Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke
Part 3
Chlestakóff. Der Teufel mag wissen was, aber Braten ist's nicht. Eine geschmorte Axt vielleicht, aber kein Rindfleisch. (Ißt.) Gauner, Kanaillen, damit wollen Sie einen füttern? Die Kinnladen zerschindet man sich, wenn man nur einen Bissen kaut. (Stochert mit den Fingern in den Zähnen.) Schufte! Die reine Baumrinde -- man kriegt's gar nicht wieder heraus; nur die Zähne werden einem schwarz davon; Halunken! (Wischt sich mit der Serviette den Mund.) Und weiter gibt's nichts?
Kellner. Nein.
Chlestakóff. Kanaillen! Spitzbuben! Nicht mal einen Löffel Sauce oder Pasteten. Gauner! Ziehen den Reisenden nur das Fell über die Ohren.
Kellner (räumt zusammen und trägt mit Ossip die Teller hinaus).
7. Szene
Chlestakóff. Dann Ossip.
Chlestakóff. Absolut, als wenn ich nichts gegessen hätte; der Appetit ist nur noch stärker. Hätt' ich wenigstens einen lumpigen Dreier, um mir vom Markt eine Semmel holen lassen zu können.
Ossip (tritt herein). Draußen ist da so was wie 'n Polizeimeister angekommen, der sich nach Ihnen erkundigt.
Chlestakóff (erschrocken). Da haben wir die Bescherung! Hat mich diese Bestie von Wirt doch schon verpetzt! Was nun, wenn er mich wirklich ins Loch steckt! In ein standesgemäßes Gewahrsam vielleicht ... Nein, nein, ich will nicht! Auf der Straße treiben sich viele Offiziere und Volks umher, und gerade vorhin erst habe ich ihnen den feinen Ton vorgemacht und mit einem Kaufmannstöchterchen angebandelt ... nein, ich will nicht ... Aber wie kommt er überhaupt dazu, was untersteht er sich denn eigentlich? Wofür hält er mich? Wohl gar für einen Krämer oder Handwerker? (Mut fassend und sich aufrichtend). Ich sag's ihm aber direkt ins Gesicht: »Wie können Sie sich ...« (Die Türklinke bewegt sich, Chlestakóff erbleicht und knickt zusammen).
8. Szene
Chlestakóff. Polizeimeister und Dóbtschinski.
(Polizeimeister tritt herein und bleibt stehen; beide betrachten einander mehrere Minuten mit weit aufgerissenen Augen).
Polizeimeister (rafft sich etwas zusammen und grüßt militärisch). Gehorsamster Diener!
Chlestakóff (sich verbeugend). Ganz ergebenster!
Polizeimeister. Verzeihen Sie!
Chlestakóff. Keine Ursache ...
Polizeimeister. Es ist meine Schuldigkeit als oberster Beamter dieser Stadt dafür Sorge zu tragen, daß die Herren Reisenden und Standespersonen keine Plackereien ...
Chlestakóff (anfangs stotternd, allmählich in sicherem Tone). Was soll man aber machen ...? Ich habe keine Schuld ... ich zahle bestimmt ... ich erwarte Geld von zu Hause. (Bóbtschinski schielt durch die Tür.) Er treibt's ja noch schlimmer: schickt mir Rindfleisch, so zäh, wie'n Knüppel; und die Suppe -- der Teufel weiß, was er da rein gemanscht hatte, ich mußte sie zum Fenster hinausgießen. Er hungert mich förmlich aus ... Und ein unglaublicher Tee, riecht nach Hering, aber nicht nach Tee. Und da sollte ich ... das fehlte gerade noch!
Polizeimeister (furchtsam). Verzeihen Sie, ich habe wahrhaftig keine Schuld. Wir haben sonst immer gutes Rindfleisch auf dem Markte -- Kaufleute aus Cholmogór bringen es, nüchterne und brave Leute. Ich begreife nicht, wo er dergleichen her hat. Aber wenn man es hier woran fehlen lassen sollte ... Gestatten Sie mir, Ihnen den Vorschlag zu machen, in meiner Begleitung ein anderes Quartier zu beziehen.
Chlestakóff. Nein, das will ich nicht! Ich weiß wohl, was Sie mit dem andern Quartier meinen: das Gefängnis. Wie können Sie es wagen? ... Ich, ich ... ein Petersburger Beamter ... (stolz) Ich ... ich ... ich ...
