Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke
Part 12
Sjemjon Sjemjonowitsch. Eine Peitsche? Welche Peitsche denn?
Michailo Michailowitsch. Ist das Lachen etwa keine Peitsche? Oder meinen Sie, es wäre uns umsonst geschenkt, während doch selbst der verworfenste Mensch sich davor fürchtet? Fürchtet sich doch sogar derjenige davor, der sich sonst vor nichts fürchtet! Also ist es uns zu einem wichtigen Zwecke geschenkt. Und wozu? Meinen Sie etwa, um uns in oberflächlicher Weise zu amüsieren? Haben wir es aber zu dem Zwecke erhalten, um damit alles zu geißeln, was die edleren Eigenschaften des Menschen befleckt, warum geißeln wir dann nicht zuerst einmal das, was unsere eigene Seele verunziert? Warum verwenden wir es nicht gegen das eigene Innere, treiben nicht aus dem eigenen Lande die eigenen Schurken hinaus? Warum soll die leise Andeutung, daß wir über uns selbst lachen, uns Ärger verursachen? Sei dem wie ihm wolle, aber jede unserer Leidenschaften, jede unserer schlechten Gewohnheiten will immer eine möglichst vornehme Rolle spielen und äußerlich vornehm scheinen, und schleicht sich lediglich unter dieser Maske in unsere Seele ein, die, weil von edlerer Natur, jene in ihrer schmutzigen Nacktheit sonst zurückweisen würde. Aber glauben Sie mir, würden wir sie vor uns selbst dem Lachen preisgeben und so schonungslos geißeln, daß man selber vor Scham erglüht und nicht weiß, wo man sein Antlitz verbergen soll, -- sie würde nicht wagen, sich in unserer Seele einzunisten, und würde spurlos verschwinden.
Sjemjon Sjemjonowitsch. In der Tat, Ihre Worte geben zu denken. Sie glauben also, die Anwendung des Lachens auf sich selbst, gegen die eigene Person, sei möglich?
Pjotr Pjetrowitsch. Ich bin der Meinung, daß das bloß derjenige vermag, der den Adel der menschlichen Natur fühlt und Schauder vor seinen eigenen Fehlern empfindet.
Michailo Michailowitsch. Und ich meinerseits bin überzeugt, daß, wer nur ein echt russisches Herz besitzt, es ganz leicht kann. Ein jeder von uns besitzt ja doch dies Lachen; ein gewisser schonungsloser Sarkasmus ist selbst unter unseren niederen Volksschichten verbreitet. Auch besitzen wir den Mut, aus uns herauszugehen und uns selbst nicht zu schonen. Und gerade deshalb ist es vielleicht uns allein möglich, dem Lachen seine ihm gebührende Richtung zu geben. Widerlegen Sie mich, beweisen Sie mir, daß ich lüge; vernichten Sie, zerstören Sie meine Überzeugung, und vernichten Sie zugleich mich selber, den armseligen Possenreißer, der für diese Überzeugung lebt, die er an seinem eigenen Leibe erprobt hat. Sjemjon Sjemjonowitsch, fließt nicht in meinen Adern das gleiche russische Blut wie in den Ihren? Fühle ich in meinen erhabensten Momenten etwas anderes, als Sie in solchen zu fühlen fähig sind? Stehe ich nicht gerade jetzt in meinem erhabensten Momente vor Ihnen? Meine Laufbahn ist beendet; ich verlasse das Theater, dem ich zwanzig Jahre lang gedient habe. Sie selber haben mich mit dem Kranz geschmückt, haben mich in Wallung gebracht. Sie selber haben mich fast gezwungen zu sagen, was ich eben gesagt habe. Sehen Sie her: ich weine. Ich, der Komiker, der Sie noch eben belustigte, ich weine nun. Gönnen Sie mir das Bewußtsein, daß auch mein Lebensweg so ehrenhaft war, wie der eines jeden von Ihnen; daß auch ich meinem Vaterlande treu gedient habe, daß ich kein alberner Possenreißer, sondern ein ehrlicher Beamter des großen Gottesreiches war, und in Ihnen nicht etwa das törichte Lachen erweckt habe, womit ein Mensch den anderen verspottet, sondern jenes Lachen, welches aus der Nächstenliebe quillt. Nikolai Nikolajewitsch, Fjodor Fjodorowitsch, Sjemjon Sjemjonowitsch, und ihr andern Kameraden alle, mit denen ich Stunden der Arbeit und Stunden lehrreicher Aussprache geteilt, von denen ich vieles gelernt habe und von denen ich jetzt mich trenne, -- Freunde! Das Publikum liebte mein Talent, ihr aber liebtet mich selber! Entreißt, wenn ich nicht mehr da bin, entreißt dieses Lachen denjenigen, die es herabgewürdigt haben zu einem Gespött über alles, ohne Unterschied zwischen Gut und Böse! Ich sage euch: glaubt diesen meinen Worten ... Es ist edel, es ist ehrenhaft, dieses Lachen. Es ist uns ausdrücklich darum geschenkt, damit wir über uns selbst, nicht über unsern Nächsten lachen sollen. Und wer nicht den Mut hat, über seine eigenen Fehler zu lachen, der sollte besser überhaupt nicht lachen! ... Er wird einst dafür Rechenschaft geben müssen! ...
