Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke
Part 23
Sobatschkin. Nun ja, aber es ging nun einmal nicht, Maria Alexandrowna, wirklich, es ging nicht ... Sie verstehen, da hätte man gesagt: »Aha, weiß der Teufel, wen er geheiratet hat ...« Allerdings passieren mir fortwährend solche Geschichten. Manchmal habe ich wirklich keine Schuld, von meiner Seite ist durchaus nichts geschehen, aber was soll man machen? (Spricht leise vor sich hin.) Dann findet man, wenn die Newa aufgeht, immer zwei bis drei ertrunkene Frauen -- ich schweige lieber davon, weil man sonst noch in allerlei Geschichten verwickelt wird ... Ja, man liebt mich -- und warum, frage ich? Man kann doch nicht sagen, daß mein Gesicht so sehr ...
Maria Alexandrowna. Hören Sie auf! Als ob Sie nicht selbst wüßten, daß Sie ein schöner Mann sind.
Sobatschkin (lächelt). Stellen Sie sich nur vor: schon als ich noch ein Knabe war, ging keine an mir vorüber, ohne mich mit dem Finger am Kinn zu fassen und zu sagen: »Oh, wie schön dieser Schelm ist!«
Maria Alexandrowna (beiseite). Ich bitte! ... Von wegen der Schönheit -- das ist doch ein richtiger Mops! Und das bildet sich ein, daß es schön sei! (Laut.) Nun, dann hören Sie, Andrej Kondratjewitsch, bei Ihrem Äußeren wird das leicht zu machen sein. Mein Sohn ist bis zur Narrheit in das Mädchen verliebt und redet sich ein, daß sie die wahrhafte Güte und Unschuld ist. Wissen Sie, wäre es nun nicht möglich, ihm das Mädchen auf irgendeine Art in einem anderen Lichte erscheinen zu lassen? Sie sozusagen ein bißchen herabzusetzen? ... Wenn auch Sie keinen Eindruck auf sie machen, so daß sie sich in Sie vergafft ...
Sobatschkin. Seien Sie überzeugt, Maria Alexandrowna, streiten Sie nicht! Sie wird es: ich lasse mir den Kopf abschlagen, wenn sie sich nicht in mich verliebt. Oh, Maria Alexandrowna, lassen Sie mich Ihnen erzählen, mir passierten schon andere Geschichten ... erst in diesen Tagen ...
Maria Alexandrowna. Wie es auch enden mag -- ob sie sich nun vernarrt oder nicht: es ist nur notwendig, daß sich in der Stadt das Gerücht verbreitet, Sie hätten ein Verhältnis mit ihr ... und daß mein Sohn es erfährt.
Sobatschkin. Ihr Sohn?
Maria Alexandrowna. Jawohl, mein Sohn.
Sobatschkin. Hm.
Maria Alexandrowna. Was -- hm?
Sobatschkin. Oh, nichts. Ich machte nur so: hm.
Maria Alexandrowna. Sie finden vielleicht, daß es zu schwierig für Sie ist?
Sobatschkin. Oh, nein, gar nicht. Aber diese Verliebten ... Sie glauben gar nicht, zu welch sinnlosen Dingen und unpassenden Kindereien sie sich hinreißen lassen: bald sind es Pistolen, bald ... weiß der Teufel, was. Nicht etwa, daß mich das irgendwie ... aber wissen Sie, es schickt sich nicht in der guten Gesellschaft.
Maria Alexandrowna. Oh! Was das betrifft, da seien Sie ganz ruhig. Verlassen Sie sich nur auf mich -- das werde ich schon nicht zulassen.
