Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke
Part 22
Der Hausmeister (bleibt allein). Darin besteht eben die Ordnung, daß jeder Mensch seine Pflicht kennt. Wenn du ein Diener bist -- so mußt du auch ein Diener sein, bist du ein Edelmann -- so sei ein Edelmann, bist du ein Bischof -- so mußt du ein Bischof sein. Sonst könnte ja jeder anfangen ... ich würde z. B. gleich sagen: »Nein, ich bin kein Hausmeister, sondern ein Gouverneur oder irgendeiner von der Infanterie.« Aber darauf würde mir doch jeder antworten: »Nein, du lügst, du bist ein Hausmeister und kein General.« -- Ja! »Deine Pflicht ist es, über das Haus zu wachen und über das Benehmen der Diener!« Ja! »Für dich heißt es nicht: >_Bon jour comment vous français_<, sondern: halt Ordnung, gib deine Anweisungen!« So ist's! Jawohl!
8. Auftritt
Anuschka, das Stubenmädchen aus dem andern Hause, tritt ein.
Der Hausmeister. Ah, Anna Gawrilowna! Meine Hochachtung! Ich begrüße Sie mit außerordentlichem Vergnügen!
Anuschka. Machen Sie sich keine Mühe, Lawrenti Pawlowitsch. Ich komme absichtlich nur auf eine Minute zu Ihnen; ich habe den Wagen Ihres Herrn gesehen und erfahren, daß er nicht zu Hause ist.
Der Hausmeister. Daran haben Sie sehr wohl getan. Ich und meine Frau werden uns sehr freuen. Bitte, setzen Sie sich doch.
Anuschka (setzt sich). Sagen Sie, Sie wissen doch etwas von dem Ball, der in den nächsten Tagen stattfinden soll?
Der Hausmeister. Natürlich. Sehen Sie wohl, es war beispielsweise eine Kollekte veranstaltet: ein Mensch gibt etwas, und ein anderer gibt etwas, und wie gesagt, ein dritter ... Natürlich wird das sozusagen eine größere Summe ausmachen. Ich und meine Frau haben zusammen fünf Rubel gegeben. Natürlich: es ist doch ein Ball! Oder wie man zu sagen pflegt: eine Soiree! Es wird auch was vorgesetzt werden, wie gesagt, Erfrischungen und für die jungen Leute Tänze und Vergnügungen ähnlicher Art.
Anuschka. Ich werde unbedingt kommen, unbedingt. Ich bin nur hergekommen, um zu erfahren, ob Sie und Agafja Iwanowna da sein werden.
Der Hausmeister. Agafja Iwanowna spricht von nichts anderem als von Ihnen.
Anuschka. Ich fürchte mich nur wegen der Gesellschaft.
Der Hausmeister. Nein, Anna Gawrilowna, die Gesellschaft wird sehr gut sein. Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber ich habe gehört, daß der Kammerdiener des Fürsten Tolstogub, der Büfettier und der Kutscher des Fürsten Brjuchowezki und das Stubenmädchen irgendeiner Fürstin da sein werden. Ich hoffe, daß auch einige Beamte kommen werden.
Anuschka. Nur eins gefällt mir gar nicht, daß auch die Kutscher da sein werden. Sie riechen immer nach schlechtem Tabak oder Wodka; und dabei sind sie alle so ungebildet und haben schlechte Manieren.
Der Hausmeister. Erlauben Sie mir Ihnen zu sagen, Anna Gawrilowna, daß es Kutscher und Kutscher gibt. Das ist natürlich richtig: die Kutscher haben ununterbrochen mit den Pferden zu tun und manchmal müssen sie, mit Verlaub zu sagen, sogar den Dung auskehren; gewiß, so ein einfacher Mensch -- der trinkt ab und zu ein Glas Wodka und manchmal auch mehr, raucht gewöhnlich Bakun, wie es das einfache Volk meistenteils zu tun pflegt, und so ist es ja natürlich, daß er manchmal beispielsweise nach Dung oder Wodka stinkt -- gewiß, das stimmt. Aber das müssen Sie doch selbst sagen, Anna Gawrilowna, daß es auch Kutscher gibt, die zwar Kutscher sind -- die man aber nach ihren Gewohnheiten eher Stallbeamte als Kutscher nennen möchte. Ihr Amt oder ihre Obliegenheit sozusagen besteht darin, daß sie Hafer herausgeben oder einem Vorreiter oder Kutscher eine Zurechtweisung erteilen, wenn sie sich was zuschulden kommen lassen.
