Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke
Part 13
Kotschkarjow. Nein, hör mal, schämst du dich denn nicht? Nein, ich sehe wirklich, mit dir muß man ernst reden! Also, ich will ganz aufrichtig gegen dich sein, wie ein Vater zu seinem Sohne. Betrachte dich doch nur einmal genau, so wie du jetzt mich ansiehst; ... was stellst du eigentlich vor? Ein Klotz bist du, ohne alle tiefere Bedeutung. Na, und wozu lebst du eigentlich? Guck doch bloß mal in den Spiegel! Na, was siehst du da? ... Ein dummes Gesicht, und weiter nichts. Statt dessen, überlege dir doch nur, wie dann die kleinen Kinderchen um dich herumhüpfen werden. Nicht etwa zwei oder drei, nein, gleich ein halbes Dutzend. Und alle gleichen dem Vater, wie ein Tropfen Wasser dem andern. Jetzt bist du allein, bist Hofrat, Expeditor, oder irgendein Direktor irgendeines Departements und weiß Gott, was sonst noch. Und nun stell dir erst mal vor, was dann sein wird. Alle die kleinen Expeditorchen um dich herum, diese kleinen Spitzbuben, und wenn dann solch ein kleiner Wildfang die Hände ausstreckt und dir im Bart zu krauen beginnt, und du dazwischen wie ein Hund bellen mußt: Wau, wau, wau ... na, nun sag selbst, kann es etwas Hübscheres geben? ...
Podkoliessin. Aber, wenn sie nur nicht solche Schelme wären. Sie werden mir nur alles zerreißen und meine Papiere durcheinanderbringen.
Kotschkarjow. Laß sie doch. Dafür werden sie dir alle ähnlich sehen; das ist eben der Witz.
Podkoliessin. Ja, es hat wirklich etwas Komisches, weiß der Teufel. So'n kleiner Windbeutel, so ein junger, täppischer Hund, und ist dir schon wie aus dem Gesicht geschnitten.
Kotschkarjow. Natürlich, gewiß ist es komisch. Na also, dann fahren wir.
Podkoliessin. Also ... gut, meinetwegen!
Kotschkarjow. He, Stepan, hilf deinem Herrn beim Anziehen.
Podkoliessin (kleidet sich vor dem Spiegel an). Ich denke, vielleicht sollte ich lieber eine weiße Weste nehmen?
Kotschkarjow. Ach was, Unsinn, es kommt ja nicht so genau drauf an.
Podkoliessin (legt sich den Kragen um). Die verdammte Wäscherin. Hat schon wieder den Kragen so schlecht gestärkt; er will absolut nicht stehen. Stepan, sag ihr, wenn sie die Wäsche noch einmal so schlecht plättet, dann schicke ich nach einer andern. So ein dummes Weib! Wahrscheinlich sitzt sie den ganzen Tag mit ihren Liebsten zusammen, anstatt zu plätten.
Kotschkarjow. Beeil dich ein bißchen, lieber Freund, was trödelst du denn so lange herum.
Podkoliessin. Gleich, gleich! (Zieht den Frack an und setzt sich.) Hör mal, Ilja Fomitsch, weißt du was: Fahr du doch lieber alleine!
Kotschkarjow. Was fällt dir ein! Hast du plötzlich den Verstand verloren? Ich soll fahren? .. Wer von uns will sich denn eigentlich verheiraten? .. Du oder ich? ...
Podkoliessin. Wirklich, ich habe keine rechte Lust. Fahren wir lieber morgen.
Kotschkarjow. Na, hast du bloß einen Funken Verstand? .. Bist du nicht ein Trottel? .. Ist schon ganz fertig und plötzlich will er nicht mehr. Nein, sag selbst, bist du nicht ein Schwein? .. Bist du nicht ein Lump, nach alledem? ...
Podkoliessin. Wozu schimpfst du? ... Was soll das? ... Habe ich dir denn was zuleide getan?
Kotschkarjow. Ein Esel bist du, ein altes Schaf, das wird dir jeder sagen. Dumm bist du, einfach dumm. Trotzdem du Expeditor bist! Für wen sorge ich mich denn eigentlich? Doch nur für dich. Zu deinem Vorteil! Sie werden dir noch den Bissen vor dem Munde wegschnappen. Liegt da auf seinem Faulbett, der verdammte Junggeselle. Nein, sag mal bitte, wonach siehst du eigentlich aus? Du Waschlappen du! Du alte Schlafmütze! Na, ich hätte beinahe etwas gesagt. Wenn's nur nicht zu unanständig wäre. ... Ein altes Weib bist du; schlimmer als ein altes Weib!
