Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I

Part 14

Chapter 143,193 wordsPublic domain

Ich freue mich, daß Ihre Gesundheit jetzt besser ist. Die meine ... aber sprechen wir nicht von unserer Gesundheit. Wir sollten sie ebenso vergessen wie uns selbst. Also Sie kehren wieder in Ihre Gouvernementshauptstadt zurück. Sie müssen sie mit neuer Kraft lieben lernen; sie gehört zu Ihnen, sie ist Ihnen anvertraut, sie muß Ihre wahre Heimat werden. Sie haben unrecht, wenn Sie schon wieder meinen, daß Ihre Anwesenheit für das soziale Tun und Leben daselbst ganz ohne Nutzen, daß die Gesellschaft bis auf die Wurzel verderbt sei. Sie sind einfach müde -- das ist alles. Die Frau eines Gouverneurs findet überall, auf Schritt und Tritt ein Feld der Betätigung. Sie wirkt sogar auch dann noch, wenn sie überhaupt nichts tut. Sie wissen doch selbst schon, daß es sich nicht darum handelt, sich viele Unruhe, sich viel zu schaffen zu machen und sich beständig voller Hitze und Eifer auf alle möglichen Dinge zu werfen. Sie haben zwei lebendige Beispiele vor sich, die Sie selbst erwähnt haben. Ihre Vorgängerin, Frau Sch., hat einen ganzen Haufen von Wohlfahrtseinrichtungen gegründet und zugleich damit alle möglichen Schreibereien, eine große Aktenwirtschaft veranlaßt, allerhand Ökonomen, Sekretäre angestellt und den Grund zu Veruntreuungen und einem törichten unsinnigen Getue gelegt, sie hat sich in Petersburg durch ihre Wohltätigkeit berühmt gemacht und in K. eine große Verwirrung angerichtet. Die Fürstin O. dagegen, die _vor_ Ihnen Gouverneurin der Stadt K. war, hat keinerlei Wohlfahrtseinrichtungen und keine Asyle gegründet, sie hat außerhalb der Stadt kaum von sich reden gemacht, auch hatte sie gar keinen Einfluß auf ihren Mann und sie hat sich auch an der eigentlichen Regierungstätigkeit und den offiziellen Geschäften gar nicht beteiligt, und doch kann bis auf den heutigen Tag kein Mensch in der Stadt ihrer ohne Tränen gedenken, und jedermann -- von dem Kaufmann bis herab zum letzten Habenichts -- sagt auch heute noch immer: »Nein, wir werden nie eine zweite Fürstin O. bekommen.« Und wer sagt so etwas? Dieselbe Stadt, für die sich, wie Sie annehmen, nichts tun läßt, dieselbe Gesellschaft, die Ihrer Meinung nach für alle Zeiten und unwiederbringlich verdorben ist. Wie denn nun? Läßt sich denn wirklich nichts machen? Sie sind müde, das ist alles, und Sie fühlen sich müde, weil Sie sich gar zu eifrig ins Zeug gelegt, weil Sie Ihren eigenen Kräften gar zu viel zugetraut haben. Ihr weibliches Temperament ist mit Ihnen durchgegangen ... Ich wiederhole Ihnen noch einmal, was ich Ihnen schon oft gesagt habe: Sie haben einen großen Einfluß. Sie sind die erste Persönlichkeit in der Stadt. Dank dem äffischen Wesen der Mode und der bei uns in Rußland herrschenden äffischen Nachahmungssucht im allgemeinen wird man alles an Ihnen, jede kleinste Kleinigkeit, nachahmen. Sie werden auf allen Gebieten tonangebend, Gesetzgeberin sein. Wenn Sie nun recht für Ihre eigenen Angelegenheiten sorgen werden, so werden Sie schon allein hierdurch wirken, weil Sie damit auch andere veranlassen werden, sich mehr und gründlicher mit ihren Angelegenheiten zu beschäftigen. Bekämpfen Sie den Luxus (solange