Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke

Part 14

Chapter 143,680 wordsPublic domain

Schewakin. Darüber kann ich Ihnen leider keine Auskunft geben. Ob sie auch pflügen oder nicht, das hab' ich gar nicht beobachtet. Aber was das Tabakschnupfen anbelangt, so kann ich Ihnen allerdings versichern, daß sie ihn nicht nur alle schnupfen, sondern daß sie ihn auch in die Backen stecken. Auch das Fahren ist dort sehr bequem. Nichts wie Wasser ringsherum, und dabei überall Gondeln. Und darinnen selbstverständlich solch eine kleine Italienerin, so ein Röschen, und angezogen, ... pikfein! So ein Lätzchen und Tüchlein, und so ... Sehen Sie, wir hatten auch zwei englische Offiziere mit uns. Ich sage Ihnen, das war eine Gesellschaft, ganz wie unsere Seeleute. Anfangs war es ja ein bißchen merkwürdig, wir verstanden uns nämlich nicht; aber als wir uns erst ordentlich kennen gelernt hatten, da verstanden wir uns vortrefflich. So zeigen Sie zum Beispiel auf die Flasche oder auf das Glas, und jeder weiß sofort -- das bedeutet: einen nehmen. Oder man legt die Finger an den Mund und macht mit den Lippen nur: Paff! Paff! Das bedeutet dann einfach: Ich will eine Pfeife rauchen. Überhaupt kann ich Ihnen sagen: eine ganz leichte Sprache. Unsere Matrosen, die verstanden sich bereits nach zwei oder drei Tagen.

Iwan Pawlowitsch. Wie ich sehe ein höchst interessantes Leben in fremden Ländern. Es freut mich außerordentlich, die Bekanntschaft eines Mannes zu machen, der so weit herumgekommen ist. Darf ich fragen, mit wem ich die Ehre habe?

Schewakin. Schewakin, Leutnant zur See a. D. Erlauben Sie, mich auch meinerseits zu erkundigen, mit wem ich das schätzbare Vergnügen habe ...

Eierkuchen. Exekutor, noch im Dienst, Iwan Pawlowitsch ... Eierkuchen!

Schewakin (ihn nicht verstehend). Ja, ich habe auch schon etwas gegessen. Sehen Sie, ich weiß, ich habe noch einen großen Weg vor mir, und es ist heute sehr kalt; da habe ich ein Stückchen Brot mit Hering zu mir genommen.

Eierkuchen. Nein, Sie scheinen mich nicht richtig verstanden zu haben; Eierkuchen -- das ist mein Familienname.

Schewakin (sich verbeugend). Ah, das freut mich sehr! ... Verzeihen Sie, ich höre etwas schlecht. Ich verstand, Sie wollten sagen: Sie hätten Eierkuchen gegessen.

Eierkuchen. Ja, was soll man machen! -- Ich wollte schon den General um die Erlaubnis bitten, mich Eier_kuchler_ nennen zu dürfen. Aber meine Verwandten waren dagegen, sie meinten, das hätte wieder zu viel Ähnlichkeit mit »Ei Verfluchter« ...

Schewakin. Ja, es passieren schon solche Geschichten. Sehen Sie z. B. unser ganzes drittes Geschwader: sämtliche Offiziere und Matrosen hatten so merkwürdige Familiennamen .... Herr von Spülicht, Herr von Süffel, Leutnant von Schweißlappen, und ein Kadett, übrigens sonst ein famoser Kerl, hieß ganz einfach: Loch, so daß man den Kapitän manchmal rufen hörte: Komm doch mal her, Löchlein. Auch die anderen machten sich oft über ihn lustig und riefen ihm zu: Ach du Loch, du Löchlein du! (Es schellt. Thekla läuft durch das Zimmer und öffnet.)

Eierkuchen. Eh, guten Tag, Mütterchen!

Schewakin. Guten Tag, wie geht's, meine Seele?

