Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I
Part 15
Wenn es einmal vorkommt, daß ein Beamter wegen irgendwelcher unehrenhafter Handlungen vor Gericht gestellt wird, so muß dies stets _unter Enthebung von seinem Amt_ geschehen. Das ist von großer Bedeutung, denn wenn er vor Gericht gestellt wird, ohne daß er seines Amts enthoben wird, so werden alle andern Beamten für ihn Partei nehmen. Er wird noch lange Winkelzüge zu machen und Mittel zu finden suchen, um alles derartig in Verwirrung zu bringen, daß es überhaupt nicht mehr möglich ist, die Wahrheit ans Licht zu bringen; wird er dagegen unter _Enthebung von seinem Amt_ vor Gericht gestellt, so wird er plötzlich die Nase hängen lassen, niemand wird mehr Angst vor ihm haben, auf allen Seiten werden sich Beweise gegen ihn häufen, alles wird plötzlich an den hellen Tag kommen und die Sache wird sich völlig aufklären. Um eins aber bitte ich Sie, liebe Freundin, verlassen Sie um Christi willen nie einen aus dem Amt gejagten Beamten gänzlich, mag er so schlecht sein, wie er will: denn er ist ein Unglücklicher. Aus den Händen Ihres Gemahls muß er in Ihre Hände gelangen. Sprechen Sie nicht selbst mit ihm und empfangen Sie ihn nicht, sondern behalten Sie ihn von ferne im Auge. Sie haben gut daran getan, die Aufseherin an der Irrenanstalt hinauszuwerfen, weil sie die Brötchen, die für diese Unglücklichen bestimmt waren, an andre Leute verkauft hat -- ein Verbrechen, das um so abscheulicher ist, wenn man in Betracht zieht, daß die Geisteskranken ja nicht einmal imstande waren, sich deswegen zu beklagen. Daher mußte ihre Entlassung öffentlich und vor aller Welt erfolgen. Aber lassen Sie nie einen Menschen völlig fallen, machen Sie ihm die Rückkehr nicht ganz unmöglich und behalten Sie den Ausgestoßenen im Auge. Denn mitunter kann ein solcher aus Kummer, Verzweiflung und Scham noch größere Verbrechen begehen. Handeln Sie entweder durch Ihren Beichtvater oder überhaupt durch irgendeinen klugen Geistlichen, veranlassen Sie diesen, ihn aufzusuchen und Ihnen beständig über ihn Bericht zu erstatten. Vor allem aber sorgen Sie dafür, daß er nie ohne Arbeit und Tätigkeit ist. Nehmen Sie sich in diesem Fall nicht das tote Gesetz, sondern den lebendigen Gott zum Vorbild, der den Menschen mit allen Geißeln des Unglücks schlägt, ihn aber bis an sein Lebensende nie verläßt. Ein Verbrecher mag sein, wie er will, solange die Erde ihn noch trägt und Gottes Donner ihn noch nicht vernichtet hat, so bedeutet das, daß er sich hier in der Welt noch aufrecht zu erhalten vermag, auf daß jemand durch sein Los gerührt werde, ihm helfe und ihn rette. Sollten Sie übrigens bei den Aufzeichnungen, die Sie für mich machen werden, oder bei Ihren eigenen Forschungen über alle möglichen Mißstände und Gebrechen allzusehr durch die traurigen Seiten unseres Lebens erschüttert werden und sollte sich Ihr Herz mit Empörung erfüllen -- so rate ich Ihnen in solch einem Falle, sich hierüber so häufig wie möglich mit dem Erzpriester zu unterhalten. Dieser ist, wie ich aus Ihren Worten ersehe, offenbar ein kluger Mann und ein gütiger Priester. Führen Sie ihn durch Ihr ganzes Krankenhaus und klären Sie ihn über alle Leiden Ihrer Kranken auf. Selbst wenn er keine großen Kenntnisse und Erfahrungen in der Heilkunst besitzen sollte, so müssen Sie ihn dennoch über alle