Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I
Part 21
Mit einem Wort, es fehlt nirgends an etwas, und aus allem spricht die Weisheit des Gesetzgebers; aus der Einsetzung der einzelnen staatlichen Autoritäten sowohl wie aus der Art ihres Verkehrs miteinander. Ich rede nicht einmal von den Institutionen, die auf einen noch größeren Weitblick der Regierung schließen lassen; ich will nur an das Gewissensgericht erinnern, denn etwas Ähnliches ist mir in keinem anderen Staate bekannt geworden. Meiner Überzeugung nach ist das der Gipfel der Menschenliebe und der Herzenskenntnis. Alle Fälle, in denen ein Konflikt mit dem Gesetz als eine Last und als Härte empfunden werden würde, alle Angelegenheiten, an denen Jugendliche oder Geisteskranke beteiligt sind, alles, worüber nur das menschliche Gewissen zu entscheiden vermag, und jene Fälle, wo selbst die Anwendung des gerichtlichen Gesetzes zur Ungerechtigkeit würde; kurz alles, was im höchsten Sinne des Christentums in liebevoller und friedlicher Weise und unter Vermeidung aller Weiterungen vor höheren Instanzen entschieden und erledigt werden muß -- fällt unter die Kompetenzen dieses Gerichts. Wie weise ist doch die Einrichtung, daß die Wahl des »Gewissensrichters« vom Adel abhängt, denn der Adel wählt hierzu gewöhnlich einen Mann, den die allgemeine Stimme für den menschenfreundlichsten und uneigennützigsten Menschen erklärt. Wie gut ist es ferner, daß er keinerlei Gehalt oder Lohn für seine Mühe erhält, und daß diese Tätigkeit für den Menschen mit keinerlei weltlichen Lockungen verbunden ist! Eine Zeitlang war ich von dem lebhaften Wunsch beseelt, dieses Amt zu übernehmen. Wieviel verwickelte Streitfälle kann man da schlichten! Die Parteien werden ihre Streitigkeiten ohne Rücksicht auf ihren eigenen Vorteil dem Gewissensgericht unterbreiten, so wie es bekannt wird, daß der Richter tatsächlich nach bestem Wissen und Gewissen entscheidet und daß er sich durch die Verwaltung seines göttlichen Richteramts berühmt gemacht hat. Denn wer von uns sehnt sich nicht nach Frieden und Versöhnung?
Kurz, je genaueren Einblick man in den Verwaltungsorganismus unserer Provinzen gewinnt, um so mehr staunt man über die Weisheit der Gesetzgeber: man hat das Gefühl, Gott selbst habe die Herrscher und Regenten mit unsichtbarer Hand geleitet und gelenkt. Hier fehlt es an nichts, ist alles vollendet, alles ist so darauf angelegt, daß wir uns gegenseitig die Hand reichen, uns zu guten Handlungen anfeuern und uns gegenseitig helfen und fördern, nur die Wege zu Mißbräuchen sollen uns verbaut werden. Ich kann mir nicht einmal denken, was ein besonderer Beamter hier noch sollte, jede neue Person wäre hier nicht am Platze, jede Neuerung wäre eine überflüssige Zutat. Und doch haben sich, wie Sie ja selbst wissen, in den Provinzen Regierungsbeamte gefunden, die es verstanden, diesen ganzen Mechanismus noch durch eine Schar von Beamten mit besonderen Aufträgen und eine lange Reihe von provisorischen Kommissionen und Untersuchungskommissionen zu belasten, die die Funktionen jeder Instanz noch weiter geteilt und zerlegt und den Beamten so den Kopf verwirrt haben, daß sie jeden Begriff von den genauen Grenzen ihres Berufs verloren. Es ist sehr gut, daß Sie es nicht auch so gemacht haben, Sie verstanden die Sache nämlich schon damals viel besser, als die andern. Sie wissen zu gut: einen neuen Beamten anstellen, der einem andern auf die Finger sehen soll, damit er nicht soviel stiehlt, das bedeutet soviel, wie _zwei_ Diebe statt eines schaffen. Überhaupt ist dies System der gegenseitigen Beschränkung und Überwachung eine höchst kleinliche Methode. Man kann die Wirkungssphäre eines Menschen nicht durch die eines anderen beschränken, schon im folgenden Jahre wird sich die Notwendigkeit herausstellen, auch den unter Aufsicht und Kontrolle zu stellen, den man angestellt hat, um die Macht des ersten zu beschränken, und so würden die gegenseitigen Einschränkungen kein Ende nehmen. Das ist ein trauriges und törichtes System; gleich allen andern negativen Systemen konnte es sich nur in Kolonialstaaten herausbilden, die sich aus allerhand zusammengelaufenen Völkern zusammensetzten, kein nationales Ganzes bildeten und von keinem gemeinsamen Volksgeist beseelt wurden, bei solchen Völkern gibt es weder