Polizeimeister (beiseite). Barmherziger Gott, wie er aufgebracht ist; er hat alles erfahren, die verfluchten Kaufleute haben ihm alles hinterbracht!
Chlestakóff (noch kühner). Und wenn Sie mit Ihrer ganzen Truppe anrücken, ich gehe nicht! Ich wende mich direkt an den Minister! (Schlägt mit der Faust auf den Tisch.) Wer sind Sie denn? Wer sind Sie denn?
Polizeimeister (sich windend und am ganzen Leib zitternd). Erbarmen Sie sich. Verderben Sie mich nicht! Mein Weib, meine unmündigen Kinder ... machen Sie mich nicht unglücklich!
Chlestakóff. Nein, ich tu's dennoch nicht! Das wäre ja noch schöner! Was geht das mich an? Weil Sie Weib und unmündige Kinder haben, soll ich ins Gefängnis? Vorzüglich! (Bóbtschinski steckt den Kopf durch die Tür und zieht ihn erschrocken zurück.) Nein, danke verbindlichst, ich will nicht!
Polizeimeister (zitternd). Nur Unerfahrenheit, nichts wie Unerfahrenheit! Unzureichende Pflichterfüllung. Urteilen Sie selbst, das Diensteinkommen langt kaum für Tee und Zucker. Gelegentliche kleine Douceurs sind doch nur eine Bagatelle: Kleinigkeiten für den Hausstand, oder ein paar Anzüge. Was die Unteroffizierswitwe betrifft, die sich mit Hausierhandel befaßte, und die ich soll haben durchpeitschen lassen, so ist das nichts wie Verleumdung, bei Gott, Verleumdung; das haben meine Feinde ersonnen, niederträchtiges Volk, das mir nach dem Leben trachten möchte.
Chlestakóff. Ja aber, ich habe doch nichts mit denen zu schaffen ... (Überlegend.) Ich verstehe überhaupt nicht, was Sie da von Bösewichtern und einer Unteroffizierswitwe reden ... Das mit dieser Unteroffizierswitwe ist eine Sache für sich -- mich aber werden Sie nicht auspeitschen dürfen, so hoch stehen Sie nicht ... Seh doch einer den Herrn! ... Zahlen werde ich, aber augenblicklich habe ich kein Geld. Darum sitze ich ja hier fest, weil ich keinen Kopeken habe.
Polizeimeister (beiseite). Wie schlau eingefädelt! Welch feines Versteckspiel! Wie er sich verstellt! Errate das, wer kann! Ich sehe nicht mehr, wie ihm beizukommen ist. Immerhin versuchen, geht's nicht, dann komme was will, probiert aber muß es werden. (Laut.) Sollten Sie aber Geld oder sonst etwas nötig haben, dann stehe ich augenblicklich zu Diensten. Es ist meine Pflicht, den Herren Reisenden beizuspringen.
Chlestakóff. Ach ja, leihen Sie mir welches. Ich befriedige dann sofort den Wirt. Zweihundert Rubel genügen mir, auch weniger.
Polizeimeister (die Brieftasche ziehend). Genau zweihundert Rubel, bitte bemühen Sie sich nicht erst nachzuzählen.
Chlestakóff (nimmt das Geld). Danke verbindlichst! Ich schicke es Ihnen postwendend von Hause zurück ... mir war ganz zufällig ... Ich sehe, Sie sind ein anständiger Mensch. Jetzt sieht die Sache wesentlich anders aus.
Polizeimeister (beiseite). Gott sei Dank, er nimmt! Nun wird's wohl glatter gehen. Statt 200 habe ich ihm 400 angedreht!
Chlestakóff. He, Ossip! (Ossip tritt ein.) Ruf den Kellner her! (Zum Polizeimeister und Dóbtschinski.) Aber warum stehen Sie denn, bitte, setzen Sie sich! (Zu Dóbtschinski.) Aber so nehmen Sie doch Platz, ich bitte recht sehr!
Polizeimeister. Keine Ursache, wir können ebenso gut stehen.
Chlestakóff. So machen Sie mir doch das Vergnügen und setzen Sie sich! Jetzt erkenne ich erst vollkommen die Lauterkeit und Güte Ihres Charakters; aber wahrhaftig, ich hatte anfänglich gemeint, Sie kämen um mich ... (Zu Dóbtschinski.) So setzen Sie sich doch! (Polizeimeister und Dóbtschinski setzen sich; Bóbtschinski schielt durch die Tür und horcht.)