Anuschka. Wie Sie schön reden können, Lawrenti Pawlowitsch, ich bin immer ganz hingerissen.
Der Hausmeister (mit einem zufriedenen Lächeln). Oh, keine Ursache zu danken, Gnädigste! Gewiß, nicht jeder Mensch kann reden, nicht jeder hat sozusagen die Gabe des Wortes. Natürlich kommt es vor ... daß einer, wie man zu sagen pflegt, nur stammelt ... oder andere Fälle ähnlicher Art ... was ja allerdings eine natürliche Anlage ist ... Aber belieben Sie nicht, in mein Zimmer zu kommen? (Anuschka geht ab, Lawrenti Pawlowitsch folgt ihr.)
Fragment
Ein Zimmer im Hause Maria Alexandrownas.
1. Auftritt
Maria Alexandrowna, eine Dame mittleren Alters, und Michailo Andrejewitsch, ihr Sohn.
Maria Alexandrowna. Hör, Mischa, ich wollte schon längst mit dir sprechen: du mußt deinen Dienst wechseln.
Mischa. Meinetwegen morgen.
Maria Alexandrowna. Du mußt zum Militär.
Mischa (reißt die Augen auf). Zum Militär?
Maria Alexandrowna. Ja.
Mischa. Was sagen Sie, Mamachen, zum Militär?
Maria Alexandrowna. Warum bist du so erstaunt?
Mischa. Aber ich bitte Sie -- wissen Sie denn nicht: man muß doch mit dem Junker anfangen!
Maria Alexandrowna. Nun ja, du wirst ein Jahr als Junker dienen, und dann wirst du Offizier werden -- laß das nur meine Sorge sein.
Mischa. Aber was finden Sie Militärisches an mir? Auch meine Figur ist doch gar nicht militärisch. Ich bitte Sie, Mütterchen, wahrhaftig, Sie haben mich mit diesen Worten so überrascht, daß ich ... ich ... ich weiß einfach nicht, was ich davon denken soll. Ich bin Gott sei Dank ein wenig dick, und wenn ich noch die Junkeruniform mit den kurzen Schößen anziehen soll, werde ich mich schämen, mich anzusehen.
Maria Alexandrowna. Tut nichts. Man wird dich zum Offizier ernennen, und du wirst eine Uniform mit langen Rockschößen tragen, die deinen Embonpoint gänzlich verdecken wird, so daß man nichts davon merkt. Es ist sogar besser, daß du ein wenig beleibt bist -- um so eher wird die Beförderung kommen: sie werden sich ja schämen, daß es in ihrem Regiment so einen dicken Fähnrich gibt.
Mischa. Aber Mutterchen, ich habe ja nur noch ein Jahr bis zum Kollegienassessor. Ich bin schon zwei Jahr lang Titularrat.
Maria Alexandrowna. Hör auf, hör auf! Dieses Wort »Titular« peinigt meine Ohren; mir kommt immer gleich Gott weiß was dabei in den Sinn. Ich will, daß mein Sohn in der Garde dient, ich kann diese Garnitur jetzt einfach nicht mehr ansehen.
Mischa. Aber Mutterchen, bedenken Sie: sehen Sie mich einmal gut an, auch mein Äußeres. Schon in der Schule nannte man mich eine Schlafmütze. Beim Militär ist es doch immer notwendig, daß man mutig auf seinem Gaul sitzt, eine klangvolle Stimme, einen heldenhaften Wuchs und eine schlanke Taille hat.
Maria Alexandrowna. Das wirst du schon haben, das wirst du schon alles haben. Ich wünsche unbedingt, daß du dienst. Und es gibt einen wichtigen Grund dafür.
Mischa. Was für einen Grund?
Maria Alexandrowna. Nun -- einen wichtigen Grund.
Mischa. Immerhin können Sie mir doch sagen, was für ein Grund das ist.
