Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke
Part 5
Polizeimeister. Pst! (Hält ihm den Mund zu.) Wie das Rabenvieh krächzt! (schüttelt ihn.) »Wir kamen auf Befehl!« Brüllt wie aus einer Tonne! (Zu Ossip.) Geh, Freundchen, besorge dort das deinige und verfüge über alles, was das Haus bieten kann. (Ossip ab.) Und ihr -- ihr habt mir auf der Treppe zu stehen, und nicht von der Stelle gerührt! Und keinen Unbefugten hereingelassen, vor allem keine Kaufleute! Laßt ihr auch nur einen herein, dann ...! So wie ihr seht, daß jemand mit einer Beschwerdeschrift kommt, oder wenn er auch nur so aussieht, als ob er eine Beschwerde über mich einreichen will, dann ohne weiteres eins ins Genick! So! tüchtig! (Machts ihnen mit dem Fuße vor.) Verstanden? Pst! ... Pst! ... (Geht auf den Zehen hinaus, die Polizeidiener vor sich herschiebend.)
(Ende des dritten Aufzuges.)
Vierter Aufzug
(Dasselbe Zimmer im Hause des Polizeimeisters.)
1. Szene
Es treten auf -- behutsam auf den Fußspitzen: Kreisrichter, Hospitalverwalter, Postmeister, Schulinspektor, Dóbtschinski, Bóbtschinski, (sämtlich in voller Gala. Die ganze Szene geht im Flüsterton vor sich.)
Kreisrichter (stellt alle im Halbkreis auf). Um Gotteswillen, meine Herren, schnell einen Halbkreis gebildet, und mehr Richtung! Ein gefährlicher Herr: fährt zu Hofe und schnauzt den Staatsrat an! Stellen Sie sich in Schlachtordnung! Sie Pjotr Iwánowitsch, stellen sich hierher.
(Beide Pjotr Iwánowitsch eilen auf den Zehen herbei.)
Hospitalverwalter. Gestatten Sie, Ammós Fjódorowitsch, man sollte doch zuvor etwas versuchen.
Kreisrichter. Und was denn?
Hospitalverwalter. Na, was ganz bekanntes.
Kreisrichter. Schmieren?
Hospitalverwalter. Nun ja doch, schmieren.
Kreisrichter. Das ist gefährlich, das spricht sich 'rum: ein Staatsbeamter! Vielleicht in Form einer Widmung seitens des Adels -- irgendein Andenken.
Postmeister. Oder einfach so: Schaun Sie, Euer Gnaden, da ist Geld auf der Post eingegangen, aber keiner weiß, wem's gehört.
Hospitalverwalter. Passen Sie dann nur auf, daß er Sie nicht mit der Post weiter wohin befördert. Nein, hören Sie, in einem wohlgeordneten Staate behandelt man derartige Dinge anders. Wozu braucht's denn hier der ganzen Schwadron? Einzeln muß man sich vorstellen, und dann unter vier Augen ... wie sich's eben gehört; die Ohren dürfen nichts davon merken! So ist das in der guten Gesellschaft hergebracht. Sie, Ammós Fjódorowitsch, müßten den Anfang machen.
Kreisrichter. Nein, besser Sie; in Ihrer Anstalt hat der hohe Besuch doch auch gespeist.
Hospitalverwalter. Dann eher noch Lúka Lúkitsch in seiner Eigenschaft als Erleuchter der Jugend.
Schulinspektor. Nein ich kann nicht, ich kann nicht, meine Herren! Offen gestanden, ich bin so ängstlich, daß ich, wenn ein höherer Beamter mit mir redet, gleich den Kopf verliere und mir die Zunge im Halse stecken bleibt. Nein, meine Herren, lassen Sie mich aus, lassen Sie mich aus!
Hospitalverwalter. Ja, dann bleiben eben nur Sie, Ammós Fjódorowitsch. Sie haben ja auch einen Redefluß, um den Sie Cicero beneiden könnte.
