Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke
Part 6
Ossip (sieht aus dem Fenster). Da sind Kaufleute, die rein wollen, aber der Polizist läßt sie nich. Sie winken mit Papieren. Wahrscheinlich wollen sie zu Ihnen.
Chlestakóff (tritt ans Fenster). Was wollt ihr, guten Leute?
Stimmen der Kaufleute. Wir kommen zu deiner Barmherzigkeit! Hab Mitleid, Herr, und nimm unsere Bittschriften an!
Chlestakóff. Man soll sie hereinlassen! Sie mögen kommen. Ossip, sag ihnen, sie mögen kommen.
Ossip (geht hinaus).
Chlestakóff (nimmt durchs Fenster Bittschriften entgegen, faltet eine auseinander und liest). »Seiner hochwohlgeborenen Erlauchtheit dem Herrn Finanziell vom Kaufmann Awdúljin ...« der Teufel soll wissen, was das ist; und solchen Titel gibt's erst recht nicht!
10. Szene
Chlestakóff. Kaufleute (mit Weinkörben und Zuckerhüten).
Chlestakóff. Was wollt ihr, lieben Leute?
Kaufleute. Klagen kommen wir vor Eure Barmherzigkeit.
Chlestakóff. Worum handelt es sich?
Kaufleute. Laß uns nicht verderben, allergnädigster Herr! Unschuldig richtet er uns zugrunde!
Chlestakóff. Wer?
Einer der Kaufleute. Alles unser Polizeimeister! Herr, so einen Polizeimeister hat's noch nie gegeben. Was der uns für Niedertracht antut, das is nich auszudenken. Hat uns so ausgeplündert, daß man bloß noch 'ne Schlinge um den Hals braucht. Wie geht er auch mit einem um! Kriegt einen beim Bart zu packen und sagt: »Ach du Tatarenhund!« Bei Gott, das tut er! Wenn wir ihm noch hätten was abgehen lassen; aber wir tun ja alles, was wir nur können: was er verlangen kann zu Kleidern für seine Frau und seine Tochter -- daran läßt man's ja nicht fehlen. Aber, siehste, das is ihm alles noch nich genug! Kommt in den Laden rein, und was ihm in die Hände fällt, alles nimmt er mit: sieht er 'n Stück Stoff: »He, Freundchen, schöner Stoff; trag ihn mal zu mir rüber!« Nu und man muß 'n ihm hintragen, und dabei sind's doch wenigstens fünfzig Ellen!
Chlestakóff. Nicht möglich? Ist das ein Spitzbube!
Kaufleute. Wirklich wahr! Auf so'n Polizeimeister kann sich keiner nich besinnen. Man versteckt schon alles im Laden, wenn man ihn kaum kommen sieht. Nich mal feine Sachen nur nimmt er, nein, er nimmt jeden Dreck: Backpflaumen, die schon sieben Jahr in der Tonne liegen und die bei uns kein Hausknecht fressen möchte -- aber er steckt sich so 'ne Handvoll davon da rein. Auf St. Anton ist sein Namenstag, und man denkt nu, man hat alles gegeben, was er nur brauchen kann: nein, noch mehr soll man geben; er sagt, auf St. Onuphrius hätt' er auch noch 'n Namenstag. Was soll man nu tun? Man muß auch den St. Onuphrius feiern.
Chlestakóff. Aber das ist ja ein richtiger Räuber!
Kaufleute. Ach Gott, ja. Aber versuch' einer sich zu sperren, gleich schickt er einem 'n ganzes Regiment Einquartierung. Schlägt man Lärm, dann läßt er einem die Türen verrammeln und sagt: »Foltern und geißeln kann ich dich nicht, das erlaubt mir das Gesetz nicht, aber, Bürschchen, du sollst mir Heringe fressen, bis dir ...!«
Chlestakóff. Dieser Halunke! Der gehört ja direkt nach Sibirien!
