!« rief Katerina Iwanowna, »laufe zu Ssonja, schnell. Wenn du sie nicht zu Hause triffst, sag, sag dort jedenfalls, daß Vater überfahren sei und daß sie sofort herkommen soll ... wenn sie nach Hause kommt. Schnell, Polja! Da hast du ein Tuch, bedecke dich!«
»Lauf, was du kannst!« rief plötzlich der Kleine von seinem Stuhle, dann fiel er wieder in sein früheres Schweigen zurück und saß auf dem Stuhle kerzengerade, mit starren Augen und mit vorgestreckten Füßchen.
Indessen füllte sich das Zimmer so an, daß man sich kaum rühren konnte. Die Polizeibeamten waren, außer einem, fortgegangen, der blieb eine Weile da und bemühte sich, die Zuschauer, die von der Treppe hereingedrungen waren, wieder hinauszutreiben. Aus den anderen Zimmern dagegen waren fast alle Mieter der Frau Lippewechsel erschienen, zuerst drängten sie sich nur an der Türe, dann aber überfluteten sie in einem Haufen das ganze Zimmer. Katerina Iwanowna geriet in Zorn.
»Laßt ihn doch wenigstens ruhig sterben!« schrie sie die Menge an. »Meint ihr, hier wird eine Vorstellung gegeben? Mit Zigaretten im Munde kommen sie her! Khe--khe--khe! Setzt doch noch die Hüte auf den Kopf! ... Da ist ja auch einer im Hute ... Hinaus mit euch! Habt doch wenigstens vor einem Sterbenden Achtung!«
Der Husten erstickte sie fast, aber ihr Appell half. Man hatte offenbar vor Katerina Iwanowna Respekt; die Mieter zogen sich, einer nach dem anderen, zurück zu der Türe, mit dem eigentümlichen Gefühle der Befriedigung, das sich stets, sogar bei den Allernächsten, bemerklich macht, wenn einen ihrer Nebenmenschen ein Unglück trifft. Von diesem Gefühle ist kein Mensch, ohne jede Ausnahme, frei, mag er noch so aufrichtiges Mitleid und Teilnahme hegen.
Hinter der Türe wurden Stimmen laut, die vom Krankenhaus sprachen und meinten, es gehöre sich nicht, hier unnütze Aufregung hervorzurufen.
»Es gehört sich nicht, zu sterben!« rief Katerina Iwanowna und stürzte zur Türe hin, um sie zu öffnen und ihrem Zorne Luft zu machen, aber bei der Türe stieß sie mit Frau Lippewechsel zusammen, die soeben von dem Unglücke vernommen hatte und gelaufen kam, um Ordnung zu schaffen. Sie war eine außerordentlich alberne und fahrige Deutsche.
»Ach mein Gott!« schlug sie die Hände zusammen. »Ihr Mann ist betrunken unter die Pferde geraten. Er muß ins Krankenhaus! Ich bin die Wirtin!«
»Amalie Ludwigowna! Ich bitte Sie, sich zu überlegen, was Sie sagen,« begann Katerina Iwanowna hochmütig (mit der Wirtin sprach sie stets im hochmütigen Tone, damit die »ihre Stellung nicht vergesse,« und konnte sich auch jetzt dieses Vergnügen nicht versagen), »Amalie Ludwigowna ...«
»Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß Sie mich nicht Amalie Ludwigowna nennen sollen, ich heiße Amalie Iwanowna.«
»Sie heißen nicht Amalie Iwanowna, sondern Amalie Ludwigowna, und da ich nicht zu den schuftigen Schmeichlern gehöre, wie Herr Lebesjätnikoff, der jetzt hinter der Türe lacht« (hinter der Türe hörte man wirklich Lachen und den Ruf: »Sie sind sich in die Haare gefahren!«), »so werde ich Sie stets Amalie Ludwigowna nennen, obgleich ich gar nicht verstehen kann, warum Ihnen dieser Name nicht gefällt. Sie sehen selbst, was mit Ssemjon Sacharowitsch ist, -- er stirbt. Ich bitte Sie, diese Türe sofort abzuschließen und niemanden hereinzulassen. Lassen Sie ihn wenigstens ruhig sterben! Sonst, versichere ich Sie, wird über Ihre Handlungsweise noch morgen der Generalgouverneur selbst erfahren. Der Fürst kannte mich, als ich noch ein junges Mädchen war, und erinnert sich sehr gut Ssemjon Sacharowitschs, dem er viele Male geholfen hat. Es ist allen bekannt, daß Ssemjon Sacharowitsch viele Freunde und Gönner hatte, von denen er sich selbst in edlem Stolz zurückgezogen hatte, weil er sich seiner unglücklichen Schwäche bewußt war, jetzt aber (sie zeigte auf Raskolnikoff) hilft uns ein großmütiger junger Mann, der Mittel und Verbindungen besitzt, und den Ssemjon Sacharowitsch noch als Kind gekannt hat, und seien Sie versichert, Amalie Ludwigowna ...«
Dies alles wurde mit außerordentlicher Schnelligkeit hervorgestoßen, und je länger desto schneller; aber der Husten unterbrach mit einem Male die Rede von Katerina Iwanowna. In diesem Augenblicke kam der Sterbende zu sich und stöhnte auf, und sie lief zu ihm hin. Er öffnete die Augen, und ohne jemand zu erkennen und etwas zu verstehen, begann er den über ihn gebeugten Raskolnikoff zu betrachten. Er atmete schwer, tief und mit großen Pausen: auf den Lippen zeigte sich Blut; der Schweiß trat ihm auf die Stirn. Da er Raskolnikoff nicht erkannt hatte, begann er unruhig die Augen hin und her zu wenden. Katerina Iwanowna blickte ihn voll Traurigkeit, aber streng an; aus ihren Augen quollen Tränen.