Sobatschkin. Übrigens war das nur eine Nebenbemerkung. Glauben Sie mir, Maria Alexandrowna, wenn es sich darum handelte, mein Leben für Sie aufs Spiel zu setzen: bei Gott, ich würde es mit Vergnügen tun! Ich liebe Sie so sehr, daß es mir, um die Wahrheit zu sagen, fast etwas peinlich ist: sie mögen Gott weiß was glauben, und doch ist es nur tiefe Verehrung. -- Ach ja, ausgezeichnet, daß ich mich daran erinnere! Ich wollte Sie bitten, Maria Alexandrowna, mir auf kurze Zeit zweitausend Rubel zu leihen. Weiß der Teufel, was ich für ein idiotisches Gedächtnis habe! Als ich mich anzog, habe ich immerfort daran gedacht: nur die Brieftasche nicht vergessen! Ich lege sie absichtlich auf den Tisch, gerade vor meine Augen. Und nun hab' ich alles mitgenommen, hab' die Tabaksdose mitgenommen und ein zweites Taschentuch -- nur die Brieftasche ist auf dem Tisch liegen geblieben.
Maria Alexandrowna (beiseite). Was soll ich mit ihm machen? Gebe ich ihm das Geld, so wird er mich vollends auspressen, gebe ich's ihm nicht, so wird er in der ganzen Stadt solch einen Unsinn über mich verbreiten, daß ich mein Gesicht nirgends sehen lassen kann. Das beste ist, daß er noch behauptet, die Brieftasche vergessen zu haben! Die Brieftasche hast du bei dir, das weiß ich genau, aber sie ist leer. Doch was soll ich machen -- man muß ihm das Geld geben. (Laut.) Bitte, Andrej Kondratjewitsch, warten Sie hier, ich werde es Ihnen gleich bringen.
Sobatschkin. Sehr schön, ich werde mich ein Weilchen hersetzen.
Maria Alexandrowna (während sie weggeht, beiseite). Ohne Geld wird der Lump ja doch nichts machen.
Sobatschkin (allein). Diese Zweitausend kann ich gerade ausgezeichnet gebrauchen. Meine Schulden werde ich davon allerdings nicht bezahlen: der Schuster kann warten, der Schneider kann warten, und Anna Iwanowna kann auch warten: sie wird natürlich wieder Lärm schlagen, aber was soll ich machen? Ich kann doch nicht überall mit dem Gelde um mich werfen! Sie hat an meiner Liebe genug, und was das Kleid betrifft -- da lügt sie, das _hat_ sie! ... Ich werde es so machen: nächstens wird ein Fest stattfinden, und wenn mein Wägelchen auch noch neu ist, so kennt es doch jeder und hat es schon gesehen. Aber ich höre, daß Jochim soeben mit einem Wagen fertig geworden ist, der ganz nach der letzten Mode gebaut ist und den er noch niemandem gezeigt hat. Wenn ich diese Zweitausend noch zu meinem Wagen hinzulege, so werde ich ihn sehr gut dafür eintauschen können. Ah, wissen Sie, das wird Effekt machen! ... Auf dem ganzen Fest werden höchstens ein oder zwei solche Wagen zu sehen sein. Überall wird man dann von mir sprechen ... Inzwischen muß ich allerdings über Maria Alexandrownas Auftrag nachdenken. Mir scheint, daß es das Vernünftigste ist, wenn ich mit Liebesbriefen beginne. Wie, wenn ich etwa einen Brief in ihrem Namen schriebe und ihn zufällig in seiner Gegenwart fallen ließe oder ihn auf dem Tisch in seinem Zimmer vergesse? Gewiß, es kann allerlei Böses dabei herauskommen. Nun und das wäre? Schlimmstenfalls kann es Schläge geben ... Schläge tun natürlich weh, aber doch nicht so, daß man ... Außerdem kann ich ja auch davonlaufen; und wenn es irgendwie gefährlich wird -- laufe ich geradezu in das Schlafzimmer Maria Alexandrownas und zwar direkt unter ihr Bett. Mag er mich doch dort hervorholen! Die Hauptsache ist, wie der Brief geschrieben werden muß! Ich kann in den Tod keine Briefe schreiben: das ist mein Ende! Der Teufel weiß warum! Im Gespräch könnte ich alles, scheint mir, sehr schön auseinandersetzen; aber sowie ich die Feder anfasse, so ist es mir, als ob mir jemand eine Ohrfeige