Eine Heiratsgeschichte
Eine ganz unwahrscheinliche Begebenheit in zwei Aufzügen
1833
Deutsch von Carl Ritter und André Villard
Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt
Personen.
Agathe Tichonowna, eine heiratslustige Kaufmannstochter. Arina Panteleimonowna, ihre Tante. Thekla Iwanowna, eine Heiratsvermittlerin. Podkoliessin, Beamter -- Hofrat. Kotschkarjow, sein Freund. Iwan Pawlowitsch Eierkuchen, Exekutor. Anutschkin, Infanterie-Leutnant a. D. Schewakin, Leutnant zur See. Dunjaschka, das Dienstmädchen. Starikow, ein Kaufmann. Stepan, Podkoliessins Diener.
Erster Aufzug
(Zimmer eines Junggesellen.)
1. Auftritt
Podkoliessin.
Podkoliessin (liegt allein auf dem Sofa und raucht eine Pfeife). Ja, wenn man so allein auf dem Sofa liegt und nachdenkt, dann merkt man erst recht, daß es so nicht weiter geht ..... Man muß heiraten! ... Wirklich, da lebt man so dahin, bis einem schließlich die ganze Geschichte zum Halse raushängt. Nun habe ich auch wieder die Fastenzeit vorüberstreichen lassen, und doch ist alles fix und fertig! Es sind ja bald drei Monate, daß mir die Heiratsvermittlerin das Haus einläuft. Wahrhaftig, man muß sich bald vor sich selber schämen ... He, Stepan!
2. Auftritt
Podkoliessin und Stepan.
Podkoliessin. War die Heiratsvermittlerin nicht da?
Stepan. Nein.
Podkoliessin. Und bist du beim Schneider gewesen?
Stepan. Jawohl.
Podkoliessin. Wie ist's, arbeitet er an meinem Frack?
Stepan. Jawohl.
Podkoliessin. Ist er bald fertig?
Stepan. Ja, nun wird's wohl nicht mehr lange dauern. Er ist schon bei den Knopflöchern.
Podkoliessin. Was? ... Was hast du gesagt? ...
Stepan. Ich sage, er ist schon bei den Knopflöchern!
Podkoliessin. Sag mal, hat er denn gar nicht gefragt, wozu dein Herr den Frack braucht? ...
Stepan. Nein, danach hat er nicht gefragt.
Podkoliessin. Oder hat er vielleicht nur gesagt: »Dein Herr will wohl heiraten?« ...
Stepan. Nein, darüber hat er auch nichts gesagt.
Podkoliessin. Aber du hast doch bei ihm auch andere Fräcke hängen sehen? Er arbeitet doch auch für andre Leute.
Stepan. Ja, es liegen viele Fräcke bei ihm herum.
Podkoliessin. Nun sag mal, mein Stoff ist wohl etwas besser als bei den übrigen, was? ...
Stepan. Ja, etwas feiner wird er schon sein.
Podkoliessin. Was sagst du? ...
Stepan. Ich sage, etwas feiner wird er schon sein.
Podkoliessin. Gut, ... schön! ... Aber hat er denn nicht gefragt, warum dein Herr so feinen Stoff zu seinem Frack nimmt?
Stepan. Nein!
