Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I
Part 9
Bei jeglicher Kunst sollte die letzte und höchste Durchführung und Ausführung in den Händen eines höchsten Meisters dieser Kunst liegen [und nicht in den Händen irgendeines Sekretärs, der lediglich bei der Verwaltung des Geschäfts und der Finanzen verwendet werden sollte]. Nur der Meister selbst kann Unterricht in seiner Kunst erteilen, da er allein alles kennt, was dazu erforderlich ist, und kein anderer. Nur ein erstklassiger Schauspieler, der ein wirklicher Künstler ist, kann eine gute Auswahl von Stücken treffen und sie nach strengen Grundsätzen sichten; er allein kennt das Geheimnis, wie die Proben geleitet werden müssen, er weiß, wie wichtig es ist, häufige Leseproben und Probeaufführungen des ganzen Stückes zu veranstalten. Er wird es dem Schauspieler nicht einmal erlauben, seine Rolle zu Hause auswendig zu lernen, sondern es so einrichten, daß die Schauspieler das Ganze zusammen einstudieren und daß jeder seine Rolle ganz von selbst während der Proben lernt und im Kopfe behält, so daß er durch die Umstände selbst, durch das ihn umgebende Milieu und durch die bloße Berührung mit ihm unwillkürlich den richtigen und seiner Rolle angemessenen Ton trifft. Dann kann auch ein schlechter Schauspieler manches Gute lernen: solange die Schauspieler ihre Rolle noch nicht auswendig können, können sie sich vieles von einem guten Schauspieler aneignen. Hier erfüllt sich jeder, ohne selbst zu wissen, wie es geschieht, mit Wahrheit und Natürlichkeit, sowohl in der Rede als auch in den Bewegungen. Der Ton der Frage verleiht dem Ton der Antwort seine Farbe. Ist die Frage in einem geschwollenen hochtrabenden Ton gehalten, so wird auch die Antwort hochtrabend sein; stelle eine einfache Frage, so wird auch die Antwort einfach ausfallen. Selbst der einfachste, schlichteste Mensch ist imstande, eine passende Antwort zu geben. Aber wenn der Schauspieler seine Rolle zu Hause auswendig gelernt hat, dann wird seine Antwort geschwollen und einstudiert klingen, und diesen Ton der Antwort wird er nie wieder loswerden können. Du wirst nie einen andern aus ihm machen, kein Wort, keinen Tonfall wird er von dem besseren Schauspieler lernen; die ganze Umgebung, alle Dinge und Charaktere, unter denen sich der von ihm dargestellte Charakter bewegt, werden stumm für ihn bleiben, und auch das Stück wird ihm fremd bleiben und ihm nichts sagen, und er wird sich wie ein Toter zwischen Toten bewegen. Nur ein Schauspieler, der ein wahrhafter Künstler ist, hat ein Gefühl für das Leben, das in einem Stück pulsiert, und kann es dahin bringen, daß dieses Leben auch allen Schauspielern sichtbar, und lebendig von ihnen empfunden wird, nur er allein hat den richtigen Maßstab für die Veranstaltung der Proben, wie sie geleitet werden müssen, wann man mit ihnen aufhören kann, und wieviel Proben genügen, um das Stück dem Publikum in wirklicher Vollendung vorzuführen. Man muß es nur verstehen, diesen Schauspieler und Künstler dazu zu bewegen, daß er sich dieser Sache wie seiner eigensten intimsten Aufgabe annimmt, man muß ihm beweisen, daß das seine Pflicht ist und daß die Ehre seiner eigenen Kunst dies von ihm fordert -- so wird er es tun, so wird er es durchführen, weil er seine Kunst lieb hat. Ja, er wird sogar noch mehr tun, er wird dafür sorgen, daß auch der unbedeutendste Schauspieler seine Rolle gut spielt, und wird seine eigene Aufgabe in der strengen Vollendung des Ganzen sehen. Er wird nie dulden, daß ein banales oder nichtssagendes Stück auf die Bühne gelangt, [das vielleicht ein Beamter, dem es nur darum zu tun ist, daß möglichst viel Geld in die Kasse kommt, aufführen lassen würde], er wird es nicht dulden, weil schon sein inneres, ästhetisches Gefühl das Stück ablehnen wird. Er ist auch nicht