gegeben hätte. Konfusion und nichts als Konfusion -- ich kann die Hand nicht bewegen, und alles ist aus ... Vielleicht geht's so: Ich habe noch einige Briefe, die vor kurzem an mich geschrieben worden sind; wenn ich einen von den besseren aussuchte, den Namen wegradierte und einen andern an seine Stelle setzte? Hm -- das ist wirklich nicht übel? Bei Gott, ich werde mal in meinen Taschen nachsehen, ob ich nicht einen finde, den ich brauchen kann. (Nimmt ein paar Briefe aus der Tasche.) Zum Beispiel dieser! (Liest.) »Ich bin Gottseidank gesund, aber ich werde krank vor Schmerz. Oder haben Sie mich ganz vergessen, mein Herzchen? Iwan Danilowitsch hat Sie im Teater gesehen, mein Herzchen -- ach, wären Sie doch zu mir gekommen und hätten Sie mich durch Ihre heiteren Gespreche beruhigt.« Hol's der Teufel, ich glaube die Orthographie stimmt nicht. Nein, mit dem läßt sich keine Falle legen, glaube ich. (Liest weiter.) »Ich habe ein Strumpfband für Sie gestickt, mein Herzchen.« Und jetzt wird sie zärtlich. Etwas reichlich bukolisch und schmeckt nach Chateaubriand. Ah, hier ist noch etwas, vielleicht findet sich etwas Besseres darunter! (Faltet einen Brief auseinander, kneift ein Auge zu und bemüht sich, ihn zu entziffern.) »Lie-bens-wür-di-ger Freund!« Nein, das heißt nicht liebenswürdiger Freund: aber wie heißt es denn nur? »Zärtlichster, Teuerster?« Nein, auch nicht Teuerster, nein, nein. (Liest.) »Lu-lu-lu-mp.« Hm. (Beißt die Lippen zusammen.) »Wenn du verräterischer Räuber meiner Unschuld, wenn du dem Krämer das Geld, das ich in der Unerfahrenheit meiner Seele für dich geborgt habe, nicht bezahlst, werde ich dich, du ekelhafte Fratze (das letzte Wort preßt er beinahe zwischen den Zähnen hervor) ... der Polizei anzeigen!« Der Teufel soll sie holen, wahrhaftig, der Teufel soll sie holen! Es steht doch wirklich garnichts in diesem Brief. Gewiß: man kann alles sagen, aber man muß es doch anständig ausdrücken; in Worten, die einen Menschen nicht verletzen. Nein, nein, ich sehe, alle diese Briefe sind nicht geeignet. Man muß etwas Kräftiges suchen, etwas, worin etwas wie Siedehitze, wie man zu sagen pflegt -- zu spüren ist. Ah, hier, hier -- sehen wir uns mal das an! (Liest.) »Grausamer Tyrann meiner Seele!« Aha, das ist gut. »Laß dich durch mein Herzensschicksal rühren!« Sehr edel! Bei Gott, sehr edel! Da spürt man doch die Erziehung! Man sieht gleich, wie sich jemand benimmt. So muß man schreiben: empfindsam und doch wird der Mensch nicht beleidigt. Diesen Brief werde ich ihm zustecken. Weiter brauche ich ja gar nicht erst zu lesen: ich weiß nur nicht, wie man den Namen so ausradieren kann, daß nichts zu sehen ist. (Er blickt auf die Unterschrift.) Aha, das ist schön! Es steht gar kein Name darunter! Ausgezeichnet! Das kann ich unterschreiben! Nein, wie sich die Sache von selbst macht! -- Und dabei sagt man noch: das Äußere kommt nicht in Betracht! Wenn du nicht hübsch wärst, so würde man sich nicht in dich verlieben, so würde man dir keine Briefe schreiben, und hätte ich keine Briefe, so würde ich nicht wissen, wie ich die Geschichte anfangen soll. (Tritt vor den Spiegel.) Heut hab' ich mich noch ein bißchen gehen lassen: manchmal ist mir's sogar, als ob ich ein bedeutendes Gesicht habe ... Schade, daß meine Zähne schlecht sind, sonst hätte ich die größte Ähnlichkeit mit Fürst Bagration. Ich weiß nur nicht, wie ich mir den Backenbart stehen lassen soll: so, daß er ringsherum eine ausgesprochene Freese bildet -- wie mit Tuch benäht, wie man zu sagen pflegt -- oder ob ich alles kahl abrasieren und mir nur unter der Lippe etwas zulegen soll? Ah?