Krankheitsanfälle, alle Symptome und alle Krankheitserscheinungen unterrichten. Suchen Sie ihm alles bis aufs letzte so lebendig darzustellen, daß es ihm fortwährend vor Augen steht, daß er sich in Gedanken fortwährend mit Ihrer Stadt beschäftigen muß, daß sie ihm immer lebendig und gegenwärtig ist, wie sie auch Ihre Gedanken beständig beschäftigen muß, damit all sein Denken stets ganz von selbst darauf gerichtet ist, unaufhörlich für sie zu beten. Glauben Sie mir, seine Sonntagspredigt wird hierdurch den Zuhörern immer mehr und mehr zu Herzen gehen, und es wird ihm gelingen, in viele Dinge Licht hineinzubringen und persönlich, ohne auf jemand hinzuweisen, jedem seine eigene Schlechtigkeit und Gemeinheit von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustellen, so daß sich ein jeder mit Ekel von dem, was sein Eigenstes ist, abwenden wird. Achten Sie gleichfalls auf die Stadtpfarrer, suchen Sie sie unbedingt alle kennen zu lernen. Von ihnen hängt alles ab, und die Rettung unserer Seele liegt in ihren Händen und nicht in den Händen irgendeines anderen. Achten Sie trotz der Einfalt und Unwissenheit so mancher keinen von ihnen zu gering. Es ist leichter, _sie_ ihrer Pflicht wiederzugeben, als irgendeinen von uns. Wir weltlichen Menschen besitzen viel Stolz, Ehrgeiz, Eigenliebe und vertrauen zu sehr auf unsere Vollkommenheit. Infolgedessen will niemand von uns auf die Worte und die Ermahnungen seiner Brüder hören, so wahr und richtig sie auch immer sein mögen. Dazu kommen noch die vielen Zerstreuungen und Vergnügungen ... Ein Geistlicher dagegen mag sein wie er will, er hat doch immerhin ein gewisses Gefühl dafür, daß er demütiger und bescheidener sein muß, als alle anderen Menschen. Außerdem wird er ja auch täglich während des Gottesdienstes, den er abhält, daran erinnert, mit einem Wort, er ist weit eher dazu imstande, sich auf den rechten Weg zurückzufinden, als wir, und indem er selbst dahin zurückkehrt, kann er auch uns alle auf ihn zurückführen. Daher müssen Sie, selbst wenn Sie ganz unfähige Leute unter ihnen antreffen, diese nicht geringschätzen, sondern ordentlich mit ihnen reden. Fragen Sie einen jeden, was er für eine Gemeinde hat, lassen Sie sich ein vollständiges Bild von ihr entwerfen, lassen Sie sich erzählen, was für Leute in seinem Pfarrdorf leben, wie er sie versteht und in welchem Maße er sie kennt. Vergessen Sie niemals, daß ich bisher noch gar nicht weiß, was das Bürgertum und die Kaufmannschaft in Ihrer Stadt eigentlich darstellen. Daß sie auch schon anfangen, die Mode mitzumachen und Zigaretten zu rauchen, das ist eine Erscheinung, der man überall begegnet. Ich wünschte, Sie könnten mir einen von ihnen mitten aus seinem Milieu lebendig herausgreifen, damit ich ihn vom Kopf bis zu den Füßen in all seinen Einzelzügen vor mir sehen könnte. Also noch einmal: suchen Sie sie möglichst vollständig und bis ins einzelne kennen zu lernen. Eine Seite der Sache werden Sie von den Priestern erfahren, eine andere vom Polizeimeister, wenn Sie sich nur die Mühe geben, die Sache gründlich mit ihnen durchzusprechen. Einen dritten Zug werden Sie von ihnen selbst erfahren, wenn Sie es nicht verschmähen, mit einem von ihnen eine Unterhaltung anzuknüpfen, was Sie meinetwegen Sonntags beim Verlassen der Kirche tun können. Alle Daten, die Sie so sammeln werden, werden dazu dienen, das