Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I
Part 23
Was ist Lomonossow, wenn wir ihn an sich betrachten? Ein schwärmerischer Jüngling, begeistert von dem Licht der Wissenschaft und der hohen Aufgabe, die er vor sich sieht. Wie durch Zufall wird er Poet. Die Freude über den ersten Sieg der Russen läßt ihn seine erste Ode aufs Papier werfen, hastig entlehnt er bei unsern deutschen Nachbarn Form und Metrum, wie sie in jener Zeit bei ihnen üblich waren, ohne zu überlegen, ob sie sich für unsere russische Sprache eignen oder nicht. Seine künstlichen rhetorischen Oden lassen auch nicht eine Spur schöpferischer Kraft erkennen, aber die Begeisterung bricht doch schon allenthalben hervor, wo er einen Gegenstand berührt, der seiner wissensdurstigen Seele nahesteht. Das Nordlicht, mit dem er sich in seinen wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigte, kommt ihm in Sinn, und die Frucht dieses Einfalls ist die Ode: _Abendbetrachtungen über Gottes Größe_, die von Anfang bis Ende eine hohe Majestät und Würde atmet und die kein anderer außer Lomonossow hätte schreiben können. Ein ähnlicher Einfall wird der Anlaß für die Epistel an Schuwalow: _Über den Nutzen des Glases._ Jede Erwähnung Rußlands, das seinem Herzen so nahesteht und das er immer durch die Perspektive seiner glänzenden Zukunft sieht, erfüllt ihn mit wunderbarer Kraft. Mitten unter kalten nüchternen Strophen begegnen wir Versen, die uns plötzlich in eine andere Welt versetzen. Man hat das Gefühl, als ob -- um uns seiner eigenen Worte zu bedienen --
Der Götterjüngling David leicht Der Harfe heil'ge Saiten meistert Und aus Jesaias Mund begeistert Ein Psalm empor zum Himmel steigt.
Er überschaut das ganze russische Land von einem Ende bis zum andern, wie von einem lichten Gipfel herab, begeistert und entzückt von seiner grenzenlosen Weite und seiner jungfräulichen Natur, und es scheint, als wolle sein Entzücken kein Ende nehmen. Aus seinen Schilderungen spricht mehr die Ansicht eines gelehrten Naturforschers als die eines Dichters, aber die treuherzige reine Kraft seiner Begeisterung verwandelt den Naturforscher in einen Dichter, und was das Merkwürdigste ist, indem er seine Verse in die strengen Maße des deutschen Jambus preßt, tut er der Sprache durchaus keine Gewalt an; die Sprache fließt innerhalb der engen Grenzen dieses Versmaßes mit der gleichen Würde und Freiheit dahin, wie ein wasserreicher Fluß in seinem breiten Bette. Ja, sie klingt in seinen Versen noch schöner und freier als in seiner Prosa, und Lomonossow heißt daher nicht umsonst der Vater unserer Verskunst. Das Merkwürdige ist, daß der Urheber unserer Sprache zugleich auch ihr Herr und Gesetzgeber wird. Lomonossow steht an der Spitze unserer Dichter wie die Vorrede zu einem Buche. Seine Poesie ist die aufsteigende Morgenröte: sie gleicht einem Wetterleuchten, das zwar nicht allem Helligkeit verleiht, sondern sein Licht nur auf einzelne Strophen wirft. Rußland erscheint bei ihm nur in seinen allgemeinen geographischen Umrissen; er scheint ausschließlich darum bemüht zu sein, eine Skizze von dem gewaltigen Reich zu entwerfen, und seine Grenzen durch Punkte und Linien abzustecken, während er die Ausmalung den andern überläßt. Er selbst ist gleichsam nur ein erster prophetischer Entwurf der Dinge, die da kommen sollen.
