Sämtliche Werke 1-2

Part 20

Chapter 203,723 wordsPublic domain

Kaum aber war sie hinausgegangen, als er aufstand, die Tür zuhakte, das Bündel mit Kleidern, das Rasumichin vorhin gebracht und wieder zugebunden hatte, aufmachte und sich anzukleiden begann. Merkwürdig, plötzlich schien er völlig ruhig geworden zu sein, weder das halbwahnsinnige Phantasieren, wie vorhin, noch die panische Angst, wie in der ganzen letzten Zeit, waren vorhanden. Es war der erste Augenblick einer seltsamen Ruhe. Seine Bewegungen waren bestimmt und klar, eine feste Absicht lag in ihnen. »Heute noch, heute noch! ...« murmelte er vor sich hin. Er begriff jedoch, daß er noch schwach sei, aber eine starke, seelische Spannung, die sich bis zur Ruhe, bis zu einer unerschütterlichen Idee gesteigert hatte, verlieh ihm Kraft und Selbstbewußtsein; er hoffte auch, daß er auf der Straße nicht hinstürzen würde. Nachdem er sich neu angezogen hatte, erblickte er das Geld, das auf dem Tische lag, dachte nach und steckte es in die Tasche. Es waren fünfundzwanzig Rubel. Er nahm auch das Kupfergeld, den Rest von den zehn Rubeln, die Rasumichin für die Kleidung ausgegeben hatte. Dann hob er leise den Haken ab, ging aus dem Zimmer, stieg die Treppe hinab und warf einen Blick in die weit geöffnete Küche! Nastasja stand mit dem Rücken gegen ihn und blies gebückt in den Samowar. Sie hatte nichts gehört. Wer konnte auch voraussetzen, daß er fortgehen würde? Nach einer Minute war er schon auf der Straße.

Es war gegen acht Uhr, die Sonne ging unter. Es herrschte die frühere Schwüle, aber er atmete gierig diese stinkende, staubige, durch die Stadt verpestete Luft ein. Der Kopf begann ihm ein wenig zu schwindeln; eine wilde Energie blitzte in seinen entzündeten Augen und in seinem abgemagerten, bleichen, gelben Gesichte auf. Er wußte nicht und dachte auch nicht nach, wohin er wollte; er wußte bloß eins, »daß man _alles_ heute noch, mit einem Schlage, sofort beenden müsse, daß er anders nicht nach Hause zurückkehren würde, weil er nicht so weiterleben wolle. Wie enden? Wodurch? Davon hatte er keinen Begriff und wollte auch daran nicht denken. Er verscheuchte den Gedanken, der ihn quälte. Bloß eins fühlte und wußte er, daß alles sich ändern müsse, so oder so; einerlei wie,« wiederholte er mit einer verzweifelten, starren Entschlossenheit und Festigkeit.

Nach seiner Gewohnheit ging er wieder dem Heumarkt zu. Kurz vor dem Heumarkte stand auf der Straße vor einem kleinen Laden ein junger schwarzhaariger Mann mit einem Leierkasten und spielte ein rührseliges Stück. Er begleitete ein fünfzehnjähriges Mädchen, das vor ihm auf dem Fußsteig stand und wie eine Dame mit Krinoline, Mantille, Handschuhen und einem Strohhut mit einer Feder von flammendem Rot bekleidet war; alles war alt und abgetragen. Sie sang in Erwartung einer Zweikopekenmünze eine Romanze mit zitternder, aber nicht unangenehmer und kräftiger Straßenstimme. Raskolnikoff blieb neben ein paar anderen Zuhörern stehen, hörte zu, nahm ein Fünfkopekenstück und legte es in die Hand des jungen Mädchens. Sie brach bei der höchsten und rührseligsten Note ab, rief dem Leiermann scharf »Schluß!« zu, und beide wanderten weiter zu dem nächsten Laden.

»Haben Sie Straßengesang gern?« wandte sich plötzlich Raskolnikoff an einen nicht mehr jungen Mann, der neben ihm stand und das Aussehen eines Bummlers hatte. Dieser blickte ihn erschrocken und verwundert an.