Musterbild des Bürgers und Kaufmanns, wie er in Wahrheit sein soll, vor Ihnen erstehen zu lassen. Selbst im Krüppel werden Sie das Ideal erkennen, dessen Karikatur dieser Krüppel darstellt. Wenn Sie aber das Gefühl haben, daß Sie so weit sind, dann lassen Sie den Priester holen und sprechen Sie mit ihm darüber. Sie werden ihm gerade das sagen, was er wissen muß. Sie werden ihm das Wesen eines jeden Berufs klarmachen, d. h. Sie werden ihm zeigen, was ein jeder Beruf bei uns sein muß, und Sie werden eine Karikatur dieses Berufs vor ihm erstehen lassen, d. h., Sie werden ihm zeigen, wozu er durch unsere Mißbräuche geworden ist. Darüber hinaus brauchen Sie nichts hinzuzufügen. Er wird schon selbst auf das Rechte kommen, wenn sein eigener Lebenswandel besser werden wird. Unsere Priester bedürfen solcher Gespräche, besonders mit fertigen in sich abgeschlossenen Menschen, die es verstehen, die Grenzen und Pflichten eines jeden Berufs und Amtes in wenigen, aber klaren und treffenden Zügen abzustecken. Häufig weiß mancher von ihnen nur deshalb nicht, wie er sich gegen seine Gemeinde und seine Zuhörer verhalten soll, und bringt nichts als Gemeinplätze vor, die sich nach keiner Richtung hin unmittelbar auf den Gegenstand beziehen. Suchen Sie sich auch in seine eigene Lage zu versetzen. Helfen Sie seiner Frau und seinen Kindern, wenn seine Gemeinde arm ist, und denen, die da roh und trotzig tun, drohen Sie mit dem Erzpriester. Im allgemeinen aber suchen Sie vor allem durch Ihren moralischen Einfluß zu wirken. Erinnern Sie sie daran, daß ihre Pflichten groß und furchtbar sind, daß sie strengere Rechenschaft werden ablegen müssen, als irgendein Mensch aus einem anderen Beruf, daß heutzutage ja auch der Synod und selbst der Kaiser ganz besonders auf den Lebenswandel der Priester achten, daß ein großes Revirement bevorsteht, weil nicht nur die höhere Obrigkeit, sondern auch alle Privatleute im Staate ohne Ausnahme zu merken beginnen, daß der Grund alles Übels darin liegt, daß die Priester nicht mehr recht ihre Pflicht und Schuldigkeit tun ... Klären Sie sie möglichst häufig über die furchtbaren Wahrheiten auf, bei denen unsere Seele unwillkürlich erschauert. Kurz -- vernachlässigen Sie die Stadtpfarrer unter keinen Umständen: mit ihrer Hilfe kann die Frau eines Gouverneurs einen großen moralischen Einfluß auf die Kaufmannschaft, das Bürgertum und die niederen Stände der Stadtbewohner ausüben, einen so großen Einfluß, wie Sie sich's kaum vorstellen können. Ich will nur einiges davon erwähnen, was sie durchzusetzen vermag, und Sie auf die Mittel aufmerksam machen, mit deren Hilfe sie dies vollbringen kann: erstens, -- aber da fällt mir ein, daß ich ja gar keinen Begriff davon habe, was das Bürgertum und die Kaufmannschaft in Ihrer Stadt darstellen. Meine Worte könnten Ihnen vielleicht nicht recht gelegen kommen, daher ist es besser, ich unterdrücke sie ganz. Ich will Ihnen nur das eine sagen, daß Sie selbst einmal erstaunt sein werden, wenn Sie erkennen werden, welch große Aufgaben und Taten Ihnen in diesem Wirkungskreis bevorstehen, Taten, die weit mehr Nutzen bringen können, als irgendwelche Asyle und alle möglichen Wohlfahrtseinrichtungen, obwohl sie mit keinerlei Geldopfern und Arbeit verbunden sind, sondern einem sogar zum Vergnügen, zu einer Erholung und zu einer geistigen Zerstreuung werden.
