Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke
Part 2
Bóbtschinski. Von hübschem Äußeren, apart gekleidet, so -- ft -- ins Zimmer tritt, entschlossener Ausdruck, Physiognomie, Benehmen und hier (fährt mit der Hand um die Stirne) viel, sehr viel. Ich hatte es sozusagen vorausgeahnt und sage zu Dóbtschinski: »Hier geht was vor.« Jawohl. Und Dóbtschinski hatte schon mit dem Finger gewinkt und den Wirt, den Wirt Wlas gerufen -- seine Frau kam vor drei Wochen mit einem strammen Jungen nieder, der mal des Vaters Wirtschaft erben wird. Wie Wlas kommt, fragt ihn Dóbtschinski ganz heimlich: »Wer ist dieser junge Mensch?« und Wlas antwortet: »Der« sagt er ... Ach, so unterbrechen Sie mich doch nicht in einem fort, Dóbtschinski, Sie können's ja doch nicht erzählen, Sie lispeln ja, ich weiß genau, bei Ihnen pfeift ein Zahn ... »Der junge Mensch da«, sagt Wlas, »das ist ein Beamter«, jawohl, »kommt von Petersburg und heißt«, sagt er, »Iwán Alexándrowitsch Chlestakóff, und reist«, sagt er, »nach Sarátoff und führt sich,« sagt er, »ganz seltsam auf: sitzt schon die zweite Woche hier, geht nie aus, nimmt alles auf Rechnung und zahlt keinen Kopeken.« Wie er das sagt, geht mir auf einmal ein Licht auf: »He!« sage ich zu Dóbtschinski ...
Dóbtschinski. Nein Bóbtschinski, ich habe »He!« gesagt.
Bóbtschinski. Zuerst sagten Sie's, danach sagte ich's auch. Also: »He!« sagten Dóbtschinski und ich. »Warum sitzt er hier, wenn er nach Sarátoff soll?« Folglich ist _er_ der Beamte.
Polizeimeister. Was, welcher Beamte?
Bóbtschinski. Der Beamte, von dem Sie die Nachricht zu empfangen geruhten -- der Revisor.
Polizeimeister (zusammenfahrend). Was reden Sie da, um Gotteswillen, das kann er nicht sein!
Dóbtschinski. Doch! Geld zahlt er keins und abreisen tut er auch nicht. Wer sollte es anders sein? Und dabei lautet sein Paß auf Sarátoff.
Bóbtschinski. Er ist's, er ist's, ganz gewiß ... Und was für eine Spürnase, alles hat er bemerkt, beobachtete, wie Dóbtschinski und ich Lachs aßen -- etwas reichlicher als sonst, weil Dóbtschinskis Magen ... Ja, _so_ hat er auf unsre Teller geschielt. Der Schreck fuhr mir ordentlich in die Glieder.
Polizeimeister. Herr Gott, erbarme dich über uns arme Sünder! Wo wohnt er denn da?
Dóbtschinski. Auf Nummer fünf, über die Stiege.
Bóbtschinski. In derselben Stube, wo sich voriges Jahr die durchreisenden Offiziere geprügelt hatten.
Polizeimeister. Ist er schon lange da?
Dóbtschinski. An die zwei Wochen; seit Sankt Basilius.
Polizeimeister. Zwei Wochen! (Beiseite.) Gott und alle Heiligen, steht mir bei! In diesen zwei Wochen ist die Witwe des Unteroffiziers ausgepeitscht worden, haben die Gefangenen keine Rationen erhalten. Die Straßen voll Dreck und Kot. Schimpf und Schande! (Greift sich an den Kopf).
Hospitalverwalter. Nun, Antón Antónowitsch, jetzt wird's eben heißen: auf und in Gala nach dem Gasthof.
Kreisrichter. Nein, nein; erst muß der Stadtälteste, die Geistlichkeit und die Kaufmannschaft vorangeschickt werden; wie schon zu lesen in den »Taten Johanns des Freimaurers« ...