»Ich habe es gern,« fuhr Raskolnikoff fort, und mit einem Ausdrucke, als rede er gar nicht über Straßengesang. »Ich liebe es, wenn nach einer Leierkastenmelodie gesungen wird an einem kalten, dunklen und feuchten Herbstabend, unbedingt an einem feuchten, wenn alle Vorübergehenden blaßgrüne und kranke Gesichter haben, oder noch besser, wenn ein nasser Schnee kerzengerade, ohne Wind, niederfällt, wissen Sie, und die Gasflammen hindurchschimmern ...«

»Ich weiß nicht ... Entschuldigen Sie ...« murmelte der Herr, betroffen über die Worte und das sonderbare Aussehen Raskolnikoffs, und ging auf die andere Seite der Straße hinüber.

Raskolnikoff schritt weiter und kam zu der Ecke auf dem Heumarkte, wo der Kleinbürger und seine Frau, die sich damals mit Lisaweta unterhielten, ihren Handel trieben, aber sie waren jetzt nicht da. Als er die Stelle erkannt hatte, blieb er stehen, sah sich um und wandte sich an einen jungen Burschen im roten Hemde, der am Eingange eines Mehlladens gähnte.

»Hier an der Ecke handelt doch ein Kleinbürger und seine Frau, nicht wahr?«

»Es handeln hier viele Leute,« antwortete der Bursche und blickte Raskolnikoff von oben herab an.

»Wie heißt er?«

»Wie man ihn getauft hat, so heißt er auch.«

»Bist du nicht aus dem Rjasanschen Gouvernement? Aus welcher Gegend bist du denn?«

Der Bursche sah Raskolnikoff wieder an.

»Wie soll ich es denn wissen, Eure Durchlaucht, bin zu dumm, um es zu wissen ... Entschuldigen Sie gütigst, Durchlaucht.«

»Ist dort oben eine Schenke?«

»Das ist ein Restaurant, hat auch ein Billard und schöne Damen findet man dort auch ... Tra-la-la.«

Raskolnikoff ging quer über den Platz. Dort auf der anderen Ecke stand eine dichte Volksmenge, lauter Bauern. Er zwängte sich durch den dicksten Knäuel und sah die Gesichter an. Aus irgendeinem Grunde zog es ihn an alle anzureden. Aber die Bauern schenkten ihm keine Beachtung und lamentierten alle unter sich. Er blieb stehen, dachte nach und ging nach rechts, auf den Fußsteg, in der Richtung zu dem W.-schen Prospekt. Als er den Platz verlassen hatte, geriet er in die N.-Gasse.

Er war auch früher oft durch diese sehr kurze Gasse gegangen, die eine Biegung macht und von dem Platze auf die Ssadowaja führte. In der letzten Zeit zog es ihn sogar an, wenn es ihm schwer zumute war, in dieser Gegend herumzuirren, damit »es ihm noch schwerer werden sollte«. Jetzt aber war er hierhergekommen, ohne etwas zu wollen. Hier gab es ein großes Haus, das ganz mit Schenken und anderen Speise- und Trinkanstalten angefüllt war; alle Augenblicke kamen von dort Frauenzimmer herausgelaufen, gekleidet, wie man »in der Nachbarschaft« herumzugehen pflegt -- ohne Kopfbekleidung und Überrock. Sie sammeln sich auf dem Fußsteig an, ein paar stehen in Gruppen, besonders bei den Eingängen in das Erdgeschoß, wo man zwei Stufen tiefer in allerhand sehr lustige Lokale gelangen konnte. In einem von diesen Etablissements herrschte in diesem Augenblicke starker Lärm und Geschrei, so daß man es in der ganzen Straße hören konnte, auf einer Guitarre wurde geklimpert, es wurde gesungen, es ging sehr bunt zu. Eine große Gruppe von Frauen drängte sich am Eingange; einige saßen auf den Stufen, andere auf dem Fußsteig, andere wieder standen und unterhielten sich. Auf dem Fahrdamme daneben schlenderte ein betrunkener Soldat mit einer Zigarette, schimpfte laut und wie es schien, wollte er irgendwo hineingehen, aber wahrscheinlich hatte er vergessen, wohin er wollte. Ein zerlumpter Kerl schimpfte einen anderen und ein total Betrunkener lag quer über der Straße. Raskolnikoff blieb bei der großen Gruppe von Weibern stehen. Sie sprachen mit heiseren Stimmen, alle hatten sie Kattunkleider an und billige Stiefel und waren barhaupt. Einige waren über vierzig Jahre alt, es waren aber auch siebzehnjährige dabei, fast alle hatten sie zerbläute Gesichter. -- Aus irgendeinem Grunde interessierte ihn der Gesang und dieser ganze Lärm und Tumult dort unten ... Man konnte hören, wie unter Lachen und Kreischen jemand mit einer hohen Fistelstimme burschikos zu einer Guitarre sang und wie ein anderer toll dazu tanzte und mit den Absätzen den Takt schlug. Er hörte aufmerksam, düster und nachdenklich zu, indem er, am Eingange stehend und sich vorbeugend, neugierig in das Vorzimmer hineinblickte.