Polizeimeister (beiseite). Man muß dreister vorgehen. Er wünscht, daß man sein Inkognito respektiert. Schön, spielen wir die Komödie mit, tun wir, als ob wir nicht wüßten, wen wir vor uns haben. (Laut.) In Ausübung meiner Pflichten hatte ich hier mit Herrn Pjotr Iwánowitsch Dóbtschinski, Hausbesitzer hiesiger Stadt, den Gasthof betreten, um mich zu überzeugen, ob die Herren Reisenden gut verpflegt werden; denn ich bin total anders als sonstige Amtskollegen, die sich um dergleichen gar nicht kümmern; ich dagegen wünsche, ganz abgesehen von meiner Pflicht, schon aus christlicher Nächstenliebe, daß ein jeder hier eine gute Aufnahme findet -- und so verdanke ich der Gunst des Zufalls diese willkommene Bekanntschaft.
Chlestakóff. Auch ich bin sehr erfreut. Ohne Sie hätte ich wahrhaftig lange hier sitzen können; ich wußte nicht mehr, womit ich bezahlen sollte.
Polizeimeister (beiseite). I rede du nur zu! Wußte nicht, womit bezahlen! (Laut.) Ist es erlaubt, zu fragen, wohin Sie zu reisen gedenken?
Chlestakóff. Ich reise ins Gouvernement Sarátow, auf mein Familiengut.
Polizeimeister (beiseite mit ironischem Lächeln). Ah? und errötet nicht einmal! Oh, bei dem muß man die Ohren steif halten! (Laut.) Ein höchst anerkennenswertes Vorhaben! Abgesehen vom Zustand der Fahrwege bereitet das Reisen zwar manche Ungelegenheiten durch öfteren Mangel an Postpferden, dafür aber auf der anderen Seite auch viel schöne Zerstreuung. Sie reisen vermutlich nur zum Vergnügen!
Chlestakóff. Nein, Papa will mich haben. Der Alte ist verdrießlich, daß ich es in Petersburg noch nicht weiter gebracht habe. Er bildet sich ein, daß man nur dort hinzukommen braucht, um sofort den Wladímir ins Knopfloch zu bekommen. Ich gönnte es ihm, sich selber mal in so einer Kanzlei herumzuschlagen.
Polizeimeister (beiseite). Hat man jemals solche Aufschneiderei erlebt? Sogar einen Papa hat er bei der Hand! (Laut.) Gedenken Sie, dort lange zu verweilen?
Chlestakóff. Ich weiß selbst noch nicht. Sehn Sie, mein Vater ist eigensinnig, ein alter Querkopf, hart wie ein Stock. Ich werde ihm aber kurz und bündig sagen: wie du wünschst, aber ohne Petersburg kann ich nicht leben. Warum soll ich denn durchaus mitten unter den Bauern verkommen! Danach steht mir jetzt nicht der Gaumen, meine Seele dürstet nach Licht.
Polizeimeister (beiseite). Unglaublich, wie dick der aufträgt! Eine Lüge nach der andern, und verhaspelt sich nicht mal! Und dabei ein so schmächtiges Bürschchen, daß man ihn mit dem kleinen Finger plattdrücken könnte. Na, warte nur! Du sollst mir schon noch Reden führen! (Laut.) Sehr richtig bemerkt. Was soll man in so einem Winkel auch anstellen? Da lobe ich mir wenigstens ein Städtchen wie das unsre: nachts kein Auge zu, man plagt sich für sein Vaterland, gönnt sich keinerlei Schonung, ohne die leiseste Hoffnung, künftig einmal Dank dafür zu ernten. (Blickt im Zimmer umher.) Dieses Zimmer scheint etwas feucht?
Chlestakóff. Schauderhaftes Zimmer, und Wanzen, wie ich sie noch nie erlebt habe: beißen wie die Hunde.
Polizeimeister. Nicht möglich! Ein so erlauchter Gast und derartig unerhörten Martern ausgesetzt? Seitens fluchwürdiger Wanzen, die es überhaupt auf der Welt nicht zu geben brauchte! Und wie dunkel es in diesem Zimmer ist!
