Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke
Part 15
Kotschkarjow. Selbstverständlich! ...
Agathe Tichonowna. Wie soll ich das nur machen? Ich schäme mich ein wenig.
Kotschkarjow. Was ist dabei zu schämen? ... Sagen Sie doch einfach, Sie fühlen sich noch zu jung zum Heiraten.
Agathe Tichonowna. Das werden sie mir nicht glauben. Sie werden erst fragen: wie, warum, weswegen ...
Kotschkarjow. Ja, wollen Sie die Gesellschaft auf einmal loswerden, dann sagen Sie doch einfach: »Macht daß ihr rauskommt, Ihr Esel!«
Agathe Tichonowna. Aber nein, so was sagt man doch nicht!
Kotschkarjow. Versuchen Sie's nur mal, seien Sie sicher, danach laufen sie alle davon.
Agathe Tichonowna. Nein, das wäre ja geradezu grob.
Kotschkarjow. Aber Sie sehen sie doch nicht mehr wieder. Da kann's Ihnen doch gleich bleiben.
Agathe Tichonowna. Es schickt sich aber doch nicht. Und dann, sie könnten in Wut geraten.
Kotschkarjow. Das ist doch kein Unglück, wenn sie böse werden. Wenn's noch irgendwelche Folgen hätte, dann wär's was anderes. Das Schlimmste, was Ihnen passieren kann, ist, daß Ihnen der eine oder der andere ins Gesicht spuckt. Weiter nichts! ...
Agathe Tichonowna. Nun, da sehen Sie's!
Kotschkarjow. Nun? Was schadet denn das? Manch einem ist das schon ein paarmal passiert. Bei Gott! Da hab' ich einen Bekannten, einen hübschen Kerl, mit roten Backen, der hat seinem Chef so lange auf dem Hals gelegen, ihn um Zulage gequält, bis der es schließlich nicht mehr aushielt, und ihm gradweg ins Gesicht spuckte. Bei Gott! »Da hast du deine Zulage,« hat er ihn angebrüllt, »laß mich in Ruhe, du Satan!« aber bekommen hat er die Zulage nachher doch. Was hat's ihm geschadet, daß er ihn angespuckt hat? Ja, hätte er kein Taschentuch bei sich gehabt! Aber er hatte ja eins in der Tasche, nahm es heraus und wischte sich ab. (Draußen schellt es.) Aha, es klopft, da kommt wohl schon einer angezogen. Aber jetzt möchte ich keinem von ihnen begegnen. Sagen Sie, gibt es hier keinen zweiten Ausgang?
Agathe Tichonowna. Ja, doch, hier über die Hintertreppe ... Ich zittre am ganzen Körper. Wahrhaftig! ...
Kotschkarjow. Das macht nichts. Nur Mut und Selbstvertrauen! Leben Sie wohl. (Beiseite.) Ich muß doch den Podkoliessin schnell herschleppen.
2. Auftritt
Agathe Tichonowna und Eierkuchen.
Eierkuchen. Ich bin mit Absicht etwas früher gekommen, mein Fräulein, um Sie ganz allein zu sprechen und zwar in aller Ruhe. Was meinen Rang anbetrifft, Fräulein, so sind Sie, wie ich glaube, zur Genüge informiert. Ich bin Kollegien-Assessor; meine Vorgesetzten lieben mich; meine Untergebenen gehorchen mir; ich bedarf also nichts als einer Lebensgefährtin.
Agathe Tichonowna. Ja.
Eierkuchen. Jetzt aber habe ich eine gefunden, nämlich Sie! Bitte, antworten Sie mir, aber ohne Umschweife: Ja, oder nein! (Er betrachtet ihre Schultern; beiseite.) In der Tat, sie ist nicht so mager, wie die deutschen Mädchen; sie hat doch wenigstens was auf sich.
Agathe Tichonowna. Aber ich bin doch noch zu jung; ich will noch nicht heiraten.
Eierkuchen. Aber ich bitte Sie, mein Fräulein, warum bemüht sich dann die Vermittlerin? Nein, vielleicht wollten Sie etwas anderes sagen; sprechen Sie sich ruhig aus! (Es klingelt.) Teufel, die lassen einem ja nicht mal Zeit, die Sache richtig anzupacken.
3. Auftritt
Die Vorigen und Schewakin.