Kaufleute. Ach, wo deine Gnade ihn auch hinschickt, das ist uns alles recht, nur weiter weg von uns. Lieber Vater, verachte nich unser Salz und Brot: laß uns dir mit diesem Endchen Zucker und 'nem Körbchen Wein unsere Ehrfurcht beweisen.
Chlestakóff. Nein, das laßt bleiben: ich nehme absolut keine Geschenke. Aber wenn ihr mir zum Beispiel dreihundert Rubel leihen wolltet, das wäre dann was anderes; das kann ich nehmen.
Kaufleute. Bitte, lieber Vater, bitte! (Sie holen Geld heraus.) Warum nur dreihundert? Nimm doch lieber gleich fünfhundert, nur hilf uns!
Chlestakóff. Wohlverstanden: ein Darlehn -- dabei bleibt's; ich nehme es an.
Kaufleute (reichen ihm auf einer silbernen Schale das Geld). Tu uns die Gnade und behalt' auch gleich die Schale.
Chlestakóff. Nun, meinetwegen auch die Schale.
Kaufleute (sich verbeugend). Dann nimm doch auch schon auf einen Hieb die Zuckerhüte und ...
Chlestakóff. O nein, Geschenke niemals ...
Ossip. Euer Hochwohlgeboren! Warum nehmen Sie's nich? Nehmen Sie's doch. Auf der Reise kann man alles brauchen. Her mit dem Zucker und mit den Körben! Alles her! Alles kann zu was taugen. Was is da? 'n Strick? Her mit dem Strick! Auch 'n Strick is gut auf die Reise; bricht mal was am Wagen oder sonst was -- man kann's dann doch binden.
Kaufleute. Tun Sie uns nu auch die Gnade, Euer Herrlichkeit! Wenn Sie uns auf unsre Bitten nich helfen, dann wissen wir nich mehr wohin, dann schon lieber gleich 'n Strick um den Hals.
Chlestakóff. Unbedingt! Unbedingt! Ich werde mich bemühen.
(Die Kaufleute entfernen sich; man hört die)
Stimme eines Weibes. Nein, du darfst mich nicht abweisen; auch dich werde ich verklagen; stoß mich doch nicht so!
Chlestakóff. Wer ist dort? (Tritt ans Fenster.) Was willst du, Mütterchen?
Stimme zweier Frauen. Um deine Barmherzigkeit flehen wir, Vater! Herr, hör uns an!
Chlestakóff (ruft hinaus). Einlassen!
11. Szene
Chlestakóff. Die Schlosserfrau und die Unteroffizierfrau.
Schlosserfrau (auf die Knie fallend). Barmherzigkeit!
Unteroffizierfrau. Barmherzigkeit!
Chlestakóff. Wer seid ihr denn?
Unteroffizierfrau. Die Unteroffizierfrau Iwánow.
Schlosserfrau. Die Schlosserfrau und Bürgerin Fewrónja Pjetrówna Poschljópkina, mein Vater ...
Chlestakóff. Halt, erst soll eine reden. Was willst du?
Schlosserfrau. Barmherzigkeit. Ich klage gegen den Polizeimeister, soll ihn Gott schlagen mit allem Bösen, daß seine Kinder und er, der Halunke, und seine Onkels und seine Tanten alle, alle nicht wissen, wo sie hin sollen!
Chlestakóff. Was ist denn vorgefallen?
Schlosserfrau. Er hat meinem Mann den Kopf scheren lassen und ihn unter die Soldaten gesteckt und das Los war doch nicht auf uns gefallen, dieser Schuft! Und auch das Gesetz erlaubt's nicht. Er ist ja verheiratet.
Chlestakóff. Wie konnte er denn das tun?