Polizeimeister. Nein, nein; überlassen Sie das mir. Mich hat schon Schwereres im Leben heimgesucht, es ging vorüber und ich habe noch Dank dazu gehabt. Wohlan! Gott wird auch diesmal helfen. (Zu Bóbtschinski gewandt.) Sagten Sie nicht, es sei noch ein junger Mann?
Bóbtschinski. Jawohl, so an die dreiundzwanzig oder ein wenig über vierundzwanzig.
Polizeimeister. Desto besser, ein junger läßt sich leichter auf den Zahn fühlen; schlimm, wenn's ein alter Satan gewesen wäre; junge Leute sind Windbeutel. Halten Sie sich bereit, meine Herren, ich gehe jetzt alleine hin -- oder vielleicht höchstens in Dóbtschinskis Begleitung, ganz privatim, um wie auf einem Spaziergang bloß mal nachzuschauen, ob die durchreisenden Fremden keinen Anlaß zu Beschwerden haben. He, Swistúnoff!
Polizeidiener. Zu Befehl!
Polizeimeister. Hol mir sofort den Polizeiinspektor, oder nein, ich brauche dich hier. Sag draußen irgendwem, er soll mir so schnell wie möglich den Polizeiinspektor herbeischaffen und komm gleich zurück. (Polizeidiener ab.)
Hospitalverwalter. Kommen Sie, kommen Sie, meine Herren, es könnte wirklich was passieren.
Kreisrichter. Was haben denn Sie zu fürchten? Reine Nachtmützen für die Kranken und damit holla.
Hospitalverwalter. Wenn's das bloß wäre! Von rechtswegen sollten die Kranken Hafersuppe kriegen, und statt dessen ist bei mir auf allen Korridoren ein solcher Gestank nach Sauerkohl, daß man sich die Nase zuhalten muß.
Kreisrichter. In der Hinsicht bin ich ohne Sorge. Aufs Gericht zu kommen fällt ja doch keinem ein; und wenn er wirklich in so ein Aktenstück reinschaut, wird er seines Lebens nicht froh. Ich sitze nun schon fünfzehn Jahre auf dem Richterstuhl, und wenn ich solch schriftliches Referat ansehn muß -- ah! ich mache bloß so mit der Hand! Selbst Salomo würde nicht entscheiden, wo Recht und wo Unrecht ist.
(Kreisrichter, Hospitalverwalter, Schulinspektor und Postmeister ab und kollidieren in der Tür mit dem zurückkehrenden Polizeidiener.)
4. Szene
Polizeimeister. Bóbtschinski. Dóbtschinski und Polizeidiener.
Polizeimeister. Ist der Wagen bereit?
Polizeidiener. Zu Befehl.
Polizeimeister. Geh hinunter ... oder nein, halt! Geh, hol mir ... Aber wo sind denn die andern? Bist du denn allein? Ich habe doch befohlen, daß auch Prochóroff zur Stelle sei. Wo ist Prochóroff?
Polizeidiener. Prochóroff ist auf der Wache, ist aber nicht zu brauchen.
Polizeimeister. Warum nicht?
Polizeidiener. Nun so: man brachte ihn heut morgen totbesoffen an; wir gossen ihm schon zwei Eimer Wasser über den Kopf, aber bis jetzt hat er sich noch nicht aufgerappelt.
Polizeimeister (schlägt sich vor den Kopf). Gott, mein Gott! Lauf schnell auf die Straße, oder nein -- zuerst in mein Schlafzimmer, hörst du! und bring mir den Degen und die neue Mütze. Kommen Sie, Dóbtschinski!
Bóbtschinski. Ich auch, ich auch, bitte, nehmen Sie mich doch auch mit, Antón Antónowitsch.