Versuchen Sie es auch, die Elite, d. h. die Besten unter den Bewohnern der Stadt zu sozialer Tätigkeit anzuhalten: beinahe jeder von ihnen kann gleich Ihnen sehr viel erreichen, und es ist möglich, sie aufzurütteln; wenn Sie mir nur ein vollständiges Bild von ihrem Charakter, ihrer Lebensweise und ihrer Beschäftigung geben wollen, so werde ich Ihnen sagen, wie und wodurch man sie zur Tätigkeit anspornen kann: in jedem Russen gibt es verborgene Saiten, die er selbst nicht kennt, die man jedoch nur anzuschlagen braucht, um ihn aufzurütteln und aufzuwecken. Sie haben mir schon ein paar gescheite und edle Menschen in Ihrer Stadt genannt. Ich bin überzeugt, daß sich noch weit mehr finden werden. Legen Sie keinen Wert auf ein abstoßendes Äußeres, legen Sie auch keinen Wert auf unangenehme Manieren, auf ein grobes, plumpes und ungeschicktes Benehmen, ja nicht einmal auf die Sucht, zu renommieren und sich durch große Kühnheit und Bravour hervorzutun, oder auf ein allzu freies ungeniertes Auftreten. Wir alle haben uns in der letzten Zeit ein etwas unangenehmes hochnäsiges Benehmen angewöhnt, dennoch ist unsere Seele in ihrem Innersten weit mehr guter Regungen und Gefühle fähig als jemals früher, trotzdem wir sie in allerhand wertlosem Plunder erstickt oder sogar einfach befleckt und in den Kot gezerrt haben.
Vor allem: Verachten Sie die Frauen nicht. Ich schwöre Ihnen, die Frauen sind weit besser als wir Männer; sie sind viel hochherziger, haben viel mehr Wagemut und sind weit fähiger zu edlen Taten als wir. Messen Sie dem keine Bedeutung bei, daß sie sich von dem hohlen modischen Treiben umgarnen ließen. Wenn es Ihnen gelingt, die Sprache der Seele zu ihnen zu reden, wenn es Ihnen glückt, der Frau auch nur im geringsten ihre hohe Aufgabe, die ihrer heute in der Welt harrt, ihre himmlische Bestimmung klarzumachen: uns eine Erweckerin zu allem Edlen, zur Geradheit und Ehrlichkeit zu werden und den Menschen zu edlem Tun und Streben aufzurufen, so wird dieselbe Frau, die Sie noch soeben für ganz hohl und nichtig gehalten haben, in edler Begeisterung aufflammen, in sich gehen, erkennen, daß sie ihre Pflichten vernachlässigt hat, sich zu edlen Taten aufraffen, all ihren Flitter weit von sich werfen, ihren Mann zu treuer Erfüllung seiner Pflichten anhalten, und alle dazu veranlassen, daß sie umkehren und sich wieder in den Dienst einer Sache stellen. Ich schwöre Ihnen, unsere Frauen werden uns hochherzig ins Gewissen reden und uns die Peitsche spüren lassen, sie werden uns mit der Geißel der Scham und des Gewissens antreiben wie eine stumpfsinnige Hammelherde, noch bevor ein jeder von uns erwachen und erkennen wird, daß er schon längst von selbst hätte vorwärts laufen und nicht erst auf den Schlag der Peitsche warten sollen. Sie werden die Liebe aller gewinnen. Und diese Liebe wird innig und stark sein; es ist ja auch nicht anders möglich, als daß alle Sie lieben, wenn sie Ihre Seele kennen lernen. Bis dahin aber müssen Sie alle, bis zum letzten, lieben, ohne alle Rücksicht, ob einer Sie liebt oder nicht.