Schlosserfrau. Er hat's getan, der Halunke! Er hat's getan! Soll ihn Gott verdammen in dieser und in jener Welt! Und wenn er eine Tante hat, soll ihm auch seine Tante mit allen Pestilenzen geschlagen sein! Und sein Vater, wenn er noch lebt, die Kanaille! daß auch der verrecken soll oder ersticken soll in alle Ewigkeit! So ein Halunke der! Der Schneidersohn sollte genommen werden, der war ja auch 'n Säufer. Aber seine Eltern gaben ein schönes Stück Geld, da machte er sich dann an den Sohn der Kaufmannsfrau Panteléjeff. Aber die Panteléjeff schickte seiner Frau drei Stück Leinwand und da kam er zu mir. »Wozu brauchst du einen Mann,« sagte er. »Für dich taugt er ja doch nichts mehr.« Aber ich weiß alleine, ob er noch taugt oder nicht. Das ist schon meine Sache. So ein Halunke! »Ein Dieb ist er,« sagt er, »wenn er auch jetzt nichts gestohlen hat. Ganz egal,« sagt er, »stehlen wird er doch und sie werden ihn ja doch sowieso nächstes Jahr unter die Soldaten stecken.« Was soll ich dann anfangen ohne Mann? So ein Halunke! Sollen doch alle seine Verwandten es so kriegen, daß sie Gottes Licht nicht mehr sehen können und wenn er eine Schwiegermutter hat, so soll auch die Schwiegermutter ...
Chlestakóff. Genug, genug! Nun und du? (Schafft dabei die Schlosserfrau hinaus.)
Schlosserfrau (im Fortgehen). Vergiß es nicht, mein Vater, sei barmherzig.
Unteroffizierfrau. Ich kam wegen dem Polizeimeister.
Chlestakóff. Nun, und warum? Antworte kurz.
Unteroffizierfrau. Ausgepeitscht, Herr.
Chlestakóff. Wie?
Unteroffizierfrau. Aus Irrtum, mein Vater. Die Weiber zankten sich auf dem Markte und wie die Polizei kam und sie nicht fangen konnte, da griffen sie mich und haben mich so zerschunden, daß ich zwei Tage nicht sitzen konnte.
Chlestakóff. Ja, aber was ist jetzt da zu machen?
Unteroffizierfrau. Gewiß ist nichts zu machen, aber für den Fehler soll er Strafe zahlen. Ich muß ja mein Kreuz nun doch tragen, aber Geld könnte ich jetzt grade brauchen.
Chlestakóff. Gut, gut. Geh, geh. Ich werde es anordnen. (Nach dem Fenster strecken sich Hände mit Bittschriften empor.) Wer ist denn da noch? (Geht ans Fenster.) Ich will nicht, ich will nicht! Genug, genug! (Tritt zurück.) Das habe ich jetzt satt. Hol's der Teufel! Niemand mehr einlassen!
Ossip (schreit aus dem Fenster). Fort, fort! Keine Zeit, kommt morgen wieder!
(Die Tür öffnet sich und es erscheint in ihr eine Gestalt im wollenen Mantel mit verwildertem Bart, geschwollenen Lippen und verbundener Backe. Hinter ihr erscheinen noch einige andere Gestalten.)
Ossip. Raus! Raus! Was untersteht ihr euch! (Packt den ersten um den Leib und zieht ihn mit sich hinaus ins Vorzimmer, die Tür hinter sich zuschlagend.)
12. Szene
Chlestakóff. Márja Antónowna.
Márja. Ach!
Chlestakóff. Warum erschraken Sie so, mein Fräulein?
Márja. Oh, ich bin gar nicht erschrocken.
Chlestakóff (galant.) Aber mein Fräulein, es ist mir ja gerade sehr angenehm, daß Sie mich für einen Menschen hielten, welcher ... Darf ich so kühn sein, zu fragen, wohin Sie zu gehen beabsichtigten?
Márja. Wirklich, ich wollte nirgends hin.
Chlestakóff. Was wollten Sie beispielsweise mit dem nirgendshin sagen?
