Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I
Part 10
Verherrliche in einem feierlichen Hymnus den stillen bescheidenen Arbeiter, der -- ein Ruhm und eine Ehre des edlen russischen Wesens -- mitten unter den waghalsigsten dreistesten Wucherern lebt und der in seiner Unbestechlichkeit nie ein Geschenk annimmt, selbst dort nicht, wo sich alles um ihn herum bestechen läßt. Verherrliche ihn, seine Familie, sein edles Weib, das lieber selbst in einer altmodischen Haube einhergeht und sich dem Gespött der Leute aussetzt, als zuläßt, daß ihr Mann etwas Niederträchtiges oder Schlechtes begeht. Stell' ihre herrliche Anmut so dar, daß sie vor allen Augen aufstrahle wie ein Heiligtum, und daß einen jeden die Sehnsucht nach ihr ergreife.
Laß einen Hymnus zum Preis jenes Recken erklingen, wie er nur aus russischen Landen hervorgehen kann, der plötzlich aus seinem schmählichen Schlummer erwacht, sich gänzlich verwandelt und mit einem Schlage ein anderer wird: der offen und vor aller Welt seine Schlechtigkeit und seine abscheulichen Laster verflucht und der gewaltigste Streiter und Vorkämpfer des Guten wird. Zeig' uns, wie sich diese ungeheure gewaltige Tat in der echten russischen Seele vollzieht, aber stell' es so dar, daß die russische Seele in jedem von uns unwillkürlich erbebt und daß jeder, selbst der Mann der unteren Stände ausrufen muß: Wackerer Mann! und von dem Gefühl ergriffen wird, daß auch er dasselbe vollbringen kann.
Groß, gewaltig groß ist die Zahl der Gegenstände für einen lyrischen Dichter -- ein ganzes Buch würde kaum genügen, um sie aufzuzählen, geschweige denn ein Brief. Alle wahrhaften russischen Gefühle verkümmern, und es ist niemand da, der sie zu wecken vermöchte! Es schlummert unsere Kühnheit, und es schlummern unser Wagemut und unsere Entschlossenheit zur Tat, es schlummert unsere unerschütterliche Kraft und Stärke, es schläft unser Verstand, der völlig von den Interessen eines mattherzigen, weibischen gesellschaftlichen Lebens absorbiert wird, das uns unter dem Namen der Aufklärung aufgedrängt worden und als Begleiterscheinung aller möglicher sinnloser und kleinlicher Neuerungen bei uns eingezogen ist. Reib dir den Schlaf aus den Augen und geh hin und rüttle auch die andern aus dem Schlummer auf. Wirf dich vor deinem Gott auf die Knie und flehe ihn an, er solle deinem Herzen Zorn und Liebe senden: Zorn wider das, was dem Menschen verderblich ist, und Liebe -- für die arme Menschenseele, die alle mit Verderben bedrohen und die er selbst zugrunde richtet. Die Worte und Ausdrücke wirst du schon finden: nicht Worte, sondern flammende Blitze werden aus deinem Munde zucken, wie aus dem der alten Propheten, wenn du die Sache nur gleich ihnen zu deiner eigensten Angelegenheit, zu einer Angelegenheit deines innersten Wesens machen, wenn du nur gleich ihnen Asche auf dein Haupt streuen, deine Kleider zerreißen und Gott weinend darum anflehen wirst, die Kraft auf dich herabzusenden, und wenn du die Errettung deines Landes mit solcher Glut und Inbrunst herbeisehnen wirst, wie sie die Errettung ihres von Gott erwählten Volkes herbeigesehnt haben.
1844.
