Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I

Part 11

Chapter 112,545 wordsPublic domain

Ich habe es vorausgesehen, daß alle lyrischen Episoden in meiner Dichtung falsch aufgefaßt werden würden. Sie sind so unklar, haben so wenig Zusammenhang mit den Gegenständen, die vor den Augen des Lesers vorüberziehen, sie passen so wenig zu dem Stil und der Haltung des ganzen Werkes, daß sie die Gegner wie ihre Freunde und Verteidiger gleichermaßen irregeführt haben. Alle Stellen, wo ich in ganz allgemeiner Weise über den Schriftsteller rede, wurden auf mich bezogen; ich habe sogar über die Versuche erröten müssen, sie zu meinen Gunsten auszulegen. Aber es geschieht mir ganz recht! Unter keinen Umständen hätte ich ein Werk herausgeben dürfen, das zwar in seiner Anlage nicht schlecht, jedoch nur flüchtig und wie mit weißen Fäden zusammengeheftet war, gleich einem Anzug, den der Schneider zur Anprobe mitbringt. Ich wundere mich nur, daß so wenig Ausstellungen gegen die Kunst und das Prinzip des Schaffens gemacht worden sind. Daran sind einerseits der Ärger und Unmut meiner Kritiker, andererseits aber der Umstand schuld, daß wir nicht gewöhnt sind, tiefer nach dem Plan und dem Aufbau eines Werkes zu forschen. Man hätte darauf hinweisen müssen, welche Teile im Verhältnis zu den andern viel zu lang geraten sind, wo der Verfasser sich selbst untreu wird und den eigenen Ton, in dem er begonnen hat, nicht festhält. Ja, es hat auch nicht einer bemerkt, daß die letzte Hälfte des Buches viel weniger ausgeführt ist als die erste, daß sie viele Lücken enthält, daß darin die wichtigsten und bedeutsamsten Momente in gedrängter Kürze dargestellt, die unwichtigen und nebensächlichen weit ausgesponnen sind, daß der Geist, der das Werk erfüllt, aus ihm nicht genügend hervorleuchtet, dafür aber die Buntheit der Teile und das Fragmentarische des Ganzen um so mehr in die Augen fällt. Kurz, man hätte weit ernstere und gediegenere Einwände machen, man hätte mich weit heftiger tadeln können, als man es jetzt tut, und zwar mit gutem Grunde. Aber jetzt handelt es sich nicht darum. Worum es sich hier handelt, das ist die lyrische Episode, die den meisten Angriffen von seiten der Journalisten ausgesetzt war und in der man Anzeichen einer übertriebenen Selbsteinschätzung, Selbstbeweihräucherung und einen Hochmut hat finden wollen, wie er bisher bei keinem Schriftsteller zu finden war. Ich habe hier jene Stelle aus dem letzten Kapitel im Auge, wo der Verfasser von Tschitschikows Abreise aus der Stadt erzählt, seinen Helden für eine Weile allein auf der Landstraße läßt, sich selbst an seine Stelle versetzt und sich unter dem Eindruck der Monotonie und der Einförmigkeit seiner Umgebung, der öden und kalten Ungastlichkeit des grenzenlosen Raumes und des traurigen Liedes, das von einem Meer zum andern durch das ganze weite russische Land tönt, in einer lyrischen Apostrophe an Rußland selbst wendet, es um eine Erklärung für das unbegreifliche Gefühl bittet, das sich des Dichters bemächtigt hat, und fragt: warum es ihm so erscheint, als heftete alles, jeder beseelte und jeder seelenlose Gegenstand seinen Blick auf ihn und als erwarte er etwas von ihm. Diese Worte wurden als Hochmut und als eine bisher unerhörte Prahlerei ausgelegt, während sie doch weder das eine noch das andere sind. Sie sind einfach ein ungelenker Ausdruck für ein echtes Gefühl. Ich kann noch immer diese melancholischen Töne unserer Lieder nicht ertragen, die durch die unendlichen, grenzenlosen Räume Rußlands klingen. Diese Töne schwingen in meinem Herzen weiter, und ich bin erstaunt, daß nicht ein jeder dasselbe in seinem Innern empfindet. Wer beim Anblick dieser wüsten, noch unbevölkerten und ungastlichen Räume nicht traurig gestimmt wird, wer aus den melancholischen Klängen unserer Lieder nicht einen schmerzlichen Vorwurf gegen sich selbst, jawohl, _gegen sich selbst_ heraushört, der hat entweder seine Pflicht und Schuldigkeit bereits restlos getan, oder er hat keine russische Seele. Betrachten wir die Sache einmal so, wie sie sich wirklich verhält. Schon sind beinahe hundertundfünfzig Jahre verflossen, seit Kaiser