Podkoliessin. Du benimmst dich sehr fein. Tatsächlich! (Halblaut.) Du bist wohl nicht ganz bei Troste? Da steht der Knecht, und du schimpfst drauf los und gebrauchst in seiner Gegenwart solche Worte. Du konntest dir dazu wohl keinen andern Ort auswählen? ...
Kotschkarjow. Ja, wie soll man dich denn nicht schimpfen. Kann denn ein Mensch dabei ruhig bleiben und nicht schimpfen? ... Wer hat denn soviel Selbstbeherrschung? .. Du hast dich als anständiger Mensch entschlossen, zu heiraten; ... bist der Stimme der Vernunft gefolgt, und nun, mit einemmal, aus einer bloßen Laune ... Du hast wohl Tollkirschen gefressen? .. Du Tölpel, du Holzklotz du!
Podkoliessin. Nun, nun, genug ... ich fahre! Was schreist du so?
Kotschkarjow. Du fährst? Selbstverständlich fährst du! Du kannst ja gar nichts anderes tun, als fahren. (Zu Stepan.) Bring Hut und Mantel! Schnell ...
Podkoliessin (in der Türe). Du bist ein seltsamer Mensch, Kotschkarjow! Wahrhaftig! Mit dir ist es doch wirklich nicht zum Aushalten. Schimpfst mit einem Mal los, ohne alle Ursache und ohne jeden Grund! Das ist doch kein Benehmen.
Kotschkarjow. Ach, das ist ja längst vorbei! Ich schimpfe ja gar nicht mehr ...
(Beide ab.)
12. Auftritt
Agathe Tichonowna legt Karten, Arina Panteleimonowna, ihre Tante, blickt ihr über die Achseln in die Karten.
Agathe Tichonowna. Tantchen, sieh, schon wieder ein Weg! Ein Karo-König interessiert sich für mich. ... Tränen! ... Ein Liebesbrief ... links der Treff-König zeigt große Teilnahme, aber hier liegt ein böses Weib dazwischen.
Arina Panteleimonowna. Und was denkst du, der Treff-König: wer mag das sein?
Agathe Tichonowna. Das kann ich doch nicht wissen.
Arina Panteleimonowna. Aber ich weiß es.
Agathe Tichonowna. Ja? ... Wer? ...
Arina Panteleimonowna. Nun, der nette Kaufmann vom Tuchmarkt, Alexei Dmitriewitsch Starikow.
Agathe Tichonowna. Ach, der doch auf keinen Fall. Ich gehe jede Wette ein, daß der es nicht ist.
Arina Panteleimonowna. Streite doch nicht, Agathe Tichonowna, sieh doch die blonden Haare hier; einen andern Treff-König gibt es ja gar nicht.
Agathe Tichonowna. Aber nicht doch, Tantchen, Treff-König ist immer ein Edelmann. Ein Kaufmann reicht noch lange nicht an den Treff-König heran.
Arina Panteleimonowna. Ach, Agathe Tichonowna, du würdest auch anders reden, wenn dein seliger Vater, Tichon Panteleimonowitsch, noch am Leben wäre. Der schlug manches liebe Mal mit der Faust auf den Tisch und schrie: »Ich spucke auf jeden, der sich schämt, ein Kaufmann zu sein. Ich gebe meine Tochter keinem Obersten,« sagte er. »Mögen das doch andre Leute machen. Und mein Sohn, der soll mir auch nicht Beamter werden«, sagte er. »Dient nicht der Kaufmann seinem Zaren genau so gut wie jeder andere?« sagte er. Und dabei schlug er so mit der Faust auf den Tisch, daß es krachte. Und das war 'ne Hand, sag' ich dir, so groß wie ein Eimer. Ja, solch ein leidenschaftlicher Mensch war er. Wenn ich offen sein soll, deiner seligen Mutter hat er das Leben auch gehörig versalzen. Sonst hätt' sie wohl noch länger gelebt.
Agathe Tichonowna. Nun, soll ich etwa eben solch einen bösen Mann kriegen? Nein, unter keinen Umständen nehme ich einen Kaufmann.