imstande, einen Druck auf die ihm anvertrauten Schauspieler auszuüben, sie zu tyrannisieren und zu schikanieren, [wie das Leute aus dem Beamtenstande tun], die Rücksicht auf den Ruhm und das Ansehen seines Namens wird ihm dies nicht erlauben. [Irgendein Beamter, z. B. ein Sekretär dagegen wird dreist und ruhig eine Gemeinheit begehen, da er fest davon überzeugt ist, daß niemand was davon erfahren wird, selbst wenn er sich noch so viel Gemeinheiten zuschulden kommen läßt, weil er ja eine Null ist, die niemand beachtet. Wenn sich dagegen ein Schtschepkin oder Karatygin etwas Unrechtes zuschulden kommen lassen würden, so würde dies sofort allgemeines Stadtgespräch werden. Darum ist es so ungeheuer wichtig, daß bei jeder Sache die Hauptlast der Verantwortung auf einen Mann fällt, den bereits jeder in der Gesellschaft kennt.] Und endlich wird ein Schauspieler, der zugleich ein Künstler ist, der völlig in seiner Kunst lebt und aufgeht, dessen höchstes Lebenselement die Kunst ist, über deren Reinerhaltung er wacht und die er hütet wie ein Heiligtum, es nie dulden, daß das Theater eine Pflanzstätte des Lasters werde. -- Also: die Schuld liegt nicht beim Theater. Man reinige das Theater erst einmal von all dem Schutt und Plunder, der darauf ruht, und dann mag man zusehen und darüber urteilen, was das Theater ist. Ich habe hier nicht deshalb die Sprache aufs Theater gebracht, weil ich durchaus vom Theater sprechen wollte, sondern deshalb, weil man das, was hier übers Theater gesagt wurde, auf alle Dinge anwenden kann. Es gibt viele Gegenstände, die darunter zu leiden haben, daß man ihre eigentliche Bedeutung verfälscht und verdreht, und da es ja überhaupt viele Leute in der Welt gibt, die die Neigung haben, gleich in der ersten Hitze und Erregung zu handeln oder, wie es im Sprichwort heißt, »das Kind mit dem Bade auszuschütten«[3] lieben, so wird vieles, was uns allen zu Nutz und Frommen dienen könnte, vernichtet. Einseitige Menschen, die überdies noch Fanatiker sind, sind ein Krebsschaden für die Gesellschaft; wehe dem Lande oder dem Staat, in dem solche Leute einen Teil der Macht in die Hände bekommen. Sie wissen nichts von christlicher Demut und von Zweifeln an sich selbst; sie sind fest davon überzeugt, daß die ganze Welt lügt und nur sie allein die Wahrheit reden. Lieber Freund! Geben Sie doch ein wenig mehr acht auf sich! Sie befinden sich gerade in diesem gefährlichen Zustande. Es ist ein Glück, daß Sie noch keine Stellung haben und daß Sie nicht mit der Verwaltung eines Amtes betraut sind: Sie, den ich als Menschen kenne, der dazu befähigt ist, die schwierigsten und verantwortlichsten Stellungen auszufüllen, Sie könnten weit mehr Unheil und Unordnung anrichten, als der unbegabteste von allen unbegabten Menschen. Nehmen Sie sich auch mit Ihrem Urteil über alle Dinge in acht! Seien Sie nicht wie jene frommen Eiferer, die mit einem Male alles, was es auf der Welt gibt, vernichten möchten, da sie alles für eitel Teufelswerk halten. Es ist ihr Los, in die gröbsten Irrtümer zu verfallen. Etwas Ähnliches hat sich neulich auf literarischem Gebiet ereignet. Da sind plötzlich Leute erschienen und haben öffentlich in der Presse erklärt, Puschkin sei ein Deist und kein Christ gewesen; wie wenn sie in Puschkins Seele hineingeblickt hätten, und wie wenn Puschkin durchaus verpflichtet gewesen wäre, in seinen Gedichten von den höchsten Dogmen des Christentums zu sprechen, wozu sich selbst ein Priester der Kirche nur mit großer Angst und tiefster Ehrfurcht entschließt, nachdem er sich durch einen wahrhaft heiligen Lebenswandel dazu vorbereitet hat! Nach der Ansicht dieser Leute sollte man die höchsten und erhabensten Ideen des Christentums in Reimform bringen und sie wohl gar zu einer Art Versspiel machen. Puschkin hat sehr klug daran getan, daß