Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke
Part 21
Proletew (ein Sekretär, sitzt allein im Sessel und hat fortwährend den Schlucken). Was ist denn mit mir los? Grad als wenn's mir aufstößt. Das Mittagessen von gestern steckt mir noch in der Kehle. Da ißt man und ißt -- weiß der Teufel, was man alles ißt! (Es stößt ihm auf.) Da ist's! (Es stößt ihm auf.) Schon wieder. (Es stößt ihm auf.) Noch einmal! (Es stößt ihm auf.) Jetzt schon zum viertenmal! (Es stößt ihm auf.) Der Teufel soll auch das viertemal holen! Jetzt will ich mal die »Nördliche Biene« lesen und sehen, was da drin steht. Ah, wie ich diese »Nördliche Biene« über habe! Grad wie ein Frauenzimmer, das als alte Jungfer sitzengeblieben ist. (Liest und schreit auf.) Krachmanow eine Auszeichnung! Ah? Petruschka Krachmanow! Solch ein kleiner Bengel war er. (Zeigt mit der Hand.) Ich habe ihn doch selbst im Kadettenkorps untergebracht. Ah? (Fährt fort zu lesen, plötzlich schreit er auf, indem er die Augen weit aufreißt.) Was ist das? Was ist das? Heißt das wirklich Burdjukow? Wirklich! Pawel Petrowitsch Burdjukow ist befördert worden! Ah? Nun? Ein bestechlicher Kerl, der zweimal von Gerichtswegen verfolgt wurde, der Vater ein Dieb, der den Fiskus bestohlen hat -- der ekelhafteste Mensch, den man sich nur vorstellen kann -- Hä? Und die ganze Welt hält ihn für einen aufrichtigen Menschen. Solch ein Schurke! Hat er nicht behauptet: »Der Prozeß Buchtjelew ist nicht sachlich entschieden worden, der Senat ist der Sache nicht auf den Grund gegangen!« -- Und warum? Der Schurke hat einfach erfahren, daß auf meinen Teil zwanzigtausend Rubel fallen würden -- da denkt er sich, warum hat er die nicht bekommen? Der ist wie ein Hund, der auf dem Heu liegt: Was er selbst nicht kriegt, gönnt er auch einem andern nicht. Aber ich kenne dich, geh doch und schwindle andern etwas vor, verstell dich nur vor ihnen. Ich weiß genug von dir. Wahrhaftig, ich ärgere mich, daß ich in die Zeitung hineingesehen habe. Wenn man die liest, hat man nichts als Ärger und Ekel. He, Andrei!
2. Auftritt
Der Lakai (hereintretend). Was befehlen Sie?
Proletew. Trag diese Zeitung hinaus! Warum hast du sie überhaupt gebracht, du Narr! (Andrei trägt die Zeitung hinaus.) Was sagt man nur zu diesem Burdjukow. Ah, den würde ich, ohne viel Worte zu machen, einfach nach Kamtschatka schicken. Ich würde ihm mit dem größten Vergnügen einen Schabernack spielen, das muß ich gestehen -- sofort in diesem selben Augenblick. Aber es hat sich bis jetzt noch keine, aber auch keine Gelegenheit gefunden ... Was soll ich machen? Gott zürnt mir wohl! Ah, ich würde dich schon streicheln, ich würde dir schon was um die Lippen schmieren ... Und was er für Lippen hat! Wie ein Stier -- so 'ne Kanaille!
Der Lakai. Burdjukow ist da.
Proletew. Wer?
Der Lakai. Burdjukow ist da.
Proletew. Was für einen Unsinn redest du?
Der Lakai. Zu Befehl.
Proletew. Du lügst, Esel. Burdjukow? Pawel Petrowitsch Burdjukow?
Der Lakai. Nein, Pawel Petrowitsch nicht -- irgendein anderer!
Proletew. Was für ein anderer?
Der Lakai. Belieben Sie selbst nachzusehen: er wartet draußen.
Proletew. Ich lasse bitten.
3. Auftritt
Proletew und Christophor Petrowitsch Burdjukow.
Burdjukow. Bitte entschuldigen Sie die Störung, die ich Ihnen verursache. Allerlei Umstände und Geschäfte haben mich aus unserm Städtchen vertrieben. Ich bin hergekommen, Sie um Ihre persönliche Hilfe und um Ihren Schutz zu bitten.