Jedoch mein Brief ist schon zu lang geworden. Ich fühle, daß ich anfange, Dinge zu sagen, die weder Ihrer Stadt noch Ihnen selbst im gegenwärtigen Augenblick sehr gelegen kommen mögen. Und doch sind Sie selbst schuld daran, da Sie mir über nichts ausführliche Nachrichten zukommen lassen. Bisher lebe ich immer noch wie in einem einsamen Walde. Ich höre fortwährend von unheilbaren Krankheiten und weiß doch nicht, woran eigentlich ein jeder leidet. Ich habe jedoch die Gewohnheit, nie auf ein bloßes Gerücht hin an irgendein unheilbares Leiden zu glauben, und ich nenne eine Krankheit niemals unheilbar, bis ich mich nicht durch eigenhändiges Befühlen und Betasten davon überzeugt habe. Also noch einmal: Suchen Sie mir zuliebe die ganze Stadt gründlich kennen zu lernen, beschreiben Sie mir alles und jedermann und ersparen Sie keinem einzigen Menschen folgende drei unvermeidliche Fragen: Worin sein Beruf besteht, wieviel Gutes und wieviel Böses man in seiner Stellung vollbringen kann. Machen Sie es wie eine fleißige Schülerin, schaffen Sie sich zu diesem Zwecke ein Heft an und vergessen Sie nie, daß Sie in Ihren Unterhaltungen mit mir möglichst umständlich sein müssen. Denken Sie stets daran, daß ich dumm, daß ich _ganz_ dumm bin, solange mich nicht jemand in ausführlichster Weise über einen Gegenstand orientiert. Oder stellen Sie sich lieber vor, daß ein Kind oder ein völlig unwissender Mensch vor Ihnen steht, dem man alles, bis auf die kleinste Kleinigkeit, erklären und auseinandersetzen muß: nur dann wird Ihr Brief seinen Zweck ganz erfüllen. Ich weiß nicht, warum Sie mich für einen solchen Alleswisser halten. Wenn es mir einmal gelungen ist, Ihnen etwas vorauszusagen, und wenn meine Voraussagungen einmal wirklich eingetroffen sind, so liegt das ausschließlich daran, daß Sie mich damals in Ihre Geistes- und Gemütsverfassung eingeweiht haben. Ist denn das etwas so Großes, gewisse Dinge vorauszusehen! Man muß bloß die gegenwärtigen Verhältnisse recht aufmerksam beobachten, dann wird die Zukunft ganz von selbst vor unserem Geiste erstehen. Ein Narr, der an die Zukunft denkt, ohne die Gegenwart in Rechnung zu ziehen! Ein solcher Mensch muß entweder etwas Törichtes oder Unwahres sagen, oder aber in Rätseln reden. Ich muß Sie übrigens noch wegen folgender Zeilen ausschelten, die ich Ihnen hier vor Augen führen will. »_Es ist traurig und sogar bitter, die Zustände in Rußland aus der Nähe ansehen zu müssen. Im übrigen aber sollte man nicht darüber sprechen. Wir sollten hoffnungsvoll und heiteren Auges in die Zukunft schauen, die in den Händen des allbarmherzigen Gottes liegt_«. In den Händen des allbarmherzigen Gottes liegt alles: alles Gegenwärtige, Vergangene und Zukünftige. Das ist ja unser ganzes Unglück, daß wir die Gegenwart nicht sehen wollen, sondern nur in die Zukunft schauen. Daher kommt ja dies ganze Unheil, daß das eine traurig und bitter und anderes wieder einfach häßlich und widerwärtig ist. Und wenn es nicht so geht, wie wir es gerne möchten, so lassen wir die Hände sinken, verzweifeln an allem und blicken starr in die Zukunft. Darum sendet uns Gott auch keine Klarheit, daher hängt ja auch die Zukunft für uns alle gleichsam in der Luft: manche fühlen zwar, daß sie schön sein wird dank einigen hochstehenden Menschen, die sie auch schon instinktiv vorausahnen und diesem Gefühl nur noch keine streng zahlenmäßige oder arithmetische Begründung geben können. Wie man jedoch diese