Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke

Part 4

Chapter 43,502 wordsPublic domain

Ossip. Mein Herr? Der 'n General?

Míschka. Na, is er denn kein General?

Ossip. General schon, aber vom andern Ende rauf.

Míschka. Is das nu mehr oder weniger als 'n eigentlicher General?

Ossip. Mehr.

Míschka. Siehste wohl! Darum auch das Halloh im Hause.

Ossip. Hör mal, Kleiner; ich seh, du bist 'n flinker Junge -- schaff doch unser einem 'n Happen zu essen!

Míschka. Nee, Kamerad, für euch is noch nichts fertig; unsre Hauskost werd't Ihr ja nich anrühren, aber wenn sich dein Herr erst zu Tisch setzt, kriegst du auch dein Teil ab.

Ossip. Na und Hauskost, was gibt's denn da bei euch so?

Míschka. Kohlsuppe, Grütze und Fleischkuchen.

Ossip. Kohlsuppe, Grütze und Fleischkuchen -- her damit! Egal, eß ich alles. Na, denn rin mit dem Koffer. Is da noch'n Ausgang?

Míschka. Freilich. (Beide tragen den Koffer ins Nebenzimmer.)

5. Szene

Polizeidiener öffnen beide Türflügel. Herein tritt Chlestakóff, gefolgt vom Polizeimeister; weiter zurück Hospitalverwalter, Schulinspektor, Dóbtschinski und Bóbtschinski, mit einem Pflaster auf der Nase. Polizeimeister weist die Polizeidiener auf ein am Boden liegendes Stück Papier; sie rennen hin, um es aufzuheben und stoßen dabei vor Eifer mit den Köpfen zusammen.

Chlestakóff. Vortreffliche Anstalten! Es gefällt mir besonders gut, daß man in Ihrer Stadt die Durchreisenden in alle Sehenswürdigkeiten einführt. In andern Städten hat man mir gar nichts gezeigt.

Polizeimeister. In andern Städten, so wage ich zu behaupten, haben Behörden und Beamte mehr ihren eigenen Vorteil im Auge; hier aber, das darf ich wohl sagen, waltet nur das eine Streben: durch Ordnung und Fürsorge sich das Wohlwollen seiner Obrigkeit zu verdienen.

Chlestakóff. Das Frühstück war ausgezeichnet; ich habe mich ordentlich überessen. Gibt es so was bei Ihnen alle Tage?

Polizeimeister. Lediglich zu Ehren eines hochwillkommenen Gastes.

Chlestakóff. Ich esse gern mal gut. Dafür lebt man ja doch schließlich, um die Blüte des Daseins zu pflücken. Wie hieß doch noch der Fisch?

Hospitalverwalter (vortretend). Laberdan, Ew. Gnaden.

Chlestakóff. Sehr schmackhaft! Wo speisten wir doch? Im Lazarett, nicht wahr?

Hospitalverwalter. Sehr wohl, Ew. Gnaden, im Hospital.

Chlestakóff. Ach ja, ich erinnere mich, da standen Betten. Die Kranken sind wohl geheilt? Viele schienen da nicht zu sein.

Hospitalverwalter. Höchstens zehn Mann, mehr nicht; die übrigen sind alle geheilt. Das ist eben die Wirkung der vorzüglichen Ordnung. Seitdem ich die Verwaltung übernahm -- es wird Ihnen freilich kaum glaubhaft erscheinen -- seitdem werden sie alle gesund wie die Fliegen. Kaum kommt ein Kranker ins Lazarett, und schon ist er geheilt; und das weniger durch Medikamente als durch unsere Redlichkeit und Pflichttreue.

