Part 21
»Gut. Ich hätte folgendermaßen gehandelt,« begann Raskolnikoff, indem er plötzlich sein Gesicht wieder dem Sametoffs näherte, ihn unverwandt anblickte und wieder im Flüstertone sprach, so daß jener diesmal zusammenzuckte. »Ich hätte folgendermaßen gehandelt, -- ich hätte das Geld und die Sachen an mich genommen und kaum entkommen, wäre ich sofort ohne Aufenthalt zu einem abgelegenen Platz gegangen, wo es nur Zäune gibt und wo es fast menschenleer ist, -- zu einem Gemüsegarten oder etwas ähnlichem. Ich hätte mir dort auf diesem Hofe schon früher irgendeinen Stein, ungefähr im Gewichte von zwanzig Kilo oder mehr ausgesucht, irgendwo in einer Ecke am Zaune einen Stein also, der, seitdem das Haus gebaut ist, dort liegt; ich hätte diesen Stein aufgehoben -- unter ihm muß es eine Vertiefung geben, -- und in diese Vertiefung hätte ich alle Sachen und das Geld hineingelegt. Dann hätte ich den Stein auf seinen alten Platz gerückt, die Erde ringsum mit dem Fuße ausgeglättet und wäre fortgegangen. Ja, und ich würde ein Jahr, zwei oder auch drei Jahre nichts angerührt haben, -- nun, sucht mal! Es war da und nun ist es weg.«
»Sie sind verrückt!« sagte Sametoff auch fast im Flüstertone und rückte plötzlich von Raskolnikoff weg.
Raskolnikoffs Augen funkelten; er war furchtbar bleich, seine Oberlippe zuckte und zitterte. Er beugte sich zu Sametoff noch näher hin und bewegte die Lippen, ohne etwas zu sagen; das währte eine halbe Minute; er wußte, was er tat, aber er konnte sich nicht mehr halten. Ein fürchterliches Wort, wie damals der Haken an der Türe, hüpfte auf seinen Lippen -- jeden Augenblick konnte es sich lösen, er brauchte es nur entschlüpfen zu lassen, nur auszusprechen!
»Wie, wenn ich die Alte und Lisaweta ermordet hätte?« sagte er plötzlich und -- kam zu sich. Sametoff blickte ihn wild an und wurde so weiß wie das Tischtuch. Sein Gesicht verzog sich zu einem Lächeln.
»Wie wäre das möglich?« sagte er kaum hörbar.
Raskolnikoff blickte ihn zornig an.
»Gestehen Sie, daß Sie es glaubten? -- Ja? Nicht wahr?«
»Nein, nicht! Jetzt weniger als je!« sagte Sametoff hastig.
»Nun haben Sie sich verraten! Das Spätzlein ist erwischt! Also haben Sie es früher geglaubt, wenn Sie es >jetzt weniger als je< glauben?«
»Aber gar nicht!« rief Sametoff sichtlich betroffen. »Sie haben mich deshalb erschreckt, um mich dahin zu bringen?«
»Also Sie glaubten es nicht? Worüber aber sprachen Sie damals, als ich aus dem Bureau fortging? Und warum verhörte mich der Leutnant Pulver nach meiner Ohnmacht? Hör mal, du!« rief er dem Kellner zu, stand auf und nahm seine Mütze. »Was habe ich zu zahlen?«
»Dreißig Kopeken im ganzen!« antwortete der Kellner.
»Da hast du noch zwanzig Kopeken als Trinkgeld. Sehen Sie, wieviel Geld ich habe,« er streckte Sametoff seine zitternde Hand mit Papiergeld hin, -- »rote und blaue Scheine, fünfundzwanzig Rubel sind es. Woher habe ich es? Und woher stammt die neue Kleidung? Sie wissen doch, daß keine Kopeke da war! Sie haben doch sicher meine Wirtin ausgefragt ... Nun, genug! _Assez causé!_{[2]} Auf Wiedersehen ... auf angenehmes Wiedersehen! ...«
Er ging hinaus, am ganzen Körper von einer wilden, hysterischen Erregtheit zitternd, in die sich das Gefühl eines qualvollen Genusses mischte, -- sonst aber düster und todmüde. Sein Gesicht war verzerrt, wie nach einem Anfalle. Und seine Ermattung nahm rasch überhand. Seine Kräfte ließen sich spannen und zeigten sich beim ersten Anlaß, beim ersten Empfinden des Reizes und erschlafften ebenso schnell, in dem Maße, wie der Reiz nachließ.