Zukunft herbeiführen soll, das weiß kein einziger. Es geht uns ähnlich damit wie mit den sauren Trauben. Dabei vergißt man eine Kleinigkeit: man vergißt, daß die Straßen und Wege, die in diese _heitere_ Zukunft führen, ja gerade durch diese _dunkle und verworrene_ Gegenwart hindurchgehen, die niemand kennen will. Jedermann hält sie für so häßlich, widerwärtig und der Beachtung nicht wert, und ist sogar ärgerlich, wenn man sie allen vor Augen führt. So lehren Sie mich doch wenigstens diese Gegenwart kennen. Sie dürfen sich nicht durch das viele Häßliche und Schmutzige abschrecken lassen, und Sie sollen mir keine Niederträchtigkeit ersparen. Das Gemeine und Schmutzige ist nichts Ungewohntes für mich: ich selbst habe genug Gemeines und Schmutziges in mir. Solange ich noch wenig Einblick in alles Niederträchtige und Widerwärtige hatte, brachte mich alles Gemeine und Häßliche in Verlegenheit, ich fühlte mich durch vieles verstimmt, und es erfaßte mich ein Grauen bei dem Gedanken an Rußland. Seitdem ich aber tiefer in all den Schmutz und die Niedertracht hineinzublicken versuchte, bin ich zu höherer geistiger Klarheit gelangt. Vor mir taten sich Auswege auf. Ich sah Mittel und Wege und erfüllte mich mit noch größerer Ehrfurcht vor der Vorsehung, und jetzt danke ich Gott sogar am meisten dafür, daß er es mir ermöglicht hat, die Gemeinheit und Niedertracht -- sowohl meine eigene wie die meiner armen Brüder -- wenigstens teilweise kennen zu lernen. Und wenn ich heute auch nur ein Fünkchen Verstand besitze, wie er nicht allen Menschen eigen ist, so rührt das daher, weil ich mich bemüht habe, möglichst tief in diesen Schmutz und diese Gemeinheit hineinzublicken; wenn es mir gelungen sein sollte, einigen von denen, die meinem Herzen nahe stehen, darunter auch Ihnen eine geistige Hilfe und Stütze zu sein -- so war dies nur möglich, weil ich tiefer in diesen Schmutz und diese Gemeinheit hineingeblickt habe. Und wenn ich schließlich gelernt habe, die Menschen mit einer nicht bloß eingebildeten, erträumten, sondern mit einer wahrhaften und wirklichen Liebe zu lieben, so war mir auch dieses schließlich nur dadurch möglich, daß ich recht tief in den Abgrund der Niederträchtigkeit und Gemeinheit hinabgesehen habe.
Schrecken Sie also nicht vor Schmutz und Niedertracht zurück. Vor allem aber wenden Sie sich nicht mit Ekel von den Menschen ab, die Ihnen aus irgendeinem Grunde widerwärtig und gemein erscheinen. Ich versichere Ihnen, es wird einmal die Zeit kommen, wo viele von den sogenannten »Reinen« ihr Gesicht mit den Händen bedecken und bittere Tränen weinen werden, gerade weil sie sich so rein erschienen, weil sie sich ihrer Reinheit und ihres hohen Strebens nach irgendwelchen hohen Gütern gerühmt und sich deshalb für bessere Menschen gehalten haben. Denken Sie stets daran und gehen Sie daher, wenn Sie Ihr Gebet verrichtet haben, mit neuem frischerem Mut als früher an die Arbeit. Lesen Sie meinen Brief fünf- oder sechsmal durch, denn alles in ihm ist sprunghaft, und es ist keine strenge logische Gedankenfolge in ihm, woran Sie übrigens selbst schuld sind. Sie müssen sich den Kern, den Inhalt dieses Briefes ganz zu eigen machen. Meine Fragen müssen zu Ihren Fragen und meine Wünsche zu Ihren Wünschen werden, damit jedes Wort und jeder Buchstabe Sie unablässig verfolgt und so lange quält, bis Sie meine Bitte erfüllen und tuen, was ich verlange.
1846.
XXII Der russische Gutsbesitzer An B. N. B.