Oh, mein schöner Schutzmann Schlägt mich so ohne Grund! ...

ertönte die dünne Stimme des Sängers. Raskolnikoff hatte schreckliche Lust zu hören, was man sang, als wäre das jetzt die Hauptsache.

»Soll ich nicht hineingehen?« dachte er. »Sie lachen laut! Aus Betrunkenheit. Warum soll ich mich nicht auch betrinken?«

»Kommen Sie doch herein, lieber Herr!« sagte eine der Frauen mit ziemlich heller und nicht ganz heiserer Stimme. Sie war jung und gar nicht abstoßend -- die einzige von der ganzen Gruppe.

»Sieh mal, wie hübsch du bist!« antwortete er, den Kopf erhebend und blickte sie an.

Sie lächelte; das Kompliment hatte ihr sehr gefallen.

»Sie sind auch selbst sehr hübsch,« sagte sie.

»Wie mager Sie sind!« bemerkte eine andere mit einer Baßstimme. »Kommen wohl eben aus dem Krankenhause?«

»Ihr seid alle aus feiner Familie, aber die Nasen sind zu platt!« unterbrach sie plötzlich ein herantretender Bauer, ein wenig angeheitert, mit einem listig lächelnden Gesichte. -- »Das ist aber ein Vergnügen!«

»Geh hinein, wenn du schon da bist!«

»Ich will auch hineingehen. Du Süße!«

Und er stolperte hinunter.

Raskolnikoff ging weiter.

»Hören Sie, mein Herr!« rief ihm das Mädchen nach.

»Was?«

Sie tat schämig.

»Ich würde mich freuen, mein Herr, mit Ihnen die Zeit zu vertreiben, ich bin aber ganz außer Fassung vor Ihnen. Schenken Sie mir, hoher Herr, sechs Kopeken zu einem Trunk.«

Raskolnikoff nahm heraus, was er erfaßt hatte -- es waren fünfzehn Kopeken.

»Ach, was für ein guter Herr!«

»Wie heißt du?«

»Fragen Sie nach Duklida.«

»Nein, das geht nicht an,« sagte plötzlich eine aus der Gruppe und schüttelte den Kopf über Duklida. »Ich verstehe nicht, wie man so betteln kann. Ich würde vor lauter Scham in die Erde sinken ...«

Raskolnikoff blickte neugierig die Sprechende an. Es war ein pockennarbiges Mädchen, etwa dreißig Jahre alt, voll blauer Flecken mit geschwollener Lippe. Sie sprach und tadelte ruhig und ernst.

»Wo habe ich,« dachte Raskolnikoff, während er weiterging, »wo habe ich es gelesen, wie ein zum Tode Verurteilter eine Stunde vor seinem Ende spricht oder denkt, daß wenn er irgendwo auf einer Höhe, auf einem Felsen und auf einem schmalen Streifen, wo er bloß seine zwei Füße hinsetzen könnte, leben sollte, -- umgeben von Abgründen, von Ozean, von ewiger Finsternis, ewiger Einsamkeit und ewigem Sturm, -- und so, auf diesem ellenbreiten Streifen stehend, sein ganzes Leben, tausend Jahre, eine Ewigkeit verbringen müßte, -- daß es besser sei so zu leben, als sofort zu sterben! Nur leben, leben, leben! Wie, ganz gleich! -- bloß leben! ... Wie wahr! Herrgott, wie wahr! Der Mensch ist ein Schuft! ... Und ein Schuft ist der, welcher ihn darum einen Schuft nennt,« fügte er nach einer Weile hinzu.

Er kam auf eine andere Straße hinaus.

