Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke
Part 9
Vor allem muß man sich davor hüten, in eine Karikatur zu verfallen. Nichts darf karikiert erscheinen. Je mehr Einfachheit im Spiel, desto ..... Je weniger es der Schauspieler darauf anlegen wird zum Lachen zu reizen oder komisch zu sein, desto komischer wird die Figur selber wirken. Auf dem Ernst, mit dem jede Person bei ihrer Sache ist, beruht ..... Der Schauspieler soll, ehe er sich die Wunderlichkeiten und kleinen äußeren Besonderheiten jeder Person aneignet, erst einmal den allgemein menschlichen Gehalt der Rolle erfassen. Vor dem eigentlichen Charakter der Person muß man den Zweck ergründen, wofür sie da ist, worin ihre Tätigkeit und Beschäftigung besteht, wovon ihr Leben erfüllt ist und worum es sich hauptsächlich dreht, worauf und wohin sich beständig ihre Gedanken und Bestrebungen richten. Hat er diesen wesentlichsten Daseinszweck der darzustellenden Person erfaßt, dann muß sich der Schauspieler so in diese Tätigkeit einleben, sich alle Gedanken und Bestrebungen so zu eigen machen, daß sie während der ganzen Vorstellung seinen Kopf beherrschen; an szenische Einzelheiten soll er gar nicht denken. Sie werden ohne weiteres gut gelingen, sofern er nur so ernsthaft und eifrig bei seiner Sache ist, wie es die darzustellende Person, ohne zu spaßen, selber tut.
Eine der wichtigsten Rollen ist der Polizeimeister. Ein Mensch, der vor allem darauf bedacht ist, seine Taschen zu füllen. Diese Beschäftigung ließ ihm keine Zeit, ernster ins Leben zu schauen oder sich selbst zu betrachten. Durch sie wurde er, vielleicht ohne es selbst zu merken, zum Blutsauger, weil er unfähig ist, böse Gelüste zu unterdrücken. Ihn beherrscht nur das Verlangen, sich alles anzueignen, was sein Auge erblickt. Er hat vergessen, daß dadurch sein Nächster zugrunde gerichtet wird. Er fühlt zwar gelegentlich, daß er ein Sünder ist, betet, geht zur Kirche, glaubt sogar fromm zu sein und denkt auch daran, künftig einmal bereuen zu wollen. Aber das Gelüst, sich die Taschen zu füllen, ist übermächtig, und übermächtig die eingewurzelte Gewohnheit. Das umlaufende Gerücht vom Revisor hat ihn in Aufregung versetzt, mehr noch der Umstand, daß dieser inkognito kommen soll und niemand weiß, wann und von woher er erscheinen wird. Er befindet sich vom Beginn bis zum Schluß des Stückes in Situationen, die weit über alles hinausgehen, was ihm sonst derart im Leben beschieden war. Seine Nerven sind gespannt. Beim Übergang von Furcht zu Freude und Hoffnung bekommt sein Ausdruck etwas Überhitztes, dann ist er der Täuschung stärker ausgesetzt, und er, der zu anderer Zeit nicht so bald ...., ist nun leicht zu übertölpeln. Wie er sieht, daß der Revisor in seiner Hand ist, gar nicht gefährlich ist und sich sogar mit ihm verschwägert hat, überläßt er sich ungestümer Freude in Voraussicht dessen, daß sein Leben von nun an in Gastereien und Trinkgelagen aufgehen wird, daß er selbst Stellungen vergeben, auf den Stationen Pferde verlangen, die Polizeimeister im Vorzimmer warten lassen, groß tun und den Ton angeben wird. Darum bedeutet die plötzliche Meldung von der Ankunft des echten Revisors für ihn einen stärkeren Donnerschlag als für alle anderen und seine Lage wird zu einer wirklich tragischen.
