Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke

Part 11

Chapter 113,647 wordsPublic domain

Pjotr Pjetrowitsch. Dagegen habe ich ganz und gar nichts einzuwenden. Nikolai Nikolajewitsch hat weise gesprochen, und Michailo Sjemjonowitsch hat es noch weiter ausgeführt. Jedoch ist all dies keine Antwort auf meine Frage. Das, was Sie eben ausgesprochen haben, nämlich: daß die Tugend mit einer magischen Kraft dargestellt werden solle, fähig, nicht nur den guten, sondern auch den schlechten Menschen an sich zu ziehen, und andererseits das Laster in so durchsichtiger Weise, daß der Zuschauer nicht nur keine Neigung spürt, mit den dargestellten Personen zu sympathisieren, sondern umgekehrt den lebhaften Wunsch fühlt, sie weit von sich zu stoßen, -- all dies, Nikolai Nikolajewitsch, muß selbstverständlich die absolute Vorbedingung jedes Dichterwerkes sein; um von Zweck schon gar nicht zu reden. Jedes Dichterwerk aber muß darüber hinaus noch Sinn und Bedeutung selbständiger Art besitzen, Nikolai Nikolajewitsch, sonst geht seine Originalität verloren, sehen Sie das wohl ein? Deshalb kann ich im »Revisor« nicht die große Bedeutung erkennen, die andere ihm beimessen. Es ist notwendig, daß volle Klarheit darüber herrsche, warum solch ein Werk unternommen wurde, speziell was es bezweckt, worauf es zielt und was es neues durch sich sagen will. Darum handelt es sich, Nikolai Nikolajewitsch, und nicht um das, was Sie im allgemeinen über Kunst sagen.

Nikolai Nikolajewitsch. Aber wozu denn erst fragen, was es bezweckt? Das liegt doch auf der Hand.

Pjotr Pjetrowitsch. Nein, Nikolai Nikolajewitsch, das liegt keineswegs auf der Hand. Ich kann in dieser Komödie keinen besonderen Zweck erkennen, es sei denn, der Autor hätte ihn absichtlich verhüllt. Dann aber bedeutet das eine Verletzung des Kunstprinzips, was Sie auch dagegen einwenden mögen. Betrachten wir diese Komödie doch mal genauer: der »Revisor« bringt doch gewiß nicht die Wirkung hervor, daß die Zuschauer sich hinterher erhoben fühlen; im Gegenteil, ich denke, Sie wissen es selber, daß die einen zwecklos beunruhigt, andere sogar erbittert wurden, und alle samt und sonders ein drückendes Unbehagen mit nach Haus nahmen. Wenn wir absehen vom Vergnügen, das die geschickt erfundenen Szenen bereiten, von der komischen Situation vieler Personen, von der gewiß meisterhaften Zeichnung einzelner Charaktere absehen, so bleibt doch in Summa so etwas -- ich kann das gar nicht einmal klar bezeichnen -- so etwas unnatürlich Düsteres, so etwas wie Schrecken über unsere Sittenlosigkeit zurück. Gerade das Erscheinen des Gendarmen, der wie eine Art Henker in die Tür tritt, dies Versteinern, welches sich in allen Gesichtern ausprägt, während er das Eintreffen des wahren Revisors ankündigt, der sie alle zerschmettern, vernichten, vom Erdboden vertilgen soll, -- all dies ist unerhört schreckhaft! Ich bekenne Ihnen ganz aufrichtig, _à la lettre_, daß mir keine einzige Tragödie jemals eine so trübe, drückende, trostlose Stimmung verursacht hat; weshalb ich sogar argwöhne, der Autor habe durch die letzte Szene seiner Komödie absichtlich diese Wirkung hervorbringen wollen. Es ist ausgeschlossen, daß das durch bloßen Zufall zustande gekommen sein sollte.