Kreisrichter. Warum nicht gar! Cicero! Was Sie sich auch ausdenken! Wenn ich mich auch manchmal hinreißen lasse beim Gespräch über Jagd- und Schweißhunde ...
Alle (ihn umdrängend). Nein, nein, nicht nur von Hunden, Sie können sogar vom babylonischen Turm ... Nein, Ammós Fjódorowitsch, lassen Sie uns nicht im Stich, seien Sie unser Vater! Nein, Ammós Fjódorowitsch!
Kreisrichter. Lassen Sie mich frei, meine Herren!
(Im selben Augenblick hört man im Nebenzimmer Schritte und Husten Chlestakóffs. Alle rennen um die Wette nach der Tür und drängen sich, um schnell hinauszukommen, was nicht ohne gegenseitige Püffe abgeht; man hört unterdrückte Ausrufe.)
Stimme Bóbtschinskis. Au! Dóbtschinski, Dóbtschinski! Meine Hühneraugen!
Stimme des Hospitalverwalters. Herrschaft laßt los, laßt los, Ihr quetscht mir ja die Seele aus dem Leibe!
(Man hört noch weitere Ausrufe ai! au! Endlich haben sich alle durchgedrückt, und das Zimmer ist leer.)
2. Szene
Chlestakóff allein; tritt herein mit verschlafenen Augen.
Chlestakóff. Ich muß ganz tüchtig geschnarcht haben. Wo sie bloß alle diese Matratzen und Federbetten herhaben mögen? Geschwitzt habe ich sogar. Mir scheint, ich habe mir gestern beim Frühstück einen ziemlichen Schwips zugelegt: noch bis jetzt brummt mir der Schädel. Ich sehe, man kann hier seine Zeit auf die angenehmste Weise verbringen. Ich liebe die Gastlichkeit und schätze sie noch höher, wenn ich mehr aus natürlicher Herzensgüte und weniger mit besonderen Hintergedanken bewillkommnet werde. Zudem ist dies Töchterchen des Polizeimeisters durchaus nicht so übel, und selbst bei der Mama könnte man noch ganz gut ... Alles in allem ... wahrhaftig, diese Art Leben behagt mir.
3. Szene
Chlestakóff und Kreisrichter.
Kreisrichter (tritt ein, bleibt stehen und spricht für sich). Gott, mein Gott! Hilf mir aus dieser Klemme; meine Knie brechen mir vor Angst. (Laut, Haltung nehmend und die Hand am Degen.) Habe die Ehre mich vorzustellen: Ljápkin-Tjápkin, Kollegienassessor und Richter des hiesigen Kreises.
Chlestakóff. Bitte nehmen Sie Platz! So, Sie sind Richter hier?
Kreisrichter. Vor zwanzig Jahren wurde ich auf Vorschlag des Adels für drei Jahre gewählt und verwalte mein Amt bis auf den heutigen Tag.
Chlestakóff. Das ist wohl ein recht einträglicher Posten?
Kreisrichter. Nach zweimaliger Wiederwahl erhielt ich den Wladímir vierter Klasse nebst einer Belobigung seitens meiner vorgesetzten Behörde. (Beiseite.) Wie mir das Geld zwischen den Fingern brennt!
Chlestakóff. Der Wladímir ist mir sehr sympathisch; der Annenorden dritter reicht da nicht heran.
Kreisrichter (streckt die geschlossene Hand ein wenig weiter vor; beiseite). Gott im Himmel, ich weiß nicht mehr, wo ich bin, ich sitze wie auf glühenden Kohlen!
Chlestakóff. Was haben Sie da in der Hand?
Kreisrichter (verliert den Kopf und läßt die Scheine auf den Boden fallen). O nichts.
Chlestakóff. Wieso nichts? Da fiel doch Geld hin.