Márja. Ich dachte, ob Mama vielleicht hier ...
Chlestakóff. Nein, ich möchte eben gerne wissen, weshalb Sie nirgend wohin gingen?
Márja. Ich habe Sie gestört. Sie waren mit wichtigen Angelegenheiten beschäftigt.
Chlestakóff (galant). Ihre Augen sind reizvoller als alle wichtigen Angelegenheiten. Sie können mich überhaupt nicht stören. Ganz und gar nicht. Im Gegenteil, Sie können mir nur Vergnügen bereiten.
Márja. Sie sprechen im Tone der Großstadt --
Chlestakóff. Zu einem so entzückenden Geschöpf, wie Sie es sind. Darf ich mir das Glück gönnen, Ihnen einen Stuhl anzubieten? Doch nein, Sie sollten keinen Stuhl, Sie sollten einen Thron haben.
Márja. Wirklich, ich weiß nicht ... ich hätte doch wohl gehen müssen. (Setzt sich.)
Chlestakóff. Was haben Sie da für ein reizendes Halstuch?
Márja. Sie sind ein Spötter, und wollen sich nur über eine Provinzialin lustig machen.
Chlestakóff. Ach, mein Fräulein, wie sehr wünschte ich, Ihr Halstuch zu sein, um Ihren Lilienhals umschlingen zu können!
Márja. Ich verstehe ganz und gar nicht, wovon Sie sprechen. Dieses Halstuch ... Was für wunderbares Wetter heute ist!
Chlestakóff. Ihre Lippen, mein Fräulein, sind schöner als jedes Wetter.
Márja. Wie Sie auch immer reden ... Ich möchte Sie bitten, mir lieber ein paar Verse zur Erinnerung ins Album zu schreiben. Sie wissen jedenfalls eine Menge.
Chlestakóff. Für Sie, mein Fräulein, tue ich alles, was Sie wünschen. Was für Verse wollen Sie haben?
Márja. Irgendwelche, nur recht hübsche, neue.
Chlestakóff. Was heißt Verse! Ich kenne so viele.
Márja. Also sagen Sie, welche wollen Sie mir einschreiben?
Chlestakóff. Weshalb sagen? Ich kenne sie auch so.
Márja. Ich habe Verse so gern.
Chlestakóff. Ich weiß eine Menge der verschiedensten Gattung. Was meinen Sie zum Beispiel zu diesen:
»O du, der du in Liebesnot Umsonst mit deinem Schöpfer rechtest!«
Oder anderes dergleichen. Sie wollen mir jetzt gerade nicht einfallen. Aber das tut nichts, statt dessen ziehe ich es vor, Ihnen meine Liebe anzutragen, die durch Ihren Blick ... (Rückt mit dem Stuhle näher).
Márja. Liebe? Ich verstehe nichts von Liebe. Ich habe noch nie gewußt, was Liebe ist. (Rückt mit dem Stuhl weiter ab).
Chlestakóff. Warum rücken Sie denn fort? Es wäre doch viel netter, wenn wir nahe beieinander säßen.
Márja (rückt mit ihrem Stuhl weiter ab). Warum denn nahe? Es kann ja auch weiter sein.
Chlestakóff (rückt näher). Warum denn weiter? Es kann ja auch näher sein.
Márja. Aber warum denn?
Chlestakóff (rückt näher). Sehen Sie, es scheint Ihnen bloß so, daß das nahe ist. Bilden Sie sich ein, es sei weiter. Wie glücklich würde ich sein, mein Fräulein, Sie in meine Arme schließen zu können!
Márja (blickt nach dem Fenster). Was war das, was da vorbeiflog, eine Elster oder ein anderer Vogel?
Chlestakóff (küßt sie auf die Schulter und blickt nach dem Fenster). Eine Elster!
Márja (steht unwillig auf). Nein, das geht zu weit! Diese Dreistigkeit!