Anutschkin. Guten Tag, Mütterchen Thekla Iwanowna.

Thekla (kommt atemlos gelaufen). Danke schön, danke schön, meine lieben Herren. Gut, gut.

(Sie öffnet die Tür, im Vorzimmer hört man Stimmen: »Zu Hause?« »Jawohl!« Dann hört man ein paar unverständliche Worte, worauf Thekla ärgerlich ausruft: »Du bist mir aber auch einer!« ...)

17. Auftritt

Die Vorigen. Kotschkarjow, Podkoliessin und Thekla.

Kotschkarjow (zu Podkoliessin). Denk immer nur an eins: Courage und weiter nichts! (Er sieht sich um, macht erstaunt einige Verbeugungen, beiseite.) Teufel, was für ein Haufen Menschen! Was hat das zu bedeuten? Das sind doch nicht etwa lauter Freier? (Er gibt Thekla einen Rippenstoß und sagt leise zu ihr.) Woher nahmst du bloß all die Geier?

Thekla (leise). Was, Geier? ... Das sind lauter anständige Menschen.

Kotschkarjow (zu ihr). Nun, nun, viel Geschrei und wenig Wolle!

Thekla. Kehr du nur vor deiner Tür. Du hast auch nichts, womit du prahlen könntest ... 'ne Zobelmütze auf'm Kopf und 'ne Wassersuppe in dem Topf!

Kotschkarjow. Das sind wohl alles deine Kunden, was? Alle mit 'nem Loch im Beutel. (Laut.) Aber wo bleibt sie denn nur? Diese Tür geht wohl in ihr Schlafzimmer? (Geht zur Türe.)

Thekla. Schäme dich was, ich sagte dir doch, sie zieht sich noch um.

Kotschkarjow. Welch ein Malheur! Was ist denn dabei? ... Ich will ja nur mal reingucken ... und weiter nichts. (Sieht durch das Schlüsselloch.)

Schewakin. Ah, ich bitte sehr, erlauben Sie mir doch auch einmal, hineinzusehen.

Eierkuchen. Ach, lassen Sie mich nur ein Augenblickchen durchsehen.

Kotschkarjow (sieht noch immer durchs Schlüsselloch). Es ist nichts zu sehen, meine Herrschaften! Man kann absolut nichts erkennen. Man sieht nur was Weißes; aber es ist nicht herauszukriegen: ist's eine Frau oder ein Kopfkissen.

(Alle drängen sich jedoch um die Tür und suchen sich gegenseitig fortzustoßen, um durchs Schlüsselloch zu sehen.)

Kotschkarjow. Sst. Es kommt jemand ... (Alle springen zurück.)

18. Auftritt

Die Vorigen, Arina Panteleimonowna und Agathe Tichonowna. Alle verbeugen sich.

Arina Panteleimonowna. Was verschafft uns die Ehre Ihres Besuches?

Eierkuchen. Wie ich aus den Zeitungen erfahre, wollen Sie Holz schlagen lassen. Ich bin staatlicher Exekutor, und so komme ich, zu hören, um was für einen Baumschlag es sich hier handelt, wieviel und bis wann Sie liefern können.

Arina Panteleimonowna. Holz -- haben wir zwar nicht abzugeben, aber wir freuen uns über Ihren Besuch. Darf ich nach Ihrem Namen fragen?

Eierkuchen. Iwan Pawlowitsch Eierkuchen -- Kollegienassessor.

Arina Panteleimonowna. Nehmen Sie gefälligst Platz. (Wendet sich an Schewakin und blickt ihn scharf an.) Und darf ich Sie fragen, was Sie ...

Schewakin. Oh, ich habe auch so eine Annonce gelesen und da hab' ich mir gedacht: da mußt du doch mal hingehen. Sehen Sie, das Wetter war sehr schön, überall am Wege grünt und blüht es ...

Arina Panteleimonowna. Und wie ist Ihr Name?