Polizeimeister. Nein, nein, Bóbtschinski, das geht nicht! Es wäre unbequem, und wir hätten zusammen doch keinen Platz im Wagen.
Bóbtschinski. Tut nichts, tut nichts: ich springe hupp, hupp, hupp hinter dem Wagen her; ich möchte bloß so hineinblinzeln durch ein Türritzchen, wie er sich dabei haben wird.
Polizeimeister (den Degen nehmend, zum Polizeidiener). Lauf rasch, nimm dir Polizisten und jeder soll ... Verflucht, wie der Degen zerschrammt ist! Dieser hundsföttische Krämer Awdúljin -- sieht beim Polizeimeister den alten Degen und schickt keinen neuen! Infames Pack! Wartet ihr Halunken, ich will euch mit euren ellenlangen Bittschriften! Jeder soll sofort eine Straße packen ... Himmeldonnerwetter Straße -- einen Besen soll er packen und gleich die Straße beim Gasthof reinfegen ... hörst du! Und du nimm dich in acht! Ich kenne dich, Bürschchen: du biederst dich da an und läßt silberne Löffel in deine Stiefelschäfte verschwinden -- sieh dich vor, ich habe feine Ohren! ... Was hast du neulich beim Kaufmann Tschernájeff ausgefressen? Er schenkt dir zwei Ellen Tuch zur Uniform, und du maust ihm das ganze Stück -- paß Obacht! Zu so was bist du noch zu gering! Marsch!
5. Szene
Die Vorigen. Polizeiinspektor.
Polizeimeister. Um alles in der Welt, Stepán Iljitsch, wo treiben Sie sich denn herum? Ist das eine Art?
Polizeiinspektor. Ich war gerade nur einen Augenblick vor der Türe.
Polizeimeister. Na, nun hören Sie mal, Stepán Iljitsch! Der bewußte Beamte aus Petersburg ist eingetroffen. Was haben Sie inzwischen angeordnet?
Polizeiinspektor. Genau was Sie befahlen; ich schickte den Polizeidiener Pugowízyn mit Polizisten ab, um das Trottoir zu fegen.
Polizeimeister. Und wo ist Djerschimórda?
Polizeiinspektor. Djerschimórda mußte nach der Feuerspritze.
Polizeimeister. Und Prochóroff ist besoffen!
Polizeiinspektor. Zu Befehl, besoffen.
Polizeimeister. Wie konnten Sie das geschehen lassen?
Polizeiinspektor. Das weiß Gott! Gestern gab's vor der Stadt Prügelei -- er ritt hinaus, um Ruhe zu schaffen und kam besoffen zurück.
Polizeimeister. Hören Sie jetzt, was Sie zu tun haben: der Wachtmeister, groß und stämmig, wie er ist, soll auf der Brücke Posto fassen und auf Ordnung halten. Lassen Sie den alten Zaun neben dem Schuhmacher abfegen und ein paar Strohwische draufstecken, damit's so aussieht, als ob dort planiert werden soll; je mehr Rudera, desto mehr glaubt man an den Eifer der Stadtverwaltung. Mein Gott, ich vergaß ja, daß man grade neben diesem Zaun an die vierzig Fuhren Dreck abgeladen hat! O diese schweinische Stadt! Kaum stellt man irgendwo ein Denkmal oder auch nur einen Zaun auf, gleich schleppen sie einem dort, der Teufel weiß woher, sämtlichen Unrat zusammen! Ja -- und wenn der Revisor unsere Leute fragen sollte, ob sie zufrieden sind mit ihrem Dienst, daß mir die Kerle gehörig antworten: »Vollkommen zufrieden, Exzellenz!« Wer sich anders untersteht, dem will ich später schon seine Mißvergnügtheit anstreichen. (Seufzt.) Ach, ach, ach! Ich armer geschlagener Sünder! (Ergreift statt der Mütze die Hutschachtel.) Gebe nur Gott, daß alles gnädig vorübergehe, dann will ich auch eine Wachskerze weihen, so groß, wie sie noch nie ein Mensch geopfert hat: jede Bestie von Krämer soll mir dazu drei Zentner Wachs herschaffen. O Gott, o Gott! Vorwärts, Dóbtschinski (will statt der Mütze die Hutschachtel aufsetzen.)