Nachdem Sametoff allein geblieben war, saß er noch lange sinnend auf demselben Platz. Raskolnikoff hatte seine Gedanken in diesem Punkte zum Umschlagen gebracht, und eine neue Auffassung hatte sich in ihm endgültig befestigt.
»Ilja Petrowitsch ist ein Dummkopf!« sagte er endlich.
Kaum hatte Raskolnikoff die Türe zur Straße geöffnet, als er plötzlich auf der Außentreppe mit dem eintretenden Rasumichin zusammenstieß. Sie hatten beide einander nicht gesehen, so daß sie fast mit den Köpfen zusammenstießen. Eine Weile maßen sie sich mit den Blicken. Rasumichin war höchst erstaunt, aber plötzlich flammte der Zorn, ein wirklicher Zorn, drohend in seinen Augen auf.
»Also hier bist du!« schrie er aus vollem Halse. »Du bist dem Bette entsprungen! Und ich habe dich sogar unter dem Sofa gesucht! Wir sind auf dem Boden gewesen. Ich habe Nastasja deinetwegen beinahe verprügelt ... Und nun bist du hier! Rodjka! Was soll das bedeuten? Sag die Wahrheit! Gestehe! Hörst du?«
»Es bedeutet, daß ich euch alle ernstlich satt habe, und daß ich allein sein will,« antwortete Raskolnikoff ruhig.
»Allein sein? Wo du nicht mal gehen kannst, wo deine Fratze noch bleich wie Leinwand ist, und wo du den Atem verlierst! Dummkopf! ... Was hast du im Kristallpalast gesucht? Gestehe es sofort!«
»Laß mich!« sagte Raskolnikoff, und wollte an ihm vorbeigehen.
Das brachte Rasumichin ganz außer sich, er packte ihn fest an der Schulter.
»Laß mich? Du wagst zu sagen >Laß mich<? Weißt du auch, was ich mit dir gleich tun werde? Ich packe dich zu einem Bündel zusammen und bringe dich unterm Arm nach Hause und sperre dich ein!«
»Höre, Rasumichin,« begann Raskolnikoff leise und scheinbar völlig ruhig. »Siehst du denn nicht, daß ich deine Wohltaten nicht wünsche? Und was ist es für ein Vergnügen, denen Wohltaten zu erweisen, die ... darauf pfeifen? Denen, schließlich, die sie in allem Ernste am wenigsten vertragen? Nun, sage mir, warum hast du mich beim Beginn meiner Krankheit aufgesucht? Ich wäre vielleicht glücklich gewesen zu sterben! Nun, habe ich dir heute nicht genügend gezeigt, daß du mich quälst, daß ich deiner ... überdrüssig geworden bin? Was für ein Vergnügen hast du daran, Menschen zu quälen! Ich versichere dir, daß dies alles meine Genesung ernstlich hindert, weil es mich ununterbrochen reizt. Sossimoff ging doch vorhin fort, um mich nicht zu reizen. Laß du mich um Gotteswillen auch in Ruhe! Und was für ein Recht hast du schließlich, mich mit Gewalt zurückzuhalten? Ja, siehst du denn nicht, daß ich jetzt bei vollem Verstande bin? Wie, wie -- sage mir -- soll ich dich schließlich bitten, daß du mich in Ruhe läßt und mir keine Wohltaten mehr erweisest? Mag ich undankbar sein, mag ich gemein sein, aber um Gotteswillen laßt mich, laßt mich alle in Ruhe. Laßt mich in Ruhe!«
Er hatte ruhig begonnen und freute sich im voraus über das ganze Gift, das er sich auszuschütten anschickte, er schloß aber in Raserei und fast erstickend, wie vorhin bei Luschin.
Rasumichin stand eine Weile da, dachte nach und ließ seine Hand los.
»Scher dich zum Teufel!« sagte er leise und fast nachdenklich.