Durch den Einfall Lomonossows wurde bei uns die Ode eingeführt. Feste, Siegesfeiern, Geburtstage hoher Persönlichkeiten, ja sogar eine Illumination oder ein Feuerwerk werden Gegenstände dieser Oden. Die Verfasser dieser Dichtungen brachten es jedoch bestenfalls nur zu einer gewissen Bravour, ohne daß ihre Produkte von wahrer Begeisterung getragen wurden. Höchstens _Petrow_ macht eine Ausnahme, dem es nicht an einer gewissen Kraft und einem gewissen poetischen Feuer fehlt. Er war ein wirklicher Dichter trotz der Härte und Trockenheit seiner Verse. Die andern erreichten bestenfalls nur die kalte äußere Rhetorik der Oden Lomonossows, und an Stelle des Wohllauts seiner Sprache tritt ein leeres zuchtloses Wortgeklapper, das unser Ohr peinigt. Aber schon hatte der Stahl den Feuerstein getroffen. Schon hatte der Funke der Poesie gezündet. Noch hatte Lomonossow die Leier nicht aus der Hand gelegt, als Dershawin seine ersten Lieder dichtete.
In der Epoche Katharinas, deren Regierung einer glänzenden Sammlung der vorzüglichsten Werke russischer Schöpferkraft gleicht, als sich auf allen Gebieten bedeutende russische Talente regten, in glorreichen Schlachten ruhmgekrönte Feldherren auftraten, große Staatsmänner in der inneren Organisation des Reiches tätig waren, geschickte Diplomaten sich beim Abschluß von Verträgen auszeichneten, in den Akademien Gelehrte und Sprachforscher eine rege Tätigkeit entfalteten, da trat auch der Dichter Dershawin auf. Er hatte das gleiche malerische würdevolle Äußere wie alle Männer aus der Zeit Katharinas, die in einer noch ungezügelten Freiheit den Spielraum für ihre freie Entwicklung fanden. Bei ihnen allen gibt es noch viel Unfertiges, und in den Details Unausgeführtes, wie man es wohl in Werken findet, die allzufrüh in die Öffentlichkeit gebracht werden. Die Möglichkeit einer Vergleichung Lomonossows und Dershawins, die sich einem bei der ersten Bekanntschaft mit beiden Dichtern aufdrängt, schwindet sofort, wenn man Dershawin eingehender kennen lernt. Er bildet vielmehr in allem, selbst in seiner Erziehung, den vollkommenen Gegensatz zu dem ersteren. Während sich Lomonossow völlig den Wissenschaften widmet und das Dichten ausschließlich als eine Zerstreuung und eine Erholung betrachtet, gibt _er_ sich gänzlich der Dichtkunst hin und hält eine vielseitige wissenschaftliche Bildung für unnütz und überflüssig. Rußlands Größe und Staatsmacht kommt auch bei ihm zum Ausdruck, aber nun treten nicht nur die geographischen Umrisse des Reiches hervor, sondern auch die Menschen und ihr Leben werden sichtbar. Was ihn beschäftigt, ist nicht die abstrakte Wissenschaft: sondern die Kenntnis des Lebens. Seine Oden wenden sich bereits an die Menschen aller Berufe und Stände und zeugen von dem Streben, ein Gesetz des richtigen Handelns aufzustellen, nach dem sich der Mensch in allem, selbst in seinen Genüssen zu richten hat. Bei ihm macht sich schon eine wirkliche schöpferische Kraft bemerkbar, er besitzt etwas noch Gewaltigeres und Überirdischeres als Lomonossow, und man begreift nicht, woher der hyperbolische Schwung seiner Rede stammt. Ist es ein Nachklang unseres sagenhaften russischen Rittertums, das noch immer wie eine dunkle Weissagung über unserem Lande schwebt und uns eine bessere Zukunft vorhält, zu der wir bestimmt sind -- oder ist es ein Echo seines alten tatarischen Ursprungs? Jener Steppen, in denen noch heute die armseligen Überreste nomadisierender Horden umherirren, die ihre Einbildungskraft an Erzählungen von klafterhohen Helden, die tausend Jahre alt werden, entzünden? -- was es auch sein mag: dieser