Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke

Part 10

Chapter 103,506 wordsPublic domain

Chlestakóff. Eine ähnliche Geschichte passierte einem meiner Bekannten, einem Beamten in recht einträglicher Stellung. Wie der eines Tages im Schlafrock dasitzt und seine Pfeife raucht, kommt mit einemmal ein Offizier von der Chevaliergarde, auch ein Freund von mir, herein und sagt ... (unterbricht sich und schaut Rastakówski scharf ins Auge.) Hören Sie mal, könnten Sie mir nicht etwas Geld borgen? Ich habe mich unterwegs ganz verausgabt.

Rastakówski. Wer bat denn um Geld: der Beamte den Offizier oder der Offizier den Beamten?

Chlestakóff. Nicht doch, ich bitte Sie darum. Sehen Sie, ich tue es lieber gleich, ehe ich's nachher noch vergesse.

Rastakówski. Also Sie brauchen Geld? Seltsam, und ich glaubte, der Offizier in der Anekdote bäte darum. Wie man sich doch im Gespräch oft täuschen kann! Sie also brauchen Geld? Und ich kam offen gestanden gerade mit der Absicht, Sie meinerseits mit einer äußerst dringlichen Bitte zu belästigen.

Chlestakóff. Und die wäre?

Rastakówski. Ich habe nämlich Anspruch auf eine Pensionszulage und hatte Sie höflichst darum bitten wollen, dort bei den Senatoren oder bei sonstigen Persönlichkeiten ein gutes Wort für mich einzulegen.

Chlestakóff. Aber gewiß, mit Vergnügen.

Rastakówski. Ich selber habe schon mal eine Bittschrift eingereicht, möglicherweise aber nicht an die zuständige Stelle.

Chlestakóff. Wie lange ist denn das her?

Rastakówski. Um die Wahrheit zu sagen, noch nicht gar so lange, im Jahre 1801; ich warte aber seit diesen dreißig Jahren noch immer auf Bescheid. Ich beförderte sie durch Iwán Pjetrówitsch Ssossulkin, der damals gerade nach Petersburg reiste; leider ist er kein sonderlich zuverlässiger Mensch. So kann es gekommen sein, daß sie nicht gehörigen Orts eingereicht wurde. Jetzt wird es aber gewiß nicht mehr lange dauern: dreißig Jahre sind um, und da wird die Entscheidung wohl bald erfolgen müssen.

Chlestakóff. Selbstverständlich, jetzt wird sie bald erfolgen müssen; übrigens bin ich gern bereit, mich auch meinerseits ... Keine Ursache, schon gut, schon gut.

IV. Eine vom Autor in die Buchausgabe nicht mitaufgenommene Szene des »Revisor«.[1]

8. Szene (des vierten Aufzuges)

Chlestakóff und Hübner.

Hübner. _Ich habe die Ehre, mich zu rekommandieren: Doktor der Armenanstalten Hübner._

Chlestakóff. Bitte nehmen Sie gefälligst Platz.

Hübner. _Es freut mich sehr, die Ehre zu haben, einen so würdigen Mann zu sehen, den die hohe Obrigkeit bevollmächtigt hat ..._

Chlestakóff. Bitte kein Deutsch, da bin ich recht wenig ... Sprechen wir doch lieber russisch. Was ich sagen wollte: die Herren Beamten beziehen jetzt allgemein ein recht gutes Gehalt. Haben Sie sich mit Geld versehen?

[Fußnote 1: Der Humor dieser Szene geht in der Übersetzung größtenteils verloren: Hübner nämlich spricht deutsch und radebrecht russisch, Chlestakóff dagegen russisch und radebrecht deutsch. Die deutschen Worte des Originals seien wenigstens im Druck gekennzeichnet. -- Anmerk. d. Übers.]

Hübner. Geld? Wieso Geld?

Chlestakóff. Nun, ich würde Sie in dem Falle gebeten haben, es mir zu borgen ... zu borgen ... Soll natürlich heißen: Sie _gibt_ es mir jetzt, und ich gebe[2] es Ihnen später wieder.

Hübner. Geld ... Geld habe ich keins ... (zieht eine Brieftasche heraus und schüttelt sie aus). _Sehen Sie!_ Nichts da ... nur eine Zigarre ... weiter nichts ...