Der Kreisrichter ist, was Bestechlichkeit anbetrifft, weniger sündig. Ihm fehlt sogar die Neigung zum Unrechttun; dafür ist seine Jagdleidenschaft groß ..... Aber das ist nun einmal so, jeder Mensch hat schließlich irgendeine Leidenschaft .... Ihr zuliebe läßt er sich eine ganze Reihe von Ungerechtigkeiten zuschulden kommen, ohne sich dessen bewußt zu sein. Er beschäftigt sich ausschließlich mit sich und seinem Verstande und ist nur darum gottlos, weil sich ihm auf dieser Bahn Gelegenheit bietet, sich selbst ins gehörige Licht zu stellen. Für ihn ist jedes Ereignis, auch ein solches, was andere in Schrecken versetzt, ein willkommener Fund, weil es ihm Stoff zu seinen Mutmaßungen und Kombinationen gibt, die ihn ebenso befriedigen, wie den Künstler seine Schöpfung. Diese Selbstzufriedenheit muß sich auf dem Gesicht des Schauspielers ausprägen. Während er spricht, beobachtet er gleichzeitig, welchen Eindruck seine Worte auf andere machen. Er forscht .....
Semljaníka ist ein korpulenter Mann, aber ein schlauer Spitzbube. Trotz seiner mächtigen Leibesfülle besitzt er viel Gewandtheit und Schmeichlerisches in Sprache und Auftreten. Auf die Frage Chlestakóffs, wie der verspeiste Fisch hieß, springt er mit der Gelenkigkeit eines 22jährigen Stutzers herzu, um ihm die Worte: »Laberdan, Ew. Gnaden!« direkt unter die Nase zu blasen. Er ist einer von denen, die, um sich selber zu decken, kein anderes Mittel finden, als andere in die Patsche zu bringen, und deshalb mit Ränkespinnen und Angeberei flink bei der Hand sind, ohne dabei Verwandtschaft und Freundschaft zu ...., einzig darauf bedacht, nur selber durchzuschlüpfen. Trotz seiner Beleibtheit und Schwerfälligkeit ist er immer beweglich. Ein kundiger Schauspieler wird sich natürlich keine solcher Gelegenheiten entgehen lassen, wo die Zuvorkommenheit eines korpulenten Mannes auf die Zuschauer besonders komisch wirken kann, ohne es bis zur Karikatur zu treiben.
Der Schulvorsteher ist nichts weiter als ein durch häufige, aber zwecklose Revisionen und Rüffel eingeschüchterter Mensch; darum fürchtet er alle Besichtigungen wie das Feuer und zittert bei der Kunde vom Revisor wie Espenlaub, obwohl er selber nicht weiß, was er verbrochen hat. Der ihn darstellende Schauspieler hat lediglich die beständige Angst zum Ausdruck zu bringen.
Der Postmeister ist ein bis zu Naivität einfältiger Kerl, der das Leben wie eine zum Zeitvertreib dienende Sammlung amüsanter Histörchen ansieht, die er sich aus erbrochenen Briefen zusammenliest. Für Bestechungen ist er ohne w..... zugänglich. Der Schauspieler hat nichts weiter zu tun, als so einfältig wie möglich zu sein.
Die beiden Stadtklatschbasen Bóbtschinski und Dóbtschinski aber müssen besonders gut gegeben werden. Der Schauspieler muß sie sehr scharf aufzufassen suchen. Es sind das Leutchen, deren ganzes Dasein darin aufgeht in der Stadt umherzurennen, um überall ihre Aufwartung zu machen und Neuigkeiten in Umlauf zu bringen. Ihr ganzes Wesen ist .... Die Leidenschaft zu klatschen hat jede andere Betätigung unterdrückt und wurde zur treibenden Kraft und zum Zweck ihres Lebens. Es ist unbedingt notwendig, ihr Behagen sichtbar werden zu lassen, wenn es ihnen endlich geglückt ist, die Erlaubnis zum Erzählen zu erhalten. Ihre Eilfertigkeit und Hast ist lediglich von der Angst verursacht, es könne sie jemand stören oder am Erzählen hindern. Sie sind neugierig, aus dem Bedürfnis Stoff zum Klatschen zu bekommen. Darum auch, nämlich weil er möglichst rasch erzählen will, stottert Bóbtschinski ein wenig. Beide sind klein, untersetzt und einander ungemein ähnlich, haben auch beide ein kleines Embonpoint. Beide haben ein rundliches Gesicht, saubere Kleidung und glattgescheiteltes Haar. Dóbtschinski hat auch einen Anflug von Glatze: man sieht, daß er kein Hagestolz wie Bóbtschinski, sondern verheiratet ist. Trotzdem hat Bóbtschinski das Übergewicht durch seine größere Lebhaftigkeit und regiert ihn sogar einigermaßen durch Verstand. Der Schauspieler muß alle nebensächlichen Züge außer acht lassen, wenn er diese Rolle gut darstellen will, und hat sich nur bewußt zu bleiben, daß er mit einem starken Sprachfehler behaftet sein soll. Mit einem Wort, es sind Leutchen, die vom Schicksal nicht für eigene, sondern für fremde Interessen in die Welt gesetzt wurden.
