Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke

Part 24

Chapter 243,787 wordsPublic domain

Der andere. Ja ist denn das nicht ihre wahre und wirkliche Bedeutung? Schon von Beginn an war die Komödie eine öffentliche Angelegenheit des Volkes. Zumindest stellte sie sich so bei ihrem Vater Aristophanes dar. Später wurde sie in den Engpaß privater Beziehungen gedrängt, das Auf und Ab der Liebe wurde hineingetragen, immer dieselbe unvermeidliche Exposition. Und wie schwach ist sie deshalb selbst bei den besten Komödiendichtern! Wie nichtig sind diese Theaterliebhaber mit ihrer papierenen Liebe!

Ein dritter (tritt heran und klopft ihm leicht auf die Schulter). Du hast unrecht. Die Liebe kann ebenso wie jedes andere Gefühl Ingredienz einer Komödie sein.

Der andere. Ich sage ja auch gar nicht, daß sie es nicht sein kann. Aber die Liebe kann, wie andere erhabenere Gefühle, nur dann einen erhebenden Eindruck machen, wenn sie in ihrer ganzen Tiefe entwickelt wird. Hat man einmal begonnen, sie darzustellen, muß man alles andere aufopfern; alles, was eben den Charakter der Komödie ausmacht, verblaßt dann, und die Bedeutung der Komödie als Angelegenheit der Gesellschaft verschwindet.

Der dritte. Also muß der Gegenstand der Komödie unbedingt etwas Niedriges sein? Die Komödie ist also immer ein untergeordnetes Genre?

Der andere. Für den, der nur auf die Worte achtet und nicht den Sinn zu begreifen sucht, wird es so sein. Kann das Positive wie das Negative nicht der gleichen Absicht dienen? Können die Komödie und die Tragödie nicht den gleichen hohen Gedanken ausdrücken? Die seelischen Schwingungen eines schurkischen und ehrlosen Menschen, die gröbsten wie die feinsten, -- zeichnen sie nicht schon das Bild eines ehrenhaften Mannes? Verraten denn nicht die Anhäufung von Niedrigkeiten, von Verletzungen der Gesetze und der Gerechtigkeit deutlich, was Gesetz, Pflicht und Gerechtigkeit von uns fordert? In den Händen eines geschickten Arztes heilen das heiße wie das kalte Wasser mit gleichem Erfolge dieselben Krankheiten. In der Hand des Talents kann alles ein Mittel des Schönen werden, wenn es nur durch die hohe Absicht, dem Schönen zu dienen, geleitet wird.

Ein vierter (tritt hinzu). Was kann dem Schönen dienen und worüber streitet ihr?

Der erste. Der Streit entstand bei uns über die Komödie. Wir sprechen allgemein von der Komödie, über die neue Komödie hat noch keiner ein Wort gesagt. Und was haben Sie zu bemerken?

Der vierte. Ich möchte folgendes bemerken: man spürt das Talent, Beobachtung des Lebens, viel Lächerliches, Richtiges, der Natur Abgelauschtes, aber ganz allgemein: dem Stück fehlt etwas. Man sieht weder eine Intrige noch eine Auflösung. Es ist doch merkwürdig, daß alle unsere Komödiendichter nicht ohne die Regierung auskommen können. Ohne sie schließt bei ihnen keine Komödie.

Der dritte. Das ist wahr. Aber übrigens, es ist andererseits sehr natürlich. Wir haben doch alle mit der Regierung zu tun, wir stehen ja fast alle in ihrem Dienst; unser aller Interessen sind mehr oder weniger mit der Regierung verknüpft. Es ist also nicht verwunderlich, wenn sich das in den Schöpfungen unserer Dichter spiegelt.

Der vierte. Richtig. Mag diese Beziehung auch spürbar sein, so ist es doch lächerlich, daß ein Stück keinesfalls ohne die Regierung auskommen kann. Sie muß unbedingt erscheinen: wie das unentrinnbare Schicksal in den Tragödien der Alten.