Maria Alexandrowna. Ach, ich habe meinen Grund -- ich weiß auch gar nicht, ob du das richtig verstehen wirst. Die Gubomasowa, diese Närrin, sagte vorgestern bei den Rogoschinskis -- und zwar absichtlich, damit ich's hören sollte -- ich saß als dritte in der Reihe: vor mir saß Sofia Wotruschkow, die Fürstin Alexandrin und nach der Fürstin Alexandrin gleich ich -- und was glaubst du wagte diese abscheuliche Person zu sagen? ... Wahrhaftig, ich wollte mich schon von meinem Platze erheben und wenn nicht die Fürstin Alexandrin dagewesen wäre, weiß ich nicht, was ich getan hätte. Denk dir, sie sagte: »Ich bin sehr froh, daß man keine Zivilisten zu den Hofbällen zuläßt, die sind alle« sagte sie, »_mauvais genre_, sie riechen nach etwas Unvornehmen. Ich bin froh,« sagte sie weiter, »daß mein Alexis keinen solchen ekelhaften Frack trägt«. Und das alles sagte sie so geziert, in so einem Ton, so ... wahrhaftig, ich weiß nicht, was ich getan hätte. Und dabei ist ihr Sohn doch einfach ein Trottel, der nichts kann, als die Beine in die Höhe heben. So ein abscheuliches Frauenzimmer!
Mischa. Was, Mütterchen, das ist der ganze Grund?
Maria Alexandrowna. Ja, jetzt will ich es erst recht haben, ihr zum Trotz -- daß mein Sohn bei der Garde dient und alle Hofbälle besucht.
Mischa. Aber Mütterchen, ich bitte Sie: -- einzig weil sie eine Närrin ist ...?
Maria Alexandrowna. Nein, ich bin fest entschlossen: sie soll vor Ärger platzen, sie soll wütend sein.
Mischa. Aber ...
Maria Alexandrowna. Oho, ich werde es ihr schon zeigen! Sie mag tun was sie will: ich werde alle meine Kräfte anstrengen, und mein Sohn wird auch in der Garde dienen. Wenn er auch etwas dadurch verliert -- er wird unbedingt dort dienen. Soll ich jedem ekelhaften Frauenzimmer gestatten, sich vor mir aufzublasen und ihre Stumpfnase noch höher zu tragen? Nein, nie wird das geschehen! Sie können machen, was Sie wollen, Natalia Andrejewna!
Mischa. Aber werden Sie sie damit auch ärgern?
Maria Alexandrowna. Nein, ich werde das nie zugeben!
Mischa. Gut, wenn Sie es verlangen, werde ich mich zum Militär versetzen lassen; aber wahrhaftig, es wird mir selbst lächerlich vorkommen, wenn ich mich in der Uniform sehen werde.
Maria Alexandrowna. Mindestens ist sie noch vornehmer als dieses Fräckchen. Und nun etwas anderes: ich will dich verheiraten.
Mischa. Wie, alles auf einmal? Ich soll den Dienst wechseln und mich außerdem noch verheiraten?
Maria Alexandrowna. Nun und was ist dabei? Als ob es nicht möglich ist, daß man den Dienst wechselt und zugleich heiratet.
Mischa. Aber ich hatte ja gar nicht die Absicht. Ich will noch nicht heiraten.
Maria Alexandrowna. Du wirst schon wollen, wenn du erst erfährst, wen. Mit dieser Heirat wirst du dein Glück machen: sowohl im Dienst wie in der Familie. Mit einem Wort: ich will dich mit der Fürstin Schlepochwostow verheiraten.
Mischa. Aber Mütterchen, das ist ja eine Gans allerersten Ranges.
Maria Alexandrowna. Gar nicht ersten Ranges. -- Sie ist genau so eine wie alle andern. Ein ausgezeichnetes Mädchen, sie hat nur kein Gedächtnis: manchmal vergißt sie sich und sagt etwas Unpassendes; doch das ist nur Zerstreutheit, dafür klatscht sie nicht und sie wird sich nie etwas Schlimmes ausdenken.
Mischa. Aber ich bitte Sie, wie sollte sie auch klatschen! Sie kann ja kaum ein Wort hervorbringen und wenn sie es tut, dann nur so, daß man die Hände ringen möchte. Sie wissen ja selbst, Mütterchen, das Heiraten ist eine Herzensangelegenheit, man muß die Seele ...
Maria Alexandrowna. Nun ja! Als ob ich's geahnt habe! Höre, laß diesen liberalen Tonfall! Er paßt nicht zu dir, ich habe dir das schon zwanzigmal gesagt. Anderen mag er vielleicht liegen, aber dich kleidet er schon gar nicht.