Chlestakóff. Na, dann ist nichts zu machen. Wo nichts ist, hat auch der Kaiser sein Recht verloren.

Hübner (steckt die Brieftasche ein und greift in die Rocktasche). _Wollen Sie eine Zigarre rauchen?_ (Zieht sie heraus und überreicht sie ihm).

Chlestakóff. Recht gern, _gut_! Geben Sie her, _gibt_ (nimmt sie und steckt sie an). Ganz leidliche Zigarre; gewiß aus Petersburg. (Bläst den Rauch vor sich hin).

Hübner. Nein ... aus ... Riga ...

Chlestakóff. Aus Riga? So, das dachte ich mir gleich.

Hübner (steht auf und verbeugt sich). _Ich darf Sie nicht mehr beunruhigen (sic!) und Ihnen die teure Zeit rauben, die Sie den Staatsgeschäften widmen._ (Verabschiedet sich).

[Fußnote 2: Ein in der Übersetzung nicht zu veranschaulichender Wortwitz des Originals.]

Chlestakóff. Adieu. War mir sehr angenehm.

9. Szene

Chlestakóff (allein). Auch eine Zigarre ist mal ganz nett. Wieviel Beamte es doch hier gibt usw.

V. Vorwort zu einer zum Besten der Armen geplanten Ausgabe des »Revisor«. 1846.

Fast alle russischen Schriftsteller haben aus Teilen ihrer Werke Spenden zum Besten der Armen gemacht: manche gaben zu diesem Zweck ganze Bücher heraus, andere steuerten bereitwillig zu Sammelwerken bei; noch andere endlich veranstalteten eigens dafür öffentliche Vorlesungen. Ich allein hatte mich abseits gehalten. Vom Wunsche beseelt, diese meine Unterlassung, wenn auch spät, zu sühnen, bestimme ich die vierte und fünfte gleichzeitig in Moskau und Petersburg erscheinende Ausgabe des »Revisor« zum Besten der Notleidenden. Sie ist um eine dem Publikum noch unbekannte Skizze: »Die Deutung des Revisors« vermehrt, die aus verschiedenen Gründen und Umständen bisher nicht veröffentlicht werden konnte und hier zum erstenmal ihren Platz findet.

Der Erlös dieser beiden Ausgaben soll ausschließlich solchen Bedürftigen zugute kommen, welche sich in unscheinbaren, niedrigen Stellungen befinden und bei einem Einkommen, das kaum für den eigenen Unterhalt notdürftig hinreicht, noch ärmere Anverwandte zu unterstützen, oft sogar zu erhalten gezwungen sind; mit einem Wort: er ist für diejenigen bestimmt, denen das bittere Los fiel, die doppelte Last des Lebens zu tragen. Und deshalb bitte ich alle meine Leser, welche bereits durch den Kauf dieses Buches das wohltätige Werk begonnen haben, es auch in gleicher Weise fortzusetzen, namentlich aber, soweit es ihre Zeit erlaubt, über alle in erster Linie Bedürftigen in Moskau sowohl wie in Petersburg nach Möglichkeit Kunde einzuziehen, sich die Mühe nicht verdrießen zu lassen, um in deren drückende Verhältnisse selbst hineinzuschauen, und alle derartigen Nachrichten denen zu übermitteln, die mit der Verteilung der Unterstützungen betraut sind.

