Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I
Part 22
Und nun zur dritten Leistung, die gleichfalls niemand außer dem Generalgouverneur zu vollbringen vermag. Alle europäischen Staaten haben heute unter der Kompliziertheit aller Gesetze und Verordnungen zu leiden. Überall macht sich eine eigentümliche Erscheinung bemerkbar: die eigentlichen bürgerlichen Gesetze sind über ihre Grenzen und Schranken hinausgewachsen und sind in fremde Gebiete eingedrungen, die außer ihrem Bereich liegen. Einerseits haben sie einen Einbruch in ein Gebiet vollzogen, das lange Zeit unter der Herrschaft der Volkssitten stand, andererseits aber sind sie in ein Bereich eingedrungen, das ewig unter dem Zepter der Kirche verbleiben muß. Dieser Prozeß hat sich nicht etwa gewaltsam vollzogen, dieser Austritt der bürgerlichen Gesetze aus ihrem Bett geschah ganz von selbst, da sich überall leere unausgefüllte Lücken darboten, die einem solchen Einbruch keinen Widerstand bereiteten. Die Mode unterwühlte die alten Sitten, die Geistlichkeit wandte sich immer mehr von dem geraden einfachen Leben in Christo ab und überließ so alle privaten Verhältnisse der Menschen und das Privatleben ihrem Schicksal. Die bürgerlichen Gesetze nahmen beide, wie verlassene Waisen unter ihre Obhut, und gerade dies war der Grund, weswegen die Gesetze so verwickelt wurden. Denn an und für sich sind sie gar nicht sehr zahlreich und weitläufig, und wenn wir wieder dazu zurückkehren, was von Rechts wegen der Herrschaft der Sitte untersteht und ein ewiges Besitztum der Kirche ist, wird das ganze bürgerliche Gesetz in einem Buche Platz finden können, das nur lediglich die großen Abweichungen von der sozialen Ordnung und die eigentlichen staatlichen Verhältnisse enthält. Heute sieht jedermann, daß eine große Menge von Fällen, von Mißbräuchen und Intrigen nur dadurch entstehen konnte, daß die philosophisch gebildeten Gesetzgeber Europas von vornherein sämtliche möglichen Abweichungen bis in ihre feinsten Einzelheiten feststellen wollten und damit jedermann, selbst den besten und vornehmsten Leuten, einen Weg zu unendlichen und ganz unberechtigten Prozessen ebneten; früher hätten diese Leute es für unanständig gehalten, einen solchen Prozeß zu beginnen, heute dagegen wagen sie es dreist, da sie aus irgendeinem Paragraphen, oder einer Verfügung die Möglichkeit oder die Hoffnung herauslesen, ein einstmals verlorenes Gut wieder zu erlangen oder auch nur einem andern sein Besitzrecht streitig zu machen. Und nun geht so ein Mensch gleich aufs Ganze, wie ein Held sich zum Sturm rüstet, und nimmt überhaupt keine Rücksicht auf seinen Gegner; mag dieser dabei auch sein letztes Hemd verlieren oder mit seiner ganzen Familie betteln gehn. Ein leidlich menschenfreundlicher Mensch ist heute fähig, ganz offen die größten Grausamkeiten zu begehen, ja er rühmt sich ihrer noch, während er sich schon des bloßen Gedankens schämen würde, wenn ein Diener der Kirche beide Parteien, statt ihnen ihren persönlichen Vorteil vorzuhalten, vor das Angesicht Christi stellen wollte und wenn es Sitte würde, daß, wie es in der Tat die Regel sein sollte, in allen verwickelten, dunklen, kasuistischen Fragen, kurz in allen Fällen, wo die Weiterungen vor den Instanzen drohen, die _Kirche_ und nicht das bürgerliche Gesetz die Menschen miteinander zur Versöhnung bringt. Es ist nur die Frage: wie ist das zu bewerkstelligen? Wie soll man es einrichten, daß dem bürgerlichen Rechte tatsächlich nur die Fälle zugewiesen werden, die wirklich unter das bürgerliche Recht fallen, daß der