Polizeimeister. Und wie aufreibend -- verzeihen Sie die Kühnheit -- wie aufreibend die verantwortungsvolle Tätigkeit eines Stadtoberhauptes! Sachen jeder Art häufen sich, um nur der öffentlichen Bauten, der Reparaturen und der Straßenreinigung zu gedenken ... mit einem Wort, der klügste Mann käme in Verlegenheit -- doch, Gott sei Dank, hier bei uns geht alles wie am Schnürchen. Ein andrer Polizeimeister würde da zweifellos an seinen eigenen Vorteil denken; aber wollen Sie es mir glauben, daß ich jeden Abend vor dem Schlafengehen für mich bete: »Herr, mein Gott, lenke meine Taten, damit die Obrigkeit meinen Eifer erkenne und zufriedengestellt sei!« ... Selbstverständlich ist es ihr freier Wille, ob sie mich belohnen will oder nicht, aber ich für mein Teil habe wenigstens ein reines Gewissen. Ist die Stadt überall wohlbestellt, sind die Straßen gesäubert, die Gefangenen gut gehalten und wenig Betrunkene zu sehen ... was will ich dann mehr? Bei Gott, nach Auszeichnungen strebe ich nicht. Gewiß haben sie viel Verlockendes, aber vor der Tugend sind sie nichts wie eitel Nichtigkeit und Staub.

Hospitalverwalter (beiseite). Tagedieb der, wie er auspackt! Gott schenke mir solche Gabe!

Chlestakóff. Sehr richtig. Offen gestanden, auch ich philosophiere zuweilen gerne; manchmal nur so in Prosa, aber gelegentlich entschlüpft mir auch mal ein Vers.

Bóbtschinski (zu Dóbtschinski). Wie tiefsinnig, wie tiefsinnig das alles, Pjotr Iwánowitsch! Diese Bemerkungen ... man sieht's, der hat die Bildung studiert.

Chlestakóff. Ach, sagen Sie doch bitte, gibt es hier bei Ihnen keine sogenannten Gesellschaften oder Klubs, wo man zum Beispiel ein Spielchen Karten machen könnte?

Polizeimeister (beiseite). Seht doch das Füchschen, will einem Steine über den Zaun werfen! (Laut.) Gott behüte! Solche Gesellschaften kennt man hier kaum vom Hörensagen. Ich habe überhaupt noch nie Karten angefaßt, weiß nicht einmal, wie man Karten spielt. Ich kann sie auch nicht mit ruhigem Blute betrachten, und wenn ich mal zufällig so einen Karo-König oder dergleichen vor Augen kriege, dann überkommt mich solch Ekel, daß ich geradezu ausspucken muß. Einmal hatte ich den Kindern zu Gefallen ein Kartenhaus aufgebaut, und hinterher mußte ich die ganze Nacht von dem Plunder träumen! Hol sie der Kuckuck! Wie kann man nur seine kostbare Zeit daran verschwenden ...

Schulinspektor (beiseite). Gauner, und hast mir erst gestern hundert Rubel abgeknöpft!

Polizeimeister. ... ich verwerte sie lieber zum Wohle des Vaterlandes.

Chlestakóff. Nun, so ganz sollten Sie das doch nicht ... es hängt eben alles davon ab, von welcher Seite man ein Ding betrachtet. Ja, wenn man z. B. gerade in dem Augenblick paßt, wo man hätte _va banque_ spielen sollen ... na, dann allerdings! ... Nein, sagen Sie das nicht, zuweilen hat so ein kleines Spielchen was sehr Verlockendes.

6. Szene

Die Vorigen. Anna Andréjewna und Márja Antónowna.

Polizeimeister. Ich habe die Ehre, Ihnen meine Familie vorzustellen: meine Frau, meine Tochter.

Chlestakóff (sich verneigend). Wie glücklich bin ich, Gnädigste, meinerseits das Vergnügen zu haben, Sie begrüßen zu dürfen.

Anna Andréjewna. Wir sind noch weit entzückter, eine so hohe Person begrüßen zu dürfen.

Chlestakóff (mit Affektation). Aber bitte sehr, Gnädigste, im Gegenteil, mir ist es noch weit willkommener.

Anna Andréjewna. Nein, wie ist's möglich! Sie sagen das sicherlich nur aus Galanterie. Bitte untertänigst Platz zu nehmen.

Chlestakóff. Neben Ihnen zu stehen, Gnädigste, bedeutet schon Glück; wenn Sie es aber durchaus befehlen, setze ich mich auch. Wie entzückt bin ich, endlich neben Ihnen sitzen zu dürfen.

Anna Andréjewna. Ach, ich darf kaum wagen, das auf mich zu beziehen ... Ich denke, nach der Residenz müssen Sie die Exkursiong nach hierher sehr unangenehm empfunden haben.