so etwas wie Selbstaufopferung noch vornehme Gesinnung, solche Nationen lassen sich nur von ihrem persönlichen Eigennutz leiten. Man muß Zutrauen zum Adel menschlicher Gesinnung haben, sonst kann es überhaupt keinen Adel der Gesinnung geben. Wer da weiß, daß man ihn mit Mißtrauen ansieht, wie einen Gauner, und ihm überall Aufseher zugesellt, die ihn überwachen sollen, der läßt unwillkürlich die Hände sinken. Man muß den Menschen die Hände lösen und sie nicht noch fester binden. Man muß darauf dringen, daß sich jeder allein beherrschen lernt, damit er nicht von andern festgehalten zu werden braucht; er muß weit strenger gegen sich sein, als das Gesetz, und selbst einsehen lernen, worin er sich an seinem Amte versündigt. Kurz, man muß ihm einen Begriff von dem Wesen seiner höheren Aufgabe beibringen. Das aber vermag allein der Generalgouverneur, wenn er es nicht verschmäht, sich selbst über das wahre Wesen jedes Amts und Berufs zu unterrichten, sich an die Stelle jedes Beamten zu versetzen, den er zum vollen Verständnis seiner Pflichten erziehen möchte, und in Gedanken mit ihm zusammen den Dienst zu verrichten. Hierdurch wird Ihr ganzer Verkehr mit den Beamten einen persönlichen Charakter annehmen; Sie werden dazu keiner Sekretäre und keiner Schreibereien auf totem Aktenpapier bedürfen; infolgedessen werden Sie nur ein kleines eigenes Bureau haben, das keine Ähnlichkeit mit jenen ungeheueren riesenhaften Kanzleien haben wird, wie sie sich andere Regierungsbeamte einrichten. Diese ungeheueren Bureaus aber sind, wie Sie selbst wissen, ein großer Schaden, denn sie tragen dazu bei, allen Beamten ihre eigentliche Arbeit abzunehmen, eine neue Instanz und folglich neue Schwierigkeiten zu schaffen, ja sie sind der Anlaß, daß ganz unmerklich neue Persönlichkeiten mit wichtigen Machtvollkommenheiten auftauchen, z. B. irgendein gewöhnlicher Sekretär, den häufig niemand bemerkt und durch dessen Hände dennoch alle Akten gehen; ein solcher Sekretär schafft sich eine Geliebte an, dies führt zu Intrigen und Streitigkeiten, und bald ist der Teufel in eigener Person da, der doch jederzeit auf der Lauer liegt. Das Ende vom Liede aber ist dies: daß abgesehen von der Heraufbeschwörung neuer Verwirrungen und Verwickelungen noch unübersehbare Summen von Staatsgeldern verschlungen werden. Gott bewahre Sie davor, sich ein Bureau einzurichten. Setzen Sie sich nie anders als persönlich mit jemand auseinander. Wie kann man bloß gering von einem Gespräch mit einem Menschen denken, besonders wenn es sich dabei um etwas, was ihm nahe liegt, um seinen Beruf und seine Pflichten, und folglich um seine Seele selbst handelt? Wie kann man nur ein törichtes Zeitungsgeschwätz und totes Gerede über allerhand Schwindelnachrichten, wie sie aus den verlogenen europäischen Zeitschriften geschöpft werden, einem solchen Gespräch vorziehen? Die Pflicht der Menschen ist ein Gegenstand, über den man sich so unterhalten kann, daß es beiden Teilnehmern so scheint, als sprächen sie in Gottes eigener Gegenwart mit den Engeln. Nun denn, so reden auch Sie auf diese Weise mit Ihren Untergebenen, d. h. reden Sie so mit ihnen, daß ihre Seele Nahrung und Belehrung aus dem Gespräch schöpft! Vor allem aber -- und dies dürfen Sie nie vergessen -- sprechen Sie russisch mit ihnen. Damit meine ich nicht jene Sprache, der wir uns jetzt in der Praxis des täglichen Lebens bedienen und die hierbei der Verhunzung verfällt, auch nicht die Büchersprache oder die Sprache, die sich zu einer Zeit herausgebildet hat, als bei uns noch allerhand Mißbräuche an der Tagesordnung waren, sondern jene echte wahrhafte russische Sprache, deren unsichtbare Schwingungen das ganze russische Land durchdringen, trotz unserer Ausländerei in unserem eigenen Lande, jene Sprache, die zwar noch nicht mitbeteiligt ist an dem Werke unseres Lebens und die wir doch alle als die wahre russische Sprache empfinden. In dieser Sprache heißt der Vorgesetzte: _Vater_. Seien auch Sie ihnen das, was ein Vater seinen Kindern ist. Ein Vater aber führt keine papierene Korrespondenz mit seinen Kindern, sondern verständigt sich direkt und unmittelbar mit einem jeden von ihnen. Wenn Sie es so machen werden, werden Sie jedem das echte Verständnis für seinen Beruf mitteilen und eine wahrhaft große Leistung vollbringen.