Arina Panteleimonowna. Aber Alexei Dmitriewitsch ist doch gar nicht solch einer.
Agathe Tichonowna. Nein, ich will ihn nicht. Ich mag ihn nicht. Und dann trägt er einen Vollbart. Beim Essen wird es ihm immer in den Bart heruntertropfen. Nein, nein, ich will ihn nicht!
Arina Panteleimonowna. Aber wo soll man nur einen anständigen Adligen hernehmen? Sie liegen doch nicht auf der Straße herum!
Agathe Tichonowna. Thekla Iwanowna wird schon einen auftreiben. Sie versprach mir's, den Allerschönsten zu finden.
Arina Panteleimonowna. Ach, die schwindelt ja nur, Herzchen.
13. Auftritt
Die Vorigen und Thekla Iwanowna.
Thekla. Aber nein, Arina Panteleimonowna, schämen Sie sich doch, mir hinterm Rücken so was nachzureden.
Agathe Tichonowna. Ach, da sind Sie ja, Thekla Iwanowna! Nun, wie steht's? Sprechen Sie doch! Erzählen Sie! Haben Sie einen?
Thekla. Ja doch, ja, lassen Sie mich nur erst verschnaufen. Wie bin ich in Ihrem Auftrag herumgelaufen! ... Ich bin in allen Häusern gewesen, in allen Kanzleien und Ministerien; hab' sogar in die Kasernen geguckt! ... Wissen Sie, Mütterchen, beinah geschlagen hat man mich ... bei Gott! Die Alte, die ihre Hand in der Heirat der Affeirows im Spiel gehabt hat, die stürzte sich auf mich los und schrie: »Du bist mir auch so eine und so 'ne, nimmst bloß andern Leuten das Brot weg, bleib du doch gefälligst in deinem Revier!« ... »Was soll ich tun,« sagte ich ihr geradezu ins Gesicht, »verzeih, aber für mein Fräulein, da bin ich jederzeit zu allem bereit.« Ja mein Herzchen, was ich Ihnen aber auch für Freier besorgt habe! Na, das heißt: solange die Welt steht, -- und sie wird noch lange stehen -- aber solche hat es denn doch noch nie gegeben. Ein paar werden noch heute ihre Aufwartung machen. Ich komme absichtlich hergelaufen, um Sie vorzubereiten.
Agathe Tichonowna. Wie? Heute noch? ... Liebste Thekla Iwanowna, ich bitte Sie ... ich fürchte mich ...
Thekla. Sie brauchen keine Angst zu haben, Mütterchen. 's ist ja eine ganz gewöhnliche Sache! Sie werden eben kommen, sich umsehen, und -- weiter nichts! Sie werden sie sich auch ansehen, und wenn sie Ihnen nicht gefallen, nun, dann fahren sie eben wieder fort.
Arina Panteleimonowna. Na, du wirst mir schon nette Kerle rausgesucht haben.
Agathe Tichonowna. Wie viele sind es denn? Sind's viele?
Thekla. Nun, an die sechs Mann werden es wohl sein.
Agathe Tichonowna (aufschreiend). Ach Herrjeh! ...
Thekla. Nun, nun, springen Sie doch nicht gleich in die Höhe, Mütterchen! ... Um so leichter ist doch die Wahl. Gefällt dir der eine nicht, so tut's vielleicht der andere.
Agathe Tichonowna. Und sind es Adlige? ..
Thekla. Aber natürlich! Alle! Wie ausgesucht! Solche Adlige wie die, finden Sie nirgends mehr.
Agathe Tichonowna. Und was sind es für Menschen? ...
Thekla. Ach, prächtige Menschen! Alles prachtvolle, propre, junge Leute. Da haben Sie erstens den Baltasar Baltasarowitsch Schewakin. Ein ganz vorzüglicher Mensch; er hat in der Flotte gedient. Der paßt ausgezeichnet zu Ihnen! »Denn«, sagt er, »was meine Braut betrifft, die muß voll sein.« Die mageren, die mag er gar nicht leiden. Und dann ist da Iwan Pawlowitsch, der Ixikutor! Ein sehr würdiger, ein geradezu unnahbarer Mann. Wenn der einen anschreit: »Erzähl' mir nur keine langen Geschichten von der Braut. Sag lieber, was hat sie an Mabilien und Immabilien, und damit basta!« So und so viel, Väterchen, bei Gott! »Das lügst du, Luder!« ... Und dann hat er mir noch ein Wort an den Kopf geworfen, ja, Mütterchen, das ist schon zu unanständig, um es hier zu wiederholen. Da hatt' ich's gleich raus: das muß aber ein vornehmer Mann gewesen sein.