Der andere. Nun sehen Sie: es ist also beinahe etwas Unwillkürliches bei unseren Komödiendichtern. Und das bildet also ein charakteristisches Merkmal unserer Komödie. Unsere Seele enthält irgendeinen geheimen Glauben an die Regierung. Nun? Dabei ist doch nichts Schlimmes: Gott gebe, daß die Regierung immer und überall von ihrer Bestimmung, die Vertreterin der Vorsehung auf Erden zu sein, zu hören bekommt. Und daß wir daran glauben, so wie die Alten geglaubt haben, daß das Verbrechen vom Schicksal ereilt wird.

Der fünfte. Guten Abend, meine Herren. Ich höre nur immer das eine Wort »Regierung«. Die Komödie hat Lärm und Streit entfesselt ...

Der zweite. Wollen wir diesen Zank und Lärm nicht lieber bei mir austragen, als in diesem Theatervorraum. (Sie entfernen sich.)

(Einige würdige und anständig gekleidete Herren erscheinen einer nach dem andern.)

Erster Herr. So, so, ich sehe: es ist wahr, es gibt so etwas bei uns, aber es kommt auch anderswo vor, und noch Schlimmeres; aber zu welchem Zwecke, wozu so etwas darstellen? -- Das ist die Frage. Warum diese Vorstellungen? Was für einen Nutzen bringen sie? -- Erklären Sie mir das! Was nützt es mir, zu wissen, daß es da und dort Schelme gibt? Ich ... ich verstehe einfach die Notwendigkeit solcher Vorführungen nicht. (Er entfernt sich.)

Zweiter Herr. Nein, das ist doch keine Verhöhnung der Laster, das ist doch eine widerwärtige Verhöhnung Rußlands. -- Das ist die Sache. Das heißt, die Regierung selbst in ein schlechtes Licht stellen, denn schlechte Beamte und Übergriffe, die in allen Ständen vorkommen, bloßstellen, bedeutet die Regierung selbst kompromittieren. Man sollte solche Vorstellungen nicht erlauben. (Er entfernt sich.)

(Herr A. und Herr B. treten ein, Männer von nicht geringem Rang.)

Herr A. Ich spreche nicht davon; im Gegenteil, Mißbräuche muß man uns zeigen; das ist notwendig, daß wir unsere Vergehen sehen; und ich teile nicht im geringsten die Meinung vieler allzu stark erregter Patrioten; aber mich dünkt, daß hier zu viel Trauriges vorkommt ...

Herr B. Ich wünschte sehr, daß Sie die Meinung eines sehr bescheiden angezogenen Herrn gehört hätten, der neben mir im Sessel saß ... Ach, da ist er ja selbst.

Herr A. Wer?

Herr B. Eben dieser sehr bescheiden angezogene Herr. (Wendet sich zu ihm.) Wir haben unser Gespräch nicht beendet, dessen Anfang mir sehr interessant war.

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Auch ich muß gestehen, daß ich sehr froh bin, die Unterhaltung fortsetzen zu können. Ich habe soeben allerlei Diskussionen gehört, zum Beispiel: daß das alles nicht wahr sei, daß es eine Verhöhnung unserer Regierung, unserer Sitten sei und daß das alles gar nicht vorgeführt werden dürfe. Das zwang mich, das ganze Stück noch einmal durchzudenken und in Gedanken zu überschauen. Und ich muß gestehen, daß mir der Gehalt der Komödie noch bedeutender erschien. Mir scheint, das Lachen trifft hier am stärksten und tiefsten die Heuchelei, die wohlanständige Maske, unter der Niedrigkeit und Schurkerei erscheinen, den Schelm, der sich hinter dem Äußeren eines ehrbaren Mannes verbirgt. Ich muß gestehen, ich empfand Freude, als ich sah, wie lächerlich die ehrbaren Worte im Munde eines Schurken klingen, und wie ungeheuer lächerlich wurde allen vom Parkett bis zum Olymp diese von ihm angenommene Maske. Und danach gibt es noch Menschen, die behaupten, daß man so etwas nicht auf der Bühne vorführen sollte! Ich vernahm eine Bemerkung, die ein, wie mir schien, sehr achtbarer Herr gemacht hatte: »Und was wird das Volk sagen, wenn es sieht, daß bei uns solche Übergriffe vorkommen?«

Herr A. Ich muß gestehen, entschuldigen Sie, daß mir selbst auch diese Frage aufgetaucht ist: und was wird unser Volk sagen, wenn es dies alles sieht?