Mischa. Mütterchen, war ich Ihnen je ungehorsam? Ich bin schon bald dreißig Jahre alt, und ich gehorche Ihnen in allem wie ein Kind. Sie befehlen mir irgendwohin zu fahren, wohin ich in den Tod nicht fahren möchte -- und ich tue es, ohne Ihnen auch nur zu zeigen, wie schwer es mir fällt. Sie befehlen mir, mich im Vorzimmer des Herrn Soundso herumzudrücken, und ich drücke mich im Vorzimmer des Herrn Soundso herum, auch wenn es ganz gegen meine Wünsche ist. Sie befehlen mir, auf den Bällen herumzutanzen -- und ich tanze, trotzdem alle über mich und meine Figur lachen. Schließlich befehlen Sie mir den Dienst zu wechseln: und ich wechsle den Dienst, mit dreißig Jahren werde ich Junker, werde mit dreißig Jahren gleichsam von neuem geboren wie ein Kind -- alles Ihnen zuliebe, und dabei reiben Sie mir jeden Tag den Liberalismus unter die Nase. Es vergeht kein Moment, wo Sie mich nicht einen Liberalen nennen. Hören Sie, Mütterchen, das schmerzt -- ich schwöre Ihnen, das schmerzt. Ich habe doch wohl für meine aufrichtige Liebe und Anhänglichkeit an Sie mehr verdient, als ...
Maria Alexandrowna. Bitte, sprich nicht so. Als ob ich nicht weiß, daß du ein Liberaler bist! Ich weiß sogar, wer dir dies alles eingeredet hat: das kommt alles von diesem widerlichen Sobatschkin.
Mischa. Nein, Mütterchen, das ist zu viel, nun soll ich auch noch Sobatschkin folgen. Sobatschkin ist ein Lump, ein Spieler und alles, was Sie wollen. Aber daran ist er unschuldig. Ich werde ihm niemals erlauben, auch nur einen Schatten von Einfluß auf mich zu haben.
Maria Alexandrowna. Ach mein Gott, was ist das für ein furchtbarer Mensch! Ich erschrak förmlich, als ich ihn durchschaute. Ohne alle Grundsätze, ohne Tugenden -- was für ein abscheulicher Mensch! Wenn du wüßtest, was er für Gerüchte über mich verbreitet hat! ... Drei Monate konnte ich mein Gesicht nirgends sehen lassen. Talgstümpfe soll man bei mir brennen! Wochenlang sollen die Teppiche in den Zimmern nicht mit der Bürste berührt werden! Die Pferde seien bei mir mit einfachen Stricken angeschirrt, und ich soll so spazieren gefahren sein: mit einem Kummet, wie bei einem gewöhnlichen Droschkengaul ... Ich wurde ganz rot vor Scham; über eine Woche bin ich nicht ausgegangen, ich weiß gar nicht, wie ich das alles überstehen konnte. Wahrhaftig, nur der Glaube an die Vorsehung hat mich noch aufrecht erhalten!
Mischa. Und Sie glauben, daß so ein Mensch Macht über mich gewinnen könnte? Sie glauben, ich würde erlauben, daß er ...
Maria Alexandrowna. Ich habe ihm gesagt, daß er es nicht wagen soll, sich vor meinen Augen zu zeigen, und es gibt nur ein Mittel, mit dem du dich rechtfertigen kannst: daß du jetzt deinen Trotz aufgibst und noch heute der Fürstin eine Deklaration machst.
Mischa. Aber Mütterchen, wenn das nicht möglich ist?
Maria Alexandrowna. Wieso ist das nicht möglich, wieso nicht?
Mischa (beiseite). Ein entscheidender Augenblick. (Laut.) Gestatten Sie mir, mindestens hier meine eigene Meinung zu haben, mindestens in einer Angelegenheit, von der das Glück meines zukünftigen Lebens abhängt. Sie haben mich bis jetzt nicht gefragt -- aber wenn ich nun in eine andere verliebt wäre?
Maria Alexandrowna. Das ist ja etwas ganz neues für mich, ich muß gestehen, davon habe ich noch nichts gehört. Nun, und wer ist diese andere?