»Mein Gott! Seine ganze Brust ist zerquetscht! Sehen Sie, wieviel Blut!« sagte sie voll Verzweiflung.
»Man muß ihn ausziehen! Dreh dich etwas um, Ssemjon Sacharowitsch, wenn du kannst,« rief sie ihm zu.
Marmeladoff erkannte sie.
»Einen Priester!« sagte er mit heiserer Stimme. Katerina Iwanowna ging zum Fenster, lehnte die Stirn an den Fensterrahmen und rief verzweifelt aus:
»Oh, dreimal verfluchtes Leben!«
»Priester!« sagte nach einer Weile von neuem der Sterbende.
»Man holt ihn schon!« schrie ihn Katerina Iwanowna an; da schwieg er.
Mit schüchternem, traurigem Blicke suchte er sie; sie war wieder zu ihm zurückgekehrt und stellte sich an seinem Kopfe hin. Er beunruhigte sich ein wenig, aber es dauerte nicht lange. Seine Augen blieben bald an der kleinen Lidotschka (seinem Liebling) in der Ecke haften, die wie im Fieber zitterte und ihn mit erstaunten, weit aufgerissenen Augen ansah.
»Ach ... ach ...« zeigte er voll Unruhe auf sie. Er wollte etwas sagen.
»Was ist denn?« rief Katerina Iwanowna.
»Barfuß. Barfuß!« murmelte er und zeigte mit einem irren Blick auf die nackten Füßchen des Kindes.
»Schweig!« rief gereizt Katerina Iwanowna. »Du weißt selbst, warum sie barfuß ist.«
»Gott sei Dank, da ist der Arzt!« rief erfreut Raskolnikoff.
Der Arzt, ein sorgfältig gekleideter, alter Mann, ein Deutscher, trat ein und blickte mißtrauisch um sich; er trat zu dem Verunglückten heran, fühlte seinen Puls, betastete aufmerksam den Kopf, öffnete das mit Blut völlig durchtränkte Hemd und machte die Brust frei. Die Brust war ganz zerquetscht, eingedrückt und zerrissen, einige Rippen auf der rechten Seite waren gebrochen. Auf der linken Seite, ganz am Herzen, war ein schrecklicher, großer, gelblich schwarzer Fleck, ein furchtbarer Hufschlag. Des Arztes Blick wurde trüb. Der Schutzmann erzählte ihm, daß der Verunglückte von einem Rade erfaßt und etwa dreißig Schritte auf der Straße geschleift worden sei.
»Merkwürdig, daß er noch zu sich gekommen ist,« flüsterte der Arzt leise Raskolnikoff zu.
»Was meinen Sie?« fragte der.
»Er wird gleich sterben.«
»Gibt es gar keine Hoffnung?«
»Nicht die geringste. Er liegt in den letzten Zügen ... Außerdem ist der Kopf sehr gefährlich verletzt ... Hm. Vielleicht könnte man ihn noch zu Ader lassen ... aber ... es ist nutzlos. Nach fünf oder zehn Minuten stirbt er unbedingt.«
»Lassen Sie ihn doch zu Ader!«
»Gut ... Ich sage aber im voraus, es ist völlig nutzlos.«
In diesem Augenblicke ertönten Schritte, die Menge auf der Treppe machte Platz und auf der Schwelle erschien der Priester, ein alter Mann, mit den Sakramenten. Ihn hatte ein Schutzmann sofort nach dem Unglück geholt. Der Arzt trat ihm sofort seinen Platz ab und wechselte mit ihm einen bedeutungsvollen Blick. Raskolnikoff bat den Arzt, noch eine Weile zu bleiben. Der zuckte die Achseln und blieb.
