Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke
Part 7
Polizeimeister. Teufel auch, schön wär's doch General zu sein, die ganze Brust voller Orden und Ordensbänder. Welches ist dir denn lieber, Frau, das rote oder das blaue?
Anna Andréjewna. Selbstredend das blaue.
Polizeimeister. Ei sieh doch, wie hoch sie hinauswill! Auch das rote ist ganz nett. Sieh, warum wünscht man sich General zu sein? Deshalb, weil, wenn man irgendwo hinreist, immer die Feldjäger und Adjutanten vor einem herfliegen: »Pferde«! Und alle andern müssen auf der Station warten, weil sie keine kriegen, alle diese Titulierten und Hauptleute und Polizeimeister, und nur man selbst ist über alles erhaben. Man speist jedesmal beim Gouverneur, und in der Ecke, sieh doch mal, steht dann so ein Polizeimeister. Hahaha! Kanaillenmäßiger Spaß das! (Lacht, daß ihm die Tränen über die Backen laufen.)
Anna Andréjewna. Dir gefällt auch immer nur das Brutale! Du solltest daran denken, daß sich das Leben bald ganz anders wird gestalten müssen, daß deine Bekannten nicht von dem Schlage sein werden, wie so irgendein »Hetzpeitschen-Kreisrichter«, mit dem du auf die Hasenjagd fährst, oder so ein Semljaníka; im Gegenteil, das werden Leute von feinster Lebensart sein, Grafen und Männer der großen Welt ... Aber ich habe wirklich deinetwegen Angst, dir entschlüpfen nicht selten Ausdrücke und Worte, die man in der guten Gesellschaft nie zu hören bekommt.
Polizeimeister. Ach was, Worte tun einem keinen Schaden.
Anna Andréjewna. Allerdings, so lange du Polizeimeister warst, aber dort ist das Leben ein ganz anderes.
Polizeimeister. Ach freilich, dort soll es ja auch zwei Fische geben, Plötz und Stint, so köstlich, daß einem schon vor dem Essen das Wasser im Munde zusammenläuft.
Anna Andréjewna. Ach du und deine Fische! Ich aber wünsche, daß unser Haus das erste in der Residenz sei und daß in meinem Salon ein solcher Ambraduft schwebt, daß man beim Eintreten vor Entzücken die Augen schließt: (Schließt die Augen und tut, als wenn sie Duft einatmet.) Ah, wie wunderbar!
2. Szene
Die Vorigen und die Kaufleute.
Polizeimeister. Ah, willkommen, Ihr Diebsgesindel!
Kaufleute (sich verneigend). Gesundheit und langes Leben, Herr!
Polizeimeister. Na, Ihr Früchtchen, wie steht's? Wie gehen die Geschäfte? Was, ihr Hausierer und Ellenreiter, ihr euch beschweren? Erzgauner, Bestien, Piratenbande, euch beschweren! So, habt ihr denn viel blechen müssen? »Nu« denkt sich das, »dafür sperrt er ihn wohl auch ins Loch!« Halunken, denen sieben Teufel und eine Hexe an die Gurgel fahren sollten! Wißt ihr auch, daß ...
Anna Andréjewna. O Gott, Antón, was du für schauderhafte Ausdrücke hast!
Polizeimeister (ärgerlich). Ach, was heißt hier Ausdrücke! Wißt ihr, daß derselbe Herr Beamte, bei dem ihr euch beschwert habt, jetzt meine Tochter heiraten wird? He? So, und was sagt ihr nun? Jetzt sollt ihr aber was erleben! Ihr beschwindelt die Leute, ihr übernehmt Lieferungen an den Staat und begaunert ihn um Hunderttausende, liefert verfaultes Tuch, opfert davon zwanzig Ellen und wollt auch noch dafür bedankt sein! Und wenn sie wüßten, wie man ihnen ...! Und dabei bläht sich das auch noch auf »ich bin Kaufmann, rühr mich nicht an!« Dünkt sich so viel wie ein Edelmann, schöne Edelleute! Knoten seid ihr! Ein Edelmann hat Schulbildung, kriegt er auch mal Prügel in der Schule, dann nur darum, damit er was tüchtiges lerne, aber ihr, mit Schelmenstreichen fängt das an und kriegt vom Nachbar Hiebe, nur weil es sich ertappen läßt. Ehe das noch sein Vaterunser kann, betrügt das schon, und wenn ihnen der Bauch schwillt und sie sich die Taschen vollgeschlagen haben, dann tut das wichtig. Huh, was für ein Wundertier! Wenn das jeden Tag seine sechszehn Samoware angeblasen hat, dann dünkt sich das, wer weiß wie! Auf den Kopf spucken soll man euch und auf eure ganze Dicktuerei!