Schewakin. Oh, Leutnant zur See a. D. ... Baltasar Baltasarowitsch Schewakin der Zweite. Wir hatten nämlich noch einen andern Schewakin, aber der nahm noch vor mir seinen Abschied. Er wurde nämlich am Bein verwundet, Mütterchen. Und dabei traf ihn die Kugel so eigentümlich; sie verletzte nur eine Sehne, ohne den Knochen in Mitleidenschaft zu ziehen. Das hing alles nur grade noch zusammen, und wenn man neben ihm stand, sah es genau so aus, als ob er einem von hinten eins mit dem Fuße auswischen wollte.

Arina Panteleimonowna. Bitte, nehmen Sie doch Platz. (Zu Anutschkin.) Und Sie, mein Herr, was führt Sie her?

Anutschkin. Ich habe die Ehre, Ihr Nachbar zu sein. Ich wohne ganz in Ihrer Nähe.

Arina Panteleimonowna. Etwa im Hause der Frau Kaufmann Tulubow? Hier gegenüber?

Anutschkin. Nein, das nicht. Einstweilen wohne ich noch in Peßki; aber ich habe die feste Absicht, mit der Zeit hierher in Ihren Bezirk zu ziehen.

Arina Panteleimonowna. Setzen Sie sich, bitte! (Zu Kotschkarjow.) Und darf ich wissen, was Sie veranlaßte ...

Kotschkarjow. Ja! Wie? Erkennen Sie mich denn nicht? (Wendet sich an Agathe Tichonowna.) Und auch Sie nicht, mein Fräulein?

Agathe Tichonowna. Mir scheint, ich habe Sie noch nie gesehen.

Kotschkarjow. Aber erinnern Sie sich doch. Sie haben mich sicher schon irgendwo gesehen.

Agathe Tichonowna. Ich weiß wirklich nicht. Doch nicht etwa bei Birjuschkins?

Kotschkarjow. Wo denn sonst? ... Natürlich bei Birjuschkins.

Agathe Tichonowna. Ach, dann wissen Sie wohl noch gar nicht, was für eine Geschichte da passiert ist?

Kotschkarjow. Gewiß; sie hat sich verheiratet.

Agathe Tichonowna. Nun, das wäre noch nicht so schlimm; nein, sie hat sich ein Bein gebrochen.

Arina Panteleimonowna. Ja, ein schwerer Bruch. Sie fuhr spät abends im Wagen nach Hause, der Kutscher war betrunken und warf den Wagen um.

Kotschkarjow. Richtig, jetzt erinnere ich mich! Irgend etwas mußte mit ihr passiert sein ... entweder sie hatte sich verheiratet oder sie hatte sich ein Bein gebrochen.

Arina Panteleimonowna. Und wie heißen Sie?

Kotschkarjow. Bitte sehr -- Ilja Fomitsch Kotschkarjow. Wir sind doch Verwandte. Meine Frau spricht fortgesetzt davon. Erlauben Sie, erlauben Sie: (Er faßt Podkoliessin bei der Hand und zieht ihn herbei.) Mein Freund Iwan Kusmitsch Podkoliessin, Hofrat. Ist Expeditor, macht aber alles allein. Er hat sein Ressort famos in die Höhe gebracht.

Arina Panteleimonowna. Und wie ist Ihr Name?

Kotschkarjow. Podkoliessin. Iwan Kusmitsch Podkoliessin. Der Direktor, der ist überhaupt nur noch _pro forma_ da. Er hat das ganze Departement in den Händen. Iwan Kusmitsch Podkoliessin.

Arina Panteleimonowna. Bitte, nehmen Sie Platz.

19. Auftritt

Die Vorigen und Starikow.

Starikow (verbeugt sich lebhaft und schnell wie ein Kaufmann und stemmt die Hände ein wenig in die Seite). Guten Tag, Mütterchen Arina Panteleimonowna. Bei uns in der Passage war davon die Rede, Sie hätten Wolle zu verkaufen, Mütterchen.