Proletew (beiseite). Das ist wirklich ein anderer. Aber er hat eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm. (Laut.) Was wünschen Sie? Womit kann ich Ihnen dienen?
Burdjukow (zuckt die Achseln). Gott, ein Prozeß. Eine Gerichtssache.
Proletew. Eine Gerichtssache? Gegen wen?
Burdjukow. Gegen meinen eigenen Bruder.
Proletew. Erlauben Sie mir, Sie zuerst um Ihren Namen zu bitten. Und dann setzen Sie mir Ihre Angelegenheit näher auseinander. Wollen Sie bitte Platz nehmen.
Burdjukow. Mein Name ist Burdjukow, Christophor Petrowitsch, und der Prozeß geht gegen meinen leiblichen Bruder, Pawel Petrowitsch Burdjukow.
Proletew. Was sagen Sie? Was? ... Nein!
Burdjukow. Ja, was starren Sie mich so an? Glauben Sie vielleicht, ich bin zu meinem Vergnügen mit der Post aus Tambow hierhergekommen?
Proletew. Gott segne Sie für diese gute Tat! Erlauben Sie mir, Ihre nähere Bekanntschaft zu machen. Etwas Gescheiteres hätten Sie sich nie ausdenken können. Nun soll man noch sagen, daß es keine Großmut und keine Gerechtigkeit gibt! Und was wäre das? Hier steht der leibliche Bruder! Durch Blutsbande verbunden -- und er hat den Bruder nicht geschont! Ein Prozeß gegen den leiblichen Bruder! Erlauben Sie, daß ich Sie umarme.
Burdjukow. Mit Vergnügen. Ich hätte Sie selbst gern für Ihr Entgegenkommen umarmt. (Sie umarmen sich.) Das muß ich gestehen: vorhin, als ich Ihr Gesicht sah, hätte ich niemals geglaubt, daß Sie ein so vernünftiger Mensch sind!
Proletew. Da haben wir's! -- Wieso denn?
Burdjukow. Wirklich -- im Ernst! Gestatten Sie mir eine Frage: Ihre selige Mutter hat wohl einen großen Schreck gehabt, als sie mit Ihnen schwanger ging?
Proletew. Was der für einen Unsinn zusammenschwatzt!
Burdjukow. Wirklich, seien Sie nicht beleidigt, ich werde Ihnen sagen, das kommt sehr oft vor. Bei unserm Vorsitzenden ist die ganze untere Gesichtspartie, ähnlich wie bei einem Schaf, gleichsam abgeplattet und mit Fell bewachsen -- ganz wie bei einem Schaf. Und das infolge eines ganz unbedeutenden Umstandes: als die Selige beim Gebären war, da war ein Schaf am Fenster erschienen, und der Böse muß es reiten, daß es zu blöken anfängt!
Proletew. Bitte, lassen wir den Vorsitzenden und das Schaf in Ruh ... Nein, wie ich mich freue!
Burdjukow. Und wie ich mich erst freue, daß ich solch einen Gönner gefunden habe! Erst jetzt, wo ich Sie näher ansehe, finde ich, daß Ihr Gesicht mir bekannt ist: wir hatten in unserm Karabinierregiment einen Leutnant, der Ihnen ähnelte wie ein Tropfen Wasser dem andern. Ein schrecklicher Trunkenbold! Wissen Sie, ich kann Ihnen sagen: kein Tag verging, ohne daß seine Visage ganz zerschlagen war.
Proletew (beiseite). Wie es scheint, hat dieser Dorfbär nicht die Gewohnheit, seine Zunge im Zaum zu halten; aller Unrat, der in seiner Seele sitzt, muß auf die Zunge. (Laut.) Ich habe nicht viel Zeit, bitte, kommen Sie zur Sache.
Burdjukow. Erlauben Sie, aber das läßt sich im Sitzen nicht erzählen. Das ist ein schwieriger Kasus. Haben Sie die Gutsbesitzerin Jewdokia Malafejewna Merinow aus dem Ustjuger Kreise gekannt? Nein? Sie haben Sie nicht gekannt? Schön. Es war meine leibhaftige Tante und auch die dieser Bestie, meines Bruders. Ich und mein Bruder sind ihre nächsten Erben. -- Belieben Sie das zu beachten: darum handelt es sich nämlich! Außerdem ist noch eine Schwester da, die den General Polawischtschew geheiratet hat: nun, über die wollen wir kein Wort weiter sagen, die hat ohnedies schon ihr Teil abbekommen. Nun erlauben Sie: da hat sich also dieser Gauner, mein Bruder, -- in dieser Beziehung kann der Teufel noch von ihm lernen -- an meine Tante herangemacht: »Tantchen, Sie haben Gottseidank schon siebzig Jahre lang gelebt, wozu wollen Sie sich bei einem so hohen Alter noch mit der Wirtschaft abgeben: lassen Sie lieber mich für Sie wirtschaften und für den Unterhalt sorgen.« Und so geschah es! Merken Sie etwas? Merken Sie etwas? Er siedelte in ihr Haus über, und nun lebt er dort und herrscht dort wie der wirkliche Herr des Hauses. Hören Sie auch zu?