Kreisrichter (am ganzen Leibe zitternd). D -- d -- durchaus nicht! (Beiseite.) O Gott! Jetzt bin ich gerichtet, der Henkerwagen wartet schon.
Chlestakóff (das Geld aufhebend). Natürlich ist das Geld.
Kreisrichter (beiseite). Nun bin ich verloren, total verloren!
Chlestakóff. Ach wissen Sie, leihen Sie mir das Geld!
Kreisrichter (eilfertig). Wie ... wie ... mit dem größten Vergnügen! (Beiseite.) Mut, Mut, heilige Mutter Gottes, steh mir bei!
Chlestakóff. Sehen Sie, ich habe mich auf der Reise ganz verausgabt; dies und jenes ... ich schicke es Ihnen übrigens von Hause gleich wieder zurück.
Kreisrichter. Absolut unnötig! An sich schon welche Ehre ... Mit meinen schwachen Kräften der Obrigkeit in Eifer und Hingabe ... zu dienen bereit ... (erhebt sich vom Stuhle, in Haltung und die Hand am Degen.) Ich wage nicht, Sie länger durch meine Gegenwart zu belästigen. Hatten Sie noch irgendwelche Befehle zu erteilen?
Chlestakóff. Was für Befehle?
Kreisrichter. Ich meine -- Befehle an den hiesigen Kreisrichter!
Chlestakóff. Wozu? Ich habe augenblicklich gar kein Verlangen nach ihm; nein, durchaus nicht, danke verbindlichst.
Kreisrichter (sich verneigend und im Hinausgehen beiseite). Die Festung ist erobert!
Chlestakóff (nach seinem Abgang). Ein freundlicher Mann, dieser Kreisrichter!
4. Szene
Chlestakóff. Postmeister (tritt ein, in Gala und aufrechter Haltung, die Hand am Degen).
Postmeister. Habe die Ehre, mich vorzustellen: Postmeister und Hofrat Schpékin!
Chlestakóff. Ah, sehr willkommen! Ich liebe angenehme Gesellschaft. Setzen Sie sich. Leben Sie beständig hier?
Postmeister. Zu dienen.
Chlestakóff. Mir gefällt Ihr Städtchen. Es ist freilich nicht sehr bevölkert -- aber was tut das? Es ist ja doch keine Residenz, nicht wahr? Es ist ja doch keine Residenz?
Postmeister. Vollkommen richtig.
Chlestakóff. Den _bon ton_ gibt's doch eben nur in der Residenz, die hat auch keine Provinzgänse. Was ist Ihre Meinung, wie?
Postmeister. Durchaus die nämliche! (Beiseite.) Scheint gar nicht stolz zu sein; erkundigt sich nach allem.
Chlestakóff. Sagen Sie mal aufrichtig: auch in einer kleinen Stadt läßt es sich wohl ganz hübsch leben?
Postmeister. O gewiß.
Chlestakóff. Ich meine so, was braucht man weiter? Man braucht nur geachtet und geliebt zu sein -- nicht wahr?
Postmeister. Sehr richtig bemerkt.
Chlestakóff. Ich bin wirklich recht erfreut, daß Sie so ganz meiner Meinung sind. Ich gelte allerdings für einen Sonderling, aber das ist nun mal meine Charakteranlage. (Sieht ihm in die Augen und spricht für sich.) Ob ich diesen Postmeister wohl anpumpen kann? (Laut.) Was mir da komisches passiert ist! Ich habe mich auf der Reise ganz verausgabt. Könnten Sie mir vielleicht dreihundert Rubel leihen?
Postmeister. Aber sofort! Mit dem größten Vergnügen! Haben Sie die Güte. Stehe bereitwilligst zu Diensten.
Chlestakóff. Sehr verbunden! Offen gestanden, es ist mir in den Tod zuwider, mich auf der Reise einschränken zu sollen; wozu auch? Nicht wahr?