Podkoliessin. Also vom Heiraten hat er nicht gesprochen?
Stepan. Nein, davon hat er nichts gesagt.
Podkoliessin. Aber hast du ihm auch meinen Rang und Titel genannt und gesagt, wo ich diene? ...
Stepan. Gewiß, gnädiger Herr!
Podkoliessin. Nun, und er? ...
Stepan. ... hat gesagt: »Schön, ich werde mir Mühe geben!«
Podkoliessin. Gut, du kannst gehen.
(Stepan geht ab.)
3. Auftritt
Podkoliessin (allein).
Podkoliessin. Ja, ich bin nun mal der Ansicht, ein schwarzer Frack ist doch solider. Die bunten, ... die passen mehr für Sekretäre, Titularräte und solch ein Volk. Das ist was für Grünschnäbel. Ein Mann von höherem Rang, muß eben das ... das ... ja, wie soll man gleich sagen ... eh, jetzt habe ich dies Wort vergessen ... es war ein so schönes Wort, und ich hab's vergessen ... Ja, mein Bester, dreh und wende dich, wie du willst: ... ein Hofrat steht im Grunde genommen nicht hinter einem Oberst zurück; es sei grade, daß er keine Epauletten trägt ... He, Stepan!
4. Auftritt
Podkoliessin und Stepan.
Podkoliessin. Hast du die Stiefelwichse gekauft?
Stepan. Jawohl.
Podkoliessin. Wo? ... In dem Laden, von dem ich dir gesprochen habe? Auf dem Wosnissenski Prospekt?
Stepan. Ja, in dem Laden.
Podkoliessin. Und ist die Wichse gut?
Stepan. Ja, sehr gut.
Podkoliessin. Hast du schon probiert, die Stiefel damit zu putzen?
Stepan. Jawohl.
Podkoliessin. Nun, und glänzen sie schön?
Stepan. Ja, glänzen tun sie mächtig!
Podkoliessin. Und sag: wie du die Wichse bei ihm kauftest, hat er da nicht gefragt, wozu dein Herr so feine Stiefelwichse braucht?
Stepan. Nein.
Podkoliessin. Hat er nicht gefragt: dein Herr will am Ende gar heiraten?
Stepan. Nein, er hat nichts gesagt.
Podkoliessin. So? ... Na, es ist gut ... geh nur! (Stepan geht ab.)
5. Auftritt
Podkoliessin (allein).
Podkoliessin. Wenn man so denkt: was sind ein Paar Stiefel? Eine höchst gleichgültige Sache! Und doch, wenn sie schlecht genäht sind und die Wichse stumpf bleibt, so begegnet man dir in der vornehmen Welt schon nicht mehr mit der gleichen Achtung. Es fehlt was, es ist nicht mehr das Richtige. Und was noch sehr unangenehm ist, das sind Hühneraugen. Alles kann ich ertragen, bei Gott, nur keine Hühneraugen .... He, Stepan!
6. Auftritt
Podkoliessin und Stepan.
Stepan. Der Herr wünschen?
Podkoliessin. Hast du dem Schuster auch gesagt, er solle die Stiefel so machen, daß ich keine Hühneraugen bekomme?
Stepan. Jawohl.
Podkoliessin. Und was sagt er?
Stepan. Er hat gesagt: Gut! (Stepan geht ab.)
7. Auftritt
Podkoliessin allein, später Stepan.
Podkoliessin. 's ist doch 'ne verdammte Plackerei, das Heiraten! Hol's der Teufel! Erst dies und dann das und dann wieder jenes. Alles will überdacht und geordnet sein, Teufel nochmal! Das ist nicht so leicht, wie man zu sagen pflegt ... He, Stepan! (Stepan kommt herein.) Ich wollte dir noch sagen ...
Stepan. Die Alte ist da.
Podkoliessin. So, ist sie da? Sag ihr, sie soll mal reinkommen. (Stepan geht.)
Podkoliessin. Ja, das ist so 'ne Sache. Die ist gar nicht so ohne. Eine höchst komplizierte Geschichte das!
8. Auftritt
Podkoliessin und Thekla.
Podkoliessin. Ah, guten Tag! ... Guten Tag, Thekla Iwanowna! Nun was gibts, wie sieht's aus ... Nehmen Sie einen Stuhl! Setzen Sie sich nur und erzählen Sie. Nun, also, wie steht's? Wie heißt sie doch gleich? Melanie? ...