»Halt!« brüllte er plötzlich, als Raskolnikoff fortgehen wollte. »Höre mich an. Ich erkläre dir, daß ihr alle ohne Ausnahme Großmäuler und aufgeblasene Kerls seid! Wenn ihr ein kleines Leid habt, lauft ihr wie ein Huhn mit einem Ei herum! Auch in diesem Falle stehlt ihr von anderen. Keine Spur von Selbständigkeit steckt in euch! Ihr seid aus Spermacetsalbe gemacht und anstatt Blut habt ihr Quark in den Adern! Keinem von euch glaube ich! Das erste, die Hauptsache bei euch in allen Dingen ist -- nur nicht einem Menschen ähnlich sein! War--te!« rief er mit verstärkter Wut, als er merkte, daß Raskolnikoff sich anschickte wegzugehen. »Höre mich zu Ende! Du weißt, heute kommen Leute zu mir, um die neue Wohnung einzuweihen, vielleicht sind sie schon da, ich habe den Onkel dortgelassen, -- ich war soeben zu Hause, -- die Gäste zu empfangen. Also, wenn du kein Dummkopf, kein flacher Dummkopf, kein Esel wärest, keine Übersetzung aus fremden Sprachen ... siehst du, Rodja, ich gestehe, du bist ein kluger Bursche, aber ein Dummkopf, -- also, wenn du kein Dummkopf wärest, würdest du heute besser den Abend bei mir verbringen, als unnütz die Stiefel abzulaufen. Du bist nun einmal ausgegangen, da ist weiter nichts mehr daran zu machen! Ich würde dir einen weichen Sessel hereinbringen, meine Wirtsleute haben einen ... Tee würde es geben, Gesellschaft ... Und wenn du den Sessel nicht wünschst, -- lege ich dich auf die Chaiselongue hin, -- aber du würdest dann doch unter uns liegen ... Auch Sossimoff kommt. Kommst du?«
»Nein!«
»Du lügst!« rief Rasumichin ungeduldig aus. »Warum weißt du es? Du kannst für dich nicht bestimmen! Und übrigens du verstehst davon nichts. Ich habe mich tausendmal ebenso mit Menschen verkracht und bin wieder zurückgegangen ... man schämt sich -- und kehrt zu dem Menschen zurück. Also, erinnere dich, Haus Potschinkoff, dritter Stock ...«
»Auf diese Weise werden Sie, Herr Rasumichin, möglicherweise sich schlagen lassen, nur dem, der Sie schlägt, zu Gefallen?«
»Was? Schlagen! Schon für den Gedanken drehte ich dem die Nase ab. Haus Potschinkoff, Nr. 47, in der Wohnung des Beamten Babuschkin ...«
»Ich komme nicht, Rasumichin!« Raskolnikoff wandte sich um und ging fort.
»Ich wette, daß du kommst!« rief ihm Rasumichin nach. »Sonst bist du ... sonst bist du ... sonst will ich nichts mehr von dir wissen! Warte! Ist Sametoff hier?«
»Ja, er ist hier.«
»Hast du ihn gesehen?«
»Ich habe ihn gesehen.«
»Hast du mit ihm gesprochen?«
»Ich habe mit ihm gesprochen.«
»Worüber? Nun, hol dich der Teufel, meinetwegen brauchst du es nicht zu sagen. Haus Potschinkoff, 47, Babuschkins Wohnung, vergiß nicht!«
Raskolnikoff ging bis zur Ssadowaja und bog um die Ecke. Rasumichin blickte ihm sinnend nach. Endlich machte er eine abwehrende Bewegung mit der Hand und ging in das Haus hinein, aber auf der Mitte der Treppe blieb er stehen.
»Teufel noch einmal!« fuhr er fast laut fort. »Er spricht vernünftig, und doch scheint's ... Ich bin auch ein Dummkopf. Sprechen denn Verrückte nicht vernünftig? Und Sossimoff hatte, ich glaube, davor Angst!« Er tippte mit dem Finger an seine Stirn. »Wenn aber ... wie kann man ihn jetzt allein gehen lassen? Er kann sich ertränken ... Ach, daran habe ich nicht gedacht! Man darf ihn nicht allein lassen!« und er lief zurück, um Raskolnikoff einzuholen, aber der war verschwunden. Er spie aus und eilte in den Kristallpalast zurück, um etwas von Sametoff zu erfahren.
