Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke
Part 1
Nikolaus Gogol Dramatische Werke
Nikolaus Gogol Sämmtliche Werke In 8 Bänden
Herausgegeben von Otto Buek
Band 5
München und Leipzig bei Georg Müller 1911
Nikolaus Gogol
Dramatische Werke
Herausgegeben von Otto Buek
München und Leipzig bei Georg Müller 1911
Der Revisor
Komödie in fünf Aufzügen
»Den Spiegel soll nicht schelten, wer eine Fratze hat.«
Sprichwort.
Deutsche Übertragung von _Th. Commichau_
Das Recht der öffentlichen Aufführung ist ausschließlich zu erwerben von dem Theaterverlag Eduard Bloch, Berlin C 2, Brüderstraße 1
Personen.
Antón Antónowitsch Skwósnik-Dmuchánowski, Polizeimeister. Anna Andréjewna, seine Frau. Márja Antónowna, seine Tochter. Lúka Lúkitsch Chlópoff, Schulinspektor. Frau Chlópoff. Ammós Fjódorowitsch Ljápkin-Tjápkin, Kreisrichter. Artémij Filíppowitsch Semljaníka, Hospitalverwalter. Iwán Kusmítsch Schpékin, Postmeister. Pjotr Iwánowitsch Dóbtschinski } Pjotr Iwánowitsch Bóbtschinski } Bürger. Iwán Alexándrowitsch Chlestakóff, Beamter aus Petersburg. Ossip, sein Diener. Christian Iwánowitsch Hübner, Kreisarzt. Fjódor Andréjewitsch Ljuljukóff } Iwán Lasaréwitsch Rastakówski } pensionierte Beamte, Stepán Iwánowitsch Koróbkin } Honoratioren der Stadt. Stepán Iljitsch Uchowjértoff, Polizeiinspektor. Swistúnoff } Pugowízyn } Polizeidiener. Djerschimórda } Awdúlin, Kaufmann. Fewrónja Pjetrówna Poschljópkina, Schlossersfrau. Die Frau eines Unteroffiziers. Míschka, Diener des Polizeimeisters. Ein Kellner. Ein Gendarm.
Gäste, Kaufleute, Volk, Bittsteller.
* * * * *
Zeit: Um 1835. -- Ort: Eine kleine russische Provinzialstadt.
Charaktere und Kostüme (Bemerkungen für die Herren Schauspieler)
Der Polizeimeister: Ein im Dienst bereits ergrauter und in seiner Art gescheiter Mann. Obgleich bestechlich, gibt er sich als soliden und ernsthaften Menschen und ist in gewissem Sinne sogar Räsoneur. Er spricht weder laut noch leise, noch viel, noch wenig; jedes seiner Worte hat Gewicht. Seine Gesichtszüge sind grob und hart, wie bei allen, die in einer mühsamen Karriere von der Pike auf gedient haben. Der Übergang von Furcht zu Freude, von Unterwürfigkeit zu Hochmut vollzieht sich bei ihm ziemlich unvermittelt, wie bei allen Leuten mit roh entwickelten Charakteranlagen. Er trägt die übliche Uniform mit Litzenkragen und Stulpstiefel mit Sporen; sein graues Haar ist kurzgeschoren.
Anna Andréjewna, seine Frau: Eine noch leidlich konservierte Provinzialkokette, die zur Hälfte in der Lektüre von Romanen und Poesiealbums, zur Hälfte im Kleinkram von Hauswirtschaft und Gesindeplackerei aufgeht. Sehr neugierig, kehrt sie gelegentlich auch Hoffart hervor; erlangt oftmals dadurch Übergewicht über ihren Mann, daß dieser ihr nichts zu antworten weiß; doch erstreckt sich solches Übergewicht nur auf Kleinigkeiten und besteht lediglich in Vorwürfen und Hohn. Im Verlaufe des Stückes wechselt sie viermal die Toilette.