Erster Schauspieler. Da sind Sie also doch endlich bei dieser Frage angelangt. Der »Revisor« wird nun schon an die zehn Jahr auf den Bühnen dargestellt; mehr oder minder haben alle an der niederdrückenden Wirkung, die er auf sie ausübte, Anstoß genommen; und dennoch hat sich niemand die Frage vorgelegt: weshalb mußte diese Wirkung erzielt werden? Als wenn der Autor seine Komödie nur so aufs Geratewohl geschrieben haben sollte, ohne überhaupt daran zu denken, wozu sie nützen und welche Folgen sie haben könnte. Gestehen Sie ihm doch wenigstens dieses Quentchen Verstand zu, das Sie sonst keinem Menschen absprechen; jede Tat hat doch schließlich einen Beweggrund, selbst bei unvernünftigen Leuten.

(Alle sehen ihn erstaunt an.)

Pjotr Pjetrowitsch. Erklären Sie sich genauer, Michailo Sjemjonowitsch, das ist nicht ganz verständlich.

Sjemjon Sjemjonowitsch. Sie scheinen uns Rätsel aufgeben zu wollen.

Erster Schauspieler. Ja, ist Ihnen denn wirklich gar nicht aufgefallen, daß der »Revisor« keinen Schluß hat?

Nikolai Nikolajewitsch. Wieso keinen Schluß?

Sjemjon Sjemjonowitsch. Was denn noch für einen Schluß? Fünf Akte sind doch da, auf sechs bringt es keine Komödie. Soll etwa noch ein weiterer Skandal nachfolgen?

Pjotr Pjetrowitsch. In der Tat, Michailo Sjemjonowitsch, was wäre denn das für eine Art Stück, wenn es keinen Schluß hätte? Ist das etwa auch eine Kunstregel, Nikolai Nikolajewitsch? Das kommt mir wirklich so vor, als wenn man vor uns alle ein verschlossenes Kästchen hinstellen und fragen wollte, was darin sei.

Erster Schauspieler. Und wenn es nun tatsächlich zu dem Zweck hingestellt wäre, damit Sie sich selber bemühen, es zu öffnen?

Pjotr Pjetrowitsch. Dann muß einem das wenigstens gesagt, oder gleich der Schlüssel in die Hand gegeben werden.

Erster Schauspieler. Aber wenn der Schlüssel nun doch daliegt, neben dem Kästchen liegt?

Nikolai Nikolajewitsch. Sprechen Sie doch nicht weiter in Rätseln! Sie haben von irgend etwas Kenntnis. Sicherlich hat Ihnen der Autor den Schlüssel an die Hand gegeben, und Sie halten ihn fest und spielen den Geheimnisvollen.

Fjodor Fjodorowitsch. Erklären Sie sich, Michailo Sjemjonowitsch; es interessiert mich allen Ernstes zu erfahren, was dahinter stecken mag! Mit meinen Augen sehe ich nichts.

Sjemjon Sjemjonowitsch. So öffnen Sie uns doch das rätselhafte Kästchen! Was ist's mit diesem seltsamen Ding, das uns geheimnisvoll gebracht, geheimnisvoll vor uns aufgestellt und geheimnisvoll vor uns verschlossen gehalten wird?

Erster Schauspieler. Und was dann, wenn es sich so öffnet, daß Sie sich wundern müßten, es nicht selber haben öffnen zu können? Wenn dann etwas darin liegt, was manchem als wertloser Groschen, anderen aber als blanker Dukaten gilt, von dauerndem Wert, wie auch seine Prägung sich verändern möge?

Nikolai Nikolajewitsch. Jetzt genug mit Ihren Rätseln! Geben Sie uns ohne Umschweife den Schlüssel!

Sjemjon Sjemjonowitsch. Den Schlüssel, Michailo Sjemjonowitsch!

Fjodor Fjodorowitsch. Den Schlüssel!

Pjotr Pjetrowitsch. Den Schlüssel!

Alle Schauspieler und Schauspielerinnen. Michailo Sjemjonowitsch, den Schlüssel!

Erster Schauspieler. Den Schlüssel? Werden Sie ihn auch annehmen, meine Herrschaften? Ihn nicht vielleicht mitsamt dem Kästchen fortschleudern?

Nikolai Nikolajewitsch. Den Schlüssel! Weiter wollen wir nichts hören. Den Schlüssel!

Alle. Den Schlüssel!

