Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I
Part 7
Der Streit um den Grundcharakter unserer europäischen und slawischen Natur, der, wie du sagst, bereits in unsere Salons einzudringen beginnt, beweist nur, daß wir bereits zu erwachen anfangen, aber noch nicht ganz erwacht sind; daher ist es gar nicht verwunderlich, daß auf beiden Seiten viel törichtes Zeug zusammengeredet wird. All diese Slawisten und Europäisten -- Altgläubige und Neugläubige -- Östlinge und Westlinge -- (was sie aber in Wahrheit sind, weiß ich dir nicht zu sagen, weil sie mir bis jetzt nur eine Karikatur auf das zu sein scheinen, was sie wirklich sein wollen) -- sie alle sprechen von zwei ganz verschiedenen Seiten derselben Sache, ohne auch nur zu ahnen, daß sie sich ja gar nicht widersprechen, und daß eigentlich gar kein Anlaß zum Streit für sie vorliegt. Die einen stehen zu nahe vor einem Gebäude und sehen nur einen Teil von ihm, die andern stehen zu weit und sehen die ganze Fassade, können aber dafür die einzelnen Teile nicht genau sehen. Natürlich ist die Wahrheit mehr auf seiten der Slawophilen und Östlinge, weil sie ja doch die ganze Fassade sehen, und folglich vom Ganzen und nicht von den Teilen reden. Aber auch die Europäer und Westlinge haben bis zu einem gewissen Grade recht, weil sie mit einer gewissen Ausführlichkeit und Bestimmtheit von der Mauer reden, die sie unmittelbar vor Augen haben; ihr Fehler besteht nur darin, daß sie über dem Giebel, der diese Mauer krönt, die Spitze, in die der ganze Bau ausläuft, d. h. das Kapitäl, die Kuppel und alle oberen Teile, nicht sehen. Man könnte den einen den Rat geben, doch, wenn auch nur für einen Augenblick, etwas näher heranzukommen, und den andern, ein wenig zurückzutreten. Aber sie werden nicht darauf eingehen, weil der Geist des Hochmuts beide gefangen hält. Jeder von beiden ist überzeugt, daß das Recht ganz und ausschließlich auf seiner Seite, und das Unrecht ganz und ausschließlich auf seiten des andern ist. Freilich ist mehr Hochmut auf seiten der Slawophilen; sie prahlen gern, jeder von ihnen bildet sich ein, er habe Amerika entdeckt, und macht aus jeder Mücke, die er findet, einen Elefanten. Natürlich bringen sie mit solch trotzigen Großsprechereien die Westlinge nur noch mehr gegen sich auf, die vieles schon längst aufgegeben hätten, weil sie heute bereits mancherlei kennen lernen, wovon sie früher nie etwas gehört haben, und sich nur noch dagegen sträuben, weil sie dem allzu trotzig tuenden Gegner nicht gern nachgeben wollen. [Diese Streitigkeiten wären alle miteinander nicht gefährlich, wenn sie sich nur auf die Salons und die Zeitschriften beschränkten. Das Schlimme ist, daß zwei entgegengesetzte Anschauungen, die noch so wenig ausgereift und geklärt sind, bereits die Köpfe vieler Männer von Ämtern und Würden zu beeinflussen beginnen. Man hat mir erzählt, es käme vor -- und dies sei besonders dort der Fall, wo ein Amt oder wo die Macht in den Händen zweier Personen liegt -- daß ein Vorgesetzter vollkommen in europäischem Geiste zu wirken und zu regieren sucht, während der andere ganz im altrussischen Geist zu wirken und alle alten Einrichtungen zu befestigen strebt, die in einem absoluten Gegensatz zu denen stehen, die sein Kollege einzuführen plant. Und daraus erwächst, sowohl für die Sache selbst wie für die Beamten, nur Unheil: sie wissen nicht mehr, wem sie gehorchen sollen. Und da beide Ansichten, trotzdem sie so extrem sind, noch keinem völlig klar sind, machen sich, wie man sagt, allerhand Schelme diesen Umstand zunutze. Auch der Gauner hat jetzt die Möglichkeit, sich, sei es unter der Maske eines Slawophilen oder Europaschwärmers -- wie sich's trifft -- d. h. je nachdem was dem Vorgesetzten gerade mehr gefällt, ein hübsches Pöstchen zu ergattern und dort entweder als Verteidiger der alten Sitten oder als Vorkämpfer einer neuen Ordnung allerhand Durchstechereien zu verüben.] Diese Streithändel sind überhaupt eine Angelegenheit, an der sich klügere und ältere Leute nicht beteiligen sollten. Mag sich doch die Jugend