Thekla. Nicht doch, Agathe Tichonowna.
Podkoliessin. Richtig, Agathe Tichonowna. Wohl so 'ne vierzigjährige Jungfrau, was?
Thekla. Aber nicht doch, davon ist keine Rede. Das heißt, -- heiraten Sie bloß. Jeden Tag werden Sie mich loben und mir danken.
Podkoliessin. Ach was, du schwindelst ja, Thekla Iwanowna!
Thekla. Ich bin schon zu alt, um noch zu lügen, Väterchen. Das überlaß ich den Hundesöhnen.
Podkoliessin. Und wie steht's mit der Mitgift? ... Erzähl mir's doch noch einmal.
Thekla. Gott, sie bekommt ein steinernes Haus mit, ein zweistöckiges, im Moskauer Viertel. Das rentiert sich, sage ich Ihnen, na, Sie werden Ihre reinste Freude daran haben. Für den Laden allein zahlt ein Kaufmann siebenhundert Rubel ... Eine Schenke ist darin, die ist überhaupt immer voll. Dazu hat's zwei hölzerne Seitenflügel; der eine, der ist ganz aus Holz, und der andere hat ein steinernes Fundament. Jeder für sich bringt jährlich vierhundert Rubel. Und dann gehört ihr noch ein Gemüsegarten auf der Wiborger Seite. Vorvoriges Jahr, da hat ihn ein Kaufmann gepachtet, um Kohl darin zu pflanzen, ich sage Ihnen, ein braver, nüchterner Mann, der nie einen Tropfen Schnaps in den Mund nimmt. Er ist Vater von drei Söhnen. Zwei davon hat er schon verheiratet. »Mein dritter aber«, sagte er, »ist noch zu jung. Der kann ruhig ein bißchen im Laden sitzen und für das Geschäft sorgen. Ich bin schon zu alt,« sagt er, »jetzt mag mein Sohn für mich im Laden sitzen, damit das Geschäft besser geht.«
Podkoliessin. Schön, schön; aber wie sieht sie denn aus? Ist sie denn hübsch? ...
Thekla. Ach, der reinste Milchzucker! Weiße Haut, rote Backen, überhaupt: Milch und Blut. Oh, sie ist so reizend, ich kann's gar nicht sagen, wie reizend. Also, Sie werden zufrieden sein. Bis dahinauf (zeigt auf den Hals). Das heißt, zu Freund und Feind werden Sie sagen: ... »Diese Thekla Iwanowna, bei der muß ich mich aber bedanken!«
Podkoliessin. Aber sie ist doch nicht einmal Hauptmannstochter.
Thekla. Ihr Vater war Kaufmann dritter Gilde. Ich sage Ihnen, ein General brauchte sich ihrer nicht zu schämen. Von einem Kaufmann will die gar nichts hören. »Mein Mann mag aussehen wie er will,« sagt sie, »und wenn er äußerlich auch noch so unansehnlich ist; wenn er nur den Adel hat.« Einfach ein Bonbon, sage ich Ihnen. Und wenn sie des Sonntags ihr seidenes Kleid anzieht, Jesus, wie sie dann einherrauscht .... gradezu 'ne Gräfin.
Podkoliessin. Aber Sie begreifen doch, warum ich danach frage. Ich bin doch Hofrat. Und da muß ich doch ein ... ein ... na, Sie verstehen mich schon.
Thekla. Natürlich, das ist doch klar. Was sollte dabei nicht zu verstehen sein? Es war auch schon 'n Hofrat da. Wir haben ihn aber abgewiesen, weil er uns nicht gefallen hat. Er hatte aber auch gar zu merkwürdige Manieren. Jedes Wort, das er sprach, war gelogen. Und dabei war es doch ein ganz stattlicher Mann. Ja, was ist da zu machen? ... Gott hat ihn nun mal so geschaffen! Er ärgerte sich selbst darüber. Aber es war ihm einfach unmöglich, das Lügen zu lassen. Es war halt Gottes Wille.
Podkoliessin. Nun, und außer dieser? Können Sie mir keine anderen Vorschläge machen? ...