Agathe Tichonowna. Nun, und wer noch? ..
Thekla. Dann ist da noch ein Herr, Nikolai Iwanowitsch Anutschkin. Eine majestätische Gestalt! Und was für Lippen er hat ... die reinsten Himbeeren. So ein feiner Herr! »Ich will,« sagte er, »daß meine Frau hübsch und gut erzogen ist, und Französisch muß sie sprechen können.« Ja, ein Herr von äußerst feinem Benehmen! Alles deutsche Finessen! Und dabei ist er so zart und hat so schmale, dünne Beinchen.
Agathe Tichonowna. Nein, grade diese Zarten, die wollen mir nicht so recht, ... ich weiß nicht, aber ich finde keinen Geschmack an ihnen.
Thekla. Ja, wenn Sie auf etwas Massiveres reflektieren, dann nehmen Sie doch Iwan Pawlowitsch! Einen passenderen können Sie ja gar nicht finden. Da ist nichts zu sagen. Das ist ein Herr! Der geht Ihnen hier nicht durch die Tür. So ein prächtiger Mensch!
Agathe Tichonowna. Und wie alt ist er?
Thekla. Ach, noch ein junger Mann! Vielleicht an die fünfzig. Oder noch nicht einmal fünfzig.
Agathe Tichonowna. Und wie ist sein Name?
Thekla. Er heißt Iwan Pawlowitsch Eierkuchen.
Agathe Tichonowna. Wie ... Eierkuchen ... das ist sein Familienname?
Thekla. Ja, das ist sein Name.
Agathe Tichonowna. Gott, welch ein Name! Denk doch nur, Theklachen, wie soll denn das werden, wenn ich den heirate? Dann heiße ich ja plötzlich Agathe Tichonowna Eierkuchen. Weiß Gott, das ist ja fürchterlich!
Thekla. I was, liebes Mütterchen, bei uns in Rußland gibt es nun mal solche Namen, da möchte man am liebsten gleich ausspucken und das Kreuz darüber schlagen, wenn man sie hört. Aber wenn er Ihnen nicht gefällt, so nehmen Sie doch Baltasar Baltasarowitsch Schewakin. Ein herrlicher Freier!
Agathe Tichonowna. Und was für ein Haar hat er?
Thekla. Sehr schönes Haar, mein Herzchen.
Agathe Tichonowna. Und die Nase?
Thekla. Eh, die Nase ist auch schön. Überhaupt, alles steht an seinem richtigen Fleck. Und er selbst ist ein prächtiger Mensch. Nur über eins dürfen Sie sich nicht ärgern: -- in seiner ganzen Wohnung werden Sie nichts finden, als seine lange Pfeife. Nicht ein Möbelstück weiter!
Agathe Tichonowna. Und wen gibt's noch?
Thekla. Akinthus Stepanowitsch Pantjelejew. -- Ein Beamter und Titular-Rat. Er stottert zwar ein wenig, aber dafür ist er sehr zurückhaltend.
Arina Panteleimonowna. Du sagst immer ein Beamter, ein Beamter! Sag mir lieber, ob er nicht gerne einen über den Durst trinkt.
Thekla. Aha, das tut er! Dem kann ich nicht widersprechen. Das ist wahr. Was soll man machen? ... Dafür ist er auch Titular-Rat. Aber im übrigen ist er so ruhig und sanft wie Seide.
Agathe Tichonowna. Nein, ich danke schön. Einen Trinker will ich nicht zum Manne haben.
Thekla. Gut, Mütterchen, mach was du willst. Wollt Ihr nicht den einen, so nehmt einen andern. Aber, ... schließlich, was ist auch dabei, wenn er wirklich einen zuviel trinkt? Er braucht doch nicht gleich die ganze Woche betrunken zu sein. Er wird auch schon seinen nüchternen Tag haben.
Agathe Tichonowna. Nun, und wer weiter?
Thekla. Ja, es ist noch einer da. Aber das ist nur so einer, Gott mit ihm! Die andern sind schon besser!
Agathe Tichonowna. Nein, sag, wer ist er.