Chlestakóff: ein junger Mann von 23 Jahren, schmächtig und unansehnlich, etwas einfältig und hat, wie man zu sagen pflegt, das Pulver nicht erfunden; einer von den Leuten, die man in den Kanzleien Windbeutel nennt. Er ist nicht imstande längere Zeit bei einem Thema zu verweilen, spricht unzusammenhängend, und die Worte sprudeln ihm unberechenbar aus dem Munde. Je mehr Freimut und Harmlosigkeit der Darsteller dieser Rolle zur Schau trägt, desto größeren Erfolg wird er erzielen. Seine Kleidung ist modern (1835).
Ossip, sein Diener: Von dem Wesen, das Diener in vorgerückten Jahren zu haben pflegen; er spricht gelassen, hält den Blick etwas gesenkt, räsoniert und liebt es, seinem Herrn in dessen Abwesenheit Vorhaltungen zu machen. Seine Stimme ist fast immer monoton, nimmt aber im Gespräch mit seinem Herrn einen mürrischen, kargen, zuweilen sogar groben Ausdruck an. Er ist pfiffiger als sein Herr und weiß sich deshalb rascher zurechtzufinden, spricht aber nicht gern viel und ist ein stilles Wasser. Seine Kleidung ist ein grauer oder blauer verschlissener Kittel.
Bóbtschinski und Dóbtschinski: Beide von kleinem, niedrigem Wuchs, sehr neugierig; einander sehr ähnlich; beide mit leichtem Embonpoint. Sie sprechen hastig und unterstützen ihre Rede durch reichliches Gestikulieren mit den Händen. Dóbtschinski ist ein wenig größer und ernsthafter als Bóbtschinski, dieser aber ist dafür beweglicher und lebhafter als jener.
Ljápkin-Tjápkin, der Kreisrichter: ein Mensch, der fünf bis sechs Bücher gelesen hat und daraufhin den Freigeist herauskehrt. Ist stark in Hypothesen und spricht deshalb jedes Wort mit wichtigem Ton. Der Darsteller dieser Rolle sollte stets eine vielsagende Miene aufsetzen. Er spricht in tiefem Baß, sehr gedehnt, heiser und mit Räuspern, wie eine alte Wanduhr, die erst schnarrt, ehe sie schlägt.
Semljaníka, der Hospitalverwalter: Ein sehr korpulenter, schwerfälliger und plumper Mann; bei alledem Intrigant und Gauner; sehr zuvorkommend und gefällig.
Der Postmeister: Ein bis zur Naivität einfältiger Mensch.
Die übrigen Rollen bedürfen keiner besonderen Anweisungen; ihren Originalen begegnet man auf Schritt und Tritt.
Die Herren Schauspieler sollten der letzten Szene besondere Sorgfalt angedeihen lassen. Das zuletzt ausgesprochene Wort muß auf alle wie ein elektrischer Schlag wirken; gleichzeitig und plötzlich. Die ganze Gruppe muß ihre Stellung in einem Augenblick wechseln; den Ausruf der Überraschung müssen alle Damen einstimmig ausstoßen, wie aus einem Munde. Die Nichtbeachtung dieser Hinweise könnte die gesamte Wirkung in Frage stellen.
Erster Aufzug
Zimmer im Hause des Polizeimeisters
1. Szene
Polizeimeister. Hospitalverwalter. Schulinspektor. Kreisrichter. Revierinspektor. Arzt. Zwei Polizeidiener.
Polizeimeister. Ich habe Sie herberufen, meine Herren, um Ihnen eine sehr unerfreuliche Nachricht mitzuteilen: ein Revisor kommt zu uns.
Kreisrichter. Ein Revisor?!
Hospitalverwalter. Ein Revisor?!
Polizeimeister. Ein Revisor aus Petersburg, inkognito. Und noch dazu mit geheimen Instruktionen.
Kreisrichter. Donnerwetter!
Hospitalverwalter. Das hat uns auch gerade noch gefehlt!
Schulinspektor. Herr des Himmels! Und obendrein mit geheimen Instruktionen!