Herrschaft der Sitte wiedergegeben werde, was unter der Herrschaft der Sitte verbleiben muß, und daß der Kirche wieder zurückerstattet werde, was ihr ewiglich angehört? Kurz, wie soll alles wieder an seinen rechten Platz gebracht werden? In Europa ist es unmöglich, solches zu vollbringen: Dazu müßten Ströme von Blut vergossen werden, Europa würde in unnützen Kämpfen erliegen und doch nichts erreichen. In Rußland aber ist die Möglichkeit hierzu vorhanden: in Rußland könnte es sich ganz unmerklich und schmerzlos vollziehen -- nicht durch irgendwelche Neuerungen, Umwälzungen oder Reformen, ja nicht einmal mit Hilfe von allerhand Sitzungen oder durch Bildung von Komitees, nicht durch Debatten, Zeitungsgerede und Zeitungsgeschwätz, in Rußland kann ein jeder Generalgouverneur eines Gebietes, das seiner Obhut anvertraut ist, den Grund dazu legen; und wie einfach! -- Durch nichts andres als nur durch sein eignes Leben. Durch die patriotische Schlichtheit seiner Lebensweise und die einfache Art seines Umgangs mit allen Leuten kann er die Herrschaft der Mode mit ihrer leeren, hohlen Etikette beseitigen und die russischen Sitten befestigen, die wirklich gut sind und mit Nutzen auf unser gegenwärtiges Leben angewandt werden können. Er kann eine mächtige Wirkung in der Richtung ausüben, daß die Beziehungen zwischen den Stadtbewohnern untereinander wie die der Gutsbesitzer unter sich schlichter und einfacher werden, denn die Beseitigung dieser komplizierten gesellschaftlichen Verhältnisse, wie sie heute bestehen, muß unbedingt auch die Streitigkeiten und die Unzufriedenheit beseitigen, die sich wie ein Wirbelwind zwischen den Bewohnern der Städte erhoben haben. Und ebenso wie zur Einführung und Befestigung der Sitten kann der Generalgouverneur dazu beitragen, daß die Kirche heute ihre rechtmäßige Stellung im Leben des Russenvolkes wiedergewinnt: er kann dies erstlich durch sein eigenes Beispiel, durch sein Leben, und zweitens auch durch bestimmte Maßnahmen erreichen -- aber nicht etwa durch erzwungene und gewaltsame Maßregeln, sondern durch solche, die weit wirksamer sind als jede Gewalt. Hierüber wollen wir später einmal miteinander reden, wenn Sie wirklich eine Stellung angenommen haben werden; bis dahin aber will ich Ihnen nur dies sagen: wenn schon die einfache Sitte mächtiger ist als jedes geschriebene Gesetz -- und was ist denn übrigens die Sitte, wenn man sie ganz streng betrachtet? Mitunter hat sie überhaupt keine Bedeutung für unsere Zeit, man kennt den Grund nicht, weswegen sie eingeführt wurde, man weiß nicht, woher sie stammt, und fühlt und merkt nichts von einer Autorität, die sie eingesetzt hätte; mitunter aber ist sie sogar ein Überbleibsel aus den Zeiten des Heidentums, das im absoluten Gegensatz zum Christentum und zu allen Grundlagen des modernen Lebens steht -- wenn nun nach alledem schon die Sitte etwas so Mächtiges ist, daß es schwierig ist, sie selbst im Laufe von vielen Jahren auszurotten -- wie würden sich wohl die Dinge gestalten, wenn man Sitten einführen wollte, die sich auf die Vernunft gründen, die einstimmig und einmütig von allen anerkannt werden und die höhere Billigung und den Segen Christi und Seiner Kirche erhalten würden? Eine solche Sitte würde sich von Jahrhundert zu Jahrhundert fortpflanzen, und keine Macht der Erde würde sie vernichten können, was die Welt auch für Erschütterungen heimsuchen sollten. Aber das ist ein gewaltiger Gegenstand, über ihn muß man vernünftig reden, und dazu bin ich zu dumm. Vielleicht werde ich später einmal, wenn Gott mir hilft und