Schewakin. Mein gnädiges Fräulein, ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich vielleicht ein wenig zu früh erscheine. (Dreht sich um und erblickt Eierkuchen.) Aha, es ist schon jemand hier. Iwan Pawlowitsch, ich habe die Ehre!
Eierkuchen (beiseite). Hol' dich der Teufel mit deiner Ehre. (Laut.) Also, wie steht's, mein Fräulein? Sagen Sie doch nur ein Wort: Ja oder nein? (Es läutet. Eierkuchen spuckt wütend aus.) Schon wieder die Glocke!
4. Auftritt
Die Vorigen und Anutschkin.
Anutschkin. Vielleicht, mein Fräulein, dürfte ich etwas früher gekommen sein, als es die Regeln des Anstandes erlauben. (Erblickt die übrigen und begrüßt sie mit einem Ausruf des Erstaunens.) Ah, Ihr ergebener Diener!
Eierkuchen (bei sich). Zum Teufel mit deinem Diener! Dich hat der Satan hergeführt. Wenn du doch auf deinen dürren Stelzen zusammenklapptest! (Laut.) Nun also, mein Fräulein, entscheiden Sie sich jetzt! Sie wissen, mich ruft mein Dienst, ich habe nicht viel Zeit zu verlieren. Ja oder nein?
Agathe Tichonowna (verlegen). Es ist nicht nötig ... es ist nicht nötig ... nicht doch ... (Zu sich selber.) Ich weiß ja gar nicht, was ich spreche.
Eierkuchen. Wie, nicht nötig? In welcher Hinsicht nicht nötig?
Agathe Tichonowna. Ach nein, nein, das wollte ich ja gar nicht sagen. (Plötzlich Mut fassend.) Raus! (Schlägt die Hände vor dem Gesicht zusammen.) Ach, mein Gott, mein Gott, was hab' ich nur gesagt!
Eierkuchen. Wie raus? Was bedeutet das: Raus? Ich muß Sie fragen, was Sie darunter verstanden haben wollen? (Stemmt die Arme drohend in die Seite und geht auf sie zu.)
Agathe Tichonowna (sieht ihn erschrocken an und schreit entsetzt auf). Mein Gott, er will mich schlagen! Er will mich schlagen!
(Sie läuft hinaus; Eierkuchen bleibt mit offenem Munde stehen. Auf ihr Schreien kommt)
Arina Panteleimonowna (hereingelaufen. Sowie sie ihm ins Gesicht sieht, schreit sie ebenfalls auf). Mein Gott, er will mich schlagen! (Läuft hinaus.)
Eierkuchen. Was für eine Komödie geht hier vor sich? Eine schöne Geschichte das! (Es läutet wieder an der Türe; man hört von draußen Stimmen.)
Stimme Kotschkarjows. So komm doch endlich! Komme doch rein! Was stehst du denn da?
Stimme Podkoliessins. Geh nur voran! Laß mich einen Augenblick. Mein Hosenträger ist mir losgegangen. Laß mich ihn erst wieder befestigen.
Stimme Kotschkarjows. Du läufst mir nur wieder weg.
Stimme Podkoliessins. Wahrhaftig nicht. Ich laufe nicht weg. Bei Gott nicht.
5. Auftritt
Die Vorigen und Kotschkarjow.
Kotschkarjow. Da haben wir's! Als ob's so nötig wäre, sich die Hosenträger in Ordnung zu bringen.
Eierkuchen (sich zu ihm wendend). Bitte, sagen Sie: das Fräulein hier ist wohl etwas dumm? Wie? ...
Kotschkarjow. Wieso? Was ist denn passiert?
Eierkuchen. Ihr Benehmen ist wirklich höchst merkwürdig. Sie läuft einfach hinaus und schreit in einem fort: »Er schlägt mich ... er schlägt mich!« Weiß der Teufel, was das bedeuten soll!
Kotschkarjow. Aha ... Ja, das kommt bei ihr öfters vor. Sie ist eben ein bißchen beschränkt.
Eierkuchen. Sagen Sie bitte, Sie sind doch verwandt mit ihr ...
Kotschkarjow. Aber gewiß. Ich bin ihr Verwandter.
Eierkuchen. So ... und in welchem Grade?
Kotschkarjow. Das kann ich nicht so genau feststellen. Die Tante meiner Mutter hängt irgendwie mit ihrem Vater zusammen. Oder auch ihr Vater irgendwie mit meiner Tante. Meine Frau weiß darin besser Bescheid als ich. Das ist ihre Angelegenheit.