Postmeister. Sehr richtig. (Erhebt sich, in aufrechter Haltung und die Hand am Degen.) Ich wage nicht, Sie länger mit meiner Gegenwart zu belästigen ... Hätten Sie einige Anweisungen hinsichtlich des Postdienstes?
Chlestakóff. Nein, nichts. (Postmeister verneigt sich und geht ab.)
Chlestakóff (eine Zigarre anzündend). Der Postmeister scheint auch ein recht netter Mensch zu sein; zum mindesten sehr gefällig. Solche Leute liebe ich.
5. Szene
Chlestakóff und Schulinspektor, der fast zur Tür hereingestoßen wird. Hinter ihm hört man eine ziemlich laute Stimme: »Hasenfuß!«
Schulinspektor (in zitternder Haltung, die Hand am Degen). Habe die Ehre, mich vorzustellen: Schulinspektor und Titularrat Chlópoff.
Chlestakóff. Ah, sehr willkommen! Nehmen Sie Platz, nehmen Sie Platz! Zigarre gefällig? (Reicht ihm eine Zigarre.)
Schulinspektor (unschlüssig, für sich). Hast du nicht gesehn! Darauf war ich nicht vorbereitet. Was nun?
Chlestakóff. Nehmen Sie, nehmen Sie nur; ganz anständiges Kraut. Natürlich nicht so wie in Petersburg. Sehn Sie, mein Verehrtester, dort rauche ich so gewöhnlich das Kistchen zu fünfundzwanzig Rubel, tadellos, man leckt sich ordentlich die Lippen danach. Hier ist Feuer, bitte schön. (Reicht ihm das Licht.)
Schulinspektor (versucht zu rauchen und schlottert am ganzen Leibe).
Chlestakóff. Aber Sie rauchen ja verkehrt!
Schulinspektor (läßt vor Schreck die Zigarre fallen, spuckt aus und weht sich mit der Hand vor dem Gesicht; für sich). Hol das alles doch der Teufel! Diese verfluchte Schüchternheit!
Chlestakóff. Sie scheinen kein Freund von Zigarren zu sein. Ich freilich habe offen gesagt geradezu eine Schwäche dafür. Es geht mir damit so wie mit dem schönen Geschlecht, ich kann da absolut nicht gleichgültig sein. Und Sie? Was mögen Sie mehr, die Brünetten oder Blondinen?
Schulinspektor (schwebt in völliger Ratlosigkeit, was er sagen soll).
Chlestakóff. Nein, frei heraus, Brünette oder Blondinen?
Schulinspektor. Ich wage keine Ansicht ...
Chlestakóff. Nein, nein, keine Ausrede! Ich will unbedingt Ihren Geschmack kennen lernen!
Schulinspektor. Dann würde ich mir ergebenst zu bemerken gestatten ... (Beiseite.) Ich weiß ja selber nicht was; alles dreht sich mir im Kopfe herum.
Chlestakóff. Aha! Sie wollen es nicht sagen! Gewiß hat's Ihnen so eine kleine Brünette angetan! Hab' ich recht?
Schulinspektor (schweigt).
Chlestakóff. Ja, ja, Sie erröten, sehen Sie wohl! Warum gestehn Sie's denn nicht?
Schulinspektor. Meine Befangenheit, Ew. Wohl... Hochwohl... Exzell... (Beiseite.) Läßt mich doch richtig die verdammte Zunge im Stich!
Chlestakóff. Befangenheit! In der Tat, ich habe in meinen Augen so ein gewisses Etwas, das befangen macht. Wenigstens weiß ich genau, daß kein Weib ihm zu widerstehen vermag. Nicht wahr?
Schulinspektor. Ganz zweifellos!
Chlestakóff. Da ist mir ein seltsamer Fall passiert -- ich habe mich auf der Reise ganz verausgabt. Könnten Sie mir wohl dreihundert Rubel leihen?