Und nun will ich Ihnen noch eine Aufgabe nennen, die niemand lösen kann, außer einem Generalgouverneur, und die heute nicht bloß einem Bedürfnis, sondern geradezu einer dringenden Notwendigkeit entspricht; es ist dies die Aufgabe, dem Adel eine richtige Auffassung von seiner Bestimmung beizubringen. Der Adel in seinem wahrhaft russischen Wesenskern ist etwas sehr Schönes, trotz der fremdländischen Schale, von der er zeitweilig überwachsen ist. Aber unser Adel hat noch kein Gefühl dafür. Vielen dämmert zwar schon eine dunkle Ahnung davon auf, andre jedoch wissen noch immer nicht das Geringste davon, wiederum andere nehmen sich den Adelsstand fremder Länder zum Vorbild, und schließlich gibt es noch solche, die sich nicht einmal die Frage stellen, ob es überhaupt einen Adel auf der Welt zu geben brauchte? Aber selbst wenn sich unter ihnen einige Leute befinden, die ein Paar vernünftige und klare Gedanken über diese Frage haben, so dringen diese Gedanken doch noch nicht in die Massen, und die Masse hört sie noch nicht. In der letzten Zeit hat sich in unserem Adelsstande zu alledem wieder ein Geist des Mißtrauens gegen die Regierung verbreitet. Während der letzten europäischen Revolutionen und Wirren aller Art waren einige Bösewichte besonders bemüht, in den Kreisen unseres Adels das Gerücht zu verbreiten, als suche die Regierung die Bedeutung des Adels herabzusetzen und ihn bis zur völligen Bedeutungslosigkeit herabzudrücken. Allerhand Flüchtlinge, Emigranten und Leute, die es nicht gut mit Rußland meinten, schrieben allerlei Aufsätze und füllten die Spalten der ausländischen Zeitungen mit ihnen an, in der Absicht, Feindschaft zwischen der Regierung und dem Adel zu säen: einerseits wollte man dem russischen Kaiser beweisen, daß es eine phantastische Partei von Bojaren gäbe, die an der regierenden Gewalt selbst rüttelten, und andererseits wollte man dem Adel einreden, daß der Kaiser ihm nicht wohlwolle und diesen Stand überhaupt nicht schätze, das heißt, diese Leute wollten eine solche Suppe in Rußland einbrocken und solche Wirren hervorrufen, die ihnen Gelegenheit geben sollten, selbst eine Rolle zu spielen. Man spekulierte darauf, daß Furcht und gegenseitiges Mißtrauen etwas Schreckliches sind und allmählig selbst die heiligsten Bande zu zerreißen vermögen. Aber Gott sei Dank, die Zeiten sind vorüber, wo ein paar verrückte Menschen einen ganzen Staat in Aufruhr bringen konnten. Dieser Versuch blieb nichts als ein phantastisches Projekt; dennoch aber haben die Funken des gegenseitigen Mißtrauens und Mißverstehens gezündet, und ich kenne viele Adelige, die ganz ernstlich davon überzeugt sind, daß der Kaiser den Adelstand nicht liebt, und die sogar tief betrübt darüber sind. Bringen Sie diese Sache ins reine und klären Sie diese Leute über die ganze Wahrheit auf, ohne ihnen das Geringste vorzuenthalten. Sagen Sie ihnen, daß der Kaiser diesen Stand mehr liebt als alle anderen Stände, aber freilich nur den Adel in seinem echt russischen Wesen, nur jene schöne edle Form und Gestalt des Adels, die dem eigentlichen Geiste unseres Landes entspricht. Es kann ja auch gar nicht anders sein. Sollte er etwa die Zierde, die Blüte seines Landes nicht lieben? Denn bei uns ist der Adel die Blüte des eigenen Volkes und nicht ein fremdes eingewandertes Element. Allein der Adel muß selbst zeigen, was er ist, und die Bedeutung seines Berufs beweisen, denn so wie er jetzt ist, bei diesem völligen Mangel eines einheitlichen gemeinsamen Besitzes, bei dieser Verschiedenartigkeit der Anschauungen, der Erziehung, der Lebensweise und der Gewohnheiten, bei dieser falschen und verworrenen Ansicht über sich selbst kann