Agathe Tichonowna (wendet sich verächtlich ab, halblaut murmelnd, aber so, daß er es verstehen kann). Hier ist doch kein Kramladen.

Starikow. Ei, also komm' ich wohl nicht zupaß? Oder ist der Brei schon ohne mich ausgelöffelt?

Arina Panteleimonowna. Bitte, bitte, Alexei Dmitriewitsch, wenn wir auch nicht mit Wolle handeln, aber wir freuen uns doch sehr, daß Sie uns das Vergnügen machen. Bitte, nehmen Sie Platz.

(Alle sitzen schweigend da. Pause.)

Eierkuchen. Ein äußerst seltsames Wetter heute. Morgens, da sah es ganz so aus, als ob es regnen wollte. Jetzt jedoch scheint es wieder vorüber zu sein.

Agathe Tichonowna. Ja, dieses Wetter ist wirklich furchtbar ... Bald ist es hell, und bald regnet es unaufhörlich. Ein höchst peinliches Wetter.

Schewakin. Ganz recht! Zum Beispiel -- sehen Sie in Sizilien, Mütterchen! Wir waren einmal im Frühjahr mit unserer Flotte dort. Die jetzige Jahreszeit entspricht ungefähr unserem Februar. Wenn man da seine Schritte ins Freie lenkt, dann leuchtet die Sonne. Und dann fängt es plötzlich an zu regnen, und wenn man genauer zusieht, dann regnet es wirklich.

Eierkuchen. Das Unangenehmste bei solch einem Wetter ist, alleine zu Hause zu sitzen. Bei einem verheirateten Manne, da ist's doch eine ganz andere Sache. Der langweilt sich nicht; aber, wenn man alleine sitzt, das ist einfach nicht zum ...

Schewakin. Oh, eine tödtliche Langeweile!

Anutschkin. Ja, das dürfte man wohl behaupten.

Kotschkarjow. Ach was, die reinste Folter ist es. Man wird seines Lebens nicht mehr froh. Gott bewahre mich vor einem solchen Zustand.

Eierkuchen. Wie wäre es nun, mein Fräulein, wenn Sie in die Lage kämen, sich ein ... einen ... Gegenstand zu wählen? Kann ich Ihren Geschmack erfahren? Entschuldigen Sie, daß ich so frei von der Leber rede ... Was paßte Ihnen wohl am besten? Ich meine, welches Amt müßte Ihr Mann bekleiden?

Schewakin. Wollten Sie nicht einen Mann Ihr eigen nennen, der sich mit allen Stürmen des Meeres herumgeschlagen hat? ...

Kotschkarjow. Nein, nein, der beste Mann ist meiner Meinung nach nur einer, der ein ganzes Departement leiten kann.

Anutschkin. O bitte, warum denn ein solches Vorurteil. Warum wollten Sie einen Mann geringschätzen, der vielleicht nur bei der Infanterie gedient hat, der es aber doch versteht, die Formen der feinen Welt zu schätzen.

Eierkuchen. Entscheiden Sie, Fräulein!

Agathe Tichonowna (schweigt).

Thekla. So sprechen Sie doch, Mütterchen! Reden Sie doch einen Ton.

Eierkuchen. Nun Fräulein, bitte, wie steht's? ...

Kotschkarjow. Wie denken Sie darüber, Agathe Tichonowna?

Thekla (leise zu ihr). Sagen Sie doch irgendwas, ... sagen Sie nur: »Ich danke bestens,« oder »mit Vergnügen!« Man sitzt doch nicht so stumm da.

Agathe Tichonowna (leise). Ich schäme mich ja! Ich schäme mich wirklich. Ich will lieber gehen ... wirklich, ich will gehen. Tantchen, bleiben Sie statt meiner hier.