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Was das Volk sagen wird? (Geht zur Seite, zwei Männer in Armjaks gehen vorüber.)

Der blaue Armjak (zum grauen). Frech waren die Woiwoden, aber sie erblaßten doch, als das Zarengericht begann! (Beide gehen hinaus.)

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Das wird das Volk sagen! Haben Sie gehört?

Herr A. Was?

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Es wird sagen: »Frech waren die Woiwoden, aber sie erblaßten doch, als das Zarengericht begann!« Haben Sie gehört, wie sicher der Instinkt und das Gefühl des Menschen sind? Wie treu das einfache Auge sieht, wenn es nicht von Theorien und Gedanken verschleiert ist, die aus Büchern herausgezupft sind; sondern alles aus der menschlichen Natur schöpft? Ist es denn nicht ganz offensichtlich, daß nach so einer Vorstellung das Volk mehr Glauben an die Regierung bekommt? Ja, es braucht solche Aufführungen! Es soll die Regierung von ihren schlechten Vertretern trennen lernen. Es soll sehen, daß die Übergriffe nicht von der Regierung aus geschehen, sondern von denen, die ihre Forderungen nicht verstehen. Die der Regierung gegenüber keine Verantwortung auf sich nehmen wollen. Es soll sehen, daß sie edel denkt, daß sie mit wachem Auge alle gleich behütet, daß sie früher oder später die Verräter des Gesetzes, der Ehre und der heiligen Pflicht der Menschheit herausfinden wird, daß die, die kein reines Gewissen haben, vor ihr erblassen werden. Ja, es muß diese Vorstellungen sehen; glauben Sie mir, wenn es einmal am eigenen Leibe die Schikanen und Ungerechtigkeiten erfahren sollte, wird es getröstet, mit einem festen Glauben an das stets wache höhere Gesetz aus dieser Vorstellung hinausgehen. Auch noch eine andere Bemerkung gefiel mir: »Das Volk wird eine schlechte Meinung von seinen Beamten bekommen.« Das heißt, man glaubt, daß das Volk hier im Theater zum ersten Male seine Vorgesetzten kennen lernt: wenn ihm zu Hause irgendein schurkischer Amtmann den Fuß auf den Nacken setzt, so wird es dies nicht bemerken, aber wenn es ins Theater geht, dann erst gehen ihm die Augen auf. Man hält unser Volk wirklich für dümmer als einen Klotz -- für so dumm, daß es nicht imstande ist, zu unterscheiden, ob ein Kuchen mit Fleisch oder mit Brei gefüllt ist. Nein, jetzt scheint es mir sogar gut, daß auf der Bühne kein einziger ehrlicher Mensch vorgeführt wurde. Der Mensch ist so eitel: zeige ihm unter vielen schlechten Eigenschaften nur eine gute, und er wird stolz aus dem Theater gehen. Nein, es ist gut, daß nur Ausnahmefälle und lasterhafte Menschen dargestellt sind, die so in die Augen fallen, daß man nicht ihr Mitbürger zu sein wünscht, daß man sich zu gestehen schämt, daß es so etwas überhaupt gibt.

Herr A. Aber gibt es denn bei uns wirklich solche Menschen, genau solche?

