Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I
Part 16
Die Hauptsache ist, daß du bereits auf deinem Gute angelangt bist und es dir zum unumstößlichen Vorsatz gemacht hast, Gutsbesitzer zu werden. Das übrige wird sich schon von selbst ergeben. Laß dich nicht irremachen durch den Gedanken, daß das alte Band, das ehemals den Gutsherrn mit dem Bauern verknüpfte, für immer zerrissen ist. [Daß es zerrissen ist, ist wahr, und daß die Gutsbesitzer selbst daran schuld sind, das ist auch wahr, aber] daß es für alle Zeiten und für immer zerrissen sein sollte -- das glaube doch nicht und achte du nicht auf solche Redensarten. Nur ein Mensch, der nicht über seine eigene Nasenlänge hinaussieht, kann so etwas behaupten. Wie? Es sollte schwer sein, sich die Liebe eines Russen, der für alles Gute, das man ihm beibringt, so dankbar zu sein vermag, -- es sollte schwer sein, sich die treue Liebe und Anhänglichkeit eines Russen zu erwerben? Im Gegenteil, man kann den Russen so an sich ketten, daß man nachher nur noch einen Gedanken hat: wie man ihn wieder loswerden soll. Wenn du nur alles genau ausführst, was ich dir jetzt sagen werde, dann wirst du noch am Ende dieses Jahres erkennen, daß ich recht hatte. Du mußt die Aufgabe, die einem Gutsbesitzer gestellt ist, in ihrem wahren und rechten Sinne erkennen und in der rechten Weise in Angriff nehmen. Vor allem mußt du die Bauern um dich versammeln und ihnen klarmachen, was du bist und wer sie sind. Du mußt ihnen erklären, daß du nicht deshalb ihr Gutsherr geworden bist, weil du befehlen oder den Gutsbesitzer spielen wolltest, sondern deshalb, weil du schon vorher Gutsbesitzer warst, weil du als Gutsbesitzer geboren bist und weil Gott dich zur Verantwortung ziehen würde, wenn du deinen Beruf gegen einen andern vertauschen wolltest, denn ein jeglicher muß Gott an _der_ Stelle, an die er gestellt wird, und nicht an einer andern fremden dienen. Ebenso müßten auch sie, die Bauern, da sie doch nun einmal durch ihre Geburt unter der Gewalt des Gutsherrn stehen, sich dieser Obergewalt unterordnen, unter der sie geboren seien, denn es gibt keine Obrigkeit ohne von Gott. Bei dieser Gelegenheit mußt du ihnen die entsprechende Stelle im Neuen Testament zeigen, so daß ein jeder bis auf den letzten sich davon überzeugen kann. Ferner mußt du ihnen sagen, daß du sie zur Arbeit und zur Tätigkeit anhältst, nicht weil du Geld für irgendwelche Genüsse und Vergnügungen brauchst [um ihnen das zu beweisen, solltest du vor ihren Augen ein paar Banknoten verbrennen], du mußt es vielmehr so einrichten, daß sie wirklich den Eindruck gewinnen, das Geld hätte nicht den geringsten Wert für dich. Sage ihnen, du ließest sie bloß darum arbeiten, weil es Gottes Wille sei, daß der Mensch in schwerer Arbeit und im Schweiße seines Angesichts sein Brot verdienen solle, und lies ihnen unmittelbar darauf die entsprechende Stelle aus der Heiligen Schrift vor, damit sie sich davon überzeugen. Sage ihnen die ganze Wahrheit, sage ihnen, Gott werde wegen des letzten Lumpen im Dorfe Rechenschaft von dir fordern und deswegen würdest du um so schärfer darauf achten, daß sie redlich arbeiten; nicht nur für dich, sondern auch für sich selbst. Denn du weißt, und sie wissen es ja auch, daß ein Bauer, der nicht arbeitet und sich dem Müßiggang ergibt, zu allem fähig ist -- er kann zum Dieb, zum Trunkenbold werden, er kann seine Seele zugrunde richten und dir eine schwere Verantwortung vor Gott aufbürden. Bekräftige alles, was du sagst, stets und ohne Verzug durch Worte der Heiligen Schrift. Weise mit dem Finger auf die Buchstaben und die Zeilen, die diese Worte enthalten. Halte jeden dazu an, daß er sich zuvor bekreuzige, einen Kniefall tue und das Buch küsse, in dem es geschrieben