zuerst gründlich austoben: das ist ihre Sache. Glaube mir, es ist nun einmal so und muß auch so sein, daß sich die größten Schreier gründlich sattschreien müssen, damit die klugen Leute unterdessen einmal gründlich nachdenken können. Höre aufmerksam zu, wenn sich die Menschen um dich herum streiten, aber mische dich nicht selbst in ihren Streit. Die Idee des Werks, das du schreiben willst, ist sehr vernünftig, und ich bin sogar überzeugt, daß du dies besser machen wirst, als ein großer Schriftsteller. Nur um eins bitte ich dich, arbeite nach Möglichkeit nur in Stunden größter Kaltblütigkeit und Ruhe daran. Gott bewahre dich vor jeglicher Heftigkeit und Hitze, auch bei dem unbedeutendsten Ausdruck. Zorn ist nie am Platze, am wenigsten bei einer guten Sache, weil er ihr gutes Recht nur trübt und verdunkelt. Sei immer eingedenk, daß du kein Jüngling mehr, sondern bereits ein Mann in vorgeschrittenem Alter bist. Einem jungen Mann stünde es vielleicht noch an, heftig zu sein und zu zürnen: wenigstens verleiht ihm der Zorn in den Augen mancher Leute etwas Schönes. Wenn dagegen ein alter Mann heftig wird, wird er ganz einfach häßlich und wird von den jungen Leuten verspottet und lächerlich gemacht. Siehe zu, daß man nicht einmal von dir sagt: »Dieser häßliche, alte Mann! Sein ganzes Leben lang hat er auf der Bärenhaut gelegen und nichts getan und nun tritt er plötzlich auf und macht andern Leuten Vorwürfe wegen ihres schlechten Lebenswandels.« Aus dem Munde eines alten Mannes sollen nur gütige, nicht aber laute und polternde Worte kommen. Ein Geist reinster Milde und Sanftmut muß die hohen Reden des Greises durchwehen, so daß die jungen Leute kein Wort der Entgegnung finden und das Gefühl haben, daß jede Rede hier unziemlich wäre und daß ein ergrautes Haupt etwas Ehrwürdiges habe.
1844.
XII Der Christ schreitet vorwärts An Schtsch--w
Mein Freund! Halte dich nicht für mehr, als für einen Lehrling und für einen Schüler. Glaube nicht, daß du schon zu alt bist, um noch zu lernen, daß deine Kräfte und Fähigkeiten schon die rechte Reife und den höchsten Grad der Entwicklung erreicht und daß dein Charakter und deine Seele schon ihre rechte Gestalt angenommen haben und nicht mehr besser werden können. Für einen Christen gibt es keine vollendete Lehrzeit, er bleibt ein ewiger Lehrling, ein Schüler bis zum Grabe. Nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge erreicht der Mensch seine höchste Verstandesreife mit dreißig Jahren. Zwischen dem dreißigsten und vierzigsten Jahre geht es mit seinen Kräften noch ein wenig aufwärts; jenseits dieser Altersgrenze aber gibt es kein Fortschreiten mehr und wird alles, was der Mensch produziert, nicht nur keineswegs besser, sondern sogar schwächer und kälter als das, was er früher hervorgebracht hat. Dies gilt jedoch nicht für einen Christen, und wo für die andern die Grenze der Vollkommenheit liegt, da beginnt der Weg erst für den Christen. Die begabtesten und fähigsten Menschen werden, wenn sie das vierzigste Jahr überschritten haben, stumpf, müde und schwach. Nimm alle Philosophen und die größten weltumspannenden Genies: ihre Blütezeit fällt in die Epoche ihrer besten Mannesjahre; von da ab beginnt ihr Geist bereits nachzulassen, und im Alter fallen sie sogar häufig in Kindheit zurück. Denke zum Beispiel an Kant, der während seiner letzten Jahre fast gänzlich das Gedächtnis verlor, ein Kind wurde und starb. Vergleiche damit das Leben aller Heiligen, und du wirst sehen, daß sie an Verstand und Geisteskräften erstarkten, je gebrechlicher sie wurden und je mehr sie sich dem Tode näherten. Selbst die unter ihnen, die von Natur keineswegs mit glänzenden Gaben ausgestattet waren und ihr ganzes Leben lang für einfältig und dumm galten, setzten die Menschen später durch die Weisheit ihrer Reden in Erstaunen. Woher kommt das wohl? Weil sie sich jene vorwärtstreibende Kraft erhielten, die jeder andere Mensch nur während seiner Jugendjahre besitzt, wenn er von Heldentaten träumt, denen der Lohn des allgemeinen Beifalls winkt, wenn er noch in rosige