Thekla. Am liebsten hätte ich gar nicht von ihm gesprochen. Freilich ist er ja Hofrat, mit 'nem Band im Knopfloch. Aber so furchtbar schwerfällig; kaum aus dem Haus ist er herauszukriegen.
Agathe Tichonowna. Nun und wer noch? Das sind doch erst fünf! Und zuerst sprachst du doch von sechsen.
Thekla. Haben Sie denn wirklich noch nicht genug? Sehen Sie mal an, wie Sie plötzlich hinterher sind, und zuerst waren Sie doch ganz erschrocken.
Arina Panteleimonowna. I, geh du mir mit all deinen Adligen. Und wenn es auch ein halbes Dutzend sind; ein Kaufmann wiegt sie alle miteinander auf.
Thekla. Ach nein, Arina Panteleimonowna, ein Adliger, der ist doch was Vornehmeres.
Arina Panteleimonowna. Was mache ich mir aus der Vornehmheit. Sieh dir mal den Alexei Dmitriewitsch an, wenn der mit seiner Zobelmütze im Schlitten vorüberfährt ...
Thekla. Dafür kommt ihm ein Adliger mit seinen Epauletten entgegen und sagt: »Was fällt dir ein, du Koofmich du; mach mir mal Platz«. Oder »he, Herr Kaufmann, ein paar Meter Samt; aber vom allerbesten«. Worauf der Kaufmann erwidert: »Bitte sehr, Euer Gnaden!« -- »Nimm mal deine Mütze ab, du Flegel!« So spricht ein Adliger.
Arina Panteleimonowna. Aber, wenn der Kaufmann keine Lust hat, braucht er ihm kein Tuch zu verkaufen. Dann kann dein Adliger nackt dasitzen und hat nichts anzuziehen.
Thekla. Dann wird ihm der Adlige eins über den Schädel schlagen.
Arina Panteleimonowna. Dann wird der Kaufmann zur Polizei laufen und ihn verklagen.
Thekla. Dann wird der Adlige den Kaufmann bei dem Senator verklagen.
Arina Panteleimonowna. Dann wird der Kaufmann zum Gouverneur gehen.
Thekla. Dann wird der Adlige ...
Arina Panteleimonowna. Ach was, nichts wie Schwindel mit deinen Adligen. Der Gouverneur ist mehr als dein Senator. Tut sich da mit ihren Adligen dicke. Auch so'n Adliger muß manches liebe Mal seine Bücklinge machen. (Es läutet an der Türe.) Ich glaube, es hat geläutet!
Thekla. Ach Gott, da sind sie schon.
Agathe Tichonowna. Wer ... sie?
Thekla. Nun ja, sie -- einer von den Freiern.
Agathe Tichonowna (schreit auf). Ach herrjeh, ach herrjeh!
Arina Panteleimonowna. Heilige Mutter Gottes, vergib mir meine Sünden! Hier im Zimmer ist ja noch gar nicht aufgeräumt. (Sie nimmt alles, was auf dem Tische liegt, zusammen und läuft damit durch das Zimmer.) Herrgott, das Tischtuch ist ja ganz schwarz ... Dunjaschka ... Dunjaschka! (Dunjaschka kommt hereingelaufen.) Schnell ein reines Tischtuch! (Arina reißt das Tischtuch vom Tisch und läuft durchs Zimmer.)
Agathe Tichonowna. Ach, Tantchen, was soll ich nur machen? Ich hab' ja fast nur ein Hemd an.
Arina Panteleimonowna. Ach Gott, Kind, lauf nur schnell und zieh dich um. (Sie rennt erregt durch das Zimmer. Dunjaschka bringt ein reines Tischtuch. Es läutet wieder.) Lauf doch nur hin und öffne. Sage, wir kommen gleich. (Dunjaschka geht. Man hört sie von draußen »gleich« rufen.)
Agathe Tichonowna. Aber Tante, mein Kleid ist nicht geplättet.
Arina Panteleimonowna. Ach, du lieber Gott, erbarme dich unser; -- zieh doch das andre an.
Thekla (kommt hereingelaufen). Warum kommen Sie denn nicht heraus? -- Kommen Sie, Agathe Tichonowna -- machen Sie doch schneller, Mütterchen! (Man hört es wieder läuten.) Ach, jetzt wartet er schon eine Ewigkeit.
Arina Panteleimonowna. Dunjaschka, laß ihn eintreten und bitte ihn, zu warten.