Thekla. Ach, tu mir doch diese Schande nicht an. Lauf nur nicht fort, du blamierst uns ja nur. Weiß Gott, was sie von uns denken werden? ...

Agathe Tichonowna (wie vorher). Nein, ich geh ... ich geh ... ich geh wirklich ... (Sie läuft hinaus; Thekla und Arina Panteleimonowna folgen ihr.)

20. Auftritt

Die Vorigen ohne die Frauen.

Eierkuchen. Da haben wir's! Jetzt laufen sie alle fort. Was soll das nun wieder bedeuten? ...

Kotschkarjow. Wahrscheinlich ist irgend etwas passiert? ...

Schewakin. Vielleicht ist die Toilette in Unordnung geraten. Man muß etwas nachhelfen ... Vielleicht das Mieder feststecken ... (Thekla kommt zurück; alle stürzen mit Fragen auf sie zu.) Nun, nun, was ist los?

Kotschkarjow. Ist was passiert? ...

Thekla. Wie soll denn was passiert sein! Bei Gott! Nichts ist passiert.

Kotschkarjow. Warum ist sie denn dann fortgelaufen?

Thekla. Ihr habt sie in Verlegenheit gebracht. Darum ist sie rausgelaufen. Sie war ja ganz verwirrt und wußte nicht mehr ein noch aus. Sie bittet mich, daß Ihr sie entschuldigen sollt. Ihr möchtet doch heute abend zu einem Glas Tee kommen. (Geht ab).

Eierkuchen. Eh, dieses Glas Tee! Deswegen kann mir die ganze Heiraterei gestohlen werden. Nun geht wieder die Plackerei von vorne los ... »Heute haben wir keine Zeit ... bitte kommen Sie morgen ... oder übermorgen ... auf ein Glas Tee! Wir müssen es uns noch überlegen« ... Und dabei ist die Heirat doch 'ne ganz lumpige Sache. Erfordert durchaus kein Kopfzerbrechen. Hol's der Teufel! Ich steh im Dienst, ich hab' keine Zeit.

Kotschkarjow (zu Podkoliessin). Hör mal du, das Mädel ist nicht übel, was? ...

Podkoliessin. Durchaus nicht übel!

Schewakin. Nettes Mädchen das!

Kotschkarjow (beiseite). Teufel, dieser Esel ist wohl verliebt! Er verpfuscht uns womöglich noch die ganze Geschichte. (Laut.) Die ist doch nicht nett! Auch nicht im mindesten.

Eierkuchen. Die Nase ist zu groß.

Schewakin. O nein. Davon habe ich nichts bemerkt. Sie ist ein richtiges Röschen!

Anutschkin. Auch ich möchte mich dieser Ansicht anschließen. Es ist doch nichts Rechtes. Ich möchte sogar zweifeln, daß sie etwas von den Formen der feinen Welt versteht. Es ist noch die Frage, ob sie das Französische beherrscht.

Schewakin. Aha, dann gestatten Sie mir wohl die Frage, warum haben Sie es nicht versucht, mit ihr Französisch zu sprechen. Vielleicht kann sie es doch?

Anutschkin. Sie glauben, daß ich des Französischen mächtig bin. Ach nein, ich hatte leider niemals das Glück, eine dahingehende Erziehung zu genießen. Mein Vater war ein Schweinehund, sozusagen ... ein Lump. Er hat gar nicht daran gedacht, mich Französisch lernen zu lassen. Damals war ich ja noch ein Kind; es wäre also ganz leicht gewesen, es mir beizubringen. Ich hätte nur tüchtig Prügel zu bekommen brauchen, dann könnte ich heute Französisch.

Schewakin. Da Sie es nun aber nicht verstehen, was könnte es Ihnen nützen, wenn diese ...

Anutschkin. O nein! Bei einer Frau ist das etwas ganz anderes. Sie muß es unbedingt können; sonst ist eben ... dieses und das und ... (er macht ein paar Gesten) alles eben nicht in Ordnung.