Kaufleute (sich verbeugend). Vergebung, Antón Antónowitsch, Vergebung!
Polizeimeister. Sich beschweren! Wer hat euch betrügen helfen, als ihr die Brücke bautet, und hat zwanzigtausend Rubel für Stämme angerechnet, obwohl deren kaum für hundert da waren? Ich hab euch geholfen, ihr Bocksbärte! Das habt ihr wohl vergessen, und ich hätte es auf euch schieben können und euch nach Sibirien bringen können. Was sagt ihr dazu, he?
Einer der Kaufleute. Vergebung, Antón Antónowitsch! Der Böse hat uns verführt. Eid darauf, wir beschweren uns nie wieder. Verlange, was du willst, als Sühne, aber zürne nur nicht!
Polizeimeister. Zürne nicht! So, jetzt winselt ihr auf den Knien vor mir und warum? Darum, weil ich jetzt der stärkere bin. Aber wenn ich nur einen Augenblick an eurer Stelle wäre, wie würdet ihr mich, Kanaillen, in den tiefsten Dreck stoßen und noch einen Klotz nachwerfen!
Kaufleute (verneigen sich bis zur Erde). Gnade, Antón Antónowitsch, Gnade!
Polizeimeister. Gnade, jetzt heißt's Gnade, und vorher? Ich sollte euch ... (wehrt mit der Hand ab.) Nun, Gott möge euch verzeihen, jetzt genug davon. Ich bin nicht nachtragend; aber nun gebt acht, sperrt eure Ohren auf: ich verheirate meine Tochter an keinen beliebigen hergelaufenen Edelmann; daß mir die Aussteuer sich sehen lassen kann ... verstanden! Bildet euch nicht ein, mit so einem Stockfisch oder einem Hut Zucker euch drumrum drücken zu können ..! Und nun hinaus!
Kaufleute (entfernen sich).
3. Szene
Die Vorigen. Kreisrichter. Hospitalverwalter. Nachher Rastakówski.
Kreisrichter (noch an der Tür). Darf man seinen Ohren trauen, Antón Antónowitsch? Ein außergewöhnliches Glück ist Ihnen zuteil geworden!
Hospitalverwalter. Habe die Ehre, Ihnen zu diesem außergewöhnlichen Glück zu gratulieren! Ich habe mich aufrichtig gefreut, als ich's vernahm! (Nähert sich Márja Antónowna zum Handkusse.) Márja Antónowna!
Rastakówski (hereintretend). Gratuliere, Antón Antónowitsch! Gott schenke Ihnen und dem jungen Paare ein langes Leben und reiche Nachkommenschaft an Enkeln und Enkelkindern! Anna Andréjewna! (Küßt Anna Andréjewna die Hand.) Márja Antónowna! (Küßt Márja die Hand.)
4. Szene
Die Vorigen. Koróbkin und Frau. Ljuljukóff.
Koróbkin. Habe die Ehre, Ihnen zu gratulieren, Antón Antónowitsch! Anna Andréjewna! (Küßt ihr die Hand.) Márja Antónowna (Küßt Márja die Hand.)
Frau Koróbkin. Gratuliere von Herzen, Anna Andréjewna, zu diesem neuen Glück! (Küssen sich.)
Ljuljukóff. Habe die Ehre zu gratulieren, Anna Andréjewna! (Küßt ihr die Hand und wendet sich dann zu den Zuschauern und schnalzt verwegen mit der Zunge.) Márja Antónowna, habe die Ehre zu gratulieren! (Küßt ihr die Hand mit der gleichen Pantomime zu den Zuschauern.)
5. Szene
Eine Menge Gäste im Frack und Überrock treten herein, küssen erst Anna Andréjewna mit dem Ausruf »Anna Andréjewna« die Hand, um das gleiche bei Márja Antónowna auszuführen. Bóbtschinski und Dóbtschinski drängen sich nach vorn.