steht. Kurz, sie müssen klar erkennen, daß du dich bei allem, was sich auf sie bezieht, nach dem Willen Gottes richtest und nicht aus irgendwelchen europäischen oder anderen Launen und Einfällen heraus handelst. Der Bauer wird das verstehen. Er bedarf der vielen Worte nicht. Sage ihm die ganze Wahrheit: sage ihm, daß die Seele des Menschen das Wertvollste auf der ganzen Welt ist und daß du vor allem darauf achten wirst, daß keiner von ihnen seine Seele verderbe und sie den ewigen Qualen überantworte. Bei jeglichem Tadel und jeder Rüge, die du einem Menschen erteilst, der des Diebstahls, der Faulheit oder der Trunksucht überführt worden ist, mußt du ihn nicht dir, sondern Gott von Angesicht zu Angesicht gegenüberstellen. Zeige ihm, daß er sich gegen Gott und nicht gegen dich versündigt, und tadele nicht ihn allein, sondern rufe auch sein Weib, seine Familie und seine Nachbarn herbei. Rede seinem Weibe ins Gewissen, frage sie, warum sie ihren Mann nicht davon abgehalten, Übles zu tun, und ihm nicht mit Gottes Zorn gedroht habe. Rede auch den Nachbarn ins Gewissen, weil sie es zugelassen haben, daß ihr Bruder, der doch mitten unter ihnen weilt, ein Leben wie ein Hund geführt und seine Seele um nichts und wieder nichts verdorben habe. Beweise ihnen, daß sie deswegen vor Gott Rechenschaft ablegen müssen. Suche es zu erreichen, daß sich alle miteinander dafür verantwortlich fühlen und daß alle Gegenstände, die den Menschen umgeben, ihn vorwurfsvoll anzublicken scheinen und es ihm nicht gestatten, sich allzusehr gehen zu lassen. Sorge dafür, daß von allen musterhaften Landwirten und von den besten und tüchtigsten Bauern eine mächtige Wirkung ausgehe und daß ihnen eine große Verantwortlichkeit zufalle. Mache es ihnen ganz klar, daß es nicht allein ihre Aufgabe ist, selbst einen guten und ehrenhaften Lebenswandel zu führen, sondern daß sie auch andere lehren müssen, gut zu leben, daß ein Trunkenbold keinen Trunkenbold belehren kann, und daß das ihre Pflicht sei. Den Lumpen und Trunkenbolden befiehl, daß sie den braven und tüchtigen Bauern die gleiche Achtung erweisen, wie dem Dorfschulzen, dem Verwalter, dem Priester und sogar dir selbst. Schon wenn sie einen solchen braven und musterhaften Bauern oder Landwirt aus der Ferne erblicken, sollen alle Bauern ihre Mützen vom Kopfe reißen und ihm den Weg freigeben. Wer es aber wagt, ihm irgendwelche Mißachtung zu erweisen oder seinen klugen und gescheiten Worten kein Gehör zu schenken, den mußt du in Gegenwart aller ausschelten und zu dem mußt du folgendermaßen sprechen: »O du ungewaschenes Maul, du selbst lebst in Dreck und Asche, daß man nicht einmal sieht, wo du deine Augen hast, und du willst dem keine Ehre erweisen, dem Ehre gebührt! Beuge dich tief vor ihm und bitte ihn, daß er dir den rechten Weg weise. Denn wenn er dich nicht zur Vernunft bringt, mußt du zugrunde gehen wie ein Hund.« Die braven Bauern aber mußt du zu dir rufen und wenn es ältere Männer sind, vor dir Platz nehmen lassen und dich mit ihnen beraten, wie Sie die andern belehren und sie im Rechten unterweisen und also erfüllen können, was Gott uns geboten hat. Führe das bloß ein Jahr lang durch, und du wirst selbst sehen, wie gut alles gehen wird. Selbst die Landwirtschaft wird hierdurch nur gewinnen. Kümmere dich nur um die Hauptsache, alles andere wird dir von selbst in den Schoß fallen. Christus hat nicht vergebens gesagt: _Dies alles wird euch von selbst zufallen._ Wie wahr das ist, dafür ist das Leben der Bauern ein noch beredteres Zeugnis als unser Leben. Für den Bauern sind ein wohlhabender Bauer und ein guter Mensch -- Synonyme, und wo in einem Dorfe einmal das christliche Leben Einkehr gehalten hat, da tragen die Bauern das Silber mit Schaufeln fort.