Es herrscht viel Elend um uns her, von dem wir nichts wissen; oft siecht in derselben Stadt, derselben Straße, ja in demselben Hause, in dem wir wohnen, ein Mensch unter der schweren Last der Not und dem durch sie erzeugten Herzenskummer dahin, dessen ganzes Schicksal vielleicht abgewendet werden konnte, wenn wir nur einmal den Blick auf ihn gerichtet hätten; wir aber schauten uns nicht nach ihm um; wir leben sorglos und unbekümmert weiter, hören fast teilnahmslos die Nachricht, daß ein jemand, der neben uns lebte, zugrunde gegangen ist, und ahnen nicht einmal, daß die Ursache seines Unterganges lediglich die war, daß wir uns nicht die Mühe gaben, nach ihm hinzusehen. Um Christi willen bitte ich inständigst einer mündlichen Rücksprache mit solchen nicht aus dem Wege zu gehen, welche verschlossen und zurückhaltend sind, stumm sich grämen, stumm leiden und stumm dahinsterben, so daß man nur selten und oft erst nach ihrem Tode erfährt, sie seien unter der unerträglichen Last ihres Kummers zusammengebrochen. Alle diejenigen meiner Leser, welche durch wichtige Geschäfte und Pflichten gebunden nicht die Muße haben, sich direkt der Lage der Bedürftigen anzunehmen, bitte ich, sich einer möglichst weitgehenden pekuniären Beihilfe nicht zu versagen und diese einer von den mit der Verteilung der Unterstützungen betrauten Personen zu überweisen, deren Namen und Adressen am Schluß dieses Vorwortes verzeichnet sind.

Ich erachte es für meine Pflicht hierbei mitzuteilen, daß ich für diese Mühewaltung lediglich solche von den mir bekannten Persönlichkeiten ausgewählt habe, welche, ohne durch eigene Sorgen und Geschäfte an der für dergleichen Angelegenheiten notwendigen Muße gekürzt zu sein, sich überdies aus Herzensbedürfnis gedrungen fühlen, dem Nächsten zu helfen und diese mühselige Arbeit freudig auf sich genommen haben, ungeachtet dessen, daß sie sie vieler angenehmer gesellschaftlicher Vergnügungen beraubt, auf die man sonst ungern verzichtet. Deshalb darf sich jeder Gebende überzeugt halten, daß die von ihm gewährte Unterstützung auch mit Überlegung verteilt und keine Kopeke nutzlos vergeudet werden wird. Die Betreffenden werden keinem Menschen eher beispringen, bevor sie ihn nicht aus der Nähe kennen gelernt, alle obwaltenden Umstände erwogen und so die volle Einsicht gewonnen haben, auf welche Art und Weise die jenem zugedachte Unterstützung zur Anwendung kommen soll. In solchen Fällen jedoch, wo der Unglückliche sein schweres Los selbst verschuldet hat und sein Elend mit Gewissensfragen in Verbindung steht, werden sie die Beihilfe nur durch erfahrene Geistliche und namentlich solche Beichtiger zur Ausführung bringen lassen, die nicht zum erstenmal mit Seele und Gewissen des Menschen zu tun hatten. Es wäre wünschenswert, wenn jeder, der Nachforschungen nach Bedürftigen anzustellen gedenkt, sich der Mühe unterziehen wollte, die Ergebnisse den Verteilern der Unterstützungsgelder persönlich und nicht schriftlich darzulegen; denn bei mündlicher Rücksprache lassen sich all' jene Mißverständnisse leicht beseitigen, die bei brieflicher Mitteilung nie zu vermeiden sind. Auf diese Weise wird jeder sich nach Beschaffenheit seines Falles selber darüber ein Urteil bilden können, an welche der bezeichneten Personen er sich lieber, bequemer und zweckentsprechender wenden mag, auch erwägen können, wann die mitfühlende Beteiligung einer Frau, wann das kräftige, brüderlich ermutigende Wort eines Mannes im besonderen vonnöten sei. Noch nützlicher wäre, wenn zu solchen Besprechungen ein für allemal eine bestimmte Stunde festgesetzt würde, beispielsweise von 11-12, eine Stunde, die überhaupt für alle, wenigstens für die Mehrzahl, die geeignetste ist; und sollte sie trotzdem dem einen oder anderen nicht genehm sein, so wird der zu dieser Stunde Vorsprechende auf jeden Fall die Ansage einer anderen, geeigneteren erhalten können.

Zur Verteilung der Unterstützungsgelder haben sich bereit erklärt:

In _Moskau_:

Awdotja Pietrowna Jelagina. Katerina Alexandrowna Swjerbejewa. Wjera Sergejewna Aksakowa. Alexej Stjepanowitsch Chomjakoff. Nikolai Filippowitsch Pawloff. Pjotr Wassiljewitsch Kirejewski.

In _Petersburg_:

Olga Stjepanowna Odojewskaja. Gräfin Anna Michailowna Wjeljegorskaja. Gräfin Daschkowa. Arkadij Ossipowitsch Rosseti. Jurij Fjodorowitsch Ssamarin. Wladimir Alexejewitsch Muchanoff.