Bóbtschinski. Habe die Ehre zu gratulieren!
Dóbtschinski. Antón Antónowitsch, habe die Ehre zu gratulieren!
Bóbtschinski. Zum glückvollen Ereignis!
Dóbtschinski. Anna Andréjewna!
Bóbtschinski. Anna Andréjewna! (Beide nähern sich ihr gleichzeitig und stoßen mit den Köpfen zusammen.)
Dóbtschinski. Márja Antónowna! (küßt ihr die Hand.) Habe die Ehre zu gratulieren! Ein großes, großes Glück ist Ihnen bereitet, goldene Kleider werden Sie tragen, schöne delikate Suppen werden Sie essen und werden Ihre Zeit auf die anmutigste Weise verbringen ...
Bóbtschinski (ihn unterbrechend). Márja Antónowna, habe die Ehre zu gratulieren, schenke Ihnen Gott allen Reichtum, viele Dukaten und so einen kleinen netten Jungen, so ... so ... (zeigt mit der Hand wie groß.) daß man ihn sich auf die flache Hand setzen kann, jawohl, und schreien wird er immer: Uah! uah! uah!
6. Szene
Es kommen noch einige Gäste zum Handkusse, darunter der Schulinspektor mit Frau.
Schulinspektor. Ich habe die Ehre ...
Frau Schulinspektor (eilt nach vorne). Gratuliere Ihnen, Anna Andréjewna! (sie küssen sich.) Ach, wie habe ich mich gefreut, eben erzählt man mir, »Anna Andréjewna verheiratet ihre Tochter«. Ach, mein Gott, denke ich bei mir, und war so erfreut, daß ich zu meinem Mann sage, »hör doch, Lúkachen, was für ein Glück Anna Andréjewna wiederfahren ist.« Nun, Gott sei Dank, denke ich bei mir, und sage zu ihm, »ich bin so entzückt, daß ich vor Ungeduld brenne, es Anna Andréjewna persönlich auszudrücken.« Ach, mein Gott, denke ich bei mir, Anna Andréjewna hat ja lange schon auf eine schöne Partie für ihre Tochter gewartet, und nun erfüllt sich ihr Wunsch und nun ist's so gekommen, wie sie es gehofft hat. Und war so entzückt darüber, daß ich ganz die Sprache verlor! Und nun kommen mir die Tränen, und ich weine und schluchze. Und Lúka Lúkitsch sagt zu mir: »Schluchze doch nicht so, Nástja.« »Lúkachen,« sage ich zu ihm, »ich weiß selbst nicht warum, aber die Tränen fließen mir so wie ein Bach aus den Augen.«
Polizeimeister. Bitte höflichst Platz zu nehmen, meine Herrschaften. He, Míschka, bring mehr Stühle herein! (Die Gäste beginnen sich niederzulassen.)
7. Szene
Die Vorigen. Polizeiinspektor und Polizeidiener.
Polizeiinspektor. Habe die Ehre zu gratulieren, Euer Hochwohlgeboren! Und Ihnen Glück und Heil auf viele Jahre zu wünschen!
Polizeimeister. Danke, danke! Bitte nehmen Sie Platz, meine Herrschaften. (Die Gäste nehmen alle Platz.)
Kreisrichter. Erzählen Sie uns doch, Antón Antónowitsch, wie sich das alles zugetragen hat, und wie eins nach dem andern gekommen ist.
Polizeimeister. Der Verlauf war höchst merkwürdig: er geruhte plötzlich einen Antrag zu machen.
Anna Andréjewna. In höchst ehrenvoller und zartester Form. Ganz über die Maßen taktvoll sagte er: »Anna Andréjewna, einzig und allein aus Hochachtung vor Ihrem Wert.« Und ein so hübscher gebildeter junger Mann von vornehmsten Manieren! »Glauben Sie mir, Anna Andréjewna, das Leben ist mir keine Kopeke wert, nur die Ehrfurcht vor Ihren seltenen Vorzügen bewog mich dazu.«
Márja Antónowna. Aber Mama, das hat er doch zu mir gesagt!