Polizeimeister. Als wenn ich das vorausgeahnt hätte: die ganze Nacht träumte mir von zwei ungeheuren Ratten -- nie habe ich dergleichen vorher gesehen: schwarz und riesengroß! Kamen heran, beschnupperten mich und liefen wieder davon. Ich will Ihnen hier den Brief vorlesen, den ich von Andréj Iwánowitsch Tschmychóff erhalten habe -- Sie, Artémij Filíppowitsch, kennen ihn ja. Er schreibt also folgendermaßen: »Teurer Freund, Gevatter und Wohltäter« (halblaut murmelnd und die Zeilen überfliegend) »... dir zu melden« -- da hier: »Ich beeile mich, dir unter anderem zu melden, daß ein Beamter eingetroffen ist mit der Instruktion: das ganze Gouvernement und speziell unsern Kreis (hebt bedeutungsvoll den Finger in die Höhe) zu inspizieren. Ich erfuhr dies von absolut zuverlässiger Seite, obgleich er sich für einen Privatmann ausgibt. Da ich nun weiß, daß auch bei dir, wie überall, kleine Schnitzer mitunterlaufen, weil du ein kluger Mann bist und ungern fahren läßt, was in deinem Netze zappelt ...« (Innehaltend) Nun, hier macht er so seine ... »so rate ich dir auf deiner Hut zu sein: er kann jeden Augenblick kommen, wenn er nicht gar schon da ist und sich irgendwo inkognito aufhält ... Gestern ...« -- hier folgen nur noch Familiennachrichten: »ist meine Schwester Anna Kiríllowna mit ihrem Manne zum Besuch angekommen; Iwán Kiríllowitsch ist sehr dick geworden und fiedelt immerfort auf der Geige«, usw. usw. Also nun wissen Sie, wie die Dinge stehen!
Kreisrichter. Eine seltsame, höchst seltsame Geschichte! Da steckt irgendwas dahinter.
Schulinspektor. Wozu das alles, Antón Antónowitsch, wozu? Warum uns einen Revisor?!
Polizeimeister (seufzend). Warum! Sie sehen ja: Schicksal! (Seufzend) Bisher hatte man, Gott sei Dank, nur andre Städte heimgesucht; jetzt kommt eben die Reihe an uns.
Kreisrichter. Ich meine, Antón Antónowitsch, daß dies einen feinen und mehr politischen Hintergrund hat. Es bedeutet einfach: Rußland ... ja ... Rußland will Krieg führen -- und das Ministerium, sehen Sie wohl, schickt heimlich einen Beamten ab, um auszuforschen, ob hier herum wo Spione stecken.
Polizeimeister. Eh, was reden Sie da! Sie sind wohl nicht recht gescheit! In einer Kreisstadt Spione! Liegen wir etwa an der Grenze? Die erreicht von hier aus keiner, auch wenn er drei Jahre Galopp fährt.
Kreisrichter. Nein, wie ich Ihnen sage. Sie wollen mich nicht ... wollen nicht ... Die Regierung kennt die feinsten Schliche; weit oder nicht, sie hört sogar die Flöhe husten.
Polizeimeister. Floh hin, Floh her; jedenfalls sind Sie gewarnt, meine Herren. Sehen Sie sich vor! Ich für meinen Teil habe schon so meine Maßregeln getroffen, tun Sie das gleiche. Namentlich rate ich's Ihnen, Artémij Filíppowitsch! Der durchreisende Revisor wird zweifelsohne vor allem die Ihnen unterstellten Krankenhäuser inspizieren wollen --, drum sorgen Sie dafür, daß alles tadellos sei. Daß die Nachtmützen hübsch rein sind und die Kranken nicht wie die Kesselschmiede aussehen, wie das sonst gewöhnlich der Fall ist.
Hospitalverwalter. Na, wenn's weiter nichts ist -- reine Nachtmützen können sie kriegen.
Polizeimeister. Gut. Und an jedem Bett muß auf lateinisch oder in einer andern fremden Sprache ... das wäre dann eben Ihre Sache, Herr Doktor -- muß jede einzelne Krankheit angeschrieben stehen, Datum der Erkrankung, genau auf Jahr und Tag ... Es ist auch gar nicht schön, daß Ihre Kranken einen so starken Tabak rauchen, daß, wer hereinkommt, immerzu niesen muß. Noch besser, wenn überhaupt weniger Kranke da wären; sonst wird gleich der schlechten Verwaltung oder der Unfähigkeit des Arztes schuld gegeben.