Chlestakóff. Ja, vollkommen dunkel. Der Wirt hat die Angewohnheit, keine Kerzen herzugeben. Man will mal was arbeiten, lesen oder einen poetischen Gedanken zu Papier bringen -- unmöglich: Nacht, schwarze Nacht.
Polizeimeister. Dürfte ich mich erkühnen, Ihnen eine Bitte vorzutragen ... doch nein, ich bin dessen nicht würdig.
Chlestakóff. Was ist's denn?
Polizeimeister. Nein, nein, ich bin nicht würdig, bin nicht würdig!
Chlestakóff. Na, heraus damit, was ist's?
Polizeimeister. Ich wollte mich erkühnen ... Ich habe in meinem Hause ein für Sie vorzüglich geeignetes Zimmer, hell, ruhig .... doch nein, ich fühle es selbst, es wäre der Ehre zu viel für mich, zürnen Sie mir nicht, ich schlug das lediglich in aller Herzenseinfalt vor.
Chlestakóff. Ganz im Gegenteil, bitte sehr, ich nehme es mit größtem Vergnügen an. In einem Privathaus fühle ich mich bei weitem behaglicher als in dieser Schankbude.
Polizeimeister. Ich bin hoch entzückt! Und wie wird sich erst meine Frau freuen! Dahin geht nun einmal der Zug meines Charakters: schlichte, aber herzliche Gastfreundschaft, vorzüglich gegen erlauchte Personen. Seien Sie überzeugt, daß dahinter keine Art von Schmeichelei verborgen ist; nein, von derartigen Lastern bin ich frei, ich spreche aus vollem Herzen.
Chlestakóff. Verbindlichsten Dank! Auch ich hasse die doppelzüngigen Menschen. Ihre Aufrichtigkeit und Ihr Freimut berühren mich äußerst sympathisch und ich verlange, um es offen zu bekennen, nichts weiter als Ergebenheit und Hochachtung, Hochachtung und Ergebenheit.
9. Szene
Die Vorigen und der Kellner, von Ossip geleitet. Bóbtschinski guckt zur Tür herein.
Kellner. Sie geruhten mich rufen zu lassen?
Chlestakóff. Ja, bring mir die Rechnung.
Kellner. Ich habe sie Ihnen aber doch erst vor kurzem überreicht.
Chlestakóff. Was weiß ich von deinen dummen Rechnungen. Wieviel macht's?
Kellner. Am ersten Tage geruhten Sie ein Diner einzunehmen, am zweiten Tage aßen Sie bloß Lachs -- und von da an ließen Sie alles auf Rechnung gehen.
Chlestakóff. Schafskopf! Muß das noch einmal vorrechnen! Was macht's im Ganzen?
Polizeimeister. Bitte machen Sie sich doch keine Umstände: der Kerl kann warten. (zum Kellner.) Scheer dich hinaus, man wird's schicken!
Chlestakóff. In der Tat, das ist das vernünftigste. (Steckt das Geld wieder ein; der Kellner ab; Bóbtschinski schielt durch die Tür.)
10. Szene
Polizeimeister. Chlestakóff. Dóbtschinski.
Polizeimeister. Würden Sie jetzt vielleicht geneigt sein, einige unserer städtischen Anstalten zu besichtigen, etwa die Hospitäler und anderes?
Chlestakóff. Was gibt's denn da zu sehen?
Polizeimeister. Nun, Sie könnten da zum Beispiel einen Einblick gewinnen in die Art unserer Verwaltung ... die Reinlichkeit ...
Chlestakóff. Mit dem größten Vergnügen, bin gern bereit. (Bóbtschinski steckt den Kopf durch die Tür.)
Polizeimeister. Und von dort könnte man sich, wenn Sie es wünschen sollten, zur Kreisschule begeben, um die Ordnung, in der sich der Unterricht vollzieht, in Augenschein zu nehmen.
Chlestakóff. Schön, schön.
Polizeimeister. Dann, falls Sie das Gefängnis und die städtischen Arrestlokale zu besuchen wünschten -- könnten Sie sich überzeugen, wie bei uns die Verbrecher gehalten werden.
Chlestakóff. Gefängnis? -- ach wozu? Sehen wir uns dann doch lieber die Hospitäler an.
Polizeimeister. Ganz wie Sie wünschen. Befehlen Sie Ihre eigene Equipage oder nehmen Sie mit meinem bescheidenen Wagen vorlieb?
Chlestakóff. Na, ich fahre dann schon besser mit Ihnen zusammen.