Sie nichts anderes zu tun finden), auch das ist schon eine hohe Aufgabe, die dazu nicht einmal viel Arbeit und Unruhe erfordert, noch viele Kosten verursacht. Fehlen Sie auf keinem Ball und in keiner Versammlung. Erscheinen Sie stets und zwar nur, um sich mehrmals in ein und demselben Kleide sehen zu lassen. Ziehen Sie das gleiche Kleid drei-, vier-, fünf-, sechsmal an. Loben Sie an jedem Dinge nur das, was einfach und billig ist. Kurz, bekämpfen Sie diesen abscheulichen nordländischen Luxus, diesen Krebsschaden Rußlands, diesen Quell aller Bestechlichkeit, aller Ungesetzlichkeiten und Schändlichkeiten, die es bei uns gibt. Wenn Ihnen auch nur dies _eine_ gelingen sollte, so werden Sie damit bereits mehr wahren Nutzen stiften, als selbst die Fürstin O. Und das erfordert, wie Sie selbst sehen, nicht einmal irgendwelche Opfer, ja nicht einmal viel Zeit. Liebe Freundin! Sie sind müde. Aus Ihren früheren Briefen ersehe ich, daß Sie für den Anfang bereits sehr viel Gutes geleistet haben (wenn Sie sich nicht allzusehr beeilt hätten, hätten Sie noch mehr geleistet). Ihr Ruf ist bereits über die Grenzen von K. gedrungen, und mancherlei ist auch mir zu Ohren gekommen. Aber Sie sind noch gar zu hastig. Sie lassen sich noch zu sehr fortreißen. Alles Häßliche und jede kleine Unannehmlichkeit macht noch einen viel zu starken Eindruck auf Sie und drückt Sie zu leicht nieder. Liebe Freundin! Denken Sie immer wieder an meine Worte, von deren Richtigkeit Sie sich, wie Sie selbst sagen, überzeugt haben. Betrachten Sie die ganze Stadt so, wie ein Arzt ein Krankenhaus betrachtet. Tun Sie dies, aber tun Sie außerdem noch etwas anderes, und zwar folgendes: Suchen Sie sich selbst davon zu überzeugen, daß alle Kranken, die im Krankenhaus liegen, Ihre Verwandten, daß sie Menschen sind, die Ihrem Herzen nahe stehen. Dann wird sich vor Ihren Augen alles ändern. Sie werden sich mit den Menschen aussöhnen und nur noch gegen ihre Krankheiten ankämpfen. Wer hat Ihnen gesagt, daß diese Krankheiten unheilbar sind? Das haben Sie sich selbst eingeredet, weil Sie keine Mittel wider sie in der Hand hatten. Wie? Sind Sie etwa ein Arzt, der allwissend ist? Warum haben Sie sich denn nicht an andere Leute mit der Bitte um Hilfe gewandt. Habe ich Sie denn vergeblich darum gebeten, mich über alles zu unterrichten, was es in Ihrer Stadt gibt, mir dazu zu verhelfen, daß ich Ihre Stadt kennen lerne, damit ich mir einen vollständigen Begriff von dieser Stadt machen kann. Warum haben Sie das nicht getan, um so mehr, da Sie doch selbst davon überzeugt sind, daß ich in vielen Beziehungen eine größere Wirkung auszuüben vermag als Sie. Um so mehr, da Sie mir selbst eine gewisse Menschenkenntnis zuschreiben, wie sie nicht allen eigen ist. Um so mehr endlich, da Sie ja selbst sagen, daß ich Ihnen in Ihren Herzensangelegenheiten mehr geholfen habe als sonst jemand. Glauben Sie wirklich, daß ich nicht auch Ihren unheilbaren Kranken zu helfen vermöchte? Sie haben wohl vergessen, daß ich zu beten vermag und daß mein Gebet bis zu Gott dringen kann. Gott aber kann meinem Verstande Einsicht schenken, und mein von Gott erleuchteter Verstand könnte Besseres vollbringen, als ein Verstand, der nicht von Ihm belehrt ist.