Mischa. Ach Mütterchen, ich schwöre dir, nie hat es ein ähnliches Wesen gegeben. Sie ist ein Engel: ein Engel an Leib und Seele.
Maria Alexandrowna. Und wo ist sie her? Wer ist ihr Vater?
Mischa. Ihr Vater ist Alexander Alexandrowitsch Odossimow.
Maria Alexandrowna. Odossimow? Der Name ist mir unbekannt. Ich weiß von keinem Odossimow ... Ist er ein reicher Mann?
Mischa. Ein seltener Mensch! Ein merkwürdiger Mensch!
Maria Alexandrowna. Und ist er reich?
Mischa. Was soll ich Ihnen sagen! Sie müssen ihn selbst sehen! Solche seelischen Vorzüge, wie er sie hat, gibt es auf der ganzen Welt nicht wieder.
Maria Alexandrowna. Aber was ist er? Wer ist es? Was ist sein Rang? Wie groß ist sein Vermögen?
Mischa. Ich verstehe, was Sie meinen, Mütterchen. Gestatten Sie mir, Ihnen meine Gedanken offen darzulegen. Wie auch die Verhältnisse sein mögen -- es gibt jetzt in Rußland keinen Bräutigam, der nicht eine reiche Braut sucht. Jeder will seine Lage mit Hilfe der Mitgift seiner Frau verbessern. Das mag ja unter gewissen Verhältnissen verzeihlich sein: ich begreife, daß ein Mann, der im Dienste oder anderswo einen Mißerfolg gehabt hat, den vielleicht übermäßige Ehrlichkeit daran gehindert hat, sich ein Vermögen zu erwerben -- kurz, was der Grund auch sein mag, -- daß der ein Recht hat, sich eine reiche Braut zu suchen. Und vielleicht wären die Eltern ungerecht, die seine guten Eigenschaften nicht anerkennen und ihm ihre Tochter nicht zur Frau geben würden. Aber sagen Sie selbst: würde ein begüterter Mann gerecht handeln, der sich eine reiche Braut suchen wollte? Was sollte dann aus der Welt werden? Das ist doch ebenso, als wollte einer einen Mantel über seinen Pelz anziehen, wenn ihm schon ohnedies warm genug ist ... während dieser Mantel vielleicht jemand anderem die Schultern wärmen könnte. Nein, Mütterchen, das ist unrecht! Der Vater hat sein ganzes Vermögen der Erziehung seiner Tochter geopfert.
Maria Alexandrowna. Genug! Genug! Ich bin nicht imstande, mehr zu hören! Ich weiß schon alles -- alles! Da hat er sich in eine Vagabundin verliebt, in die Tochter irgendeines Fourieurs, der vielleicht Gott weiß was treibt.
Mischa. Mütterchen ...
Maria Alexandrowna. Der Vater ist ein Säufer, die Mutter eine Köchin, und die Verwandtschaft besteht aus kleinen Polizeibeamten und Branntweinverkäufern! ... Und das alles muß ich mit anhören, muß das alles ertragen ... ertragen von dem eigenen Sohn, für den ich mein Leben nicht geschont habe! ... Nein, das werde ich nicht überleben!
Mischa. Aber Mütterchen, erlauben Sie ...
Maria Alexandrowna. Mein Gott, was für eine Moral haben denn die jungen Leute jetzt nur! Nein, das werde ich nie überleben, ich schwöre es dir, das werde ich nicht überleben ... Ah, wie wird mir, mir wird ganz schwindlig im Kopf. (Schreit auf.) Ach, ich habe Stiche in der Seite! ... Maschka! Maschka! Das Fläschchen! ... Ich weiß nicht, ob ich den Abend noch erleben werde! Grausamer Sohn!
Mischa (eilt auf sie zu). Mütterchen, beruhigen Sie sich. Sie schaden sich nur ...
Maria Alexandrowna. Und das alles hat dieser widerliche Sobatschkin angerichtet. Ah, ich weiß nicht, warum ich diese Pest bis jetzt noch nicht davongejagt habe.
Der Lakai (in der Tür). Sobatschkin ist gekommen.
Maria Alexandrowna. Was! Sobatschkin? Schickt ihn fort! Fortschicken, daß keine Spur mehr von ihm übrig bleibt!
2. Auftritt
Dieselben und Sobatschkin.
