Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I
Part 8
Sie sind sehr einseitig und zwar sind Sie erst seit kurzer Zeit so einseitig geworden; und Sie sind es nur deshalb geworden, weil ein Mensch, der sich in der Gemütsverfassung befindet, in der Sie sich jetzt eben befinden, nicht anders als einseitig werden kann. Sie denken nur noch an das Heil und die Rettung Ihrer Seele, und da Sie noch immer den Weg nicht entdecken können, auf dem es Ihnen bestimmt ist, Ihr Seelenheil zu finden, so halten Sie alles auf der Welt für sündhaft und für ein Hindernis auf dem Wege zu Ihrer Rettung. Ein Mönch kann nicht strenger sein, als Sie. So sind auch Ihre Ausfälle gegen das Theater ganz einseitig und ungerecht. Sie suchen darin eine Stütze für Ihre Ansicht, daß auch einige Geistliche, die Sie kennen, gegen das Theater eifern: und sie haben ganz recht, während Sie unrecht haben. Denken Sie einmal etwas tiefer darüber nach: _sind Sie wirklich_ gegen das Theater oder nur gegen jene Form, jene Gestalt, in der es heute auftritt. Die Kirche wandte sich in den ersten Jahrhunderten, als das Christentum überall zur Annahme gelangt war, gegen das Theater, das war zu einer Zeit, als das Theater noch der einzige Zufluchtsort des von überall vertriebenen Heidentums und eine Freistätte seiner wilden Bacchanale war. Das war der Grund, weswegen Johannes Chrysostomus so mächtig gegen das Theater eiferte. Aber die Zeiten haben sich geändert. Die ganze Welt hat sich erneut durch das Heraufkommen junger und frischer europäischer Völker, deren Bildung und Erziehung bereits auf christlicher Grundlage begann, und nun waren es die heiligen Männer selbst, die das Theater wieder begründeten und einführten: an den geistlichen Akademien wurden Theater gegründet. Unser Dimitrij Rostowski, der mit Recht zu den heiligen Kirchenvätern gezählt wird, dichtete selbst Stücke, die zur Aufführung bestimmt waren. Folglich liegt die Schuld nicht beim Theater. Man kann alles in sein Gegenteil verkehren und allem einen schlechten Sinn unterlegen; der Mensch ist hierzu fähig. Man muß einem Ding jedoch stets auf den Grund gehen und in Betracht ziehen, was es sein soll, und es nicht nach den Karikaturen beurteilen, die nach ihm hergestellt wurden. Das Theater ist durchaus keine geringe Sache und keine unwichtige Angelegenheit, wenn man berücksichtigt, daß es eine große Menge von fünf- bis sechstausend Menschen mit einem Male in seinen Räumen aufnehmen und beherbergen kann und daß diese ganze Menge, in der die einzelnen, für sich genommen, nichts miteinander gemein haben, plötzlich von einer großen Erschütterung ergriffen werden, in einem einzigen Augenblick in _einen_ Strom von Tränen oder in ein einziges allgemeines Gelächter ausbrechen kann. Das ist ein Katheder, von dem aus man der Welt sehr viel Gutes sagen kann. Sie müssen freilich einen Unterschied machen zwischen dem eigentlichen, sogenannten höheren Theater und jenen Ballettaufführungen, Tänzen, Possen, Melodramen und all jenem Flitter und falschen Prunk der Ausstattungsstücke, die nur für das Auge berechnet sind und die nur einem korrupten Geschmack oder einem korrupten Gefühl schmeicheln, und Sie müssen daneben das eigentliche Theater ins Auge fassen. Ein Theater, in dem hohe Tragödien und Komödien aufgeführt werden, muß in völliger Unabhängigkeit von allen anderen Künsten dastehen. Es wäre ja auch merkwürdig, Shakespeare mit Tänzern und Tänzerinnen in weißledernen Hosen unter einen Hut bringen zu wollen. Welch eine Kombination! Die Beine sind etwas für sich, und ebenso ist der Kopf etwas für sich. In einzelnen Gegenden Europas hat man das begriffen: dort gibt es eigene Theater für die Werke der höheren dramatischen Kunst, und nur diese Theater