Thekla. Was wollen Sie denn noch für welche? ... Eine Schönere können Sie sich ja gar nicht wünschen.
Podkoliessin. Als wenn's überhaupt keine Schönere gäbe!
Thekla. Suchen Sie auf der ganzen Welt, Sie finden keine.
Podkoliessin. Na schön, ich will's mir überlegen, Mütterchen! Also kommen Sie übermorgen wieder. Dann wollen wir die Sache noch einmal durchsprechen. Wissen Sie, so wie heute. Ich liege auf dem Sofa, und Sie erzählen mir.
Thekla. Ach, mein Gott, jetzt komme ich doch schon den dritten Monat Tag für Tag zu Ihnen hergelaufen und doch kommt nichts dabei heraus: immer sitzen Sie im Schlafrock da und rauchen.
Podkoliessin. Sie denken sich wohl, heiraten das ist so, als ob ich zu meinem Diener sage: »He Stepan, bring mir mal die Stiefel her! Zieh sie mir an und los!« Das will doch überlegt, durchdacht sein.
Thekla. Na, wie Sie wollen! Wollen Sie sich die Sache erst ansehen, .... meinetwegen! Dies Recht steht Ihnen bei jeder Ware zu. Lassen Sie sich doch den Mantel bringen, ... es ist ja noch früh, ... und fahren Sie hin!
Podkoliessin. Wie jetzt? ... Sehen Sie doch, wie trübe es draußen ist. Wenn es nun anfängt, zu regnen, und ich bin gerade unterwegs ...
Thekla. Es ist ja nur Ihr eigener Schaden! Sie fangen ja schon an, graue Haare zu bekommen. Bald taugen Sie überhaupt nicht mehr zum Ehemann. Auch was Besonderes ... Hofrat! Wir haben noch ganz andere Freier wie Sie!
Podkoliessin. Was für dummes Zeug schwatzen Sie da! Was fällt Ihnen nur plötzlich ein, zu behaupten, ich hätt' graue Haare? Wo sollen die denn sein? ... (Zupft an seinen Haaren.)
Thekla. Und warum sollen Sie keine grauen Haare haben? ... So ist es nun einmal im Leben. Sie sind mir auch einer! Die gefällt ihm nicht, und jene paßt ihm nicht. Ich habe einen Kapitän an der Hand, dem reichen Sie nicht an die Schulter. Der hat 'ne Stimme! ... Wie 'ne Trompete. Er dient in der Admiralität.
Podkoliessin. Nein, das lügst du! Ich will doch mal in den Spiegel sehen. Wo hast du nur ein graues Haar gefunden? ... He, Stepan, bring mir mal den Spiegel her! Oder nein, warte, ich werde ihn mir schon selber holen. Graue Haare! das fehlte mir gerade noch. Gott behüte! Das ist ja schlimmer als die Pocken. (Er geht in das nächste Zimmer.)
9. Auftritt
(Kotschkarjow kommt hereingelaufen.) Thekla und Kotschkarjow.
Kotschkarjow. Nun, Podkoliessin, wo steckst du denn? (Erblickt Thekla.) Nanu, wie kommst du hierher? ... Na, warte nur! Sag, bei allen Teufeln, wozu hast du mich bloß verheiratet? ..
Thekla. Nun, ist das denn so schlimm? Du hast eben deine Pflicht getan.
Kotschkarjow. Pflicht getan! Eine Frau genommen; auch was Besonderes. Als wenn ich nicht ohne Frau ausgekommen wäre.
Thekla. Du warst ja gar nicht loszuwerden. »Schaff mir 'ne Frau, Mütterchen, schaff mir 'ne Frau!«
Kotschkarjow. Ach, du alte Ratte du! Was aber suchst du bloß hier? Oder sollte gar der Podkoliessin?
Thekla. Warum denn nicht ... Mit Gottes Hilfe! ..
Kotschkarjow. Wirklich? Nein, solch ein Lump! Und erzählt mir kein Sterbenswörtchen davon. So ein Kerl! Macht's ganz im geheimen. Wie? .. Was? ..
10. Auftritt
Die Vorigen und Podkoliessin mit einem Spiegel in der Hand, in dem er sich aufmerksam betrachtet.
Kotschkarjow (kommt herangeschlichen und erschreckt ihn). Puff!