Anna Andréjewna. Schweig still, gar nichts weißt du, und menge dich nicht in anderer Leute Angelegenheiten! »Anna Andréjewna, ich vergehe vor Bewunderung,« bewegte sich in so schmeichelhaften Ausdrücken ... und als ich sagen wollte, »wir erkühnen uns nicht, auf eine solche Ehre zu hoffen,« da fiel er plötzlich auf die Knie und rief in derselben vornehmen Art: »Anna Andréjewna, machen Sie mich nicht unglücklich, erwidern Sie meine Gefühle und wenn nicht, so macht der Tod meinem Leben ein Ende.«
Márja. Aber Mama, damit meinte er doch mich!
Anna Andréjewna. Nun ja doch ... er meinte dich auch, das leugne ich ja gar nicht!
Polizeimeister. Und wie er uns in Angst versetzt hat, sagte, er wolle sich erschießen: »Ich schieße mich tot, ich schieße mich tot!«
Viele Stimmen. Nein, sagen Sie bloß!
Kreisrichter. Aber so etwas!
Schulinspektor. Das gnädige Schicksal hat es so gefügt.
Hospitalverwalter. Nicht das Schicksal, Verehrtester, das Schicksal ist eine blinde Henne, das Verdienst hat hier seinen Lohn empfangen. (Beiseite.) Diesem Schwein fliegen auch immer die gebratenen Tauben ins Maul!
Kreisrichter. Hören Sie, Antón Antónowitsch, ich möchte Ihnen doch gern die Hündin verkaufen, um die wir handelten.
Polizeimeister. Nein, nein, an Hündinnen liegt mir jetzt nichts mehr.
Kreisrichter. Nun, wenn Sie nicht wollen, dann einen andern Hund.
Frau Koróbkin. Ach, Anna Andréjewna, wie ich mich über Ihr Glück freue, Sie können sich das gar nicht vorstellen!
Koróbkin. Gestatten Sie mir die Frage: wo befindet sich denn zur Zeit der erlauchte Gast? Ich hörte, er sei verreist.
Polizeimeister. Ja, er fuhr für einen Tag fort, in einer besonders wichtigen Angelegenheit.
Anna Andréjewna. Zu seinem Onkel, um ihn um seinen Segen zu bitten.
Polizeimeister. Um seinen Segen zu erbitten. Doch morgen schon ... (Niest; vielstimmiges gleichzeitiges »Zum Wohlsein«.) Danke vielmals! Doch morgen schon (niest; brausendes »Zum Wohlsein«; dazwischen gleichzeitig mehrere andere Stimmen.)
Polizeiinspektor. Gesundheit, Euer Hochwohlgeboren!
Bóbtschinski. Hundert Jahre und einen Sack Dukaten!
Dóbtschinski. Gott schenke Ihnen langes Leben!
Hospitalverwalter. Verrecken sollst du!
Frau Koróbkin. Hol dich der Satan! (Alle fünf gleichzeitig.)
Polizeimeister. Danke verbindlichst! Ich wünsche Ihnen allen das gleiche.
Anna Andréjewna. Wir beabsichtigen, nach Petersburg überzusiedeln. Offen gesagt, die hiesige Atmosphäre ... doch gar zu kleinstädtisch ... wirklich sehr unangenehm ... sehen Sie, und mein Mann ... er soll dort General werden ...
Polizeimeister. Und ich muß gestehen, meine Herrschaften, ich habe große Lust, hol's der Teufel, General zu werden.
Schulinspektor. Gott erfülle Ihren Wunsch!
Rastakówski. Bei Gott ist kein Ding unmöglich!
Kreisrichter. Ein großes Schiff braucht ein breites Fahrwasser!
Hospitalverwalter. Dem Verdienste seine Krone!
Kreisrichter (beiseite). Was der angeben wird, wenn er wirklich General werden sollte! Dem paßt der Generalsrock wie der Kuh der Sattel. Nein, bis dahin hat's noch gute Wege. Hast hier gut gelernt, Schäfchen zu scheren, aber zum General langt's doch noch nicht.
Hospitalverwalter (beiseite). Eh, zum Henker, das möchte schon General werden! Ein findiger Kerl, darf sich's auch erlauben. Ist ja auch schlau genug, daß ihn kein Teufel fassen kann. (Wendet sich zum Polizeimeister.) Vergessen Sie uns dann nicht, Antón Antónowitsch!