Chlestakóff. Äußerst unangenehm! Daran gewöhnt, _comprenez-vous_, in der großen Welt zu leben und sich dann plötzlich auf der Landstraße wiederfinden -- schmutzige Schenken, roheste Unbildung ... Ich gestehe, ohne einen solchen Zufall, der mich ... (betrachtet Anna Andréjewna und spielt den Galanten) ... für alles entschädigt ...

Anna Andréjewna. In der Tat, Sie müssen das sehr unangenehm empfunden haben!

Chlestakóff. Oh, in diesem Augenblick, Gnädigste, finde ich es sehr angenehm!

Anna Andréjewna. Aber wie ist's nur möglich! Zuviel der Ehre ... ich verdiene es durchaus nicht.

Chlestakóff. Aber weshalb sollten Sie es nicht verdienen? Sie verdienen es, Gnädigste, wirklich, Sie verdienen es.

Anna Andréjewna. Ich lebe auf dem Dorfe ...

Chlestakóff. Oh, auch das Dorf hat seine hübschen runden Hügel und stillen Bäche ... Nun freilich, wer wird das alles auch gleich mit Petersburg vergleichen wollen! Ah, Petersburg! Welch ein Leben! Sie denken vielleicht, ich wäre bloß so ein kleiner Aktenschreiber -- nicht entfernt! Ich stehe mit dem Abteilungschef auf dem vertrautesten Fuße. Der schlägt mir dann wohl gelegentlich auf die Schulter und sagt: »Na, Kollege, Mahlzeit!« Ins Departement komme ich höchstens für zwei Minuten, nur um dort Anweisungen zu geben -- das so, das so, das so. Da steht gleich so ein Sekretär, flink wie eine Ratte, setzt bloß die Feder an -- kri-kri, kri-kri, kri-kri, das fliegt nur so! Man wollte mich sogar zum Kollegien-Assessor machen, na, ich weiß genau warum. Und der Portier kommt mir noch auf die Treppe nachgelaufen und ruft: »Erlauben Sie, Iwán Alexándrowitsch, daß ich Ihnen erst die Stiefel säubere!« (Zum Polizeimeister.) Aber warum stehen Sie denn, meine Herren? Bitte, setzen Sie sich doch!

Polizeimeister. Unser bescheidner Rang gebietet uns zu stehen.

Hospitalverwalter. Wir können auch stehen.

Schulinspektor. Bitte bemühen Sie sich doch nicht. (Alle drei gleichzeitig.)

Chlestakóff. Rang bei Seite, bitte setzen Sie sich! (Polizeimeister und alle anderen setzen sich.) Im Gegenteil, ich bemühe mich sogar möglichst unbemerkt durchzuschlüpfen, aber unmöglich sich zu verbergen, rein unmöglich! Kaum trete ich wo heraus, gleich heißt's: »Ei, da ist ja Iwán Alexándrowitsch!« Einmal hielten sie mich sogar für den Oberkommandierenden; die Soldaten rannten aus der Hauptwache und präsentierten das Gewehr. Nachher sagte mir ein Offizier, ein guter Bekannter von mir: »Schau doch Freundchen, haben wir dich wahrhaftig für den Oberkommandierenden gehalten.«

Anna Andréjewna. Nun sagen Sie bloß!

Chlestakóff. Hübsche Schauspielerinnen kenne ich auch. Auch verschiedene Vaudevilliers ... Mit Schriftstellern verkehre ich viel. Mit Puschkin bin ich ganz intim. Trifft man sich mal, dann sage ich so zu ihm: »Na, Puschkinchen, wie geht's?« »Na, wie soll's gehn, Kollege,« meint er dann, »danke, es macht sich.« Ein Original, dieser Puschkin.

Anna Andréjewna. Dann schreiben Sie also auch? Wie wundervoll muß sich doch ein Schriftsteller fühlen! Sie veröffentlichen gewiß auch in Journalen?

Chlestakóff. O ja, auch in Journalen. Ich habe übrigens schon eine Menge Schriften verfaßt: Figaros Hochzeit, Robert der Teufel, Norma ... kaum daß ich die Namen alle noch behalten habe. Und alles wie aus dem Ärmel geschüttelt; ich wollte eigentlich gar nicht schreiben, aber die Theaterdirektoren setzen einem zu: »Liebster, Bester, schreib uns doch was!« Ich überlege bei mir: »Na, wollen mal sehn.« Und dann ist's an einem einzigen Abend hingeworfen. Ich besitze eine geradezu spielende Phantasie. Alles, was unter dem Namen »Baron Brambeus« ging: »Fregatte Hoffnung« und »Moskauer Telegraph« ... das war alles von mir.