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Gestatten Sie mir, Ihnen darauf folgendes zu antworten: ich weiß nicht, warum ich jedesmal traurig werde, wenn ich eine solche Frage höre. Ich kann offen mit Ihnen sprechen, in Ihren Zügen sehe ich etwas, das mich zur Aufrichtigkeit auffordert. Der Mensch stellt zu allererst diese Frage: »Gibt es denn wirklich solche Menschen?« Aber hat man je gehört, daß einer diese Frage gestellt hätte: »Bin ich denn selbst ganz frei von diesen Lastern?« Niemals, niemals! Noch eins -- ich will ja offen mit Ihnen reden. -- Ich habe ein gutes Herz und viel Liebe in meiner Brust, aber wenn Sie wüßten, wieviel seelische Anstrengungen und Erschütterungen es mich gekostet hat, um nicht in viele Laster zu verfallen, in die man unwillkürlich gerät, wenn man mit den Menschen zusammenlebt! Und wie kann ich jetzt sagen, daß in mir selbst, in diesem Augenblick, sich nicht die gleichen Neigungen regen, über die alle vor zehn Minuten gelacht haben, über die ich selbst gelacht habe?

Herr A. (nach kurzem Schweigen). Ich muß gestehen, Ihre Worte zwingen mich zum Nachdenken. Und wenn ich mich erinnere, wenn ich mir vorstelle, wie stolz uns unsere europäische Erziehung gemacht hat, wie sie uns überhaupt vor uns selbst verborgen hat, wie hochmütig und mit welcher Verachtung wir auf jene sehen, die diesen äußeren Schliff nicht empfangen haben, wie jeder von uns sich fast als Heiligen hinstellt, und von dem Schlechten immer in dritter Person spricht -- ich muß gestehen, dann wird mir traurig zumute ... Aber verzeihen Sie meine Unbescheidenheit -- Sie sind übrigens selbst schuld daran -- darf ich wissen, mit wem ich das Vergnügen zu sprechen habe?

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Ich bin nicht mehr und nicht weniger als einer jener Beamten und nehme eine Stellung ein, deren Träger in der Komödie vorgeführt werden; und ich bin erst vorgestern aus meinem Städtchen hier angekommen.

Herr B. Das hätte ich kaum geglaubt. Und scheint es Ihnen nach alledem nicht peinlich, mit solchen Menschen zu dienen und zusammen zu leben?

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Peinlich? Darauf möchte ich Ihnen folgendes antworten: ich gestehe, daß ich oft die Geduld verloren habe. In unserem Städtchen gehören nicht alle Beamten zu dem ehrlichen Dutzend, oft muß man die Wände hinaufklettern, um eine gute Tat durchzusetzen, schon mehrere Male wollte ich den Dienst quittieren; aber jetzt, eben nach dieser Vorstellung, fühle ich eine Frische und zugleich neue Kraft, um meine Tätigkeit fortzusetzen. Mich tröstet schon der Gedanke, daß die Gemeinheit bei uns nicht verborgen bleibt oder gar gefördert wird. Daß sie dort, im Angesicht aller ehrlichen Menschen vom Lachen getroffen wird; daß es eine Feder gibt, die es nicht unterläßt, unsere niedrigen Taten bloßzustellen, wenn dies auch unserem nationalen Stolze nicht schmeichelt, und daß es bei uns eine gute Regierung gibt, die es gestattet, dies all denen vor Augen zu führen, für die es bestimmt ist; und schon das allein gibt mir den Mut, meinen nutzbringenden Dienst fortzusetzen.

Herr A. Erlauben Sie mir, Ihnen einen Vorschlag zu machen. Ich bekleide ein Amt, ein ziemlich hohes Amt. Ich brauche wahrhaft edeldenkende und ehrliche Mitarbeiter. Ich biete Ihnen eine Stellung an, in der Sie ein weites Feld für Ihre Tätigkeit finden werden, die Ihnen unvergleichlich mehr Vorteile bieten wird und wo Sie an einer achtbaren Stelle stehen werden.