Polizeimeister (zu Dóbtschinski). Pjótr Iwánowitsch, nun habe ich für Sie keinen Platz.
Dóbtschinski. O bitte, hat nichts zu sagen!
Polizeimeister (leise zu Dóbtschinski). Hören Sie, laufen Sie, aber was Ihre Beine laufen können, und bestellen Sie mir zwei Billetts, eins an Semljaníka ins Hospital, das andere meiner Frau. (Zu Chlestakóff.) Darf ich Sie um die Erlaubnis bitten, in Ihrer Gegenwart eine Zeile an meine Frau zu richten, damit sie sich zur Aufnahme eines so geschätzten Gastes vorbereiten kann?
Chlestakóff. Aber weshalb denn? ... Übrigens Tinte ist vorhanden, nur weiß ich nicht, ob Papier ... Vielleicht auf dieser Rechnung?
Polizeimeister. Genügt vollkommen! (Schreibt und spricht während dieser Zeit vor sich hin.) Nun wollen wir doch einmal sehen, wie die Sache nach dem Frühstück und ein paar tüchtigen Flaschen in Gang kommen wird. Wir haben da so einen hiesigen Madeira, äußerlich ganz harmlos, aber kräftig, um einen Elefanten umzuwerfen. Wenn ich nur herausbekäme, was er ist und von welcher Seite man sich vor ihm in acht nehmen muß. (Übergibt das Papier Dóbtschinski: dieser wendet sich zur Türe, aber im selben Augenblick bricht diese aus den Angeln und fliegt zusammen mit dem dahinter horchenden Bóbtschinski auf die Szene. Alle stoßen einen Ruf der Überraschung aus. Bóbtschinski erhebt sich.)
Chlestakóff. Oh, haben Sie sich verletzt?
Bóbtschinski. Durchaus nicht, durchaus nicht, habe fast nichts abbekommen, nur über der Nase eine unbedeutende Schramme. Ich laufe gleich zum Doktor Hübner; er hat ein großartiges Pflaster, da heilt's geschwind.
Polizeimeister (macht Bóbtschinski ein Zeichen des Vorwurfs; zu Chlestakóff). Das hat gar nichts auf sich. Bitte untertänigst voranzugehen. Ich werde Ihren Diener bescheiden, daß er den Koffer hinüberbringt. (Zu Ossip.) Mein Freundchen, trage das alles zu mir herüber, zum Polizeimeister, jeder kann dich hinweisen. Bitte untertänigst! (Läßt Chlestakóff den Vortritt und folgt ihm; im Hinausgehen dreht er sich noch einmal um und sagt in vorwurfsvollem Ton zu Bóbtschinski.) Sie sind mir auch der Rechte! Konnten sich keinen besseren Ort zum Hinpflanzen aussuchen! Und auf allen vieren wie -- weiß der Teufel wie! (Ab. Bóbtschinski hinterher. Der Vorhang fällt.)
(Ende des zweiten Aufzuges.)
Dritter Aufzug
Dasselbe Zimmer wie im ersten Aufzug
1. Szene
Anna Andréjewna und Márja Antónowna am Fenster in der gleichen Haltung wie am Schluß des ersten Aufzuges.
Anna Andréjewna. Da lauern wir nun schon eine geschlagene Stunde, und alles nur wegen deiner albernen Ziererei: war deine Toilette nicht längst fertig -- aber nein, da muß immer noch getrödelt werden ... Noch nichts von ihr zu hören. Rein zum Verdrießen! Nirgends eine Seele, wie auf Verabredung! Als wenn alles ausgestorben wäre!
Márja Antónowna. Aber wirklich, Mama, in zwei Minuten erfahren wir alles. Awdótja muß gleich wiederkommen. (Blickt aus dem Fenster und ruft aus.) Ach Mama, Mama, da kommt jemand, da, am Ende der Straße.
Anna Andréjewna. Wo, wo? -- Was du auch ewig phantasierst! -- Nun ja doch, es kommt jemand. Wer mag das sein? Untersetzt ... im Frack ... Wer ist das? Wer? Man könnte umkommen vor Ärger! Wer ist es denn nun?
Márja Antónowna. Dóbtschinski ist's, Mamachen!
Anna Andréjewna. Ach was, Dóbtschinski! Immer diese Einbildungen! Nicht entfernt Dóbtschinski. (Winkt mit dem Taschentuch.) Heda Sie, hierher, rasch!