Übrigens will ich dir auch in bezug auf Landwirtschaft einen Rat geben, nur mußt du ihn ordentlich verstehen, dann wird er dir nicht zum Schaden gereichen. Zwei Menschen danken es mir schon, der eine ist K., den du auch kennst. Mit welchen Zweigen der Landwirtschaft du dich beschäftigen mußt und wie du dies zu tun hast, darüber will ich dir nichts sagen: das weißt du besser als ich. Zudem kenne ich auch dein Gut nicht so genau wie meine eigene Handfläche und in bezug auf allerhand Neuerungen bist du ja vernünftig und hast du ja selbst eingesehen, daß man nicht nur am Alten festhalten, sondern es auch bis auf den Grund kennen lernen muß, um aus ihm selbst die Mittel zu seiner Verbesserung zu gewinnen. Ich will dir lieber einen Rat geben, der die Beziehungen des Gutsherrn zu seinen Bauern in den landwirtschaftlichen Angelegenheiten und bei den Arbeiten betrifft, was zunächst einmal von viel größerer Bedeutung ist als alles übrige. Denke an das Verhältnis, das früher zwischen den Gutsherren und Landwirten und ihren Bauern herrschte: du mußt ein Patriarch sein, selbst den Anfang machen und in allen Dingen vorangehen. Mache es dir zur Regel und vergiß nie, wenn eine gemeinsame Sache in Angriff genommen wird, also bei der Aussaat, bei der Heu- oder Kornernte usw. das ganze Dorf zu einem Festmahl einzuladen. An solchen Tagen muß in deinem Hofe ein gemeinsamer Tisch für alle Bauern gedeckt sein, ganz so wie am Ostermontag, und du selbst mußt mit ihnen speisen, mit ihnen zur Arbeit hinausgehen und ihnen auch bei der Arbeit überall voranschreiten, sie alle zu tüchtigem, eifrigem Schaffen anspornen, für die, die sich durch ihren Mut und ihre Tüchtigkeit auszeichnen, ein Wort des Lobes und für die Trägen und Faulen eine Rüge bereit halten. Und wenn dann der Herbst kommt und die Feldarbeiten zu Ende gehen, mußt du den Abschluß der Arbeiten durch ein ebensolches oder ein noch größeres Festmahl feiern, das von einem feierlichen Dankgebet begleitet wird. Du sollst den Bauer nicht schlagen; ihm einen Schlag in das Gesicht versetzen, das ist noch keine große Kunst, das kann auch der Stanowoi, der Assessor und selbst der Dorfschulze. Der Bauer ist daran gewöhnt, er kratzt sich nur hinter den Ohren, und das ist alles. Lerne es lieber, durch deine Worte Eindruck auf ihn machen. Du verstehst dich doch auf treffliche Worte. Schilt ihn vor versammeltem Volke aus, aber so, daß das ganze Volk ihn auslacht und verspottet. Das wird weit nützlicher für ihn sein als alle möglichen Püffe und Maulschellen. Du mußt stets sämtliche Synonyme von: »_braver Bursche_« für den, der ermuntert, und alle Synonyme von: »altes Weib« für den, der getadelt werden muß, bereit halten, damit das ganze Dorf weiß, daß ein Faulpelz und ein Trunkenbold ein altes Weib und ein erbärmlicher Kerl sind. Suche womöglich ein noch schlimmeres Wort hervor, kurz, du darfst ihm sagen, daß er alles ist, was ein Russe nicht sein soll. Hocke nicht zu lange in der Stube, sondern erscheine recht oft bei den Arbeiten der Bauern und richte es, wo du auch hinkommst, stets so ein, daß bei deinem Kommen alles lebhafter und heiterer wird, sich mutig und frisch betätigt und daß jeder sich bei der Arbeit besonders auszuzeichnen sucht. Suche ihnen allen Mut und Kraft einzuflößen, indem du ihnen zurufst: »Kommt, Jungens, laßt uns einmal alle zusammen anpacken.« Nimm selbst die Axt oder die Sense zur Hand, das wird dir gut tun und weit besser für deine Gesundheit sein als diese Heilgymnastik, diese Motion, als Marienbad und die vielen trägen und bequemen Spaziergänge.