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Gestatten Sie mir, Ihnen von ganzem Herzen und ganzer Seele für Ihr Anerbieten zu danken. Und erlauben Sie mir zugleich, es abzulehnen. Wenn ich fühle, daß ich in meiner Stellung nützlich sein kann, wäre es dann anständig von mir, sie zu verlassen? Und wie kann ich sie verlassen, wo ich nicht fest überzeugt bin, daß nach mir nicht irgend ein Kerl kommen wird, der ein Schreckensregiment beginnt. Wenn Sie aber das Anerbieten als Belohnung gedacht haben, so gestatten Sie mir Ihnen folgendes zu sagen: Ich habe wie alle andern dem Dichter des Stückes applaudiert, aber ich habe ihn nicht hervorgerufen. Was für eine Belohnung käme ihm zu? Wem das Stück gefällt, der mag es loben, aber er -- er hat nur seine Pflicht erfüllt. Wir sind wahrhaftig so weit gekommen, daß einer sich nicht nur um einer Heldentat willen, sondern schon wenn er einem andern im Leben oder im Dienst nicht schadet, für einen Gott weiß wie edlen Menschen hält, und ernsthaft beleidigt ist, wenn man dies nicht bemerkt und ihn nicht dafür belohnt. »Aber ich bitte,« schreit er, »ich war Zeit meines Lebens ein ehrlicher Mensch, ich habe kaum eine Niederträchtigkeit begangen, -- warum gibt man mir kein Amt, keine Orden?« Ich dagegen denke so: wer nicht ohne Aufmunterung anständig sein kann -- an dessen Anstand glaube ich nicht; sein Krämeranstand ist keinen Heller wert!

Herr A. Zumindest werden Sie mir doch Ihre nähere Bekanntschaft nicht versagen: verzeihen Sie meine Zudringlichkeit. Sie sehen ja selbst, daß sie die Folge meiner aufrichtigen Hochachtung ist. Geben Sie mir Ihre Adresse.

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Hier ist meine Adresse. Aber seien Sie überzeugt, ich werde nicht zulassen, daß Sie von ihr Gebrauch machen, und schon morgen früh werde ich selbst bei Ihnen vorsprechen. Verzeihen Sie mir, ich bin nicht in der großen Welt erzogen und kann nicht reden ... Aber bei einem Staatsbeamten diese großmütige Aufmerksamkeit, dieses Streben nach dem Guten zu finden ... Gott gebe, daß jeder Herrscher von solchen Leuten umgeben sei! (Entfernt sich eilig.)

Herr A. (dreht die Visitkarte in den Händen herum). Ich blicke auf diese Karte und den mir unbekannten Namen, und mir wird das Herz so voll. Wie sich dieser anfangs so traurige Eindruck von selbst verflüchtigt hat! Gott behüte dich, mein Rußland, das wir noch so wenig kennen! In der fernsten Provinz, in einem deiner verlorenen Winkel ist so eine Perle verborgen und sicher ist sie nicht die einzige. Sie sind wie die Körner einer Goldader, versprengt in den finstern Tiefen deines Granits. Es liegt ein Gefühl tiefen Trostes in einer solchen Erscheinung, und es wurde hell in meiner Seele nach der Begegnung mit diesem Beamten, wie es in seiner eignen Seele hell wurde nach der Aufführung dieser Komödie. Leben Sie wohl! Ich danke Ihnen, daß Sie mir diese Begegnung verschafft haben. (Entfernt sich.)

Herr W. (tritt zu Herrn B. heran). Wer war das, mit dem Sie sprachen? Ich glaube, er ist Minister, nicht wahr?

Herr P. (kommt von der anderen Seite). Hör doch Bruder, was ist das eigentlich für eine Geschichte? ...

Herr B. Was?

Herr P. Wie kann man so etwas aufführen?!

Herr B. Warum denn nicht?

Herr P. Aber ich bitte, urteile doch selbst. Was ist denn das eigentlich? Nichts als Laster und Laster; was für ein Beispiel sollen sich die Zuschauer daran nehmen?

Herr B. Ja, wird denn das Laster verherrlicht? Es wird doch dem Spott preisgegeben.

Herr P. Na Bruder, was du auch sagen magst: die Achtung ... aber dadurch geht doch die Achtung vor Amt und Beamten verloren.

Herr B. Nicht vor Amt und Beamten geht die Achtung verloren, sondern vor denen, die ihre Pflichten schlecht erfüllen.

Herr W. Gestatten Sie mir jedoch, zu bemerken: das alles ist immerhin eine Beleidigung, die mehr oder weniger alle trifft.