Polizeiinspektor. Antón Antónowitsch, das ist ja die Pappschachtel und nicht die Mütze.
Polizeimeister (wirft die Schachtel an die Erde). Zum Teufel mit der Pappschachtel! Und wenn gefragt wird: warum ist die Kirche am Hospital nicht gebaut, für die schon vor fünf Jahren die Baugelder angewiesen wurden, dann hat's ordnungsgemäß zu heißen: sie war schon im Bau, ist aber wieder abgebrannt. Ich habe seinerzeit darüber Rapport erstattet. Daß mir keiner in seiner Dummheit herausplappert, daß sie überhaupt nicht angefangen wurde. Auch muß Djerschimórda eingeschärft werden, daß er mit seinen Fäusten nicht allzu derb dreinpfeffert; bei seinem Ruheschaffen haut er jedem Schuldigen wie Unschuldigen das Feuer aus den Augen. Fahren wir jetzt, Dóbtschinski. (Geht und kommt noch einmal zurück.) Daß man mir auch keinen Soldaten halbnackt auf die Straße läßt; diese Lottergarnison läuft immer nur in Hemd und Uniform herum, und weiter unterwärts ist nichts da. (Alle ab.)
6. Szene
Anna Andréjewna und Márja Antónowna kommen hereingelaufen.
Anna. Wo, wo sind sie? Ach mein Gott! ... (öffnet die Tür.) Mann! Anton! Liebster Anton! (Hastig.) Immer du, immer deinetwegen! Diese ewige Trödelei: »Noch eine Stecknadel, noch ein Lätzchen.« (Läuft zum Fenster und ruft.) Anton, wohin? Wie? Ist er angekommen? Der Revisor? Mit Schnurrbart? Schönem Schnurrbart?
Stimme des Polizeimeisters. Nachher, nachher meine Liebe!
Anna. Nachher? Was soll mir nachher! Ich will nicht nachher! ... Nur ein Wörtchen: ist's ein Oberst? Wie? (Fassungslos) Fort ist er! Das will ich dir gedenken. Ewig dies: »Ach Mamachen, nur noch ein Augenblickchen, nur noch das Lätzchen feststecken, gleich bin ich fertig.« Da hast du dein gleich! Nichts und nichts erfahren! Alles wegen dieser verwünschten Koketterie; bloß hören, daß der Herr Postmeister da ist, und husch vor den Spiegel und sich erst gehörig zieren und sich hier herumdrehen und da herumdrehen, ob man auch hübsch genug ist. Bildet sich ein, daß er ihr die Cour schneidet! Grimassen schneidet er dir, sobald du dich nur umdrehst.
Márja. Aber, was ist denn da nun zu machen, Mamachen? Es ist doch egal, binnen zwei Stunden wissen wir ja alles.
Anna. Zwei Stunden? Bedanke mich schönstens! Auf die Antwort durfte ich ja gefaßt sein; sag doch gleich: in vier Wochen, da wissen wir's ja noch bestimmter! (Beugt sich zum Fenster hinaus.) He, Awdótja! Wie? -- Awdótja, hast du's gehört, wer da angekommen ist? ... Nicht gehört? Dumme Gans! -- Er winkt mit der Hand? Laß ihn winken, hast du ihn wenigstens gefragt? Nicht verstanden? Natürlich, immer verliebten Kram im Kopf! -- Wie? Gerade abgefahren! Hätt'st nachrennen sollen! Lauf, lauf rasch! Hörst du, geschwind und frag, wohin sie gefahren sind, aber genau fragen, wer er ist, wie er aussieht -- hörst du? Guck durch die Türritze und schau gut nach, auch was er für Augen hat, schwarze oder blaue, und in einer Minute bist du wieder hier, verstanden?! Schnell, schnell, schnell! (Ruft so lange, bis der niedergehende Vorhang die beiden am Fenster stehenden Frauen den Blicken entzieht.)