Deine Bemerkungen über die Schulen sind ganz richtig. Es ist wirklich ein Unsinn, dem Bauern das Lesen beizubringen, damit er die Möglichkeit habe, allerhand törichte Bücher zu lesen, die europäische Menschenfreunde für das Volk herausgeben. Die Hauptsache aber ist, daß der Bauer ja gar keine Zeit dazu hat. Nach der schweren Arbeit wird kein Buch ihm in den Kopf hinein wollen, und wenn er nach Hause kommt, sinkt er wie tot hin und schläft den Schlaf des Gerechten. Dir selbst wird es so ergehen, wenn du häufiger zur Arbeit gehen wirst. Der Dorfpfarrer kann dem Bauer weit mehr sagen, was ihm wirklich von Nutzen sein kann, als all dieser Bücherkram. Wenn einer dagegen wirklich vom Bildungsdrang ergriffen wird und zwar nicht etwa darum, um ein Bureaumensch zu werden sondern weil er _die_ Bücher lesen will, in denen das Gesetz, das Gott den Menschen gegeben hat, geschrieben steht, dann ist das freilich eine andere Sache. Einen solchen mußt du erziehen wie deinen eigenen Sohn, und alle Sorgfalt und alle Mittel auf ihn verwenden, die du für eine ganze Schule verwandt hättest. Unser Volk ist gar nicht so dumm, wenn es vor jedem beschriebenen Stück Papier davonläuft wie vor dem Teufel. Es weiß, daß dies der Quell aller menschlichen Verwirrung, aller Kabalen und Haarspaltereien ist. Eigentlich sollte es überhaupt nicht wissen, daß es noch andere Bücher als die heiligen Bücher gibt.
[Apropos: der Priester; du hast unrecht, wenn du dich darum bemühst, daß er durch einen andern ersetzt wird und wenn du den Erzpriester darum bitten willst, er möge dir einen erfahreneren und gebildeteren Priester senden. Einen solchen wird er dir nicht verschaffen können, denn ein solcher Priester ist überall unentbehrlich. Schlage es dir aus dem Kopfe, daß du einen Priester finden könntest, der deinem Ideal völlig entspricht. Kein Seminar und keine Schule kann einen solchen heranbilden. Im Seminar wird nur der erste Grund zu seiner Bildung gelegt. Die eigentliche Bildung und Erziehung dagegen erwirbt er sich erst durch das Leben selbst. Du mußt selbst sein Lehrer sein, da du doch eine so klare Vorstellung von den Pflichten eines Dorfpfarrers hast. Wenn der Pfarrer schlecht ist, so sind meist die Gutsbesitzer selbst schuld daran. Statt ihn bei sich im Hause aufzunehmen wie einen nahen Verwandten, und in ihm das Bedürfnis nach einer edleren Unterhaltung zu erwecken, aus der er etwas lernen könnte, überlassen sie ihn, jung und unerfahren, wie er ist, den Bauern, wenn er selbst noch nicht einmal weiß, was der Bauer eigentlich ist. Sie bringen ihn in eine solche Lage, daß er genötigt ist, dem Bauern zu schmeicheln und sich bei ihm beliebt zu machen, während er doch vielmehr von vornherein eine gewisse Autorität über ihn ausüben sollte, und nachher klagt man, daß die Priester schlecht sind, daß sie die Manieren der Bauern annehmen und sich gar nicht mehr von den gewöhnlichen Bauern unterscheiden. Ja, da möchte ich doch fragen: wer würde unter solchen Verhältnissen nicht verrohen, selbst wenn er eine gute Vorbereitung und Erziehung besäße? Dagegen mußt du es folgendermaßen machen. Richte es so ein, daß der Priester jeden Tag mit dir zu Mittag speist. Du mußt geistliche Bücher mit ihm lesen, diese Lektüre interessiert und befriedigt uns doch heute weit mehr als alles andere. Was aber die Hauptsache ist, du mußt den Priester überall mitnehmen, wenn du zur Arbeit gehst, damit er von Anfang an als dein Gehilfe bei dir weile und sich persönlich von deinem Verhalten gegen die Bauern überzeugen könne. Hierdurch wird er klar erkennen, was ein Gutsbesitzer und was ein Bauer ist, und wie die Beziehungen zwischen beiden sein müssen. Zugleich aber werden auch die Bauern ihm mehr Achtung entgegenbringen, wenn sie sehen werden, daß er Hand in Hand mit dir geht und mit dir zusammenarbeitet. Sorge dafür, daß er zu Hause keine Not leide, daß sein Haushalt auf sicherem Grunde ruhe und daß er dadurch die Möglichkeit habe, beständig mit dir zusammen zu sein. Glaube mir, er wird sich so an dich gewöhnen, daß er sich langweilen wird, wenn du nicht da bist. Hat er sich aber einmal an dich gewöhnt, so wird er sich ganz unmerklich auch deine Sachkenntnis und Menschenkenntnis und vieles andere Gute aneignen. Denn du besitzst ja gottlob sehr viel von diesen Dingen und du hast die Gabe, dich so klar und gut auszudrücken, daß ein jeder nicht nur deine Gedanken, sondern selbst deine Ausdrucksweise und sogar deine Worte von dir annimmt.