Sobatschkin. Maria Alexandrowna, seien Sie großmütig und verzeihen Sie mir, daß ich so lange nicht bei Ihnen gewesen bin. Aber bei Gott, es war mir unmöglich. Sie können sich gar nicht denken, wieviel Geschäfte ich zu erledigen habe ... ich wußte ja, daß Sie böse sein werden, wahrhaftig, ich wußte es ... (Er erblickt Mischa.) Guten Tag, Bruder, wie geht's dir?
Maria Alexandrowna (beiseite). Ich finde einfach keine Worte. So ein Mensch! Und er entschuldigt sich noch, daß er so lange nicht hiergewesen ist!
Sobatschkin. Ich freue mich, daß Sie so wohl und gesund sind, soweit man nach dem Aussehen urteilen kann. Und wie steht's mit der Gesundheit Ihres Herrn Bruders? Ich muß gestehen, daß ich ihn auch hier zu treffen hoffte.
Maria Alexandrowna. Da hätten Sie doch ihn aufsuchen sollen und nicht mich.
Sobatschkin (lächelt). Ich bin gerade zu Ihnen gekommen, um Ihnen eine höchst interessante Anekdote zu erzählen.
Maria Alexandrowna. Ich liebe die Anekdoten nicht.
Sobatschkin. -- Von Natalia Andrejewna Gubomasowa.
Maria Alexandrowna. Was? Von der Gubomasowa? ... (Bemüht sich ihre Neugier zu verbergen.) Dann ist es wohl erst vor kurzem passiert?
Sobatschkin. In diesen Tagen.
Maria Alexandrowna. Um was handelt es sich denn?
Sobatschkin. Wissen Sie, daß sie ihre Mädchen eigenhändig prügelt?
Maria Alexandrowna. Nein! Was Sie sagen! Oh, was für eine Schande! Ist es nur möglich?
Sobatschkin. Ich schwöre es Ihnen, erlauben Sie mir, Ihnen den Hergang zu erzählen. Eines Tages befiehlt sie einem Mädchen, das sich irgend etwas hatte zuschulden kommen lassen, sich so, wie es sich gehört, aufs Bett zu legen. Sie selbst geht in ein anderes Zimmer -- ich kann mich nicht mehr erinnern warum, aber ich glaube, um eine Rute zu holen. Inzwischen verläßt das Mädchen aus irgendeinem Grunde das Zimmer. Statt ihrer kommt Natalia Andrejewnas Mann hinein, legt sich aufs Bett und schläft ein. Natalia Andrejewna erscheint also mit der Rute, befiehlt einem Mädchen, sich dem auf dem Bett Liegenden auf die Füße zu setzen, deckt einen Lappen über ihn -- und prügelt ihren eigenen Mann durch.
Maria Alexandrowna (schlägt die Hände zusammen). Mein Gott, welche Schande! Wie habe ich bis jetzt nur nichts davon erfahren? Aber ich muß Ihnen gestehen, ich war immer davon überzeugt, daß sie zu so etwas fähig sei.
Sobatschkin. Selbstverständlich. Ich habe es schon in aller Welt erzählt. Und da sagt man nun: dies Musterweib! Sie sitzt in ihrem Haus, beschäftigt sich mit der Erziehung ihrer Kinder und bringt ihnen selbst englisch bei! ... Eine schöne Erziehung! Jeden Tag prügelt sie ihren Mann durch wie eine Katze! ... Wahrhaftig, es tut mir leid, aber ich kann nicht länger bei Ihnen bleiben. (Verbeugt sich.)
Maria Alexandrowna. Warum haben Sie es so eilig, Andrej Kondratjewitsch? Schämen Sie sich nicht, nachdem Sie so lange nicht bei mir gewesen sind? ... Ich war immer gewöhnt, Sie als Freund des Hauses zu betrachten -- bleiben Sie doch! Ich wollte noch mit Ihnen über etwas sprechen. Hör mal Mischa, der Wagenbauer wartet in meinem Zimmer auf mich: bitte sprich du mit ihm. Frage ihn, ob er es übernehmen will, die Kutsche bis zum ersten wieder in Stand zu setzen. Er soll sie blau anstreichen, mit hellen Ornamenten -- in der Art wie die Kutsche der Gubomasowa. (Mischa entfernt sich.)