mich erleuchtet, etwas darüber zu sagen haben. An Arbeit wird es Ihnen also nicht fehlen. Darin also suchen Sie stark zu werden; greifen Sie daher mit fester Hand zu, wenn Ihnen das Amt eines Generalgouverneurs angeboten werden sollte. Sie werden es jetzt so verwalten, wie es verwaltet sein muß, und sich dabei im Einklang mit den Wünschen und Forderungen der Regierung befinden -- d. h. Sie werden das ganze Gebiet wie eine frischen Mut spendende Kraft durchziehen, alles aufrütteln, alle erfrischen, Begeisterung um sich verbreiten, allem einen frischen Impuls geben und dann in eine andere Provinz reisen, um dort das Gleiche zu wirken. Sie werden selbst sehen, daß dieser Beruf immer nur provisorisch sein kann, sonst hätte er keinen Sinn, denn der innere Organismus eines Gouvernements ist etwas in sich Abgeschlossenes und Vollendetes, und bedarf keines weiteren Regierungsbeamten außer dem Bürgergouverneur. So gehen Sie denn mit Gott und fürchten Sie sich vor nichts! Aber selbst wenn Sie ein andres Amt übernehmen sollten, halten Sie sich stets an die gleichen Grundsätze. Vergessen sie niemals, daß die Zeit ihres Wirkens begrenzt ist. Richten Sie alles so ein, ordnen Sie alle Angelegenheiten in der Weise, daß sich alles, nicht nur so lange Sie da sind, sondern auch nach Ihrem Weggang in geordneter Weise abwickelt, daß Ihr Nachfolger kein Ding von seiner Stelle zu rücken vermag, sondern sich unwillkürlich auch selbst innerhalb der von Ihnen gezogenen Grenzen betätigen und die von Ihnen vorgezeichnete, vernünftige Richtung einhalten muß. Christus wird Sie lehren, Ihr Werk dauernd, für alle Zeiten zu begründen und zu befestigen. Seien Sie allen Ihren Untergebenen, seien Sie Ihren Beamten im wahren Sinne des Wortes ein Vater und seien Sie einem jeden dabei behilflich, seine Pflicht und Schuldigkeit treu und redlich zu tun. Reichen Sie jedem freundlich die Bruderhand, wenn er sich von seinen eigenen Fehlern und Lastern befreien will. Suchen Sie auf alle Einfluß zu gewinnen, aber nur in der Absicht, jeden zu lehren, wie er selbst auf sich Einfluß gewinnen kann. Sorgen Sie ferner dafür, daß keiner sich allzusehr auf Sie verläßt und stützt wie auf seinen eigenen Stab, so wie die römisch-katholischen Damen sich ganz auf ihre Beichtväter stützen, ohne deren Erlaubnis sie es nicht einmal wagen, aus einem Zimmer ins andere zu gehen, warten sie doch stets auf die Beichtstunde, um sich beim Priester Rat einzuholen; der Mensch muß vielmehr wissen, daß die Wärterin ihm nur für eine bestimmte Zeit und nicht für immer beigegeben wird, und daß, wenn der Lehrer ihn im Stiche läßt, der Zeitpunkt gekommen ist, wo er noch eifriger und sorgfältiger auf sich acht geben muß als früher, stets eingedenk, daß es nun niemand mehr gibt, der über ihn wacht, und jede Lehre, die ihm gegeben ward, treu wie ein Heiligtum in seinem Gedächtnis bewahrend. Sorgen Sie auch dafür, daß es beim Abschied, wenn Sie Ihr Amt niederlegen sollten, keine Tränen und kein Gejammer gibt, sondern daß ein jeder noch frischer und mutiger in die Zukunft sehe, und daher sparen Sie sich alles, was Sie einem jeglichen zu seiner Belehrung sagen möchten, sorgsam für den Tag des Abschieds auf: an diesem Tage werden alle Ihre Worte ihnen heilig sein, und was sie sonst nicht anerkannt und wonach sie sich sonst nicht gerichtet hätten, das werden sie jetzt willig aufnehmen und danach handeln. Für mich ist die Stunde des Abschieds von meinen Freunden -- der schönste Augenblick; jeder meiner Freunde, der jetzt von mir Abschied nimmt, tut es frohen Mutes, und