er es nicht wagte, das, wovon seine Seele noch nicht bis ins Innerste durchdrungen war, in Verse zu kleiden, und daß er es vorzog, allen denen, die sich bereits sehr weit von Christus entfernt hatten, eine unsichtbare Sprosse zum Höchsten zu sein, statt sie durch seelenlose Verse, wie sie von Leuten geschrieben werden, die sich Christen nennen, dem Christentum völlig zu entfremden. Ich kann gar nicht verstehen, wie es einem Kritiker auch nur einfallen konnte, in der Presse ganz offen und vor allen Leuten eine solche Beschuldigung gegen Puschkin zu erheben, seine Werke wirkten demoralisierend auf die Menschen, wo doch selbst die Zensur laut Vorschrift verpflichtet ist, wenn der Sinn eines Werks nicht ganz klar aus dem Werk hervorgeht, ihm eine möglichst ungesuchte und einfache Deutung zu geben, die möglichst günstig für den Autor ist, und nicht eine falsche und gekünstelte, die dem Autor schaden muß. Wenn das sogar der Zensur zur Vorschrift gemacht wird, die immer stumm sein und schweigen muß und nicht einmal die Möglichkeit hat, sich vor dem Publikum zu rechtfertigen, um wieviel mehr muß sich die Kritik das zum Gebot machen, die selbst über die unbedeutendsten Motive und Handlungen Aufklärung geben und sich ihretwegen rechtfertigen kann! Öffentlich erklären, ein Mensch sei kein Christ, ja er sei sogar ein Feind Christi, indem man sich auf einige Fehler seines Charakters und darauf beruft, daß er der Welt und ihren Versuchungen erlegen sei, wie doch jeder von uns ihnen erliegt -- ist das etwa christlich gehandelt? Ja, wer von uns ist denn dann ein Christ? Auf diese Weise kann ich schließlich auch dem Kritiker selbst vorwerfen, daß er kein Christ sei. Ich kann sagen, ein Christ könne nicht mit solcher Sicherheit auf seinen Verstand bauen, um ein Urteil in einer so dunklen Sache zu fällen, die Gott allein kennt und begreift, denn ein Christ weiß, daß unser Verstand nur bei einem ganz reinen heiligen Leben der vollen Klarheit teilhaftig und dazu befähigt wird, einen Gegenstand von allen Seiten zu sehen; der Lebenswandel eines solchen Menschen aber ist vielleicht doch noch nicht so ganz rein und heilig. Ein Christ wird sich erst besinnen, ehe er sich entschließt, jemand eines solchen schweren Verbrechens anzuklagen, wie des, er wolle Gott nicht in der Gestalt anerkennen, in der ihn uns Gottes Sohn selbst, der zu uns auf die Erde herabgestiegen ist, anzubeten geboten hat, -- denn das ist eine furchtbare Beschuldigung. Er wird ferner erklären: in der Poesie ist noch vieles ein Geheimnis; es ist schon nicht leicht, über einen gewöhnlichen Menschen ein Urteil zu fällen, und erst ein abschließendes und endgültiges Urteil über einen Dichter fällen zu wollen, das kann nur ein Mensch, der selbst etwas vom Geist der Poesie in sich trägt und beinahe ein dem Dichter selbst ebenbürtiger Dichter ist -- wie dies ja auch für jedes einfache Handwerk oder jede Kunstfertigkeit zutrifft, wo ja auch jeder in gewissem Maße mitsprechen kann, wo aber nur der Meister selbst ein umfassendes und endgültiges Urteil fällen darf. Kurz, der Christ wird in erster Linie Demut üben, die sein vornehmstes Banner ist, an dem man erkennen kann, daß er ein Christ ist. Statt von den Stellen in Puschkin zu reden, deren Sinn noch dunkel ist und auf zwei verschiedene Weisen ausgelegt werden kann, wird ein Christ nur von den Werken sprechen, die ganz klar sind, die aus seinem reifen Mannesalter und nicht aus seiner schwärmerischen Jugendzeit stammen. Er wird sein gewaltiges Gedicht »An einen Kirchenfürsten« anführen, in dem Puschkin von sich selbst redet und sagt: auch in den Jahren, als er noch für die Schönheit und das Treiben dieser Erdenwelt begeistert gewesen sei, habe der bloße Anblick des Dieners Christi einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht.