Eierkuchen. Und ist sie denn schon lange so albern?
Kotschkarjow. Ja, das hat sie schon seit der Geburt.
Eierkuchen. Hm, besser wär's freilich, wenn sie etwas klüger wäre. Übrigens, mag sie doch dumm sein, auch gut, wenn nur das übrige in Ordnung ist.
Kotschkarjow. Ja, sie bekommt doch nichts mit!
Eierkuchen. Was? ... Und das steinerne Haus?
Kotschkarjow. Aber, das sind doch bloß Redensarten. Das heißt doch nur so -- es wäre von Stein ... Wenn Sie wüßten, wie das Haus gebaut ist! Die Mauern sind doch nicht massiv! Zwei Reihen Ziegelsteine und dazwischen Sägemehl und Hobelspäne und allerhand solch ein Plunder.
Eierkuchen. Was sagen Sie? ...
Kotschkarjow. Natürlich, wissen Sie denn nicht, wie heutzutage Häuser gebaut werden? Doch nur, damit man sie beleihen kann.
Eierkuchen. Aber auf diesem Hause liegen ja keine Hypotheken.
Kotschkarjow. Von wem haben Sie sich denn das erzählen lassen? Das ist's ja eben. Wenn's nur die Hypotheken wären ... Die Zinsen für die beiden letzten Jahre sind noch nicht einmal bezahlt. Und dann hat sie noch einen Bruder im Senat, der streckt auch seine Finger nach dem Hause aus. Es gibt keinen größeren Halunken auf der Welt, als den. Seiner eigenen Mutter würde er den letzten Rock wegnehmen, der Elende.
Eierkuchen. Was hat mir denn aber die Vermittlerin gesagt ... Oh, diese Bestie, dieser Auswurf der Menschheit! (Beiseite.) Aber vielleicht lügt er nur? Ich muß die Alte einem strengen Verhör unterziehen. Und sollte etwas Wahres dran sein, na, dann soll sie mir ein ander Liedchen anstimmen.
Anutschkin. Dürfte ich Ihnen auch mit einer Frage lästig fallen? ... Ich muß gestehen, ich spreche selbst nicht Französisch, und da ist es außerordentlich schwer zu beurteilen, ob eine Dame es kann oder nicht. Spricht sie Französisch?
Kotschkarjow. Ach wo, keine Ahnung hat sie!
Anutschkin. Was sagen Sie?
Kotschkarjow. Wie, ich muß das doch wissen! Sie war ja mit meiner Frau im selben Pensionat. Ihre Faulheit war geradezu berühmt; kurz, immer war sie die Dumme. Vor allem der französische Lehrer, der hat sie beständig mit dem Stock geschlagen.
Anutschkin. Denken Sie sich! Sofort, als ich sie sah, hatte ich's im Gefühl: die versteht kein Französisch.
Eierkuchen. Ach, hol' euch der Teufel mit eurem Französisch. Aber dieses verfluchte Weib, die Thekla Iwanowna, diese Bestie, diese alte Hexe! Wenn Sie bloß wüßten, wie schön sie mir das alles ausgemalt hat. Die reinste Künstlerin! »Bitte, ein Haus,« sagte sie, »und zwei Seitenflügel dazu, auf einem vorzüglichen Fundament, silberne Löffel, ein Schlitten -- man braucht sich nur reinzusetzen und loszufahren.« Mit einem Wort, man findet es selten in einem Roman so schön dargestellt. Ach, du alte Schuhsohle, verfluchte, warte, wenn ich dich nur in die Finger kriege ...
6. Auftritt
Die Vorigen und Thekla.
(Sobald sie sie erblicken, stürzen sie alle, durcheinandersprechend, auf sie zu.)
Eierkuchen. Ah, da ist sie ja! Bitte, komm mal her, alte Sünderin! Näher, immer näher, noch näher ... komm mal her!
Anutschkin. Also so konnten Sie mich hintergehen, Thekla Iwanowna?
Kotschkarjow. Weh dir, Barbara, jetzt warte deines Gerichts!
Thekla. Von all dem versteh' ich kein Wort! Ihr macht mich ja ganz taub.
Eierkuchen. Eine Reihe Ziegelsteine, du alte Schuhsohle, und nichts als Hobelspäne dazwischen; und was hast du mir vorgelogen, von einem Zwischenstock, und weiß der Teufel was sonst noch?