Hospitalverwalter. Oh, was die ärztliche Behandlung anbetrifft, so bin ich mit dem Herrn Doktor längst übereingekommen: je naturgemäßer, desto besser -- teure Arzeneien brauchen wir nicht. Gewöhnliches Volk: stirbt's, dann stirbt's, bleibt's leben, dann bleibt's eben leben. Auch könnte sich der Herr Doktor ja doch nicht mit ihnen verständigen: er versteht ja kein Wort Russisch.
Christian Iwánowitsch, der Arzt (gibt Laute von sich, die halb wie i und halb wie e klingen).
Polizeimeister. Auch Ihnen, Ammós Fjódorowitsch, möchte ich raten, einmal nach Ihrem Gerichtslokal zu schauen. Im Vorzimmer, wo sich die Klienten versammeln sollen, haben Ihre Gerichtsdiener die ganzen Hausgänse mit ihren Jungen untergebracht, die einem dort fortwährend zwischen die Beine geraten. Sich um die Wirtschaft kümmern, ist gewiß lobenswert, und warum sollte das ein Knecht auch nicht tun; aber an einem solchen Ort, sehen Sie, paßt sich das doch nicht. Ich wollte das schon eher sagen, habe es aber wieder ganz verschwitzt.
Kreisrichter. Ich lasse sie gleich sämtlich in die Küche schaffen. Kommen Sie doch zum Essen herüber.
Polizeimeister. Schlimm ist's auch, daß der Sitzungssaal so von Schmutz starrt und daß mitten auf dem Aktentisch Ihre Hundepeitsche liegt. Ich weiß wohl, Sie sind ein großer Jagdfreund, doch besser wär's, sie wenigstens jetzt wegzunehmen; ist der Revisor erst wieder fort, dann können Sie sie ja meinetwegen wieder hinlegen. Und dann Ihr Beisitzer! Der Mann ist ja wahrscheinlich sehr tüchtig, aber er verbreitet einen Duft, als ob er geradenwegs aus der Branntweinschänke käme -- das taugt auch nicht. Schon längst wollte ich mal davon reden, wurde aber, ich weiß nicht wie, davon abgebracht. Es gibt Mittel dagegen, selbst wenn wirklich, wie er behauptet, ihm dieser Geruch angeboren wäre: man könnte ihm Zwiebeln oder Knoblauch zu essen geben oder irgendwas ähnliches. Für diesen Fall kann ja der Herr Doktor mit Medikamenten zu Hilfe kommen.
Christian Iwánowitsch, der Arzt (gibt die vorerwähnten Laute von sich).
Kreisrichter. Nein, das läßt sich nicht vertreiben; er sagt, als Kind habe ihn seine Amme einmal verprügelt, und seit der Zeit müsse er immer etwas Branntwein ausschwitzen.
Polizeimeister. Nun, ich wollte das nur bemerkt haben. Doch betreffs unserer sonstigen Zustände und der sogenannten kleinen Schnitzer, von denen Andréj Iwánowitsch in seinem Briefe redet, weiß ich wahrhaftig nichts beizubringen. Es bleibt nun eben mal wahr: kein Mensch ist ohne Sünde. Das hat Gott selber schon so gewollt, und die Aufklärungsapostel werden vergeblich darüber wettern.
Kreisrichter. Ja, was nennen Sie Sünde, Antón Antónowitsch? Sünde und Sünde ist zweierlei. Ich für mein Teil gebe ganz offen zu, daß ich hier und da kleine Geschenke annehme, doch was für welche? Jagdhunde! Das ist was ganz andres.
Polizeimeister. Jagdhunde oder sonst was, Geschenke bleiben's doch.
Kreisrichter. O nein, Antón Antónowitsch. Aber wenn einer zum Beispiel einen Pelz für fünfhundert Rubel und seine Frau einen Schal ...