Proletew. Jawohl.
Burdjukow. Also schön. Ja also ... nun wird die Tante krank. Warum? -- Gott mag es wissen. Vielleicht hat er selbst ihr etwas eingegeben. Man gibt mir von anderer Seite einen Wink. Merken Sie etwas? Ich komme hin: im Flur begegnet mir diese Bestie, das heißt mein Bruder, ganz in Tränen aufgelöst und wie abwesend, und sagt zu mir: »Nun, Brüderchen,« sagt er, »nun sind wir für ewig unglücklich: unsere Wohltäterin ...« »Wie, hat sie ihre Seele Gott überantwortet?« -- »Nein, sie liegt im Sterben.« Ich trete ein und wirklich: die Tante liegt in den letzten Zügen und rollte nur noch die Augen. Nun, was soll man tun? Weinen? Das hilft ja auch nichts. Das hätte doch nichts geholfen, he?
Proletew. Nein, gar nichts.
Burdjukow. Was ist also zu machen? Nichts ist zu machen! Es war eben Gottes Wille! Ich trete näher heran. »Tantchen,« sage ich, »wir sind alle sterblich. Unser Leben steht heut wie morgen in Gottes Hand, wie man zu sagen pflegt. Wollen Sie nicht rechtzeitig irgendeine Anordnung treffen?« Und was tut das Tantchen? Ich sehe, sie kann kaum noch die Zunge bewegen und lallt nur: »Eh, eh, eh!« Dieser Schuft aber steht neben ihrem Bett und sagt: »Tantchen erklärt hiermit, daß sie ihre Anordnungen schon getroffen hat!« Hören Sie? Hören Sie?
Proletew. So ein ..! Hatte sie denn wirklich etwas derartiges gesagt?
Burdjukow. I wo, zum Teufel! Sie lallte nur: »Eh, eh, eh!« Ich dränge also immer mehr. »Gestatten Sie, Tantchen, daß ich erfahre, was das für Anordnungen sind?« Und was tut das Tantchen? Das Tantchen antwortet wieder nur: »Eh, eh, eh ...« Jener Schurke aber erklärt wieder: »Tantchen sagt, das sich die betreffenden Anordnungen in ihrem Testament befinden!« Hören Sie? Hören Sie? Was sollte ich da machen? Ich schwieg und sagte kein Wort!
Proletew. Aber erlauben Sie: warum haben Sie ihn nicht gleich Lügen gestraft?
Burdjukow. Was sollte ich machen? (Gestikuliert mit den Händen.) Er fing an zu schwören, sie hätte das wirklich alles gesagt! Nun -- ich mußte ihm glauben!
Proletew. Und hat man das Testament geöffnet?
Burdjukow. Jawohl.
Proletew. Nun, und ..?
Burdjukow. Passen Sie auf: Sobald man nach Christenpflicht alles besorgt hatte, sagte ich, es sei doch jetzt Zeit, sich die letzte Willenserklärung der Seligen anzusehen. Der Bruder konnte kaum antworten: er war so voller Schmerz und Verzweiflung, daß er nur fortwährend weinte. »Nehmen Sie es«, sagte er, »und lesen Sie selbst.« Die Zeugen versammelten sich, und man las das Testament vor. Nun, und was glauben Sie, steht in dem Testament? Folgendes: »Meinem Neffen Pawel Petrows Sohn Burdjukow« -- passen Sie auf -- »hinterlasse ich zur Belohnung für seine kindliche Sorge um mich und für sein stetes Verweilen in meiner Nähe bis zu meinem Tode« -- merken Sie etwas? -- »mein ererbtes und wohlerworbenes Gut im Kreise Ustjug,« -- aha, soweit ist es also gekommen! -- »fünfhundert Seelen, Mobilien und alles Übrige!« Nun, haben Sie gehört? »Meiner Nichte Maria Petrowna Powalischtschew, geborene Burdjukow, hinterlasse ich das ihr zukommende Gut von hundert Seelen ... Meinem Neffen«, aha, merken Sie etwas? Da ist die Eiterbeule! »Chrisanphy Petrows Sohn Burdjukow«, passen Sie auf, passen Sie auf, »vermache ich als Erinnerung an mich«, oho! oho! »drei Samtröcke und das ganze Gerümpel, das sich im Speicher befindet, als da sind: zwei Federbetten, das Fayencegeschirr, die Laken und Häubchen ...« und der Teufel mag wissen, was für Lumpereien noch! Nun? wie gefällt Ihnen das? Ich frage Sie: wozu zum Teufel brauche ich drei Samtröcke?