»Ah! Das ist ja der Kristallpalast! Rasumichin sprach vorhin vom Kristallpalast! Ja, was wollte ich aber? Ah, ich wollte lesen! ... Sossimoff erzählte, daß er in den Zeitungen gelesen hätte ...«

»Haben Sie Zeitungen?« fragte er, indem er in ein ziemlich geräumiges und sogar reinliches Restaurant mit mehreren jetzt ziemlich leeren Räumen eintrat. Zwei, drei Gäste tranken Tee und in einem der Hinterzimmer saßen etwa vier Menschen und tranken Champagner. Raskolnikoff glaubte unter ihnen Sametoff zu erkennen. Von weitem konnte man es nicht unterscheiden.

»Und wenn auch!« dachte er.

»Befehlen Sie Branntwein?« fragte der Kellner.

»Bringe mir Tee. Und bringe mir Zeitungen, alte Zeitungen, so von den letzten fünf Tagen, ich gebe dir ein Trinkgeld dafür.«

»Jawohl. Hier sind die heutigen. Befehlen Sie auch Branntwein?«

Alte Zeitungen und der Tee erschienen. Raskolnikoff setzte sich hin und begann zu suchen: -- »Isler ... Isler ... Azteken ... Azteken ... Isler ... Bartola ... Massimo ... Azteken ... Isler ... pfui, zum Teufel! ah, da ist die Lokalchronik ... von der Treppe herabgestürzt ... ein Kleinbürger gestorben an Alkoholvergiftung ... Feuersbrunst ... Feuersbrunst ... noch eine Feuersbrunst ... und noch eine Feuersbrunst ... Isler ... Massimo ... Isler ... Isler ... Massimo ... Ah, da ist es ...«

Er hatte endlich gefunden, was er suchte und begann zu lesen; die Zeilen hüpften vor seinen Augen, trotzdem las er die ganze »Nachricht« zu Ende und begann voll Gier in den weiteren Nummern die Fortsetzung zu suchen. Seine Hände zitterten vor starker Ungeduld, indem er in den Zeitungen blätterte. Plötzlich setzte sich jemand neben ihn, an seinen Tisch. Er schaute hin -- es war Sametoff, derselbe Sametoff und mit demselben Äußern, mit Ringen, Uhrketten, mit einem Scheitel in seinen schwarzen gekräuselten und pomadisierten Haaren, in einer eleganten Weste, in einem etwas abgetragenen Rocke und nicht ganz reiner Wäsche. Er war lustig gestimmt, wenigstens lachte er sehr vergnügt und gutmütig. Sein gebräuntes Gesicht war vom genossenen Champagner ein wenig erhitzt.

»Wie! Sie hier?« begann er mit Staunen und in einem Tone, als wäre er ein ewigalter Bekannter. »Mir erzählte gestern noch Rasumichin, daß Sie immer noch bewußtlos daliegen. Das ist merkwürdig! Wissen Sie, ich war bei Ihnen ...«

Raskolnikoff hatte sich's gedacht, daß er zu ihm herankommen würde. Er legte die Zeitungen beiseite und wandte sich zu Sametoff. Auf seinen Lippen spielte ein hämisches Lächeln, aber in diesem Lächeln lag eine gereizte Ungeduld.

»Ich weiß es, daß Sie da waren,« antwortete er, »ich habe es gehört. Sie haben meinen Strumpf gesucht ... Wissen Sie, Rasumichin ist ganz entzückt von Ihnen, er erzählte, daß Sie mit ihm bei Louisa Iwanowna waren, wissen Sie, wegen der Sie damals so angelegentlich dem Leutnant Pulver zuzwinkerten und er immer nicht begriff, erinnern Sie sich noch? Und es war doch nicht viel zu verstehen -- es war ja eine klare Sache ... nicht?«

»Was für ein Schwätzer er ist!«

»Pulver?«

»Nein, Ihr Freund Rasumichin ...«

»Sie haben es gut, Herr Sametoff; zu den angenehmsten Orten zollfreien Eintritt! Wer hat Ihnen soeben Champagner spendiert?«