(Ende des ersten Aufzuges).
Zweiter Aufzug
Kleines Zimmer im Gasthause, ein Bett, Tisch, Handkoffer, eine leere Flasche, Stiefel, Kleiderbürste und dergleichen.
1. Szene
Ossip, liegt auf seines Herrn Bett.
Ossip. Hol's der Schinder, so'n gemeiner Hunger, und im Magen ein Rumor, als ob da 'n ganzes Regiment 'rumtrompetet. Und kein Fortkommen, nich mal nach Hause. Was soll nu geschehen! Zwei geschlagene Monat weg von Petersburg! Verplempert auf der Reise sein Geld, mein sauberes Herrchen, und jetzt sitzt er da, klemmt den Schwanz ein und macht kusch. Und 's hätt' doch schön gereicht auf die Reise; aber nee, siehste, da muß überall Staat gemacht werden. (Äfft ihn nach.) »He, Ossip, lauf, nimm mir das beste Zimmer und bestell mir das feinste Essen, einen gewöhnlichen Mansch kann ich nicht genießen, ich brauche das feinste Essen.« Ein einfacher tüchtiger Happen hätt' auch gelangt, aber so'n Leckermaul muß immer was extra's haben. Sich mit Reisenden einlassen und Karten spielen -- na und dann gehörig reingelegt werden! Eh, die Zucht hab' ich satt! Da is es doch auf 'm Dorf noch immer besser: freilich, so'n Stadtgetue gibt's da nu mal nich, aber auch weniger Schererei: man nimmt sich 'n Weib, liegt immerzu auf der Ofenbank, und läßt sich die Klöße schmecken. Nu, 's wird ja keiner abstreiten, und wenn man's bei Lichte besieht, hat man's wohl in Petersburg doch am besten. Man bloß Geld in der Tasche, dann aber auch 'n pikfeines politisches Leben; Tehater, tanzende Hunde, alles, was das Herz begehrt. Reden tun sie so delikat, als ob alles adlig wär'. Geht man auf den Markt, schrein die Kaufleute: »Gnädigster Herr!« Man steigt in 'ne Fähre, gleich sitzt neben einem 'n Beamter. Braucht man Unterhaltung, dann nur in den ersten besten Laden rein: da erzählt so'n feiner Gardekavalier Schnurren aus 'm Lagerleben und erklärt einem alle Sterne am Himmel, daß man's wie auf der flachen Hand hat. Eine schrumplige Offiziersfrau fängt an zu spektakeln; 'n andermal blinzt einem so'n Kammerzöfchen zu ... pst, pst! (Schüttelt lächelnd den Kopf.) Der Teufel hol die verliebte Wirtschaft! -- Nie kriegt man Grobheiten zu hören, alles sagt »Sie« zu einem. Hat man's Laufen satt, nimmt man sich 'ne Droschke, setzt sich rein wie 'n feiner Herr, und wenn man nicht zahlen mag -- keine Sorge; jedes Haus hat so'n Hinterpförtchen, da witscht man durch und kein Teufel find't einen. Bloß eins is schlecht: einmal ißt man sich plumpsatt, 's andere Mal könnt' man vor Hunger zerspringen, wie zum Beispiel jetzt. Aber daran is er allein schuld. Was soll man mit ihm machen? Papachen schickt Geld und denkt, man wird sparen -- i wohin! ... Rumtreiben tut er sich, fährt immerzu Droschke, jeden Tag hol' ihm ein Tehaterbillett, aber nach acht Tagen, hast du nicht gesehn, da muß ich ihm schon den neuen Frack zum Trödler