Anna Andréjewna. Ach, also Sie waren Brambeus?

Chlestakóff. Freilich, ich korrigiere ihnen allen ja auch ihre Verse. Smírdin zahlt mir 40000 dafür.

Anna Andréjewna. Dann ist sicherlich auch der »Júrij Milosláwski« von Ihnen?

Chlestakóff. Ganz gewiß.

Anna Andréjewna. Das hatte ich mir gleich gedacht!

Márja Antónowna. Aber Mama, auf dem Titel steht doch: »von Sagóskin«!

Anna Andréjewna. Wußte ich's doch, daß du selbst hier streiten würdest!

Chlestakóff. Ah, richtig, es ist ja wahr, der ist von Sagóskin; aber es gibt noch einen andern Júrij Milosláwski, und der ist der meinige.

Anna Andréjewna. Nun also, und gerade den Ihren habe ich gelesen. Wie prachtvoll geschrieben!

Chlestakóff. Offen gestanden, ich lebe für die Literatur. Ich führe das erste Haus in Petersburg. Stadtbekannt ist es, das Haus des Iwán Alexándrowitsch. (Sich an alle Anwesenden wendend.) Machen Sie mir doch das Vergnügen, meine Herrschaften, wenn Sie mal in Petersburg sind, bitte, bitte, besuchen Sie mich. Ich gebe auch Bälle.

Anna Andréjewna. Ich kann mir vorstellen, wie stilvoll und glänzend diese Bälle sein müssen!

Chlestakóff. O durchaus nicht, ganz schlicht. Auf dem Tisch zum Beispiel eine Wassermelone -- das heißt, so eine für siebenhundert Rubel. Die Suppe in einer Kasserole direkt per Dampfer aus Paris bezogen; man hebt den Deckel ab -- ein Duft, wie es nichts Köstlicheres in der Welt gibt! Ich gehe jeden Tag auf den Ball. Dort habe ich auch meine Whistpartie: der Minister der auswärtigen Angelegenheiten, der französische Botschafter, der deutsche Botschafter und ich. Wir verbeißen uns oft derart ins Spiel, daß man's kaum beschreiben kann. Rennt man dann nach Haus und klettert in seine vierte Etage hinauf -- kann man grade noch zur Köchin stammeln: Mawrúscha, den Überzieher ... Was plappere ich denn -- ich vergaß ja, ich wohne doch Beletage, nur eine Treppe hoch ... Auch sehr interessant, mein Antichambre zu sehen, ehe ich mich morgens erhoben habe: da drängen sich Grafen und Fürsten und sumsen wie die Hummeln, man hört nur: sum, sum, sum; zuweilen, wenn der Minister ... (Polizeimeister und die übrigen Herren erheben sich ehrfurchtsvoll von den Sitzen.) Selbst auf meinen Paketadressen steht: an Seine Exzellenz ... Einmal habe ich sogar das Departement geleitet. Das war ganz komisch; der Chef war verreist, keiner wußte wohin. Nun ging natürlich das Gerede los; was macht man, wer soll die Stelle ausfüllen? Viele Generale kamen als Bewerber, treten ein, versuchen -- nein, zu schwer! Es scheint ganz leicht, aber näher zugesehn -- unmöglich, hol's der Teufel! Kaum sehn sie, daß es nicht geht -- zu mir! Und im selben Augenblick durch die Straßen: Kuriere, Kuriere, Kuriere ... Stellen Sie sich bloß vor: fünfunddreißigtausend Kuriere! Da frage ich Sie doch, welche Situation! »Auf, Iwán Alexándrowitsch, aufs Departement!« Ich war, offen gestanden, etwas verblüfft, kam im Schlafrock heraus, wollte absagen, denke mir aber: wenn das bis vor Majestät kommt, na, und das Avancement ... »Schön, meine Herren, ich komme, ich komme,« sage ich, »abgemacht, ich komme; aber daß mir keiner, na, na, na! ich habe feine Ohren, ich will euch ...« Gesagt, getan: ich quer durchs Departement, das reine Erdbeben, alles schwankt und zittert wie Espenlaub. (Polizeimeister und die Übrigen beben vor Schreck; Chlestakóff erhitzt sich noch stärker.) O ich spaße nicht; ich habe es ihnen allen beigebracht! Selbst der Staatsrat fürchtet sich vor mir. Warum auch nicht? Das ist so meine Art! Ich nehme auf niemand Rücksicht ... Zu jedem sage ich: »Ich weiß alleine Bescheid!« Ich bin überall, überall. Jeden Tag fahre ich zu Hofe. Morgen werde ich gleich zum Feldmarsch... (schwankt und fällt beinahe zu Boden, wird aber von den Beamten ehrfurchtsvoll gestützt.)