(Dunjaschka läuft in den Flur und öffnet die Tür; dann hört man Stimmen: »Zu Hause?« ... »Ja, bitte, treten Sie ein.« Die Frauen blicken angestrengt durch das Schlüsselloch.)
Agathe Tichonowna (aufschreiend). Herr Gott, wie dick er ist!
Thekla. Er kommt, er kommt! (Alle laufen eilig weg.)
14. Auftritt
Iwan Pawlowitsch Eierkuchen und Dunjaschka.
Dunjaschka. Bitte, warten Sie hier gefälligst! (Geht ab.)
Eierkuchen. Meinetwegen ... Warten ... na dann warte ich eben ... Wenn's mich nur nicht zu lange aufhält. Ich bin ja nur auf einen Sprung aus dem Bureau fortgegangen. Wie, wenn es nun dem General plötzlich einfiele, zu fragen: »Und wo ist der Exekutor?« ... »Er ist auf die Brautschau gegangen.« Wenn er mich nur nicht mitsamt der Braut abfahren läßt. Übrigens, ich will mir doch noch mal das Verzeichnis ansehen: (Er liest.) Also, ein zweistöckiges, steinernes Haus ... (Sieht empor und betrachtet das Zimmer) Stimmt, ist vorhanden! (Liest weiter.) Zwei Seitenflügel; einer auf einem Fundament von Stein und ein hölzerner Flügel. Na der hölzerne ist ziemlich schlecht. Weiter: eine Kutsche, ein doppelsitziger Schlitten mit Schnitzwerk und dazu eine große und eine kleine Decke. Na, den Schlitten wird man wohl in die Rumpelkammer stecken können. Die Alte behauptet zwar, er sei prima. Schön, meinetwegen auch prima. Zwei Dutzend silberne Löffel. Hm, ja, in der Wirtschaft werden freilich silberne Löffel gebraucht. Zwei Fuchspelze. Hm. Vier große Oberbetten und zwei kleine. (Er preßt die Lippen bedeutungsvoll zusammen.) Sechs Paar seidene und sechs Paar Kattunkleider. Zwei Nachtjacken ... Na, das sind Torheiten! Wäsche, Tischtücher; ach, das mag sie halten wie sie will. Übrigens, man muß das doch alles gut in Augenschein nehmen. Jetzt verspricht man dir Häuser und Equipagen, und wenn es zur Heirat kommt, findet man nichts als Oberbetten und Daunenkissen.
(Man hört es läuten. Dunjaschka läuft atemlos durchs Zimmer und öffnet die Tür. Man hört Stimmen: »Zu Hause?« »Jawohl!« ...)
15. Auftritt
Iwan Pawlowitsch Eierkuchen und Anutschkin.
Dunjaschka. Bitte, warten Sie hier, sie werden sogleich kommen. (Geht ab.)
(Anutschkin und Eierkuchen begrüßen sich.)
Eierkuchen. Ich habe die Ehre!
Anutschkin. Habe ich vielleicht das Vergnügen, den Vater der reizenden Tochter zu begrüßen?
Eierkuchen. Nein, keineswegs den Vater! Ich habe überhaupt noch keine Kinder.
Anutschkin. So, dann bitte ich Sie vielmals um Entschuldigung.
Eierkuchen (beiseite). Die Physiognomie dieses Menschen kommt mir verdächtig vor. Sollte er etwa wegen derselben Sache hier sein wie ich? (Laut.) Sie kommen wohl des Fräuleins wegen?
Anutschkin. Ach nein ... Durchaus nicht ... Ich bin nur beim Spazierengehen so mit herangekommen.
Eierkuchen (beiseite). Der Kerl lügt! Sicher lügt er! Dies Spazierengehen kenn' ich. Heiraten will er, der Lump!
(Man hört es läuten. Dunjaschka läuft durchs Zimmer und öffnet die Tür. Man hört Stimmen: »Zu Hause?« »Jawohl!«)
16. Auftritt
Dieselben und Schewakin begleitet von Dunjaschka.