[Fußnote 3: »Aus Ärger über die Läuse in den Ofen mit dem Pelz!«]
Da traf dein Wort mich wundereigen Mit überirdischer Gewalt, Und meine Finger ließen schweigen Die Saiten, die wie Hohn geschallt. Mein Herz in seinem tiefsten Horte Schlug reuekrank, gewissenswund; Beim Chrysam deiner duft'gen Worte Ward es zu neuem Sein gesund. Aus deiner Geisteshöhe reichst du Mir deine Hand zur Stütze nun; Mit sanfter Liebeshand verscheuchst du Den Sturm -- und meine Sinne ruhn. Das ewig Wahre, ewig Schöne Durchflammt das Herz mir im Gebet; Stumm hört des Seraphs Harfentöne Im heiligen Schauder der Poet.
(Fiedler.)
Das ist ein Gedicht, auf das ein Kritiker hinweisen wird, der ein wahrhafter Christ ist! Dann wird seine Kritik einen Sinn erhalten und Gutes stiften: damit wird sie die gute Sache stärken und kräftigen, denn sie wird zeigen, wie selbst ein Mensch, dessen Geist all die verschiedenartigen Glaubenssätze und alle Fragen seiner Zeit umfaßte, Fragen, die noch so unklar und verworren sind, die uns so weit von Christus entfernen, wie selbst solch ein Mensch in seinen besten Momenten, in Augenblicken höchster Klarheit, dichterischer Erleuchtung und Hellsichtigkeit die Hoheit des Christentums über alles stellte. Was aber hat die Kritik jetzt für einen Sinn? frage ich. Wozu kann es gut sein, daß man die Menschen irreführt, indem man Zweifel und Argwohn gegen Puschkin in ihre Seelen sät? Es ist doch keine Kleinigkeit, den klügsten Menschen seiner Zeit als einen Mann hinzustellen, der das Christentum negiert -- einen Menschen, zu dem das geistige Rußland wie zu seinem Führer emporschaut, der alle andern Menschen weit hinter sich gelassen und überholt hat! Es ist noch gut, daß es ein so unbegabter und unfähiger Kritiker war und daß es ihm daher nicht gelingen konnte, einer solchen Lüge Eingang zu verschaffen, und daß Puschkin selbst Gedichte hinterlassen, die diese Lüge widerlegen; [wäre es nicht so gewesen, was hätte er anderes tun können, als Unglauben statt Glauben zu verbreiten?] So Schlimmes kann man anrichten, wenn man einseitig ist! Lieber Freund, Gott bewahre Sie vor Einseitigkeit; mit ihr stiftet der Mensch überall nichts wie Unheil: in der Literatur, in seiner amtlichen Tätigkeit, in der Gesellschaft -- kurz überall! Ein einseitiger Mensch ist von sich selbst überzeugt, ein einseitiger Mensch ist dreist, ein einseitiger Mensch macht sich alle zu Feinden. Ein einseitiger Mensch kann nie das rechte Maß finden. Ein einseitiger Mensch kann kein wahrer Christ sein; er kann bloß ein Fanatiker sein. Einseitigkeit im Denken ist nur ein Zeichen dafür, daß der Mensch erst auf dem Wege zum Christentum ist, daß er es noch nicht ganz erfaßt hat, weil