Chlestakóff (hält sie zurück). Verzeihen Sie, mein Fräulein, das tat ich nur aus Liebe, aus reiner Liebe.
Márja. Sie halten mich für eine Art von Provinzmädchen ... (Sie bemüht sich hinauszukommen.)
Chlestakóff (hält sie immer noch fest). Nur aus Liebe, wirklich nur aus Liebe. Ich scherzte nur ein wenig, Márja Antónowna. Zürnen Sie mir nicht. Ich bin bereit, Sie auf den Knien um Verzeihung zu bitten. (Fällt auf die Knie.) Verzeihen Sie, verzeihen Sie! Sie sehen mich auf den Knien!
13. Szene
Die Vorigen und Anna Andréjewna.
Anna Andréjewna (erblickt Chlestakóff auf den Knien liegend). Ah, welche Situation!
Chlestakóff (sich erhebend). Verflucht!
Anna Andréjewna (zur Tochter). Was soll das heißen, mein Fräulein? Was ist das für ein Betragen?
Márja. Ach, Mama, ich ...
Anna Andréjewna. Marsch hinaus, hörst du, hinaus, und wage es nicht, mir unter die Augen zu treten. (Márja in Tränen ab).
Anna Andréjewna. Verzeihen Sie, aber meine große Bestürzung ...
Chlestakóff (beiseite). Auch noch ganz appetitlich. Gar nicht übel. (Fällt auf die Knie.) Gnädigste, Sie sehen, ich brenne vor Liebe.
Anna Andréjewna. Wie, auf den Knien? Ach, stehen Sie auf, der Fußboden ist hier so staubig.
Chlestakóff. Nein, auf den Knien, durchaus auf den Knien. Ich muß wissen, was meiner harrt, Leben oder Tod!
Anna Andréjewna. Aber erlauben Sie, ich verstehe den Sinn Ihrer Worte noch gar nicht. Irre ich nicht, so wollen Sie sich zugunsten meiner Tochter erklären?
Chlestakóff. Nein, ich liebe Sie, mein Leben hängt an einem Faden. Wenn Sie meine unwandelbare Liebe nicht krönen, so bin ich des irdischen Daseins nicht wert. Mit flammendem Herzen bitte ich um Ihre Hand!
Anna Andréjewna. Aber gestatten Sie mir zu bemerken, ich bin gewissermaßen -- ich bin verheiratet.
Chlestakóff. Was liegt daran! Die Liebe kennt keinen Unterschied. Sagte doch schon Karámsin, »die Gesetze verdammen«. Wir ziehen uns in den Schatten eines Baches zurück. Ihre Hand, ich bitte um Ihre Hand!
14. Szene
Die Vorigen. Márja Antónowna eilt plötzlich herein.
Márja. Mama, Papa wünscht, du möchtest (erblickt Chlestakóff auf den Knien und ruft aus.) Ah, welche Situation!
Anna Andréjewna. Nun was soll das? Wohin? Warum? Welche Keckheit! Hereinzustürzen wie eine verbrannte Katze! Nun, was ist daran so Erstaunliches? Was hat dir so aufzufallen? Wirklich gerade wie ein dreijähriges Kind. Ich weiß nicht, ob du jemals vernünftiger werden und dich benehmen wirst, wie es sich für ein wohlerzogenes Mädchen schickt. Ob du jemals begreifen wirst, was es heißt, gute Sitte und anständiges Betragen!
Márja (unter Tränen). Wirklich Mama, ich wußte nicht ...
Anna Andréjewna. Ewig hast du Flatterkram im Kopf. Du nimmst dir dein Beispiel an den Töchtern des Kreisrichters. Was brauchst du nach denen hinzusehen, du sollst dich nicht um sie scheren. Du kannst andere Vorbilder haben. Sieh deine Mutter an. Nach solchen Vorbildern sollst du dich richten!
Chlestakóff (nimmt die Tochter bei der Hand). Anna Andréjewna, widersetzen Sie sich nicht unserm Glück, segnen Sie unsere treue Liebe.