Thekla. Ich weiß es doch nicht, ich hab's nicht gebaut; vielleicht darf es gar nicht anders sein, vielleicht muß es nur eine Reihe Ziegelsteine haben, daher ist's auch so gebaut worden.
Eierkuchen. Und dann die Hypotheken! Hol' dich der Teufel, verfluchte Hexe! (Stampft wütend mit dem Fuße auf.)
Thekla. Du bist mir einer! Hier noch zu schimpfen. Ein andrer würde mir dankbar sein, daß ich mich so für ihn abgequält habe.
Anutschkin. Ja, Thekla Iwanowna, mir haben Sie auch erzählt, daß sie Französisch kann.
Thekla. Kann sie auch, mein Lieber. Deutsch und Französisch, alles kann sie; auf all die feinen Manieren versteht sie sich.
Anutschkin. O nein, mir scheint, sie spricht nur Russisch.
Thekla. Ist denn das so schlimm? Russisch ist doch verständlicher, daher spricht sie eben Russisch. Und spräche sie irgendeine barbarische Sprache, so säßest doch nur du in der Patsche. Kein Wort würdest du verstehen! Da ist doch über unser Russisch weiter kein Wort zu verlieren. Das kennt man wenigstens, auch die lieben Heiligen haben doch Russisch gesprochen.
Eierkuchen. Nun? komm mal näher, immer näher, du Hexe!
Thekla (weicht zurück und sucht die Tür zu erreichen). Nein, ich danke bestens. Ich kenne dich. Du bist ein gefährlicher Mensch. Ehe man sich's versieht, haust du zu.
Eierkuchen. Paß auf, Herzchen, das bleibt dir nicht geschenkt! Ich nehm' dich und bring' dich zur Polizei; du sollst schon merken, was es heißt, ehrliche Leute zu betrügen. Darauf kannst du dich verlassen. Deiner Braut aber bestelle von mir: in meinen Augen ist sie ein Lump! Hörst du, vergiß es nicht, zu bestellen! (Geht hinaus.)
Thekla. Seht doch einer den an. Wie wütend der ist! Er denkt, weil er so dick ist, könnt' es keiner mit ihm aufnehmen. Und ich sage dir, du bist selbst ein Lump! Hörst du!
Anutschkin. Ich muß Ihnen ebenfalls gestehen, meine Verehrteste, ich hätte nie gedacht, daß Sie mich so betrügen könnten! Wenn ich's gewußt hätte, daß die Dame auf solch einem Niveau der Bildung steht, keinen Fuß würde ich über die Schwelle dieses Hauses gesetzt haben! Jawohl! (Geht hinaus.)
Thekla. Ihr habt wohl Tollkirschen gefressen, oder einen zu viel genippt? Seht mal an, mäkeln die hier herum; dem ist die Bildung wohl auch in den Kopf gestiegen!
7. Auftritt
Thekla, Kotschkarjow und Schewakin.
Kotschkarjow (sieht Thekla an und zeigt mit dem Finger laut lachend auf sie). Hahaha!
Thekla (ärgerlich). Na, was strapazierst du denn deinen Hals so?
Kotschkarjow (fährt fort zu lachen).
Thekla. Du wirst gleich platzen!
Kotschkarjow. 'ne schöne Heiratsvermittlerin bist du mir. Eine Künstlerin in deinem Fach! Du hast die Sache aber raus. (Lacht unaufhörlich weiter.)
Thekla. Was der zu lachen hat? ... Deine selige Mutter wird wohl auch nicht ganz bei Troste gewesen sein, als sie dich zur Welt brachte. (Sie läuft wütend hinaus.)
8. Auftritt
Kotschkarjow und Schewakin.
Kotschkarjow (fährt fort zu lachen). Herrgott, ich kann einfach nicht mehr! Bei Gott, ich kann nicht mehr! Ich halt's nicht mehr aus, ich platze vor Lachen. (Lacht weiter.)
Schewakin (sieht ihn an und fängt gleichfalls an zu lachen).
Kotschkarjow (ermüdet in einen Stuhl sinkend). Wahrhaftig, mir geht die Puste aus! Ich fühle, wenn ich noch lange so weiter lache, so verrecke ich.
