Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke

Part 8

Chapter 83,365 wordsPublic domain

Polizeimeister (zornig). Verlobt! Der Fuchs mit der Gans! Nette Verlobung! ... Kommt mir noch mit Verlobung! (In fassungslosem Erstaunen.) Seht her, seht her, Welt und alle Christenheit, seht her, was für ein Ochs der Polizeimeister geworden ist! Pfeift ihn aus, den alten Halunken! (Droht sich selber mit der Faust.) O ich Rindvieh, halte einen Windhund und Waschlappen für einen gewaltigen Herrn! Da fährt er nun hin und bimmelt das auf allen Straßen aus! Trägt die infame Historie bei aller Welt herum! Ins Gespött kommen ist da noch gar nichts, aber da finden sich Federfuchser und Zeilenschmierer, die bringen mich auf die Bretter! Da wird Rang und Name nicht geschont und alle werden sie grinsen und applaudieren! Was lacht ihr? Ihr lacht über euch selber! ... Ihr! ... (Stampft vor Wut auf den Boden.) Ich möchte ihnen mal kommen, diesen Zeilenschmierern! Pfui über euch Federfuchser, verdammte Liberalen! Teufelsbrut! In ein Bündel sollte man euch allesamt zusammenschnüren, zu Staub zermalmen und dann dem Teufel zum Fraß! (Ballt die Faust und stampft auf dem Boden. -- Nach einer kurzen Pause.) Bis diesen Augenblick kann ich noch nicht zu mir kommen! Wahrlich, wen Gott strafen will, den schlägt er zuvor mit Blindheit. Was hatte denn dieser Windbeutel mit einem Revisor gemein? Nichts! Nicht so viel wie der kleine Finger -- und mit einmal schreit alles: »der Revisor, der Revisor!« Antwortet mir!

Hospitalverwalter. Schlagt mich tot, wenn ich sagen kann, wie das kam. Ein Nebel hat uns irre geführt, der Satan hat uns geblendet.

Kreisrichter. Aber wer hat's denn ausgeheckt -- wer denn? Diese Bürschchen da! (Deutet auf Bóbtschinski und Dóbtschinski.)

Bóbtschinski. Ich nicht, ich nicht, nicht mal gedacht hab' ich ...

Dóbtschinski. Ich weiß von nichts, von gar nichts ...

Hospitalverwalter. Freilich ihr!

Schulinspektor. Selbstredend! Kamen wie die Besessenen aus dem Wirtshaus gerannt: »Er ist da! er ist da! und Geld zahlt er auch keins!« ... Einen sauberen Vogel habt ihr gegriffen!

Polizeimeister. Natürlich ihr! Klatschbasen, Lügner verdammte!

Hospitalverwalter. Hol euch der Teufel mit eurem Revisor und euren Aufschneidereien!

Polizeimeister. Nichts tun Sie, wie in der Stadt 'rumrennen und alles in Aufruhr versetzen! Plappermäuler verfluchte! und Klatsch verbreiten, gekappte Elstern ihr!

Kreisrichter. Verdammte Sudelköche!

Schulinspektor. Hansnarren!

Hospitalverwalter. Kurzbäuchige Mistpilze!

(Alle umringen die beiden.)

Bóbtschinski. Bei Gott, ich war's nicht, Dóbtschinski war's!

Dóbtschinski. Nein, Bóbtschinski, ich nicht, Sie waren zuerst derjenige ...

Bóbtschinski. Oho nein, zuerst waren Sie's!

Letzte Szene

Die Vorigen. Ein Gendarm.

Gendarm. Soeben mit Spezialmission von Petersburg eintreffend, fordert der Herr Revisor Sie unverzüglich zu sich. Er ist im Gasthof abgestiegen!

(Diese Worte treffen alle wie ein Donnerschlag. Ein einziger Schrei der Überraschung entringt sich dem Munde sämtlicher Damen. Die ganze Gruppe wechselt plötzlich die Stellung und bleibt in dieser wie versteinert stehen.)