Anna Andréjewna (in höchstem Erstaunen). Dann wären Sie also in sie ...
Chlestakóff. Entscheiden Sie, ob Leben oder Tod.
Anna Andréjewna. Nun sieh, du Närrin, sieh, deinetwegen, um solch albernes Ding hat unser Gast die Gnade gehabt, sich auf die Knie herabzulassen und du rennst plötzlich fort wie eine Verrückte. Wahrhaftig, ich hätte alle Veranlassung, mich zu weigern. Du bist eines solchen Glückes nicht wert!
Márja. Nie wieder tu ich's, Mama, wirklich nie wieder!
15. Szene
Die Vorigen. Polizeimeister in größter Hast hereintretend.
Polizeimeister. Nie wieder, Euer Exzellenz! Verderben Sie mich nicht, verderben Sie mich nicht!
Chlestakóff. Was haben Sie denn?
Polizeimeister. Die Kaufleute da haben sich bei Eurer Exzellenz beschwert. Auf Ehre versichere ich, nicht die Hälfte von dem ist wahr, was sie sagen. Sie selber betrügen und übervorteilen das Volk. Die Unteroffiziersfrau hat Ihnen vorgelogen, ich hätte sie durchpeitschen lassen. Sie lügt, bei Gott sie lügt. Sie hat sich selber durchgepeitscht.
Chlestakóff. Weg mit der Unteroffiziersfrau! Was geht die mich an!
Polizeimeister. Glauben Sie ihnen nicht! Glauben Sie ihnen nicht! Das sind solche Lügner, kein Wickelkind glaubt denen mehr. Die ganze Stadt kennt sie als Lügner, und was die Spitzbüberei betrifft, sie selbst sind Spitzbuben, wie es noch keine auf der Welt gab.
Anna Andréjewna. Weißt du denn auch, welcher Ehre uns Iwán Alexándrowitsch würdigt? Er bittet um die Hand unserer Tochter.
Polizeimeister. Aber, aber, Frauchen, du bist von Sinnen! Bitte zürnen Sie nicht, Exzellenz, sie ist ein bißchen wunderlich. Die Mutter war auch so.
Chlestakóff. Nein, ich bitte tatsächlich um ihre Hand. Ich liebe sie.
Polizeimeister. Das kann ich unmöglich glauben, Exzellenz.
Anna Andréjewna. Aber wenn man es dir doch sagt!
Chlestakóff. Ich sage das nicht, um zu scherzen. Ich könnte vor Liebe den Verstand verlieren.
Polizeimeister. Ich wage es nicht zu glauben, ich bin dieser Ehre nicht würdig.
Chlestakóff. Wenn Sie sich weigern, mir die Hand ihrer Tochter zu geben, dann bin ich weiß Gott wozu entschlossen.
Polizeimeister. Ich kann es nicht glauben. Sie belieben zu scherzen, Exzellenz.
Anna Andréjewna. Nein, wahrhaftig, was für ein Tölpel! Wenn man's dir doch nun sagt!
Polizeimeister. Ich kann's nicht glauben.
Chlestakóff. Geben Sie mir Ihre Hand, geben Sie, ich bin ein tollkühner Mensch und zu allem bereit. Wenn ich mich erschieße, kommen Sie vors Gericht.
Polizeimeister. O mein Gott, ich bin wirklich, wirklich nicht schuld, weder mit Leib noch Seele. Bitte zürnen Sie nicht, handeln Sie, wie es Ihre Gnaden für gut erachten. In meinem Kopfe sieht es augenblicklich ... ich weiß selbst nicht, was da vorgeht. Ich bin jetzt ein solcher Narr, wie ich es noch niemals gewesen bin.
Anna Andréjewna. Nun, gib deinen Segen.
Chlestakóff (tritt mit Márja Antónowna heran).