Erster Schauspieler. Gut also, ich will Ihnen den Schlüssel geben. Möglicherweise sind Sie nicht gewohnt, aus dem Munde eines Komikers derartige Worte zu vernehmen; doch einerlei, heut glüht meine Seele, ich fühle mich leicht und frei, und will darum alles aussprechen, was ich auf dem Herzen habe, wie Sie auch immer meine Worte aufnehmen mögen. Nein, meine Herrschaften, der Autor hat mir den Schlüssel nicht anvertraut, aber es gibt Momente der Seelenstimmung, wo man plötzlich erkennt, was vordem unbegreiflich war. Ich fand diesen Schlüssel und mein Herz sagt mir, daß es der rechte sei; das Kästchen tat sich vor mir auf, und meine Seele sagt mir, daß der Autor selber nichts anderes gemeint haben könne.

Schauen Sie einmal genau in jene Stadt hinein, die im Stück geschildert wird! Alle ohne Ausnahme sind überzeugt, daß es eine solche Stadt in ganz Rußland nicht gibt; man hat nirgendwo bei uns von einem Orte gehört, in dem sämtliche Beamten solche Schurken wären; immer sind doch wenigstens zwei bis drei ehrenhafte darunter. Hier aber kein einziger. Mit einem Wort, solch eine Stadt existiert nicht, nicht wahr? Wie aber nun, wenn dies vielmehr unsere eigene Seelenstadt wäre, die sich in einem jeden von uns befindet? Nein, lassen Sie uns nicht mit irdischen Augen auf uns schauen -- denn kein irdisches Wesen wird dereinst über uns zu Gericht sitzen, -- versuchen wir doch einmal mit den Augen dessen auf uns zu schauen, der von allen Menschen Rechenschaft fordern wird, vor dem auch die besten unter uns, beherzigen sie das, vor Scham die Blicke zu Boden senken werden, und dann wollen wir einmal sehen, ob noch ein einziger den Mut haben wird zu fragen: »habe ich denn eine Fratze?« Ob er nicht vielmehr über seine eigene Verworfenheit dann ebenso erschrecken wird, wie er über die Verworfenheit aller jener Beamten erschrak, die er vorhin im Stück sah. Nein, Pjotr Pjetrowitsch, nein, Sjemjon Sjemjonowitsch, sagen Sie mir nicht: »das ist alter Kram« oder »das wissen wir längst!« Lassen Sie auch mich einmal reden. Bin ich denn etwa bloß zum Spaßmachen da? Dinge, die uns zu dem Zweck gegeben sind, damit wir ewig an sie denken sollen, darf man nicht alt heißen: wie etwas Neues sollen wir sie aufnehmen, gleich als hörten wir sie zum erstenmal, ohne Ansehung dessen, der sie ausspricht, sei er wer er sei. Nein, Sjemjon Sjemjonowitsch, nicht um unsere Vortrefflichkeit darf es sich handeln, sondern um die Sorge, daß unser Leben, welches wir für eine Komödie anzusehen uns gewöhnt hatten, nicht auch so tragisch ende, wie die Komödie, die wir vorhin gespielt haben. Man sage was man will, furchtbar aber ist jener Revisor, der uns an den Pforten des Grabes erwartet. Und Sie wüßten nicht, wer dieser Revisor ist? Wozu die Verstellung? Dieser Revisor ist unser erwachendes Gewissen, das uns jählings zwingt, uns mit scharfem Auge selbst zu betrachten. Vor diesem Revisor wird nichts verborgen bleiben, weil er in Sendung des Allerhöchsten kommt und gerade in dem Augenblicke gemeldet wird, wo es keinen Schritt zurück mehr gibt. Dann wird sich vor uns, wird sich in unserm eignen Innern ein solches Gräuel enthüllen, daß sich vor Schrecken unser Haar sträuben wird. Darum ist es besser eine Revision von alle dem, was in uns ist, im Anfang des Lebens vorzunehmen, und nicht erst am Schlusse; besser, statt schalen Selbstlobs und schaler Selbstbeschönigungen schon jetzt in diese unsaubere Seelenstadt einzutreten, die oftmals verwahrloster als jede andere Stadt ist, und in der unsere Leidenschaften wie verworfene Beamte hausen, die den Schatz unsrer eigenen Seele bestehlen. Am Anfang des Lebens soll man einen Revisor nehmen und Hand in Hand mit ihm alles durchprüfen, was in uns ist, -- einen wirklichen Revisor, keinen falschen, keinen Chlestakóff! Chlestakóff ist ein Windbeutel, Chlestakóff ist das leichtfertige irdische Gewissen, das feile, betrügerische Gewissen; ein Chlestakóff wird von den in unsrer Seele hausenden Leidenschaften sofort bestochen; an seiner Hand werden wir in unserer Seele nichts entdecken. Sehen Sie doch, wie sich jeder Beamte im Gespräch mit ihm geschickt herauswindet, rechtfertigt und fast wie ein Heiliger davongeht. Bedenken Sie, ist nicht jede unserer Leidenschaften noch viel schlauer als diese schurkischen Beamten? Die Leidenschaften nicht nur, nein sogar jede beliebige gleichgültige, platte Gewohnheit? Sie weiß sich uns so geschickt zu entwinden und zu rechtfertigen, daß man sie geradezu für eine Tugend hält, sich vor seinem Nächsten noch brüstet und spricht: »sieh, wie herrlich meine Stadt ist, wie alles darin so ordentlich und sauber ist!