Stumme Szene

Als Schlußbild des letzten Aufzuges.

(In der Mitte der Polizeimeister wie eine Bildsäule, mit ausgestreckten Armen und hintenüber geworfenem Kopf. Zu seiner Rechten seine Frau und seine Tochter in einer mit ängstlicher Spannung auf ihn gerichteten Körperhaltung; neben ihnen der Postmeister, in ein Fragezeichen verwandelt, den Zuschauern zugekehrt; neben diesem der Schulinspektor, in blödeste Bestürzung versetzt; neben ihm, unmittelbar am Seitenrande der Bühne, drei weibliche Gäste, eng gruppiert, deren höhnischer Gesichtsausdruck dem Polizeimeister und seinen Angehörigen gilt. Zur Linken des Polizeimeisters der Hospitalverwalter, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, als wenn er auf etwas lausche; neben ihm der Kreisrichter, mit gespreizten Händen fast am Boden kauernd und die Lippen bewegend, als wenn er pfeifen oder sagen wolle: »Holla, Alte, jetzt hat's eingeschlagen!« Neben ihm Koróbkin, den Zuschauern zugewandt, ein Auge blinzelnd zugekniffen und schadenfroh auf den Polizeimeister weisend; neben ihm, unmittelbar am Seitenrande der Bühne, Dóbtschinski und Bóbtschinski, einander die Hände entgegenstreckend und sich mit aufgesperrtem Munde und weit aufgerissenen Augen anstarrend. Alle übrigen Gäste stehen wie Bildsäulen da. Fast anderthalb Minuten verharrt die ganze versteinerte Gruppe in dieser Stellung, bis der Vorhang fällt.)

(Ende des letzten Aufzuges.)