Was nun die Predigt anbelangt, die du für notwendig hältst, so möchte ich dir hierüber folgendes sagen. Ich bin eher der Meinung, daß es für einen Priester, der noch nicht völlig für seine Tätigkeit ausgebildet ist, und der die Leute, die ihn umgeben, noch nicht kennt, besser ist, überhaupt keine Predigten zu halten. Hast du einmal darüber nachgedacht, wie schwierig es ist, eine kluge Predigt zu halten, besonders vor Bauern? Nein, gedulde dich lieber noch ein wenig, mindestens so lange, bis der Priester und du euch ordentlich umgesehen habt. Bis zu dieser Zeit aber möchte ich dir raten, was ich schon einem anderen geraten habe und was ihm, wie ich glaube, von Nutzen gewesen ist. Nimm dir die heiligen Kirchenväter, besonders aber den Johannes Chrysostomus vor. Ich sage: besonders den Chrysostomus, denn dieser war, da er es mit dem ungebildeten Volk zu tun hatte, das das Christentum nur äußerlich angenommen hatte, innerlich aber noch immer dem rohen Heidentum anhing, immer bemüht, sich besonders den Begriffen einfacher und roher Menschen anzupassen, und er spricht so lebendig über die notwendigsten, ja häufig sogar über sehr hohe Dinge, daß man ganze Partien aus seinen Predigten direkt auf unsern Bauern anwenden und an ihn richten kann, denn er wird sie verstehen. Nimm also den Chrysostomus vor und lies ihn zusammen mit deinem Pfarrer, und zwar mit dem Bleistift in der Hand, damit du alle derartigen Stellen anstreichen kannst. Solche Stellen kommen bei Chrysostomus in jeder Predigt dutzendweise vor. Laß ihn dem Volke diese Stellen vortragen. Sie brauchen nicht lang zu sein, es genügt, wenn sie eine Seite oder selbst eine halbe Seite betragen. Je kürzer sie sind, um so besser. Der Priester muß sie jedoch, bevor er sie dem Volke vorträgt, mehrmals mit dir zusammen durchlesen, damit er es lernt, sie nicht nur mit innerem Gefühl und Begeisterung vorzutragen, sondern seinen Worten auch jenen überzeugenden Ton zu verleihen, wie wenn er für eine ihn persönlich angehende Sache eintrete, von der das ganze Heil seines Lebens abhängt. Du wirst sehen, dies wird viel wirksamer sein als eine eigene Predigt. Man muß nur wenig, aber in möglichst treffenden Worten zum Volke reden, sonst kann es sich ebenso an die Predigt gewöhnen wie unsere höchsten Kreise sich an sie gewöhnt haben, die genau so hinfahren, um sich irgendeinen berühmten europäischen Prediger anzuhören, wie sie in die Oper oder in das Schauspiel fahren. Bei K. K. predigt der Priester überhaupt nicht, sondern erwartet die Bauern, da er sie von Grund aus kennt, in der Beichte. Während der Beichte aber redet er jedem von ihnen derartig ins Gewissen, daß dieser die Kirche verläßt, wie wenn er aus einem Schwitzbad käme. S** hat einmal absichtlich dreißig Arbeiter aus seiner Fabrik, und zwar die schlimmsten Gauner und Trunkenbolde, zu ihm in die Beichte geschickt und sich dann selbst in der Vorhalle aufgestellt, um sich die Gesichter anzusehen, die sie machen würden, wenn sie aus der Kirche kämen. Alle kamen rot wie die Krebse heraus, und doch hatte er sie gar nicht einmal lange im Beichtstuhl festgehalten, sondern sich vier bis fünf Mann auf einmal vorgenommen. Während der folgenden zwei Monate aber soll sich, wie S** selbst erzählt, keiner von ihnen in der Kneipe haben sehen lassen, so daß die Gastwirte des Bezirks gar nicht begreifen konnten, was bloß geschehen war.]