das Christentum unserm Geist Vielseitigkeit verleiht. Mit einem Wort: Gott bewahre Sie vor der Einseitigkeit! Bewahren Sie sich einen besonnenen Blick für jedes Ding und denken Sie immer daran, daß es zwei gänzlich entgegengesetzte Seiten haben kann, von denen Ihnen eine noch nicht bekannt ist. Theater und Theater -- das sind zwei verschiedene Sachen, wie es ja auch beim Publikum zwei Arten der Begeisterung gibt: es ist doch was anders, ob man in Entzücken gerät, wenn eine Ballettänzerin ihr Füßchen möglichst hoch in die Höhe schleudert, oder ob man von Begeisterung ergriffen wird, wenn ein großer Schauspieler durch seine erschütternde Rede die höchsten Gefühle im Menschen zu noch reinerer Höhe steigert. Ein andres sind die Tränen, die ein fremder Sänger einem Menschen entlockt, indem er sein Gehör in angenehmer Weise kitzelt, Tränen, die, wie ich höre, heute auch solche Leute in Petersburg vergießen, die nicht Musiker sind, und ein andres sind die Tränen, die dem Auge des Zuschauers entströmen, wenn er durch die lebendige Darstellung einer hohen Tat bis ins Innerste erschüttert wird und dann nach Verlassen des Theaters mit neuer Kraft, noch ganz unter dem Eindruck dieser Darstellung einer heroischen Handlung stehend, an seine pflichtmäßige Tätigkeit geht. Mein Freund. Wir sind in diese Welt berufen, nicht um zu zerstören und zu vernichten, sondern um [nach dem eigenen Vorbilde Gottes] alles zum Guten zu lenken -- selbst das, was die Menschen bereits verdorben und zum Bösen gewandt haben. Es gibt kein Werkzeug in der Welt, das nicht dem Dienste Gottes geweiht wäre. Alle diese Hörner, Pauken, Leiern und Zimbeln, mit denen die Heiden ihre Götzen verherrlichten, dienten, nach dem Siege des Königs David, dem wahren Gott zu Preis und Ruhme, und in Israel herrschte noch größere Freude, als es vernahm, daß dieselben Instrumente, die noch nie Ihm zu Ehren erklungen waren, nun zu Seinem Preis und Ruhme tönten.
1845.
XV Über die Aufgaben der lyrischen Dichtung unserer Zeit Zwei Briefe an N. M. Jasykow
I.
Dein Gedicht »Das Erdbeben« hat mich entzückt. Auch Schukowski war ganz davon begeistert. Dies ist seiner Ansicht nach nicht nur das beste von deinen Gedichten, sondern überhaupt das beste russische Gedicht. Welch eine kluge und fruchtbare Idee: ein Ereignis der Vergangenheit zu nehmen und in die Gegenwart zu verlegen! Auch die Anwendung auf den Dichter, der seine Ode vollendet, ist so glücklich, daß jeder von uns, was auch sein Beruf und seine Tätigkeit sein mag, sie in diesem furchtbaren Jahr, wo die ganze Welt in ihrem Grunde erschüttert wird, und alles vor Angst wegen des Kommenden vergehen will, auch für sich nutzbar machen sollte.