Anhang zur Komödie »Der Revisor«

I. Abriß aus einem Brief (1841) den der Autor bald nach der ersten Aufführung an einen Schriftsteller richtete

».... Der Revisor ist aufgeführt worden -- und mir ist so seltsam, so traurig zumute ... Ich ahnte, ich wußte im voraus, wie es kommen würde, und doch hat sich ein Gefühl tiefer Niedergeschlagenheit und herber Enttäuschung meiner bemächtigt. Mein eigenes Werk kam mir unausstehlich, fremd und gar nicht wie mein eigenes vor. Die Hauptrolle mißriet vollständig; das hatte ich schon vorausgesetzt. Dürr begriff absolut nicht, was Chlestakoff bedeutet. Er machte aus ihm eine Art Alnaskaroff, von der Sorte landläufiger Vaudeville-Schelme, die sich im Gefolge der Pariser Theaterstücke bei uns breit zu machen beliebten. Er machte einen ganz gewöhnlichen Schwindler aus ihm, eine armselige Figur, wie sie seit zweihundert Jahren in ein und derselben Maske auftritt. Ist denn wirklich aus der Rolle selber nicht zu erkennen, was Chlestakoff bedeutet? Oder war ich selber bis heute von einem blinden Dünkel besessen, reichte mein Können nicht aus, um diesen Charakter zu meistern, so daß sich für den Schauspieler keine Spur, kein Fingerzeig bot? Und mir erschien er so klar. Chlestakoff ist ganz und gar kein Betrüger, kein Lügner von Profession; er vergißt selber, daß er lügt, und glaubt beinahe selber an das, was er faselt. Er läßt sich gehen, ist gut aufgelegt; sieht, daß alles nach Wunsch geht, daß er umdienert wird; und gerade deshalb redet er flotter, ungezwungener, frisch von der Leber weg, plaudert sorglos ins Blaue hinein, und zeigt sich namentlich beim Lügen in seiner wahren Gestalt. Unsere Schauspieler verstehen überhaupt nicht zu lügen. Sie bilden sich ein, lügen hieße weiter nichts, als dummes Geschwätz machen. Lügen heißt vielmehr: eine Lüge in einem so die Wahrheit vortäuschenden, so natürlichen und naiven Tone aussprechen, wie man eben nur die Wahrheit selber sagen kann; und gerade darauf beruht die ganze Komik der Lüge. Ich bin fast überzeugt, daß Chlestakoff einen besseren Erfolg gehabt haben würde, wenn ich diese Rolle einem der wenigst talentierten Schauspieler anvertraut und ihm bloß gesagt hätte: Chlestakoff ist ein gewandter Mensch, durchaus _comme il faut_, gescheit und, wenn man so will, wohlanständig, und es sei nur nötig, ihn genau so darzustellen. Denn Chlestakoff ist gar kein abgefeimter oder theatralisch-prahlerischer Lügner: er lügt mit Gefühl; aus seinen Augen spricht das Behagen, das er dabei empfindet. Es ist dies überhaupt der schönste und poetischste Augenblick seines Lebens, beinahe eine Art Begeisterung. Wenn wenigstens ein Hauch davon zu spüren gewesen wäre! Aber nicht eine Spur eines solchen Charakters, weder der Person, noch des äußeren Gebarens oder der Physiognomie war dem armen Chlestakoff gegeben worden. Freilich, die alten Beamten in ihren verschlissenen Alltagsuniformen nebst abgescheuerten Kragen waren ungleich leichter zu karikieren; das Erfassen solcher Züge dagegen, welche als ziemlich wohlanständig nicht durch scharfe Ecken über das gesellschaftlich allgemein Gültige hinausragen, ist Sache eines erprobten Meisters. Bei Chlestakoff darf nichts stark betont werden. Er gehört dem Kreise an, der sich augenscheinlich in keiner Weise von der Art sonstiger junger Leute unterscheidet. Er hat auch zuweilen eine gute Haltung, spricht hin und wieder vernünftig, und nur in Fällen, die entweder Geistesgegenwart oder Charakter erfordern, offenbart sich seine halb niederträchtige, halb unbedeutende Natur. Die Züge der Rolle so eines Polizeimeisters sind deutlicher und schärfer umrissen. Ihn bezeichnet allein schon sein stark persönliches, unveränderliches, rücksichtsloses Äußere und läßt durch sich zum Teil auf seinen Charakter schließen. Chlestakoffs Züge sind viel unschärfer, viel schwächer angedeutet, und darum schwerer zu erfassen. Was ist denn, wenn wir genauer prüfen wollen, dieser Chlestakoff so recht eigentlich? Ein junger Mensch, ein Beamter und Einfaltspinsel, wie man zu sagen pflegt, der aber viele Eigenschaften in sich vereinigt, die Leuten anhaften, welche die Welt keineswegs einfältig nennt. Derartige Eigenschaften an Leuten zur Schau zu stellen, welche daneben auch tüchtige Verdienste aufzuweisen haben, wäre ein Verbrechen von seiten des Schriftstellers, denn er würde sie dadurch dem allgemeinen Gelächter preisgeben. Mag doch also lieber jeder sich zu seinem Teil in dieser Rolle wiedererkennen und sich dabei ruhig umschauen dürfen, ohne befürchten zu müssen, daß jemand mit Fingern auf ihn weist und ihn bei Namen nennt. Mit einem Wort, diese Figur soll ein Typus vieles dessen sein, was in den verschiedensten russischen Charakteren zerstreut vorhanden ist, sich aber hier zufällig in einer Person vereinigte, wie das in der Natur ja sehr häufig vorkommt. Wenigstens eine Minute lang, wenn nicht gar mehrere, war oder ist jeder einmal ein Chlestakoff, wenn er sich das natürlich auch nicht wird eingestehen wollen; er macht sich sogar über die Tatsache gern selber lustig, allerdings nur bei anderen, nicht bei der eigenen Person. Auch der gewandte Gardeoffizier, auch der Staatsmann, selbst unser lieber Bruder, der sündige Literat, alle zeigen sich zuweilen als Chlestakoff. Es gibt überhaupt kaum einen Menschen, der es im Leben nicht wenigstens einmal gewesen wäre; die Sache ist nur die, daß er sich hinterher sehr geschickt so zu drehen weiß, als sei er's gar nicht gewesen.