Polizeimeister (tritt näher und versucht, am ganzen Leibe zitternd, zu sprechen). Aber E... E... E...

Chlestakóff (in heftigem, befehlendem Ton). Was wollen Sie?

Polizeimeister. Aber E... E... E... E...

Chlestakóff (im gleichen Ton). Verstehe gar nichts, alles Unsinn.

Polizeimeister. Euer E... Ex...zellenz befehlen vielleicht etwas auszuruhen ... Hier ist ein Zimmer, alles ist bereit.

Chlestakóff. Blödsinn -- ausruhen! Meinetwegen auch ausruhen ... Ihr Frühstück, meine Herren, famos ... sehr zufrieden, sehr zufrieden .... (mit Emphase.) Laberdan! Laberdan! (Ab ins Nebenzimmer, gefolgt vom Polizeimeister.)

7. Szene

Die Vorigen außer Chlestakóff und Polizeimeister.

Bóbtschinski. Das ist ein Mann, Pjotr Iwánowitsch! Das heißt doch ein Mann! Noch nie im Leben habe ich vor einer so bedeutenden Persönlichkeit gestanden; vor Furcht bin ich fast gestorben. Was glauben Sie, Pjotr Iwánowitsch, welchen Rang mag er wohl bekleiden?

Dóbtschinski. Ich meine zum mindesten General.

Bóbtschinski. Ich meine jedoch, ein General reicht dem nicht an die Gamaschen! Und wenn selbst General, dann mindestens Generalissimus. Sie hörten ja, wie er den Staatsrat angeblasen hat. Kommen Sie, erzählen wir's rasch Ammós Fjódorowitsch und Koróbkin. Empfehle mich, Anna Andréjewna!

Dóbtschinski. Empfehle mich, Frau Gevatterin! (Beide ab.)

Hospitalverwalter (zum Schulinspektor). Seltsam, höchst seltsam, weshalb, das weiß ich selbst nicht. Und wir sind nicht einmal in Gala! Was dann, wenn er erwacht und sofort darüber nach Petersburg berichtet? (Verläßt mit dem Schulinspektor nachdenklich das Zimmer; im Hinausgehen:) Empfehlen uns, Gnädigste!

8. Szene

Anna Andréjewna und Márja Antónowna.

Anna Andréjewna. Ach, was für ein reizender junger Mann!

Márja Antónowna. Ach und wie lieb!

Anna Andréjewna. Und diese vornehmen Manieren! Man merkt doch gleich den Großstädter! Haltung und alles von einer Feinheit ... Ach, wie entzückend! Ich schwärme für dergleichen junge Männer! Wirklich, ich bin ganz außer mir. Ich habe übrigens Eindruck auf ihn gemacht; ich bemerkte es wohl, er sah immer nach mir hin.

Márja Antónowna. Aber Mama, _mich_ hat er angesehen!

Anna Andréjewna. Bleib mir gefälligst fort mit deinem Unsinn! Der ist hier überflüssig!

Márja Antónowna. Nein, wirklich, Mama!

Anna Andréjewna. Natürlich! Gott bewahre mich, alles muß sie abstreiten! Jetzt schweig aber mal still! Er und dich ansehn? Weshalb hätte er dich ansehn sollen?

Márja Antónowna. Ganz gewiß, Mama, immerfort hat er mich angesehen. Als er von der Literatur anfing, da sah er mich an, und nachher, wie er erzählte, daß er mit den Botschaftern Whist spielt, da sah er mich auch an.