»Wir haben ... ein wenig getrunken ... Und Sie sagen -- spendiert?!«

»Ein wenig Honorar! Sie ziehen eben aus allem Nutzen!« Raskolnikoff lachte. »Hat nichts zu sagen, mein guter junger Mann, tut nichts!« fügte er hinzu und schlug Sametoff auf die Schulter. »Ich sage es nicht aus Bosheit, sondern >aus Freundschaft, im Scherze,< so wie der Arbeiter sagte, als er Dmitri schlug, wissen Sie, in der Sache der Alten ...«

»Woher wissen Sie es?«

»Ich weiß vielleicht mehr als Sie ...«

»Wie komisch Sie sind ... Wahrscheinlich sind Sie noch sehr krank. Es war unvorsichtig von Ihnen auszugehen.«

»Erscheine ich Ihnen komisch?«

»Ja. Was lesen Sie da, Zeitungen?«

»Ich lese Zeitungen.«

»Es wird viel von Feuersbrünsten geschrieben.«

»Nein, ich lese nicht über Feuersbrünste.« Hier blickte er Sametoff rätselhaft an; ein höhnisches Lächeln verzog wieder seine Lippen. »Nein, ich las nicht über Feuersbrünste,« fuhr er fort und zwinkerte Sametoff zu. »Gestehen Sie nur, lieber junger Mann, daß Sie furchtbar gern wissen möchten, was ich gelesen habe?«

»Ich will es gar nicht wissen; ich habe bloß so gefragt. Darf man denn nicht fragen? Was haben Sie nur immer ...«

»Hören Sie, Sie sind doch ein gebildeter, belesener Mensch?«

»Ich habe die Sekunda eines Gymnasiums,« antwortete Sametoff mit Würde.

»Die Sekunda! Ach, Sie kleiner Spatz! Mit einem Scheitel, mit Ringen -- ein reicher Mann! Nein, welch ein lieber Junge!« Hier verfiel Raskolnikoff in ein nervöses Lachen und lachte Sametoff direkt ins Gesicht. Der fuhr zurück und war, wie es schien, nicht gekränkt, eher sehr verwundert.

»Nein, wie komisch Sie sind!« wiederholte Sametoff ernsthaft. »Mir scheint, Sie phantasieren immer noch.«

»Ich phantasiere? Das lügst du, mein Spätzchen! ... Also, ich bin komisch? Nun errege ich aber Ihre Neugier? Nicht wahr?«

»Ja, Sie erregen meine Neugier.«

»Soll ich Ihnen also sagen, was ich gelesen, was ich gesucht habe? Sehen Sie, wieviel Nummern ich mir bringen ließ. Erscheint das nicht verdächtig?«

»Sagen Sie mir ...«

»Sind Ihre Ohren gespitzt?«

»Warum sollen sie gespitzt sein?«

»Ich will es Ihnen nachher sagen, jetzt aber erkläre ich Ihnen, mein Lieber ... nein, besser, >ich gestehe< ... Nein, das ist auch nicht das richtige, >ich gebe es Ihnen zu Protokoll und Sie schreiben es,< so lautet's doch. Also, ich gebe zu Protokoll, daß ich gelesen, mich interessiert, gesucht habe ... nachgeforscht ...«

Raskolnikoff kniff die Augen zusammen und wartete eine Weile. »Nachgeforscht habe, -- und bin auch darum hierher gekommen, -- betreffs der Ermordung der Alten, der Beamtenwitwe,« sagte er endlich, fast im Flüstertone, wobei er mit seinem Gesichte außerordentlich nahe dem Sametoffs kam.

Sametoff sah ihn unverwandt an, ohne sich zu bewegen und ohne sein Gesicht zurückzuziehen. Am merkwürdigsten erschien es Sametoff nachher, daß das Schweigen wohl eine volle Minute gedauert hatte und daß sie solange einander anblickten.

»Nun, was ist dabei, daß Sie darüber gelesen haben?« rief er plötzlich ungehalten und ungeduldig aus. »Was geht das mich an? Was ist denn dabei?«

»Das ist dieselbe Alte,« fuhr Raskolnikoff fort, in demselben Flüstertone und ohne sich bei dem Ausrufe Sametoffs zu rühren, »es ist dieselbe, von der man, erinnern Sie sich, im Polizeibureau zu sprechen begann, wobei ich in Ohnmacht fiel. Merken Sie was?«

»Ja, was denn? Was ... soll ich merken?« sagte Sametoff unruhig.