Podkoliessin (schreit auf und läßt den Spiegel fallen, der zerbricht). Du? Du bist wohl verrückt geworden? .. Was für einen Sinn hat das nur? .. Wozu diese Dummheiten? .. Wahrhaftig, ich bin so erschrocken, daß ich gar nicht weiß, wo ich bin.
Kotschkarjow. Ach, reg dich nicht auf ... es war doch nur ein Spaß!
Podkoliessin. Ein schöner Spaß! Ich kann mich bis jetzt nicht vom Schreck erholen. Und der Spiegel ist zerbrochen. Das war doch kein billiges Stück. Den hab' ich in einem englischen Laden gekauft.
Kotschkarjow. Nun, nun, sei friedlich! Ich werde dir einen andern Spiegel kaufen.
Podkoliessin. Ja, ja, ich weiß schon. Ich kenne diese andern Spiegel schon. In denen sieht man um zehn Jahre älter aus. Die ganze Fratze wird einem schief darin.
Kotschkarjow. Ich hätte viel mehr Grund, mich über _dich_ zu ärgern. Ich bin doch dein Freund, und du verheimlichst mir alles. Du willst dich verheiraten!
Podkoliessin. Ach, Unsinn. Wer denkt denn daran.
Kotschkarjow. Bitte, hier steht der Beweis. (Zeigt auf Thekla.) Man weiß schon, was das für ein Vogel ist. Nun, nun, das schadet ja nichts. Das ist doch kein Verbrechen! Ein ganz christliches Werk, sogar ein patriotisches Werk! Doch, laß mich nur machen! Ich nehme alles auf mich. (Zu Thekla.) Also, nun los, erzähle. Wie, wo, was. Ist es 'ne Adlige, eine aus dem Beamten- oder Kaufmannsstande und, vor allem, -- wie heißt sie?
Thekla. Agathe Tichonowna heißt sie.
Kotschkarjow. Aha, Agathe Tichonowna Brandachlistowa!
Thekla. Nein, Kuperdjagina.
Kotschkarjow. Na ja, und wohnt in der Schestilawotschnaja.
Thekla. Nicht doch, in der Nähe von Peßki wohnt sie. In der Müllnijgasse.
Kotschkarjow. Natürlich, in der Müllnijgasse, gleich hinter dem Kramladen. In dem hölzernen Haus.
Thekla. Nein, nicht hinter dem Kramladen; hinter der Schenke.
Kotschkarjow. Wieso hinter der Schenke? ... Das versteh ich nicht.
Thekla. Wenn du in die Gasse einbiegst, so kommst du gleich an einem Häuschen vorbei. Gleich hinter dem Häuschen mußt du nach links einbiegen. Dann siehst du das hölzerne Haus vor dir, in dem die Näherin wohnt, ... die, die früher mit dem Obersekretär des Senats zusammengelebt hat. An der Näherin also mußt du vorübergehen: du läßt sie hinter dir. Aber sofort danach, das steinerne Haus, das gehört _ihr_. Das heißt, da wohnt sie: Agathe Tichonowna, die Braut.
Kotschkarjow. Gut, gut. Ich werde schon Alles besorgen. Jetzt kannst du abziehen. Wir brauchen dich nicht mehr.
Thekla. Was, du willst doch nicht, .... du kriegst doch keine Heirat zustande!
Kotschkarjow. Selbstverständlich! Ich besorge das ganz allein. Du brauchst dich um nichts mehr zu kümmern.
Thekla. Pfui, schäme dich. Das ist doch kein Beruf für Männer. Lassen Sie die Hand davon, Väterchen! Ich bitte Sie!
Kotschkarjow. Geh, geh nur. Was verstehst denn du davon? Schuster, bleib bei deinen Leisten. Los, Abfahrt!
Thekla. Was? Du willst den Leuten das Brot wegnehmen? Wart, du alter Sünder. Mischt sich in diese Angelegenheit. Wenn ich das gewußt hätte! Kein Wort wäre über meine Lippen gekommen! (Läuft wütend hinaus.)
11. Auftritt
Kotschkarjow und Podkoliessin.
Kotschkarjow. Hör mal, lieber Freund, eine solche Sache läßt durchaus keinen Aufschub zu. Also komm, fahren wir.