VI. Die Deutung des Revisors

Personen:

Erster Schauspieler, Komiker: Michailo Sjemjonowitsch Schtschepkin. Eine hübsche Schauspielerin. Zweiter Schauspieler. Fjodor Fjodorowitsch, Theaterenthusiast. Pjotr Pjetrowitsch, ein vornehmer Herr. Sjemjon Sjemjonowitsch, ein Herr aus ebenfalls ziemlich gutem Stande. Nikolai Nikolajewitsch, ein Literat. Schauspieler und Schauspielerinnen.

* * * * *

Erster Schauspieler (tritt auf die Bühne). Nun, jetzt wäre Bescheidenheit unangebracht. Diesmal, darf ich sagen, habe ich ausgezeichnet gespielt und der Applaus des Publikums war nicht unverdient. Fühlt man das selber, ohne sich vor sich selbst zu schämen, dann war eben die Leistung vollkommen.

(Eine Menge Schauspieler und Schauspielerinnen betreten die Bühne)

Zweiter Schauspieler (einen Kranz in der Hand). Michailo Sjemjonowitsch, jetzt kommen wir, nicht das Publikum, um Ihnen diesen Kranz zu bringen. Das Publikum verteilt seine Kränze nicht immer nach strenger Wahl; es schenkt sie auch geringeren Leistungen. Wenn aber Kollegen, die doch oftmals neidisch und unbillig sind -- wenn eben diese Kollegen jemandem einmütigen Sinnes einen Kranz bringen, dann besagt das, daß dieser Mann des Kranzes vollkommen würdig ist.

Erster Schauspieler (den Kranz entgegennehmend). Liebe Kollegen, ich weiß diesen Kranz zu schätzen.

Zweiter Schauspieler. Nein, nicht in der Hand, aufs Haupt sollen Sie ihn setzen!

Alle Schauspieler und Schauspielerinnen. Aufs Haupt den Kranz!

Die hübsche Schauspielerin (vortretend, mit befehlender Gebärde). Michailo Sjemjonowitsch, den Kranz aufs Haupt!

Erster Schauspieler. Nein liebe Kollegen, den Kranz nehme ich zwar von Euch an, aber aufsetzen darf ich ihn nicht. Etwas anderes ist's, vom Publikum einen Kranz zu empfangen, als den gewohnten Ausdruck des Dankes, womit es jeden beschenkt, der seinen Beifall zu erringen wußte; einen solchen Kranz nicht aufsetzen, würde Geringschätzung gegenüber seiner Gunst bedeuten. Um aber einen Kranz im Kreise gleichwürdiger Kollegen aufzusetzen, dazu bedürfte es weit größerer Selbstüberhebung, als ich sie besitze.

Alle. Den Kranz aufs Haupt!

Die hübsche Schauspielerin. Den Kranz aufs Haupt, Michailo Sjemjonowitsch!

Zweiter Schauspieler. Das ist unsere Sache, hier richten wir, nicht Sie. Setzen Sie ihn bitte nur erst mal auf, dann wollen wir Ihnen schon sagen, weshalb wir Sie bekränzt haben. So ist's recht! Und nun hören Sie! Der Kranz gebührt Ihnen darum, weil Sie uns schon reichlich zwanzig Jahre angehören, ohne daß auch nur ein einziger unter uns sich jemals von Ihnen gekränkt gefühlt hätte; darum, weil Sie hingebender als wir alle ihre Pflicht getan und eben dadurch auch unseren Ehrgeiz geweckt haben, auf unserer Bahn nicht zu ermatten, wozu wir sonst schwerlich die Kraft gehabt hätten. Gibt es denn eine Macht, die stärker fortreißen könnte, als das anfeuernde Beispiel eines Kollegen? Und darum auch, weil Sie stets nicht nur an sich selbst gedacht, sich nicht nur Mühe gegeben haben, Ihre eigne Rolle gut zu spielen, sondern auch Sorge trugen, daß jeder andere die seine nicht verderbe, keinem Ihren Rat versagt und keinen gering geachtet haben. Und endlich darum, weil Sie die Kunst so geliebt haben, wie niemals einer von uns übrigen. Nun wissen Sie, warum wir einmütig Ihnen jetzt diesen Kranz widmen.