Alle übrigen Personen: Kaufleute, Gäste, Polizeibeamte und Bittsteller jeder Art sind Gestalten, wie sie uns täglich vor Augen kommen, und werden darum von jedem leicht aufgefaßt werden können, der Rede und Gebaren von Leuten jederlei Schlages zu beobachten versteht. Das gleiche kann auch vom Diener gesagt werden, obschon diese Rolle wichtiger als die erwähnten ist. Er ist ein russischer Diener in vorgerücktem Alter, der etwas mürrisch ist, seinem Herrn grob kommt, weil er merkt, daß dieser ein Federfuchser und Tropf ist, und ihm hinter dem Rücken Strafpredigten zu halten liebt; ein stilles Wasser, daneben aber sehr findig im Aufspüren von Gelegenheiten, wo etwas für ihn abfallen kann, -- also eine allgemein bekannte Figur, weshalb auch diese Rolle stets gut gespielt wurde. Dementsprechend wird man leicht ermessen können, welchen Eindruck die Ankunft des Revisors auf jede einzelne dieser Personen auszuüben imstande ist.
Man darf nur nicht vergessen, daß in all diesen Köpfen der Revisor spukt. Jeder beschäftigt sich mit ihm, um ihn drehen sich Furcht und Hoffnung aller handelnden Personen. Die einen wiegen sich in Hoffnung auf ein strenges Gericht und Erlösung von schlimmen Polizeimeistern und sonstigen Schnapphähnen, die andern erfaßt panischer Schrecken bei der Wahrnehmung, daß den obersten Beamten und Spitzen der Behörden angst und bange wird. Bei den übrigen, also denen, die auf die Dinge dieser Welt gleichmütig, mit dem Finger in der Nase zu schauen pflegen, herrscht Neugierde nebst einer gewissen geheimen Scheu, die Persönlichkeit von Angesicht sehen zu sollen, die so viel Furcht verbreitet und die darum unstreitig eine außergewöhnliche und bedeutende sein muß.
Am schwierigsten ist die Rolle dessen, der von der erschreckten Stadt für den Revisor gehalten wird. Chlestakóff ist an und für sich ein unbedeutender Mensch. Sogar einfältige Leute würden ihn ihrerseits sehr einfältig nennen. Nie in seinem Leben ist er zu etwas berufen gewesen, was Nachdenken erforderte. Aber die Wirkung der allgemeinen Furcht macht ihn zu einer bemerkenswert komischen Figur. Indem sie aller Augen benebelt, schafft sie ihm Gelegenheit, eine komische Rolle zu spielen. Eben noch von allem entblößt und sogar des Vergnügens beraubt, stolz auf dem Newski-Prospekt umherzuflanieren, fühlt er mit einmal freie Bahn und sieht sich unverhofft allen Verlegenheiten enthoben. Er ist vollständig überrascht und glaubt zu träumen, kann auch lange Zeit gar nicht begreifen, weshalb man ihm soviel Aufmerksamkeit und Achtung bezeugt. Er empfindet bloß ein angenehmes Behagen bei der Wahrnehmung, wie man ihn hofiert, bedient, alle seine Wünsche erfüllt und begierig jede seiner Äußerungen auffängt. Da redet er denn ziellos ins Blaue hinein. Die Themata für seine Aufschneidereien liefern ihm die Ausfrager, die ihm die Worte gewissermaßen selbst in den Mund legen und somit seine Expektorationen veranlassen. Er fühlt bloß wie leicht sich überall prahlen läßt, wo nichts einen behindert. Er phantasiert, daß er in der Literatur einen Namen hat, auf Bällen die erste Rolle spielt, selber Bälle gibt und, damit nicht genug, auch ein großer Staatsmann ist. Vor nichts scheut er zurück, wonach man ihn etwa .... Das Diner mit all' den Laberdanen und