Sollte nun also in meinem Chlestakoff nichts davon zu erkennen sein? Sollte er wirklich eine nichtssagende Figur sein, während ich mich von einer momentanen hoffärtigen Stimmung hinreißen ließ zu glauben, daß ein Schauspieler von hervorragendem Talent sich einst noch bei mir bedanken würde für die Vereinigung so vieler verschiedenartiger Wesenszüge in einer einzigen Person, die ihn in den Stand setzt, sein Können nach allen Richtungen zugleich glänzen zu lassen? Und statt dessen wäre aus Chlestakoff eine kindische, inhaltlose Rolle geworden! Das ist niederdrückend und tief verstimmend.

Schon von Beginn der Vorstellung an saß ich gelangweilt im Theater. Um Beifall und Aufnahme seitens des Publikums kümmerte ich mich nicht. Nur vor einem Kritiker unter all denen, die anwesend waren, hatte ich Bange, -- und dieser Kritiker war ich selbst. In meinem Innern vernahm ich Murren und Vorwürfe gegen mein eigenes Stück, die alle übrigen übertönten. Aber das Publikum war im allgemeinen zufrieden. Die eine Hälfte der Zuschauer nahm das Stück sogar mit Wohlwollen auf, die andere tadelte bei einzelnen Anlässen, die sich jedoch nicht auf das Kunstwerk selbst bezogen. Auf welche Weise man tadelte, darüber wollen wir uns bei unserem nächsten Wiedersehen unterhalten: es ist manches Lehrreiche und viel Spaßhaftes darunter. Ich habe sogar einiges davon aufgeschrieben, doch das nebenbei.

Hauptsächlich scheint der Polizeimeister die günstige Aufnahme des Revisors beim Publikum verursacht zu haben. Auf ihn hatte ich auch schon vorher volles Vertrauen gesetzt, denn für ein Talent wie Ssossnizki konnte diese Rolle nichts Unklares an sich haben. Ich bin wenigstens froh, ihm die Möglichkeit geboten zu haben, ein Talent in seinem ganzen Umfange zeigen zu können, von dem man sich bereits kühl abzuwenden begann, und dabei ihn selbst auf eine Stufe mit vielen Schauspielern stellte, die durch freigebigen Applaus bei alltäglichen Vaudevilles und ähnlichen Unterhaltungsstücken belohnt werden. Auch auf den Diener hatte ich Hoffnungen gesetzt, weil ich bei dem betreffenden Schauspieler viel Beobachtungsgabe und Verständnis für den Text wahrgenommen hatte. Im Gegensatz dazu gerieten unsere beiden Freunde Bóbtschinski und Dóbtschinski über alles Erwarten schlecht. Obschon ich selber erwartet hatte, daß sie schlecht sein würden, weil ich die Rollen der beiden kleinen Beamten Schtschepkin und Rjásanski auf den Leib geschrieben hatte, hegte ich doch die Hoffnung, daß deren Äußeres und Position sie einigermaßen heben und weniger karikieren würden. Es kam aber gerade umgekehrt: eine vollkommene Karikatur wurde daraus. Schon vor Beginn der Vorstellung, als ich sie in ihren Kostümen erblickte, war ich entsetzt. Diese beiden sonst so adretten, etwas korpulenten Menschen mit ihrem sauber geglätteten Haar erschienen plötzlich in plumpen, ungeheuerlichen grauen Perücken, ganz verfilzt, schmierig, struppig, mit übergroßen hervorquellenden Chemisettes; und auf der Bühne schnitten sie derartige Grimassen, daß es einfach unerträglich war. Überhaupt war die Kostümierung der meisten handelnden Personen sehr schlecht und karikiert. Ich hatte das gewissermaßen vorausgeahnt, als ich darum bat, eine Kostümprobe stattfinden zu lassen. Man versicherte mir aber, das sei gar nicht nötig und auch nicht herkömmlich, und die Schauspieler würden schon wissen, was sie zu tun hätten. Wie ich merkte, daß meine Worte in den Wind gesprochen waren, ließ ich die Leute gewähren. Ich wiederhole noch einmal: scheußlich! Ich weiß selber nicht, weshalb mich der Ekel so überkommt.