Kreisrichter. Und wenn mal irgend was passiert, zum Beispiel eine kleine Unregelmäßigkeit im Amt, bleiben Sie dann unser Beschützer!
Koróbkin. Im nächsten Jahre will ich meinen Sohn nach der Residenz bringen, damit er die Staatskarriere einschlägt, dann bitte schenken Sie ihm Ihre Protektion! Vertreten Sie Vaterstelle bei der armen Waise!
Polizeimeister. Ich bin gern bereit, mich für ihn zu verwenden.
Anna Andréjewna. Antón, du versprichst auch immer gleich alles. Erstens wirst du gar keine Zeit haben, daran zu denken, und dann, wer wird sich gleich mit solchen Versprechungen belasten!
Polizeimeister. Weshalb denn, meine Liebe, zuweilen geht das doch!
Anna Andréjewna. Gewiß geht's, aber deswegen braucht man doch nicht gleich jedem Gründling seine Protektion zuzuwenden!
Frau Koróbkin. Haben Sie gehört, wie sie uns traktiert?
Eine Dame. Ja, so war sie immer, ich kenne sie genau. Setze sie an den Tisch, und sie legt die Beine ...
8. Szene
Die Vorigen. Der Postmeister (in Hast mit einem aufgebrochenen Brief in der Hand.)
Postmeister. Unglaubliche Sache, Herrschaften! Der Beamte, den wir für einen Revisor hielten, war gar kein Revisor!
Alle. Wie, kein Revisor?
Postmeister. Absolut kein Revisor! Ich erfuhr's durch einen Brief.
Polizeimeister. Was soll das heißen? Durch was für einen Brief?
Postmeister. Durch einen eigenhändigen Brief von ihm. Man bringt mir einen Brief auf die Post, ich schaue die Adresse an, lese »Poststraße«, und war starr vor Schreck. Na, denke ich, bei mir hat er richtig Unregelmäßigkeiten in der Postverwaltung entdeckt und berichtet darüber der Behörde. Nehm ihn und brech ihn auf.
Polizeimeister. Wie kommen Sie dazu?!
Postmeister. Ich weiß selbst nicht wie, eine übernatürliche Gewalt zwang mich dazu. Ich hatte schon den Kurier kommen lassen, der ihn per Estafette befördern sollte -- aber da überkam mich eine so heftige Neugierde, wie ich sie noch nie empfunden habe. Ich darf nicht, ich darf nicht, ich weiß, ich darf nicht -- aber es zieht, zieht immer stärker. In einem Ohre flüstert es: »mach ihn nicht auf, du fällst rein«, aber ins andere Ohr raunt mir ein Satan: »brich auf, brich auf, brich auf«, und wie ich das Siegel berühre -- Feuer, und wie ich's erbrochen hatte -- Eis -- kaltes Eis. Mir zitterten die Hände und alles drehte sich rundherum.
Polizeimeister. Wie konnten Sie sich erdreisten, den Brief einer so hochbevollmächtigten Persönlichkeit zu erbrechen?!
Postmeister. Das ist ja gerade der Spaß, daß er weder hochbevollmächtigt, noch auch eine Persönlichkeit ist!
Polizeimeister. Was sollte er denn nach Ihrer Meinung sein?
Postmeister. Nicht dies, nicht das, weiß der Teufel, was.
Polizeimeister (zornig). Wie, nicht dies, nicht das? Wie können Sie sich unterstehen, von ihm zu sagen »nicht dies, nicht das, und weiß der Teufel, was?« Ich lasse Sie verhaften!
Postmeister. Wer, Sie?
Polizeimeister. Ja, ich!
Postmeister. Hände weg!
Polizeimeister. Wissen Sie denn überhaupt, daß er meine Tochter heiraten wird, daß ich selbst zu den Großen zählen werde, und daß ich Sie ins hinterste Sibirien verschicken kann?!
Postmeister. I, Antón Antónowitsch, Sibirien! Sibirien ist weit! Ich werde Ihnen lieber gleich den Brief vorlesen. Herrschaften, soll ich vorlesen?
Alle. Lesen Sie, lesen Sie!