Schewakin (zu Dunjaschka). Bitte schön, Kindchen, putz mich mal ab! Weißt du, auf der Straße ist mir so viel Staub angeflogen. Und nimm mir doch hier den Flocken ab. (Wendet den Kopf.) So, danke schön, mein Kind. Sieh doch mal nach: Kriecht mir da nicht 'ne Spinne über den Rock? Sind auch die Rockschöße hübsch rein? Danke, meine Liebste! Sieh mal, hier scheint noch was zu sitzen. (Streicht mit der Hand über den Ärmel und beobachtet Anutschkin und Iwan Pawlowitsch.) Es ist nämlich englischer Stoff. Und wie er sich trägt! Im Jahre 95, als unsere Flotte in Sizilien lag, -- ich war damals allerdings noch Kadett -- hab' ich mir die Uniform daraus machen lassen. 1801 unter Zar Pawel Petrowitsch wurde ich Leutnant, und der Stoff war noch ganz wie neu. 1814 machte ich die Weltumseglung mit, da merkte ich zum erstenmal, daß er anfängt, sich an den Nähten abzuscheuern, und 1815 nahm ich meinen Abschied; da brauchte ich ihn blos wenden zu lassen. Nun trage ich ihn schon zehn Jahre, und er ist noch immer fast wie neu ... So ist's gut, Herzchen, danke schön, meine Holde ... (Er wirft ihr eine Kußhand zu, geht an den Spiegel und fährt sich mit der Hand durch die Haare.)
Anutschkin. Gestatten Sie mir, Sizilien ... Sie geruhten vorhin ... Sizilien zu erwähnen. Ist das eigentlich ein schönes Land ... dieses Sizilien?
Schewakin. Äh, ich sage Ihnen, ein herrliches Land. Vierunddreißig Tage lagen wir dort vor Anker. Eine Gegend, sage ich Ihnen, einfach entzückend. Solche Berge, -- zwischendurch mal ein Granatenbaum, und überall diese kleinen Italienerinnen, wie zarte Röschen, einfach zum Küssen!
Anutschkin. Und wie steht es mit der Bildung?
Schewakin. Oh, ganz ausgezeichnet! Sie sind so gebildet, wie bei uns etwa nur die Gräfinnen. Sehen Sie, zum Beispiel ... mitunter bummelt man durch die Straßen. Sie wissen ja, was ein russischer Leutnant ist. Natürlich Epauletts (er zeigt auf die Schulter), goldene Schnüre; -- und herum alle die schwarzäugigen Schönen, ... dort hat ja jedes Haus einen Balkon und platte Dächer, platt wie dieser Fußboden ... Da sieht man denn mal so rauf, und oben sitzt dann solch ein Röschen. Natürlich will man sich doch auch nichts vergeben .... (Macht eine liebenswürdige Verbeugung und winkt mit der Hand.) Und auch sie macht bloß so .... (Macht eine entsprechende Geste.) Selbstverständlich alle brillant gekleidet. Hier, so ein Mieder, dann das Korsett, allerhand Damen-Ohrringe, mit einem Wort ... ein Leckerbissen.
Anutschkin. Und wenn ich Sie noch um eine Auskunft bitten dürfte ... Sagen Sie ... welche Sprache spricht man in Sizilien?
Schewakin. Natürlich spricht alles Französisch.
Anutschkin. Dann sprechen also auch alle jungen Damen Französisch?
Schewakin. Alle, ohne Ausnahme ... Sie werden mir vielleicht nicht glauben, was ich Ihnen jetzt sage: Wir haben vierunddreißig Tage vor Sizilien gelegen, und während dieser ganzen Zeit habe ich nicht ein einziges Wort Russisch von ihnen gehört.
Anutschkin. Nicht ein Wort?
Schewakin. Kein Wort. Dabei rede ich noch nicht einmal von den Adligen und den übrigen Signoren, d. h. von ihren Offizieren, -- nein, nehmen Sie den gewöhnlichen Bauern oder Arbeiter, der jeden Dreck auf seinen Schultern schleppt, probieren Sie mal, ihm zu sagen: Bruder, gib mir ein Stück Brot! -- Er wird Sie nicht verstehen, bei Gott; er versteht Sie nicht. Aber sagen Sie ihm dasselbe auf französisch: _Dateci del pane_ oder _Portate vino_ -- dann versteht er Sie sofort. Im Augenblick läuft er hin und bringt, was Sie wünschen.
Iwan Pawlowitsch. Ein merkwürdiges Land muß doch dieses Sizilien sein, wie ich sehe. Sie sagten da: ein Bauer! Wie ist es denn mit diesem Bauern? Ist er ganz ebenso wie ein russischer Bauer? So ein breitschultriger Kerl, der den Acker pflügt, oder nicht?