Raskolnikoff ging direkt auf die N.sche Brücke, blieb in der Mitte stehen, stützte beide Ellbogen auf das Geländer und begann in die Ferne zu schauen. Nachdem er von Rasumichin Abschied genommen hatte, war er so schwach geworden, daß er nur mit Mühe hierher gekommen war. Er wollte sich irgendwo hinsetzen oder hinlegen, und sei's auf die Straße. Über das Wasser gebeugt, blickte er mechanisch auf den letzten, rosigen Widerschein des Sonnenuntergangs, auf die Reihe Häuser, die in der hereinbrechenden Dämmerung dunkel hervortraten, auf das weit entfernte, kleine Fenster in irgendeiner Mansarde auf dem linken Quai, das wie im Flammenschein von dem letzten Sonnenstrahl getroffen, leuchtete; er blickte auf das dunkle Wasser des Kanals und schien dieses Wasser aufmerksam zu betrachten. Auf einmal zeigten sich vor seinen Augen rote Kreise, die Häuser drehten sich, die Vorübergehenden, die Ufer, Equipagen, -- alles drehte sich und tanzte. Er fuhr auf, vielleicht vor einem neuen Ohnmachtsanfall durch ein schauerliches, wildes und widerwärtiges Ereignis bewahrt. Er fühlte, wie jemand an seine rechte Seite trat; sah hin und bemerkte ein Weib, hochgewachsen, mit einem Tuche um den Kopf, mit einem gelben, länglichen, abgemagerten Gesichte und mit geröteten, eingefallenen Augen. Sie schaute auf ihn, aber offenbar sah sie ihn nicht und unterschied niemanden. Plötzlich stützte sie sich mit der rechten Hand auf das Geländer, hob das linke Bein und stürzte sich in den Kanal. Das schmutzige Wasser spritzte hoch auf, verschlang auf einen Moment sein Opfer, aber nach einer Minute tauchte noch einmal die Selbstmörderin auf, und die Strömung nahm sie mit fort. Ihr Kopf und ihre Füße waren im Wasser, mit dem Rücken lag sie nach oben, ihr Rock war übergeschlagen und wie ein Kissen vom Wasser aufgeblasen.
»Sie hat sich ertränkt! Sie hat sich ertränkt!« riefen ein Dutzend Stimmen; Menschen liefen zusammen, die beiden Ufer bedeckten sich mit Zuschauern, auf der Brücke, rings um Raskolnikoff, drängte sich das Volk, stieß ihn und preßte ihn von hinten.
»Leute, das ist ja unsere Afrosinja!« schrie unweit eine weinerliche Frauenstimme. »Leute, rettet sie! Gute, liebe Leute, zieht sie heraus!«
»Ein Boot! Ein Boot!« rief man in der Menge. Ein Boot war aber nicht mehr nötig; ein Schutzmann war die Stufen zu dem Kanal hinuntergelaufen, hatte seinen Mantel und seine Stiefel von sich geworfen und stürzte sich ins Wasser. Es war keine große Arbeit, -- die Unglückliche schwamm nur ein paar Schritte entfernt von der Treppe, er erfaßte mit der rechten Hand ihr Kleid und mit der linken gelang es ihm, die Stange, die ihm ein Kamerad entgegenhielt, zu ergreifen, und die Selbstmörderin wurde alsbald herausgezogen. Man legte sie auf die Granitfliesen der Treppe. Sie kam rasch zu sich, erhob sich, setzte sich hin, begann zu niesen und zu prusten und wischte mit den Händen mechanisch ihr nasses Kleid ab. Sie sprach nichts.
»Sie hat sich bis zur Bewußtlosigkeit vollgesoffen, Leute,« heulte dieselbe Frauenstimme, jetzt schon neben der Afrosinja. »Vor kurzem wollte sie sich hängen, wir haben sie aus der Schlinge gezogen. Ich ging eben in einen Laden, hatte ein kleines Mädchen dagelassen, um auf sie aufzupassen, -- und da ist das Unglück geschehen! Sie ist eine Kleinbürgerin, wohnt hier nebenan, im zweiten Hause von hier, dort ...«
Das Volk ging auseinander, die Schutzleute gaben sich noch mit der Lebensmüden ab, jemand rief etwas »vom Polizeibureau« ... Raskolnikoff sah allem mit einem seltsamen Gefühle von Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit zu. Ihm wurde übel.