Freund! ein lebenspendender Quell springt vor dir auf. Deine an den Dichter gerichteten Worte:
Und bring den angsterfüllten Menschen Gebete mit aus Bergeshöhn
sind Worte, die an dich selbst gerichtet sind. Dir enthüllt sich das Geheimnis deiner Muse. Die gegenwärtige Zeit bietet gerade dem lyrischen Dichter die günstigste Gelegenheit zur Betätigung. Mit der Satire kann man nicht viel ausrichten: mit einfachen Schilderungen und Nachbildungen der Wirklichkeit, wie sie sich dem Auge moderner, weltlich gerichteter Menschen darstellt, kann man niemand aus dem Schlummer wecken: die heutige Zeit schläft den tiefen Schlaf des Helden. Nein, finde in der Vergangenheit ein Ereignis, wie es sich auch heute ereignen könnte, führe es uns plastisch vor Augen und triff es im Angesichte aller mit deinem Verdammungsurteil, wie es zu seiner Zeit vom Zorne Gottes getroffen ward; geißle die Gegenwart in der Vergangenheit, und eine doppelte Kraft wird von deinem Worte ausgehen: die Vergangenheit wird dadurch lebendiger werden, und wie ein Schrei wird dir's aus der Gegenwart entgegentönen. Schlage das Alte Testament auf: du wirst jedes Geschehnis, jede Tat der Gegenwart darin wiederfinden; klarer wie der Tag wird's dir daraus entgegenstrahlen, worin ihr Vergehen wider Gott lag, und so deutlich und überzeugend ist darin Gottes Gericht an ihr geschildert, daß die Gegenwart erbeben muß. Du besitzest alle Mittel und Fähigkeiten dazu: in deinem Vers liegt eine mahnende und erhebende Kraft, und beides brauchen wir gerade heute. Die einen müssen erhoben werden, die andern bedürfen der Ermahnung und des Tadels. Alle die müssen erhoben werden, die durch die Untaten und durch alle Schrecken, die sie umgeben, bestürzt und verwirrt sind, und man muß denen ins Gewissen reden, die in den erhabenen Augenblicken des göttlichen Zornes und der unendlichen Leiden, die keinen verschonen, noch den Mut haben, sich wilden Ausschweifungen und einem schmählichen Jubel hinzugeben. Deine Verse sollten allen in leuchtender Klarheit vorschweben, wie die in die Luft geschriebenen Buchstaben, die während des Festmahls des Belsazar aufflammten und schon alle in Schrecken versetzten, noch ehe jemand ihren Sinn zu enträtseln vermochte. Wenn du jedoch wünschest, daß dich alle noch besser verstehen, dann erfülle dich mit biblischem Geiste, laß dir von ihm gleichwie von einer Fackel voranleuchten und steige hinab bis in die tiefsten Grüfte des russischen Altertums, triff in ihm die Schmach der gegenwärtigen Zeit und vertiefe damit in uns das Gefühl für das, was unsere Schmach noch weit schmachvoller erscheinen läßt. Dein Vers wird nicht schwächlich und matt klingen; das brauchst du nicht zu fürchten; der Hauch der alten Zeit wird ihm Farben verleihen, er allein wird dich in die rechte Stimmung versetzen und dich mit Begeisterung erfüllen. Aus allen unseren Chroniken dringt er uns förmlich wie etwas Lebendiges entgegen. Vor kurzem fiel mir ein Buch: »Empfang beim Zaren« in die Hand. Hier sind schon allein die Ausdrücke und die Namen der fürstlichen Kleidungsstücke, der teuren Gewebe und Edelsteine ein wahrer Schatz für einen Dichter; jedes Wort schreit förmlich nach dem Vers. Man staunt über die Kostbarkeiten unserer Sprache, jeder Ton, jeder Laut ist ein Geschenk, da ist alles groß, kernig und gleich einer Perle, und mancher Ausdruck ist noch kostbarer als die Sache selbst, die er bezeichnet. Wenn es dir gelingt, deinen Vers mit solchen Worten zu schmücken, -- wirst du den Leser völlig in die vergangenen Zeiten zurückversetzen. Als ich drei Seiten aus diesem Buche gelesen hatte, glaubte ich überall die alten Zaren jener vergangenen altersgrauen Zeit in ihrem altertümlichen Zarenornat andächtig zum Vespergottesdienste schreiten zu sehen.