« Heuchler sind unsere Leidenschaften, Heuchler, sage ich Ihnen, denn ich habe für mich selbst mit ihnen zu schaffen gehabt. Nein, mit dem leichtfertigen irdischen Gewissen entdeckt man in sich nichts davon: dies wird von jenen, und jene werden von diesem geprellt, wie die Beamten von Chlestakóff, und schließlich verflüchtigt es sich auf Nimmerwiedersehen. Und man steht dann da wie der Dummkopf Polizeimeister, der schon wer weiß wie hoch hinauswollte, sich schon General träumte, ganz zuversichtlich verkündete, er werde in der Residenz der Erste sein, den anderen bereits Ämter und Würden versprach, und dann doch plötzlich wahrnehmen muß, daß er komplett betrogen und übertölpelt worden ist von einem Bürschchen, einem Schlingel, einem Windbeutel, der nicht die geringste Ähnlichkeit mit einem wirklichen Revisor besessen hatte. Nein, Pjotr Pjetrowitsch, nein, Sjemjon Sjemjonowitsch, nein, meine Herrschaften, alle, alle, die ihr solcher Anschauung sein mögt, entschlagt auch dieses weltlichen Gewissens! Laßt uns nicht mit Chlestakóff, sondern mit dem wirklichen Revisor auf uns schauen. Ich versichere euch, unsere Seelenstadt ist es wert, daß für sie so von uns gesorgt werde, wie ein gewissenhafter Herrscher für sein Reich sorgt. Mit Ernst und Strenge, wie er aus seinen Landen die Bestechlichen entfernt, so laßt uns die bestechlichen Elemente aus unsrer eigenen Seele vertreiben! Ein Mittel, eine Geißel gibt es, womit man sie austreiben kann: mit dem Lachen, meine werten Landsleute! Mit dem Lachen, das all' unsre niederen Leidenschaften so fürchten, dem Lachen, das uns geschenkt ist, um über alles, was die echte Schönheit des Menschen entstellt, lachen zu können. Geben wir doch dem Lachen seine wahre Bedeutung wieder! Entreißen wir es denen, die es erniedrigt haben zu einem leichtfertigen, weltlichen Gespött über alles, ohne Unterschied zwischen Gut und Böse. In derselben Weise, wie wir über die Verderbtheit anderer gelacht haben, laßt uns hochherzig lachen über die eigenen Schwächen, welcher Art sie auch sein mögen! Laßt uns nicht nur diese eine Komödie, sondern alles, was aus der Feder jedes beliebigen Schriftstellers kommt, der Laster und Niedrigkeit lachend an den Pranger stellt, so auf uns selbst beziehen, als wenn es lediglich für uns geschrieben wäre: alles werden wir in uns aufspüren, sofern wir unsere Seele nur nicht mit einem Chlestakóff, sondern mit dem wirklichen und unbestechlichen Revisor betreten. Und nicht wollen wir uns irre machen lassen, wenn so ein aufgebrachter Polizeimeister oder richtiger: der böse Geist selber uns zuraunt: »Warum lacht ihr? Ihr lacht über euch selbst!« Stolz wollen wir ihm dann entgegnen: »Jawohl, wir lachen über uns selbst, weil wir die Stimme unseres edlen russischen Wesens vernehmen, weil wir den Befehl des Höchsten vernehmen, der uns gebietet, besser zu werden als die übrigen!« Meine lieben Landsleute, seht, in meinen Adern fließt dasselbe russische Blut wie in den euren. Schaut her: ich weine! Ich, der Komiker, der euch noch eben belustigt hat, ich weine jetzt. Gönnt mir das Bewußtsein, daß auch mein Lebensweg so ehrenhaft ist, wie der eines jeden von euch, daß auch ich meinem Vaterlande so ehrlich diene, wie ihr andern alle, daß ich kein beliebiger Possenreißer bin, geschaffen zur Kurzweil der gedankenlosen Menge, sondern ein treuer Beamter des großen Gottesreiches; und daß ich ein Lachen in euch erweckt habe -- nicht das sündhafte, mit dem ein Mensch den andern verspottet, und das die nichtige Leere des Müßiggangs gebiert, -- sondern jenes Lachen, welches aus der Nächstenliebe quillt. Einträchtig wollen wir aller Welt beweisen, daß in russischen Landen alles, was da lebt, klein und groß, bemüht ist, dem zu dienen, dem man auf Erden dienen soll, und (nach oben blickend) nach dorthin aufwärts strebt zur höchsten, ewigen Schönheit.