Bisher haben Sie mir in Ihren Briefen nur einen ganz allgemeinen Begriff von Ihrer Stadt gegeben und ganz allgemeine Züge mitgeteilt, wie sie jeder Provinzhauptstadt eigen sein können. Aber auch diese allgemeinen Züge sind noch nicht vollständig. Sie haben sich darauf verlassen, daß ich Rußland kenne wie meine fünf Finger. Und doch weiß ich von Rußland so gut wie gar nichts. Wenn ich auch früher vielleicht etwas davon gewußt habe, so ist dieses seit meiner Abreise ganz anders geworden. Selbst in der Zusammensetzung der Gouvernementsverwaltung sind große Veränderungen vorgegangen. Viele Instanzen und viele Beamte sind jetzt nicht mehr vom Gouverneur abhängig, sondern sind andern Departements und Ressorts und den Ressorts anderer Ministerien zugeteilt worden. Es sind neue Posten geschaffen worden, und es gibt mancherlei neue Beamte. Kurz, ein Gouvernement und eine Gouvernementshauptstadt erscheinen heute nach vielen Richtungen hin in einem anderen Lichte, und ich habe Sie doch gebeten, mich recht _vollständig_ mit Ihrer Situation bekannt zu machen. Nicht mit irgendeiner _idealen_, sondern mit Ihrer _eigentlichen wirklichen_ Situation, damit ich Ihre ganze Umgebung und alles vom Kleinsten bis zum Größten zu übersehen vermag.