Maria Alexandrowna. Ich habe meinen Sohn absichtlich weggeschickt, weil ich mit Ihnen allein reden will. Sagen Sie, wissen Sie etwas darüber, ob es hier irgendwo einen Alexander Alexandrowitsch Odossimow gibt?
Sobatschkin. Odossimow? ... Odossimow ... Odossimow ... Ich weiß, daß es irgendwo einen Odossimow gibt ... aber ich kann mich ja genauer erkundigen.
Maria Alexandrowna. Bitte.
Sobatschkin. Ich erinnere mich ... Ja, ich erinnere mich, es gibt einen Odossimow, einen Tischvorsteher oder einen Abteilungschef ... ja, ja, es gibt so einen ...
Maria Alexandrowna. Denken Sie nur, es ist da eine komische Geschichte passiert ... Sie könnten mir einen großen Dienst erweisen.
Sobatschkin. Sie haben nur zu befehlen. Für Sie bin ich zu allem bereit: aber das wissen Sie ja selbst!
Maria Alexandrowna. Es handelt sich um folgendes: Mein Sohn hat sich verliebt ... oder richtiger gesagt, es ist ihm eine wahnsinnige Idee in den Kopf gekommen ... nun, er ist ein junger Mensch ... mit einem Wort: er ist in die Tochter dieses Odossimow verliebt.
Sobatschkin. Verliebt? Aber er hat mir doch nichts davon erzählt? Allerdings, wenn _Sie_ es sagen, wird er wohl verliebt sein.
Maria Alexandrowna. Ich bitte Sie um einen großen Dienst, Andrej Kondratjewitsch ... Ich weiß, Sie gefallen den Frauen.
Sobatschkin. He he he! Woher wissen Sie das? Aber wirklich, denken Sie sich nur: in der Fastnachtswoche haben sich sechs Kaufmannsfrauen ... vielleicht glauben Sie, daß ich ihnen meinerseits irgendwie ... etwa den Hof gemacht habe oder sonst was ... Ich schwöre Ihnen, nicht einmal angesehen habe ich sie! Ja noch mehr! Kennen Sie diesen -- wie heißt er nur gleich -- Jermolay? Jermolay ...? Mein Gott, Jermolay, der in der Litejnaja wohnte, unweit der Kirotschnaja?
Maria Alexandrowna. Ich kenne dort niemanden.
Sobatschkin. Mein Gott, Jermolay Iwanowitsch, glaub ich -- schlagen Sie mich tot, aber ich habe den Familiennamen vergessen. Seine Frau ist vor fünf Jahren in eine peinliche Geschichte verwickelt gewesen ... Sie kennen sie doch? .. Silphida Petrowna?
Maria Alexandrowna. Durchaus nicht. Ich kenne weder einen Jermolay Iwanowitsch noch eine Silphida Petrowna.
Sobatschkin. Mein Gott, der in der Nähe von Kuropatkin wohnte!
Maria Alexandrowna. Ich kenne aber auch Ihren Kuropatkin nicht.
Sobatschkin. Nun, Sie werden sich später daran erinnern. Also die Tochter ist fürchterlich reich. Bis zu zweimalhunderttausend Rubel Mitgift -- ohne jeden Schwindel! Noch vor der Hochzeit soll man den Lombardschein in den Händen haben ...
Maria Alexandrowna. Nun, und Sie? Und da haben Sie sie nicht geheiratet?
Sobatschkin. Nein! Drei Tage lang lag der Vater vor mir auf den Knien und flehte mich an. Die Tochter hat es nicht verwinden können und sitzt jetzt im Kloster.
Maria Alexandrowna. Und warum haben Sie sie nicht geheiratet?
Sobatschkin. Mein Gott ... Ich sagte mir: der Vater ist Branntweinpächter, und die Verwandtschaft -- lauter hergelaufene Leute ... Glauben Sie mir, später hat es mir wahrhaftig selbst leid getan. Bei Gott, hol's der Teufel! Wie diese Welt eingerichtet ist! Überall nichts wie Konventionen und Rücksichten! Wie viele hat das schon zugrunde gerichtet!
Maria Alexandrowna. Und warum müssen Sie sich nach der Welt richten? (Beiseite.) Wahrhaftig, jetzt glaubt jedes emporgekommene Insekt, daß es ein Aristokrat ist. Der Mensch ist erst Titularrat, -- und man höre nur, wie er spricht!