Weinen hat seine Zunge gelöst und ihn redselig gemacht. Je weiter er fabelt, desto stärker wird seine Einbildungskraft und er gerät wiederholt in ordentliche Hitze. Weil er gar nicht die Absicht hat, aufzuschneiden, vergißt er selber, daß er lügt. Er meint sogar all das wirklich geleistet zu haben, wovon er faselt. Darum versetzt auch die Szene, wo er sich für einen Staatsmann ausgibt, alle Beamten so in Schrecken. Darum zeigt auch, namentlich bei der Erzählung, wie er in Petersburg allen miteinander den Kopf gewaschen hat, sein Antlitz alle Merkmale von Würde und was nur irgend sonst dazu gehört. Weil er gesehen hat, wie man hierorts Rüffel austeilt, auch aus eigner, vielfacher Erfahrung weiß, was es mit dem Gerüffeltwerden auf sich hat, bereitet es ihm (das muß meisterhaft in den Reden zum Ausdruck gebracht werden) in diesem Augenblick besonderes Behagen, endlich auch einmal andere Leute herunterzuputzen -- wenn auch nur erzählenderweise. Er würde sich auch noch weiter in seinen Aufschneidereien versteigen, wenn ihm nicht die Zunge bereits den Dienst versagte, infolgedessen sich die Beamten genötigt sehen, ihn ehrerbietig und furchtsam aufs vorbereitete Bett zu bringen.
Beim Erwachen ist er wieder derselbe Chlestakóff wie vorher; er weiß überhaupt nicht mehr, wodurch er sie alle ins Bockshorn gejagt hat. Alle Phantasie ist ihm wieder abhanden gekommen und sein Betragen ist so albern wie zuvor.
Fast gleichzeitig bandelt er mit der Mutter und mit der Tochter an. Er bittet um Geld, weil ihm das wie unwillkürlich über die Lippen kommt und auch schon der erste, an den er sich wandte, es ihm bereitwilligst zur Verfügung stellte. Erst gegen Schluß des Aktes wird es ihm klar, daß man ihn für irgendein großes Tier hält. Ohne Ossips Warnung aber, dem es mit Mühe gelingt, ihm begreiflich zu machen, daß diese Täuschung nicht lange vorhalten könne, würde er mit größter Seelenruhe solange dageblieben sein, bis man ihn mit Schimpf und Schande hinausgeworfen hätte. Kurz, diese Gestalt ist ein Wahngebilde, das sich wie ein personifiziertes, lügenhaftes Blendwerk mitsamt der Troika verflüchtigt. Dessenungeachtet muß diese Rolle durchaus dem besten verfügbaren Schauspieler anvertraut werden, weil sie die allerschwierigste ist. Denn dieser alberne Mensch und oberflächliche Charakter vereinigt in sich eine Menge von Eigenschaften, welche auch nicht oberflächliche Leute besitzen. Namentlich darf der Schauspieler diese Sucht zu prahlen nicht außer acht lassen, mit der mehr oder weniger alle Menschen behaftet sind und die bei Chlestakóff am stärksten ausgebildet ist, -- eine kindische Neigung zwar, die sich nichtsdestoweniger aber bei vielen klugen alten Leuten findet, so daß wohl selten jemand ihr nicht bei irgendeiner Gelegenheit im Leben .... Mit einem Wort, der Schauspieler muß für diese Rolle ein sehr vielseitiges Talent mitbringen, fähig, die mannigfaltigsten Eigenschaften eines Menschen darzustellen und nicht nur ewig ein und dieselben. Er muß zugleich ein gewandter Weltmann sein, weil er sonst außerstande sein würde, naiv und harmlos diesen hohlen, weltlichen Leichtsinn zur Anschauung zu bringen, der einen Menschen über alles und jedes hinwegtändeln läßt und in so beträchtlichem Umfange Chlestakóff zu eigen ist.