Erster Schauspieler (mit Rührung). Nein, liebe Kollegen, so war es nicht, wiewohl ich wünschte, es wäre so gewesen.

(Es erscheinen Fjodor Fjodorowitsch, Sjemjon Sjemjonowitsch, Pjotr Pjetrowitsch und Nikolai Nikolajewitsch.)

Fjodor Fjodorowitsch (den ersten Schauspieler lebhaft umarmend). Michailo Sjemjonowitsch, ich bin außer mir, weiß gar nicht, was ich zu Ihrem Spiel sagen soll: so schön haben Sie noch nie gespielt!

Pjotr Pjetrowitsch. Ohne alle Schmeichelei, Michailo Sjemjonowitsch, aber ich muß aufrichtig bekennen: ich habe niemals -- trotzdem ich, wie ich ohne mich zu brüsten sagen darf, alle erstrangigen Theater Europas besucht und die vorzüglichsten Schauspieler gesehen habe -- niemals habe ich ein ähnlich vollkommenes Spiel gesehen, nein niemals, ohne alle Schmeichelei!

Sjemjon Sjemjonowitsch. Michailo Sjemjonowitsch! ... (außerstande, sich in Worten auszudrücken, mit einer Handbewegung). Sie sind der reine Dämon!

Nikolai Nikolajewitsch. So vorzüglich, so restlos vollkommen, so verständnisvoll und mit so tiefer Auffassung seine Rolle spielen -- nein, das geht über eine einfache Darstellung hinaus, das ist eine zweite Gestaltung, ist eine Neuschöpfung!

Fjodor Fjodorowitsch. Die vollendete Kunst hat ihren Kranz erhalten! Hier endlich begreift man die Hoheit der Kunst. Was hat denn z. B. die Persönlichkeit, die Sie eben darstellten, sonst reizvolles an sich? Ist's möglich, dem Zuschauer durch Verkörperung irgendeines beliebigen Schurken Genuß zu bereiten? Ihnen ist das gelungen. Ich habe geweint, nicht aus Teilnahme für das Schicksal dieses Menschen, sondern weil ich hingerissen war. Mir wurde hell und leicht ums Herz, und zwar deshalb, weil Sie alle Züge dieses verderbten Charakters ans Licht brachten, weil Sie klar erkennen ließen, was so ein Schurke bedeutet.

Pjotr Pjetrowitsch. Gestatten Sie mir immerhin, um ganz abzusehen von der meisterhaften Darstellung des Stückes, dergleichen ich aufrichtig gestanden noch nie gesehen habe -- und ich bin doch, ohne Rühmens gesagt, in den besten Theatern gewesen -- ich weiß auch nicht einmal, wem der Autor mehr zu Dank verpflichtet ist: Ihnen, meine Herrschaften, oder unserer Theaterleitung; wahrscheinlich aber beiden zugleich, denn eine derartige Aufführung hebt jedes Stück (ich bitte meine Worte nicht als leere Schmeichelei aufzufassen!). Immerhin also gestatten Sie mir, wenn wir von alldem absehen, eine Bemerkung über das Stück selbst zu machen, dieselbe Bemerkung, die sich mir schon vor zehn Jahren, bei Gelegenheit der ersten Aufführung aufdrängte: ich vermag nämlich im »Revisor«, auch wenn er so vortrefflich wie jetzt gespielt wird, nicht den geringsten Nutzen für die Allgemeinheit zu erkennen, so daß man sagen dürfte, das Stück sei für sie unentbehrlich.

Sjemjon Sjemjonowitsch. Ich meinesteils halte es sogar für schädlich; es wird darin unsere Entwürdigung geschildert. Ich kann nicht glauben, daß derjenige, der es schrieb, sein Vaterland liebt. Überdies: welche Nichtachtung, welche Rücksichtslosigkeit offenbaren sich darin! Ich fasse es überhaupt nicht, wie man wagen kann, allen ins Gesicht zu sagen: »was lacht ihr? Ihr lacht über euch selber!«

Fjodor Fjodorowitsch. Aber Sjemjon Sjemjonowitsch, lieber Freund, du vergißt ja ganz, daß das nicht der Autor, sondern der Polizeimeister sagt, der aufgebrachte, zornige Schurke, der natürlich wütend ist, weil man über ihn lacht.