Sie sagen selbst, daß Sie während der kurzen Zeit Ihres Aufenthalts in K. Rußland besser kennen gelernt haben, als während Ihres ganzen früheren Lebens. Warum haben Sie denn dann Ihre Kenntnisse nicht mit mir geteilt? Sie sagen, Sie wüßten nicht einmal, an welchem Ende Sie anfangen sollen, Sie sagen, daß der große Haufen von Kenntnissen, die Sie gesammelt haben, noch ganz ungeordnet in Ihrem Kopfe liegt (Notabene: das ist die Ursache Ihrer Mißerfolge). Ich will Ihnen helfen, sie zu ordnen, nur möchte ich Sie darum ersuchen, mir zunächst folgende Bitte zu erfüllen und zwar so gewissenhaft, als Ihnen dies möglich ist, und nicht in der Weise, wie dies eine Ihrer Geschlechtsgenossinnen -- d. h. eine leidenschaftliche Frau, die von zehn Worten acht überhört und nur auf zwei antwortet, weil sie ihr zufällig angenehm sind oder gefallen haben, tun würde, sondern so, wie unsereiner, d. h. ein kalter, leidenschaftsloser Mann oder noch besser, wie ein energischer vernünftiger Beamter dies zu tun pflegt, der sich nichts besonders zu Herzen nimmt, sondern gleichmäßig auf alle Punkte antwortet.

Sie sollten um meinetwillen noch einmal darangehen, Ihre Gouvernementshauptstadt zu studieren. Erstens sollten Sie mich mit allen bedeutenden Persönlichkeiten Ihrer Stadt, mit ihren Vor-, Vater- und Familiennamen sowie mit allen Beamten -- vom ersten bis zum letzten -- bekannt machen. Dies ist ein Bedürfnis für mich. Ich muß ebenso ihr Freund werden, wie Sie ausnahmslos die Freundin eines jeden sein müssen. Zweitens sollten Sie mir schreiben, was ein jeder von ihnen für einen Beruf hat. Dies alles sollten Sie persönlich von ihnen selbst und nicht von irgendeinem andern zu erfahren suchen. Knüpfen Sie dazu mit jedem ein Gespräch an und fragen Sie ihn aus, worin seine Berufstätigkeit besteht, lassen Sie sich alle Gegenstände nennen, auf die sie sich bezieht, sowie ihre Grenzen angeben. Das wäre die erste Frage. Bitten Sie ihn dann weiter, er möge Ihnen angeben, wodurch, wie und wieviel Gutes man unter den gegenwärtigen Verhältnissen in diesem Beruf zu tun vermag. Das wäre die zweite Frage. Fragen Sie ihn ferner, wieviel Unheil man in diesem selben Beruf anrichten könne und auf welche Weise. Das wäre die dritte Frage. Wenn Sie dies alles in Erfahrung gebracht haben, so begeben Sie sich auf Ihr Zimmer und schreiben Sie es sofort für mich auf. Hierdurch werden Sie mit einem Schlage zwei Aufgaben erfüllen. Erstens werden Sie _mir_ hierdurch die Möglichkeit geben, mich Ihnen in der Zukunft einmal nützlich zu erweisen, und zweitens werden Sie aus den eigenen Antworten jedes Beamten erfahren, wie er seinen Beruf auffaßt, woran es ihm fehlt, kurz er wird sich mit seiner Antwort selbst charakterisieren. Er kann Ihnen sogar manchen Wink geben, was sich bereits gleich jetzt tun ließe ... Aber darum handelt es sich nicht. Beeilen Sie sich fürs erste nicht zu sehr. Tun Sie selbst dann noch nichts, wenn es Ihnen so erscheint, als ob Sie etwas tun könnten und als ob Sie in der Lage wären, irgendwo zu helfen. Es ist besser, wenn Sie zunächst noch einen genaueren Einblick in die Dinge zu gewinnen suchen, begnügen Sie sich fürs erste damit, mir alles mitzuteilen. Außerdem bitte ich Sie, mir entweder am Rande desselben Blattes oder auf einem anderen Stück Papier Ihre eigenen Bemerkungen und Beobachtungen über jeden einzelnen Mann mitzuteilen -- auch was die andern über ihn sagen, kurz alles, was sich vom Standpunkt des äußeren Beobachters von ihm sagen läßt.