Charakterzug Dershawins hat etwas Wunderbares! Mitunter holt er seine Ausdrücke und Wendungen Gott weiß wie weit her: nur um möglichst nahe an seinen Gegenstand heranzukommen. Hier ist alles kolossal und ungeheuer, aber dort, wo ihn die Kraft der Begeisterung überkommt, da dienen diese ungeheuerlichen Massen nur dazu, um den Gegenstand mit einer schier unbegreiflichen Kraft zu beleben, so daß es uns so vorkommt, als blicke er uns mit tausend Augen an. Man überlese den »_Wasserfall_«: man hat den Eindruck, als wäre hier eine ganze Epopöe in eine gewaltig dahinstürmende Ode zusammengedrängt. Gemessen an dieser Ode erscheinen alle Dichter neben ihm wie Pygmäen, die Natur erscheint hier wie eine höhere Wirklichkeit neben der, die wir mit unseren Augen sehen, die Menschen gewaltiger als die, die wir kennen, und unser Dasein verglichen mit dem mächtigen Leben, wie es dort dargestellt ist, wie das eines fernen Ameisenhaufens. Von Dershawin kann man sagen: er ist der Sänger des Erhabenen. Bei ihm ist alles erhaben: die Gestalt Katharinens und Rußlands, das sich in seinen acht Meeren spiegelt; seine Feldherrn sind königliche Adler, kurz, bei ihm ist alles groß und majestätisch. Man hat jedoch das Gefühl: was seine Gedanken am meisten beschäftigte, was ihn am meisten bewegte, war der Wunsch, einen im Kampf des Lebens gestählten starken Menschen zu gestalten, bereit, es nicht nur mit seiner Zeit, sondern mit allen Zeitaltern aufzunehmen, ihn so zu zeichnen, wie er nach seiner Ansicht aus den ureigenen Wurzeln unserer russischen Natur erwachsen müßte, genährt und groß geworden auf dem unerschütterlichen Felsen unserer Kirche. Oft läßt er die Person, an die die Ode gerichtet ist, beiseite, um an ihre Stelle seinen unbeugsamen wahrhaftigen Helden zu setzen. Dann spricht er seine tiefen Wahrheiten mit einer Stimme aus, die sich hoch über das gewöhnliche Maß erhebt. Das, was wir einen Gemeinplatz zu nennen gewohnt sind, erhält seine hohe heilige Bedeutung wieder, und wir lauschen seinen ewigen Worten, als wenn der Mund der Kirche selbst zu uns spräche. Verglichen mit den Werken anderer Dichter erscheint alles bei ihm groß und gigantisch: seinen poetischen Metaphern fehlt es an der vollen plastischen Rundung, sie scheinen sich gleichsam in einer Art vergeistigter Kontur zu verlieren, erhalten aber gerade dadurch etwas noch Großartigeres und Erhabeneres. So schildert zum Beispiel der Dichter den greisen Caspius, wie er über den Sturm empört, über das Meer rast:
Wild springt er auf die Wellen los, Schlägt mit dem Dreizack nach den Schiffen, Stürmt himmelwärts, stürzt in den Schoß Des Hades mit gesträubten Haaren, Und durchs Gebirge hallt sein Schrei.
Hier schien sich ein _plastisches_ Bild des greisen Caspius gestalten zu wollen, aber die Zeichnung verlor sich in abstrakt geistigen Konturen: das Ohr hört nichts als den Donner des brausenden Meeres, und wie dem grauköpfigen Greise, so sträuben sich auch dem Leser die Haare, der erschüttert ist von der rauhen Größe des Bildes. Bei ihm ist alles monumental. Sein Stil ist von einer Größe, wie bei keinem unserer Dichter. Wenn wir diesen Stil mit dem Messer des Anatomen sezieren, so sehen wir, daß dies in einer fremdartigen Verkuppelung pathetischer Worte mit schlichten, ja trivialen begründet ist, wessen sich kein anderer außer Dershawin erkühnen würde. Wer außer ihm würde es wagen, sich so auszudrücken, wie er es an einer Stelle tut, wo er von seinem großen Helden spricht: der nach Vollendung seiner irdischen Aufgabe
den Tod wie einen Gast erwartet und sinnend sich den Schnurrbart streicht.