Die letzte Szene des »Revisors« muß ganz besonders umsichtig gespielt werden. Hier ist der Spaß zu Ende, und die Situation vieler Personen ist eine fast tragische. Die des Polizeimeisters ist die allerverzweifeltste; denn, wie dem auch sei, sich plötzlich betrogen zu sehen, noch dazu von dem dümmsten und albernsten Bürschchen, das weder Ansehen noch Gestalt hatte und kaum einem Zündhölzchen glich (Chlestakóff ist, wie erinnerlich, schmächtig, alle andern dick), -- von dem sich betrogen zu sehen, ist wahrhaftig kein Spaß mehr. Und so plump betrogen zu werden, während man selber doch schlaue Köpfe und sogar die abgefeimtesten Gauner hinters Licht zu führen verstanden hatte! Die schließlich erfolgende Meldung von der Ankunft des echten Revisors wirkt auf ihn wie ein Donnerschlag. Versteinert steht er da. Mit ausgebreiteten Armen und hintenübergeworfenem Haupt verharrt er regungslos, und alle handelnden Personen um ihn her bilden eine momentan versteinerte Gruppe in den verschiedensten Stellungen.
Die ganze Szene ist ein stummes Bild und muß darum ebenso gestellt werden wie die lebenden Bilder. Jede Person muß eine Stellung angewiesen erhalten, die ihrem Charakter entspricht, nach dem Grade ihrer Furcht und der Stärke des Schreckens, den die Meldung von der Ankunft des echten Revisors ihr verursacht. Diese Stellungen dürfen nichts miteinander gemein haben, müssen vielmehr mannigfaltig und verschieden sein; auch muß darum jeder die seine genau im Kopfe haben, um sie sofort annehmen zu können, wenn die verhängnisvolle Kunde sein Ohr trifft. Anfangs wird das freilich gezwungen herauskommen und an Automaten erinnern; allmählich aber, nach einigen Wiederholungen, im Maße wie jeder Schauspieler seine Situation tiefer erfaßt haben wird, wird ihm die angewiesene Pose geläufiger werden und ein natürlicheres, seinem Wesen entsprechenderes Ansehen bekommen. Das Hölzerne und Ungelenke des Automaten wird verschwinden und es wird den Anschein haben, als sei dieses stumme Bild ganz von selbst entstanden.
Als Signal zur Veränderung der Stellung kann jener unterdrückte Schrei dienen, den Frauen bei einer unerwarteten Erscheinung auszustoßen pflegen. Die einen nehmen die ihnen im stummen Bilde angewiesene Pose allmählich an und beginnen damit bereits beim Eintritt des Boten mit der verhängnisvollen Meldung; das sind diejenigen, die minder betroffen sind. Die anderen nehmen sie momentan an, nämlich die, welche einen stärkeren Schlag erhalten. Der führende Schauspieler täte gut daran, seine eigene Pose vorübergehend aufzugeben und dies Bild einige Male selber wie ein Zuschauer zu betrachten, um zu prüfen, wo etwas abzuschwächen, stärker zu betonen oder zu mildern wäre, damit das Bild natürlicher wirkt.
Das Bild muß etwa folgendermaßen gestellt werden: in der Mitte der Polizeimeister, stumm und versteinert. Zu seiner Rechten seine Frau und Tochter, beide ihm schreckensbleich zugewandt. Hinter ihnen der Postmeister, in ein Fragezeichen verwandelt und den Zuschauern zugekehrt. Hinter diesem Luka Lukitsch, kreidebleich. Links vom Polizeimeister Semljanika mit hochgezogenen Augenbrauen und die Finger im Munde, wie einer, der sich böse verbrannt hat. Hinter ihm der Kreisrichter, fast auf die Erde gekauert und eine Grimasse schneidend, als wenn er sagen wollte: »Holla, Alte, jetzt hat's eingeschlagen!« Hinter diesen starren Bobtschinski und Dobtschinski einander mit offenem Munde an. Die Gäste verteilen sich in zwei Gruppen auf beiden Seiten; jede für sich nimmt eine eigne allgemeine Stellung an und heftet ihre Blicke auf den Polizeimeister. Fast eine Minute lang währt diese stumme Szene, bis endlich der Vorhang fällt. Damit sich die Gruppe geschickter und ungezwungener entwickele, überträgt man sie am besten einem tüchtigen Künstler, der Gruppen zu komponieren versteht, Skizzen entwerfen kann und .....