werden von der Regierung subventioniert. Man sollte ganz ernsthaft darüber nachdenken, ob es nicht möglich wäre, die besten Werke der dramatischen Kunst so zur Aufführung zu bringen, daß das Publikum auf sie aufmerksam würde und daß die wohltätige moralische Wirkung, die von allen großen Dichtern ausgeht, ganz zur Geltung käme. Shakespeare, Sheridan, Molière, Goethe, Schiller, Beaumarchais, sogar Lessing, Regnard und viele andere unter den Dichtern zweiten Ranges aus dem verflossenen Jahrhundert haben nichts geschrieben, was dazu beitragen konnte, unsere Achtung vor den großen Gegenständen zu verringern; in ihren Dichtungen sind nicht die leisesten Nachwirkungen davon zu spüren, was in den Werken der fanatischen Autoren jener Zeit gärt und brodelt, die sich mit politischen Fragen beschäftigten und die Saat der Mißachtung gegen das Heilige ausstreuten. Wenn auch bei jenen einmal Hohn und Spott aufblitzen, so richten sie sich gegen die Heuchelei, Gotteslästerung, Verdrehung der Wahrheit und niemals gegen das, was die Wurzel aller menschlichen Tugend bildet; im Gegenteil, ihre Liebe für das Gute ist selbst dort noch streng und deutlich vernehmbar, wo sie ganze Garben funkelnder Epigramme aufblitzen lassen. Häufige Wiederholungen dramatischer Werke hohen Stils, d. h. jener wahrhaft klassischen Stücke, die sich mit dem Wesen und mit der Seele der Menschen beschäftigen, müssen dazu führen, daß die Menschen sich festen Grundsätzen zuneigen und in ihnen bestärkt werden und daß sich ihre Charaktere unmerklich innerlich kräftigen und befestigen, während diese Flut von leichten und nichtssagenden Stücken, von all diesen Possen und schlecht durchdachten Dramen bis hinauf zum Ballett und selbst zur Oper nur ablenkt und zerstreut und die Gesellschaft oberflächlich und leichtsinnig macht. Eine Welt, deren Aufmerksamkeit durch Millionen glänzender Gegenstände in Anspruch genommen wird, die unsere Gedanken nach allen Richtungen ablenken und zerstreuen, wird Christus nicht so bald auf ihrem Wege begegnen. Sie ist noch zu weit von den himmlischen Wahrheiten des Christentums entfernt. Sie wird erschrocken zurückweichen, wie vor finsteren Klostermauern, wenn man ihr keine unsichtbare Leiter reicht, die zum Christentum emporführt, und wenn man sie nicht auf einen höheren Platz geleitet, von dem aus sie den unendlichen Horizont des Christentums besser überschauen und alles besser erkennen kann, was ihr früher gänzlich unverständlich war. In der Welt gibt es vielerlei, was allen, die sich vom Christentum entfernt haben, als Leiter dienen kann, die sie unsichtbar zum Christentum emporleitet, darunter auch das Theater, wenn es seiner höchsten Bestimmung zugeführt werden könnte. Man müßte die vollkommensten Werke aller Zeiten und Völker in ihrer ganzen strahlenden Schönheit zur Aufführung bringen. Man müßte sie häufiger, ja so häufig als möglich, aufführen, man müßte ein und dasselbe Werk fortwährend wiederholen. Und das ist sehr wohl möglich. Man kann allen Stücken ihre Frische und Neuheit wiedergeben, so daß sie alle interessieren, die Kleinsten wie den Größten, wenn man es nur versteht, sie richtig aufzuführen. Das sind Torheiten, daß sie veraltet sind und daß das Publikum den Geschmack an ihnen verloren hat. Das Publikum ist gar nicht so launenhaft, es wird einem immer dorthin folgen, wohin man es führt. Wenn ihm die Autoren nicht stets ihre üblen Melodramen vorsetzen würden, würde das Publikum auch keinen Geschmack an ihnen finden und nicht nach ihnen verlangen. Man nehme das abgespielteste Stück und führe es auf, wie es sich gehört, dann wird das Publikum in Scharen herbeiströmen. Molière wird ihm ganz neu erscheinen. Shakespeare wird es mehr locken als die modernste Posse. Aber