Proletew. So ein Lump! Ich bitte Sie!
Burdjukow. Eine Schurkerei -- das stimmt vollkommen. Ich bin durchaus einer Meinung mit Ihnen, aber ich frage Sie nochmals: wozu brauche ich drei Samtröcke? Was soll ich damit anfangen? Soll ich sie mir über den Kopf ziehen?
Proletew. Und haben die Zeugen unterschrieben?
Burdjukow. Natürlich, er hatte sich schon das rechte Lumpenpack zusammengetrommelt!
Proletew. Und die Selige hatte eigenhändig unterzeichnet?
Burdjukow. Darum handelt es sich ja -- sie hat unterzeichnet, aber der Teufel mag wissen wie!
Proletew. Wie?
Burdjukow. Passen Sie auf: die Selige hieß Jewdokia, und sie hat so ein Zeug hingekritzelt, das keiner entziffern kann.
Proletew. Warum nicht?
Burdjukow. Ja das mag der Teufel wissen! Sie hätte doch Jewdokia schreiben müssen -- in Wahrheit aber hat sie geschrieben: »Tauche ein!«
Proletew. Was Sie sagen!
Burdjukow. Oh, ich werde Ihnen sagen: der ist zu allem fähig! »Und meinem Neffen Chrisanphy Petrow: drei Samtröcke!«
Proletew (beiseite). Dieser Pawel Petrowitsch Burdjukow ist ein Hauptkerl, nie hätte ich geglaubt, daß er so ein Schlaukopf ist!
Burdjukow (gestikulierend). »Tauche ein!« Was soll das bedeuten? Das ist doch kein Name: »Tauche ein!«
Proletew. Und was beabsichtigen Sie nun zu tun?
Burdjukow. Ich habe schon eine Eingabe behufs Kassierung des Testaments eingereicht, weil die Unterschrift falsch ist. Sie sollen mir doch nichts vorlügen: die Selige hieß Jewdokia und nicht »Tauche ein!«
Proletew. Sie haben ganz Recht! Doch erlauben Sie mir jetzt, die Sache in die Hand zu nehmen. Ich werde sofort einen mir bekannten Sekretär benachrichtigen, und Sie stellen mir inzwischen eine Abschrift von Ihrem Testament zu.
Burdjukow. Ich bin Ihnen unendlich verpflichtet. (Nimmt seinen Hut.) Durch welche Tür geht man hinaus, durch diese oder jene?
Proletew. Bitte durch diese.
Burdjukow. Aha. Ich habe bloß darum gefragt, weil ich noch wegen eines Bedürfnisses wohin muß. Also auf Wiedersehen, Verehrtester! ... Wie heißen Sie doch? ... Ich vergesse es immer.
Proletew. Alexander Iwanowitsch.
Burdjukow. Alexander Iwanowitsch. Alexander Iwanowitsch heißt einer von den Proldiukowskis; kennen Sie ihn?
Proletew. Nein.
Burdjukow. Er wohnt fünf Werst von unserm Gute. Leben Sie wohl!
Proletew. Leben Sie wohl, Verehrtester, leben Sie wohl!
4. Auftritt
Proletew. Später der Diener.