Polizeimeister. Schon gut, schon gut, Sie nehmen also bloß Jagdhunde -- dafür glauben Sie aber nicht an Gott und gehen nie in die Kirche; ich aber bin ein gläubiger Mensch und bin jeden Sonntag beim Gottesdienst. Aber Sie ... oh, ich kenne Sie: wenn Sie anfangen, über die Schöpfung zu reden, dann stehen einem die Haare zu Berge.
Kreisrichter. Wenigstens bin ich von alleine darauf gekommen, aus eigenem Verstande.
Polizeimeister. Na, manchmal ist viel Verstand schlimmer als gar keiner. Übrigens habe ich nur so nebenbei ans Kreisgericht gedacht; ehrlich gesagt, es wird ja keiner da hineingucken: das ist ein geheiligter Ort, den Gott selber in Schutz genommen hat. Aber Sie, Lúka Lúkitsch, müssen sich durchaus mal um Ihr Lehrerpersonal kümmern. Es sind ohne Frage gelehrte und hochstudierte Leute, haben aber höchst sonderbare Angewohnheiten, die sich kaum mit dem Lehrberuf vertragen. Da ist zum Beispiel einer, der mit dem aufgedunsenen Gesicht, mir ist sein Name nicht gegenwärtig -- der muß absolut immer eine Fratze schneiden, sowie er aufs Katheder steigt, ungefähr so (macht eine Grimasse) und dann steckt er die Hand unter die Halsbinde und kraut sich den Bart. Daß er den Schülern solche Fratzen schneidet, ist ja egal und mag vielleicht nötig sein, das geht mich nichts an; aber sagen Sie selbst, wenn er das vor dem Herrn Inspizienten tut, das kann doch sehr fatal werden; der Herr Revisor oder ein andrer könnte das auf sich beziehen. Da kann der Teufel weiß was dabei herauskommen.
Schulinspektor. Ja, aber was soll ich mit ihm machen; ich habe schon mehrfach mit ihm geredet. Noch kürzlich, als gerade der Schulrat die Klasse betrat, hat er eine solche Grimasse aufgesetzt, wie ich sie noch niemals gesehen hatte. Er denkt sich gar nichts Böses dabei, mich aber rüffelt man dann, daß der Jugend revolutionäre Ideen eingeflößt werden.
Polizeimeister. Auch über Ihren Geschichtslehrer habe ich noch einiges zu bemerken. Es ist ein gelehrtes Haupt, das sieht man deutlich, und strotzt von Wissen; aber er doziert mit solchem Feuer, daß er sich ganz dabei vergißt. Ich hörte ihn einmal: na, solange er von den Babyloniern und Assyrern sprach, da ging's noch, aber als er auf Alexander den Großen kam -- ich kann's kaum beschreiben, wie er da loslegte. Ich glaubte, es brennt, wahrhaftig! Springt vom Katheder und was das Zeug hält -- bautz! -- den Stuhl an die Erde. Gewiß, Alexander der Große war schon ein Held, aber braucht man da Stühle zu zerkeilen? Der Staat hat nur Kosten davon.
Schulinspektor. Ja, ja, er ist ein Heißsporn. Ich habe ihm das auch schon ein paarmal vorgehalten; aber dann erwidert er: »Wie Sie wünschen, aber für die Wissenschaft opfere ich mein Leben.«
Polizeimeister. Ach ja, das muß eben unerforschlicher Schicksalswille sein: so ein Gelehrter ist entweder Säufer oder schneidet Fratzen, daß man sich vor den Heiligenbildern schämen möchte.
Schulinspektor. Gott bewahre mich davor, Lehrer sein zu müssen, das ist eine Strafe! Da will jeder reinreden, jeder beweisen, daß auch er Verstand hat.
Polizeimeister. Das hätte alles noch gar nichts zu sagen -- das Inkognito ist das Infame! Mit einmal schielt er herein: »Ah, da seid ihr ja, Freundchen! Na wer ist denn von Euch der Richter?« -- »Ljápkin-Tjápkin!« -- »Ei dann bitte schön Herr Ljápkin-Tjápkin!« -- »Und wer ist der Hospitalverwalter!« »Semljaníka!« -- »Dann bitte doch schön, Herr Semljaníka!« -- Das ist das gemeine!
2. Szene
Die Vorigen. Postmeister.