Wer außer Dershawin hätte es gewagt, eine so ernste Angelegenheit wie die Erwartung des Todes zu einer so trivialen Geste wie das Streichen des Schnurrbarts in Beziehung zu setzen? Aber wie ungeheuer gewinnt hierdurch der Held an Anschaulichkeit und welch melancholisch-tiefes Gefühl bleibt in unserer Seele zurück! Man muß jedoch sagen, daß sowohl diese wie alle andern gigantischen Züge, die ihn weit über alle unsere Dichter erheben, bei ihm etwas Zügelloses und Formloses annehmen, sowie ihn die Inspiration verläßt: Alles gerät in Unordnung: Satzbau, Sprache, Stil, alles knarrt wie ein schlechtgeölter Karren, und sein Vers gleicht einem entseelten Leichnam. Seine Werke tragen die Spuren seiner unvollkommenen geistigen und sittlichen Bildung. Der Mann, der andern Selbstbeherrschung predigte, wußte sich selbst nicht zu beherrschen, hat sich nie ganz selbst gefunden und hat mühsam und mit der ganzen Kraft seiner Begeisterung den Weg zu seinem Ich suchen müssen, um das aussprechen zu können, was sich der Seele des Dichters von selbst entringen müßte. Hätte er sich die wahre Bildung zu erringen gewußt, es würde keinen größeren Dichter als Dershawin gegeben haben. So aber gleicht er nur einem gewaltigen unförmlichen Felsblock, vor dem zwar niemand ohne Bewunderung stehen bleiben wird: jedoch kein Mensch wird lange vor ihm verweilen, sondern bald zu andern reizvolleren Eindrücken fortzueilen suchen.
Noch hatte Dershawin die Leier nicht aus der Hand gelegt, und schon hatte sich alles um ihn verändert: das Zeitalter Katharinas, die königlichen Feldherren, der höfische Luxus und das ganze höfische Leben waren dahingeschwunden wie ein Traum, die Epoche Alexanders war angebrochen: sauber, spiegelblank und manierlich. Die Menschen zogen sich mehr in sich selbst zurück und wetteiferten, aus dem Gefühl heraus, daß sie sich bisher allzusehr gehen gelassen hatten, ihren Handlungen und Bewegungen Schönheit und edlen Anstand zu verleihen. Die Franzosen galten in allen Dingen als Vorbild, und wie einst die Pariser Stutzer den Ton in unserer Gesellschaft angaben, so beherrschten eine Zeitlang die flinken französischen Poeten unsere Dichtung. Zur Rechtfertigung unseres sicheren dichterischen Gefühls sei jedoch an dieser Stelle erwähnt, daß uns nur einer dieser Dichter wirklich als Vorbild gedient hat: _Lafontaine_, und zwar nur deshalb, weil er der Natur am nächsten stand: _Dmitriew_, _Chemnitzer_ und _Bogdanowitsch_ dichteten in der gleichen Art und behandelten ähnliche Stoffe wie er. Die russische Sprache erhielt plötzlich eine gewisse Freiheit und die Fähigkeit, mit angenehmer Leichtigkeit von Gegenstand zu Gegenstand überzugehen -- eine Leichtigkeit, die Dershawin noch unbekannt war. Man pflegte nicht nur die Ode, sondern versuchte sich in allen Arten und Formen der Poesie. _Dmitriew_ bewies überall viel Talent, Geschmack, Einfachheit und Anstand, und hierdurch wurde der Schwulst und das falsche Pathos überwunden, das durch die talentlosen Nachahmer Dershawins und Lomonossows üblich geworden war. Aber die Oberflächlichkeit der Epoche vermochte unserer Dichtung keinen reicheren Inhalt darzubieten: sie blieb allein auf das Gesellschaftsleben beschränkt, und man konnte sie bald einem gewandten und gescheiten Weltmann vergleichen, der im Salon sitzt und plaudert, nicht etwa um andern sein Herz zu öffnen oder sie zu tüchtigen Handeln anzufeuern, sondern lediglich, um Konversation zu machen und zu beweisen, daß er über jeden Gegenstand etwas zu sagen habe. Die letzten Töne Dershawins waren verhallt wie die verklingenden Töne einer Orgel und unsere Poesie schien plötzlich aus der Kirche in den Ballsaal versetzt. Nur der eine _Kapnist_ ließ den Duft eines wahrhaft beseelten Gefühls und eine eigenartige anthologische Anmut verspüren, wie sie bisher noch nicht bekannt war. Man denke zum Beispiel an sein Landhaus Obuchowka:
Mein liebes Häuschen, strohgedecket, Ist nicht zu groß, noch ist's zu klein, Der Freund wird stets willkommen sein Und selbst den armen Bettler schrecket Kein Türschloß fort, will er hinein.