Nach dem Theater
(Epilog zu einer neuen Komödie.)
Deutsch von Alexandra Ramm
Der Vestibül des Theaters. Auf der einen Seite sieht man die Treppen, die zu den Logen und Gallerien emporführen; in der Mitte das Entree zu den Fauteuils und den Balkons, auf der anderen Seite den Ausgang. Man hört entferntes Applaudieren.
Der Autor des Stücks[3] (tritt hinaus). Ich habe mich herausgewunden wie aus einem Sumpf. Nun ist er endlich da, der Lärm und der Beifall! Das ganze Theater dröhnt! Das ist der Ruhm. Gott, wie hätte mein Herz vor sieben, acht Jahren geklopft! Wie hätte es mich emporgehoben! Aber das liegt weit hinter mir. Damals war ich jung, kühn -- wie ein Jüngling. Gepriesen sei das Schicksal, das mich vor frühem Ruhm und Bewunderung bewahrt hat. Aber jetzt ... Die besonnene Kühle des Alters macht jeden weise. Endlich wird einem klar, daß der Beifall noch nicht viel bedeutet und daß er alle zu belohnen bereit ist: ob es ein Schauspieler ist, der die Geheimnisse der Seele und des menschlichen Herzens kennt, ein Tänzer, dem es gelungen ist, mit den Füßen künstliche Verschlingungen zu bilden, ein Gaukler -- alle umtost der Beifall. Ob es der grübelnde Verstand, das empfindende Herz, die tönende Tiefe der Seele, die kunstvoll bewegten Füße oder die gewandt mit Gläsern spielenden Hände sind -- auf sie alle plätschert der Beifall herab. Nein, nicht Beifall wünsche ich mir jetzt: ich wünschte in allen Logen zu sein, auf den Balkons, im Parkett, auf den Gallerien -- überall möchte ich sein und aller Meinungen und Eindrücke hören, solange sie noch keusch und frisch sind und sich noch nicht der Kritik der Kenner und Journalisten untergeordnet haben, solange jeder noch unter der Wirkung seines eigenen Urteils steht. Ich muß es wissen: denn ich bin ein Komödienschreiber. Alle anderen Werke und Kunstformen stehen unter dem Urteil Weniger, und nur der Komödienschreiber unterliegt dem Gericht Aller; jeder Zuschauer hat ein Anrecht auf ihn, und jeder Stand ist über ihn Richter. Oh! Wie ich wünschte, daß mir jeder Einzelne alle Unzulänglichkeiten und Fehler sagte! Mag er über mich lachen, mag Mißgunst seine Worte leiten, Parteilichkeit, Empörung, Haß, alles -- wenn nur die wahre Meinung gesagt wird. Es ist nicht möglich, daß ein Wort ohne Grund gesprochen wird, und aus allem kann ein Funke der Wahrheit aufblitzen. Wer es wagt, andern die lächerlichen Seiten der Welt zu zeigen, muß verständnisvoll die Hinweise auf seine eigenen Schwächen und Lächerlichkeiten hinnehmen. Ich will es versuchen, ich bleibe hier im Vorraum, während das Publikum das Theater verläßt. Es ist unmöglich, daß man nicht über das neue Stück spricht: die Menschen sind lebhafter unter der Wirkung des ersten Eindrucks und wollen ihre Meinungen austauschen. (Tritt zur Seite.)
[Fußnote 3: Es versteht sich von selbst, daß der Autor des Stückes eine ideale Persönlichkeit ist: er verkörpert die Situation des Komödiendichters in der Gesellschaft, -- des Komikers, der sich die Verspottung der Mißbräuche in den verschiedenen Ämtern und Ständen zur Aufgabe gemacht hat.]
Es erscheinen einige gutgekleidete Herrn (der eine spricht zum andern). Gehen wir lieber gleich, es wird nur noch ein unbedeutendes Vaudeville gespielt. (Beide entfernen sich.)
(Zwei Elegants von stattlichem Äußeren kommen die Treppe herab.)