Fernen blickt, die für den Jüngling soviel Verlockendes haben. Versinken aber diese Fernen erst einmal und mit ihnen die Heldentaten -- so erlischt auch die Kraft, die ihn vorwärts treibt. Vor dem Christen aber strahlt ewig eine lockende Ferne und ihm stehen stets unvergängliche Heldentaten bevor. Wie ein Jüngling sehnt er sich nach den Kämpfen des Lebens; ihm fehlt es nie an einem Feind, gegen den er zu streiten und anzukämpfen hätte, weil sein in sich zurückgewandter Blick, der immer an Schärfe und Klarheit zunimmt, ihm in seinem Innern stets neue Gebrechen und Fehler aufdeckt, die ihn zu neuen Kämpfen aufrufen. Daher können auch seine Kräfte nie ganz einschlummern oder schwächer werden, sie werden vielmehr unaufhörlich geweckt, und der Wunsch, besser zu sein und sich den himmlischen Beifall zu verdienen, ist ihm ein solcher Ansporn, wie ihn nicht einmal der ehrgeizigste Mensch in seiner unersättlichen Ehrsucht besitzt. Das ist der Grund, weswegen der Christ noch weiter fortschreitet, wenn die andern Menschen bereits Rückschritte machen, und warum er immer klüger wird, je weiter er fortschreitet.
Der Verstand ist nicht das höchste Vermögen in uns. Er hat lediglich polizeiliche Funktionen; er kann nur die Dinge ordnen und jedem Ding seinen Platz anweisen, das bereits in uns liegt. Er selbst aber schreitet nicht vorwärts, wenn ihm die beiden andern Vermögen in uns, aus denen er seine Weisheit schöpft, nicht vorangehen. Abstrakte Lektüre, Grübeleien und ein fortgesetztes Studium aller Wissenschaften tragen nur sehr wenig zu seiner Entwicklung bei: zuweilen ersticken sie ihn sogar und hemmen sie ihn in seiner selbständigen Entwicklung. Er ist weit abhängiger von den Zuständen des Gemüts: sowie die Leidenschaften in uns zu toben beginnen, wird er blind und töricht; ist unsere Seele dagegen ruhig und von keiner Leidenschaft bewegt, so erhellt und klärt auch er sich und läßt uns klug und weise handeln. Die Vernunft ist ein weit höheres Vermögen; aber sie wird nur durch den Sieg über die Leidenschaften erworben. Nur solche Menschen haben sie besessen, die ihre eigene Selbsterziehung nie vernachlässigten. Aber auch die Vernunft setzt den Menschen noch nicht in den Stand, fortzuschreiten und vorwärts zu streben. Es gibt ein noch höheres Vermögen; es heißt Weisheit, und diese kann uns nur Christus allein verleihen. Sie wird keinem von uns bei seiner Geburt in die Wiege gelegt, sie ist keinem von uns angeboren, sondern ist ein Geschenk der höchsten, himmlischen Gnade. Der, der schon Verstand und Vernunft besitzt, kann sich die Weisheit nur dadurch erwerben, daß er Gott Tag und Nacht immer wieder in heißem Gebet bittet, sie ihm herabzusenden, daß er seine Seele bis zur reinsten unschuldigsten Güte und Milde erhebt und alles in sich nach bestem Vermögen reinigt und in Ordnung bringt, um diesen himmlischen Gast in sich aufzunehmen, der solche Wohnungen meidet, in denen noch keine Ordnung im seelischen Hausgerät herrscht und wo noch nicht alles ganz einträchtig und harmonisch zusammenklingt. Wenn jedoch die Weisheit das Haus betritt, dann beginnt ein himmlisches Leben für den Menschen, und er lernt die ganze wundersame Süßigkeit kennen, die darin liegt, ein Schüler zu sein; die ganze Welt wird seine Lehrerin, der geringste unter den Menschen kann ihm zum Lehrer werden. Aus dem einfachsten Rat weiß er die weise Belehrung, die in ihm steckt, herauszulesen; das törichteste Ding wendet ihm seine tiefste, klügste Seite zu, und das ganze Weltall liegt vor ihm, wie ein offenes Buch der Weisheit; mehr Schätze als alle andern wird er aus diesem Buch schöpfen, denn weit lauter als den andern wird es ihm aus ihm entgegentönen, daß er ein Schüler ist. Sollte ihn jedoch auch nur für einen Augenblick der Wahn anwandeln, daß seine Lehrjahre beendet seien, daß er kein Schüler mehr sei, und sollte er sich durch eine ihm erteilte Lehre oder Belehrung gekränkt fühlen, so wird die Weisheit plötzlich von ihm genommen werden, und er wird im Dunkeln zurückbleiben, wie König Salomon in seinen letzten Tagen.