Polizeimeister. So segne euch Gott, aber ich bin unschuldig! (Chlestakóff tauscht mit Márja Küsse. Polizeimeister blickt auf sie.) Was für ein Teufelskerl, es ist nicht zu sagen! (Reibt sich die Augen.) Ja, ja, küssen sich, ganz klar, küssen sich. Genau wie ein Bräutigam! Hui, da ist mir aber ein Glück einbeschert! Alle Wetter!
16. Szene
Die Vorigen und Ossip.
Ossip. Der Wagen ist bereit.
Chlestakóff. Schön, Ossip, gleich.
Polizeimeister. Sie geruhen abzureisen?
Chlestakóff. Ja, ich reise.
Polizeimeister. Und wann -- das heißt -- ... Sie geruhten doch selber vorhin auf eine Hochzeit anzuspielen?
Chlestakóff. Ach, das ist nur momentan. Ich reise bloß für einen Tag zu meinem Onkel -- reicher alter Mann -- morgen bin ich wieder zurück.
Polizeimeister. Wir wagen nicht Sie zurückzuhalten -- in Hoffnung auf ein glückbringendes Wiedersehen.
Chlestakóff. Aber was denn! Ich bin ja gleich wieder da. Leb wohl, meine Liebe ... Nein, ich kann es nicht ausdrücken, leb wohl, mein Herzchen! (Küßt ihr die Hand.)
Polizeimeister. Benötigen Sie vielleicht etwas für die Reise? Sie schienen etwas knapp an Geldmitteln?
Chlestakóff. O nein, wie so? (Denkt etwas nach.) Na, übrigens ja, bitte.
Polizeimeister. Wieviel wünschen Sie?
Chlestakóff. Sie gaben mir damals zweihundert, das heißt nicht zweihundert, sondern vierhundert, ich will aus Ihrem Versehen keinen Vorteil ziehen -- dann also bitte jetzt noch einmal vierhundert, damit es rund achthundert sind.
Polizeimeister. Sofort. (Holt die Scheine aus der Brieftasche.) Noch dazu, wie bestellt, ganz neue Scheine.
Chlestakóff. Sieh da! (Nimmt und betrachtet die Scheine.) Das ist schön. Heißt es nicht »neues Geld, neues Glück«?
Polizeimeister. Sehr richtig!
Chlestakóff. Leben Sie wohl, Antón Antónowitsch, ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Gastfreundschaft. Ich habe noch nirgendwo eine so gute Aufnahme gefunden. Leben Sie wohl, Anna Andréjewna, mein süßer Schatz, Márja Antónowna!
(Hinter der Szene):
Stimme des Chlestakóff. Leb wohl, Engel meiner Seele, Márja Antónowna!
Stimme des Polizeimeisters. Wie? Sie wollen mit dem einfachen Postwagen reisen?
Stimme des Chlestakóff. Ja, ich bin's schon so gewohnt. In den federnden Wagen bekomme ich nur Kopfschmerzen.
Stimme des Postillons. Prrr! ...
Stimme des Polizeimeisters. Man sollte ihn wenigstens mit etwas überdecken und wenn's auch nur ein Teppich wäre. Soll ich nicht nach einem Teppich schicken?
Stimme des Chlestakóff. Nein, wozu. Das ist unnötig. Aber vielleicht doch -- gut, lassen Sie einen holen.
Stimme des Polizeimeisters. He, Awdótja, lauf in die Kammer und hol den besten Teppich, den mit dem blauen Fond, den persischen, schnell!
Stimme des Postillons. Prrr!
Stimme des Polizeimeisters. Wann dürfen wir Sie zurück erwarten?
Stimme des Chlestakóff. Morgen oder übermorgen.
Stimme des Ossip. Is das der Teppich? Gib ihn hierher. So hinlegen. So, und dort noch 'n bissel Heu, so.
Stimme des Postillons. Prrr!