seine Seele ist heiter. Das werden Ihnen alle bezeugen, die in der letzten Zeit Abschied von mir genommen haben. Ich bin sogar davon überzeugt, daß wenn ich einmal sterben werde, alle die mich lieb gehabt haben, fröhlich und heiteren Mutes von mir Abschied nehmen werden. Keiner von Ihnen wird weinen, und alle werden nach meinem Tode weit fröhlicher sein als bei meinen Lebzeiten, und endlich will ich Ihnen noch etwas über die Liebe und die allgemeine Sympathie für uns sagen, nach der viele so sehr haschen. Sich die Liebe anderer erschmeicheln zu wollen -- das ist ein falsches Streben, das den Menschen nicht beschäftigen sollte. Streben Sie danach, -- die andern Menschen zu lieben, und nicht danach, daß andere Menschen _Sie_ lieben. Wer einen Lohn für seine Liebe verlangt, der ist ein gemeiner Mensch und noch weit vom Christentum entfernt. O wie dankbar bin ich, daß Gott mir schon in meiner Jugend diese merkwürdige und mir selbst kaum verständliche Abneigung gegen jegliche unpassende, überflüssige Gefühlsergüsse eingepflanzt hat; ich habe ihnen stets zu entfliehen gesucht, wie etwas Unangenehmem und Widerwärtigem, selbst wenn sie von Verwandten oder Freunden herrührten! Wie wichtig ist es doch, daß unsere ganze Liebe keinem Wesen dieser Erde angehören darf! Sie sollte sich von einem Vorgesetzten auf den andern übertragen, und sowie ein Vorgesetzter merkt, daß sie sich ihm zuwendet, sollte er sie sofort von sich auf den über ihm stehenden höheren Vorgesetzten abzulenken suchen, bis sie so endlich zu ihrer rechtmäßigen Quelle gelangt und bis ein von allen geliebter Kaiser sie feierlich und angesichts der ganzen Welt Gott selbst darbringt.
1845.
XXIX Wessen Los auf Erden das beste ist Aus einem Briefe an U--
Ich vermag Ihnen durchaus nicht zu sagen, wessen Los auf Erden das schönere ist und wem das bessere Teil beschieden ward. Früher als ich noch törichter und dümmer war, zog ich einen Beruf einem andern vor; jetzt dagegen erkenne ich, daß das Los aller Menschen gleich beneidenswert ist. Alle erhielten den gleichen Lohn -- sowohl der, dem ein Talent anvertraut ward und der ein zweites hinzuerwarb, wie der, dem fünf Talente verliehen wurden und der noch fünf weitere dafür zurückbrachte. Ich glaube sogar, daß das Los des ersten noch besser ist, gerade weil er auf Erden keinen Ruhm genossen und nicht von dem Zaubertrank irdischer Ehren gekostet hat, wie der letzte. Wie wunderbar ist doch die göttliche Gnade, die jedem den gleichen Lohn bestimmte, der redlich seine Schuldigkeit getan hat, ob er nun der Zar oder der ärmste Bettler ist. Dort werden sie alle gleich sein, denn sie alle werden eingehen in die Freude ihres Herrn und werden alle _gleichermaßen_ in Gott sein. Freilich hat Christus selbst an einer andern Stelle gesagt: »_Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen_«, aber wenn ich mir diese Wohnungen vorstelle, wenn ich darüber nachdenke, was die Wohnungen Gottes sein mögen, kann ich mich nicht der Tränen enthalten, und ich weiß, daß ich mich nie entscheiden könnte, welche ich wählen soll, wenn ich wirklich einmal gewürdigt sein sollte, am himmlischen Reiche teilzunehmen, und wenn die Frage an mich erginge: »welche von ihnen möchtest du wählen?« Ich weiß nur das eine, daß ich antworten würde: »die letzte, Herr, wenn sie nur in Deinem Hause ist.« Ich glaube, man kann sich nichts Schöneres wünschen, als jenen Auserwählten zu dienen, die bereite gewürdigt wurden, Seinen Ruhm in all Seiner majestätischen Größe zu schauen, zu ihren heiligen Füßen liegen und sie zu küssen!