Während der Vorstellung bemerkte ich, daß der Anfang des vierten Aktes flau wirkte; es machte den Eindruck, als ob der bisher lebhafte Fluß der Handlung hier stocke oder sich träge dahinschleppe. Tatsächlich hatte mich ein einsichtiger und erfahrener Schauspieler schon bei Gelegenheit der Lesung des Stückes darauf aufmerksam gemacht, daß es nicht geschickt sei, Chlestakoff mit dem Geldborgen den Anfang machen zu lassen, und daß es besser sein würde, wenn die Beamten es ihm von sich aus anböten. Obwohl ich die recht feine Bemerkung anerkennen mußte, da sie in gewisser Hinsicht wohlberechtigt war, sah ich dennoch nicht ein, weshalb Chlestakoff als ein sich entwickelnder Chlestakoff nicht zuerst um Geld bitten sollte. Allein die Bemerkung war einmal gemacht, und ich sagte mir: du wirst diese Szene vermutlich schlecht ausgeführt haben. Und wirklich, jetzt während der Vorstellung erkannte ich deutlich, daß der Anfang des vierten Aktes matt ist und das Kennzeichen einer gewissen Schwäche an sich trägt. Zu Haus angekommen, machte ich mich sofort an die Umarbeitung. Jetzt scheint er etwas wirkungsvoller, wenigstens natürlicher geworden zu sein und geht besser aufs Ziel los. Aber ich habe die Kraft nicht mehr, mich um die Aufnahme dieses Zusatzes in das Stück abzuplacken. Ich bin es müde geworden; und da ich überdies weiß, wie man zu solchem Zweck herumkutschieren, bitten und Bücklinge machen muß, so mag der Himmel ihm gnädig sein; er könnte schließlich ja noch in einer zweiten Auflage oder Überarbeitung des »Revisor« seinen Platz finden.