tragen. Manchmal is er bis aufs letzte Hemd ausgeplündert, daß ihm nur 'n schäbiges Röckchen und 'n alter Mantel übrig bleibt, wahr und wahrhaftig! Und so'n feines Tuch, londonisches! Ein einziger Frack kost't ihm 150 Rubel, und für 20 schlägt er 'n los; von den Hosen erst gar nich zu reden, die gibt er umsonst zu! Und warum? Darum, weil er nichts tut: statt zu arbeiten, fährt er spazieren auf'm Proschpekt und spielt Karten. Hä, wenn das der Alte wüßte? Der möcht' sich nich drum kümmern, daß du'n Beamter bist, sondern möcht dir's Hemd hochnehmen und 'n paar überziehen, daß du dich vier Tage lang jucken könntest. Hast du 'n Dienst, dann dien' auch. Da kommt nu der Wirt und sagt: erst gezahlt, und hernach kriegt ihr zu essen; nu, und wenn wir nich zahlen? (Seufzend.) Grundgütiger Gott, und wenn's auch bloß 'ne Kohlsuppe wär'! Ich möcht' wetten, die ganze Welt hat längst gegessen. -- 's rappelt, gewiß is er's. (Rafft sich vom Bett auf.)
2. Szene
Ossip. Chlestakóff.
Chlestakóff. Da, nimm das. (Reicht ihm Hut und Spazierstock.) Wieder auf meinem Bett gewälzt?
Ossip. Ich und auf'm Bett? Nich mal angesehn hab' ich's.
Chlestakóff. Du lügst! Doch hast du's getan! Sieh doch hin, wie's zerwühlt ist!
Ossip. Was hab' ich vom Bett? Weiß ich überhaupt, was 'n Bett is? Ich hab' ja Beine zum Stehen. Was geht mich Ihr Bett an?
Chlestakóff (auf- und abgehend). Schau mal nach, ob noch Tabak im Beutel ist.
Ossip. Wo soll er denn herkommen, der Tabak? Sie haben ja schon vorgestern den letzten aufgeraucht.
Chlestakóff (auf- und abgehend und immerfort die Lippen aufeinander pressend, endlich sehr laut und energisch). Hör mal, Ossip!
Ossip. Was befehlen?
Chlestakóff (laut, aber weniger energisch). Geh mal runter.
Ossip. Wohin?
Chlestakóff (viel leiser und zahmer, beinahe bittend). Hinunter ans Büfett ... Sag dort ... man möchte mir zu essen schicken.
Ossip. Ach nee, lieber nich.
Chlestakóff. Was unterstehst du dich, Schafskopf?
Ossip. Nu ja, ob ich nu geh' oder nich, 's wird ja doch nichts draus. Der Wirt hat gesagt, er gibt kein Essen mehr.
Chlestakóff. Nichts mehr geben will der Kerl? Die Unverschämtheit!
Ossip. Obendrein hat er gesagt: Ich geh' zur Polizei! Dein Herr bezahlt seit zwei Wochen nich mehr. Und du und dein Herr, sagt er, seid Spitzbuben, und dein Herr is 'n Gauner.
Chlestakóff. Und du Rindvieh freust dich noch gar, mir das wiederzuerzählen!
Ossip. Weiter sagt er noch: »Da kommt solche Bande hergelaufen, nistet sich ein, macht Schulden, und hinterher kann man sie nich mal rausschmeißen. Ich«, sagt er, »ich werde aber nich spaßen, ich geh' aufs Gericht und bring Euch ins Loch!«
Chlestakóff. Jetzt schweig, Dummkopf! Geh nur, geh, sag's ihm. Dieser grobe Klotz!
Ossip. Am gescheit'sten, ich hol' Ihnen gleich den Wirt selber herauf.
Chlestakóff. Was brauche ich den Wirt? Sag du es ihm alleine.