Ferner bitte ich Sie, mir ganz ähnliche Mitteilungen über die gesamte weibliche Hälfte Ihrer Stadt zukommen zu lassen. Sie sind so klug gewesen und haben ihnen allen einen Besuch gemacht und sie fast alle kennen gelernt. Übrigens bin ich der Überzeugung, daß Sie sie doch nicht genügend kennen gelernt haben. Frauen gegenüber lassen Sie sich schon durch den ersten Eindruck leiten, die, die Ihnen nicht gefällt, lassen Sie fallen. Sie suchen nur immer nach der Elite und nach den allerbesten. Das muß ich Ihnen zum Vorwurf machen, liebe Freundin! Sie müssen alle lieben, und die ganz besonders, die viel Häßliches und Schlechtes an sich haben. Vor allem sollten Sie sie gründlicher kennen lernen, weil davon vieles abhängt und weil sie einen großen Einfluß auf ihre Männer haben können. Übereilen Sie sich nicht, suchen Sie ihnen keine guten Lehren zu erteilen, sondern fragen Sie sie zunächst einmal ordentlich aus. Sie haben ja die Gabe, einen Menschen zum Reden zu veranlassen. Suchen Sie sich über die Verhältnisse einer jeden zu orientieren, womit sie sich beschäftigt, ja suchen Sie selbst ihre Denkungsart und ihre Geschmacksrichtung kennen zu lernen: ihre Neigungen, was einer jeden von ihnen gefällt und was das Steckenpferd einer jeden ist. Dies muß ich alles wissen.

Meiner Ansicht nach muß man einen Menschen völlig und bis in sein Innerstes durchschauen, um ihm helfen zu können. Ohne dies kann ich es nicht einmal verstehen, wie man jemand auch nur zu raten vermag: An jedem Ratschlag, den man ihm erteilt, wird er in einem solchen Fall immer nur die schwierigste Seite sehen, und er wird ihm nicht leicht, ja sogar unausführbar erscheinen. Mit einem Wort, suchen Sie die Frauen bis auf den Grund zu durchschauen, damit ich ein vollständiges Bild von Ihrer Stadt erhalte.

Außer den Charakteren und den Persönlichkeiten beiderlei Geschlechts bitte ich Sie auch jeden Vorfall, der sich bei Ihnen ereignet, und der die Menschen oder den allgemeinen Geist der Provinz auch nur nach irgendeiner Seite hin zu charakterisieren geeignet ist, schlicht und einfach zu verzeichnen, ganz so, wie er sich abgespielt hat oder wie er Ihnen von zuverlässigen Leuten berichtet worden ist. Geben Sie mir auch ein paar Stichproben von zwei oder drei Klatschgeschichten, welche Ihnen gerade mitgeteilt werden, damit ich weiß, was für Klatschereien bei Ihnen im Schwange sind. Sorgen Sie dafür, daß diese Aufzeichnungen Ihnen zur dauernden Gewohnheit werden, und setzen Sie ein für allemal eine bestimmte Stunde des Tages dafür fest. Suchen Sie sich eine systematische und möglichst vollständige Vorstellung von der ganzen Stadt in ihrem ganzen Umfange zu bilden, damit Sie sofort übersehen können, ob Sie auch nicht vergessen haben, etwas aufzuschreiben, und damit ich endlich ein möglichst vollständiges Bild von Ihrer Stadt erhalte.