Peter I. uns mit dem reinigenden Feuer der europäischen Aufklärung den Schlaf aus den Augen gescheucht und uns alle Mittel und Werkzeuge in die Hand gegeben hat, damit wir zur Tat schreiten sollten; noch immer aber liegt unser weites Land ebenso öde, traurig und einsam da, noch ist alles um uns herum ganz ebenso unfreundlich und ungastlich wie ehedem, ganz als ob wir noch immer nicht bei uns zu Hause unter dem eigenen heimischen Dach weilten, sondern irgendwo obdachlos auf der Landstraße lägen, noch weht uns von Rußland kein warmes herzliches Gefühl entgegen, wie wenn wir von lieben Brüdern empfangen würden, es erscheint uns vielmehr wie eine kalte vom Schneesturm verwehte Poststation, aus der ein einsamer, gegen alles gleichgültiger Stationswächter hervorschaut, der auf unsere Frage stets die nüchterne trockene Antwort bereit hat: »Wir haben keine Pferde!« Woher kommt das? Wer ist schuld? Wir [oder die Regierung? Aber] die Regierung ist doch die ganze Zeit über unermüdlich tätig gewesen. Dafür zeugen zahlreiche Bände voller Verfügungen, Gesetzesverordnungen und Maßnahmen, eine gewaltige Zahl neu erbauter Häuser, eine Menge neu herausgegebener Bücher, eine Unzahl von Einrichtungen und Institutionen aller Art: Lehranstalten, humanitäre Einrichtungen, Wohltätigkeitseinrichtungen, kurz, sogar solche Anstalten, wie sie von keiner Regierung eines andern Staates gegründet werden. Die Fragen kommen von oben, die Antworten von unten; und mitunter ertönten von oben Fragen, die von ritterlichen und hochherzigen Regungen vieler Herrscher Zeugnis ablegen, die häufig sogar gegen ihre eigenen Interessen und gegen ihren eigenen Vorteil gehandelt haben. Und wie hat man von unten auf dies alles geantwortet? Es kommt doch auf die Verwertung eines Gedankens, auf die Kunst an, ihm eine solche Anwendung zu geben, daß man sich ihn wirklich anzueignen vermag und daß er in uns Wurzeln schlägt. Eine Verordnung mag noch so wohl durchdacht und noch so bestimmt sein, sie ist doch nur eine Blankoanweisung, wenn es unten an dem gleichen reinen Streben fehlt, sie in die Tat umzusetzen und zwar in der Richtung, in der es erforderlich ist, in der dies geschehen muß und die nur _der_ richtig beurteilen und bestimmen kann, dessen Geist vom Begriff der göttlichen -- nicht der menschlichen Gerechtigkeit erleuchtet ist. Ohne dies muß alles eine schlimme Wendung nehmen. Ein Beweis dafür sind die zahlreichen abgefeimten Gauner und bestechlichen Beamten, die es bei uns gibt, die es verstehen, jede Verordnung zu umgehen, für die jede neue Verordnung nur eine neue Einnahmequelle, ein neues Mittel ist, die Abwicklung der Geschäfte durch neue Komplikationen zu belasten und zu erschweren und dem Menschen einen neuen Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Mit einem Wort, wohin ich mich wende, überall sehe ich, daß _der_ die Schuld trägt, der die Verordnungen durchführt, d. h. wir selbst, einer von uns: und zwar ist er entweder schuld, weil er den brennenden Wunsch hat, seinen Namen berühmt zu machen [oder einen Orden zu ergattern], und sich daher zu sehr beeilt, oder er ist schuld, weil er gar zu hitzig vorwärtsstrebt, um nach gut russischer Art seinen Opfermut zu beweisen; so einer geht nicht lange mit sich zu Rate, fragt in seinem hitzigen Übereifer nicht erst viel, worum es sich handelt, bemächtigt sich sofort der Sache wie ein Sachverständiger und ist dann -- gleichfalls nach gut russischer Art -- schnell wieder abgekühlt, wenn er sich einem Mißerfolg gegenübersieht; oder er ist schließlich schuld, weil er aus verletzter, kleinlicher Eitelkeit gleich alles hinschmeißt und den Posten, auf dem er einen so schönen Anlauf genommen hatte, dem ersten besten Gauner abtritt, [damit der die Leute gründlich rupfen kann]. Kurz, selten besitzt einer von uns genug Liebe zum Guten, um ihr seinen Ehrgeiz, seine Eitelkeit und all die kleinen Regungen eines übermäßig empfindlichen Egoismus zum Opfer zu bringen und es sich unweigerlich zum Gebot zu machen -- seinem Vaterlande -- und nicht sich selbst zu dienen, ewig eingedenk, daß er seinen Beruf ergriffen hat, um andre glücklich zu machen und