XVI Ratschläge An S. P. Schewyrew
Indem wir andre belehren, lernen wir selbst. Während dieser schweren Zeit der Krankheit, zu der sich auch noch schwere seelische Leiden gesellt haben, war ich genötigt, einen so regen Briefwechsel zu unterhalten, wie ich ihn bisher noch nicht geführt habe. Und wie mit Absicht war dies beinahe für alle, die meinem Herzen nahe stehen, eine Zeit voll innerer Erlebnisse und Erschütterungen. Sie alle wandten sich, wie von einem dunklen Instinkt getrieben, an mich und verlangten Rat und Hilfe von mir. Jetzt erst erkannte ich, welch nahe Verwandtschaft die Seelen der Menschen miteinander verbindet. Man muß nur selbst ernsthaft gelitten haben, um jeden Leidenden zu verstehen und um beinahe sicher zu sein, was man ihm zu sagen hat. Aber mehr noch: auch unser Verstand wird klarer; die Lage der Menschen und ihre Berufstätigkeit, in die man bisher keinen Einblick hatte, werden einem plötzlich deutlich und verständlich, und es wird einem klar, wessen ein jeglicher bedarf. Während der letzten Zeit kam es sogar vor, daß ich Briefe von Menschen erhielt, die mir fast gänzlich unbekannt waren, und daß ich ihnen Ratschläge erteilen konnte, die ich früher nie hätte erteilen können. Und dabei bin ich doch gewiß nicht klüger als irgendein anderer Mensch. Ich kenne Menschen, die weit klüger und gebildeter sind und die sehr viel nützlichere Ratschläge erteilen könnten als ich, aber sie tuen es dennoch nicht und wissen nicht einmal, wie man so etwas macht. Gott ist groß, und Er ist es, der uns die Weisheit schenkt. Wodurch aber macht Er uns weise? Durch dasselbe Leiden, dem wir zu entfliehen suchen und vor dem wir uns verbergen. Es ist unsere Bestimmung, daß wir uns durch Kummer und Leiden ein Körnchen von jener Weisheit erwerben sollen, die wir aus keinem Buche zu lernen vermögen. Wer sich jedoch bereits ein solches Körnchen erworben hat, der hat schon nicht mehr das Recht, es vor den anderen zu verbergen und geheimzuhalten. Es ist nicht mehr unser, sondern Gottes. Gott hat es in dir hervorgebracht; und alle Gaben Gottes werden uns deshalb verliehen, damit wir mit ihrer Hilfe unseren Mitbrüdern dienen können. Er hat geboten, daß wir einander fortwährend belehren sollen. Nun denn, so ruhe nicht und stehe andern mit Rat und Belehrung zur Seite. Wenn du jedoch willst, daß das auch dir zugleich von Nutzen sei, so tue so, wie ich es für richtig halte und wie ich es mir von nun ab für immer zum Gebot meines Handelns gemacht habe. Jeden Ratschlag und jede Belehrung, die du jemand erteilst, sei es selbst einem Menschen, der auf der niedrigsten Bildungsstufe steht und mit dem du nichts gemein haben kannst, richte zugleich an dich selbst, und was du dem andern geraten hast, das rate dir selbst; was du an einem andern zu tadeln fandest, das mache dir sogleich auch selbst zum Vorwurf. Glaube mir, alles wird auch auf dich passen, und ich weiß nicht einmal, ob es einen Fehler gibt, den man sich nicht selbst vorzuwerfen hätte, wenn man nur tiefer in sich selbst hineinblickt. Deine Waffe sei zweischneidig. Selbst wenn du dich einmal über einen Menschen ärgerst und ihm zürnst, so zürne zugleich dir selbst, wenn auch nur deswegen, weil du einem andern zürnen konntest. Tue das unter allen Umständen! Lasse dich selbst nie aus den Augen! In dieser Beziehung mußt du Egoist sein. Der Egoismus ist gar keine so häßliche Eigenschaft. Die Menschen hätten ihm bloß keine so schlimme Deutung geben sollen. Und doch liegt dem Egoismus eine große Wahrheit zugrunde. Kümmere dich vor allem um dich selbst und dann erst um die andern; suche zuerst selbst besser und reineren Herzens zu werden und dann erst sorge dafür, daß die andern besser und reiner werden.
1846.