Schulinspektor (greift in die Tasche; für sich). Schöne Blamage, wenn ich jetzt nichts bei mir hätte! Ist da! Ist da! (Zieht die Scheine heraus und überreicht sie zitternd.)
Chlestakóff. Herzlichen Dank!
Schulinspektor. Ich wage nicht, Sie länger mit meiner Gegenwart zu belästigen.
Chlestakóff. Leben Sie wohl.
Schulinspektor (eilt fast laufend hinaus und spricht beiseite). Nun Gott sei Dank! der guckt mir nicht in meine Klassen hinein!
6. Szene
Chlestakóff. Hospitalverwalter, in Haltung und die Hand am Degen.
Hospitalverwalter. Habe die Ehre, mich vorzustellen: Hospitalverwalter und Hofrat Semljaníka.
Chlestakóff. Schönen guten Tag, bitte nehmen Sie gefälligst Platz.
Hospitalverwalter. Ich hatte gestern die Ehre, Sie persönlich empfangen und Ihnen in der meiner Aufsicht anvertrauten Anstalt aufwarten zu dürfen.
Chlestakóff. Ach ja, ich erinnere mich. Sie gaben mir ein vorzügliches Frühstück.
Hospitalverwalter. Ich bin glücklich, dem Vaterlande dienen zu können.
Chlestakóff. Offen gestanden, es ist das meine schwache Seite -- ich liebe eine gute Küche. Sagen Sie doch mal, mir scheint -- waren Sie nicht gestern ein Endchen kleiner, wie?
Hospitalverwalter. Sehr wohl möglich. (Nach kurzer Pause.) Ich darf es aussprechen, daß ich mit größter Aufopferung und Hingebung meinen Dienst erfülle. (Rückt näher und spricht halblaut.) Sehen Sie, der hiesige Postmeister tut gar rein gar nichts; alles ist gänzlich verwahrlost: Sendungen werden unterschlagen ... bitte nur selbst einmal nachzusehen. Auch der Kreisrichter, der eben vor mir drin war, geht immer nur auf die Hasenjagd, hält seine Hunde im Gerichtslokal, und seine Moral, wenn ich es vor Ihnen bekennen darf -- indessen zum Wohle des Vaterlandes muß ich es tun, obwohl er mein Anverwandter und Freund ist -- seine Moral ist die denkbar schlechteste. Hier lebt ein Hausbesitzer Dóbtschinski, Sie geruhten ihn bereits bemerkt zu haben, und wenn dieser Dóbtschinski nur einen Schritt aus seinem Hause tut, gleich ist der Kreisrichter drin und treibt mit seiner Frau ... ich kann es beschwören ... Sie brauchen sich da nur mal die Kinder anzusehen: keins von ihnen gleicht dem Dóbtschinski, aber alle, sogar das jüngste Töchterchen, sind dem Kreisrichter wie aus dem Gesicht geschnitten.
Chlestakóff. Was Sie sagen! Das hätte ich nie gedacht!
Hospitalverwalter. Und dann der Schulinspektor. Ich verstehe nicht, wie die Obrigkeit ihm solch ein Amt anvertrauen konnte. Er ist schlimmer als ein Jakobiner und bringt der Jugend derartig verwerfliche Grundsätze bei, daß es schwer zu beschreiben ist. Befehlen Sie, daß ich darüber ein schriftliches Memorandum aufsetze?
Chlestakóff. Schön, jedenfalls schriftlich. Es wird mir sehr willkommen sein. Wissen Sie, ich liebe es sehr, für langweilige Stunden etwas Erbauliches zum Lesen zu haben ... Wie heißen Sie doch? Ich vergesse immer alles.
Hospitalverwalter. Semljaníka.
Chlestakóff. Ach ja, Semljaníka. Sagen Sie, haben Sie Kinder?
Hospitalverwalter. Freilich, ganze fünf, zwei schon erwachsen.