VII. Nachtrag zur »Deutung des Revisors«.

Sjemjon Sjemjonowitsch. Was bedeutet das, Michailo Michailowitsch, von was für einer Seelenstadt reden Sie?

Michailo Michailowitsch. Es war eine Eingebung. Mir schien, es sei dies meine eigene Seelenstadt, und die letzte Szene stelle die letzte Szene des Lebens vor, wo das Gewissen einen plötzlich zwingt, sich selbst scharf zu betrachten und vor sich selber zu erschrecken. Mir schien, als sei dieser wirkliche Revisor, dessen bloße Ankündigung am Schluß der Komödie solchen Schrecken hervorruft, unser wahres Gewissen, welches uns an der Pforte des Grabes entgegentritt; und dieser Windbeutel Chlestakóff, dieser Schelm, oder wie Sie ihn sonst nennen wollen, sei unser falsches weltliches Gewissen, das, indem es sich unsern Schrecken zunutze macht, unversehens die Maske des wahren annimmt und sich von unseren Leidenschaften bestechen läßt, wie Chlestakóff von den Beamten, um dann wie dieser spurlos zu verschwinden. Mir schien, als träte jener trostlos niederdrückende Schluß, der die Zuschauer so betrübt und erschüttert hat, mit der Mahnung vor mich hin, daß auch das Leben, das wir gewöhnlich als eine Komödie betrachten, einen solch düster-tragischen Abschluß haben könne. Mir schien, als lehre der gesamte Inhalt der Komödie, daß man die Pflicht habe, zu Anfang jenen Revisor zu nehmen, der uns am Schluß entgegentritt, um an seiner Hand die eigene Seele genau so durchzuprüfen, wie ein gerechter Herrscher sein Reich revidiert, und daß man sich ebenso gegen die eigenen Leidenschaften wappnen müsse, wie sich ein solcher gegen bestechliche Beamte wappnet; und zwar darum, weil jene ebenso rücksichtslos die Schätze unserer Seele bestehlen, wie diese die Kassen und das Vermögen des Staates. Mit dem echten Revisor soll man es tun, weil unsere heuchlerischen Leidenschaften, und nicht nur sie allein, sondern jede geringste alberne Gewohnheit so schlau uns beizukommen, sich so geschickt vor uns zu beschönigen versteht, wie nur irgend die schurkischen Beamten vor Chlestakóff, so daß man drauf und dran ist, sie für Tugenden zu halten und sich der Ordnung in der eigenen Seelenstadt zu rühmen, ohne auch nur im entferntesten zu argwöhnen, daß man hinterher der Betrogene sein könne, gleichwie der Polizeimeister. So kam es mir vor.