Aber unsere Poesie vermochte nicht lange auf diesem Gipfel eines oberflächlichen Gesellschaftslebens zu verweilen. Schon war ihre Empfänglichkeit durch jenen Schlag Peters mit dem Stahl europäischer Bildung geweckt, und sie erkannte plötzlich, daß sie von den Franzosen nichts als eine gewisse Leichtigkeit entlehnen und für ihre Entwicklung nutzbar machen konnte, und so wandte sie sich den Deutschen zu. In der deutschen Literatur ging um diese Zeit etwas Merkwürdiges vor. Eine unklare Sehnsucht, geheimnisvolle Überlieferungen, wunderbare unerklärliche Ereignisse, dunkle Schatten aus einer unsichtbaren Welt, Träume und Schrecken, wie sie die Kindheit des Menschen zu begleiten pflegen, bildeten den Gegenstand der deutschen Dichtung. Man hätte eine solche Poesie für die Laune eines Schulbuben halten können, wenn nicht jenes kindliche Lallen in ihr vernehmbar gewesen wäre, durch das die unsterbliche nach lebendiger Nahrung dürstende Seele von sich Kunde gibt. Wie ein neugieriges Kind blieb unsere feinfühlige Dichtung von dieser Erscheinung gebannt. Ihr nationaler Instinkt rief plötzlich in ihr die Erinnerung an etwas Verwandtes wach. Bei alledem wären wir uns nie mit den Deutschen begegnet, wenn nicht ein Poet in unserer Mitte erstanden wäre, der uns diese neue wunderbare Welt durch den klaren Kristall seines Wesens gezeigt hätte, das uns weit verständlicher war, als das deutsche. Dieser Dichter ist _Shukowski_: die stärkste Individualität in unserer Literatur. Durch die geheimnisvolle Fügung des Höchsten war ihm von seinen Kindheitstagen an eine ihm selbst unbegreifliche Sehnsucht nach dem Unsichtbaren, Mystischen in die Seele gelegt. Wie der Held seiner Ballade _Wadim_ vernahm er immer einen himmlischen Glockenton in seinem Herzen, der ihn in die Ferne rief. Dieser Lockung folgend, stürzte er sich auf alles Unerklärliche und Geheimnisvolle, wo immer es ihm begegnete, um es in Töne zu fassen, die eine verwandte Saite in unserer Seele erklingen ließen. Alles dieser Art entlehnt er fremden Dichtern, vor allem den Deutschen, und das Meiste davon sind Übersetzungen. Aber diese Übersetzungen tragen so sehr die Spur jener inneren Sehnsucht an sich, werden so heftig von ihrer Kraft belebt und durchglüht, daß selbst Deutsche, die des Russischen mächtig sind, zugestehen, die Originale erschienen neben ihnen wie Kopien, während seine Übersetzungen den Charakter echter Originale besitzen. Man weiß nicht, ob man ihn einen Übersetzer oder einen ursprünglichen Dichter nennen soll; der Übersetzer gibt seine eigene Persönlichkeit auf, während sie bei Shukowski stärker hervortritt als bei irgendeinem unserer Dichter. Wenn wir die ganze Reihe seiner Dichtungen durchlaufen, so werden wir finden, daß das eine von _Schiller_, ein anderes von _Uhland_, ein drittes von _Walter Scott_, ein viertes von _Byron_ entlehnt ist; und alle diese Werke sind bis auf das einzelne Wort getreue Abbilder ihrer Vorlagen. Die Persönlichkeit jedes Dichters ist durchaus erhalten; als Übersetzer hatte Shukowski ja auch keine Gelegenheit, sich vorzudrängen. Liest man jedoch mehrere Gedichte nacheinander und fragt man sich, wessen Gedichte