Noch ein Wort über die letzte Szene. Sie kam absolut nicht zur Geltung. Der Vorhang fällt in einem sozusagen verworrenen Augenblick, und das Stück scheint noch gar nicht zu Ende zu sein. Daran bin ich aber nicht schuld. Man wollte eben nicht auf mich hören. Auch jetzt behaupte ich noch, daß die letzte Szene so lange keinen Erfolg haben wird, bis man nicht begriffen hat, daß sie einfach ein stummes Tableau ist, daß dies Ganze eine versteinerte Gruppe darstellen soll, daß hier das Drama zu Ende ist und von wortloser Mimik abgelöst wird, daß der Vorhang erst nach zwei bis drei Minuten fallen darf, und daß all dies unter denselben Bedingungen erfolgen muß, welche die sogenannten »lebenden Bilder« erheischen. Man entgegnete mir aber, daß dies den Schauspielern Zwang auferlege, daß man dann die Gruppierung einem Ballettmeister übertragen müßte, was für die Schauspieler einigermaßen demütigend sein würde usw. usw. Und noch manches Weitere konnte ich von den Mienen ablesen, was noch viel ärgerlicher als das Geäußerte war. Aber all dieses »Weiteren« ungeachtet halte ich meine Meinung aufrecht und behaupte hundertmal: »Nein, das legt durchaus keinen Zwang auf, das ist nicht demütigend.« Mag immerhin ein Ballettmeister die Gruppe gestalten und anordnen, wenn er nur die Fähigkeit besitzt, sich in die augenblickliche Situation jeder einzelnen Person zu versetzen. Gezogene Grenzen behindern ein Talent nicht, so wenig wie granitene Ufer einen Strom; im Gegenteil, einmal in sie geleitet, wird er mit stärkeren und volleren Wogen dahinrauschen. Ein temperamentvoller Schauspieler kann auch in einer ihm angewiesenen Pose alles ausdrücken. Sein Gesicht bleibt hier von allen Fesseln befreit, einzig die Stellung ist bedingt; sein Gesicht darf zwanglos jede innere Bewegung widerspiegeln. Und in diesem Verstummtsein liegt für ihn eine Fülle mannigfaltigster Möglichkeiten. In diesem Erschrecken gleicht keine der handelnden Personen der anderen, so wenig wie deren Charaktere und der Grad ihrer Furcht und Angst sich gleichen, entsprechend der Verschiedenheit der von jedem einzelnen begangenen Sünden. Anders verdonnert steht der Polizeimeister da, anders seine Frau und seine Tochter. Auf seine besondere Weise erschrickt der Kreisrichter, auf besondere der Hospitalverwalter, der Postmeister usw. usw. Wieder anders fährt es Bóbtschinski und Dóbtschinski in die Glieder, die sich auch hier gleichbleiben und sich gegenseitig mit einer stummen Frage auf den Lippen anstarren. Einzig die Gäste dürfen auf gleichartige Weise betroffen erscheinen, sie stellen aber auch bloß den Hintergrund des Tableaus dar, der mit einem Pinselstrich entworfen und in ein und dasselbe Kolorit getaucht ist. Mit einem Wort: jeder einzelne spielt seine Rolle mimisch weiter und kann, wenn er sich auch vom Ballettmeister begutachten lassen mußte, deshalb doch ein großer Schauspieler bleiben. Aber meine Kräfte reichen nicht aus, um mich noch länger abzuplacken und herumzustreiten. Ich bin seelisch und körperlich ermattet. Es weiß und hört ja auch wahrhaftig niemand meinen Kummer. Mögen sie doch alle in Gottes Namen tun was sie wollen! Mein Stück ist mir zuwider geworden. Ich möchte jetzt weit weg von hier, und nur meine bevorstehende Reise, Dampferfahrt, Meer und andere ferne Himmelsstriche können mich allein noch wiederbeleben. Ich sehne mich unbeschreiblich danach. Kommen Sie um Himmelswillen bald; bevor ich von Ihnen nicht Abschied genommen, reise ich nicht ab. Noch vieles habe ich Ihnen zu sagen, wozu ich in einem langweiligen, kalten Briefe außerstande bin ....«

St. Petersburg, 25. Mai 1836.

II. Vorbemerkung für diejenigen, die den »Revisor« sachgemäß aufzuführen beabsichtigen.

1. (Die ersten Seiten von Gogols eigenhändiger Reinschrift.)