»Nein, es ist abscheulich ... das Wasser ... es lohnt sich nicht, hier zu bleiben,« murmelte er vor sich hin. »Nichts wird hier geschehen,« fügte er hinzu. »Es lohnt sich nicht, zu warten. Wie wär's mit dem Polizeibureau ... Warum aber ist Sametoff nicht im Bureau? Das Bureau ist doch in der zehnten Stunde offen ...«
Er wandte dem Geländer den Rücken und blickte um sich.
»Nun, was ist dabei! Auch so gut!« sagte er entschlossen, ging über die Brücke und schlug die Richtung nach dem Polizeibureau ein. Sein Herz war leer und öde. Denken wollte er nicht. Auch seine schwermütige Stimmung war verschwunden, von der früheren Energie, als er seine Wohnung verließ, um allem ein Ende zu machen, war keine Spur mehr vorhanden. Eine völlige Apathie war an ihre Stelle getreten.
»Es gibt doch einen Ausweg!« dachte er, indem er langsam und träge längs des Kanalufers ging. »Ich werde ein Ende machen, weil ich will ... Ist es aber ein Ausweg? Ach, einerlei! Einen drei Ellen langen Raum wird es doch noch geben ... he! Aber was ist das für ein Ende! Und soll es wirklich das Ende sein? Werde ich es ihnen sagen oder nicht? Ah ... zum Teufel! Ich bin auch müde, könnte ich mich doch irgendwo bald hinlegen oder hinsetzen! Am meisten schäme ich mich, daß es so dumm ist. Aber auch darauf pfeife ich! Was für Dummheiten einem in den Sinn kommen ...«
Um in das Polizeibureau zu gelangen, mußte man geradeaus gehen und bei der zweiten Biegung links einschwenken, -- es war nur zwei Schritte entfernt. Als er die erste Biegung erreicht hatte, blieb er stehen, dachte nach, bog in eine Seitengasse ein und ging durch zwei Straßen auf einem Umwege dorthin, -- vielleicht ohne jedes Ziel, vielleicht aber um es noch eine Minute hinzuziehen und Zeit zu gewinnen. Er ging und sah zur Erde. Plötzlich schien ihm jemand etwas ins Ohr geflüstert zu haben. Er erhob den Kopf und sah, daß er an _dem_ Hause, direkt am Toreingange stehe. Seit _jenem_ Abend war er hier nicht mehr gewesen und auch nicht vorübergegangen.
Ein unbezähmbares und unerklärliches Verlangen zog ihn. Er ging in das Haus hinein, durchschritt das Tor, bog in den ersten Eingang rechts ein und begann die bekannte Treppe in das vierte Stockwerk hinaufzusteigen. Es war sehr dunkel auf der engen und steilen Treppe. Er blieb auf jedem Absatz stehen und sah sich neugierig um. Auf dem Absatze des ersten Stockes war ein Fensterrahmen herausgenommen. »Das war damals nicht gewesen,« dachte er. Da ist auch die Wohnung im zweiten Stock, wo Nikolai und Dmitri gearbeitet haben. »Sie ist verschlossen. Und die Türe ist neu bemalt, also wird sie vermietet sein.«
»Und da ist auch der dritte Stock ... und der vierte ...
Hier war es!«
Ein Zweifel packte ihn. Die Türe zu dieser Wohnung war sperrweit geöffnet, es waren Menschen drin, man hörte Stimmen. Dies hatte er keineswegs erwartet. -- Nachdem er eine Weile unschlüssig dagestanden hatte, stieg er die letzten Stufen hinauf und trat in die Wohnung ein.
Sie wurde auch neu hergerichtet; es waren Arbeiter da, dies schien ihn zu verwundern. Er glaubte aus irgendeinem Grunde alles ebenso anzutreffen, wie er es damals verlassen hatte, vielleicht sogar die Leichen an denselben Stellen auf der Diele. Jetzt aber fand er kahle Wände, keine Möbel, -- es war so eigentümlich! Er ging zum Fenster und setzte sich auf das Fensterbrett.