Der erste Elegant. Es wäre gut, wenn die Polizei meinen Wagen nicht zu weit zurückgetrieben hätte. -- Weißt du nicht, wie diese junge Schauspielerin heißt?
Der andere Elegant. Nein. Aber sie ist nicht übel.
Der erste Elegant. Sicher, nicht übel. Aber es fehlt ihr etwas ... Ich empfehle dir übrigens ein neues Restaurant, gestern hat man uns frische grüne Erbsen serviert. (Küßt sich die Fingerspitzen.) Entzückend! (Beide entfernen sich.)
Ein Offizier (läuft herein, ein anderer hält ihn am Arm fest).
Der andere Offizier. Bleiben wir doch.
Der erste Offizier. Nein, Brüderchen, zum Vaudeville wird mich nichts verlocken. Ah, wir kennen diese Stücke, die als Nachspeise serviert werden. Lakaien statt Schauspieler, und die Weiber -- ein Ungetüm über das andere! (Sie entfernen sich.)
Ein Weltmann (stutzerhaft gekleidet, kommt die Treppe herunter). Ein Spitzbube, dieser Schneider. Er hat mir die Beinkleider so eng gemacht, daß ich die ganze Zeit vor Unbequemlichkeit kaum sitzen konnte. Dafür gedenke ich ihn noch etwas hinzuziehen und ihm die nächsten zwei Jährchen nichts zu bezahlen. (Er entfernt sich.)
Ein anderer Weltmann (etwas beleibter, er spricht lebhaft zum andern). Niemals, niemals, glaube es mir, wird er sich mit dir zum Spielen hinsetzen. Weniger als hundertfünfzig Rubel den Robber spielt er nicht. Ich weiß es genau, weil mein Schwager Pafnutiew jeden Tag mit ihm spielt.
Der Autor des Stückes (für sich). Und noch immer kein Wort über die Komödie!
Ein Beamter (in mittleren Jahren, kommt mit ausgestreckten Händen heraus). Das ist ja einfach -- weiß der Teufel, was! ... So ein! ... So ein! ... Das ist doch unerhört! (Er entfernt sich.)
Ein Herr (der sich um die Literatur nur wenig kümmert, wendet sich zu einem andern). Das ist doch eine Übersetzung, nicht wahr?
Der andere. Aber ich bitte Sie, eine Übersetzung! Das Stück spielt doch in Rußland, es sind unsere Sitten, sogar unsere Titel.
Der Herr (den die Literatur wenig kümmert). Ich erinnere mich an etwas Französisches ... wenn es auch nicht ganz in dieser Art war. (Beide entfernen sich.)
Der eine von zwei Zuschauern (die sich auch hinausbegeben). Jetzt kann man noch nichts wissen. Warte ab, was die Zeitungen sagen, dann wirst du es erfahren.
Zwei Pekeschen (die eine zu der andern). Nun, und Sie? Ich möchte Ihre Meinung über die Komödie hören.
Die andere Pekesche (macht mit den Lippen eine bedeutsame Bewegung). Gewiß, natürlich, man kann nicht sagen, daß es daran ... fehlte ... sie ist in ihrer Art ... Natürlich, wer behauptet denn, daß es wiederum nicht ... und wo ist denn sozusagen ... übrigens aber ... (Drückt wie zur Bekräftigung die Lippen zusammen.) Ja, ja. (Gehen ab.)
Der Autor (für sich). Nun, diese haben bisher noch nicht viel gesagt. Übrigens, es wird noch viel herumgestritten werden: Vorne sehe ich heftig gestikulierende Leute.
Zwei Offiziere.
Der eine. Ich habe noch nie so gelacht.
Der andere. Ich meine: eine ausgezeichnete Komödie.
Der eine. Nun, nun, wir wollen doch abwarten, was die Zeitungen sagen werden: erst muß sie dem Urteil der Kritik unterzogen werden ... Schau, schau! (Stößt ihn am Arm.)
Der andere. Was?
Der eine (zeigt mit dem Finger auf einen von zwei die Treppe herunterkommenden Herren). Ein Literat!
Der andere (eilig). Wer?
Der eine. Dieser da! St! Wir wollen hören, was sie sagen werden.
Der andere. Und wer ist der andere neben ihm?