1845.
XXX Ein Geleitspruch
Auf deinen Brief werde ich dir jetzt nicht antworten, die Antwort erhältst du später. Ich sehe und begreife alles: deine Leiden sind groß. Bei einer solch zarten, feinfühligen Seele so grobe Beschuldigungen anhören, mit so hohen Gefühlen unter so groben, plumpen Menschen weilen zu müssen, wie die Bewohner dieses armseligen Städtchens, in dem du dich niedergelassen hast und deren rohe täppische Berührung, ohne daß sie es wissen, schon allein ausreicht, um die edelsten Schätze und Kostbarkeiten des Herzens in Scherben zu schlagen; dulden zu müssen, daß mit plumper Bärentatze auf die zarten Saiten der Seele losgeschlagen wird, die dem Menschen dazu verliehen werden, um himmlische Laute auszuströmen, bis sie verstimmt sind und reißen, und über dies alles noch all die Gemeinheiten und Schändlichkeiten mit ansehen zu müssen, die sich täglich ereignen und die Verachtung derer dulden zu müssen, die selbst der Verachtung wert sind -- ich weiß wohl, daß ist alles sehr bitter. Und deine physischen Leiden sind nicht weniger qualvoll. Dein Nervenleiden, deine Melancholie und diese furchtbaren Ohnmachtsanfälle, die dich jetzt heimsuchen -- das alles ist hart, sehr hart, ich vermag dir nichts andres zu sagen, als daß es wirklich sehr hart, sehr bitter ist! Aber hier hast du einen Trost. Das alles ist nur der Anfang; du wirst noch mehr Kränkungen zu erdulden haben, dir stehen noch härtere Kämpfe [mit der Bestechlichkeit] mit allerhand Schuften und Gaunern und schamlosen Leuten bevor, Leuten, für die es nichts Heiliges gibt, die nicht nur einer solchen Schändlichkeit fähig sind, von der du schreibst [d. h. eine fremde Unterschrift zu fälschen] -- die den Mut haben, ein so furchtbares Verbrechen auf einen Unschuldigen zu laden, mit eigenen Augen anzusehen, wie das Opfer ihrer Verleumdung bestraft wird und nicht mit der Wimper zu zucken -- ja die nicht nur einer solchen Niedertracht, sondern noch weit niederträchtigerer Handlungen fähig sind, deren bloße Beschreibung einem mitleidigen Menschen für immer den Schlaf rauben könnte (o wenn doch solche Leute nie geboren würden!) Alle himmlischen Heerscharen zittern vor Schrecken beim Gedanken an die furchtbaren Strafen, die sie in jener Welt erwarten und vor denen sie niemand mehr zu retten vermag. Unzählige neue und ganz unvorhergesehene Niederlagen warten deiner. In deiner exponierten [und unscheinbaren] Stellung kann alles passieren. Deine Nervenanfälle und deine Leiden werden noch stärker werden, deine Melancholie wird noch zunehmen, deine Mutlosigkeit wird sich bis zur Verzweiflung steigern, und deine Schmerzen und Qualen werden noch furchtbarer und vernichtender werden. Allein denke stets daran, daß wir nicht in diese Welt berufen werden, um Feiertage und Feste zu feiern -- wir werden hierher berufen, um Schlachten zu schlagen, den Sieg werden wir _dort_ feiern. Daher dürfen wir keinen Augenblick vergessen, daß wir ausgezogen sind, um zu kämpfen, und hier gibt es nichts zu wählen und zu überlegen, wo uns weniger Gefahren drohen! Wie ein guter Soldat muß sich ein jeder von uns in den Kampf stürzen, wo er am heißesten tobt. Der himmlische Feldherr schaut von oben auf uns alle