Ossip. Aber wirklich, Herr ...
Chlestakóff. Na, in des Teufels Namen, so geh und rufe den Wirt!
Ossip (ab).
3. Szene
Chlestakóff allein.
Chlestakóff. Greulichen Hunger hab' ich! Ein bißchen spazieren gegangen; dachte, der Appetit wird vergehen -- nein; im Gegenteil, hol's der Satan! Hätte ich nur in Pénsa nicht so gelumpt; dann könnte es noch zur Heimreise langen. -- Dieser Hauptmann hat mich gründlich ausgebeutelt: wie die Bestie die Volte schlagen konnte! Kaum ein paar Viertelstündchen gespielt -- und ratzekahl geschoren. Trotz alledem hätte ich riesige Lust, noch einmal mit ihm loszugehen. Leider kann ich auf den Zufall kaum rechnen. -- Was für ein ekelhaftes Nest das! In den Obstläden geben sie nichts auf Pump; es ist geradezu gemein! (Pfeift eine Melodie aus Robert dem Teufel, dann den roten Sarafan, endlich alles mögliche durcheinander.) Es scheint niemand kommen zu wollen.
4. Szene
Chlestakóff, Ossip und der Kellner.
Kellner. Der Wirt läßt fragen, was Sie wünschen?
Chlestakóff. Schönen guten Tag! Na, wie geht's, Freundchen?
Kellner. Danke, ausgezeichnet.
Chlestakóff. Und wie steht's in der Wirtschaft? Guter Zuspruch?
Kellner. Danke, alles nach Wunsch.
Chlestakóff. Viel Reisende?
Kellner. Danke, ausreichend.
Chlestakóff. Hör mal, mein Lieber, man hat mir bis jetzt das Essen nicht gebracht; sieh doch geschwind zu, daß sie sich beeilen -- ich habe gleich nach Mittag ein dringendes Geschäft.
Kellner. Aber der Wirt hat gesagt, er borgt nicht länger; heute wollte er sogar schon zum Polizeimeister, um sich zu beschweren.
Chlestakóff. Weshalb beschweren? Aber Freundchen, das siehst du doch selber ein, essen muß ich doch; ich würde ja sonst verhungern. Ich habe wirklich starken Appetit -- ganz im Ernst.
Kellner. Zu dienen. Er sagte aber: »Zu essen kriegt er nichts, bis er nicht seine vorige Zeche bezahlt hat.« Wort für Wort.
Chlestakóff. Rede ihm doch zu, dir wird er's nicht abschlagen.
Kellner. Wie soll ich ihm denn zureden?
Chlestakóff. Setze es ihm nur ganz ernsthaft auseinander, daß ich eben essen _muß_. Von Geld ein andermal ... So ein Bauer bildet sich ein, wenn ihm ein Tag fasten nichts schadet, könnten's auch andere Leute vertragen! Unerhört!
(Kellner und Ossip ab.)
5. Szene
Chlestakóff allein.
Chlestakóff. Es wäre doch niederträchtig, wenn er mir nichts zu essen schickte. Einen Hunger hab' ich, wie noch nie. -- Ob man wohl die Garderobe versetzt? Vielleicht die Beinkleider? Nein, eher noch hungern, aber wenigstens im Petersburger Kostüm nach Haus kommen. Schade, daß mir der Jochim nicht die Karosse herleihen wollte; alle Wetter, das wäre doch ein Spaß gewesen, in so einer Staatskutsche heimzureisen und dann der lieben Nachbarschaft mit dem Ungetüm vor die Fenster zu rasseln, vorn Laternen, hinten Ossip in Livree. Ich kann mir's ordentlich vorstellen, wie sie da alle aufgesprungen wären! »Was ist los? Wer kommt da?« Und mein Lakai tritt herein: (Richtet sich stramm auf und ahmt den Lakeien nach.) »Iwán Alexándrowitsch Chlestakóff aus Petersburg, geruht die Herrschaft zu empfangen?« Diese Tölpel, sie ahnen nicht mal, was da drin liegt: »empfangen!« Kommt ihnen freilich so ein Hanswurst von Gutsbesitzer, der tappt natürlich wie ein ungeschlachter Bär direkt ins Zimmer. -- Man nähert sich einer hübschen jungen Dame: »Ah, Gnädigste, wie bin ich ...« (Reibt sich die Hände und scharrt mit den Füßen.) Tfu! (Spuckt aus.) Rein übel wird einem vor lauter Hunger!