Proletew. Das ist ja ein unerwartetes Glück! Das ist geradezu ein Geschenk; einfach eine Schickung Gottes. Seltsam, aber man fühlt so ein unsagbares Vergnügen in der Seele, als ob einem die eigene Frau zum erstenmal einen Sohn geboren, oder der Minister einem in Anwesenheit aller Beamten einen Kuß gegeben hat. Bei Gott -- etwas beinahe Magnetisches. He! Andrei! (Andrei tritt ein.) Geh sofort zu meinem Sekretär und rufe ihn her. Hörst du? Ja -- und wart mal: hier hast du ein Trinkgeld, betrink dich ordentlich, heut erlaub' ich's dir; und da hast du noch etwas für deinen Jungen, für Kuchen. Sag dem Sekretär, er soll sofort ... es handle sich um eine höchst eilige Angelegenheit! Ach, endlich doch ... aber mit wie vieler Mühe! Auch in unsere Straße also zog das Glück ein! Warte, jetzt setze ich mich hin und pfeife, und wir wollen sehen, wie du tanzen wirst! Wenn ich erst aus meinen Kollegen ein Orchester zusammenbringe, dann sollst du mir tanzen, daß dir dein Leben lang die Hüften schmerzen sollen!
Das Vorzimmer
1. Auftritt
Das Theater stellt ein Flurzimmer dar. Rechts führt eine Tür zur Treppe, links eine zum Saal. Im Hintergrund, etwas zur Seite, die Tür zum Kabinett. Auf einer Bank, die durch die Länge des Raums bis zu dieser Tür reicht, schlafen Pjotr, Iwan und Grigori, einer den Kopf auf die Schultern des andern stützend. An der Tür, die zur Treppe führt, ertönt lautes Klingeln. Die Lakaien erwachen.
Grigori. Geh, mach die Tür auf! Man klingelt.
Pjotr. Und warum bleibst du sitzen? Du hast wohl Beulen an den Füßen, was? Du kannst wohl nicht aufstehen?
Iwan (beruhigend). Nun gut, ich werde gehen. Ich werde schon aufmachen. (Öffnet die Tür und ruft.) Das ist ja Andruschka!
(Ein fremder Diener in Mütze und Mantel tritt ein, er trägt ein Bündel in der Hand.)
Grigori. Nun, du Moskauer Nachteule, was hat dich hierher getrieben!
Der fremde Diener. Du Schuchoner Kauz, wenn du so viel herumgelaufen wärst wie ich! Sie befiehlt mir das da (hebt das Bündel empor) der Blumenhändlerin auf der Petersburgskaja zu bringen. Aber kein Gedanke, daß sie mir etwa eine Kopeke für eine Droschke gibt. Und auch zu eurem Herrn soll ich .. nun, schläft er noch?
Grigori. Wer? Der Bär? Nein, der liegt noch in seiner Höhle und hat noch nicht gebrummt.
Pjotr. Ist es wahr, daß eure Gnädige euch Strümpfe stopfen läßt? (Alle lachen.)
Grigori. Brüderchen, von jetzt ab sollst du die Stopferin heißen -- wir werden dich alle so nennen!
Der fremde Lakai. Bist du ein Lügner! Nie habe ich einen Strumpf gestopft!
Pjotr. Aber es ist ja bekannt von euch: bis zum Mittag ist ein Diener bei euch Koch, und nach dem Mittag Kutscher, Lakai oder Stiefelflicker.
Der fremde Lakai. Nun und was ist schon dabei? Ein Handwerk steht doch dem andern nicht im Wege. Man kann doch nicht ohne Arbeit herumsitzen! Gewiß, ich bin Lakai und Damenschneider zugleich. Ich nähe für meine Gnädige und auch für Fremde -- so bring ich doch noch ein paar Kopeken zusammen. Und ihr, was tut ihr? Ihr tut nichts!
Grigori. Nein Bruder, ein anständiger Herr wird seine Lakaien nicht mit solchen Arbeiten beschäftigen: dafür gibt es Handwerker genug. Der Graf Bulkin hat allein dreißig Diener, und dort, Bruder, dort gibt es nicht so was. »Petruschka, geh mal da und dahin.« »Nein,« würde er antworten, »nein, das ist nicht meine Sache. Belieben Sie doch Iwan zu beauftragen!« Ja, so ist es! So sieht es aus, wenn ein Herr wie ein Herr lebt! Eure Alte, die aus Moskau angekommen ist, hat überhaupt eine Kalesche wie eine geknackte Nuß. Die Schwänze der Pferde sind mit Strippen zusammengebunden. (Alle lachen).
Der fremde Lakai. Nein, was du für ein Spaßvogel bist! -- Und was hast du davon, wenn du den ganzen Tag herumliegst? Dabei kommt keine Kopeke heraus!