Das unbewegliche und ernste Gesicht Raskolnikoffs veränderte sich plötzlich und wieder verfiel er in das nervöse Lachen von vorhin, als hätte er keine Macht darüber. Und auf einen Augenblick schwebte ihm außerordentlich klar und intensiv jener Moment vor Augen, als er mit dem Beil hinter der Türe stand, wie der Haken hüpfte, und wie die hinter der Tür schimpften und an der Türe rissen, und wie er plötzlich Lust bekam, ihnen zuzurufen, sie zu schimpfen, ihnen die Zunge zu zeigen, sie zu verhöhnen, zu lachen, laut zu lachen, lachen und lachen!

»Sie sind entweder verrückt oder ...« sagte Sametoff -- und hielt inne, als hätte er über einem plötzlichen Gedanken die Sprache verloren.

»Oder? Was -- >oder<? Was ist's? Sprechen Sie?«

»Nichts!« antwortete Sametoff gereizt. »Es ist ja alles Unsinn!«

Beide verstummten. Auf den Lachanfall wurde Raskolnikoff gleich wieder nachdenklich und düster. Er stützte die Ellenbogen auf den Tisch und legte den Kopf in die Hand. Es schien, als hätte er die Gegenwart Sametoffs völlig vergessen. Das Schweigen dauerte ziemlich lange.

»Warum trinken Sie Ihren Tee nicht? Er wird kalt,« sagte Sametoff.

»Ah? Was? Tee? ... Meinetwegen ...« Raskolnikoff nahm einen Schluck aus dem Glase, steckte ein kleines Stück Brot in den Mund, blickte Sametoff an und schien sich auf einmal an alles zu erinnern. Sein Gesicht nahm im selben Augenblick den früheren höhnischen Ausdruck an. Er fuhr fort, Tee zu trinken.

»Heutzutage passieren viele Gaunereien,« sagte Sametoff. »Ich las vor kurzem in den >Moskowskije Wedomosti<, daß man in Moskau eine Bande Falschmünzer festgenommen habe. Es war eine ganze Gesellschaft ... Sie fälschten Papiergeld.«

»Oh, das ist schon lange her. Ich habe es vor einem Monat gelesen,« antwortete Raskolnikoff ruhig.

»Also, das sind Ihrer Meinung nach Gauner!« fügte er lächelnd hinzu.

»Warum nicht Gauner?«

»Die? Das sind Grünspechte, aber keine Gauner! Ganze fünfzig Menschen vereinigen sich zu diesem Zwecke! Geht denn das an? Bei so einer Sache sind schon drei zu viel, da muß jeder dem andern mehr als sich selbst vertrauen. Es braucht bloß einer in Betrunkenheit mit anderen zu plappern, und alles ist verloren! Grünspechte waren es! Sie mieteten sich unzuverlässige Menschen, um das Geld in allerhand Banken umwechseln zu können, -- so eine Sache dem ersten besten anvertrauen! Nun gut, nehmen wir an, daß es ihnen geglückt wäre, jeder hat eine Million eingewechselt, nun, was weiter, das ganze Leben hindurch? Jeder ist von dem anderen sein Lebelang abhängig! Da ist es besser, sich gleich zu erhängen! Und sie verstanden nicht mal einzuwechseln, -- der eine geht in eine Bank zum wechseln, empfängt fünftausend und die Hände beginnen zu zittern. Viertausend zählt er nach, das fünfte Tausend aber nimmt er ohne nachzuzählen, auf gut Glauben, um es schneller in die Tasche stecken zu können und fortzulaufen. Er erregte Verdacht, und die ganze Sache ging in die Brüche bloß wegen eines einzigen Dummkopfes! Ja, ist das denkbar?«

»Daß die Hände zitterten?« unterbrach Sametoff.

»Das ist denkbar. Ich bin vollkommen überzeugt, daß es möglich ist. Manchmal kann man so etwas nicht standhalten.«

»So etwas?«

»Könnten Sie standhalten? Ich hielte es nicht aus! Für eine Bezahlung von hundert Rubel diese Angst auf sich nehmen! Nein! Mit einem gefälschten Papier hingehen -- und wohin noch -- in ein Bankhaus, wo sie so gewitzt sind, -- nein, ich hätte die Fassung verloren. Und Sie hätten nicht die Fassung verloren?«

Raskolnikoff hatte plötzlich wieder große Lust, »die Zunge zu zeigen«. Ein Schüttelfrost packte ihn wieder.