Der eine. Ich weiß nicht, ein unbekannter Herr. (Beide Offiziere treten zur Seite, um den Herunterkommenden Platz zu machen.)
Der unbekannte Herr. Ich kann über die literarischen Qualitäten nicht urteilen: aber mir scheint, sie enthält geistreiche Bemerkungen. Witzig, witzig!
Der Literat. Aber ich bitte Sie, was ist hier Geistreiches? Was für ein gewöhnliches Volk hier vorgeführt wird! Und was für ein Ton! Die Späße sind flach; einfach schmierig!
Der unbekannte Herr. Aha, das ist eine andere Sache. Ich sage eben: in bezug auf die literarischen Qualitäten habe ich kein Urteil; ich habe nur bemerkt, daß das Stück komisch ist und unterhält.
Der Literat. Aber es ist auch nicht komisch. Ich bitte Sie, was ist hier komisch, und worin liegt der Genuß? Das Sujet: unmöglich! Alles Unsinn; kein Auftakt, keine Handlung, keine Struktur.
Der unbekannte Herr. Nun ja, dagegen sage ich ja gar nichts. In literarischer Beziehung ist es schon so; in literarischer Beziehung ist sie nicht komisch, aber vom Standpunkt eines sozusagen Außenstehenden hat sie ...
Der Literat. Ja, was hat sie? Ich bitte Sie, sie hat auch das nicht! Was für eine Konversation! Wer spricht so in der besseren Gesellschaft? Nun sagen Sie doch selbst, sprechen wir so miteinander?
Der unbekannte Herr. Das ist allerdings wahr. Das haben Sie sehr fein bemerkt. Darüber habe ich eben auch selbst nachgedacht: in der Konversation ist keine Vornehmheit. Es scheint, daß alle Personen ihre niedrige Natur nicht verbergen können -- das ist wahr.
Der Literat. Nun -- und Sie loben noch!
Der unbekannte Herr. Wer lobt? Ich lobe doch nicht! Ich sehe es jetzt selbst ein, daß das ganze Stück Unsinn ist. Aber mit einemmal kann man das doch nicht einsehen, in literarischer Beziehung habe ich kein Urteil. (Beide entfernen sich.)
Ein anderer Literat (kommt mit zwei Zuschauern, mit denen er unter heftigen Gestikulationen spricht). Glauben Sie mir, ich kenne die Sache schon. Ein abscheuliches Stück! Ein schmutziges, ein schmutziges Stück! Kein einziger wirklicher Mensch, lauter Karikaturen! In der Natur gibt es so etwas nicht, glauben Sie mir, ich weiß das besser: ich bin selbst Schriftsteller. Man behauptet, es enthält Frische, Beobachtung ... aber das ist ja alles Unsinn! Das sind alles Freunde, Freunde, die es loben -- alles Freunde! Ich habe schon gehört, man hat ihn neben die Von Wisins gestellt, und das Stück ist einfach nicht wert, eine Komödie zu heißen. Eine Farce, nichts als eine Farce, und keine gelungene Farce. Der schlechteste, leerste Schwank von Kotzebue ist im Vergleich mit ihr -- ein Montblanc gegen einen Pulkowoberg. Ich werde Ihnen das alles beweisen, mathematisch beweisen -- wie, daß zweimalzwei gleich vier ist. Die Freunde und Kameraden haben ihn so über alle Maßen gelobt, daß er wohl nun selbst glaubt, daß ihm nicht mehr viel zum Shakespeare fehlt. Bei uns übertreiben ja die Freunde immer. Zum Beispiel auch Puschkin! Warum spricht jetzt ganz Rußland von ihm? -- Alles nur die Freunde: sie haben geschrien und geschrien, und nach ihnen hat auch ganz Rußland zu schreien begonnen. (Entfernt sich mit den Zuschauern.)
Die beiden Offiziere (treten hervor und nehmen ihre vorigen Plätze ein).
Der erste. Das ist richtig, vollständig richtig: nichts als eine Farce; ich habe es schon früher gesagt, eine dumme Farce, die nur durch die Freunde gehalten wird. Ich muß gestehen, manches war geradezu ekelhaft anzuschauen.