Stimme des Ossip. Noch auf der Seite! Hierher! Noch! Genug! So wird's fein gehn. (Schlägt mit der Hand auf den Teppich.) So, Euer Wohlgeboren, nu setzen Sie sich!
Stimme des Chlestakóff. Adieu, Antón Antónowitsch!
Stimme des Polizeimeisters. Leben Sie wohl, Euer Exzellenz!
Weibliche Stimmen. Adieu, Iwán Alexándrowitsch!
Stimme des Chlestakóff. Adieu, Mama!
Stimme des Postillons. Los, ihr Hengste!
(Die Postglocke ertönt, der Vorhang fällt.)
(Ende des vierten Aufzuges.)
Fünfter Aufzug
(Dasselbe Zimmer.)
1. Szene
Polizeimeister. Anna Andréjewna. Márja Antónowna.
Polizeimeister. Nun Frau, hättest du an so etwas gedacht? Solch einen Fang zu tun? Du Närrin, gesteh' es, hättest du dir das träumen lassen? -- Eben noch eine gewöhnliche Frau Polizeimeisterin und plötzlich -- du Glückspilz, mit so einem Teufelskerl verschwägert.
Anna Andréjewna. O, freilich, das wußte ich längst. Nur dich nimmt das Wunder, weil du ein gewöhnlicher Mensch bist und noch nie gebildete Leute gesehen hast.
Polizeimeister. Ich bin auch ein gebildeter Mensch, aber um darauf zurückzukommen, wahrhaftig, wenn man bedenkt, Frau, was wir beide jetzt für stolze Vögel geworden sind! Nein, Frau, und diese erhabene Höhe, hol's der Teufel! Halt, jetzt will ich doch mal dieser Bande ihre Bittschriften und Denunziationen eintränken. He, niemand da?
Polizeidiener (kommt herein).
Polizeimeister. Ah, du, Iwán Karpówitsch, schaff mir mal die Kaufleute her, ich will die Kanaillen! Sich über mich beschweren! Seht doch, ihr verdammten Schacherseelen! Wartet nur, Bürschchen, habe ich euch bisher nur geschoren, so sollt ihr mir jetzt geschunden werden! Notier mir jeden, der sich über mich beschwert hat und vornehmlich dieses Schmiererpack, das ihnen die Bittschriften aufgesetzt hat, und bringe ihnen allen bei, daß sie wissen sollen, was Gott für einen Segen auf den Polizeimeister herabgeschickt hat, daß er seine Tochter verheiratet, aber nicht an den ersten besten gewöhnlichen Kerl, nein, sondern an einen, wie es in der Welt noch keinen zweiten gegeben hat, der alles vermag, alles, alles! Schärf's ihnen allen ein, daß sie's auch gut wissen, laß es in der ganzen Stadt ausrufen, von sämtlichen Glocken ausläuten. Den Teufel auch, wenn schon triumphieren, dann auch ordentlich triumphieren!
Polizeidiener (ab).
Polizeimeister. Na, nun, Frau, was? Wo werden wir jetzt leben? Hier oder in Petersburg?
Anna Andréjewna. Natürlich in Petersburg, wer soll's denn auch hier aushalten.
Polizeimeister. Nun, Petersburg ist Petersburg, aber auch hier war's gar nicht so übel, und das Polizeimeisterspielen, scheint mir, geht dann auch zum Teufel, was Frau?
Anna Andréjewna. Selbstverständlich, was ist denn an dem Polizeimeister gelegen?
Polizeimeister. Jetzt wird man denn auch, was meinst du Frau, hübsch im Rang in die Höhe klettern können, da er ja mit allen Ministern auf du und du steht und zu Hofe fährt. Er könnte einen dann so nett bugsieren, daß man mit der Zeit auch in den Generalsrock hineinschlüpft. Was meinst du, Frau, ob man das wohl erwischt?
Anna Andréjewna. Und ob! Kleinigkeit!