Pjotr Pjetrowitsch. Michailo Michailowitsch, all das ist schön gesprochen; wo aber fanden Sie hier die Ähnlichkeit? Was für eine Beziehung besteht denn zwischen Chlestakóff und dem leichtfertigen weltlichen Gewissen, oder zwischen dem echten Revisor und dem echten Gewissen? Nikolai Nikolajewitsch, sagen Sie mir offen: finden Sie hier irgendwelche Analogie?

Nikolai Nikolajewitsch. Nicht die geringste.

Sjemjon Sjemjonowitsch. Auch ich nicht; wie weit ich auch die Augen aufsperre, ich sehe nichts davon.

Fjodor Fjodorowitsch. Ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, Michailo Michailowitsch, obgleich der Gedanke nicht übel ist und einer künstlerischen Arbeit sehr wohl als Thema dienen könnte, daß ich dennoch nicht glauben kann, der Autor habe ihn im Sinn gehabt.

Nikolai Nikolajewitsch (bestimmt). Unsinn! er ist ihm nicht einmal eingefallen!

Michailo Michailowitsch. Ja, habe ich denn etwa behauptet, daß der Autor ihn im Sinne gehabt hat? Ich erklärte Ihnen doch vorhin schon: »Der Autor gab mir den Schlüssel nicht, ich biete Ihnen dafür den meinen.« Selbst wenn er diesen Gedanken gehabt hätte, würde er doch in einem solchen Falle unklug gehandelt haben, wenn er ihn deutlich erkennen ließe. Dann wäre die Komödie auf eine Allegorie hinausgelaufen, hätte sich in eine dürre, moralisierende Predigt verwandelt. Nein, seine Sache war es vielmehr, lediglich den Abscheu vor tatsächlichen Mißständen, nicht solchen in einer ideellen Stadt, sondern in einer realen, irdischen, zur Darstellung zu bringen, und alles Schlechte unserer Heimat so zusammenzufassen, daß man es sofort als solches erkennt und nicht etwa für das unvermeidliche Übel hält, welches ebenso unausweichlich zwischen das Gute gemengt ist, wie die Schatten auf einem Gemälde. Seine Pflicht war es, diese Schatten so schwarz zu malen, daß ein jeder fühlen soll, es müsse dagegen angekämpft werden; daß den Zuschauer Schrecken erfaßt und ihm der Schauder durch Mark und Bein geht. Das war seine Pflicht. Unsere Pflicht aber ist es, die Moral daraus zu ziehen. Wir sind Gott sei Dank keine Kinder mehr. Ich habe darüber nachgesonnen, was für eine Moral ich für mich selbst daraus ziehen könnte, und bin auf jene verfallen, die ich Ihnen soeben mitgeteilt habe.

Pjotr Pjetrowitsch. Michailo Michailowitsch! Eine Komödie wird für alle geschrieben; es soll jedermann die Moral daraus ziehen können, eine Moral, die naheliegt und allen erreichbar ist, nicht aber so fern liegen darf, daß höchstens ein ungewöhnlich begabter Mensch sie für sich allein finden kann. Warum, frage ich, hat niemand außer Ihnen diese Moral gefunden?

Nikolai Nikolajewitsch. Sehr richtig, das ist der springende Punkt! Erklären Sie erst einmal, weshalb nur Sie, und nicht auch alle anderen sie gefunden haben?

Sjemjon Sjemjonowitsch. Ja, Michailo Michailowitsch, weshalb haben Sie und nur Sie allein sie gefunden?