Schewakin. Ihr fröhliches Naturell gefällt mir außerordentlich. Wissen Sie, bei unserm Geschwader, das unter Kapitän Bolderow stand, war auch ein Kadett, namens Petuchow. Anton Iwanowitsch. Der war auch immer so fröhlich. Dem brauchte man nur den kleinen Finger zu zeigen, und schon lachte er los! Bei Gott! Und dann lachte er den ganzen Tag hindurch, bis zum späten Abend ... Wenn ihn einer nur ansah, kriegte er schon das Lachen, und eh' man's sich versah, lachte man selber mit.
Kotschkarjow (atemholend). Ach Gott, erbarme dich meiner. Diese dumme Gans, was die sich einbildet. Wie soll sie es fertig kriegen, einen Menschen zu verheiraten. Die will einen verheiraten! Ja, wenn ich die Sache in die Hand nehme, dann will ich schon eine Heirat zustande bringen.
Schewakin. Wirklich? ... In der Tat, könnten Sie den Heiratsvermittler spielen? ...
Kotschkarjow. Selbstverständlich! Ich übernehme es, jedes beliebige Paar zusammenzubringen.
Schewakin. Hören Sie mal, wenn das stimmt, so .... verschaffen Sie mir doch das Fräulein.
Kotschkarjow. Ihnen? ... Was brauchen Sie denn zu heiraten?
Schewakin. Warum denn nicht! Erlauben Sie mal, das ist doch eine seltsame Frage! Es ist doch klar, wozu.
Kotschkarjow. Sie haben doch eben gehört, daß sie nichts mitbekommt.
Schewakin. Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren! ... Das ist ja nicht schön, aber bei diesem entzückenden Fräulein mit den reizenden Manieren, da kann man schließlich auch ohne Mitgift auskommen. Ein kleines Kämmerchen, (macht eine entsprechende Geste) ein kleiner Flur, eine kleine spanische Wand oder so etwas wie ein Vorhang ...
Kotschkarjow. Ja, aber was gefällt Ihnen denn an ihr so sehr?
Schewakin. Wenn ich offen sein soll, so ist es grade jene Fülle, die sie auszeichnet. Sehen Sie, ich bin ein großer Amateur in bezug auf ... auf ... rundliche Frauen.
Kotschkarjow (sieht ihn von der Seite an und sagt dann zu sich selbst). Na, damit kann er gerade nicht allzusehr Staat machen. Sieht selbst aus, wie ein ausgeschüttelter Tabaksbeutel. (Laut.) Wissen Sie, Sie sollten überhaupt nicht heiraten.
Schewakin. Wie meinen Sie das? ...
Kotschkarjow. Ganz einfach. Was haben Sie denn für eine Figur? Unter uns gesagt, Sie haben ja die reinsten Hahnenfüße.
Schewakin. Hahnenfüße? ...
Kotschkarjow. Natürlich! ... Gewiß! ... Wonach sehen Sie denn aus?
Schewakin. Nein, erlauben Sie mal, wie können Sie sagen, ich hätte Hahnenfüße?
Kotschkarjow. Sehr einfach! Das sind doch Hahnenfüße! ...
Schewakin. Gestatten Sie mal, mir scheint, in Ihren Worten liegt etwas: mir scheint, Sie werden _persönlich_!
Kotschkarjow. Ich sage Ihnen das doch nur, weil ich weiß, daß Sie ein vernünftiger Mensch sind. Einem andern hätte ich das doch nicht gesagt. Also gut, ich verschaffe Ihnen eine Frau; aber eine andere.
Schewakin. Dann möchte ich Sie doch bitten ... keine andere. Seien Sie schon so gut ... bleiben wir bei dieser.
Kotschkarjow. Schön, wenn Sie denn durchaus wollen ... meinetwegen. Aber unter einer Bedingung ... Sie dürfen sich nicht hineinmischen. Sie dürfen sich dem Fräulein überhaupt nicht zeigen. Ich werde alles allein machen.
Schewakin. Erlauben Sie mal, ohne mich geht es denn doch nicht. Immerhin werde ich mich doch wohl dabei sehen lassen müssen.
Kotschkarjow. Nein, durchaus nicht. Gehen Sie nach Hause und warten Sie auf mich. Heute abend ist alles in schönster Ordnung.
Schewakin (reibt sich die Hände). Famos! Das wäre ja famos. Sagen Sie, brauchen Sie denn kein Attest, kein Dienstzeugnis? Vielleicht dürfte sich das Fräulein doch dafür interessieren. Ich werde sofort laufen und es holen.