herab, und Seinem Blick entgeht nicht die geringste von unseren Handlungen. Du darfst daher das Schlachtfeld nicht meiden, sondern mußt mutig in den Kampf stürmen; auch darfst du dir nicht etwa einen schwachen Feind aussuchen, sondern du mußt dir einen Starken zum Gegner wählen. Der Kampf mit einem kleinen Schmerz und mit geringen Leiden wird dir keine großen Ehren eintragen. [Für einen Russen ist es nicht sehr rühmlich, sich mit einem friedfertigen Deutschen einzulassen, wenn man im voraus weiß, daß er davonlaufen wird; es mit einem Tscherkessen aufzunehmen, vor dem alle zittern, weil sie ihn für unüberwindlich halten, den Kampf mit einem solchen Tscherkessen aufzunehmen und ihn zu besiegen, das ist eine Leistung, deren man sich rühmen kann!] Nun denn, vorwärts mein tapferer Kämpe! Gott helfe dir, mein braver Kamerad! Gott voran, mein herrlicher Freund!
XXXI Wesen und Eigenart der russischen Poesie
Trotz des äußeren Anscheins der Nachahmung besitzt unsere Dichtung sehr viel Eigenartiges. Ihr natürlicher Quell regte sich schon in der Brust des Volkes, als noch ihr Name in keines Menschen Munde war. Ein Strahl dieses Quells bricht in unsern Liedern hervor, in denen zwar wenig Liebe zum Leben und zu den Dingen dieser Welt, dafür aber eine mächtige Sehnsucht nach einer grenzenlosen, zügellosen Freiheit, ein Streben, sich von den Tönen in eine unendliche Ferne forttragen zu lassen, lebt. Sein Strom bricht auch in unsern Sprichworten hervor, die von dem ungewöhnlich reichen Verstande unseres Volkes zeugen, der alles in ein Werkzeug für seine Zwecke zu verwandeln gewußt hat: die Ironie, den Spott, die Anschaulichkeit, die Treffsicherheit eines plastischen Denkens, um ein von Leben strotzendes Werk zu erschaffen, das das ganze Wesen des Russen ergreift und erschüttert, indem es seine empfindlichsten Stellen zu treffen weiß. Sein Strom bricht endlich auch aus den Reden der Diener unserer Kirche hervor -- Reden, die so einfach, so schmucklos und doch so bedeutsam sind, durch das Streben, sich bis zu dem Gipfel leidenschaftsloser, heiliger Ruhe zu erheben, den zu erklimmen, jedes Christen Bestimmung ist, sowie durch die Bemühung, nicht etwa die Leidenschaften des Herzens zu entfachen, sondern den Menschen zu höchster, geistiger Nüchternheit und Besonnenheit zu erziehen. Dies alles versprach unserer Dichtung eine eigenartige und urwüchsige Entwicklung, wie sie den andern Völkern unbekannt war. Aber nicht von diesen drei Quellen, die bereits in uns ruhten, leitet unsere wohllautende Poesie, die uns heute einen so hohen Genuß bereitet, ihren Ursprung her, so wenig als die Struktur unserer gegenwärtigen bürgerlichen Ordnung sich auf Elemente zurückführen läßt, die unserem Lande schon früher eigen waren. Unsere bürgerliche Ordnung ist ja auch nicht durch eine geregelte allmähliche Entwicklung der Dinge, nicht durch eine langsame wohlüberlegte Verpflanzung europäischer Sitten in unser Land entstanden -- was schon aus dem einfachen Grunde unmöglich war, weil die europäische Aufklärung bereits eine viel zu hohe Stufe der Reife erreicht hatte, weil ihre Wogen schon zu hoch gingen, als daß sie nicht früher oder später von allen Seiten über Rußland hereinbrechen