Wenn sämtliche Schauspieler auch nur einigermaßen im Laufe der Vorstellung allen Anforderungen ihrer Rollen genügt haben, dann werden sie auch in dieser stummen Szene die entscheidende Situation ihrer Rollen zum Ausdruck bringen und dadurch ihrem vollendeten Spiel die Krone aufsetzen. Erwiesen sie sich aber während der Vorstellung teilnahmslos und unbeholfen, dann werden sie auch hier so wirken, mit dem Unterschied, daß sich in dieser stummen Szene ihr Nichtkönnen noch deutlicher offenbaren wird.
III. Zwei Szenen, die schon bei der ersten Ausgabe als den Gang der Handlung störend ausgeschieden wurden.
Anna Andréjewna und Márja Antónowna.
Márja Antónowna. Wirklich, Mama, ich begreife nicht, wie du glauben kannst, deine Augen seien das Schönste ...
Anna Andréjewna. Papperlapapp, rede kein dummes Zeug! Als noch die Frau Oberst hier wohnte, die die größte Modedame war, die ich je gesehen, und sich alle Kostüme aus Moskau verschrieb -- sagte sie mir bei jeder Gelegenheit: »Liebste Anna Andréjewna, verraten Sie mir doch bloß das Geheimnis, weshalb Ihre Augen einen so sprechenden Ausdruck haben!« Überhaupt herrschte nur eine Stimme: »Mit Ihnen, Anna Andréjewna, braucht man nur eine Minute beisammen zu sein, um infolge Ihrer Liebenswürdigkeit alles um sich her zu vergessen.« Und der Stabsrittmeister Starokopytoff, der sich damals, was weiß ich, wegen Remonte hier aufhielt? Der schöne Mann mit dem frischen, prächtig roten Gesicht, den pechschwarzen Augen, dem weißen Hemdkragen aus dem feinsten Batist, wie ihn unsre Kaufleute uns noch nie geliefert haben? Der sagte mir zu wiederholten Malen: »Ich schwöre Ihnen, Anna Andréjewna, noch nie habe ich solche Augen gesehen, nicht einmal in Romanen davon gelesen; ich weiß nicht wie mir geschieht, wenn ich Sie anschaue! ..« Ich trug damals noch eine Tüllpelerine, mit Weinblättern und Ähren bestickt und mit zarten Spitzen eingefaßt, kaum einen Finger breit, einfach bezaubernd! Und dann sagte er jedesmal: »Ihr Anblick, Anna Andréjewna, bereitet mir solches Entzücken, daß mein Herz vollständig ...« ach, ich weiß schon gar nicht mehr, was er alles geredet hat. Nachher hat er sogar noch Geschichtchen gemacht: er wollte sich partout erschießen, aber die Pistolen waren irgendwie abhanden gekommen; sonst wäre er längst nicht mehr am Leben.
Márja Antónowna. Ich weiß nicht, Mama, aber ich meine doch, deine untere Gesichtspartie sei weit hübscher als deine Augen.
Anna Andréjewna. Unsinn, davon kann gar keine Rede sein! Das ist alles dummes Zeug!
Márja Antónowna. Nein, wirklich, Mama, wenn man dich so sprechen oder im Profil sitzen sieht, dann ist besonders dein Mund ...