Kotschkarjow. Nein, nein, ich brauche nichts! Gehen Sie nur ruhig nach Hause. Verlassen Sie sich drauf, Sie bekommen noch heute Nachricht. (Er begleitet ihn hinaus.) Teufel auch, das würde dir wohl passen! ... Doch was ist das nur? Warum kommt denn der Podkoliessin nicht wieder? Das ist doch sehr merkwürdig! Er kann doch seine Hosenträger nicht ewig in Ordnung bringen ... Am Ende muß ich noch selbst hinlaufen und ihn holen.
9. Auftritt
Kotschkarjow, Agathe Tichonowna.
Agathe Tichonowna (sieht sich nach allen Seiten um). Sind sie fort? ... Ist niemand mehr hier? ...
Kotschkarjow. Niemand! ... Sie sind alle fort! ...
Agathe Tichonowna. Ach, wenn Sie wüßten, wie ich gezittert habe. Nein, so etwas habe ich wirklich noch nicht erlebt. Ach, wie furchtbar war dieser Eierkuchen! ... Wie ein Tyrann wird der einmal seine Frau behandeln. Ich fürchte immer noch, er könnte jeden Augenblick zurückkommen.
Kotschkarjow. Nein, der kommt nicht wieder. Ich setze meinen Kopf ein, daß keiner von beiden seine Nase mehr zur Türe hineinsteckt.
Agathe Tichonowna. Und der Dritte?
Kotschkarjow. Welcher Dritte?
Schewakin (steckt leise den Kopf zur Tür hinein). Ich hörte für mein Leben gern, was ihr kleines Mündchen von mir sagen wird ... Oh, dieses zarte Röschen!
Agathe Tichonowna. Ich meine ... Baltasar Baltasarowitsch ...
Schewakin. Jetzt kommt's, jetzt kommt's! (Reibt sich die Hände.)
Kotschkarjow. Verflucht noch mal, ich denke mir, von wem reden Sie bloß? Der Kerl ist ja ein ausgemachter Tölpel! -- Pfui Teufel nochmal!
Schewakin. Was ist das? ... Wahrhaftig, davon versteh' ich kein Wort.
Agathe Tichonowna. Aber auf den ersten Blick machte er auf mich den Eindruck eines sehr guten Menschen.
Kotschkarjow. Er ist aber doch immer betrunken!
Schewakin. Bei Gott, ich verstehe nichts davon!
Agathe Tichonowna. Wahrhaftig ... er trinkt?
Kotschkarjow. Ich bitte Sie ... ein ausgekochter Lump!
Schewakin (laut). Nein, gestatten Sie! Ich habe Sie denn doch nicht gebeten, derartige Behauptungen aufzustellen. Hätten Sie einige Worte zu meinen Gunsten geredet, oder irgend etwas Lobendes gesagt, das wäre etwas anderes gewesen ... Mit diesen Worten jedoch, nein bitte, suchen Sie sich dafür einen andern aus. Nein, ich danke bestens. Ergebener Diener.
Kotschkarjow (beiseite). Warum mußte der Kerl nur zurückkommen! (Zu Agathe Tichonowna.) Sehen Sie, sehen Sie nur ... er kann sich ja kaum noch auf den Füßen halten. Und so benimmt er sich jeden Tag. Jagen Sie ihn doch zum Teufel, fertig! (Beiseite.) Daß dieser verfluchte Podkoliessin noch nicht da ist ... Dieser Lump! ... Na warte ... das will ich dir anstreichen! (Geht ab.)
10. Auftritt
Agathe Tichonowna und Schewakin.
Schewakin (beiseite). Verspricht, mich zu loben und ... statt dessen ... beschimpft er mich. Ein seltsamer Mensch! (Laut.) Mein gnädiges Fräulein, schenken Sie seinen Worten keinen Glauben.
Agathe Tichonowna. Nein, entschuldigen Sie mich, ich fühle mich nicht ganz wohl. Der Kopf schmerzt mir so. (Will gehen.)
Schewakin. Aber vielleicht gefällt Ihnen etwas nicht an mir? (Er zeigt auf seinen Kopf.) Bitte, achten Sie nicht darauf, daß ich einen gewissen Anflug von Glatze habe. Das macht nichts. Es ist mir vom Fieber zurückgeblieben. Mit der Zeit kommen die Haare schon wieder.