Chlestakóff. So, so, auch schon erwachsene! Na und die ... welchen Geschl...?
Hospitalverwalter. Sie geruhten wahrscheinlich zu fragen, wie sie heißen?
Chlestakóff. Ja wohl, wie sie heißen.
Hospitalverwalter. Nikolái, Iwán, Elisabeth, Márja und Perpetua.
Chlestakóff. Famos.
Hospitalverwalter. Ich wage nicht, Sie länger durch meine Gegenwart zu belästigen und Ihnen kostbare Zeit zu rauben, die den heiligsten Pflichten gewidmet ist ... (Verneigt sich und will abtreten.)
Chlestakóff (Gibt ihm das Geleit). Nein, durch aus nicht. Das ist ja alles sehr spaßhaft, was Sie mir da erzählt haben. Machen Sie mir bald wieder das Vergnügen ... ich höre so etwas sehr gerne. (Geht schnell wieder zur Türe, öffnet sie und ruft hinter ihm her.) He Sie! Wie heißen Sie doch noch? Ich vergesse alles, wie heißen Sie mit Vor- und Vaternamen?
Hospitalverwalter. Artémij Filíppowitsch.
Chlestakóff. Tun Sie mir den Gefallen, Artémij Filíppowitsch, mir ist ein komischer Fall begegnet: ich gab mich auf der Reise vollständig aus. Könnten Sie mir wohl vierhundert Rubel leihen?
Hospitalverwalter. Zu dienen.
Chlestakóff. Wie gut sich das trifft! Danke verbindlichst!
7. Szene
Chlestakóff. Dóbtschinski und Bóbtschinski.
Bóbtschinski. Habe die Ehre mich vorzustellen: Einwohner hiesiger Stadt, Pjotr Iwánowitsch Bóbtschinski junior.
Dóbtschinski. Hausbesitzer Pjotr Iwánowitsch Dóbtschinski junior.
Chlestakóff. Sieh da, wir kennen uns ja bereits! Mir scheint, Sie fielen damals hin? Nun, was macht Ihre Nase?
Bóbtschinski. O danke sehr, bitte bemühen Sie sich nicht: schon ganz trocken, vollkommen trocken.
Chlestakóff. Das ist ja sehr schön. Ich bin sehr erfreut ... (Plötzlich und überraschend.) Haben Sie Geld bei sich?
Dóbtschinski. Geld? Wieso Geld?
Chlestakóff. Um mir tausend Rubel zu leihen.
Bóbtschinski. Eine solche Summe, bei Gott, nein; Sie vielleicht, Pjotr Iwánowitsch?
Dóbtschinski. Ich auf keinen Fall, weil ich mein Geld, belieben Sie zu vermerken, bei der Staatskreditbank angelegt habe.
Chlestakóff. Na, wenn nicht tausend, dann doch hundert.
Bóbtschinski (in den Taschen wühlend). Haben Sie nicht hundert Rubel, Pjotr Iwánowitsch? Ich habe nur vierzig in Papier.
Dóbtschinski. Und ich fünfundzwanzig alles in allem.
Bóbtschinski. Sehen Sie nur genauer nach, Pjotr Iwánowitsch! Ich weiß genau, in Ihrer rechten Tasche ist ein Loch, da werden sich gewiß ein paar verkrochen haben.
Dóbtschinski. Nein, auch da ist nichts drin.
Chlestakóff. Nun egal: was liegt daran; meinetwegen also fünfundsechzig Rubel ... Ist mir einerlei. (Nimmt das Geld.)
Dóbtschinski. Ich möchte mir die Freiheit nehmen, Ihnen noch eine besondere Bitte in einer delikaten Angelegenheit vorzutragen.
Chlestakóff. Und das wäre?
Dóbtschinski. Die Sache ist sehr delikater Natur: mein ältester Sohn, bitte ergebenst zu vermerken, wurde noch kurz vor meiner Hochzeit geboren ...
Chlestakóff. So?