Alle traten zurück. Die Beichte dauerte nicht lange. Der Sterbende schien kaum etwas zu verstehen; er konnte bloß abgerissene, unklare Laute hervorbringen. Katerina Iwanowna hatte Lidotschka an die Hand genommen, den Knaben vom Stuhle heruntergeholt, war mit ihnen in eine Ecke am Ofen gegangen, auf die Knie gesunken, die Kinder vor sich. Das kleine Mädchen zitterte; der Knabe aber lag auf seinen nackten Knien ernst da, erhob sein Händchen, schlug ein großes Kreuz und beugte sich zum Boden nieder, wobei er mit der Stirne anstieß, was ihm anscheinend Vergnügen machte. Katerina Iwanowna biß sich auf die Lippen und hielt die Tränen zurück; sie betete auch; ab und zu zog sie dem Knaben das Hemdchen zurecht, und warf über die nackten Schultern des Mädchens ein Tuch, das sie von der Kommode nahm, ohne sich zu erheben und weiter betend. Indessen wurde die Türe zu den anderen Zimmern wieder von Neugierigen geöffnet. Im Treppenflure drängten sich immer mehr und mehr Zuschauer, Mieter vom ganzen Hause, aber ohne die Schwelle des Zimmers zu überschreiten. Ein Lichtstümpfchen beleuchtete die ganze Szene.
In diesem Augenblicke drängte sich durch die Menge auf dem Flure Poljenka, die gelaufen war, die Schwester zu holen. Sie kam atemlos vom schnellen Laufen, nahm ihr Tuch ab, suchte mit den Augen die Mutter, trat an sie heran und sagte: »Sie kommt! Ich habe sie auf der Straße getroffen!« Die Mutter zog sie neben sich auf die Knie. Durch die Menge drängte sich leise und schüchtern ein junges Mädchen, und ihre Erscheinung in diesem Zimmer, mitten in dieser Armut, Lumpen, Tod und Verzweiflung war grotesk. Sie war auch in Lumpen; ihre Kleidung war von billiger Sorte, aber straßenmäßig geschmückt, mit Geschick und Verständnis für ihren besonderen Zweck und diesen Zweck in peinlich aufdringlicher Weise unterstreichend. Ssonja blieb im Flure neben der Schwelle stehen, trat nicht in das Zimmer und blickte wie verloren vor sich hin; sie schien ganz fassungslos, schien vergessen zu haben, daß sie ein seidenes, farbiges, aus vierter Hand gekauftes und hier unpassendes Kleid anhatte, mit einer langen und lächerlichen Schleppe und einer ungeheuren Krinoline, die die ganze Türe einnahm, auch daß sie helle Stiefel und einen Sonnenschirm trug, den sie doch in der Nacht nicht brauchte, und einen lächerlichen runden Strohhut mit einer grell feuerroten Feder aufhatte. Unter diesem keck aufgesetzten Hute blickte ein mageres, bleiches und erschrockenes Gesichtchen hervor, mit geöffnetem Munde und vor Schreck unbeweglichen Augen. Ssonja war klein von Wuchs, etwa achtzehn Jahre alt, mager, aber eine hübsche Blondine mit wundervollen blauen Augen. Sie blickte starr auf das Sofa und auf den Priester und atmete schwer vom schnellen Gehen. Wahrscheinlich hatte sie das Flüstern und einige Worte unter der Menge vernommen. Sie senkte den Kopf, tat einen Schritt über die Schwelle und blieb im Zimmer stehen, wieder aber ganz an der Türe.
Die Beichte und das Abendmahl waren beendet. Katerina Iwanowna ging wieder an das Lager ihres Mannes. Der Priester trat zurück und wandte sich beim Weggehen an Katerina Iwanowna, um ihr ein paar Worte zum Trost und als Beileid zu sagen.
»Wo soll ich denn mit diesen hin?« unterbrach sie ihn scharf und gereizt und zeigte auf die Kleinen.
»Gott ist gnädig. Vertrauen Sie auf die Hilfe des Allmächtigen,« begann der Priester.
»Ja--a! Er ist gnädig, aber nicht für uns!«
»So etwas zu sagen ist eine Sünde, meine Dame,« bemerkte der Priester und schüttelte den Kopf.
»Und ist das keine Sünde?« rief Katerina Iwanowna aus und wies auf den Sterbenden.
»Vielleicht werden die, welche die unwillkürliche Ursache waren, bereit sein, es Ihnen zu entgelten, wenigstens hinsichtlich des verlorenen Verdienstes ...«
»Sie verstehen mich nicht!« rief gereizt Katerina Iwanowna und winkte mit der Hand ab. »Ja, wofür sollen sie mich entgelten? Er ist ja selbst betrunken unter den Wagen geraten? Was für ein Verdienst? Wir hatten von ihm keinen Verdienst, sondern nur Qual. Er vertrank doch alles! Er bestahl uns und schleppte es in die Schenke, das Leben der Kinder und meines hat er in der Schenke verpraßt. Und Gott sei Dank, daß er stirbt! Weniger Ausgaben bedeutet es!«
»Sie sollten lieber in der Todesstunde verzeihen. Solche Gefühle zu haben, ist eine große Sünde!« Katerina Iwanowna war um den Sterbenden bemüht, sie reichte ihm zu trinken, trocknete den Schweiß und das Blut von seinem Kopfe, machte die Kissen zurecht und während der Arbeit unterhielt sie sich mit dem Priester, wobei sie sich nur selten zu ihm wandte. Jetzt aber stürzte sie sich fast rasend auf ihn.