Es waren nur zwei Arbeiter da, beide junge Burschen, der eine schien bedeutend jünger zu sein als der andere. Sie beklebten die Wände mit neuen Tapeten, weiß mit lila Blümchen, an Stelle der früheren gelben, die zerrissen und schmutzig waren. Raskolnikoff gefiel dies ganz und gar nicht; er blickte diese neuen Tapeten feindselig an, als täte es ihm leid, daß man alles so verändert habe.
Die Arbeiter schienen sich verspätet zu haben. Sie rollten schnell das Papier zusammen und schickten sich an, nach Hause zu gehen. Raskolnikoffs Erscheinen hatten sie fast nicht beachtet. Sie unterhielten sich und Raskolnikoff kreuzte die Arme und begann zuzuhören.
»Sie kam also am Morgen zu mir,« sagte der ältere, »ganz früh schon, schön geputzt. Warum hast du dich denn so fein gemacht -- sagte ich -- warum hast du dich denn so geputzt?« »Ich will -- sagt sie -- nun völlig zu Ihren Diensten stehn.« »Siehst du, so war es. Und wie fein geputzt sie war, -- wie aus einem Journal, wie aus einem Mode-Journal!«
»Was ist ein Journal, Onkelchen?« fragte der jüngere. Er schien offenbar bei dem »Onkelchen« in die Schule zu gehen.
»Ein Journal ist, ja weißt du, solche bemalte Bilder, und sie kommen jeden Sonnabend per Post aus dem Auslande hierher, zu den hiesigen Schneidern, damit man weiß, wie sich jeder -- ein Mann oder eine Frau, -- kleiden soll. So eine Zeichnung also. Die Männer werden meistens in langen Röcken gemalt und für die Frauen gibt es feine Sachen, daß man Mund und Augen aufsperren muß.«
»Was man nicht alles in diesem Petersburg hat!« rief der jüngere begeistert aus. »Außer Vater und Mutter kann man doch alles haben.«
»Ja, außer diesen gibt es hier alles,« sagte in belehrendem Tone der Ältere.
Raskolnikoff stand auf und ging in das andere Zimmer, wo früher die Truhe, das Bett und die Kommode der Alten gestanden hatten; das Zimmer erschien ihm ohne Möbel furchtbar klein. Die Tapeten waren dieselben; in der Ecke konnte man deutlich an der Tapete sehen, wo der Heiligenschrank mit den Heiligenbildern gestanden hatte. Er blickte sich um und kehrte zu seinem früheren Platz am Fenster zurück. Der ältere Arbeiter blickte ihn von der Seite an.
»Was wünschen Sie?« fragte er, sich plötzlich an ihn wendend.
Anstatt zu antworten, stand Raskolnikoff auf, ging in das Vorzimmer, ergriff die Klingel und zog daran. Dieselbe Klingel, derselbe blecherne Ton! Er zog zum zweiten und zum dritten Male; er lauschte und entsann sich. Das frühere, qualvoll schreckliche, abscheuliche Gefühl begann immer deutlicher und lebendiger in seiner Erinnerung aufzuwachen, er zuckte bei jedem Tone zusammen, ihm wurde dabei immer wohler und wohler.
»Was willst du denn? Wer bist du?« rief der Arbeiter, indem er zu ihm hinausging. Raskolnikoff war wieder durch die Türe eingetreten.
»Ich will die Wohnung mieten,« sagte er, »und sehe sie mir an.«
»In der Nacht mietet man keine Wohnung, und außerdem müssen Sie mit dem Hausknecht kommen.«
»Ist die Diele gewaschen, wird man sie streichen?« fuhr Raskolnikoff fort. »Blut ist nicht da?«
»Was für Blut?«
»Man hat doch die Alte und ihre Schwester ermordet. Hier war eine ganze Pfütze.«
»Ja, was bist du für ein Mensch?« rief der Arbeiter unruhig.
»Ich?«
»Ja.«
»Möchtest du es wissen? ... Komm in das Polizeibureau, dort will ich es dir sagen.«
Die Arbeiter sahen ihn starr an.