»Ich würde nicht so gehandelt haben,« begann er, weit ausholend. »Ich hätte so gewechselt, -- ich hätte das erste Tausend so gegen viermal von allen Seiten nachgezählt, jeden Schein betrachtet, und hätte mich dann an das zweite Tausend gemacht; ich hätte angefangen zu zählen, wäre bis zur Hälfte gekommen, hätte dann irgendeinen Schein von fünfzig Rubel hervorgeholt, und ihn gegen das Licht gehalten, dann ihn umgedreht und wieder gegen das Licht gehalten, -- ob er nicht gefälscht ist? Ich bin ängstlich -- hätte ich gesagt, -- eine Verwandte von mir hat auf diese Weise vor kurzem fünfundzwanzig Rubel eingebüßt, -- und hätte nun eine Geschichte zum Besten gegeben. Und wenn ich das dritte Tausend zu zählen angefangen hätte, -- würde ich sagen, -- erlauben Sie, ich habe, scheint mir, in dem zweiten Tausend das siebente Hundert nicht richtig nachgezählt, ich bin im Zweifel. -- Ich hätte das dritte Tausend zur Seite gelegt und wieder das zweite Tausend nachgezählt, -- und in dieser Weise hätte ich es mit allen fünf gemacht. Und wenn ich damit fertig gewesen wäre, hätte ich aus dem zweiten und aus dem fünften Tausend je einen Schein herausgenommen, gegen das Licht gehalten und voll Zweifel gebeten, ihn umzutauschen, -- und ich hätte den Angestellten zum Schwitzen gebracht, so daß er alles getan hätte, um mich endlich los zu werden. Und nach dem allen wäre ich schließlich zur Türe gegangen, hätte sie geöffnet -- und wäre wieder zurückgegangen, um unter Entschuldigung irgend etwas zu fragen oder mich über etwas zu erkundigen, -- sehen Sie, so hätte ich es gemacht!«

»Oh, was für Schauergeschichten Sie erzählen!« sagte Sametoff lachend. »Das redet man so, bei der Ausführung aber würden Sie schon stolpern. Bei so einer Sache, sage ich Ihnen, kann nicht mal ein geübter, geriebener Mensch für sich einstehen, geschweige denn wir beide. Wozu so weit ausholen, -- da haben Sie ein Beispiel, in unserem Revier hat man eine alte Frau ermordet. Allem Anschein nach ein verwegener Bursche, am hellen lichten Tage hat er's gewagt, nur durch ein Wunder rettete er sich, -- die Hände aber haben doch versagt; er hat nicht verstanden zu stehlen, hat nicht standgehalten; man sieht es aus dem Tatbestande ...«

Raskolnikoff schien sich gekränkt zu fühlen.

»Man sieht es! So nehmen Sie ihn doch fest!« rief er höhnisch aus, um Sametoff zu reizen.

»Man wird ihn schon kriegen.«

»Wer? Sie? Sie wollen ihn kriegen? Das wird lange dauern! Sehen Sie, was ist denn bei Ihnen die Hauptsache, -- ob ein Mensch viel Geld ausgibt oder nicht? Hatte er vor kurzem keins, gibt jetzt plötzlich Geld aus, -- so muß er das sein! In dieser Weise kann Sie jedes kleine Kind irreführen, wenn es will.«

»Das ist es ja, daß sie alle so handeln,« antwortete Sametoff. »Erst morden sie mit Bedacht, riskieren ihr Leben und gehen dann fort ohne Beute in eine Schenke und werden dort festgenommen. Beim Geldausgeben werden sie festgenommen. Nicht alle sind so schlau wie Sie. Sie würden selbstverständlich in keine Schenke gehen!«

Raskolnikoff zog die Augenbrauen zusammen und blickte Sametoff scharf an.

»Sie haben, wie es scheint, Appetit bekommen und möchten wissen, wie ich auch in diesem Falle gehandelt hätte?« fragte er bitter.

»Ich möchte es sehr gern wissen,« antwortete jener fest und bestimmt. Seine Stimme und sein Blick waren jetzt fast zu ernst geworden.

»Sehr?«

»Sehr.«