der Adel niemand eine wirkliche, wahrhafte Vorstellung davon mitteilen, was der Adel in unserem Lande eigentlich darstellt. Daher kann auch der weiseste Mann heute nicht wissen, was er mit diesen Leuten anfangen soll. Der Adel muß sich selbst seine wahre und volle Bedeutung wieder erobern. Und dabei können Sie allen in wahrem Sinne behilflich sein, denn Sie sind doch selbst ein russischer Edelmann, und da Sie Verständnis für die Bedeutung unseres Adels besitzen, werden Sie sie auch den Leuten am besten klarmachen können. Dazu bedarf es nicht etwa vieler Worte, denn das, was Sie ihnen erklären werden, liegt ja schon im Keim angelegt in ihrer Brust. Unser Adel ist in der Tat eine ganz ungewöhnliche Erscheinung. Dieser Stand hat sich bei uns ganz anders herausgebildet als in anderen Ländern. Er führt seinen Ursprung nicht etwa auf eine gewaltsame Invasion eines fremden Stammes zurück, er ist nicht aus Vasallen und ihrem Heeresgefolge hervorgegangen, die sich in beständiger Auflehnung gegen die höchste Gewalt befinden und die Bedrücker der unteren Klassen sind; unser Adel leitet seinen Ursprung von Diensten her, die er dem Kaiser und dem ganzen Lande geleistet hat, von Leistungen, die auf sittlichen Vorzügen und Verdiensten und nicht auf roher Gewalt beruhten. Unser Adel kennt den Stolz auf irgendwelche Vorzüge und Privilegien seines Standes nicht, wie man ihn wohl in anderen Ländern findet, der Hochmut der deutschen Aristokraten ist ihm fremd; bei uns prahlt niemand mit seinem Geschlecht oder mit dem alten Ursprung seiner Familie, obwohl unsere Aristokratie die älteste ist -- dies tun höchstens ein paar Anglophile, die diese Gewohnheit während ihrer Reisen in England angenommen haben; es mag wohl hin und wieder einmal vorkommen, daß sich jemand seiner Ahnen rühmt, doch auch dann nur solcher, die ihrem Kaiser und ihrem Land wirkliche treue Dienste geleistet haben, dagegen soll er es nur versuchen, mit einem Ahnherrn zu prahlen, der ein schlechter Kerl war, seine eigenen Standesgenossen würden sofort ein Epigramm gegen ihn loslassen. Es gibt nur eine Sache, der sich ein jeder zu rühmen wagt, -- das ist das Gefühl für sittlichen Anstand, das ihm Gott selbst in die Brust gelegt hat. Und wenn es darauf ankommt, diese höchste innere Vornehmheit durch die Tat zu beweisen, so bleibt bei uns kein einziger hinter dem andern zurück, selbst wenn es der schlechteste von ihnen allen ist und wenn er ganz tief in Schmutz und Asche drinsteckt. Der Adel ist bei uns etwas wie ein Gefäß für diesen sittlichen Anstand, der sich über das ganze russische Land verbreiten muß, damit alle anderen Stände einen Begriff davon erhalten, warum der höchste Stand die Blüte des Volkes genannt wird. Wenn Sie ihnen annähernd das sagen werden, was ich Ihnen hier sage, und was die lauterste Wahrheit ist, und wenn Sie sie auf den Wirkungskreis hinweisen werden, der sich jetzt vor ihnen allen auftut: auf den Wirkungskreis, in dem sie ihren Namen verewigen und ihm ein dauerndes Leben in der Nachwelt sichern können, wenn Sie es ihnen völlig klarmachen werden, daß das ganze russische Land um Hilfe schreit und daß man dem Lande nur durch große, hochherzige Taten helfen kann, daß man aber vor allem denen mit großen Taten vorangehen soll, denen Adel und Vornehmheit schon bei der Geburt geschenkt wurden, so werden Sie sehen, daß ihre Herzen mit dem Ihren zusammenklingen werden, wie zwei Becher bei einem Festmahl. Verheimlichen Sie ihnen nichts, sondern eröffnen Sie ihnen die volle Wahrheit. Sollen sie etwa dieselben Dinge aus lügenhaften Berichten ausländischer Zeitungen erfahren und soll man etwa allerhand Brauseköpfe ihnen den Kopf