Postmeister. Herrschaft, was geht denn vor? Ein Revisor soll kommen?
Polizeimeister. Haben Sie's denn noch nicht gehört?
Postmeister. Eben, von Pjotr Iwánowitsch Bóbtschinski; er war gerade bei mir auf dem Postamt.
Polizeimeister. Na, nun? Was denken Sie drüber?
Postmeister. Was ich denke? 's gibt Krieg mit den Türken.
Kreisrichter. Da, also! Genau wie ich's gesagt habe!
Polizeimeister. Ja, zwei kapitale Schlauköpfe!
Postmeister. Freilich, mit den Türken. Das haben uns alles die Franzosen eingebrockt.
Polizeimeister. Schöner Krieg mit den Türken. Uns wird's an den Kragen gehn, nicht den Türken. Das steht längst fest, ich habe briefliche Nachricht.
Postmeister. Na, wenn's so ist, dann gibt's eben keinen Krieg.
Polizeimeister. Nun, was sagen Sie dazu, Iwán Kusmítsch?
Postmeister. Hm, ich? Und Sie, Antón Antónowitsch?
Polizeimeister. Ich? Von Furcht natürlich keine Spur, aber so ein bißchen. Kaufleute und Bürger machen mir etwas Sorge. Sie behaupten, ich hätte sie gerupft, aber bei Gott, wenn ich auch mal von einem oder dem andern was nahm, dann geschah's nur in aller Unschuld. Ich vermute, (führt den Postmeister beim Arm auf die Seite) ich vermute, man hat mich angeschwärzt. Warum gerade für uns einen Revisor? Hören Sie mal, Iwán Kusmítsch, könnten Sie nicht, zu unserm gemeinschaftlichen Vorteil, jeden Brief, der in Ihrem Postamt ein- und ausgeht, wissen Sie, so'n bißchen aufmachen und durchlesen, ob nicht vielleicht Denunziationen oder dergleichen vertrauliche Mitteilungen drinstehen? Wenn nicht, kann man sie ja wieder zusiegeln oder einfach geöffnet abliefern.
Postmeister. Weiß ich längst! Da brauchen Sie mich nicht erst zu belehren, mach' ich sowieso schon, aber weniger aus Vorsicht, als aus Neugierde -- ich bin geradezu versessen auf das, was in der Welt vorgeht. Ich sage Ihnen, die interessanteste Lektüre. Mancher Brief liest sich ganz köstlich -- da werden Dinge beschrieben ... Und eine Darstellung -- besser als in den »Moskauer Nachrichten«!
Polizeimeister. Schön, sagen Sie mal, haben Sie da nichts über einen Revisor aus Petersburg gefunden?
Postmeister. Aus Petersburg, nein, aber von einem in Kostromá und Sarátow ist viel die Rede. Wirklich schade, daß Sie keine Briefe lesen; manche Stellen sind großartig. Da schrieb kürzlich ein Leutnant seinem Kameraden und schilderte einen Ball auf die lustigste Art -- ganz, ganz ausgezeichnet: »Ich führe hier«, schreibt er, »ein Götterleben: schöne Mädchen in Hülle und Fülle, die Musik rauscht, hoch flattert die Fahne ...« mit großem Schwung schrieb er. Ich habe den Brief wahrscheinlich noch bei mir; soll ich ihn vorlesen?
Polizeimeister. Nein, lassen Sie's für jetzt. Also seien Sie so gut, Iwán Kusmítsch: falls Sie gelegentlich auf so eine Beschwerde oder eine Denunziation stoßen, dann ohne weiteres anhalten.
Postmeister. Mit dem größten Vergnügen.
Kreisrichter. Sehen Sie sich aber vor, Sie könnten da mal reinfallen.
Postmeister. Du lieber Gott!
Polizeimeister. Ach, das hat gar nichts zu sagen; ja, wenn Sie das an die große Glocke hängen wollten, aber so ist's ja reine Privatsache.