nicht sich selbst. Statt dessen scheint der Russe in der letzten Zeit es wie mit Vorbedacht darauf angelegt zu haben, seine Empfindlichkeit in allen Punkten und die kleinliche Reizbarkeit seines Ehrgefühls allen und überall vor Augen zu führen. Ich weiß nicht, ob es viele Leute unter uns gibt, die nur getan haben, was ihre Schuldigkeit war, und die offen vor der ganzen Welt erklären können, daß Rußland ihnen nichts vorzuwerfen habe, daß kein seelenloser Gegenstand in seinem weiten, öden Raume sie vorwurfsvoll anstarre, daß alle mit ihnen zufrieden sind und nichts von ihnen erwarten. Ich weiß nur, daß ich diesen Vorwurf sehr deutlich vernommen habe. Auch jetzt höre ich ihn wieder. Auch in meinem bescheidenen Beruf als Schriftsteller hätte sich etwas machen, etwas leisten lassen, was von wirklichem und dauerndem Nutzen sein konnte. Was hat es zu bedeuten, daß in meinem Herzen stets die Sehnsucht nach dem Guten lebendig war und daß ich nur aus diesem Triebe heraus zur Feder griff? Wie habe ich meine Sehnsucht gestillt? Hat denn zum Beispiel gleich dies Werk von mir, das jetzt erschienen ist und das den Namen »Die toten Seelen« trägt, hat es etwa den Eindruck gemacht, den es hätte machen können, wenn es so geschrieben gewesen wäre, wie es hätte geschrieben werden müssen? Ich habe meine eigenen Gedanken, -- einfache und wahrhaftig nicht kopfbrecherische Gedanken, nicht auszudrücken vermocht und selbst Anlaß dazu gegeben, daß sie verkehrt aufgefaßt und daß ihnen ein Sinn untergelegt wurde, der eher schädlich als nützlich ist. Und wer ist schuld daran? Soll ich etwa sagen, meine Freunde oder die Ungeduld der Ästheten, die an leeren, schnell verrauschenden Klängen ihre Freude haben, hätten mich dazu gedrängt? Soll ich etwa sagen, daß ich durch schwierige und ärmliche Verhältnisse in eine peinliche Lage gebracht worden sei und, da ich mir das Geld für meinen Lebensunterhalt hätte erwerben müssen, genötigt gewesen wäre, mich zu beeilen und mein Buch zu früh erscheinen zu lassen? Nein, wer entschlossen ist, seine Pflicht redlich zu erfüllen, den können keinerlei Verhältnisse schwankend machen, der wird, wenn es nicht anders geht, sogar lieber seine Hand ausstrecken und um Almosen bitten, der wird sich um keinen schnell verklingenden Spott und Tadel, geschweige denn um die törichten Anstandsregeln der vornehmen Gesellschaft kümmern. Der, der aus Rücksicht auf diese Anstandsregeln der Gesellschaft eine Sache schädigt, die für sein Land ein Bedürfnis darstellt, der liebt es nicht. Ich war mir der verächtlichen Schwäche meines Charakters, meines elenden Kleinmuts, der Ohnmacht meiner Liebe bewußt, daher schien mich ein jedes Ding in Rußland mit bitterem Vorwurf anzustarren. Aber die Kraft des Höchsten hat mich aufgerichtet; es gibt kein Vergehen, das nicht wieder gutzumachen wäre, und dieselben öden Strecken, die meine Seele mit solcher Melancholie erfüllten, versetzten mich durch ihre gewaltige freie Ausdehnung und Geräumigkeit -- dies weite Feld für einen rastlosen Betätigungsdrang -- in Entzücken. Die Apostrophe an Rußland: »Sollte nicht hier der Held erstehen, wo frei der Raum sich weitet, auf daß er sich entfalte und ausbreite und frei dahinschwebe,« kam wirklich von Herzen. Diese Worte wurden nicht dem schönen Bilde zuliebe oder aus Prahlsucht und zu eitlem Selbstlob gesprochen; ich habe sie gefühlt und fühle sie noch heute. In Rußland kann man jetzt bei jeder Gelegenheit zum Helden werden. Jedes Amt und jeder Stand erfordert einen gewissen Heldenmut. Jeder von uns hat die Heiligkeit seines Berufs und seines Amtes derart befleckt und herabgezogen (denn jeder Beruf ist heilig), daß es wahrhaft riesenhafter Kräfte bedarf, um ihn wieder auf seine frühere Höhe zu bringen. Ich habe die große Aufgabe geschaut, die große Perspektive, die heute keinem andern Volke offen steht und die sich allein vor dem russischen Volke auftut, weil nur dies Volk einen so freien Spielraum für die Entfaltung seiner Kräfte besitzt, und weil nur der russischen Seele der echte Heldenmut eigen ist -- daher entrang sich meinem Herzen der Schrei, den man für Prahlerei und Hochmut gehalten hat!