6. Szene
Chlestakóff, Ossip, nachher der Kellner.
Chlestakóff. Nun?
Ossip. Das Essen kommt.
Chlestakóff (klatscht in die Hände und ist mit einem Satz auf dem Stuhl). Das Essen! Das Essen!
Kellner (mit Tellern und Serviette). Der Wirt will es noch ein letztes Mal geben.
Chlestakóff. Wirt hin, Wirt her, ich pfeife auf deinen Wirt! Was bringst du da?
Kellner. Suppe und Braten.
Chlestakóff. Was, bloß zwei Gerichte?
Kellner. Bloß zwei.
Chlestakóff. Schufterei! Ich nehme das nicht an. Sag ihm gefälligst, daß das eine Gemeinheit ist! ... Die paar Brocken!
Kellner. Im Gegenteil, der Wirt sagt, das wäre überreichlich.
Chlestakóff. Und warum keine Sauce?
Kellner. Sauce gibt's nicht.
Chlestakóff. Wieso gibt's nicht? Ich habe doch selber gesehen, wie ich bei der Küche vorbeiging, daß eine Masse davon bereitet wurde. Und im Gastzimmer heute morgen aßen zwei alberne Knirpse Lachs und andere schöne Sachen.
Kellner. O ja, da ist es schon, aber es gibt es nicht.
Chlestakóff. Wieso nicht?
Kellner. Gibt's eben nicht.
Chlestakóff. Und Lachs und Fisch und Kotelettes?
Kellner. Ja, das gibt's eben für die besseren Leute.
Chlestakóff. Ach, du Tropf!
Kellner. Zu dienen.
Chlestakóff. Ferkel, garstiges ... Warum essen die, und ich nicht? Soll ich das nicht können, zum Kuckuck? Sind das nicht ebenso gut Reisende wie ich?
Kellner. Oh, das weiß man schon, daß die anders sind.
Chlestakóff. Wieso anders?
Kellner. O ganz einfach: die bezahlen eben auch.
Chlestakóff. Mit dir Schafskopf mag ich nichts weiter zu schaffen haben. (Gießt sich Suppe ein und ißt.) Was ist denn das für Suppe? Reines Wasser hast du in die Terrine gegossen! Schmeckt nach gar nichts, riecht bloß. Ich mag diese Suppe nicht, bring mir eine andere.
Kellner. Dann nehmen wir sie zurück. Der Wirt sagte, wenn Sie sie nicht wünschten, brauchten sie auch keine.
Chlestakóff (hält abwehrend die Hand darüber). Nu, nu, nu ... weg, Dummkopf! Solche Manieren kannst du bei deinen Leuten anbringen: ich bin von anderem Schlage! Mit mir rate ich's dir nicht ... (Ißt.) Gott, o Gott, was für eine Suppe! (Ißt weiter.) Ich glaube, kein Mensch auf der ganzen Welt hat jemals solche Suppe gegessen; statt Fettaugen schwimmen Federn darauf rum. (Schneidet ein Huhn an.) Gräßlich, so was nennt sich Huhn! Gib den Braten! Hier ist etwas Suppe übrig geblieben, nimm dir's, Ossip. (Zerschneidet den Braten.) Das soll Braten sein? Das ist kein Braten.
Kellner. Was denn sonst?