Pjotr Pjetrowitsch. Fjodor Fjodorowitsch, dagegen wäre doch einzuwenden, daß gerade diese Worte eine befremdende Wirkung taten, und daß sicherlich sehr viele Zuschauer den Eindruck gehabt haben, als richte der Autor jene Worte: »Was lacht ihr? Ihr lacht über euch selber!« ausdrücklich an sie. Ich sage das -- meine Herrschaften, Sie werden meine Worte nicht so auffassen, als ob ich dem Autor persönlich übelwollte, oder voreingenommen gegen ihn wäre, oder ... kurz, als ob ich irgend etwas gegen ihn hätte, verstehen Sie mich recht; nein, ich gebe lediglich meinem eigenen Empfinden Ausdruck; mir kam es aber wirklich so vor, als ob in diesem Augenblick ein Mensch vor mir stünde, der sich über alles an uns lustig macht, über unsre Eigenschaften, unsre Sitten und Gewohnheiten; und, indem er uns zwingt, selber über all dies zu lachen, uns ins Gesicht sagt: »ihr lacht über euch selber!«

Erster Schauspieler. Erlauben Sie mir hier ein Wort einzuschalten. Das hat sich ganz unwillkürlich so ergeben: in einem an sich selbst gerichteten Monologe pflegt sich der Schauspieler gewöhnlich dem Publikum zuzuwenden. Obwohl nun der Polizeimeister halb bewußtlos und dem Wahnsinn nahe ist, muß er doch erkennen, wie überaus lächerlich er sich durch seine ohnmächtigen Drohungen gegen Chlestakóff macht, der zur selben Zeit im Postwagen über Stock und Stein auf Nimmerwiedersehen davonjagt. Mag man dem immerhin die Deutung geben, von der Sie reden: dem Autor jedenfalls hat jede derartige Absicht ferngelegen; ich sage Ihnen das deshalb, weil ich ein kleines Geheimnis dieses Stückes kenne. Gestatten Sie mir übrigens eine Gegenfrage: was wäre denn, wenn der Autor wirklich die Absicht gehabt hätte, dem Zuschauer begreiflich zu machen, daß er über sich selber lacht?

Sjemjon Sjemjonowitsch. Danke für das Kompliment! Ich für mein Teil vermag nichts an mir zu entdecken, was ich mit den im »Revisor« geschilderten Personen gemein hätte. Verzeihen Sie! Ich will mich gewiß nicht rühmen, ohne Fehler zu sein, wie das ja auch sonst kein Mensch kann, aber jenen Leuten gleiche ich doch nicht. Das fehlte noch gerade! Im Motto heißt es: »Den Spiegel soll nicht schelten, wer eine Fratze hat.« Pjotr Pjetrowitsch, ich frage dich: habe ich eine Fratze? Und dich, Nikolai Nikolajewitsch, frage ich: habe ich eine Fratze? (Sich an die übrigen wendend.) Meine Herrschaften, ich frage Sie alle: habe ich etwa eine Fratze?

Fjodor Fjodorowitsch. Aber, Sjemjon Sjemjonowitsch, lieber Freund, du stellst wunderliche Fragen. Ein Ausbund von Schönheit bist du freilich nicht, wie ja auch wir allesamt Sünder sind. Man kann wirklich nicht so ohne weiteres behaupten, daß dein Gesicht die Vollkommenheit selber wäre; wie man es sich auch betrachtet, ein wenig schief ist es doch; nun, und was schief ist, ist schließlich auch eine Fratze.

Pjotr Pjetrowitsch. Aber meine Herren, Sie kommen ja ganz vom Thema ab! Das ist doch jedermanns eigene Gewissenssache; und wir amüsieren uns darüber zu streiten, wer eine Fratze hat, und wer nicht. Die eigentliche Frage war aber doch, um wieder darauf zurückzukommen: ich sehe in dieser Komödie nichts von Vernunft, ich sehe nichts von einem Zweck darin, wenigstens geht aus dem Werke selbst nichts dergleichen hervor.