Anna Andréjewna. Nun, kann sein, vielleicht so einmal, aber dann höchstens etwa so: »Na, sehen wir uns die auch mal an!«

9. Szene

Die Vorigen und Polizeimeister.

Polizeimeister (tritt auf den Fußspitzen herein). Pst ... pst ...

Anna Andréjewna. Wie steht's?

Polizeimeister. Es ist mir doch fatal, daß er sich übernommen hat. Indes, und wenn auch nur die Hälfte von dem, was er gesagt hat, wahr ist? (Überlegend.) Warum sollte es denn auch nicht wahr sein? Im Rausch offenbart der Mensch alles: wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Freilich, ein bißchen geflunkert hat er schon; aber ohne Flunkern kommt schließlich keine vernünftige Unterhaltung zustande. Mit den Ministern spielt er Karten und fährt zu Hofe ... Wahrhaftig, je mehr man darüber nachdenkt ... weiß der Teufel, was in meinem Schädel vorgeht; mir ist gerade so, als ob ich hoch oben auf einem Glockenturme stünde -- oder gehängt werden sollte.

Anna Andréjewna. Ich für mein Teil habe mich durchaus nicht befangen gefühlt: ich sah in ihm lediglich den gebildeten, weltgewandten, vornehmen Mann, sein Rang geht mich dabei gar nichts an.

Polizeimeister. So seid ihr eben alle -- ihr Weiber! Alles ist gleich in schönster Ordnung, da genügt ein einziges Wörtchen! Euch ist alles -- Spielkram! Das plappert bald so, bald so. Und habt ihr euch verheddert, seht doch, wie sie da nach dem teuren Gatten schreien! Du, meine Verehrteste, hast ihn eben leider so harmlos genommen, wie irgend einen beliebigen Dóbtschinski.

Anna Andréjewna. Sei bitte meinetwegen ganz ohne Sorge. Ich weiß vollkommen, was sich schickt! (wirft dabei einen bedeutsamen Blick auf die Tochter.)

Polizeimeister (für sich). Mit euch auch reden! ... Aber wahrhaftig, dieser ganze Fall! Ich kann mich noch immer nicht vom Schreck erholen. (Öffnet die Tür und ruft hinaus) Míschka! Ruf die Polizeidiener Swistúnoff und Djerschimórda: sie müssen hier irgendwo beim Tore sein. (Nach längerem Schweigen.) Sonderbar, wie es jetzt in der Welt zugeht; wenn es wenigstens ansehnliche Kerle wären, aber so ein unscheinbares, schmächtiges Herrchen -- wie soll man da herausbekommen, was er ist? Ein Militär ist immer noch was Greifbares; zieht er aber den Frack an -- dann schaut er aus wie eine Fliege mit ausgerupften Flügeln. Hat sich vorhin im Gasthof lange genug verbarrikadiert und mit so viel Anspielungen und Zweideutigkeiten geplänkelt, daß man's in Ewigkeit nicht hätte zusammenreimen können. Nun hat er endlich die Waffen gestreckt. Hat sogar noch mehr geredet, als nötig war. Eins ist wenigstens sicher: der ist noch sehr jung!

10. Szene

Die Vorigen und Ossip. Alle laufen ihm winkend entgegen.

Anna Andréjewna. Komm doch mal her, mein Lieber!

Polizeimeister. Pst! ... Wie steht's? Schläft er?

Ossip. Nein, er reckt sich noch 'n bissel.

Anna Andréjewna. Hör mal, mein Lieber, wie heißt denn du?

Ossip. Ossip, Gnädigste.

Polizeimeister (zu Frau und Tochter). Laßt schon, laßt! (Zu Ossip) Nun, Freundchen, hat man dich ordentlich versorgt?

Ossip. Gut versorgt, allerschönsten Dank, tüchtig versorgt.

Anna Andréjewna. Sag doch mal: dein Herr bekommt wohl oft Besuch von Grafen und Fürsten?

Ossip (zur Seite). Was red't man da nu? Haben sie einen jetzt gut gefüttert, füttern sie einen hernach vielleicht noch besser. (Laut). Ja, auch Grafen kommen.

Márja Antónowna. Ach, Ossipchen, wie reizend ist doch dein Herr!