freilich muß eine solche Aufführung tatsächlich und absolut künstlerisch sein, und diese Aufgabe muß stets einem wahrhaften Künstler und dem allerersten und tüchtigsten Schauspieler, der sich in der ganzen Truppe findet, anvertraut werden. Auch soll man ihm nicht etwa noch einen Gehilfen, irgendeinen Beamten und Sekretär, als Anhängsel zugesellen, sondern er soll alles allein machen und allein über alles verfügen. Es muß sogar besonders dafür gesorgt werden, daß die ganze Verantwortlichkeit ihm allein zufalle; man muß ihn öffentlich vor versammeltem Publikum sämtliche Nebenrollen -- und zwar eine nach der anderen -- spielen lassen, um den weniger bedeutenden Schauspielern lebendige Vorbilder vor Augen zu stellen; denn diese studieren ihre Rollen nach toten Vorbildern, die durch eine dunkle Überlieferung bis auf sie gekommen sind, sie schöpfen ihre Belehrung aus Büchern und nehmen kein wirkliches lebendiges Interesse an ihren Rollen. Schon diese Darstellung untergeordneter Rollen durch einen erstklassigen Schauspieler kann das Publikum anlocken und es reizen, sich ein und dasselbe Stück zwanzigmal nacheinander anzusehen. Wen könnte es nicht interessieren, Schtschepkin oder Karatygin Rollen spielen zu sehen, die sie bisher noch niemals gespielt haben! Wenn dann ein solcher erstklassiger Schauspieler auf seine alte Rolle zurückkommt, nachdem er sämtliche anderen Rollen gespielt hat, wird er sich einen ganz andern, umfassenderen Begriff von seiner Rolle, sowie von dem ganzen Stück gebildet haben; das Stück aber wird durch diese Vollkommenheit der Darstellung -- etwas bisher völlig Unerhörtes -- für den Zuschauer noch mehr an Interesse gewinnen. Es gibt nichts, was den Menschen stärker ergreift und erschüttert, als jene vollkommene Ausgeglichenheit und Übereinstimmung aller Teile, wie sie ihm bisher nur in der Ausführung eines Musikstückes durch ein Orchester entgegentreten konnte, und durch die man es dahin zu bringen vermag, daß ein Werk der dramatischen Kunst häufiger hintereinander gegeben werden kann, als die beliebteste Oper. Man mag sagen, was man will, aber die in Worte gefaßten Töne des Herzens und der Seele sind weit mannigfaltiger, als die Töne der Musik. Ich muß jedoch wiederholen, dies alles ist nur dann möglich, wenn diese Aufgabe auch tatsächlich so ausgeführt, wie es sich gehört, und wenn die volle Verantwortlichkeit für das Repertoire einem erstklassigen Schauspieler zufällt, d. h. wenn die Tragödien von dem ersten tragischen und die Komödien vom ersten komischen Schauspieler inszeniert werden und wenn beide ganz allein die Leitung des Ganzen innehaben. [Ich sage: sie allein, weil ich weiß, wieviel Leute es bei uns gibt, die bei jeder Sache dabei sein wollen und sich überall herandrängen. Sowie irgendein Posten geschaffen wird, der mit irgendwelchen Geldeinnahmen verknüpft ist, so ist auch schon irgendein Sekretär bei der Hand, der sich hinzudrängt. Woher er plötzlich kommt, das weiß Gott allein: es ist, wie wenn er plötzlich aus dem Wasser emporgetaucht wäre; er beweist euch sofort, so klar wie daß zwei mal zwei vier ist, seine Unentbehrlichkeit, beginnt damit, daß er Papiere und Akten über ökonomische Fragen vollschreibt und dann fängt er allmählich an, sich in alles hineinzumengen, bis schließlich alles in Unordnung gerät. Diese Sekretäre sind wie ein unsichtbarer Mottenschwarm; sie haben alle Berufe und Ämter unterwühlt, und das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen einerseits und den Untergebenen und Vorgesetzten andererseits gänzlich verwirrt und verschoben. Wir haben uns erst neulich über alle Berufe und Ämter unterhalten, die es in unserem Vaterlande gibt. Indem wir ein jedes Amt innerhalb der ihm gezogenen Grenzen