Doch nun sei es genug. Arbeite nur ein Jahr lang recht eifrig, dann wird das Werk und die Arbeit schon ganz von selbst so vonstatten gehen, daß du gar nicht erst Hand anzulegen brauchst. Du wirst reich werden wie ein Krösus, ganz im Gegensatz zu jenen kurzsichtigen Leuten, die da annehmen, daß die Interessen des Gutsbesitzers denen des Bauers widersprechen. Du wirst ihnen nicht durch Worte, aber durch die Tat beweisen, daß sie unrecht haben und daß ein Gutsbesitzer, wenn er seine Aufgabe nur mit dem Auge des Christen anschaut, nicht allein die alten Bande, von denen man sagt, daß sie für immer zerrissen seien, durch das gemeinsame Band Christi zu kräftigen und zu befestigen vermag, das stärker und kräftiger ist als jedes andere. Und so wirst du, der du bisher in keinem Wirkungskreise eifrig und mit Hingebung gearbeitet hast, als Gutsbesitzer dem Kaiser einen Dienst leisten, wie ihn kein Mann in hohen Ämtern und Würden zu leisten vermag. Sage was du willst, ihm achthundert Untertanen zu schenken, die allesamt wie _ein_ Mann allen Menschen ihrer Umgebung durch ihren wahrhaft musterhaften Lebenswandel zum Vorbild dienen können -- das ist kein unnützes Werk, sondern eine durchaus berechtigte und große Tat.
1846.
XXIII Der Historienmaler Iwanow An M. Ju. Weligurski
Ich schreibe Ihnen über Iwanow. Wie unbegreiflich ist doch das Schicksal dieses Menschen! Endlich schienen sich alle über ihn klar zu sein, alle waren überzeugt, daß das Bild, an dem er arbeitet, eine geradezu unerhörte Erscheinung sei, nahmen Anteil an dem Künstler, alles bemühte sich darum, ihm die Mittel zu verschaffen, um sein Bild zu vollenden, [damit der Künstler nicht während der Arbeit sterbe -- ich meine dies ganz buchstäblich: nicht vor Hunger sterbe] und noch immer bekommt man nicht das geringste aus Petersburg zu hören; ich flehe Sie an: [um Christi willen suchen Sie doch festzustellen, was das zu bedeuten hat. Es sind so törichte Gerüchte hierher gedrungen, wie wenn die Maler und alle Professoren der Akademie der Künste aus Furcht, das Bild Iwanows könnte alles in Schatten stellen, was unsere Kunst bisher hervorgebracht hat, und aus Neid darauf hinarbeiten, daß ihm die Mittel zur Vollendung des Bildes nicht zur Verfügung gestellt werden. Das ist eine Lüge, davon bin ich fest überzeugt. Unsere Künstler sind vornehme, anständige Menschen und wenn sie erfahren, was der arme Iwanow durch seine beispiellose Selbstentäußerung und Arbeitsliebe zu erdulden gehabt hat, er, der tatsächlich Gefahr lief, vor Hunger zu sterben, so würden sie ihr eigenes Geld brüderlich mit ihm teilen und nicht noch andere zu einer solchen Grausamkeit verleiten. Ja, warum hätten sie Iwanow auch zu fürchten,] er wandelt seine eigenen Bahnen und steht niemand im Wege. Er strebt weder nach einer Professur noch nach materiellen Vorteilen. Er will überhaupt nichts mehr, denn er ist der ganzen Welt abgestorben außer seiner Arbeit. Er bittet bloß [um eine armselige Pension] -- um eine Pension, wie sie ein Schüler und ein Anfänger erhält und nicht er, der Meister, der an einem so ungeheuren Werke arbeitet, wie es bisher noch niemand unternommen hat. Und dies [Hunger]gehalt, das ihm alle zu verschaffen bestrebt sind, um das sich alle für ihn bemühen, kann er sich trotz der Bemühungen aller nicht erbetteln. Sagen Sie, was Sie wollen, ich sehe in alledem den Willen der Vorsehung, die es so bestimmt hat, daß Iwanow alles erdulden, alle Leiden bis zur Neige auskosten und alles ertragen sollte. Einen anderen Grund dafür kann ich nicht finden.