Anna Andréjewna. Sag doch, Ossip, dein Herr ist wohl ...

Polizeimeister. So hört doch mal auf! Ihr stört mich nur mit euren albernen Fragen. Na Freundchen ...

Anna Andréjewna. Und welchen Rang hat denn dein Herr?

Ossip. Na den gewöhnlichen.

Polizeimeister. Mein Gott, ewig diese Fragereien! Kein Wort kann man zur Sache reden. Nun, mein Freund, wie ist denn so dein Herr? ... Streng? Schimpft er auch mal gerne oder nicht?

Ossip. O ja, auf Ordnung hält er sehr. Alles muß bei ihm auf die Minute gehn.

Polizeimeister. Du gefällst mir recht gut, Freundchen! Du mußt ein braver Mensch sein. Sag mal ...

Anna Andréjewna. Ach, Ossip, was trägt denn dein Herr dort, Uniform oder ...

Polizeimeister. Ruhe, zum Donnerwetter, ihr Plappermäuler! Hier ist's dringend, hier geht's um ein Menschenleben .... (Zu Ossip.) Also, Freundchen, du gefällst mir sehr gut; auf der Reise trinkt man gern mal ein Gläschen Tee; kalt ist's außerdem; da hast du ein paar Blanke für Tee.

Ossip (nimmt das Geld). Ah, danke allerschönstens, gnädiger Herr! Gott schenke Ihnen alle Gesundheit! Wie gut Sie zu 'n armen Menschen sind.

Polizeimeister. Schon gut, schon gut, ich bin selbst sehr froh. Sag mal -- --

Anna Andréjewna. Hör doch, Ossip, was für Augen gefallen deinem Herrn am besten? ...

Márja Antónowna. Ach, Ossipchen, was für ein liebes Näschen dein Herr hat!

Polizeimeister. So schweigt doch schon, laßt mich doch endlich! ... (Zu Ossip). Jetzt sag mal, Freund: worauf achtet dein Herr am meisten, will sagen, was behagt ihm auf der Reise am meisten?

Ossip. Genau besehn, alles was kommt. Am meisten aber liebt er's, wenn man ihn schön aufnimmt und gehörig verpflegt.

Polizeimeister. So so?

Ossip. Ja so. Und sehn Sie, ich bin doch nur 'n Leibeigner, aber er paßt auch auf, daß ich's gut kriege. Freilich. Wir kommen wohin: »Na, Ossip, gut bewirtet worden?« »Schlecht, Hochwohlgeboren!« »Sieh mal, der miserable Wirt. Du«, meint er, »erinnere mich dran, wenn wir heim kommen«. »Ah«, denk ich bei mir, (mit einer Handbewegung) »laß ihn laufen! Ich bin 'n friedlicher Mensch!«

Polizeimeister. Schön, schön, sehr vernünftig, was du da sagst. Eben gab ich dir was für Tee, da nimm noch was für Zwieback.

Ossip. Zu gnädig, Hochwohlgeboren! (Steckt das Geld ein.) Da trink ich mal auf Ihre Gesundheit.

Anna Andréjewna. Komm her, lieber Ossip, nimm auch von mir das.

Márja Antónowna. Ach Ossipchen, gib deinem Herrn für mich einen Kuß! (Aus dem Nebenzimmer hört man ein leichtes Husten Chlestakóffs.)

Polizeimeister. Pst! (Erhebt sich auf den Fußspitzen.) Könnt ihr denn gar keine Ruhe halten! Geht, geht, es ist genug ...

Anna Andréjewna. Komm Máscha! Ich muß dir was erzählen, ich habe an unserm Gaste was bemerkt, was man nur unter vier Augen wiedersagen kann.

Polizeimeister. Was die sich auch immer zu erzählen haben! Einmal hinhören und sich sofort die Ohren verstopfen! (Wieder zu Ossip gewendet.) Na, mein Freund ...

11. Szene

Die Vorigen. Djerschimórda und Swistúnoff.

Polizeimeister. Pst! Wie diese verdammten vierschrötigen Bären mit den Stiefeln stampfen. Das dröhnt, als ob einer vierzig Zentner vom Lastwagen herabwirft! Welcher Satan schickt euch her?

Djerschimórda. Wir kamen auf Befehl ...