Michailo Michailowitsch. Zunächst einmal: woher wissen Sie, daß nur ich allein diese Moral gefunden habe? Und ferner: aus welchem Grunde halten Sie sie für fernliegend? Ich meine doch, daß uns unsere Seele näher liegt, als alles andere. Ich hatte damals meine eigene Seele im Sinne, ich dachte an mich selbst, und darum eben zog ich diese Moral daraus. Hätten auch andere vor allem an sich selbst gedacht, dann hätten auch sie gewiß die gleiche Moral wie ich finden können. Dringt denn aber jeder von uns so tief in das Dichterwerk ein, wie die Biene in die Blüte? Um herauszusaugen, was man braucht? Nein: wir suchen in allem eine Moral für andere, nicht für uns; wir sind immer dabei, die Allgemeinheit zu behüten und zu bewahren, indem wir eifrigst für die Moralität anderer Leute Sorge tragen -- und unsere eigene vergessen. Machen wir uns doch gern über andere lustig, nicht aber über uns selbst; freuen uns, die Fehler der anderen zu bemerken, nicht aber die eigenen. Wie dem nun auch sein mag, schauen Sie doch aber mal hin: dreitausend Menschen kommen ins Theater; alle wissen, daß sie gekommen sind, um sich zu amüsieren und jeder von diesen dreitausend setzt voraus, er werde Gelegenheit finden, sich über andere lustig machen zu können, nicht aber über sich selbst. Die leiseste Andeutung, daß er selber vielleicht gar dem ähnele, über den er lachte, kann ihn erzürnen und er würde sofort wütend wiederholen: »habe ich denn eine Fratze?«

Sjemjon Sjemjonowitsch. Michailo Michailowitsch, in diesem Sinne meine ich das nicht ...

Michailo Michailowitsch (ihn unterbrechend). Gestatten Sie, Sjemjon Sjemjonowitsch! Sie, ein ehrenwerter Mann, mit echt russischem Herzen, ein Mensch, der mit wahrhaft christlichem Auge das Leben betrachtet, -- warum sprechen Sie aus, was Ihrer eigenen Denkungsart widerstreitet? Vor allem, warum vergessen Sie jedesmal, daß das Thema der Komödie und überhaupt der Satire nicht das Tüchtige, sondern das Verächtliche im Menschen ist? Daß, je schwärzer sie das Laster schildert und je stärker sie den Zuschauer erbeben und vor ihm schaudern macht, sie desto vollkommener ihren Zweck erreicht? Warum vergessen Sie das jedesmal und weisen der Satire Motive zu, die vielmehr dem Bereiche der Tragödie gehören? Warum betrachten Sie nicht auch das Werk des Schriftstellers mit dem Auge des Christen? Nein, wer eine Moral haben will, wird sie für sich selbst auch finden; wer in seine eigene Seele schaut, wird von überallher nehmen, was er braucht: wird auch in dieser realen Stadt seine eigene Seelenstadt erkennen, wird erkennen, daß man sich mit aller Kraft gegen die Heuchelei wappnen muß. Nein, lassen Sie die Satire unbehelligt, sie tut ihre Schuldigkeit. Das Laster darf nirgendwo geschont werden, mag es zu Tage treten, wo es wolle. Wenn Sie aber schon christlich handeln wollen, dann beziehen Sie die Satire auf sich selbst, wenden Sie die Komödie auf sich selbst an, ehe Sie eine Beziehung auf die Allgemeinheit darin suchen. Will man wahrhaft christlich handeln, dann ist es Pflicht, jede Dichtung, in der das Laster gegeißelt wird, auf sich selbst zu beziehen, gleich als wäre Sie bloß unsertwegen verfaßt. Sie wissen es ja doch, daß wir keinen Fehler an anderen entdecken können, den wir nicht wenigstens als Reflex auch selber besäßen, -- in geringerem Maßstabe, anders geartet, in anderer Verkleidung, anständiger, liebenswürdiger und verbrämter als Chlestakoff. Einerlei was man sucht, wenn man in seine Seele nur mit jenem unbestechlichen Revisor hineinschaut, der unser an der Pforte des Grabes harrt! Wir wissen das sehr wohl, wollen es aber nicht wissen! Tagtäglich gestehen wir uns ein, daß unser Inneres von Leidenschaften wimmelt, aber austreiben wollen wir sie nicht. Und haben doch eine Peitsche in der Hand, um sie austreiben zu können.