Kreisrichter. Na, schlimme Sache das. Übrigens war ich eigentlich gekommen, Antón Antónowitsch, um Ihnen eine junge Hündin zu offerieren; sie ist vom selben Wurf wie mein Köter, den Sie kennen. Daß Tscheptówitsch und Warchowínski im Prozeß liegen, wissen Sie wohl; und ich habe den Spaß davon, jetzt kann ich beim einen wie beim andern meine Hasen jagen.
Polizeimeister. Herr Gott, bleiben Sie mir jetzt mit Ihren Hasen vom Leibe; mir sitzt das verdammte Inkognito im Schädel! Immer drauf lauern, daß jeden Augenblick die Tür aufgeht und baff ...
3. Szene
Die Vorigen. Bóbtschinski und Dóbtschinski stürzen atemlos herein.
Bóbtschinski. Unerhörte Überraschung!
Dóbtschinski. Erstaunliche Neuigkeit!
Alle. Was, was ist denn los?!
Dóbtschinski. Unerwartetes Ereignis: wir kommen ins Gasthaus ...
Bóbtschinski (unterbrechend). Ich und Dóbtschinski kommen ins Gasthaus ...
Dóbtschinski (unterbrechend). Eh, lassen Sie mich, Pjotr Iwánowitsch, ich will erzählen.
Bóbtschinski. Nein, nein, lassen Sie mich, lassen Sie mich ... Sie haben gar kein Geschick ...
Dóbtschinski. Und Sie verhaspeln sich und vergessen alles.
Bóbtschinski. Nein, bei Gott, ich weiß alles; mischen Sie sich nicht hinein, lassen Sie mich erzählen. Helfen Sie, meine Herren, daß Dóbtschinski sich nicht hereinmischt!
Polizeimeister. So reden Sie doch um alles in der Welt, was ist los? Ich brenne vor Ungeduld. Setzen Sie sich, meine Herren, Stühle her; hier haben Sie einen Stuhl, Bóbtschinski. (Alle setzen sich um Bóbtschinski und Dóbtschinski herum.) Nur schnell, was gibt's?
Bóbtschinski. Erlauben Sie, erlauben Sie, alles nach der Reihe. Kaum daß ich die Ehre hatte, mich von Ihnen zu verabschieden, nachdem Sie geruhten, sich über den empfangenen Brief zu beunruhigen, ja -- da rannte ich ... Bitte, unterbrechen Sie mich nicht, Dóbtschinski! Ich weiß alles, alles. Also: da rannte ich zu Koróbkin, da aber Koróbkin nicht zu Hause war, zu Rastakówski, und da ich Rastakówski nicht antraf, von dort zum Herrn Postmeister, um ihm die von Ihnen empfangene Neuigkeit mitzuteilen, und wie ich von da weggehe, begegne ich Dóbtschinski ...
Dóbtschinski. Neben dem Pastetenladen ...
Bóbtschinski. Neben dem Pastetenladen. Ich treffe also Dóbtschinski und sage ihm: haben Sie schon von der großen Neuigkeit gehört, die der Herr Polizeimeister in einem hochbedeutsamen Brief erhalten hat? Dóbtschinski aber hatte sie schon von Ihrer Magd Awdótja gehört, die, ich weiß nicht wonach, zu Philipp Antónowitsch Potschetschújeff geschickt worden war ...
Dóbtschinski (unterbrechend). Nach einem Kognakfäßchen.
Bóbtschinski (mit der Hand abwehrend). Nach einem Kognakfäßchen. Wir gingen also zusammen zu Potschetschújeff ... Nein, Dóbtschinski, nein, unterbrechen Sie mich nicht, bitte ernstlich, unterbrechen Sie mich nicht! ... Wir gehen also zu Potschetschújeff und unterwegs sagt mir Dóbtschinski: »Kommen Sie doch mal erst in die Restauration; ich hab' so'n gewisses ... seit heut früh hab' ich nichts genossen und der Magen knurrt mir so ...« -- jawohl, Dóbtschinski knurrte der Magen. »Und in der Restauration,« sagt er, »gibt's heut frischen Lachs, kosten wir doch wenigstens.« Kaum sind wir drin, als plötzlich ein junger Mann ...
Dóbtschinski (unterbrechend). Von hübschem Äußeren, apart gekleidet ...