»Wir müssen fortgehen, haben uns verspätet. Komm, Aljoschka. Wir müssen nun abschließen,« sagte der ältere Arbeiter.
»So wollen wir gehen!« antwortete Raskolnikoff gleichgültig, ging zuerst hinaus und stieg langsam die Treppe hinab. »He, Hausknecht!« rief er, als er im Tore war. Einige Menschen standen am Eingange von der Straße und sahen sich die Vorübergehenden an; es waren die beiden Hausknechte, ein Weib, ein Kleinbürger im Schlafrocke und noch jemand. Raskolnikoff ging auf sie zu.
»Was wünschen Sie?« sagte der eine Hausknecht.
»Bist du im Polizeibureau gewesen?«
»Ich war soeben dort. Was wünschen Sie?«
»Sind die Beamten dort?«
»Ja, sie sind da.«
»Ist auch der Gehilfe des Aufsehers da?«
»Er war da. Was wünschen Sie?«
Raskolnikoff antwortete nicht und blieb neben ihm, in Nachdenken versunken, stehen.
»Er kam sich die Wohnung anzusehen,« sagte der herantretende ältere Arbeiter.
»Welche Wohnung?«
»Wo wir arbeiten. >Warum ist das Blut abgewaschen<, fragte er. >Hier ist doch ein Mord geschehen und ich möchte nun die Wohnung mieten.< Und an der Klingel hat er gerissen, beinahe hätte er sie abgerissen. Wir wollen, sagt er, auf das Polizeibureau gehen, dort will ich alles erklären. Wir konnten gar nicht von ihm loskommen.«
Der Hausknecht betrachtete mißtrauisch und finster Raskolnikoff.
»Wer sind Sie eigentlich?« rief er barsch.
»Ich heiße Rodion Romanytsch Raskolnikoff, bin ehemaliger Student, und wohne im Hause Schill, hier in der Seitengasse, nicht weit von hier, in Wohnung Nr. 14. Frage den Hausknecht ... er kennt mich.«
Raskolnikoff sagte dies träge und nachdenklich, ohne sich umzuwenden, und blickte dabei stier auf die dunkel gewordene Straße.
»Ja, warum sind Sie in die Wohnung gegangen?«
»Um sie zu sehen.«
»Was ist dort zu sehen?«
»Nehmt ihn doch und bringt ihn auf das Polizeibureau!« warf der Kleinbürger ein und verstummte wieder.
Raskolnikoff blickte ihn über die Schulter aufmerksam an und sagte ebenso leise und träge:
»Wollen wir hingehen.«
»Bringt ihn doch hin!« wiederholte der Kleinbürger, der wieder Mut gefaßt hatte. »Warum hat er _danach_ gefragt, was hat er im Sinn?«
»Betrunken scheint er nicht zu sein, weiß Gott, was er ist,« murmelte der Arbeiter.
»Ja, was wollen Sie denn?« rief von neuem der Hausknecht, der ernstlich böse wurde. »Was suchst du hier?«
»Dir ist Angst, mit aufs Polizeibureau zu gehen!« sagte Raskolnikoff höhnisch.
»Mir Angst? Was suchst du hier?«
»Spitzbube!« rief das Weib.
»Was _ist_ da viel zu reden,« rief der andere Hausknecht, ein sehr großer Bauer, in einem offenen langen Mantel und mit Schlüsseln am Gürtel. »Pack dich! ... Ist wahrhaftig ein Spitzbube ... Pack dich!«
Und er nahm Raskolnikoff an der Schulter und stieß ihn auf die Straße.
Dieser wäre beinahe gefallen, fing sich jedoch noch, reckte sich, sah schweigend alle Zuschauer an und ging weiter.
»Närrischer Mensch,« sagte der Arbeiter.
»Närrische Leute gibt es heutzutage viele,« meinte das Weib.
»Besser wäre es doch, ihn aufs Polizeibureau zu bringen,« fügte der Kleinbürger hinzu.
»Es lohnt sich nicht, mit so einem anzubinden,« sagte der große Hausknecht. »Man sieht doch, daß er ein Spitzbube ist! Er will es ja selbst, und wenn man ihm den Willen tut, wird man ihn nicht los ... Wir kennen das.«