1843.

III.

Ich verstehe nicht, wie du, ein solcher Menschenforscher und Menschenkenner, mir die gleichen törichten Fragen vorlegen kannst, auf die sich alle anderen so trefflich verstehen! Die gute Hälfte von ihnen bezieht sich darauf, was der Zukunft angehört. Was für einen Sinn hat bloß diese Neugierde? Nur eine Frage, die du stellst, ist klug und deiner würdig, und ich wünschte, daß auch andere Leute sie an mich gerichtet hätten, obwohl ich nicht weiß, ob ich sie auch vernünftig beantworten kann; ich meine die folgende: woher es nur komme, daß die Helden meiner letzten Werke, besonders die der »Toten Seelen«, trotzdem sie nichts weniger als naturgetreue Porträts von wirklichen existierenden Menschen, und obwohl sie an und für sich sehr wenig sympathisch und anziehend sind, unserem Herzen dennoch so nahe stehen, wie wenn die Seele bei ihrer Schöpfung beteiligt gewesen wäre? Noch vor einem Jahr wäre es mir peinlich gewesen, dir auf diese Frage zu antworten. Heute aber will ich es offen bekennen: die Helden meiner Werke stehen unserem Herzen darum so nahe, weil sie Schöpfungen der Seele sind; alle meine letzten Werke sind Zeugnisse meiner seelischen Entwicklung. Um mich dir besser verständlich zu machen, will ich dir eine Definition von mir als Schriftsteller geben. Man hat viel über mich gesprochen und geschrieben und die verschiedensten Seiten meines Wesens zu ergründen gesucht, aber mein wahres Wesen hat man darum doch nicht zu bestimmen vermocht. Dieses hat nur Puschkin allein erkannt. Er sagte mir immer, noch nie habe es einen Schriftsteller gegeben, der in so hohem Grade das Vermögen besaß, die Gemeinheit und Plattheit des Lebens in so satten Farben zu schildern, die Hohlheit und Nichtigkeit eines gemeinen Menschen mit einer solchen Kraft zu zeichnen, wie ich, so daß die ganze Kleinheit und Armseligkeit, die den meisten Menschen entgeht, jedem deutlich in die Augen springt. Das ist der Grundzug meines Wesens und er fehlt in der Tat den meisten anderen Schriftstellern. Er hat sich mit der Zeit in mir noch vertieft, weil sich noch andere geistige Momente mit ihm verbunden haben. Aber das konnte ich damals nicht einmal Puschkin mitteilen. Dieser Grundzug hat sich mit besonderer Kraft in den »Toten Seelen« offenbart. Die »Toten Seelen« haben nicht darum in Rußland solch ein Grauen hervorgerufen und so ein Aufsehen gemacht, weil sie irgendwelche furchtbare Wunden oder innere Krankheiten an den Tag gebracht, oder ein erschütterndes Bild vom Triumph des Bösen und von den Leiden der Unschuld entworfen hätten. O nein. Meine Helden sind durchaus keine Bösewichter; wenn ich einem jeden von ihnen nur einen einzigen guten Zug verliehen hätte, der Leser hätte sich sicher mit ihnen allen ausgesöhnt. Aber die Gemeinheit und Plattheit des Ganzen flößte dem Leser Schrecken ein. Was ihn mit solch einem Grauen erfüllte, war dieses, daß bei mir ein Mensch immer kleinlicher und elender war, als der andere, daß es unter ihnen auch nicht eine tröstliche Erscheinung, keinen einzigen Ruhepunkt gab, an dem der arme Leser hätte aufatmen und Mut schöpfen können, und daß es einem, wenn man das ganze Buch gelesen hatte, so vorkam, als trete man aus einem dumpfigen Kellergewölbe wieder in Gottes freie Welt hinaus. Man hätte es mir eher vergeben, wenn ich lauter malerische Ungeheuer gezeichnet hätte -- die Jämmerlichkeit und Gemeinheit hat man mir nicht verziehen. Das, wovor der Russe erschrak, das war seine Nichtigkeit, sie war ihm weit schrecklicher als all seine Mängel und Laster! Ist das nicht eine außerordentliche Erscheinung? Fürwahr, dieser Schrecken ist etwas Herrliches! Wer einen solchen Ekel und Widerwillen vor dem Kleinen und Nichtigen empfindet, in dem liegt sicherlich das Gegenteil von aller Kleinheit und Nichtigkeit verborgen. Dies also ist mein größter Vorzug und ich wiederhole, er hätte sich nicht mit einer solchen Kraft in mir entwickelt, wenn nicht meine eigene geistige Stimmung und meine inneren Erlebnisse hinzugekommen wären. Keiner meiner Leser wußte, daß er über mich selbst lachte, während er über meine Helden lachte.