Vor allem muß man sich davor hüten, in eine Karikatur zu verfallen. Auch in der kleinsten Rolle darf nichts übertrieben oder trivialisiert werden. Im Gegenteil, der Schauspieler muß sich besondere Mühe geben, noch einfacher, schlichter und gewissermaßen vornehmer zu wirken, als die darzustellende Person in Wirklichkeit ist. Je weniger er es darauf anlegen wird, zum Lachen zu reizen oder komisch zu sein, desto stärker wird die Komik seiner Rolle zum Vorschein kommen. Sie äußert sich gerade in dem Ernst, mit dem jede in der Komödie auftretende Person ihren Geschäften nachgeht. Alle diese Leute sind eifrig, lebhaft, beinahe hitzig dahinter her, als wenn es sich um die wichtigste Aufgabe ihres Lebens handele. Dem Zuschauer wird die Albernheit ihres Tuns bloß nebenbei sichtbar. Sie selber aber spaßen durchaus nicht und ahnen nicht einmal, daß sich jemand über sie lustig macht. Ein vernünftiger Schauspieler soll, ehe er sich die kleinen Eigenheiten und äußerlichen Absonderlichkeiten der ihm übertragenen Person aneignet, erst einmal den allgemein menschlichen Gehalt der Rolle zu erfassen suchen .... Er soll zu begreifen suchen, wozu diese bestimmt ist, worin die hauptsächlichste und wesentlichste Beschäftigung jeder Person besteht, von der ihr Dasein erfüllt und die das beständige Ziel ihrer Gedanken ist, -- der ewig im Kopf steckende Nagel. Hat er diesen wesentlichsten Daseinszweck der darzustellenden Person erfaßt, dann muß sich der Schauspieler so in sie einleben, daß deren Gedanken und Bestrebungen ihm ganz zu eigen werden und während der Dauer der Vorstellung seinen Geist beherrschen. Um szenische Einzelheiten und Nebendinge soll er sich nicht weiter kümmern; sie werden ohne weiteres leicht und sicher gelingen, sofern er nur keinen Augenblick jenen Nagel aus dem Kopf verliert, welcher in dem seines Helden steckt. Alle diese Einzelheiten und verschiedenen kleinen Züge, deren sich oft schon solche Schauspieler mit Glück zu bedienen wissen, welche zwar zu gefallen und Gang und Gebaren abzulauschen, nicht aber eine Rolle auszuschöpfen vermögen, -- alle diese Züge also sind höchstens Lichter, die man dann erst aufsetzen darf, wenn das Bild fertig und wohlgelungen ist. Sie sind das Kleid und der Körper der Rolle, nicht aber deren Seele. Und somit muß man sich zuerst diese Seele, dann erst das Kleid der Rolle aneignen.

Eine der wichtigsten Rollen ist der Polizeimeister. Dieser Mensch ist vor allem darauf bedacht, seine Taschen zu füllen. Diese Beschäftigung ließ ihm keine Zeit, ernster ins Leben zu schauen oder sich selbst genauer zu betrachten. Durch sie wurde er zum Blutsauger und, ohne es selber zu merken, erbarmungslos, weil er unfähig ist, böse Gelüste zu unterdrücken; ihn beherrscht nur das Verlangen, sich alles anzueignen, was sein Auge erblickt. Er weiß überhaupt nicht mehr, daß das seinem Nächsten Schaden bringt und manchen zugrunde richtet. Den Kaufleuten, die ihn hatten verderben wollen, verzeiht er im selben Augenblick, wo diese ihm eine verlockende Anerbietung machen, weil der Anreiz irdischer Schätze jede Rücksicht auf Lage und Leiden seines Nächsten in ihm erstickt und abgestumpft hat. Er fühlt zwar, daß er ein Sünder ist; er geht in die Kirche; glaubt sogar fromm zu sein. Aber das Gelüst, sich die Taschen zu füllen, ist übermächtig, übermächtig auch die eingewurzelte Gewohnheit, sich alles anzueignen und nichts sich entgehen zu lassen.

Er ist ein echter Russe, zwar nicht gerade ein Unmensch, aber doch einer, bei dem sich die Rechtsbegriffe verwirrt haben, der ganz Lüge geworden ist, ohne es selbst zu merken. Darum räsoniert er auch, beißt den Ehrbaren und Würdigen heraus und redet manchmal mit Wärme. Er gehört vielleicht sogar zu den Leuten, die, wenn sie erkannt haben, daß alle um sie her ehrlich geworden sind, daß Ehrlichkeit erford.....

2. (Der vollständige Entwurf.)