XVII Über die Aufklärung An W. A. Schukowski
Ich schreibe dir noch einmal von der Reise. Bruder! Ich danke dir für alles. Am Grabe des Herrn will ich zu Gott beten, Er möge mir die Kraft verleihen, dir auch nur einen Teil von all dem wiederzuerstatten, das du in deiner Güte und Klugheit an mir getan hast. Glaube und laß dich nicht irremachen in deinem Herzen. Wenn du nach Moskau kommst, wird es dir so erscheinen, als ob du in den Schoß deiner eigenen lieben Familie kämest. Moskau wird dir wie ein ersehnter Hafen erscheinen, und du wirst es dort ruhiger haben, als hier. Weder der sinnlose Lärm des leeren Weltgetriebes noch das ewige Wagengerassel wird dich beunruhigen; rücksichtsvoll wird man die Straße vermeiden, in der du wohnen wirst. Und selbst wenn jemand angefahren kommen sollte, um dich zu besuchen -- ein alter Freund, oder ein Mensch, den du bisher noch nicht kanntest, so wird er dir zuvorkommen und dich bitten, ihm keinen Gegenbesuch zu machen, um dir nur ja keinen Augenblick deiner Zeit zu rauben. Bei uns versteht man sich darauf und weiß man sehr gut, wie man einen Menschen ehrt, der seine Schuldigkeit ganz getan hat. Wer all seine Gaben so einwandfrei treu und ehrlich ausgenutzt hat, ohne seine Fähigkeiten einschlafen zu lassen, ohne sich sein Leben lang je einen Augenblick der Trägheit hinzugeben, wer sich im Alter die Frische der Jugend erhalten hat, während alle um ihn herum sie in törichten Ausschweifungen ausgegeben haben und während die Jungen gebrechliche Greise geworden sind, der hat Anspruch auf Achtung und Ehrfurcht. Du wirst in Moskau leben wie ein Patriarch, und die Jugend wird den Worten des Greises lauschen und sie hüten, wie lauteres Gold. Deine Odyssee wird von großem Nutzen für die allgemeine Sache sein; das sage ich dir voraus. Sie wird dem Menschen von heute, der sich durch die Verworrenheit unseres Lebens und unserer Gedanken ermüdet fühlt, seine Frische wiedergeben, durch sie wird er vieles in einem neuen Lichte sehen, was er als alten Plunder, der keinen Wert für das Leben hat, von sich geworfen hat. Sie wird ihn der Schlichtheit und Einfachheit wiedergeben. Aber nicht weniger, wenn nicht noch mehr gute Früchte werden die Werke bringen, auf die dich Gott selbst hingewiesen hat, und die du mit Recht noch geheimhältst. Auch sie werden einem allgemeinen Bedürfnis entsprechen. So laß denn den Mut nicht sinken und schaue fest und ruhig in die Zukunft! Laß dich nicht schrecken durch die Mißform und die Disharmonie, der du begegnest. Es gibt mitten in unserem Lande eine Macht, die mit allem versöhnt und alles zur Eintracht bringt, und die bisher noch nicht alle sehen -- unsere Kirche. Doch schon rüstet sie sich, von ihren Rechten vollen Besitz zu nehmen und ihr Licht hell über die ganze Erde erstrahlen zu lassen. In ihr ist alles enthalten, dessen man für ein Leben in wahrhaft russischem Sinne und Geiste, und zwar in jeder Beziehung und jeglicher Rücksicht: sowohl für das staatliche wie für das gewöhnliche Familienleben bedarf, sie schafft die rechte Stimmung und Disposition für alles, sie weist allem die Richtung und den rechten, richtigen Weg. Meiner Ansicht nach ist schon der bloße Gedanke, unter Ignorierung unserer Kirche Reformen in Rußland einzuführen, ohne sich ihren Segen dazu erbeten zu haben, eine Torheit. Ja, es wäre sogar unsinnig, wenn wir selbst unserer Denkweise allerhand aus Europa stammende Gedanken aufpfropfen wollten, ehe sie von der Kirche die Weihe erhalten und ehe sie vom Licht des Christentums verklärt worden sind. Du wirst sehen, du wirst Zeuge davon sein, wie das in Rußland mit einem Schlage von allen -- von den Gläubigen wie von den Ungläubigen -- zugegeben werden und wie unsere Kirche plötzlich, von allen erkannt und verstanden, dastehen wird. Es war wohl der Wille der Vorsehung, daß so viele von einer unerklärlichen Blindheit geschlagen werden