betrachteten, fanden wir, daß sie gerade das sind, was sie sein sollen, daß sie gewissermaßen wie durch die Hand des Höchsten dafür geschaffen sind, um allen Bedürfnissen unseres Staatslebens zu genügen, und daß sie alle insgesamt von ihrem wahren Ziel abgewichen sind, weil jedermann mit allen andern darum zu wetteifern schien, die Grenze der ihm gezogenen Berufspflichten zu zerstören oder sich völlig über sie hinwegzusetzen. Alle, selbst ganz kluge und ehrliche Leute, wollten durchaus, wenn auch nur um ein Zollbreit, mehr Macht haben und den Kreis ihrer Tätigkeit überschreiten, weil sie glaubten, daß sie selbst und ihr Beruf hierdurch vornehmer und edler werden müßten. Wir sind damals sämtliche Beamtenkategorien, von den höchsten bis zu den niedrigsten, durchgegangen, die Sekretäre aber haben wir vergessen, und gerade sie neigen am meisten dazu, die Grenzen ihres Berufs zu überschreiten. Wo ein Sekretär lediglich Schreiberarbeit zu leisten hat, sucht er die Rolle eines Vermittlers zwischen Vorgesetzten und Untergebenen zu spielen. Wo man eines solchen Vermittlers zwischen Vorgesetzten und Untergebenen bedarf und wo ihm diese Vermittlung übertragen wird, da beginnt er, wichtig zu tun; er tut dem Untergebenen gegenüber so, als ob er selbst sein Vorgesetzter wäre, er richtet sich ein Vorzimmer ein, läßt die Leute stundenlang auf sich warten, kurz: statt den Untergebenen den Zutritt zu ihrem Vorgesetzten zu erleichtern, trägt er nur dazu bei, ihn noch mehr zu erschweren. Und dies alles geschieht häufig nur deshalb, um der Stellung eines Sekretärs einen Schein von Vornehmheit zu geben. Ich habe sogar einige treffliche und gescheite Leute gekannt, die die Untergebenen ihres Vorgesetzten in meiner Gegenwart so behandelten, daß ich für diese Menschen erröten mußte. Mein Chlestakow war in solchen Augenblicken ein Stümper gegen sie. Dies alles wäre übrigens noch nicht so schlimm, wenn es nicht so viele traurige Folgen hätte. Viele wahrhaft nützliche und unentbehrliche Menschen sind schon aus dem Staatsdienst ausgetreten lediglich wegen der Niedertracht eines Sekretärs, der die gleiche Achtung für sich in Anspruch nahm, die sie allein dem Vorgesetzten schuldeten, und der sich, wenn ihm jemand diese Achtung verweigerte, dadurch rächte, daß er ihn zu verleumden suchte, dem Vorgesetzten eine schlechte Meinung von ihm beibrachte, kurz sich der niederträchtigsten Mittel bediente, deren nur ein ehrloser Mensch fähig ist. In den Departements für die schönen Künste usw. liegt die Oberleitung in den Händen eines Komitees oder eines unmittelbaren Vorgesetzten, der an der Spitze steht, und da gibt es meist keinen Sekretär, der die Rolle eines Vermittlers spielt: da hat er lediglich die Verfügungen anderer schriftlich zu fixieren oder er hat die Geschäftsführung und die Verwaltung der Finanzen inne; zuweilen aber kommt es doch auch dort vor, daß er sich dort infolge der Trägheit der Mitglieder oder aus irgendeinem andern Grunde immer tiefer einnistet und die Rolle eines Vermittlers oder sogar eines künstlerischen Leiters an sich reißt. Und dann ist einfach der Teufel los: der Zuckerbäcker fängt an Stiefel zu machen und der Schuster muß Kuchen backen. Ein Künstler erhält Instruktionen, die nicht von einem Künstler herrühren; es erscheint eine Verordnung, von der man überhaupt nicht verstehen kann, wozu sie erlassen worden ist. Oft wundert man sich, wie ein Mensch, der doch bis dahin ganz gescheit war, plötzlich ein so törichtes Schriftstück abfassen konnte; dabei aber ist er nicht im mindesten daran beteiligt; das Schriftstück stammt aus einer Quelle, an die kein Mensch auch nur denken konnte, wie das Sprichwort sagt: Ein Schreiber hat's hingeschmiert, dem der Name Hündchen gebührt.]