Der andere. Aber du sagtest doch, daß du nie so gelacht hättest!
Der erste. Ah, das ist wieder eine andere Sache. Du verstehst mich nicht, man muß dir das auseinandersetzen. Was ist denn das für ein Stück? Erstens keine Exposition, auch keine Handlung, absolut keine Kombinationen; lauter Unmöglichkeiten -- und dazu lauter Karikaturen ...
Zwei andere im Hintergrunde.
Der eine (zum andern). Wer kritisiert da? Scheinbar einer von den Unseren.
Der andere (schaut dem Sprechenden von der Seite ins Gesicht und macht eine Handbewegung).
Der erste. Was? Ist er dumm?
Der andere. Nein, das nicht. Verstand hat er schon -- doch erst nach dem Erscheinen der Zeitschrift, allein verspätet sie sich -- ist so nichts in seinem Kopfe. Aber gehen wir doch. (Sie entfernen sich.)
(Zwei Kunstliebhaber.)
Der erste. Ich gehöre durchaus nicht zu denen, die immer nur zu Worten greifen, wie schmutzig, ekelhaft, schlechter Ton und ähnliches. Das ist doch eine fast bewiesene Sache, daß solche Worte meist aus dem Munde solcher kommen, deren Ton selbst zweifelhaft ist; sie sprechen vom Salon und werden nur im Vorzimmer empfangen. Aber von denen ist ja nicht die Rede. Ich spreche davon, daß das Stück keine Exposition hat.
Der andere. Ja, wenn man die Exposition in dem Sinne nimmt, wie sie gewöhnlich genommen wird, d. h. im Sinne einer Liebesintrige, so ist sie wirklich nicht vorhanden. Aber es scheint mir, daß es Zeit ist, mit der ewigen Berufung auf diese Exposition aufzuhören. Man muß nur scharf um sich blicken. Alles hat sich in der Welt längst geändert. Jetzt wird ein Drama durch das Bestreben der Helden exponiert, sich eine vorteilhafte Stellung zu erobern, zu glänzen, einen andern um jeden Preis in den Schatten zu stellen, Rache für eine Mißachtung, für eine Verhöhnung zu nehmen. Elektrisiert ein Amt, ein Kapital, eine vorteilhafte Heirat nicht mehr als die Liebe?
Der erste. Das ist ja alles sehr gut; aber auch unter diesem Gesichtspunkt finde ich keine Exposition in dem Stücke.
Der andere. Ich will jetzt nicht untersuchen, ob es in diesem Stück eine Exposition gibt oder nicht. Ich will nur sagen, daß man jetzt nur auf Einzelheiten achtet und die allgemeine Exposition überhaupt nicht sieht. Die Menschen sind einfach an diese unvermeidlichen Liebespaare gewöhnt, ohne deren Heirat kein Stück schließen kann. Gewiß ist auch das eine Exposition: aber was für eine! Ein Knoten im Zipfel eines Taschentuchs. Nein, eine Komödie muß sich selbst knüpfen -- und zwar mit ihrer ganzen Masse, zu einem großen allgemeinen Knoten. Diese Exposition muß alle Personen umfassen, nicht nur eine oder zwei; muß berühren, was alle handelnden Personen mehr oder weniger tief ergreift. Hier ist jeder der Held: der Fluß, der Gang des Stückes bewirkt eine Erschütterung der ganzen Maschinerie. Kein einziges Rad darf stehen bleiben, als wäre es verrostet oder gehörte nicht zur Sache.
Der erste. Aber es kann doch nicht jeder der Held sein. Einer oder zwei müssen doch die andern leiten.
Der andere. Doch nicht leiten, sondern hervorragen. Auch in der Maschine bewegen sich bestimmte Räder bemerkbarer und stärker. Und man kann sie höchstens die Haupträder nennen; aber gelenkt wird das Stück durch eine Idee, durch einen Gedanken: ohne sie gibt es keine Einheit. Und exponieren kann alles: selbst das Entsetzen, die Angst der Erwartung, das ferne Gewitter des herannahenden Gesetzes ...
Der erste. Aber das heißt schon, der Komödie eine allgemeine Bedeutung zu geben.