Anna Andréjewna. Hör auf mit dem dummen Geschwätz! Du bist wirklich unausstehlich! Immerfort muß sie herumstreiten ... Gott bewahr' mich! Will gleich vor Neid vergehen, nur weil ihre Mama schöne Augen hat! -- Und bei all dem Gezänk und dem Unsinn haben wir uns richtig ganz verplappert. Paß auf, er kommt und überrascht uns noch in dem unmöglichsten Aufzuge! (Eiligst ab, gefolgt von Márja Antónowna.)
Chlestakóff und Rastakówski (in Uniform der Zeit Katharinas II. mit Achselschnüren).
Rastakówski. Habe die Ehre mich vorzustellen: Einwohner und Hausbesitzer hiesiger Stadt, Sekond-Major a. D. Rastakówski.
Chlestakóff. Sehr erfreut; bitte nehmen Sie gefälligst Platz. Ich bin mit Ihrem Chef sehr gut bekannt.
Rastakówski (hat sich gesetzt). Ah, Sie kannten also Sadunaiski?
Chlestakóff. Welchen Sadunaiski?
Rastakówski. Nun, den Grafen Rumjanzoff-Sadunaiski, Pjotr Alexándrowitsch; der war ja mein früherer Chef.
Chlestakóff. Ach so, ja ... Sie haben also wohl lange gedient?
Rastakówski. Ich nahm bereits 1773 an der Belagerung von Silistria teil. Da ging es heiß zu. So dicht stand der Türke vor uns, gerade wie dieser Tisch. Ich war damals Sergeant, und Sekond-Major in unserem Regimente war -- Sie kannten ihn gewiß -- Pjotr Wassiljewitsch Gwosdjew.
Chlestakóff. Gwosdjew? was für ein Gwosdjew?
Rastakówski. Pjotr Wassiljewitsch. Er wurde später auf Allerhöchsten Befehl der verewigten Kaiserin zu den Dragonern versetzt.
Chlestakóff. Nein, mir unbekannt.
Rastakówski. Ich dachte mir gleich, daß Sie ihn nicht kennen, weil er schon vor mehr als dreißig Jahren gestorben ist. Hier ganz in der Nähe, zwanzig Werst von der Stadt, lebt seine Enkelin, verheiratet mit Iwán Wassiljewitsch Rogatka.
Chlestakóff. Mit Rogatka? Sehen Sie doch mal an! Das ist mir ganz neu.
Rastakówski. Freilich, mit Iwán Wassiljewitsch Rogatka. Der Türke also stand so dicht vor uns, wie dieser Tisch. Frost und Schneegestöber waren so stark, wie in dem Jahr, da die Franzosen auf Moskau losrückten. In unserem Regimente stand noch ein Sekond-Major namens Ficktel-Knabe, ein Deutscher. Er hieß Siegfried Iwánowitsch, aber der damalige General _en chef_ taufte ihn einfach um: »Du bist kein Siegfried,« sagte er, »sondern Suppe; darum sollst du Suppe Iwánowitsch heißen.« Und seitdem wurde er nur noch Suppe Iwánowitsch genannt. Dieser Suppe Iwánowitsch also, nebst dem eben erwähnten Sekond-Major Gwosdjew sollten einmal eine Fouragierung vornehmen. Ihnen beigegeben waren ich und der Quartiermeister Trepakin, vielleicht haben Sie ihn gekannt, Awtonom Pawlowitsch; ich glaube, er ist auch schon bald fünfundzwanzig Jahre tot.
Chlestakóff. Trepakin? Nein, kenne ich nicht. Übrigens hätte ich eine Bitte an Sie ...
Rastakówski (ohne darauf zu hören). Eine schöne männliche Gestalt, blondes Haar, dazu goldne Achselschnüre. Wie der Mazurka tanzen konnte! Brauchte nur in die Hände zu klatschen, um selbst dem Oberst seine Tänzerin abspenstig zu machen. Na, und überhaupt die kleinen Mädchen, ha, ha, ha! ... Wir biwakierten damals unter Zelten; und wenn man bloß mal so in sein Zelt hineinguckte, ha, ha, ha, da saß auch richtig so eine Kleine drin; und wurde dann morgens vom Burschen hinausgeführt, als Dragoner vermummt, im Dreimaster, ha, ha, ha, ein Portepée an der Seite, ha, ha, ha ...