Agathe Tichonowna. Es interessiert mich nicht, was Ihnen fehlt.
Schewakin. Und dann, mein gnädiges Fräulein, wenn ich einen schwarzen Frack anziehe, wird mein Teint um vieles heller.
Agathe Tichonowna. Um so besser für Sie. Leben Sie wohl! (Sie geht hinaus.)
11. Auftritt
Schewakin allein.
Schewakin (ihr nachrufend). Mein Fräulein, bitte, gestatten Sie, sagen Sie mir bitte, was ist geschehen. Warum, weshalb? ... Haftet mir denn irgendein wesentlicher Makel an? ... Fort! Wie seltsam! Das passiert mir nun schon das siebzehnte Mal, und immer läuft es fast ebenso aus. Im Anfang geht alles glatt, und wenn die Geschichte zum Klappen kommt, dann, eh' ich mich's versehe, hab' ich meinen Korb weg. (Geht nachdenklich auf und ab) Ja, ja ... das ist nun bereits die Siebzehnte .... Und was hat sie bloß? ... Warum sollte sie nicht zum Beispiel ... (Nachdenklich.) Eine dunkle, höchst dunkle Geschichte ... Wenn ich noch wirklich so häßlich wäre ... (Betrachtet sich.) Aber das kann doch kein Mensch behaupten! Gott sei Dank! Die Natur hat einen doch wirklich nicht stiefmütterlich behandelt. Unbegreiflich! Ob ich nicht schnell mal nach Hause laufe und in meinem Kästchen nachsehe? Ich muß doch da noch ein paar Verse liegen haben. Denen kann keine widerstehen ... Bei Gott! Und ich begreife das alles gar nicht! Zuerst schien's mir so gut zu glücken. ... Ja, ich werde wohl kehrtmachen müssen. Schade, sehr schade! (Geht ab.)
12. Auftritt
(Podkoliessin und Kotschkarjow treten ein und blicken zurück.)
Kotschkarjow. Er hat uns nicht bemerkt! Hast du gesehen, mit was für einer langen Nase er abgezogen ist?
Podkoliessin. Tatsächlich? ... Also er hat eben so einen Korb bekommen, wie die andern?
Kotschkarjow. ... Einen mächtigen!
Podkoliessin (mit selbstgefälliger Miene). Das muß eigentlich recht peinlich sein, sich einen Korb zu holen.
Kotschkarjow. Das will ich meinen.
Podkoliessin. Ich kann es noch immer nicht glauben, daß sie es ihm so grade ins Gesicht gesagt hat, sie ziehe mich vor.
Kotschkarjow. -- Zieht dich vor? ... Ich sage dir ... sie ist einfach hingerissen! Verliebt bis über die Ohren! Was sie dir nur für Kosenamen gegeben hat! Eine solche Leidenschaft! ... Sie glüht ja förmlich! ...
Podkoliessin (lächelt selbstzufrieden). Ja, das ist wahr ... Wenn eine Frau will, kann sie einem Worte sagen ... unsereiner würde niemals auf so etwas kommen: »Mein Frätzchen, mein Mistkäferchen, mein Fliegenpilzchen« ...
Kotschkarjow. Ach, das ist noch nichts! Heirate mal erst! Die Worte, die du da in den ersten zwei Monaten zu hören bekommst, -- na, du zergehst förmlich vor Wonne!
Podkoliessin (lächelnd). Wahrhaftig? ...
Kotschkarjow. Was für eine ehrliche Haut! Doch jetzt schnell zur Sache! Geh hin, erkläre dich sofort, eröffne ihr dein Herz und bitte Sie um ihre Hand.
Podkoliessin. Wie denn? Doch nicht etwa jetzt gleich? ... Was fällt dir ein!
Kotschkarjow. Natürlich gleich! Ah, da ist sie ja selbst!
13. Auftritt
Die Vorigen und Agathe Tichonowna.
Kotschkarjow. Mein Fräulein, ich bringe Ihnen hier einen Sterblichen, den Herrn, den Sie hier vor sich sehen. Es hat überhaupt noch keinen Menschen gegeben, der so verliebt war wie er. Gott behüte, das möcht' ich ja meinem ärgsten Feinde nicht wünschen.
Podkoliessin (stößt ihn mit der Hand in die Seite, leise). Nein, hör mal, du treibst es aber zu toll!