1846.
XIII Karamsin Aus einem Brief an N. M. Jasykow
Ich habe den Aufsatz, den Pogodin zu Ehren Karamsins geschrieben hat, mit großem Vergnügen gelesen. Das ist Pogodins beste Arbeit, sowohl der Sauberkeit und Vornehmheit des Inhalts, als auch der äußeren Form nach: seine gewöhnlichen groben und plumpen Ausfälle fehlen hier ganz, und auch der Stil hat nichts von jener rohen Flüchtigkeit, die ihm so sehr schadet. Vielmehr ist hier alles schön aufgebaut, wohl überlegt, geordnet und vorzüglich disponiert. Alle Stellen aus Karamsin sind so klug ausgewählt, daß Karamsin gewissermaßen ganz durch sich selbst beleuchtet wird, er charakterisiert sich gleichsam selbst, bestimmt sich mit seinen eigenen Worten den Wert und tritt damit dem Leser lebendig vor Augen. Denn Karamsin ist in der Tat eine außergewöhnliche Erscheinung. Unter unseren Schriftstellern ist er sicherlich der, von dem man mit dem meisten Recht behaupten kann, er habe seine Aufgabe ganz erfüllt, sein Pfund nicht in der Erde vergraben und für die fünf Talente, die ihm verliehen waren, noch fünf neue hinzuerworben! Karamsin war der erste, der den Beweis erbracht hat, daß ein Schriftsteller bei uns unabhängig sei und von allen gleichmäßig als angesehenster Bürger unseres Staates geachtet werden kann. Er hat zuerst feierlich verkündet, daß die Zensur einem Schriftsteller nicht im Wege stehen könne, und daß sie, wenn er nur in so hohem Maße von dem reinen Streben nach dem Guten beseelt sei, daß dieses Streben seine ganze Seele erfüllt, ihm in Fleisch und Blut übergegangen und sein tägliches Brot geworden ist, nie zu streng gegen ihn verfahren werde, und daß er überall Freiheit genießen könne. Er hat das ausgesprochen und bewiesen. Kein Mensch hat eine so kühne und edle Sprache geführt wie Karamsin, ohne daß er darum seine eigenen Gedanken und Meinungen zu unterdrücken brauchte, trotzdem sie durchaus nicht in allen Punkten mit den Anschauungen der damaligen Regierung übereinstimmten, und man hat unwillkürlich das Gefühl, daß er allein ein Recht dazu hatte. Welch eine Lehre für einen Schriftsteller! Und wie komisch erscheinen danach die unter uns, die da behaupten, man könne in Rußland nie die ganze Wahrheit sagen, denn sie sei uns ein Dorn im Auge! Und dabei drücken sie sich selbst so töricht und roh aus, daß sie weit mehr, als durch die Wahrheit selbst, durch die hochmütigen Worte verletzen, mit denen sie ihre Wahrheit zum Ausdruck bringen, und deren maßlose Heftigkeit nur die Zuchtlosigkeit eines undisziplinierten verworrenen Geistes bezeugt; und dann wundern sie sich noch und sind sie empört, daß niemand ihre Wahrheit anerkennen und anhören will! Nein, man muß ein so reines, harmonisches Gemüt besitzen wie Karamsin, dann erst hat man ein Recht, jene Wahrheit zu verkünden: dann werden uns alle anhören, vom Zaren bis herab zum letzten Bettler im Staate; ja man wird uns mit solch einer Liebe und Hingebung zuhören, wie man in keinem Lande der Welt einem parlamentarischen Redner und Verteidiger der Bürgerrechte und keinem der hervorragenden Prediger zuzuhören pflegt, die die Elite der modernen Gesellschaft um sich versammeln. Mit solch einer Liebe und Hingebung vermag eben nur unser herrliches Rußland zuzuhören [von dem man sich erzählt, daß es die Wahrheit überhaupt nicht liebt].
1846
XIV Vom Theater, von einer einseitigen Ansicht über das Theater und von der Einseitigkeit überhaupt An den Grafen A. P. T...