und ohne einen solchen Führer, wie Peter es war, in allen Dingen eine viel größere Unordnung hervorrufen mußten, als sie sich später tatsächlich bemerkbar machte. Unsere bürgerliche Ordnung entsprang aus einer Erschütterung, aus jener gewaltigen Erschütterung des ganzen Staates, die der Zar, dieser große Reformator, hervorrief, als Gottes Wille ihm den Gedanken eingab, sein junges Volk in den Kreis der europäischen Staaten einzureihen und es plötzlich mit allem bekannt zu machen, was sich Europa durch lange Jahre blutiger Kämpfe und Leiden errungen hatte. Eine so plötzliche Umkehr war eine Notwendigkeit für das russische Volk, und die europäische Aufklärung war der Feuerstahl, der diese ganze Volksmasse treffen mußte, die im Begriff war, einzuschlafen. Der Stahl verleiht dem Stein kein Feuer, wenn aber der Stahl den Stein nicht trifft, gibt der Stein kein Feuer von sich. Und sogleich schlug aus dem Volk eine Flamme empor. Diese Flamme war die Freude, die Freude über das Erwachen, die im Anfang freilich noch unbewußt war. Noch hatte keiner das Gefühl, daß er dazu erwacht sei, um im Licht der europäischen Bildung sich selbst besser kennen zu lernen, nicht aber Europa zu kopieren. Jeder fühlte nur, daß er erwacht war. Aber schon diese bloße Umwälzung des ganzen Staates, die durch einen einzigen Menschen, und zwar durch den Zaren selbst, bewirkt war, der zeitweilig sogar großmütig auf seine Zarenwürde verzichtete, um jedes Handwerk kennen zu lernen und mit der Axt in der Hand in allen Dingen voranzugehen, damit keine von den Wirrungen und Verwicklungen entstünde, die selbst die geringfügigsten Veränderungen der Staatsform zu begleiten pflegen -- schon diese Umwälzung war in der Tat eine Sache, die der Freude und der Begeisterung wert war. Eine Staatsumwälzung, die gewöhnlich das in Mitleidenschaft gezogene Volk auf Jahre unter Ströme von Blut setzt, wenn sie die Folge innerer Parteikämpfe ist, wurde hier im Angesicht von ganz Europa in so geordneter Weise vollzogen, wie das glänzende Manöver eines vortrefflich geschulten Heeres. Rußland erhob sich plötzlich zur Würde eines großen Staates, seine Stimme wurde dem Donner gleich, ein Glanz strahlte von ihm aus: der Widerschein der europäischen Bildung. Alles in dem jungen Staate geriet in Begeisterung, allen entrang sich ein Schrei des Staunens, wie ihn ein Wilder angesichts neueingeführter kostbarer Schätze ausstößt. Diese Begeisterung spiegelt sich in unserer Poesie oder richtiger: sie hat diese Poesie erst erschaffen. Das ist der Grund, warum diese Poesie mit dem ersten Gedicht, das veröffentlicht wurde, einen so feierlichen Klang annimmt. Spricht doch aus ihr das Bestreben, einen Ausdruck für die Begeisterung über das neue Licht, das sich über Rußland ergossen hatte, für das Staunen über die große Aufgabe, die dem Lande bevorstand und für den Dank zu finden, den es dem Zaren für dies alles schuldete. Seit dieser Zeit wurde das Streben nach dem Licht unser eigentliches Element, der sechste Sinn des Russen, und es erschuf unsere gegenwärtige Poesie, indem es ihr jenes neue lichtbringende Prinzip einhauchte, das wir in keiner der drei Quellen, von denen zu Beginn die Rede war, entdecken konnten.