sollten. Wenn ich die Fäden der Weltereignisse sorgsam aneinanderzulegen versuche, dann erkenne ich die ganze Weisheit Gottes, die darin liegt, daß Er zuerst eine vorübergehende Spaltung innerhalb der Kirche geschehen ließ, der einen gebot, unbeweglich und gleichsam in einer großen Entfernung und Entfremdung von den Menschen zu verharren, und bestimmte, daß die andere in ihre Unruhe und Bewegung hineingezogen werde, daß Er der einen gebot, keine Reformen oder Neuerungen zuzulassen, außer denen, die von den heiligen Männern der besten Zeiten des Christentums und von den ersten Vätern der Kirche eingeführt wurden -- während Er die andere hieß, sich in stetigem Wandel an alle Zeitumstände, den Geist und die Gewohnheiten der Menschen anzupassen und alle möglichen Neuerungen durchzuführen, selbst solche, die von sündhaften und lasterhaften Priestern ausgingen, daß Er die eine gleichsam der Welt absterben und die andre gewissermaßen die Herrschaft über die ganze Welt gewinnen ließ, daß Er die eine hieß, sich gleich der bescheidenen Maria aller Sorgen um das Irdische zu entschlagen und sich zu den Füßen des Herrn niederzulassen, auf daß sie sich recht tief mit Seinem Worte erfülle, ehe sie hinginge, es anzuwenden und es den Menschen zu verkünden, der andern dagegen gebot, gleich der sorgsamen Martha, sich wie eine gastfreie Hausfrau um die Menschen zu kümmern, und ihnen die noch nicht völlig durchdachten Herrenworte mitzuteilen. Die erste hatte das bessere Teil erwählt; sie lauschte lange und aufmerksam den Worten des Herrn und ertrug geduldig die Vorwurfe der kurzsichtigen Schwester, die sich sogar erdreistete, sie einen _toten_ Leichnam zu nennen, sie des Irrglaubens zu beschuldigen und ihr vorzuwerfen, daß sie vom Herrn abgefallen sei. Es ist nicht leicht, Christi Wort auf die Menschen anzuwenden, daher mußte sie sich zuvor tief von ihm durchdringen lassen. Dafür hat sich in unserer Kirche alles erhalten, dessen unsere erwachende Gesellschaft bedarf. Sie ist Steuer und Richtmaß der kommenden neuen Ordnung der Dinge, und je tiefer ich mich mit Herz, Verstand und Gemüt in sie versenke, um so mehr wundere ich mich, welch erstaunliche Möglichkeiten für eine Versöhnung der Widersprüche in ihr liegen, die die römische Kirche nicht zur Aussöhnung zu bringen vermag. Die römische Kirche mochte noch ausreichen für die frühere unkomplizierte Ordnung der Dinge; sie konnte vielleicht zur Not die Welt lenken und sie mit Christus aussöhnen, solange die Menschheit noch so unvollkommen und einseitig entwickelt war. Jetzt dagegen, wo die Menschheit zu einer so vollkommenen Entwicklung aller ihrer Kräfte und aller ihrer Fähigkeiten -- der guten sowohl wie der bösen -- gelangt ist, jetzt kann die römische Kirche die Menschen Christus nur entfremden: je mehr sie um den Frieden und die Einigkeit besorgt ist, um so mehr Hader sät sie, da sie mit ihrem dünnen Licht nicht imstande ist, die Dinge, so wie sie sich heute darstellen, von allen Seiten zu beleuchten. Alle sind sich darüber klar, daß sie mit der Aufstellung so vieler menschlicher Satzungen, die von solchen Kirchenfürsten herrühren, die noch keineswegs durch die Heiligkeit ihres Lebenswandels der höchsten und allumfassenden christlichen Weisheit teilhaftig geworden waren, sich ihren Blick für die Welt und das Leben verengt hat und diese nicht mehr zu umfassen vermag. Einen allseitigen vollständigen Blick für das Leben gibt es jetzt nur noch auf ihrer östlichen Hälfte, die offenbar für eine spätere und höhere Entwicklungsstufe der Menschheit prädestiniert ist. In ihr kann sich nicht nur Herz und Seele des Menschen, sondern auch sein Verstand in seinen höchsten und edelsten Fähigkeiten frei entfalten. Sie ist nur Weg und Richtung, um alle Kräfte und Vermögen der Menschen in einem einmütigen Hymnus auf das höchste Wesen zusammenzuführen. Freund, laß dich nicht irremachen! Und wenn