Nikolai Nikolajewitsch. Ja, was wollen Sie denn noch für einen Zweck, Pjotr Pjetrowitsch? Die Kunst trägt doch ihren Zweck in sich selbst; das Streben nach dem Schönen und Erhabenen, das ist Kunst; das ist das unverbrüchliche Gesetz der Kunst, und ohne dies ist Kunst nicht Kunst. Und darum kann sie in keinem Falle unmoralisch sein. Sie strebt durchaus zum Guten, positiv oder negativ, ob sie uns nun das Edelste darstellt, was der Mensch besitzt, oder sich über die Häßlichkeit seiner Laster lustig macht. Wenn man alles Schlechte zur Schau stellt, was im Menschen steckt, und so kraß darstellt, daß jeder Zuschauer tiefen Abscheu davor empfindet, dann frage ich: Ist das nicht eine Verherrlichung alles Edlen? Nicht eine Verherrlichung der Tugend?

Pjotr Pjetrowitsch. Unstreitig, Nikolai Nikolajewitsch, doch möchte ich trotzdem ....

Nikolai Nikolajewitsch (fortfahrend). Nicht das ist schlimm, daß man uns im Sünder die Sünde zeigt, so daß wir erkennen, wie schlecht sie ist, sondern schlimm ist, wenn sie so dargestellt wird, daß man nicht weiß, auf welche Seite man sich stellen soll; schlimm endlich, daß uns die Tugend in einer Weise gezeigt wird, daß man in ihr nichts mehr von Tugend erkennt.

Erster Schauspieler. Wahr und schön gesprochen, Nikolai Nikolajewitsch! Sie haben ausgesprochen, was von jeher meine Überzeugung war, nur daß ich selbst es nie so treffend formulieren konnte. Ja, das ist das Schlimme, daß man in der Tugend die Tugend nicht mehr erkennt. Dies Übel kommt aber von all den modernen Dramen her, mit denen wir das Publikum unterhalten müssen. Der Zuschauer verläßt das Theater, ohne sich Rechenschaft geben zu können, was er denn eigentlich gesehen hat, ob ein böser oder ein guter Mensch vor ihm stand; er leitete ihn nicht zur Tugend, er hielt ihn nicht vor dem Laster zurück, und so bleibt er wie in einem Traum befangen, ohne aus dem, was er gesehen, eine brauchbare Richtschnur fürs Leben gewinnen zu können, ja sogar irre gemacht auf dem Wege, den er bisher gegangen, und bereit, dem ersten besten zu folgen, der ihn abseits führt, ohne zu fragen wohin und warum.

Fjodor Fjodorowitsch. Fügen Sie noch hinzu, Michailo Sjemjonowitsch, welche Überwindung es einen Schauspieler kosten muß, eine derartige Rolle zu spielen, sofern er ein echter, wahrer Künstler ist.

Erster Schauspieler. Sprechen Sie nicht davon, Ihre Worte treffen mich mitten ins Herz. Sie können gar nicht ermessen, wie bitter das manchmal ist. Man lernt, man studiert seine Rolle, und weiß doch selber nicht, wie man sie verkörpern soll. Dann vergißt man sich mitunter, versetzt sich in die Lage der darzustellenden Person, erhitzt sich, erschüttert die Zuschauer -- und wenn man sich schließlich besinnt, wodurch man das erreicht hat, wird man uneins mit sich selbst: man möchte in die Erde versinken, und glüht beim Applaus wie vor eigener Scham. Ja, ich vermag nicht zu entscheiden, was verwerflicher ist: die Niedertracht so darzustellen, daß es den Zuschauer mit ihr zu sympathisieren gelüstet, oder das Walten der Tugend so wenig zur Erscheinung kommen zu lassen, daß jener gar nicht den Wunsch fühlt, ihr zu folgen. Eines wie das andere ist meiner Meinung nach -- Fäulnis, aber keine Kunst. Nikolai Nikolajewitsch hat weise gesprochen: schlimm ist's, wenn man in der Tugend die Tugend nicht erkennt.

Zweiter Schauspieler. Wahr, sehr wahr; schlimm, wenn man in der Tugend die Tugend nicht erkennt.