Grigori. Was brauche ich deine Kopeken? Wozu ist denn der Herr da? Den Lohn zahlt er mir doch aus, ob ich nun arbeite oder nicht. Für das Alter sparen brauche ich nicht. Das wäre ja ein netter Herr, der seinem Diener keine Pension für seine Arbeit aussetzt.
Der fremde Lakai. Übrigens ... die Kollegen wollen einen Ball geben?
Pjotr. Ja. Kommst du?
Der fremde Lakai. Ach, das wird schon ein Ball werden. Bloß dem Namen nach, sonst ...
Grigori. O nein Bruder, das wird ein richtiger Ball werden! Alle geben einen Rubel, und manche noch mehr. Der Koch des Fürsten hat fünf Rubel gegeben und übernimmt es persönlich, das Essen zu bereiten. Eine Bewirtung wird es geben -- nicht etwa bloß Nüsse! Ein halbes Pud Konfitüren sind schon gekauft, dazu Eis ... (man hört ein dünnes Klingeln im herrschaftlichen Kabinet.)
Der fremde Lakai. Geh hin, der Herr klingelt.
Grigori. Der kann warten. -- Man will 'ne Lumination machen. Mit der Musik ist auch schon verhandelt worden, man ist sich aber noch nicht einig geworden: es ist kein Baß da, sonst wäre man schon ... (Man hört ein etwas stärkeres Läuten aus dem Kabinett.)
Der fremde Lakai. Geh! Geh doch! Er klingelt.
Grigori. Der kann warten. -- Wieviel gibst du?
Der fremde Lakai. Ach, was ist an diesem Ball dran. Das ist alles doch nur so.
Grigori. Nun binde mal deinen Beutel auf, du -- Stopferin. Da, sieh ihn dir an, Petruschka, was für einer das ist ... (Pufft ihn mit dem Finger. Während dieser Zeit öffnet sich die Tür, der Herr im Schlafrock streckt die Hand aus und packt Grigori beim Ohr; alle erheben sich von ihren Plätzen.)
2. Auftritt
Der Herr. Was tut ihr eigentlich hier, ihr Müßiggänger? Drei Mann, und kein einziger erhebt sich von seinem Platz! Und ich klingle aus allen Kräften, ich habe beinahe die Schnur zerrissen!
Grigori. Es war nichts zu hören, gnädiger Herr.
Der Herr. Du lügst.
Grigori. Bei Gott! Warum soll ich lügen? Petruschka hat ja auch dabeigesessen. Das ist schon so eine Klingel, gnädiger Herr, die taugt gar nichts, niemals hört man etwas. Man muß den Schlosser rufen.
Der Herr. Nun, dann muß man eben den Schlosser rufen.
Grigori. Ich habe es dem Hausmeister auch schon gesagt. Aber was hilft das? Man sagt ihm etwas, und er schimpft einen nur aus.
Der Herr (erblickt den fremden Lakaien). Was ist denn das da für ein Mensch?
Grigori. Ein Diener von Anna Petrowna, der einen Auftrag an Sie hat.
Der Herr. Nun, Bruder, was hast du mir zu sagen.
Der fremde Lakai. Die gnädige Frau läßt sich empfehlen und läßt Ihnen mitteilen, daß die gnädige Frau heute bei Ihnen sein wird.
Der Herr. Weißt du nicht warum?
Der fremde Lakai. Das weiß ich nicht. Die gnädige Frau sagte nur: Sage Fjodor Fjodorowitsch, ich hätte befohlen, ihn zu grüßen, und ich werde heute zu ihm kommen.
Der Herr. Und wann? Um wieviel Uhr?
Der fremde Lakai. Um wieviel Uhr? Das weiß ich nicht. Die gnädige Frau sagten nur: »Melde Fjodor Fjodorowitsch« sagte sie, »daß ich zu ihm kommen werde, und daß ich ihn persönlich aufsuchen werde«.
Der Herr. Gut. Petruschka, hilf mir schnell, mich ankleiden. Und ihr da -- keiner wird empfangen, hört ihr? Allen wird gesagt, ich bin nicht zu Hause! (Geht, Petruschka folgt ihm.)
3. Auftritt
Der fremde Lakai (zu Grigori). Nun siehst du, da hast du's bekommen.
Grigori (macht eine abwehrende Bewegung). Ach, das ist schon ein Dienst! Man mag sich so viel Mühe geben, als man will: man wird doch ausgescholten! (Die Klingel an der Flurtür erschallt.)