Márja Antónowna. Ganz gewiß, Mama, Dóbtschinski!
Anna Andréjewna. Nur um widersprechen zu können. Du hast gehört, es ist nicht Dóbtschinski!
Márja Antónowna. Na und nun, Mama? Siehst du, es ist doch Dóbtschinski.
Anna Andréjewna. Nun ja doch, Dóbtschinski, jetzt seh ich's auch; warum streitest du denn? (Ruft aus dem Fenster.) Schnell, schnell, sputen Sie sich doch! Wie steht's, wo sind sie? Wie? Antworten Sie doch gleich von da, ganz egal! Na, wohl sehr streng? Wie? Und mein Mann, mein Mann? (Ärgerlich vom Fenster zurücktretend.) Tölpel der, wird nichts reden, bis er nicht mitten im Zimmer steht!
2. Szene
Die Vorigen. Dóbtschinski.
Anna Andréjewna. Nun, so reden Sie doch gefälligst, haben Sie denn kein Gewissen? Auf Sie allein habe ich mich verlassen wie auf einen ordentlichen Menschen; alle liefen sie davon und Sie hinterher! Bis diesen Augenblick kann ich von keiner Seele etwas herausbekommen. Schämen Sie sich denn gar nicht? Habe ich nicht Ihren Wánitschka und Ihre Lísotschka aus der Taufe gehoben? Und so behandeln Sie mich?
Dóbtschinski. Mein Gott, Frau Gevatterin, ich bin so gerannt, um Ihnen gefällig zu sein, daß mir alle Luft ausgegangen ist. Ergebenster Diener, Márja Antónowna!
Márja Antónowna. Guten Tag, Pjotr Iwánowitsch!
Anna Andréjewna. Nun rasch, so reden Sie doch, wie und was geht drüben vor?
Dóbtschinski. Antón Antónowitsch schickt Ihnen dieses Billett.
Anna Andréjewna. Nun und er? Natürlich ein General?
Dóbtschinski. Nein, General nicht, aber zum mindesten soviel wie General. Eine Bildung und ein Auftreten!
Anna Andréjewna. Ah, also derselbe, von dem meinem Mann geschrieben wurde?
Dóbtschinski. Eben derselbe! Ich und Bóbtschinski haben das zuallererst entdeckt.
Anna Andréjewna. Weiter, weiter, was geschah weiter?
Dóbtschinski. Gott sei gelobt, alles steht gut. Zuerst geruhte er Antón Antónowitsch etwas hart anzulassen, ja, er wurde sehr heftig und sagte: im Gasthofe wäre alles miserabel, und er würde sich nicht seinetwegen ins Gefängnis sperren lassen; nachher aber, wie er sah, daß Antón Antónowitsch unschuldig waren, und beide sich kurzer Hand verständigt hatten, da setzte er gleich eine andere Miene auf -- und Gott sei Dank, alles lief gut ab. Jetzt sind sie ausgefahren, um das Hospital zu besichtigen ... aber wahrhaftig, Antón Antónowitsch schienen bereits befürchtet zu haben, daß man ihn denunziert hätte. Ich selber bekam es so ein bißchen mit der Angst.
Anna Andréjewna. Wovor haben Sie sich denn zu fürchten? Sie sind doch kein Beamter!
Dóbtschinski. Na immerhin, wissen Sie, wenn so ein Vorgesetzter spricht, fährt's einem doch in die Glieder.
Anna Andréjewna. Ach gehen Sie ... das ist ja dummes Zeug. Nun, und wie sieht er aus? Alt, jung?
Dóbtschinski. Jung, noch ein ganz junger Mann, so an dreiundzwanzig; aber reden tut er wie ein alter. »Sehn Sie«, sagt er, »ich reise da und dahin« ... (Gestikulierend.) Alles so überlegen. »Ich schreibe auch«, meint er, »und lese auch dann und wann, aber die Dunkelheit im Zimmer behindert mich etwas.«
Anna Andréjewna. Und im Äußeren -- brünett oder blond?
Dóbtschinski. Nein, mehr aschblond, und Augen so scharf wie ein Luchs, um das Zittern zu kriegen.