Herr P. Sehr richtig. Das wollte ich ihm schon selbst sagen. Das ist eine Beleidigung, die alle trifft. Jetzt führt man uns zum Beispiel einen Titularrat vor, und nächstens ... äh ... wird man uns noch am Ende ... äh ... einen wirklichen Staatsrat vorführen.

Herr B. Nun und was wäre dabei? Die Persönlichkeit darf nicht angetastet werden; aber wenn ich mir eine Figur erdenke und sie mit den Lastern versehe, die unter uns Menschen vorkommen, und wenn ich ihr einen Rang gebe, der mir geeignet erscheint, wenn es auch der eines wirklichen Staatsrats ist, und wenn ich sage, daß dieser wirkliche Staatsrat nicht so ist, wie er sein sollte: was ist dabei? Kommen denn solche Patrone unter wirklichen Staatsräten nicht vor?

Herr P. Aber nein, mein Lieber, das ist schon zu viel. Wie kann denn ein solcher Patron wirklicher Staatsrat sein? Vielleicht Titularrat ... Nein, du gehst schon zu weit.

Herr W. Aber warum soll man uns nur das Schlechte zeigen und nicht auch das Gute, das, was der Nacheiferung würdig ist?

Herr B. Warum? Eine merkwürdige Frage: Warum? So kann man oftmals »Warum« fragen. Warum führte ein Vater seinen Sohn, um ihn dem liederlichen Leben zu entreißen, ohne viele Worte und Moralpredigten in ein Krankenhaus, wo ihm die furchtbaren Folgen eines lasterhaften Lebens in all ihren Schrecknissen offenbar wurden? Warum tat er das?

Herr W. Gestatten Sie mir, Ihnen zu bemerken: das heißt doch gewissermaßen Krankheiten der Gesellschaft entblößen, die man verhüllen, und nicht noch aufzeigen sollte!

Herr P. Das ist wahr. Ich bin damit vollkommen einverstanden. Bei uns muß man das Schlimme verbergen, und nicht noch aufdecken.

Herr B. Wenn ein anderer als Sie diese Worte gesprochen hätte, würde ich sagen, daß nicht wahre Liebe zum Vaterland, sondern Heuchelei sie diktiert habe. Nach Ihrer Meinung muß man die gesellschaftlichen Krankheiten, wie Sie sie nennen, nur verhüllen, nur äußerlich heilen, sie sollen nur vorläufig nicht zu sehen sein, aber im Innern mag die Krankheit fortwüten -- das macht nichts. Es macht nichts, daß sie ausbricht und sich in solchen Symptomen offenbart, die keiner Heilung mehr fähig sind. Das macht nichts. Sie wollen nicht wissen, daß wir ohne ein tiefes herzliches Bekenntnis, ohne christliches Eingestehen unserer Sünden, ohne sie in unsern eigenen Augen zu übertreiben, nicht die Kraft haben, uns über sie zu erheben, wir nicht die Kraft haben, uns mit unserer Seele über die Gemeinheit des Lebens emporzuschwingen. Sie wollen es nicht wissen! Soll der Mensch taub bleiben, soll er schlafend durch das Leben wandeln, soll er nie erschüttert werden, nie aus tiefster Seele weinen, soll er seine Seele so einschläfern, daß nichts mehr ihn aufrütteln kann! Nein ... verzeihen Sie mir! Wer so spricht, dessen Lippen werden von kaltem Egoismus bewegt und nicht von heiliger, reiner Liebe zur Menschheit. (Er entfernt sich.)

Herr P. (nach einigem Schweigen). Warum schweigst du? -- Nun wie gefällt er dir? Was er nicht alles erzählt hat! Wie?

Herr W. (schweigt).

Herr P. (fortfahrend). Er mag reden was er will -- aber das sind doch immerhin unsere Wunden.

Herr W. (beiseite). Nein, was sich der mit seinen »Wunden« hat! Jetzt wird er sie jedem vorsetzen, der ihm über den Weg läuft!

Herr P. Ich könnte vielleicht auch eine ganze Menge darüber sagen: aber was würde das beweisen? ... Ah da ist ja Fürst N. Höre Fürst, lauf nicht davon.