Dóbtschinski. Ja, das heißt, man nennt das nur so, aber er ist so gewiß mein leiblicher Sohn, als wenn er in der Ehe geboren wäre, und überdies habe ich hinterher alles, wie sich's gehört, durch den gesetzlichen Ehebund geordnet. Nun möchte ich gerne, bitte zu vermerken, daß er von jetzt an auch richtig, das heißt gesetzlich mein Sohn sei und sich nennen dürfte wie ich, Dóbtschinski.
Chlestakóff. Gut, mag er sich doch so nennen, warum nicht?
Dóbtschinski. Ich würde Sie auch damit gar nicht belästigt haben, aber es wäre zu schade um seine Talente. So ein Kerlchen ... berechtigt zu den schönsten Hoffnungen: die verschiedensten Gedichte sagt er auswendig her, und wenn er wo ein Messer in die Finger kriegt, da schnitzt er Ihnen gleich kleine Wägelchen, so geschickt wie ein Tausendkünstler. Pjotr Iwánowitsch kann's bezeugen.
Bóbtschinski. Ja, er hat wunderbare Talente!
Chlestakóff. Gut gut! Ich werde mir Mühe geben, will Rücksprache nehmen ... ich hoffe ... es soll geschehen, ja, ja ... (zu Bóbtschinski gewandt). Haben Sie nicht auch noch ein Anliegen?
Bóbtschinski. Freilich, ich hätte eine untertänigste Bitte.
Chlestakóff. Nun und welcher Art?
Bóbtschinski. Bitte untertänigst, wenn Sie wieder nach Petersburg kommen, sagen Sie bitte all den verschiedenen hochmögenden Senatoren und Admirälen: Ew. Exzellenz, oder: Ew. Hochwohlgeboren, dort in der und der Stadt lebt Pjotr Iwánowitsch Bóbtschinski -- genau so: lebt Pjotr Iwánowitsch Bóbtschinski.
Chlestakóff. Sehr gerne.
Bóbtschinski. Auch wenn Sie mal zufällig den Kaiser treffen, dann sagen Sie bitte auch dem Kaiser: Halten zu Gnaden, kaiserliche Majestät, aber in der und der Stadt lebt Pjotr Iwánowitsch Bóbtschinski.
Chlestakóff. Aber sehr gerne.
Dóbtschinski. Verzeihen Sie, daß wir Sie mit unserer Gegenwart so belästigt haben.
Bóbtschinski. Verzeihen Sie, daß wir Sie mit unserer Gegenwart so belästigt haben.
Chlestakóff. Bitte, hat nichts zu sagen! War mir sehr angenehm. (Geleitet sie bis an die Tür.)
8. Szene
Chlestakóff allein.
Chlestakóff. Recht viel Beamte gibt's hier. Sie scheinen mich übrigens alle für ein großes Tier zu halten. Freilich, ich habe ihnen gestern einigen blauen Dunst vorgemacht. Die Schafsköpfe! Ich müßte das alles doch an Trapítschkin nach Petersburg schreiben: er verfaßt so kleine Feuilletons -- mag er die doch mal gehörig vornehmen. -- He, Ossip! Gib mir Tinte und Papier. (Ossip guckt zur Tür herein und ruft: »Gleich!«) Für Trapítschkin wäre das ein gefundenes Fressen -- ein gefährlicher Bursche: würde seinen eigenen Vater für einen guten Witz preisgeben, und Geld sieht er auch gern. Diese Beamten sind übrigens recht biedere Leute; ein netter Zug von ihnen, daß sie mir Geld leihen. Ich muß doch mal nachsehen, wie viel es ist. Diese dreihundert vom Kreisrichter -- diese dreihundert vom Postmeister, sechshundert -- siebenhundert -- achthundert ... was für ein fettiger Lappen! achthundert -- neunhundert ... Oho, bis an die tausend hat sich das aufgeläppert ... Was sagst du nun, mein schlauer Hauptmann? Komm mir jetzt mal unter die Finger, wollen doch mal sehen, wer den anderen unterkriegt! --
9. Szene
Chlestakóff. Ossip (mit Schreibzeug und Papier).