Anna Andréjewna. Was schreibt er mir denn da auf dem Zettel (liest): »Ich eile, mein Herz, dich wissen zu lassen, daß meine Lage sehr kritisch war; doch im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit für zwei gesalzene Gurken apart und eine halbe Portion Kaviar ein Rubel fünfundzwanzig Kopeken ...« (Innehaltend.) Das verstehe ich nicht, was sollen hier gesalzene Gurken und Kaviar?
Dóbtschinski. Ach, Antón Antónowitsch benutzten in der Eile ein beschriebenes Papier; da stand so eine Rechnung drauf.
Anna Andréjewna. Ach ja, richtig: (liest weiter) »doch im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit darf ich auf einen glücklichen Ausgang hoffen. Laß schnell ein Zimmer für den illustren Gast einrichten, das mit den gelben Tapeten; für Mittag brauchst du nicht zu sorgen, wir speisen im Hospital bei Artémij Filíppowitsch; nur Wein laß recht viel kommen; sag dem Kaufmann Awdúljin, er soll vom besten hergeben, sonst schlage ich ihm seine ganze Bude kurz und klein. Mit Handkuß, mein Herz, verbleibe ich dein Antón Skwósnik-Dmuchánowski.« Ach mein Gott! Jetzt heißt's aber eilen! He, niemand da? Míschka!
Dóbtschinski (läuft und ruft durch die Tür). Míschka! Míschka! Míschka! (Míschka kommt herein.)
Anna Andréjewna. Hör mal, lauf zum Kaufmann Awdúljin ... warte, ich gebe dir einen Zettel (setzt sich an den Tisch, schreibt und spricht währenddem). Diesen Zettel gibst du dem Kutscher Sídor, er soll zum Kaufmann Awdúljin rennen und Wein holen. Und geh gleich und bring mir dies Zimmer hübsch in Ordnung für einen Gast. Stell ein Bett auf, einen Waschtisch und so weiter.
Dóbtschinski. Und ich, Anna Andréjewna, will hinlaufen und zusehn, wie er inspiziert.
Anna Andréjewna. Gehn Sie, gehn Sie, ich halte Sie nicht.
3. Szene
Anna Andréjewna und Márja Antónowna.
Anna Andréjewna. Nun, Máscha, jetzt müssen wir an unsere Toilette denken. Er ist ein Residenzler: Gott bewahre uns davor, von ihm irgendwie belächelt zu werden. Du solltest am besten dein blaues Kleid mit den schmalen Volants anziehen.
Márja Antónowna. Fi, Mama, das blaue! Das kann ich nicht leiden: die Ljápkin-Tjápkin geht schon in einem blauen und Fräulein Semljaníka geht auch in einem blauen. Nein, ich ziehe lieber das geblümte an.
Anna Andréjewna. Das geblümte! ... wirklich, du sprichst nur um zu widersprechen. Das andere stünde dir viel besser, weil ich mein strohfarbenes anziehen will; ich schwärme für das strohfarbene.
Márja Antónowna. Aber Mama, das strohfarbene steht dir ja gar nicht!
Anna Andréjewna. Mir nicht stehn?
Márja Antónowna. Nein, es steht dir nicht, ich wette was du willst, es steht dir nicht; dafür muß man dunkle Augen haben.
Anna Andréjewna. Nun wird's reizend! Ich und keine dunklen Augen? Die dunkelsten von der Welt! Was schwatzt du für einen Unsinn! Wieso nicht dunkel, wenn doch beim Kartenlegen für mich immer Treffdame herauskommt?
Márja Antónowna. Ach Mamachen, viel öfter doch Coeurdame!
Anna Andréjewna. Possen! Nichts als Possen! Ich war nie Coeurdame! (Verläßt mit Márja Antónowna in Eile das Zimmer und spricht noch hinter der Szene.) Was das für Phantasien sind, Coeurdame! Soll der Himmel wissen, was das ist! (Nach ihrem Abgang öffnet sich die seitliche Tür und Míschka wirft einen Haufen Kehricht heraus. Durch die andere Tür tritt, einen Handkoffer auf dem Kopfe, Ossip herein.)
4. Szene
Míschka und Ossip.
Ossip. Wo damit hin?
Míschka. Hierher, Kamerad, hierher!
Ossip. Wart, laß mich erst verschnaufen. Miserables Leben das! Auf'n leeren Magen is jeder Packen 'ne Last.
Míschka. Na, Kamerad, kommt der General bald?
Ossip. Was für'n General denn?
Míschka. Na, dein Herr.