Eierkuchen (beiseite). Mag sich ein anderer darüber den Kopf zerbrechen. Ich will unterdessen mal hinlaufen und mir das Haus und seine beiden Seitenflügel von unten ansehen. Wenn da nur alles in Ordnung ist, dann setze ich es heute abend noch durch. Diese Herren Freier sind mir gewiß nicht gefährlich, das ist ja man 'ne recht schwächliche Sorte. Solche Gesellen! Nein, die Frauenzimmer haben einen andern Geschmack.

Schewakin. Man sollte sich eine Pfeife anzünden! Haben wir vielleicht denselben Weg? Darf ich fragen, wo wohnen Sie doch gleich?

Anutschkin. Bitte sehr, in Peßki, in der Petrowski-Gasse.

Schewakin. Hm, das wäre allerdings ein Umweg. Ich wohne auf Wassiliewski-Ostrow, in der achtzehnten Linie. Übrigens kann ich Sie doch begleiten.

Starikow. Nein, die Herrschaften sind mir doch etwas zu hochnäsig. Na, Agathe Tichonowna, Sie werden noch einmal an mich denken. Ich empfehle mich Ihnen, meine Herren. (Er verbeugt sich und geht ab.)

21. Auftritt

Podkoliessin und Kotschkarjow.

Podkoliessin. Und worauf warten wir?

Kotschkarjow. Nein, sag mal, sie ist doch ganz reizend, was?

Podkoliessin. Ach, geh, aufrichtig gesagt, sie gefällt mir nicht!

Kotschkarjow. Da haben wir's! Was soll das nun wieder heißen? Vorhin hast du doch selbst zugegeben, daß sie hübsch ist.

Podkoliessin. Ich weiß nicht, aber es ist wohl doch nicht das Richtige. Die Nase ist zu lang und dann: sie spricht ja nicht Französisch.

Kotschkarjow. Was soll denn das? ... Wozu hast du es denn nötig, daß sie Französisch spricht?

Podkoliessin. Nein, bitte, ein Mädchen, das heiraten will, muß Französisch können.

Kotschkarjow. Wozu?

Podkoliessin. So ... weil ... nun ich weiß nicht mehr warum; sonst ist die Sache eben nicht in Ordnung.

Kotschkarjow. Da haben wir's! Irgendein Esel hat hier so was behauptet, und du läßt gleich die Ohren hängen. Sie ist entzückend, sag' ich dir, einfach entzückend! Ein solches Mädchen findest du überhaupt nicht wieder.

Podkoliessin. Ich muß ja gestehen, im Anfang gefiel sie mir ebenfalls. Aber als nachher die andern kamen und sagten, die Nase sei zu lang, da sah ich genauer hin und fand wirklich, daß die Nase zu lang ist.

Kotschkarjow.

Ach, dieser Esel läuft umher, Find't seine eigne Tür nicht mehr!

Du Dummkopf, das wird doch absichtlich so geredet, um dich wegzugraulen. Ich hab's doch genau so gemacht. So wird's eben gemacht! Bester, ich sag' dir, das ist ein Mädchen! Sieh dir nur mal die Augen an. Augen sind das! Die reden und glühen ja förmlich. Weiß der Teufel! Und die Nase ... Himmel, ist das 'ne Nase! Wie Alabaster so weiß. Ach was, Alabaster reicht da gar nicht heran. Sieh du sie dir nur erst mal ordentlich an.

Podkoliessin (lächelnd). Ja, jetzt sehe ich es selbst: sie ist wirklich schön.

Kotschkarjow. Natürlich ist sie's! Hör mal: jetzt, nachdem sie alle fort sind, können wir gleich reingehen, du erklärst dich, und die Geschichte ist erledigt.

Podkoliessin. Nein, das tue ich denn doch nicht.

Kotschkarjow. Warum denn nicht?

Podkoliessin. Das wäre doch zu unverschämt. Wir sind doch so viele, mag sie selbst wählen.