die heutigen Verhältnisse noch siebenmal verwickelter wären -- unsere Kirche wird sie alle entwirren und zur Versöhnung bringen. Wie von einem dunklen Instinkt geleitet, beginnen selbst unsere Weltleute, die sich unter uns bewegen, bereits etwas davon zu ahnen, daß wir einen Schatz besitzen, in dem unsere Rettung liegt, -- der sich mitten unter uns befindet und den wir nicht bemerken. Dieser Schatz wird eines Tages hell aufstrahlen, und sein Glanz wird auf jedes Ding fallen. Und diese Zeit ist nicht mehr fern. Wir führen jetzt immer das sinnlose Wort Aufklärung im Munde, und dabei haben wir es uns nicht einmal überlegt, woher dies Wort stammt und was es bedeutet. Dies Wort gibt es in keiner Sprache, es existiert nur bei uns. Aufklären[4] heißt nicht belehren, unterweisen, bilden oder gar erleuchten, sondern den Menschen bis in sein Innerstes hinein mit all seinen Kräften und Vermögen _durch_leuchten, nicht nur seinen Verstand; heißt sein ganzes Ich wie durch ein reinigendes Feuer hindurchgehen lassen. Dieses Wort stammt aus dem Sprachschatz unserer Kirche, die es bereits gegen tausend Jahre lang gebraucht, trotz aller Finsternis und trotz der Wolken und Nebel der Unwissenheit, die sie von allen Seiten umwogen, und sie weiß, warum sie es braucht. Nicht umsonst hebt der Oberpriester beim Hochamt den dreiarmigen Leuchter, das Sinnbild der heiligen Dreieinigkeit, und den zweiarmigen Leuchter, das Sinnbild Seines heiligen Wortes, das in doppelter Gestalt als Gott und Mensch zu uns auf die Erde herabgestiegen ist, mit beiden Händen empor, weiht alle mit ihnen und spricht: »Christi Licht erleuchtet, heiliget, verkläret alle!« Und nicht umsonst ertönen während eines andern Teils der Messe in kurzen Abständen, als kämen sie vom Himmel, die Worte an eines jeden Ohr: »Das Licht der Aufklärung!« ohne daß etwas anderes zu ihnen hinzugefügt würde.
1846.
[Fußnote 4: Das russische Wort für Aufklärung hat noch den Nebensinn der »_Durchleuchtung_«. Anm. des Herausgebers.]
XVIII Vier Briefe an verschiedene Personen über die »Toten Seelen«
I.
Sie haben unrecht, sich so über den maßlosen Ton aufzuregen, in dem manche Angriffe gegen die »Toten Seelen« geschrieben sind: das hat auch seine gute Seite. Mitunter brauchen wir Menschen, die über uns empört sind. Wer ganz von der Schönheit einer Sache ergriffen ist, der sieht die Mängel nicht und verzeiht alles; wer uns dagegen zürnt und gegen uns erbittert ist, der wird versuchen, alles Häßliche, allen Unrat in uns aufzuwühlen und ihn so deutlich ans Licht zu stellen, daß wir ihn sehen müssen, ob wir nun wollen oder nicht. Man bekommt so selten die Wahrheit zu hören, daß man schon um eines kleinen Körnchens Wahrheit willen die Kränkung verzeihen sollte, die in dem Ton liegt, in dem sie ausgesprochen wird. In den Kritiken Bulgarins, Ssenkowskis und Polewois steckt viel Richtiges, ja selbst in dem Rat, der mir gegeben wird, ich solle zuerst einmal Russisch lernen und dann Bücher schreiben. In der Tat, wenn ich mich mit der Drucklegung des Manuskripts nicht so beeilt hätte und es noch ein Jahr lang liegen gelassen hätte, so hätte ich wohl selbst gesehen, daß das Buch unter keinen Umständen in einem so rohen und unordentlichen Zustand hätte erscheinen dürfen. Ja, selbst die Epigramme und die Scherze, die gegen mich gerichtet wurden, hatte ich nötig, trotzdem sie mir zuerst durchaus nicht gefielen und mir keineswegs angenehm waren. O wie sehr bedürfen wir der ständigen Püffe und Stöße, wie sind uns dieser beleidigende Ton und diese boshaften aufs tiefste verwundenden Spöttereien vonnöten! Auf dem Grunde unserer Seele liegt soviel kleinliche armselige Eitelkeit, soviel häßlicher leicht verletzter Ehrgeiz verborgen, daß wir in einem fort Püffe erhalten und mit allen nur möglichen Zuchtruten gezüchtigt werden sollten, ja wir sollten uns stets dankbar über die Hand freuen, die uns züchtigt.