Postmeister (liest). »Lieber Trapítschkin! In Eile will ich dir davon Mitteilung machen, was für Wunderdinge mir hier passiert sind. Auf der Reise hatte mich ein Hauptmann so vollständig ausgebeutelt, daß der Gastwirt schon nahe daran war, mich ins Loch stecken zu lassen, als plötzlich, dank meiner Petersburger Physiognomie und meinem Petersburger Kostüm, mich das ganze Städtchen für einen Generalgouverneur zu halten begann. Kurz, jetzt wohne ich beim Polizeimeister, schlemme und schneide abwechselnd bald seiner Frau und bald seiner Tochter auf Mord die Cour; ich schwanke bloß, an welche von beiden ich mich zuerst heranmachen soll -- wahrscheinlich aber an die Mama, da sie aussieht, als ob sie zu jeder Gefälligkeit bereit sei. Weißt du noch, wie wir beide in der Klemme saßen und uns unser Mittagbrot zusammenmausten, und mich einmal ein Konditor am Kragen erwischte _à conto_ einiger Pasteten, die wir zu Lasten der Schatulle des Königs von Britannien verspeist hatten? Jetzt hat sich das Blättchen vollständig gewendet! Alle pumpen mir so viel, wie ich nur haben will. Unglaubliche Exemplare, du würdest bersten vor Lachen! Du schreibst ja so kleine Feuilletons; verewige sie denn durch deine Feder. Da ist zuerst gleich der Polizeimeister: borniert wie ein grauer Wallach ...«
Polizeimeister. Das ist nicht möglich! Das kann nicht dastehn!
Postmeister (zeigt ihm die Stelle). Bitte, lesen Sie doch selbst.
Polizeimeister (liest). ... »wie ein grauer Wallach.« Unmöglich, das haben Sie selbst geschrieben!
Postmeister. Wie käme ich denn dazu?
Hospitalverwalter. Lesen!
Schulinspektor. Lesen!
Postmeister (liest weiter). »... der Polizeimeister: borniert wie ein grauer Wallach ...«
Polizeimeister. Hol ihn der Satan! Muß das noch einmal wiederholen! Als ob's nicht so wie so schon dastünde!
Postmeister (liest weiter). Hm .. hm .. hm ».. grauer Wallach ... Der Postmeister ist gleichfalls ein netter Kunde ...« (Hält im Lesen inne). Nun, hier drückt er sich auch über mich wenig respektvoll aus.
Polizeimeister. Nein, lesen Sie weiter!
Postmeister. Aber wozu denn? ...
Polizeimeister. Nein, zum Henker, wenn schon lesen, dann auch alles lesen! Lesen Sie alles vor!
Hospitalverwalter. Geben Sie, ich werde lesen. (Setzt die Brille auf und liest.) »Der Postmeister gleicht auf ein Haar unserm Departements-Hausknecht Michéjeff, auch ein Gauner und säuft Schnaps.«
Postmeister (zu den Zuschauern). Ein niederträchtiger Lümmel, der nichts weiter als eine Tracht Prügel verdient!
Hospitalverwalter (liest weiter). »Der Hospitalverw... w.. w..« (Stotternd).
Koróbkin. Warum bleiben Sie denn stecken?
Hospitalverwalter. Unleserliche Schrift .. man sieht auch zur Genüge, daß das ein Flegel ist.
Koróbkin. Lassen Sie mich lesen! Ich glaube, ich habe bessere Augen! (will den Brief nehmen).
Hospitalverwalter (hält den Brief fest). Nein, diese Stelle kann man ja überschlagen, weiterhin wird es leserlicher.
Koróbkin. Geben Sie nur her, ich weiß schon Bescheid.
Hospitalverwalter. Aber was denn -- lesen kann ich auch -- weiterhin ist alles ganz deutlich.
Postmeister. Nein, alles vorlesen! Vorher ist auch alles vorgelesen worden!
Alle. Abgeben, Artémij Filíppowitsch, Brief abgeben! (Zu Koróbkin.) Lesen Sie vor!
Hospitalverwalter. Gleich, gleich. (Er gibt Koróbkin den Brief.) Erlauben Sie ... (deckt die Stelle mit dem Finger zu) ... da ... bitte von hier ab. (Alle umdrängen Koróbkin.)
Postmeister. Vorlesen! vorlesen! zum Kuckuck! alles vorlesen!