Grigori. Da kommt schon wieder ein Störenfried. (Zu Iwan.) Geh, mach auf! Was, hältst du Maulaffen feil! (Iwan öffnet die Tür, ein Herr im Pelz tritt herein.)
4. Auftritt
Der Herr im Pelz. Ist Fjodor Fjodorowitsch zu Hause?
Grigori. Nein.
Der Herr. Wie ärgerlich. Weißt du nicht, wohin er gegangen ist?
Grigori. Ich weiß nicht. Wahrscheinlich ins Departement. Wen darf ich melden?
Der Herr. Sag, daß Neweleschtschagin hier war. Und es hätte ihm sehr leid getan, daß er niemand zu Haus getroffen habe. Hörst du? Wirst du es auch nicht vergessen? Neweleschtschagin.
Grigori. Lentjagin?
Der Herr (eindringlich). Neweleschtschagin.
Grigori. Sie sind ein Deutscher?
Der Herr. Was -- ein Deutscher! Ein Russe natürlich! Ne-we-lesch-tscha-gin.
Grigori. Hörst du, Iwan, vergiß nich. Erdaschtschagin. (Der Herr entfernt sich.)
5. Auftritt
Der fremde Lakai. Lebt wohl, Brüder. Es ist jetzt Zeit für mich.
Grigori. Nun, wie steht's? Wirst du zum Ball kommen?
Der fremde Lakai. Das will ich mir noch überlegen. Leb wohl, Iwan. (Ab.)
Iwan. Leb wohl. (Er geht, um die Tür zu öffnen.)
6. Auftritt
Das Stubenmädchen eilt durch das Vorzimmer.
Grigori. Wohin? Wohin? So schenken Sie mir doch nur einen Blick. (Hascht sie beim Rock.)
Das Mädchen. Es geht nicht, es geht nicht, Grigori Pawlowitsch. Halten Sie mich nicht auf, ich habe gar keine Zeit. (Reißt sich los und eilt zu der Tür, die zur Treppe führt.)
Grigori (sieht ihr nach). Schau nur, wie die trippelt! (Lacht.) He he he!
Iwan (lacht). Hi hi hi. (Der Herr tritt herein; Grigori und Iwan machen plötzlich besorgte Gesichter und werden ernst. Grigori nimmt den Pelz von dem Ständer und legt ihn dem Herrn um die Schultern; der Herr entfernt sich. Grigori bleibt in der Mitte des Zimmers stehen und putzt sich die Nase mit dem Finger.)
Grigori. Jetzt haben wir freie Zeit: der Herr ist weg. Nun wäre ja alles gut, aber gleich kommt dieser Teufel, dieser Wanst von einem Hausmeister. (Hinter der Bühne hört man den Hausmeister lärmen: »Es ist 'ne wahrhaftige Strafe Gottes, zehn Mann im Hause und kein einziger räumt auf!«) Da schreit er schon, dieser Dickwanst.
7. Auftritt
Der Hausmeister (tritt sehr beleidigt und erregt herein und gestikuliert heftig mit den Händen). Wenn ihr euch nicht vor Gott fürchtet, so solltet ihr euch doch wenigstens vor eurem Gewissen fürchten. Die Teppiche sind bis jetzt noch nicht ausgeklopft! Sie, Grigori Pawlowitsch, sollten den andern ein Beispiel geben: und gerade Sie schlafen vom Morgen bis Abend. Die Augen sind Ihnen ja ganz verschwollen vom Schlaf, bei Gott! Sie sind ein wirklicher Schurke, Grigori Pawlowitsch!
Grigori. Bin ich denn kein Mensch, daß ich nicht auch mal einschlummern kann?
Der Hausmeister. Wer sagt denn auch ein Wort dagegen? Warum soll man nicht einmal einschlummern können? Aber doch nicht für den ganzen Tag! Und auch du, beispielsweise, Pjotr Iwanowitsch, ohne etwas gegen dich sagen zu wollen, du gleichst doch ganz einem Schwein -- bei Gott! Was hast du zu arbeiten? Ein, zwei Leuchter putzen. Und warum sitzt du hier herum? (Pjotr entfernt sich langsam.) Und dir, Iwan, müßte man einfach einen Stoß ins Genick geben.
Grigori (indem er sich entfernt). Ach, dieses Leben -- dieses Leben! Der Kerl steht auf und gleich beginnt er zu schreien!