man gelesen habe, dann fallen einem weder Schiller, noch Uhland, noch Walter Scott ein, sondern ein Dichter, der sich von allen diesen unterscheidet, dessen Platz nicht zu ihren Füßen ist, sondern der ein Recht hat, als Gleicher neben Gleichen an ihrer Seite zu sitzen. Wie es jedoch möglich war, daß seine eigene Persönlichkeit all diese Dichterpersönlichkeiten durchdringen konnte, das bleibt ein Geheimnis, das sich jedem Leser aufdrängt. Es gibt keinen Russen, der sich nicht aus den Werken Shukowskis selbst ein getreues Abbild seiner geistigen Persönlichkeit bilden könnte. Man muß auch sagen, daß sich in keinem der von ihm übertragenen Dichter eine so starke Sehnsucht regt, in ein wolkenfernes, unsichtbares Traumland zu entfliehen. Bei keinem von ihnen finden wir diesen festen Glauben an übersinnliche Kräfte, die den Menschen überall schützend umschweben. Wenn man Shukowski liest, so hat man beständig das Gefühl, für das Dershawin die Worte gefunden hat:
»Dem Schutz des Himmels übergeben Ward deines Lebens Sicherheit Und Legionen Engel schweben Ob deinem Haupte hilfsbereit.«
Er hat durch seine Übersetzungen eine Wirkung ausgeübt, wie ein ursprünglicher urwüchsiger Dichter. Indem er unserer Dichtkunst dieses ihr bis dahin ganz unbekannte Streben nach einer unsichtbaren geheimnisvollen Welt einpflanzte, befreite er sie von dem Materialismus nicht nur ihrer Gedanken und ihrer Sprache, sondern auch ihrer Versform, die damit etwas Leichtes und Unkörperliches wie eine Vision erhielt. Mit diesen Übersetzungen legte er den Grund zu allem Originalen, schuf er neue Formen und Metren, die dann später auch von allen andern russischen Dichtern angewandt wurden. Sein träger Geist hinderte ihn daran, vor allem ein schöpferisches Talent zu sein -- es fehlte ihm nicht an schöpferischer Kraft, er war nur zu träge im Erfinden. Im Beginn seiner Schriftstellerlaufbahn gab er schon Beweise seiner Produktivität: _Swetlana_ und _Ludmilla_ trugen zuerst die erwärmenden Klänge unserer slawischen Seele durch die Lande und sie berührten uns weit verwandter als die Lieder anderer Dichter -- ein Beweis dafür, daß sie zu einer Zeit, als unser poetisches Empfinden noch schwach entwickelt war, einen mächtigen Eindruck auf alle machten. Die Elegie ist eine Schöpfung Shukowskis. Es gibt übrigens einen noch tieferliegenden Grund, auf den diese Trägheit des Verstandes zurückzuführen ist: es ist seine Veranlagung zur Kritik, die, nachdem sie sich einmal in seinem Geiste festgesetzt hatte, ihn dazu drängte, auch noch bei jedem fertigen Werk liebevoll zu verweilen. Daher sein feiner kritischer Instinkt, der Puschkin so sehr in Erstaunen setzte. Puschkin zürnte ihm sehr, daß er keine Kritiken schrieb. Seiner Meinung nach konnte niemand ein Kunstwerk so gut zerlegen und beurteilen wie Shukowski. Diese Begabung für Kritik und Analyse tritt besonders in seinen farbigen Naturschilderungen hervor, die seine eigensten, selbständigsten Leistungen sind. Bezaubert von einer Landschaft, bemächtigt er sich ihrer und läßt nicht eher von ihr ab, als bis er wie mit dem Seziermesser noch ihr kleinstes, verschwindendes Detail herausgehoben hat. Wer