Koróbkin (liest). »Der Hospitalverwalter Semljaníka ist ein komplettes Schwein mit einer Nachtmütze.«
Hospitalverwalter (zu den Zuschauern). Sehr geistreich! Schwein mit einer Nachtmütze! Welches Schwein trägt Nachtmützen?
Koróbkin (liest weiter). »Der Schulinspektor ist durch und durch mit Knoblauch verpestet.«
Schulinspektor (zu den Zuschauern). Bei Gott, ich habe nie Knoblauch in den Mund genommen!
Kreisrichter (beiseite). Gott sei Dank, mich läßt er ungeschoren!
Koróbkin (liest weiter). »Der Kreisrichter ...«
Kreisrichter. Hopsa! (Laut.) Meine Herrschaften, ich denke, der Brief ist doch wohl zu lang ... Wozu in aller Welt solchen Quatsch vorlesen!
Schulinspektor. Nein!
Postmeister. Nein, vorlesen!
Hospitalverwalter. Nein, lesen Sie nur vor!
Koróbkin (fährt fort). »Der Kreisrichter Ljápkin-Tjápkin ist im höchsten Grade _mauvais ton_ ...« (Hält inne). Das scheint ein französischer Ausdruck zu sein.
Kreisrichter. Mag der Teufel wissen, was das bedeutet! Wenn bloß Halunke, dann gut; aber es kann noch was viel Schlimmeres sein.
Koróbkin (liest weiter). »Im übrigen ist das Völkchen gastfreundlich und äußerst harmlos. Lebe wohl, teuerster Trapítschkin. Ich gedenke mich nach deinem Vorbild jetzt ebenfalls der Literatur zu widmen, denn, lieber Freund, man bekommt diese Art Leben schließlich doch satt und sehnt sich nach geistiger Nahrung. Ich sehe es ein, man muß wirklich höheren Zielen zustreben. Schreibe mir doch nach Gouvernement Sarátoff, Gutsbezirk Podkalítowka. (Dreht den Brief um und liest die Adresse.) Seiner Hochwohlgeboren, dem wohledlen Herrn, Herrn Iwán Wassíljewitsch Trapítschkin, St. Petersburg. Poststraße 97, Hof geradezu, drei Treppen rechts.«
Eine Dame. Welch unverhoffte Züchtigung!
Polizeimeister. Sollte es treffen, dann hat's jetzt getroffen! Vernichtet, total vernichtet! Ich erkenne nichts mehr; ringsum nichts wie Schweineschnauzen, und keine Menschengesichter! .... Haltet ihn fest, haltet ihn fest! (Fährt mit den Armen durch die Luft.)
Postmeister. Was festhalten! Ich ließ ihm wie abgekartet das beste Gespann geben, und der Satan riet mir auch noch Relais vorauszubestellen!
Frau Koróbkin. Das nenn' ich doch beispiellose Konfusion!
Kreisrichter. Zu allem Überfluß -- hol's der Teufel, meine Herren, hat er mir sogar dreihundert Rubel abgepumpt!
Hospitalverwalter. Mir auch dreihundert!
Postmeister (seufzt.) Ach, und mir auch dreihundert!
Bóbtschinski. Und von mir und Dóbtschinski nahm er fünfundsechzig Rubel in Papier, jawohl!
Kreisrichter (breitet in höchstem Erstaunen die Arme aus). Aber ich bitte Sie um alles, meine Herren, wie konnten wir bloß auf solch einen Schwindel hereinfallen?!
Polizeimeister (schlägt sich vor die Stirne). Und ich -- und ich grauer Esel? Verdient hab' ich's, ich hirnverbrannter Schöps! Dreißig Jahre stehe ich im Dienst, habe mich von keinem Krämerhund oder Bauunternehmer jemals übers Ohr hauen lassen, habe einen Gauner mit dem andern betrogen, habe jeden Schelm und jeden Spitzbuben, der alle Welt bestahl, doch noch an meiner Angel gefangen, habe drei Gouverneure übertölpelt! ... Ach was, Gouverneure, (mit einer Handbewegung) wo bleiben da Gouverneure ...
Anna Andréjewna. Aber das kann nicht sein, Antón, er hat sich doch mit Máscha verlobt!