Kotschkarjow. Was gehen denn dich die andern an? Fürchtest du dich vor der Konkurrenz. Wie? Oder willst du, daß ich sie alle in einer Minute hinausbefördere?

Podkoliessin. Ja, wie willst du sie denn hinausbefördern?

Kotschkarjow. Das laß nur meine Sache sein! Versprich mir nur das eine, daß du nachher dein Wort nicht zurücknimmst.

Podkoliessin. Weshalb sollte ich das nicht versprechen? Bitte schön, ich leiste ja gar keinen Widerstand. Ich habe die feste Absicht, zu heiraten! -- --

Kotschkarjow. Deine Hand darauf!

Podkoliessin (reicht ihm die Hand). Hier.

Kotschkarjow. Nun, mehr brauch' ich nicht. (Beide ab.)

Zweiter Aufzug

Zimmer im Hause Agathe Tichonownas.

1. Auftritt

Agathe Tichonowna allein; später Kotschkarjow.

Agathe Tichonowna. Nein, wie schwer wird einem doch eine solche Wahl! Wären es nur einer oder zwei. Aber nun gleich vier. Ja, wer die Wahl hat, hat die Qual! Nikanor Iwanowitsch ist ja nicht übel; obwohl er etwas zu mager ist. Iwan Kusmitsch ist übrigens auch nicht häßlich und, wenn ich die Wahrheit sagen soll, so ist zwar Iwan Pawlowitsch ein wenig dick, aber doch ein ganz stattlicher Mann. Schöne Geschichte! Was soll ich nur anfangen? Andererseits hat auch Baltasar Baltasarowitsch seine Vorzüge. Nein, wie schwer wird einem doch solch ein Entschluß! Es läßt sich gar nicht sagen, wie schwer. Wenn man die Lippen Nikanor Iwanowitschs nehmen und die Nase Iwan Kusmitschs darüber setzen könnte, und wäre dazu etwas von der Keckheit Baltasar Baltasarowitschs und dann noch ein wenig von der Fülle Iwan Pawlowitschs dabei -- dann würde ich mich auf der Stelle entschließen. So aber, ach, ich mag gar nicht daran denken! Der Kopf schmerzt mir schon. Vielleicht wäre es das Beste, darum zu losen. Möge Gott entscheiden! Wen ich ziehe, der soll mein Mann werden. So, ich werde alle Namen auf Zettelchen schreiben, sie rollen, durcheinanderschütteln, und mag dann kommen, was kommen will. (Sie geht an das Tischchen, holt Papier und eine Schere herauf, schneidet einige Zettel, rollt sie und fährt fort.) Wie schrecklich ist doch die Lage eines jungen Mädchens, besonders wenn sie verliebt ist ... Kein Mann kann sich da hineinversetzen, ach, keiner wird sie auch nur verstehen wollen. So, jetzt sind sie alle fertig. Jetzt brauche ich sie nur ins Täschchen zu stecken, die Augen zuzumachen und dann mag kommen, was da will. (Sie legt die Zettel in den Pompadour und mischt sie mit der Hand.) Wie ängstlich ich bin! Ach, wenn Gott gäbe, daß ich Nikanor Iwanowitsch zöge ... Doch nein, warum grade ihn? ... Lieber schon Iwan Kusmitsch. Aber warum grade Iwan Kusmitsch? Die andern sind doch auch nicht schlechter. Nein, ich will an nichts denken. Wen ich herausziehe, der mag es schon sein. Endgültig! (Sie sucht mit der Hand im Pompadour herum und zieht statt eines Zettels -- alle auf einmal.) Ach Herr Gott, jetzt habe ich alle auf einmal herausgezogen ... Ach, wie mein Herz klopft ... Nein, nein, nur einen! (Sie legt die Zettel wieder in den Pompadour und mischt sie von neuem. In diesem Augenblick kommt Kotschkarjow leise herein und tritt hinter sie.) Ach, wenn ich doch Baltasar Baltasarowitsch, nein, ich wollte sagen Nikanor Iwanowitsch ... Nein, nein, ich will nicht. Das Schicksal mag entscheiden.