verwirren lassen? Decken Sie ihnen die ganze Wahrheit auf. Sagen Sie ihnen, daß Rußland wirklich unter den räuberischen Praktiken und unter den Betrügereien zu leiden hat, die heute mit einer Dreistigkeit ihr Haupt erheben, wie noch nie zuvor, und daß dem Kaiser das Herz so weh tut, wie niemand von ihnen es ahnt oder glaubt und auch nur ahnen kann. Ja und könnte es denn anders sein beim Anblick dieses Knäuels neuer Verworrenheiten und Verwickelungen, die sich zwischen den Menschen aufgetürmt, sie voneinander getrennt und jedermann die Möglichkeit geraubt haben, Gutes und wahrhaft Nützliches für sein Vaterland zu leisten, angesichts endlich dieser allgemeinen Verfinsterung und Entfremdung gegenüber dem Geist des Vaterlandes, angesichts endlich all dieser Erpresser und Gauner, dieser käuflichen Rechtsverdreher und Räuber, die wie die Raben von allen Seiten herbeigeflogen kommen, um uns bei lebendigem Leibe zu fressen und im Trüben nach ihrem elenden Vorteil zu fischen. Wenn Sie ihnen das sagen und ihnen sodann beweisen werden, daß Sie jetzt vor der großen Aufgabe stehen, dem Kaiser einen wahrhaft edlen und hohen Dienst zu leisten: nämlich ebenso hochherzig wie ihre Väter einstmals in Reih und Glied wider die Feinde des Landes traten, nunmehr in die unscheinbarsten Posten und Stellungen einzurücken, selbst wenn diese von elenden Pöbelmenschen entehrt und in den Kot gezerrt sein sollten, so werden Sie sehen, wie unser Adel sich aufraffen wird. Man wird sich kaum retten können von all den Leuten, die den Wunsch haben, sich dem Staatsdienst zu widmen und die allerunbedeutendsten Stellungen einzunehmen. Und nach geleisteten Diensten werden sie keinen Lohn, keine Auszeichnungen, ja nicht einmal irgendwelche Vorrechte und Privilegien für sich verlangen, zufrieden, daß sie ihre hohen inneren Vorzüge ans Licht stellen konnten. Kurz -- machen Sie ihnen bloß die Hoheit ihrer Bestimmung klar, und Sie werden sich von der Vornehmheit ihres Wesens überzeugen. Sie können sie auch auf eine zweite große Aufgabe hinweisen, der sie sich widmen können: auf die Erziehung der ihnen anvertrauten Bauern; sie sollen Menschen aus ihnen machen, die ganz Europa zum Vorbild ihres Standes werden, denn heute fangen manche Leute in Europa ernsthaft an, über die alte patriarchalische Lebensordnung nachzudenken, deren Fundamente überall, außer in Rußland, verschwunden sind, und man beginnt schon laut über die Vorzüge unseres ländlichen Lebens zu reden, nachdem man die Ohnmacht und Unfähigkeit aller heutigen Institutionen und Einrichtungen, sich aus eigener Kraft zu verbessern und zu reformieren, erkannt hat. Daher müssen wir den Adel dazu bewegen, das wahrhaft russische Verhältnis zwischen Gutsbesitzer und Bauer zu erforschen, nicht aber den verlogenen unwahren Zustand, wie er sich infolge ihrer schmählichen Gleichgültigkeit gegen ihre eigenen Güter, die sie der Obhut fremder Tagelöhner und Verwalter überließen, herausgebildet hat, -- wirklich und wahrhaftig für die Bauern zu sorgen, wie für ihre eigenen Blutsverwandten und nicht wie für fremde Leute; ja Sie sollten sie lehren, ihre Bauern anzusehen wie ein Vater seine Kinder. Hierdurch allein können sie diesen Stand dazu machen, was er wirklich sein soll, diesen Stand, der bei uns wie mit Vorbedacht weder den Namen der Freien noch der Sklaven, sondern den Namen Krestjane (Bauern), nach dem eigenen Namen Christi trägt. Dies alles kann der Generalgouverneur dem Adel sehr gut klarmachen, wenn er nur zur rechten Zeit daran denkt, sich's überlegt und selbst zum vollen Verständnis der Bedeutung unseres Adels gelangt. Und dies wird die zweite unter Ihren großen Leistungen sein.