1844.
II.
Ich schreibe dir noch einmal unter dem Eindruck deines bereits erwähnten Gedichts: »Das Erdbeben«. Laß das begonnene Werk um Gottes willen nicht liegen! Lies die Bibel noch einmal genau durch, erfülle dich mit dem Geist des russischen Altertums und suche mit seinem Lichte in die Gegenwart einzudringen. Es gibt noch ungeheuer viel Gegenstände, die du bearbeiten solltest, und es ist eine Sünde, wenn du sie nicht siehst. Schukowski hat bisher nicht mit Unrecht von deiner Poesie gesagt, sie entstamme einer Begeisterung, die kein Objekt hat. Es ist eine Schande, seine lyrische Kraft in blinden Luftschüssen verpuffen zu lassen, wo sie dir doch dazu verliehen ward, um Steine zu sprengen und Felsblöcke wegzuwälzen. Blick' um dich! alles ist jetzt Gegenstand für den lyrischen Dichter, ein jeder Mensch lechzt förmlich nach einem lyrischen Mahnruf, wo du hinblickst, überall siehst du jemand, der ermahnt oder ermutigt und ermuntert sein will.
So rede denn zuallererst in einem gewaltigen lyrischen Mahngedicht den Klugen ins Gewissen, die den Mut sinken ließen. Du wirst Eindruck auf sie machen, wenn du ihnen die Sache in ihrem rechten Lichte zeigst, d. h. wenn du ihnen beweisest, daß ein Mensch, der sich dem Trübsinn hingibt, ein ganz überflüssiges wertloses Ding ist, das zu nichts nütze ist, was auch immer die Ursachen der Trübsal und der Entmutigung sein mögen; denn Trübsinn und Kleinmut sind Gott verhaßt. Du wirst den echten russischen Mann zum Kampf gegen Kleinherzigkeit und Mutlosigkeit aufrufen und ihn über alle Schrecknisse und alle Erschütterungen der Erde erheben, wie du in deinem Erdbeben den Dichter erhöht und erhoben hast.
Richte einen machtvollen lyrischen Appell an den noch schlummernden schönen Menschen. Wirf ihm ein Brett vom Ufer zu, auf daß er seine arme Seele rette. Schon hat er sich weit von der Küste entfernt; schon wird er ganz umklammert und mitgerissen von der höchsten Schicht der Gesellschaft, dieser nichtigen hohlen Oberschicht; schon locken ihn Diners, die Füßchen der Tänzerinnen, und schon sieht man ihn täglich einem betäubenden einschläfernden Rausch erliegen; schon wächst ihm unmerklich die fleischliche Hülle, schon ist er ganz Fleisch geworden und ist kaum noch etwas wie eine Seele in ihm. Schrei auf zu ihm wie aus tiefster Not; laß das Greisenalter, diese Hexe, vor ihm erstehen, wie sie auf ihn zueilt, sie, die ganz Eisen ist, ja gegen die ein Stück Eisen noch wie Mitleid und Erbarmen erscheint, und die uns keinen Fetzen eines Gefühls wieder zurückgibt. O wenn du ihm doch das sagen könntest, was mein Pljuschkin aussprechen soll, wenn ich noch dazu komme, den dritten Teil meiner »Toten Seelen« zu schreiben!
Stell' in einem zürnenden Dithyrambus die Wucherer neuesten Schlages, wie sie in unseren Tagen ihr Wesen treiben, an den Pranger: ihren verfluchten Luxus, ihre schlechten Frauen, die sich und ihre Männer mit ihrer Eitelkeit und ihrem Flitter zugrunde richten, die verfluchte Schwelle ihrer prunkenden Paläste und die abscheuliche Luft, die sie dort atmen; auf daß sie jedermann, ohne sich umzusehen, meide und eilenden Fußes entfliehe, wie vor der Pest.