das Gedicht an die Sonne zu schreiben vermochte, wer so das bunte Spiel der Sonnenstrahlen und die Magie der Bilder, belauschen konnte, die sie zu jeder Tageszeit hervorzaubert, wer in seinem »Bericht über den Mond« die magische Pracht der Mondnächte und die Reihe der Bilder, die sie begleiten, so eingehend und anschaulich zu schildern vermochte: der mußte natürlich im hohen Maße die Begabung zur _Kritik_ besitzen. Seine »Slawin« mit ihren Schilderungen von Pawlowsk ist vollkommene Malerei; die andächtige träumerische Stimmung, die alle seine Bilder durchweht, verbreitet ein warmes und erwärmendes Licht um sich, das den Leser mit einer unbegreiflichen Ruhe erfüllt. Alle unsere Leidenschaften beruhigen sich und eine geheimnisvolle Kraft scheint uns den Mund zu verschließen.
In der letzten Zeit trat ein Wendepunkt in Shukowskis dichterischer Entwicklung ein. In dem Maße, als sich die in einem leuchtenden Dämmer verschwebende Ferne, die er bis dahin nur in einer unklaren poetischen Distanz erschaut hatte, zu immer reinerer Klarheit läuterte, begann er, den Geschmack und die Vorliebe für die Gespenster und Phantome der deutschen Balladen zu verlieren. Seine Neigung zur Träumerei machte einer geistigen Heiterkeit Platz. Die Frucht dieser Stimmung war die »Undine«, ein Werk, das ganz Eigentum Shukowskis war. Der deutsche Dichter, der die gleiche Sage in Prosaform behandelt hatte, konnte ihm nicht zum Vorbild dienen: erst Shukowski hat diesem Stoff zu seiner vollen Klarheit und Heiterkeit verholfen. Von hier an wird ihm eine kristallene Durchsichtigkeit der Sprache eigen, die dem Gegenstand eine Klarheit verleiht, welche er nicht einmal bei dem ersten Darsteller des Stoffes besitzt, dem er ihn entlehnt. Selbst sein Vers verliert das Ätherische, Unbestimmte, das er früher besaß: er schreitet kräftiger und sicherer einher. In Shukowski schienen sich alle Vorbedingungen zu vereinigen, um mit Hilfe dieses Verses eine Dichtung von höchster Vollkommenheit zu gestalten. Bei seiner Art des Schaffens, bei solchem Erfülltsein des ganzen Menschen mit dem Geist der Antike und bei einer so erleuchteten und hohen Lebensanschauung hätte uns ein solches Werk sicherlich die ursprüngliche patriarchalische Welt des Altertums in einer vertrauten und heimischen Beleuchtung näherbringen müssen -- eine Leistung, die weit höher zu bewerten ist, als jede eigene Schöpfung und die Shukowski eine universelle Bedeutung verleihen würde. Shukowski verhält sich zu unsern andern Dichtern wie ein Goldschmied zu andern Handwerksmeistern: das heißt wie ein Meister, der sich nur mit der letzten Verarbeitung des Materials beschäftigt. Es ist nicht seine Aufgabe, den Edelstein aus Bergestiefen ans Licht zu fördern: er hat dem Diamanten lediglich die Fassung zu geben, die ihn in seinem vollen Glanze erstrahlen läßt und jedem seinen ganzen Wert vor Augen führt. Ein solcher Dichter konnte nur aus dem russischen Volke hervorgehen, dem vielleicht nur darum eine geniale Empfänglichkeit verliehen ward, um all dem, was die andern Völker noch nicht in ihrem Wert erkannt, nicht verarbeitet oder übersehen hatten, eine edlere Form zu verleihen.