Fürst N. Was gibts?

Herr P. Nun, wir wollen uns ein wenig unterhalten. Na, wie ist das Stück?

Fürst N. Recht komisch.

Herr P. Sag doch bitte: wie kann man das nur aufführen! Wie ist das blos möglich?

Fürst N. Warum soll man es nicht aufführen?

Herr P. Urteile doch selbst, das geht doch nicht: Plötzlich steht ein Schurke auf der Bühne -- das sind doch unsere Wunden!

Fürst N. Was für Wunden?

Herr P. Das sind doch unsere Wunden! Sozusagen unsere gesellschaftlichen Wunden.

Fürst N. (ärgerlich). Ich schenke sie dir! Mögen es meinetwegen deine Wunden sein, aber nicht meine! Warum schiebst du sie mir zu? Ich muß nach Hause. (Entfernt sich.)

Herr P. (fortfahrend). Und weiter: was für Unsinn hat er hier zusammengeredet? Er sagte, ein wirklicher Staatsrat kann ein Schelm sein. Wenn es noch ein Titularrat wäre ... das wäre noch möglich ...

Herr W. Aber wollen wir doch gehen. Genug von dem Gerede; ich denke, alle Vorübergehenden haben schon erfahren, daß Sie ein wirklicher Staatsrat sind. (Beiseite.) Es gibt Menschen, die die Kunst besitzen, alles in den Schmutz zu ziehen. Wenn sie deinen eigenen Gedanken wiederholen, wissen sie ihn so banal zu machen, daß man rot wird. Wenn du eine Dummheit gesagt hast, die vielleicht noch durchschlüpfen könnte, so findet sich immer noch ein Freund oder Verehrer, der sie in Umlauf bringt und sie noch dümmer macht, als sie ist. Es ist wirklich ärgerlich -- wie wenn man in den Dreck gestoßen wird! (Sie entfernen sich.)

(Ein Militär und ein Zivilist treten zusammen auf.)

Der Zivilist. So seid ihr Herren vom Militär! Ihr sagt: »Das muß man auf die Bühne bringen«, ihr seid bereit, euch über einen Zivilbeamten lustig zu machen; aber greift man irgendwie das Militär an, sagt man nur, daß in dem und dem Regiment einige Offiziere -- von lasterhaften Neigungen ganz zu schweigen -- sich zum Beispiel schlecht benehmen, schlechte Manieren haben -- so seid ihr gleich bereit, mit einer Klage zum Reichsrat zu laufen.

Der Militär. Nein hören Sie: für wen halten Sie mich? Gewiß, es gibt auch unter uns solche Don Quijotes, aber glauben Sie mir, es gibt auch viele wahrhaft vernünftige Männer, die froh sein würden, wenn man die, die ihren Beruf schänden, dem allgemeinen Spott ausliefern würde. Ja, wo ist denn hier eine Beleidigung? Geben Sie uns nur mehr davon! Wir sind bereit, jeden Tag zuzuschauen.

Der Zivilist. So sind die Menschen, immer schreien sie: »Gib uns, gib uns«. Aber wenn du es tust, sind sie empört. (Sie entfernen sich.)

(Zwei Pekeschen.)

Die erste Pekesche. Man nehme zum Beispiel die Franzosen; aber bei ihnen ist das alles sehr nett. Erinnerst du dich unter anderem des gestrigen Vaudeville: sie entkleidet sich, legt sich ins Bett, nimmt die Salatschüssel vom Tisch und stellt sie unter das Bett. Das ist natürlich indezent, aber allerliebst. Das alles kann man sich ansehen, das verletzt nicht ... Meine Frau und meine Kinder gehen jeden Tag ins Theater. Aber hier -- was ist das nun? Irgend ein Lump, ein Bauer, den ich nicht in mein Vorzimmer hineingelassen hätte, macht sichs mit seinen Stiefeln bequem, gähnt und stochert sich in den Zähnen -- wirklich, was soll das bedeuten? Wie sieht das aus?