Podkoliessin. Was fällt dir ein? Ich bin ja noch garnicht ... Ich überlege es mir doch erst!
Kotschkarjow. Ach was, Torheiten. Sei doch nicht so schüchtern. Ich werde dich schon verheiraten ... Du sollst es selbst nicht merken. Also komm, wir fahren gleich zur Braut, und du siehst sofort, wie die Sache steht.
Podkoliessin. Was redest du da? ... Wir können doch nicht gleich hinfahren.
Kotschkarjow. Warum denn nicht? ... Ich bitte dich, woran fehlt's denn noch? ... Sieh selbst an, jetzt bist du unverheiratet. Und wie lebst du? Guck dich doch nur mal im Zimmer um, ... wie sieht es denn hier aus? ... Dort liegt ein ungeputzter Stiefel, da steht das Waschbecken. Hier, auf dem Tisch treibt sich ein Haufen Tabak herum; und du selbst liegst beständig auf der Bärenhaut und faulenzt.
Podkoliessin. Das ist wahr. Wie unordentlich es bei mir zugeht, das weiß _ich_ am allerbesten.
Kotschkarjow. Na, und nun denk mal, wenn du erst eine Frau haben wirst. Du wirst dich selbst nicht wiedererkennen. Dort wird ein Sofa stehen, dazu ein kleines Hündchen ... ein Zeisig oder sonst was im Käfig ... hier Häkeleien ... Und nun stell dir vor, du sitzt auf dem Sofa und plötzlich setzt sich dein Weibchen an deine Seite ... so ein reizendes Frauchen, und streichelt dich mit ihren Händchen.
Podkoliessin. Teufel, ja, wenn ich denke, was für reizende Händchen es in der Welt gibt. Weißt du, Freund, so weiß wie Milch ...
Kotschkarjow. Ach was, als ob sie bloß Händchen hätten. Die haben noch ganz was anderes! ... Doch wozu noch viele Worte machen; ... weiß der Teufel, was die nicht alles haben.
Podkoliessin. Ich muß sagen, wenn ich ehrlich sein soll, ich habe es ganz gern, wenn solch hübsches Mädel neben mir sitzt.
Kotschkarjow. Aha, siehst du, du bist also selbst auf den Geschmack gekommen! Jetzt laß mich nur machen. Du brauchst dich um nichts mehr zu kümmern. Das Verlobungs-Essen und alles, was drum und dran hängt das besorge ich ganz allein. Was den Champagner betrifft -- unter einem Dutzend läßt sich gar nicht erst anfangen. Da magst du nun reden, was du willst. Dazu kommt dann noch ein halbes Dutzend Madeira, -- unbedingt. Die Braut hat sicherlich einen ganzen Haufen von Tanten und Basen, die lieben nämlich nicht zu scherzen. Na, und den Rheinwein, ach was, hol' ihn der Teufel, auf den verzichten wir, nicht? Und dann das Essen, -- weißt du, -- da habe ich einen Hoftraiteur, der Kerl liefert dir ein Diner, nach dem stehst du überhaupt nicht mehr auf.
Podkoliessin. Hör mal, du legst dich aber gleich ganz gehörig ins Zeug. Das ist ja beinahe, als ob schon heute abend die Hochzeit wäre.
Kotschkarjow. Gewiß! Warum denn nicht? ... Wozu sollen wir es denn aufschieben? Du bist doch mit allem einverstanden.
Podkoliessin. Ich? Nein, mein Bester, ich bin noch durchaus nicht einverstanden.
Kotschkarjow. Da haben wir's. Soeben hast du doch erklärt, du wolltest gerne heiraten!
Podkoliessin. Ich meinte doch nur, es wäre nicht schlecht ...
Kotschkarjow. Wie, aber wir haben doch ... die ... ganze Sache schon vollständig ... Ja, wie? Gefällt dir denn das Eheleben nicht, was?
Podkoliessin. Gewiß gefällt es mir! ...
Kotschkarjow. Na also, woran fehlt's denn noch?
Podkoliessin. An nichts; es ist alles nur so sonderbar.
Kotschkarjow. Was ist sonderbar?
Podkoliessin. Du wirst doch zugeben, daß es merkwürdig ist: da war man so lange unverheiratet, und dann soll man plötzlich Ehemann sein.