Indessen wünschte ich mir doch noch mehr Kritiken, die nicht von Literaten, sondern von Menschen herrühren, deren eigentliches Tätigkeitsfeld das Leben selbst ist. Von praktisch tätigen Leuten hat sich -- abgesehen von den Literaten -- wie zum Tort für mich auch nicht ein einziger geäußert. Und doch haben die »Toten Seelen« viel von sich reden gemacht und viel Unwillen erregt; sie haben viele durch Spott und Karikatur und die in ihnen enthaltene Wahrheit im Innersten getroffen; sie haben Verhältnisse berührt, die ein jeder täglich vor Augen hat, obwohl sie freilich andererseits auch wieder voller Fehler, Versehen und Anachronismen sind und an einer offenbaren Unkenntnis vieler Gegenstände kranken; hie und da habe ich sogar mit Vorbedacht manch Anstößiges und Verletzendes aufgenommen; ich dachte mir: vielleicht wird mich jemand tüchtig dafür ausschelten und mir in seinem Ärger und Zorn die Wahrheit sagen, die ich hören will. Ach, wenn doch nur eine Menschenseele ihre Stimme erhoben hätte! Und doch hätte jeder dies leicht gekonnt. Und wieviel Gescheites hätte er sagen können! Ein Beamter hätte mir offen vor allen Leuten die Unwahrscheinlichkeit der von mir geschilderten Vorgänge nachweisen können, da er mir nur zwei oder drei Vorgänge hätte vorzuhalten brauchen, die sich wirklich ereignet haben, und so hätte er mich gründlicher widerlegt, als mit vielen Worten; und in derselben Weise hätte er für die Wahrheit meiner Schilderungen eintreten und den Beweis für sie erbringen können. Durch Anführung einer Begebenheit, die sich wirklich ereignet hat, beweist man viel mehr, als durch leere Worte und literarische Redensarten. Und das gleiche hätte der Kaufmann, der Gutsbesitzer, kurz jedermann, der des Lesens und Schreibens kundig ist, tun können, ob er nun ein eingefleischter Stubenhocker ist oder das weite russische Land in allen Richtungen durchstreift. Hat doch ein jeder Mensch, auch wenn er bereits eine eigene Ansicht über die Dinge besitzt, auf der Stelle oder auf der Stufe der sozialen Ordnung, auf die er durch sein Amt, seinen Beruf oder durch seine Bildung gestellt ist, stets Gelegenheit, jeden Gegenstand von einer Seite kennen zu lernen, von der ihn kein anderer Mensch zu sehen vermag. Über die »Toten Seelen« könnte von ihrem gesamten Leserkreis ein zweites, unvergleichlich viel interessanteres Buch als die »Toten Seelen« selbst geschrieben werden; ein Buch, aus dem nicht nur ich, sondern auch die Leser selbst Belehrung schöpfen können, weil wir ja alle -- wozu sollen wir unsere Fehler verheimlichen! -- weil wir Rußland allesamt recht schlecht kennen.
Ach wenn doch nur _eine_ Seele ihre Stimme laut und für alle vernehmbar erhoben hätte! Es ist fast so, als ob alles ausgestorben wäre, wie wenn Rußland tatsächlich nicht von lebendigen, sondern nur noch von »toten Seelen« bewohnt würde. Und da wirft man mir meine mangelhafte Kenntnis Rußlands vor! Wie wenn ich, wie vom Heiligen Geiste erleuchtet, von allem unterrichtet sein müßte, was an sämtlichen Ecken und Enden Rußlands geschieht! Ich soll über alles unterrichtet sein, ohne daß mich jemand unterrichtet! Woraus aber kann ich Belehrung schöpfen, ich, ein Schriftsteller, der schon durch seinen Schriftstellerberuf zu einer sitzenden einsiedlerischen Lebensweise verurteilt, der noch dazu krank und genötigt ist, außerhalb Rußlands in der Fremde zu leben. Auf welche Weise soll ich mir diese Kenntnisse verschaffen? Die Literaten und Journalisten können mich doch nicht darüber belehren, denn sie sind doch auch Einsiedler und Stubenhocker. Der Schriftsteller hat überhaupt nur einen Lehrer: das sind die Leser selbst. Die Leser aber haben sich geweigert, mich zu belehren. Ich weiß, daß ich strenge Rechenschaft vor Gott werde ablegen müssen, weil ich meine Aufgabe nicht erfüllt habe, wie ich sollte; aber ich weiß, daß auch andere die Verantwortung für mich werden übernehmen müssen. Und das sage ich nicht ohne Grund; Gott selbst weiß es, daß ich dies nicht ohne guten Grund sage.
1843.
II.