Kotschkarjow. Nehmen Sie Iwan Kusmitsch! Fertig! Das ist schon das allerbeste.

Agathe Tichonowna. Ach! (Sie schreit auf, bedeckt das Gesicht mit beiden Händen und fürchtet sich, sich umzusehen.)

Kotschkarjow. Warum erschrecken Sie so? Haben Sie keine Angst; ich bin es. Wirklich, nehmen Sie schon Iwan Kusmitsch.

Agathe Tichonowna. Ach, ich schäme mich so. Gewiß haben Sie gehorcht.

Kotschkarjow. Das schadet doch nichts! Ich gehöre doch zur Familie. Vor mir brauchen Sie ja keine Geheimnisse zu haben. Lassen Sie mich doch Ihr Gesichtchen sehen.

Agathe Tichonowna (zieht die Hand zur Hälfte zurück). Nein, wirklich, ich schäme mich!

Kotschkarjow. Also, nehmen Sie Iwan Kusmitsch.

Agathe Tichonowna. Ach! (Schreit wieder auf und bedeckt das Gesicht von neuem mit den Händen.)

Kotschkarjow. Wirklich, er ist ein prächtiger Mensch; er hat sein Ressort famos in die Höhe gebracht. Wahrhaftig, ein seltener Mensch!

Agathe Tichonowna (zieht ihre Hände wieder langsam zurück). Wie aber ... und der andere? Nikanor Iwanowitsch? Das ist doch auch ein vortrefflicher Mensch.

Kotschkarjow. Aber, ich bitte Sie, das ist doch nur Bruch; im Vergleich zu Iwan Kusmitsch.

Agathe Tichonowna. Wieso denn?

Kotschkarjow. Aber das ist doch ganz klar! Iwan Kusmitsch ist eben ein Mensch ... nun also, ein Mensch, so, wie Sie ihn einfach nicht wieder finden.

Agathe Tichonowna. Und Iwan Pawlowitsch?

Kotschkarjow. Na, Iwan Pawlowitsch ist natürlich auch Bruch; kurz und gut, sie sind eben alle Bruch.

Agathe Tichonowna. Wirklich alle?

Kotschkarjow. Urteilen Sie doch selbst. Sie brauchen nur zu vergleichen. So oder so -- Iwan Kusmitsch, und daneben die andern ... hergelaufenes Gesindel! Dieser Iwan Pawlowitsch, dieser Nikanor Iwanowitsch. Pfui Teufel noch einmal!

Agathe Tichonowna. Eigentlich haben Sie recht! Es sind wahrhaftig recht unansehnliche Menschen.

Kotschkarjow. Was? ... Unansehnlich? Pack! Strolche! Eine ganz gefährliche Bande! Haben Sie denn Lust, schon am Tage nach der Hochzeit geschlagen zu werden?

Agathe Tichonowna. O mein Gott! Welch ein Unglück ... ich könnte mir kein furchtbareres Unglück denken.

Kotschkarjow. Etwas Furchtbareres läßt sich auch gar nicht vorstellen.

Agathe Tichonowna. Also Sie meinen, ich soll Iwan Kusmitsch nehmen?

Kotschkarjow. Gewiß. Iwan Kusmitsch. Natürlich! Iwan Kusmitsch (Beiseite.) Ich glaube, die Sache geht glatt. Podkoliessin sitzt im Café, ich will gleich mal hinlaufen und ihn holen.

Agathe Tichonowna. Also, Sie meinen wirklich, daß ich Iwan Kusmitsch nehmen soll?

Kotschkarjow. Unbedingt Iwan Kusmitsch ...

Agathe Tichonowna. Und ich soll den andern einen Korb geben?