Chlestakóff. Na, du Esel, siehst du wohl, wie sie mich hier verwöhnen und hofieren! (Beginnt zu schreiben.)
Ossip. Ja, Gott sei gelobt! Aber wissen Sie was, Iwán Alexándrowitsch?
Chlestakóff. Na?
Ossip. Reisen Sie ab! Wahrhaftig, 's is Zeit!
Chlestakóff (schreibt). Verrücktheit! Weshalb denn?
Ossip. Na so. Was gehen uns alle die Leute an! Zwei Tage haben wir uns hier ausgetobt, na und nu is genug! Was brauch man sich länger mit ihnen abgeben. Spucken Sie drauf! Die Luft is auch nich ganz rein: 's kann wer anders ankommen -- wahrhaftig, Iwán Alexándrowitsch! Und Pferde gibt's hier so tüchtige -- laufen können die ...!
Chlestakóff (schreibt). Nein, ich möchte noch bleiben. Meinetwegen denn morgen.
Ossip. Eh, morgen! Fahren wir doch heute, Iwán Alexándrowitsch! Und wenn man Ihnen hier auch viel Ehre antut, Sie wissen's ja alleine: besser is auf und davon ... Man nimmt Sie hier ja doch nur für einen andern, und unser alter Herr wird sich ärgern, wenn Sie solange fackeln. Fein könnten wir wahrhaftig abkutschieren! Und stramme Pferde würden sie geben!
Chlestakóff (schreibt). Na gut. Aber erst besorge mir diesen Brief, und dann kannst du meinetwegen gleich einen Postwagen bestellen. Aber sieh zu, daß wir tüchtige Pferde bekommen. Sag dem Postillon: ich lasse ein paar silberne springen, wenn er mich flott wie einen Staatskurier fährt und hübsch dazu bläst! ... (Schreibt weiter.) Ich sehe schon im voraus, wie sich Trapítschkin totlachen wird ...
Ossip. Herr, ich schick den Brief lieber mit dem Hausknecht fort und pack unterdessen geschwind ein, damit keine Zeit verloren geht.
Chlestakóff. Gut. Bring ein Licht.
Ossip (geht hinaus und spricht hinter der Szene). He, Kamerad! Sollst 'n Brief auf die Post tragen und sag dem Postmeister, er soll ihn franko befördern, und er soll dem Herrn gleich die beste Tróika schicken, mit Kurierpferden; und sag, der Herr zahlt dafür nich, sag: 'ne Fuhre auf Staatskosten. Aber flott muß alles gehn, sonst schimpfen seine Gnaden der Herr. Wart, der Brief is noch nich fertig.
Chlestakóff (schreibt weiter). Möchte nur wissen, wo er jetzt wohnt, ob auf der Poststraße oder der Krautstraße; er liebt auch von einem Quartier ins andre zu ziehn und die Miete schuldig zu bleiben. Na, ich schreibe aufs Geratewohl: Poststraße. (Faltet den Brief und adressiert.)
Ossip (bringt ein Licht).
Chlestakóff (siegelt).
(Währenddessen hört man die Stimme Djerschimórdas: »Fort, du Lausbart, hörst doch, daß keiner rein darf!«)
Chlestakóff (gibt Ossip den Brief). Da, bring ihn fort.
(Stimmen der Kaufleute: »Laß uns doch rein! Du mußt uns reinlassen, wir kommen um Geschäfte!«)
Stimme Djerschimórdas. Raus! Raus! Er empfängt nich, er schläft!
(Der Lärm nimmt zu.)
Chlestakóff. Was ist da los, Ossip? Sieh mal nach, was der Lärm bedeutet.