Wenn Sie mich dann auf solche Weise mit allen Personen, ihrer Tätigkeit, ihrer Auffassung von ihr und ihrem Beruf und endlich auch mit dem Charakter der Ereignisse, die sich bei Ihnen abspielen, bekannt gemacht haben, dann will ich Ihnen etwas sagen, und Sie werden erkennen, daß vieles Unmögliche doch möglich und daß vieles Unverbesserliche doch noch gutzumachen ist. Bis dahin aber will ich nichts sagen, und zwar gerade darum, weil ich mich irren kann, und das möchte ich nicht gern. Ich möchte nur solche Worte zu Ihnen sprechen, die gerade ins Ziel treffen, nicht höher und nicht tiefer, gerade in den Punkt und den Gegenstand, auf den sie gerichtet sind. Ich möchte Ihnen so raten können, daß Sie sofort erklären: das ist nicht schwer, das läßt sich leicht ausführen.

Übrigens möchte ich Ihnen hier doch schon im voraus ein paar Winke geben, die allerdings nicht für Sie, sondern für Ihren Gatten bestimmt sind: bitten Sie ihn vor allem darauf zu achten, daß die Räte in der Gouvernementsverwaltung ehrliche Leute sind; das ist die Hauptsache. Sowie diese Räte ehrlich sind, werden wir auch ehrliche Polizeihauptleute, ehrliche Assessoren usw. bekommen, mit einem Wort, so wird jedermann ehrlich sein. Sie müssen nämlich wissen (wenn Sie dies nicht schon wissen sollten), daß die allerungefährlichste Art, Bestechungsgelder anzunehmen, die ist, wenn ein Beamter auf Befehl des Vorgesetzten von einem Kollegen ein Geschenk annimmt; in solch einem Fall gelingt es dem Schuldigen stets, sich seiner Strafe zu entziehen. Dies geht zuweilen in einer unendlichen Stufenleiter von oben nach unten. Der Polizeihauptmann und die Assessoren sind häufig bloß deswegen gezwungen, zu schwindeln und Geschenke anzunehmen, weil man ihnen selbst was abnimmt und weil sie Geld brauchen, denn sie müssen zahlen, wenn sie eine Stelle erhalten wollen. Diese Kauf- und Verkaufsgeschäfte können sich offen vor aller Augen abspielen und doch von niemand bemerkt werden. Aber hüten Sie sich um Gottes willen, deswegen gegen jemand vorzugehen und ihn deshalb zu verfolgen. Sorgen Sie nur dafür, daß in den oberen Regionen unbedingte Ehrlichkeit herrscht, dann werden auch in den unteren alle von selbst ehrlich sein. Strafen Sie und verfolgen Sie niemand, ehe die rechte Zeit kommt und ehe das Übel ganz zur Reife gekommen ist. Suchen Sie unterdessen lieber durch Ihren moralischen Einfluß zu wirken. Ihr Gedanke, daß ein Gouverneur stets Gelegenheit hat, viel Unheil anzurichten, daß er nur wenig Gutes tun kann, daß er kaum die Möglichkeit hat, Gutes und Heilsames zu leisten, da ihm auf diesem Gebiete die Hände gebunden sind, ist nicht ganz richtig. Ein Gouverneur kann immer einen _moralischen_ Einfluß ausüben, ja dieser Einfluß ist sogar sehr groß, ebenso wie auch Sie einen großen _moralischen_ Einfluß ausüben können, obwohl Sie über keinerlei gesetzliche Vollmachten verfügen. Glauben Sie mir, wenn Ihr Gatte irgendeinem Herrn keinen Besuch macht, so wird gleich die ganze Stadt davon reden: man wird sich sofort fragen, warum und aus welchem Grunde dies nicht geschehen ist, und derselbe Herr wird schon aus bloßer Furcht davor zurückschrecken, eine Gemeinheit zu begehen, der er sich sonst ohne Furcht und Zaudern schuldig gemacht und die er aus Respekt vor dem Gesetz und der Obrigkeit sicher nicht unterlassen hätte. Die Art, wie Sie, d. h. Sie und Ihr Gatte, gegen den Kreisrichter des N.schen Kreises gehandelt haben, den Sie ausdrücklich in die Stadt kommen ließen, um ihn mit dem Staatsanwalt auszusöhnen, und ihn um seiner Geradheit, Anständigkeit und Ehrlichkeit willen durch eine herzliche und freundliche Aufnahme und Bewirtung zu ehren, wird ihre Wirkung nicht verfehlen. Dies können Sie mir glauben. Was mir hierbei besonders gefallen hat, ist folgendes: daß der Richter (der, wie es sich herausgestellt hat, ein äußerst gebildeter und aufgeklärter Mensch ist) so angezogen war, daß man ihn, wie Sie sich ausdrücken, nicht einmal ins Vorzimmer eines Petersburger Salons hineingelassen hätte. Ich hätte ihm in diesem Augenblick den Schoß seines abgetragenen Fracks küssen mögen. Glauben Sie mir, die beste Art, wie man heute handeln kann, besteht nicht darin, sich heftig und leidenschaftlich über die Bestechlichkeit und die Schlechtigkeit der Menschen zu entrüsten, und auch nicht darin, gegen sie vorzugehen und sie zu verfolgen; statt dessen sollte man sich lieber bemühen, jeden Zug von Ehrlichkeit öffentlich bekannt zu machen und einem geraden und ehrlichen Menschen offen und vor aller Welt freundschaftlich die Hand zu drücken. Glauben Sie mir, sobald es im ganzen Gouvernement bekannt wird, daß der Gouverneur wirklich so handelt, wird er den gesamten Adel auf seiner Seite haben. Unser Adel hat einen wunderbaren Zug an sich, der mich stets in Staunen versetzt hat. Es ist dies ein Gefühl für Anstand und Vornehmheit, und zwar nicht für jene Vornehmheit, von der auch der Adel anderer Länder durchdrungen ist, d. h. nicht für die Vornehmheit der Geburt oder der Abstammung, auch nicht für den europäischen _point d'honneur_, sondern für die echte sittliche Vornehmheit. Selbst in solchen Provinzen und in solchen Gegenden, wo jeder Aristokrat einzeln genommen ein ganz minderwertiger Mensch zu sein scheint, erheben sich alle wie ein Mann, wenn man sie nur zu einer wahrhaft edlen Tat aufruft, wie elektrisiert, und Menschen, die sonst nichts wie Gemeinheiten begehen, sind mit einem Male der herrlichsten Taten fähig. Daher wird jede edle Handlung des Gouverneurs zuallererst beim Adel Widerhall finden, und das ist sehr wichtig. Der Gouverneur muß unbedingt einen moralischen Einfluß auf den Adel ausüben. Nur hierdurch kann er die Aristokraten bewegen, sich auch mit unbedeutenden Ämtern oder wenig verlockenden Stellungen zu begnügen. Das aber ist durchaus notwendig. Denn wenn ein Adliger aus derselben Provinz eine Stelle annimmt, um andern Leuten ein Vorbild zu geben, wie man seine dienstlichen Verpflichtungen erfüllt, so wird er, was er auch für ein Mensch sein mag, selbst wenn er träge ist und vielerlei Mängel hat, seine Pflicht und Schuldigkeit tun, wie dies ein fremder, aus einem andern Ort in die Provinz versetzter Beamter niemals vermag, und wenn er sein ganzes Leben lang im Bureau verbracht hätte. Mit einem Wort, man darf niemals aus dem Auge verlieren, daß das dieselben Beamten sind, die im Jahre 1812 alles zum Opfer gebracht haben, alles, d. h. ihre ganze Habe, die sie besaßen.